E-Book 6-10 - Patricia Vandenberg - E-Book

E-Book 6-10 E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Dr. Laurin ist ein beliebter Allgemeinmediziner und Gynäkologe. Bereits in jungen Jahren besitzt er eine umfassende chirurgische Erfahrung. Darüber hinaus ist er auf ganz natürliche Weise ein Seelenarzt für seine Patienten. Die großartige Schriftstellerin Patricia Vandenberg, die schon den berühmten Dr. Norden verfasste, hat mit den 200 Romanen Dr. Laurin ihr Meisterstück geschaffen. Patricia Vandenberg ist die Begründerin von "Dr. Norden", der erfolgreichsten Arztromanserie deutscher Sprache, von "Dr. Laurin", "Sophienlust" und "Im Sonnenwinkel". Sie hat allein im Martin Kelter Verlag fast 1.300 Romane veröffentlicht, Hunderte Millionen Exemplare wurden bereits verkauft. In allen Romangenres ist sie zu Hause, ob es um Arzt, Adel, Familie oder auch Romantic Thriller geht. Ihre breitgefächerten, virtuosen Einfälle begeistern ihre Leser. Geniales Einfühlungsvermögen, der Blick in die Herzen der Menschen zeichnet Patricia Vandenberg aus. Sie kennt die Sorgen und Sehnsüchte ihrer Leser und beeindruckt immer wieder mit ihrer unnachahmlichen Erzählweise. Ohne ihre Pionierarbeit wäre der Roman nicht das geworden, was er heute ist. Keine Leseprobe vorhanden. E-Book 1: Jung verheiratet – aber nicht glücklich E-Book 2: Jung verheiratet – aber nicht glücklich E-Book 3: Rettet meine Frau E-Book 4: Rettet meine Frau E-Book 5: Einmal wollte ich mich von dir trennen E-Book 6: Einmal wollte ich mich von dir trennen E-Book 7: Tapferes kleines Waisenkind E-Book 8: Tapferes kleines Waisenkind E-Book 9: Nie gebe ich meinen Namen preis E-Book 10: Nie gebe ich meinen Namen preis

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Seitenzahl: 518

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhalt

Jung verheiratet – aber nicht glücklich

Rettet meine Frau

Einmal wollte ich mich von dir trennen

Tapferes kleines Waisenkind

Nie gebe ich meinen Namen preis

Dr. Laurin – Box 2 –E-Book 6-10

Patricia Vandenberg

Jung verheiratet – aber nicht glücklich

Werden Nora und Jörg wieder zueinander finden?

Roman von Patricia Vandenberg

Als Dr. Leon Laurin die Augen aufschlug, durchflutete heller Sonnenschein das Zimmer. Ganz langsam wandte er den Kopf zur Seite. Es war ein eigentümliches Gefühl, hier neben Antonia zu erwachen und zu denken: Sie ist meine Frau, nichts mehr kann uns trennen!

Er richtete sich auf und betrachtete ihre feinen, klaren Gesichtszüge. Auch jetzt noch, in tiefem Schlummer, spiegelten sie das tiefe Glück wider, von dem erfüllt Antonia in seinen Armen eingeschlafen war.

Ein ganzes Jahr kannte er sie nun schon, und dennoch war es eine andere Antonia. Oder sah er sie nun mit anderen Augen, da auch die letzten geheimen Zweifel schwiegen und seine Sehnsucht nach ihr vollkommene Erfüllung gefunden hatte?

Leon verspürte das heftige Verlangen, ihren weichen Mund zu küssen, und er tat es. Ein tiefer, glücklicher Seufzer entfloh ihren Lippen. Ihre Lider mit den langen, dichten Wimpern hoben sich. Traumverloren blickte sie ihn an.

»Guten Morgen, Frau Laurin«, sagte er mit tiefer, zärtlicher Stimme.

»Leon!«

Daß man soviel Liebe in diesen kurzen Namen legen konnte! Eine heiße Welle durchflutete ihn.

»Glücklich?« fragte er.

»Sehr glücklich. Befinden wir uns überhaupt auf der Erde?«

Er lachte leise. »Wir befinden uns auf Hochzeitsreise, Antonia Laurin«, erklärte er in dozierendem Ton. »Hotel Silver Sands am Lido von Sea Point. Wenn Sie einen Blick zum Fenster hinauswerfen wollen, Madame, öffnet sich Ihnen ein wunderbarer Blick. Im Hintergrund der Stadt befindet sich der Tafelberg. Und irgendwo dazwischen liegt das Groote-Schuur-Krankenhaus.«

»Brrr«, machte Antonia, »mir können alle Krankenhäuser der Welt gestohlen bleiben. Ich möchte meine Flitterwochen genießen, Herr Dr. Laurin.«

»Unsere Flitterwochen«, berichtigte er mit gespielter Strenge. »Aber es ist wunderschön hier. Ich bin glücklich, daß ich alles mit dir genießen darf, Geliebte.«

Dieses weite, zauberhafte, faszinierende Land zu erkunden, hatten sie vier Wochen Zeit. Und auch sich selbst entdeckten sie dabei. Wieviel Gemeinsames war in ihnen – und wieviel Gegensätzliches!

Das Gegensätzliche kam zutage, als ihnen Manuela Costella begegnete. Ausgerechnet hier trafen sie die charmante Brasilianerin, die ihnen von ihrem Tennisklub her wohlbekannt war.

Verflixt, dachte Leon.

Zum Teufel mit ihr, dachte Antonia.

Aber Manuelas rehbraune Augen leuchteten, und ein etwas rätselhaftes Lächeln lag dabei um ihren Mund, als sie mit ihrer klangvollen Stimme sagte: »Herr Dr. Laurin, welch eine reizende Überraschung!«

Von Antonia nahm sie vorerst nur mäßige Notiz. Erst als sie den Ring an Leons rechter Hand entdeckte, kam ein Flimmern in ihre Augen.

»Flitterwochen?« fragte sie mit einem betörenden Augenaufschlag. »Oh, da ist wohl jede Störung unerwünscht.«

»Sie stören nicht«, erwiderte Leon höflich.

Und wie sie stört, sagte Antonias ablehnender Blick.

Manuela Costella war nicht zum ersten Mal in diesem Land. Ihr Mann, ein weitgereister Diplomat, besuchte es von Zeit zu Zeit, da er viele einflußreiche Freunde hier besaß. Im Handumdrehen wurden Leon und Antonia in einen Wirbel von Betriebsamkeit gezogen. Man war überaus gastfreundlich, und Leon gefiel es recht gut, viele interessante Menschen kennenzulernen, während Antonia sich ihre Flitterwochen ganz anders vorgestellt hatte.

Aber am wenigsten gefiel ihr, wie Manuela Costella Leon auszeichnete.

Es war bei Antonias Temperament unvermeidlich, daß es zu ihrem ersten Ehekrach kam. War ihre Verlobungszeit schon reich mit Konflikten gesegnet gewesen, jetzt fühlte Antonia sich als brüskierte Ehefrau.

»Es ist schamlos, wie du mit ihr flirtest«, warf sie Leon vor.

»Ich flirte nicht mit ihr«, verteidigte er sich geduldig.

»Wie nennst du es denn?«

»Ich bin höflich. Man pflegt hier die feine englische Art.«

»Manuela pflegt die feurige südamerikanische Art!« begehrte Antonia auf.

»Laß ihr doch ein bißchen Spaß«, meinte er leichthin. »Ihr Mann ist ein Trottel.«

Antonia war sprachlos. »Bist du nun verheiratet oder nicht?« empörte sie sich.

»Ich bin es – und wie«, entgegnete er lächelnd. »Ich liebe dich auch, wenn du zornig bist, mein Schatz.«

So war es, und Antonia erbitterte es, daß sie einfach nicht gegen ihn ankam.

»Ich werde niemals ein Trottel«, versicherte Leon ironisch.

»Eher würdest du mich hemmungslos betrügen«, warf sie ihm vor.

»Nein«, erwiderte er ruhig, »hemmungslos nicht. Es liegt ganz an der Frau, einen Mann so zu fesseln, daß er gar nicht auf solche Gedanken kommt. Aber das erreicht man nicht mit einer völlig sinnlosen Eifersucht.«

»Womit denn?« fragte Antonia kleinlaut.

»Denk mal ein bißchen nach. Es wird dir schon einfallen«, lächelte er.

*

Im Hotel logierte ein Sir Cunningham, der Antonia bei jeder sich ergebenden Gelegenheit in ein Gespräch verwickelte. Er hatte die feine englische Art, die man hier pflegte, aber er war dennoch ein Draufgänger, wie Antonia feststellen konnte. Sie hatte es jetzt – nachdem Manuela Costella aufgetaucht war – nicht mehr so eilig, sich seiner Nähe zu entziehen, was wiederum Leon nicht behagte.

»Du hast mich mißverstanden«, stellte er empört fest.

»Inwiefern?« tat Antonia naiv.

»Du fesselst mich nicht, indem du mich eifersüchtig zu machen versuchst.«

»Du wirst doch nicht eifersüchtig sein«, konterte sie. »Auf Cunningham? Daß ich nicht lache!«

»Du flirtest mit ihm«, knurrte er.

»Ich flirte nicht. Ich bin nur höflich. Man pflegt hier die feine englische Art«, konterte sie mit seinen Worten.

Erst sah er sie verblüfft an, dann lachte er schallend los. »Wenn du nur nicht ein so phantastisches Gedächtnis hättest, Antonia! Weißt du was? Wir fahren irgendwohin, wo es keine Manuela Costella gibt.«

»Und keinen Sir Cunningham!«

Sie sanken sich in die Arme, küßten sich, und alles war vergessen!

Nun genossen sie die letzten Tage ihrer Flitterwochen in inniger Zweisamkeit. Sie fanden eine hübsche Wohnung, in der sie ganz für sich sein konnten. Man konnte sich schnell ans Faulenzen gewöhnen, aber die Zeit ließ sich nicht aufhalten.

Die vier Wochen vergingen so schnell, daß sie später gar nicht mehr zu sagen wußten, wo die Zeit geblieben war.

*

Wieder heimgekehrt, erwartete die Laurins mehr als eine Überraschung: Dr. Eckart Sternberg und Corinna hatten in aller Stille geheiratet.

»Ohne uns«, sagte Antonia enttäuscht.

»Es wird halt eilig gewesen sein«, meinte Leon leichthin.

»Was du immer gleich denkst«, meinte sie kopfschüttelnd.

»Das Nächstliegende, mein Schatz«, erwiderte er gelassen.

»Hast du Corinna schon gesehen?« fragte Antonia argwöhnisch.

Es gab ihr noch immer einen kleinen Stich, wenn sie daran dachte, wie fasziniert Leon von der schönen Stiefschwester Dr. Sternbergs war. »Nehmen wir mal an, sie wären richtige Geschwister oder Halbgeschwister gewesen, und Eckart hätte sie nicht heiraten können«, begann Antonia gedankenvoll, »hättest du…«

»Hör doch mit dem Unsinn auf«, meinte er unwillig. »Sie hatten glücklicherweise verschiedene Väter und verschiedene Mütter und konnten heiraten. Sie sind sehr glücklich. Ich habe Corinna übrigens noch nicht gesehen, wenn es dich beruhigt. Da die Freunde und die Familie bestimmt alles von unserer Hochzeitsreise bis ins kleinste Detail vernehmen wollen, bitte ich dich inständig, gleich ein Kaffeekränzchen zu veranstalten, damit nicht tagtäglich jemand anders bei uns ist. Ich möchte unser schönes Heim erst mal allein und in Ruhe mit dir genießen.«

Es war ein wahrhaft schönes Heim. Ein Traumhaus, wie es sich ein junges Ehepaar komfortabler und zugleich gemütlicher nicht wünschen konnte.

Teresa hatte herrliche frische Blumen in alle Zimmer gestellt. Sie war überglücklich, daß ›ihre Kinder‹ nun wieder daheim waren.

»Ich bin heute kaum vom Telefon weggekommen«, erzählte Antonia. »Sandra läßt dich grüßen. Der kleine Leon ist so gewachsen, daß wir ihn gar nicht mehr wiedererkennen werden, sagt sie.«

»Und was sagt Monika?« fragte Leon spöttisch. »Sie war doch bestimmt die nächste, die angerufen hat.«

»Es ist alles okay bei ihnen«, erwiderte Antonia leicht unwillig.

»Wie es nicht anders zu erwarten ist. Schätzchen, wir werden alle ja nun wieder in Lebensgröße genießen. Denkst du bitte auch daran, daß dein geplagter Mann den ganzen Tag gearbeitet hat und demzufolge hungrig ist?«

»Verzeih«, sagte sie beschämt, »wir können gleich starten.«

»Starten – wohin?«

»Zu Teresa und Papa natürlich. Gerda hat dein Leibgericht zubereitet. Rehrücken und Spätzle.«

»Und du brauchst nicht zu kochen!«

»Du bist doch nicht etwa böse?«

»Ich bin nicht böse«, erklärte er. »Aber um gleich etwas klarzustellen, bevor es ein großes Theater gibt: Wir sind jetzt ein Ehepaar, Antonia. Ich finde es ganz nett, wenn wir mit der Familie zusammen sind, aber es darf nicht zum Dauerzustand werden. Das hält keine Ehe aus.«

»Ich will es doch auch nicht«, meinte sie kleinlaut.

Schnell versöhnt zog er sie in die Arme. »Wir werden es nicht ganz leicht haben, mein Kleines«, murmelte er. »Du noch weniger als ich, denn du bist sozusagen Familieneigentum. Deswegen müssen wir von Anfang an konsequent sein. Denk daran, mein Liebes!«

Antonia tischte ihrem Mann am nächsten Tag ein vorzügliches Essen auf, wobei sie jedoch schamhaft verschwieg, daß das wortreiche Lob eigentlich Sandra gebührte, die ihrer Schwägerin mit dem kleinen Leon einen raschen Besuch abgestattet hatte.

Verheimlichen konnte Antonia ihrem Mann diesen Besuch allerdings nicht, dazu war sie viel zu begeistert von ihrem kleinen Neffen, der nach ihren Worten das goldigste Kind war, das sie jemals gesehen hatte. Leon lächelte vielsagend. »Sandra war also hier«, stellte er fest.

»Mich hat es schon gewundert, daß die Salate ganz nach ihrem Rezept gemacht sind.«

Röte schoß in Antonias Wangen. »Die Schnitzel habe ich aber selbst zubereitet«, rechtfertigte sie sich.

Er tippte ihr mit dem Finger auf die Nasenspitze. »Du brauchst dich doch nicht zu entschuldigen, Liebes. Wenn du mich anlächelst, esse ich alles.«

»Du bist sehr nachsichtig, Leon«, murmelte sie. »In der Praxis schaut halt alles ein wenig anders aus als in der Theorie.«

»Die Hauptsache ist, daß du keine Sehnsucht nach deiner Arztpraxis bekommst«, stellte er fest, während er sich eine Pfeife anzündete und es sich gemütlich machte.

Antonia setzte sich zu ihm.

»Nun erzähle mal. Kommt Sandra gut zurecht?« Er hegte einige Zweifel, wie seine temperamentvolle Schwester mit Haushalt, Mann und Kind zurechtkäme.

»Sandra sieht angegriffen aus«, murmelte Antonia. »Sie sagt zwar, daß ihr nichts fehle, aber du solltest sie dir bald einmal genau anschauen.«

Er war sofort besorgt, denn er liebte seine Schwester sehr. »Sie müßte eine ständige Hilfe im Haushalt haben«, stellte er fest.

»Du weißt doch, wie Andreas ist. Er mag nicht dauernd einen fremden Menschen um sich haben.«

»Sie könnten ja eine Hilfe nehmen, die abends geht.«

»Woher nehmen? Hast du eigentlich eine Ahnung, wie schwer es ist, jemanden zu finden? Es kostet ja auch eine Menge Geld.«

»Andreas verdient doch gut, und schließlich kann Sandra auch auf ihr Vermögen zurückgreifen. Die Gesundheit geht vor.«

»Erzähle mir von dir«, lenkte sie ab. »Wie geht es in der Klinik? Wie macht sich der Neue?«

»Hannen?« Ein schwieriger Kauz. Ich meine fast, wir haben ein seltenes Talent, ungewöhnliche Menschen anzuziehen. Seine Frau ist übrigens noch nicht hierher übersiedelt.«

»Und wie macht er sich als Arzt?«

»Ordentlich.«

»Dir muß man jedes Wort einzeln entlocken«, kritisierte sie. »Wie geht es Karin?«

»Sie ist froh, daß der Urlaub vorüber ist. Sie fühlt sich nur glücklich, wenn sie arbeiten kann.« Er legte seine Stirn an ihre Schulter. »Ich muß erst langsam wieder hineinkommen. Es war schön, immer mit dir zusammen zu sein, Liebes.«

»Immer?« fragte sie schelmisch.

»Du liebe Güte, wenn wir uns auch mal kabbeln, was macht das schon! Es hält die Liebe frisch.«

Leon stand auf, als das Telefon klingelte. »Das ist für mich. Wir haben heute einen Neuzugang. Es wird wahrscheinlich eine Frühgeburt.«

Er hatte richtig vermutet. Wenige Minuten später war er schon auf dem Weg zur Klinik. Der Alltag fing gleich richtig an.

*

Die Patientin war eine junge Erstgebärende. Normalerweise mochte sie recht hübsch sein. Jetzt war ihr Gesicht verschwollen, die Augen vom Weinen gerötet. Sie war übernervös, um nicht zu sagen hysterisch.

»Ich will nicht mehr leben«, murmelte sie immer wieder. »Laßt mich doch sterben.«

Kalter Schweiß stand auf ihrer Stirn. Ihr Zustand war wirklich erbarmungswürdig.

Leon betrachtete sie nachdenklich. »Nur wegen des Kindes?« fragte er behutsam und ergriff beruhigend ihre Hände.

Ihr Blick verriet Verzweiflung. »Wegen Franco«, flüsterte sie. »Es wäre doch alles gut, wenn meine Eltern ihn nicht davongejagt hätten. Er wollte mich doch heiraten.«

Er blickte auf das Krankenblatt. Angela von Stetten, Studentin, las er gedankenvoll. Franco, das klang nach Ausländer.

»Ich werde Ihnen jetzt eine Injektion geben, Angela«, sagte er tröstend. »Dann werden Sie schlafen, und morgen ist alles besser.«

»Ich möchte schlafen und nicht mehr aufwachen«, flüsterte sie tonlos.

Vielleicht geht ihr Wunsch in Erfüllung, dachte er, als er die Herztöne des Kindes abhörte. Es mußte schnell etwas geschehen, wenn man Mutter und Kind retten wollte oder wenigstens die Mutter. Aber in diesem Zustand war jeder Eingriff lebensgefährlich.

Dr. Laurin beobachtete die Wirkung der Spritze genau. Angelas Puls wurde ruhiger, die Augen waren jetzt geschlossen.

Er rief Schwester Karin. »In den OP«, sagte er ruhig.

»Die Mutter wartet draußen, Herr Doktor. Würden Sie vielleicht mit ihr sprechen?«

Angela von Stettens Mutter war eine recht attraktive Frau von etwa vierzig Jahren. »Wie geht es Angela?« fragte sie gequält.

»Leider kann ich Ihnen keine sehr beruhigende Auskunft geben«, erklärte Dr. Laurin. »Sie hat keinen Lebenswillen.«

»Mein Mann ist daran schuld!« stieß sie hervor. »Er hat dem armen Kind so zugesetzt. Es war schrecklich für ihn. Ein Mann in seiner Position – und ein italienischer Automechaniker. Ich bitte Sie um volle Diskretion, Herr Doktor«, stammelte sie. »Ich will mein einziges Kind nicht verlieren.«

»Anscheinend liebt Ihre Tochter aber diesen Mann«, bemerkte er eindringlich. »Es wäre gut, wenn er bei ihr wäre.«

»Mein Mann hat ihn hinausgeworfen, als er um Angelas Hand anhielt. Retten Sie Angela! Ich bin bereit, jeden Betrag zu zahlen.«

Leon schüttelte den Kopf. »Mit Geld allein ist da nichts auszurichten. Ich muß jetzt gehen. Ich werde selbstverständlich nichts unversucht lassen, aber wenn Sie diesen jungen Mann benachrichtigen könnten, würden Sie Ihrer Tochter vielleicht mehr helfen können. Wissen Sie seine Adresse?«

Sie nickte stumm. »Aber mein Mann darf es nicht erfahren. Nie!«

Du lieber Himmel, dachte Leon, in unserem Jahrhundert noch solche Probleme! Der gute Name, die Stellung – ist das denn alles wichtiger als ein bißchen Glück?

Während er sich wusch, überlegte er, ob er vor einem Jahr auch schon so gedacht hatte. Viele Ansichten hatte er berichtigt, über manche Dinge dachte er jetzt viel intensiver nach.

Dr. Hannen war im OP. Er war ein schlanker, mittelgroßer Mann mit einem schmalen, intelligenten Gesicht.

»Wir sind uns einig?« fragte Leon. »Zuerst das Leben der Mutter.«

Dr. Hannen nickte nur.

Dr. Laurin arbeitete rasch, doch ohne allzu große Hast. Schon eine halbe Stunde später hielt er das Kind in seiner Hand. Ein winziges Würmchen – man konnte es kaum anders bezeichnen, aber es lebte.

»Ein Junge«, sagte Hannen leise. »Mein Gott, wie viele Frauen wären überglücklich…« Er brach rasch ab und wandte sich um.

Ist das sein Problem? dachte Leon. Aber jetzt hatte er keine Zeit, darüber nachzudenken. Angela von Stetten brauchte seine ganze Aufmerksamkeit. Ihr Zustand war besorgniserregend. Still, blutleer, mit ganz flachem Atem lag sie nun auf dem Bett. Schwester Karin befestigte die Blutkonserve. Leon war froh, daß sie zur Stelle war.

»Wir werden sie schon durchbringen«, sagte sie, »und eines Tages wird sie dankbar sein, daß sie lebt.«

Es war weit nach Mitternacht, als Leon hinunterging. In der Halle wartete Frau von Stetten, und neben ihr stand ein schwarzhaariger junger Mann, recht gepflegt aussehend, wenngleich er jetzt einen völlig verstörten Eindruck machte.

Trotz seines wirren Gestammels erfuhr Leon, daß er Franco Bertolini hieß und außer sich vor Sorge um Angela war.

Frau von Stetten drückte immer wieder ihr Taschentuch an die Augen. »Es ist ein Junge«, sagte Leon leise. »Er lebt, und vielleicht…«

»Was ist mit Angela?« stöhnte Franco Bertolini.

»Wir hoffen, daß wir beide durchbringen«, erwiderte Leon zuversichtlich.

»Ein Junge«, flüsterte der junge Mann. »Unser Sohn!« Und dann begann er so erschütternd zu schluchzen, daß Leon sich abwenden mußte.

*

Dr. Jörg Hannen saß bei Schwester Karin und trank eine Tasse Tee. »Das Baby ist ganz munter«, berichtete er, als Leon eintrat. »Wenn sich die Mutter auch so rasch erholt, können Sie zufrieden sein.«

»Sie können jetzt ruhig schlafen«, meinte Leon. »Ich bleibe hier.«

»Mir würde es nichts ausmachen. Wenn Sie lieber heimfahren wollen?«

Leon schüttelte den Kopf. Geistesabwesend nahm er Schwester Karin die Teetasse ab, die sie ihm hinhielt. Es tat gut, die heiße Flüssigkeit zu trinken. Es fröstelte ihn.

»Na dann«, meinte Hannen, »eine gute Nacht kann ich Ihnen wohl kaum wünschen.« Für Schwester Karin hatte er ein flüchtiges Lächeln. »Danke für den Tee.«

Leon sah ihm nach. »Wie schätzen Sie ihn ein?«

»Als Arzt ist er in Ordnung. Über den Mann kann ich mir noch kein Urteil erlauben. Er ist noch schlimmer, als Dr. Sternberg anfangs war. Er redet rein gar nichts.«

»Und da haben wir gedacht, wenn wir einen jungverheirateten Arzt nehmen, kämen wir um alle Konflikte herum«, meinte Leon sarkastisch.

*

Angela von Stetten warf unruhig den Kopf hin und her. Die Narkose ließ nach. Der Mann an ihrem Bett beobachtete sie unausgesetzt.

»Angela – Bambina – Carissima«, flüsterte er immer wieder und streichelte behutsam ihre Hände.

»Franco, bin ich jetzt im Himmel?« murmelte sie.

»Du lebst«, sagte er eindringlich, »und unser Bambino lebt auch. Ich werde euch mitnehmen. Mama wird euch liebhaben, und ich werde alles tun, damit du nichts entbehrst.«

Sie hörte seine beschwörenden Worte nicht mehr. Sie war schon wieder hinübergedämmert in das Reich der Träume, aber um ihren Mund lag jetzt ein Lächeln.

Leise trat Leon Laurin ein. Der Morgen graute bereits. Franco Bertolini erhob sich sofort und machte eine höfliche Verbeugung vor Leon.

»Ich bin Ihnen sehr dankbar, Herr Doktor«, sagte er in gutem Deutsch. »Angela hat ein paar Worte gesprochen.«

Leon fühlte ihren Puls und nickte zufrieden. »Die größte Gefahr scheint gebannt. Sie hat auf die Transfusion gut angesprochen. Mittags wird es ihr bestimmt bessergehen.«

»Ich komme dann wieder«, murmelte der junge Mann. »Ich muß jetzt nämlich zur Arbeit. Ich werde das alles hier bezahlen, Herr Doktor.«

»Darüber zerbrechen Sie sich jetzt mal nicht den Kopf«, meinte Leon gutmütig. »Kommen Sie, Sie dürfen einen kurzen Blick auf Ihren Sohn werfen.«

Es war rührend anzusehen, wie andächtig Franco das Baby betrachtete. »So klein und so lieb«, murmelte er. »Du wirst einen ganz liebevollen Papa bekommen, mein kleiner Angelo.«

Seine Augen waren feucht, als er sich von Leon verabschiedete. »Sie werden darauf achten, daß Herr von Stetten meine Angela nicht aufregt?« fragte er bittend. »Sie können uns doch jetzt nicht mehr trennen!«

»Sie dürfen versichert sein, daß ich alles tun werde, um Ihnen beiden zu helfen«, versprach Leon.

*

Nach der Visite am nächsten Tag traf Leon mit Dr. Sternberg zusammen. Gestern hatten sie sich nur flüchtig gesehen, weil Sternberg ein paar schwierige Operationen hatte. Jetzt hatten sie Zeit für eine Unterhaltung.

Wie verändert Eckart Sternberg war! Sein früher so schwermütiges Gesicht war gelöst, seine Augen leuchteten froh. Man sah ihm an, daß er glücklich war. Glücklich mit seiner Corinna, die ihm so viele Sorgen bereitet hatte.

»Antonia war leicht enttäuscht, daß Sie ohne uns geheiratet haben«, stellte Leon mit freundlichem Spott fest.

»Wir wollten gar kein Aufhebens machen. Das braucht es auch nicht. Jetzt ist Corinna meine Frau.«

»Und für den Nachwuchs ist wohl bereits gesorgt?« fragte Leon leichthin.

Eckart Sternberg war nicht beleidigt. Er lachte. »Ach, Sie meinen wegen der raschen Heirat? Gott bewahre. Das soll aber nicht heißen, daß wir uns über Nachwuchs nicht freuen würden. Wir haben die Möglichkeit, ein Haus zu mieten. Dann können wir daran denken.«

»Wird alles geplant?« fragte Leon belustigt.

»Alles wird dem glücklichen Zufall überlassen«, erwiderte Eckart Sternberg heiter.

»Nichts ist es mit dem Nachwuchs bei den Sternbergs«, bemerkte Leon beim Mittagessen.

»Siehst du, was du immer gleich denkst!« Antonia lächelte. »Du hast wohl überhaupt keine Hemmungen, dich gleich zu erkundigen?«

»Warum? Es ist doch eine ganz natürliche Sache. Wir Ärzte sind nicht so verklemmt, daß wir die Dinge nicht beim Namen nennen können. Das Essen ist aber gut, Schätzchen. Aus wessen Küche hast du es bezogen?«

»Daß du mich immer aufziehen mußt«, tat Antonia beleidigt. »Ich habe es ganz allein gekocht. Gerda hat mir ihr Kochbuch gegeben.«

»Weiter so«, meinte er anerkennend.

Als Leon in die Klinik zurückkam, herrschte schon große Aufregung. Herr von Stetten war gekommen und hatte Professor Kayser eine Szene hingelegt, weil man Franco Bertolini zu seiner Tochter gelassen hatte.

»Der Mann ist ja total verbohrt«, stellte Joachim Kayser verärgert fest. »Anstatt froh zu sein, daß der Mann das Mädchen heiraten will, veranstaltet er einen Zirkus, daß das Kind sofort zur Adoption freigegeben werden soll. Dieses kleine Würmchen! Es ist unfaßbar!«

»Und was hast du ihm geantwortet, Joachim?« fragte Leon, der es vorzog, seinen Schwiegervater beim Vornamen anzusprechen.

»Daß wir die Verantwortung für die Patientin tragen und ich ihn aus diesem Grunde ersuchen muß, Besuche bei seiner Tochter zu unterlassen. Dieser junge Italiener ist übrigens wirklich ein netter Bursche. Er bringt sich förmlich um mit seinem Mädchen und dem Sohn. So was ist mir auch noch nicht passiert. Er hat gleich eine ganze Babyausstattung angeschleppt, damit sein Kind ja in seine eigenen Sachen gekleidet wird. Ich habe mit ihm geredet. Er verdient sein Geld mit harter Arbeit, um sein Ingenieurstudium vollenden zu können, und ist außerdem aus einer recht achtbaren Familie. Ist doch klar, daß ihm der Kragen platzen muß, wenn er wie ein Wegelagerer behandelt wird.«

Angela von Stetten ging es den schwierigen Umständen entsprechend eigentlich erfreulich gut. Ein riesiger Rosenstrauß stand auf ihrem Tisch, und viele kleine Päckchen waren darunter liebevoll aufgebaut.

»Ich danke Ihnen so sehr, daß Franco zu mir darf«, flüsterte sie scheu. »Er ist so rührend. Wann darf ich endlich meinen Sohn sehen?«

»Sobald wir Sie aufgepäppelt haben. Wenn er sich weiterhin so rasch entwickelt, werden wir ihn bald aus dem Brutkasten herausnehmen können.«

»Gestern war alles noch so schlimm«, fuhr sie leise fort. »Ich habe wohl viel dummes Zeug gesagt, Herr Doktor?«

»Das sagen andere werdende Mütter auch manchmal, die nicht in einer solchen Situation sind wie Sie«, meinte Dr. Laurin tröstend.

»War mein Vater schon hier?« erkundigte sie sich zaghaft.

Sollte er es ihr verschweigen, oder war es eine Beruhigung für sie, wenn sie erfuhr, daß sie hier vor allen Angriffen beschützt werden würde?

»Ja, er war hier«, sagte er langsam, »aber Professor Kayser hält es für besser, wenn er Sie vorerst nicht besucht.«

Sie atmete erleichtert auf. »Er kann mir mein Kind doch nicht wegnehmen?« fragte sie dann aber doch ängstlich.

»Niemand kann das«, beruhigte Leon sie. »Nun machen Sie sich keine Sorgen. Schlafen Sie viel, vergessen Sie allen Kummer und freuen Sie sich. Freude ist die beste Medizin, und der Wille zu leben hilft mehr als jede Infusion.«

Schwester Karin zeigte sich sehr zufrieden. »Man soll doch nicht meinen, wie rasch sich alles ändern kann«, brummte sie. »Gestern wollte sie noch sterben.«

»Und jetzt kann sie es kaum erwarten, ihren kleinen Angelo im Arm zu halten«, stellte Leon fest.

*

Antonia war zu Monika und Bert Kayser gefahren.

Sie traf Monika allein an, wurde herzlich umarmt und eingehend gemustert.

»Gut schaust du aus, Kind«, stellte Monika fest. »Ihr müßt ja eine herrliche Zeit erlebt haben, wie Teresa mir erzählte.«

»Dann kann ich mir ja den Bericht sparen«, lachte Antonia. »Wo steckt denn Florian?«

»Er ist zu einem Kindergeburtstag eingeladen. Bert holt ihn ab, wenn er vom Werk kommt. Er wird langsam unternehmungslustig, unser Sohn.«

Ihr glückliches Lächeln verriet, wie froh sie über diesen Sohn war, der ihnen buchstäblich als Geschenk ins Haus gekommen war.

Dann kamen die beiden Frauen so ganz gemütlich ins Erzählen. Und auch manch liebenswürdigen Klatsch gab Monika zum besten. Sie war über die gesellschaftlichen Ereignisse immer informiert, wenngleich sie jetzt, seit Florian ihr Leben ausfüllte, doch bei weitem nicht mehr selbst soviel daran teilnahm.

Später erschienen Bert und Florian, und es gab ein großes Hallo. An dem innigen Verhältnis zwischen Onkel und Nichte hatte auch Florian nichts geändert. Der Junge war auch nicht eifersüchtig auf Antonia, obschon er sonst den ersten Platz im Leben seines Papis einnehmen wollte.

»Nun, habt ihr euch in eurem Heim eingewöhnt?« erkundigte sich Bert bei Antonia.

»Dazu brauchte es nicht viel. Man fühlt sich gleich daheim«, erklärte sie.

»Wird dir das Hausfrauendasein nicht langweilig?«

»Einstweilen ist ja alles noch so neu, aber wenn Leon weiterhin so schwer beschäftigt sein wird, weiß ich nicht recht«, gab sie zu. »Er mußte ja gleich wieder mit beiden Beinen in die Arbeit springen.«

»Paß nur auf, daß das Privatleben nicht zu kurz kommt, Kleines«, meinte Bert Kayser.

»An mir soll es nicht liegen.« Antonia warf einen schnellen Blick zur Uhr. »Jetzt muß ich mich aber sputen. Leon wird heute früher heimkommen. Er war die ganze Nacht in der Klinik.«

»Wir sind übernächstes Wochenende im Landhaus«, meinte Bert. »Wenn ihr Lust habt, könnt ihr ja kommen.«

»Leon wird sich ausruhen wollen«, erwiderte Antonia ausweichend.

Er sah ihr gedankenvoll nach. Ja, er wußte, daß sie ganz langsam eine immer größere Trennung vollziehen würde. Nicht innerlich, aber doch spürbar. Seine kleine Antonia, sein Liebling, war verheiratet. Sie führte nun ein eigenes Leben und mußte ihrem Mann die meiste Zeit widmen.

*

Leon war schon daheim, und er machte ein saures Gesicht. »Du konntest dich wohl wieder mal nicht von deinen Lieben trennen«, meinte er.

»Ich dachte nicht, daß du schon so früh kommst«, entschuldigte Antonia sich.

»Hannen hat Nachtdienst. Er wird es schon machen. Ist Post gekommen?«

»Ich habe noch gar nicht nachgeschaut. Erwartest du welche?«

Antonia ging zum Briefkasten. Mit einer ganzen Reihe Reklamezuschriften waren auch zwei Briefe gekommen. Beide waren an sie gemeinsam gerichtet, aber Antonia legte sie ihrem Mann ungeöffnet hin.

»Potztausend«, sagte er, als er den ersten geöffnet hatte, »das ging aber schnell.«

Schmunzelnd reichte er ihr die doppelte Büttenkarte.

Dr. Ingo Ewert gab seine Verlobung mit Bettina Markus bekannt. Gleichzeitig war eine Einladung zur offiziellen Verlobungsfeier im Hause Markus beigefügt.

»Nun wird er sich ganz bestimmt nach einer neuen Sprechstundenhilfe umschauen müssen«, stellte Leon fest. »Na, über Langeweile können wir uns wirklich nicht beklagen. Bei uns tut sich immer etwas.«

Das konnte man wohl sagen, denn auch das andere war eine Einladung. Generalkonsul Alfredo Costella und Gemahlin baten Herrn und Frau Dr. Laurin zu einem Galadiner ins Palasthotel.

Antonia runzelte die Stirn. »Sie gibt nicht auf«, murmelte sie. »Woher sie nur unsere Adresse hat.«

»Aus dem Telefonbuch wahrscheinlich«, gab Leon gleichmütig zurück.

»Da steht sie noch gar nicht drin«, meinte Antonia.

»Na, irgendwie hat sie sie eben in Erfahrung gebracht. Wenigstens scheint sie uns nicht böse zu sein, daß wir so rasch verschwunden sind.«

»Würde dir das etwas ausmachen?« fragte sie anzüglich.

»Meine Güte, es sind doch ganz charmante Leute, und du hast dich mit Sir Cunningham auch recht angeregt unterhalten.«

Jetzt kannte sie diesen Ton schon. Wenn sie nicht nachgab, war gleich wieder eine Debatte im Gange. Antonia fand, daß man Manuela Costella nicht zuviel Ehre antun solle, indem man sie auch weiterhin zum Brennpunkt von Eifersüchteleien machte.

Ich werde mir ein ganz besonders elegantes Kleid arbeiten lassen, dachte Antonia, und der schönen Manuela ein für allemal den Schneid abkaufen.

*

Am Sonntag konnte Leon Laurin feststellen, daß seine Schwester Sandra wirklich sehr angegriffen aussah.

Der kleine Leon war ein ungewöhnlich lebhaftes Kind. Er war auch sehr zutraulich und wanderte von einem Schoß auf den anderen. Sandra seufzte erleichtert auf, als er endlich schläfrig wurde.

»Er setzt dir wohl ziemlich zu?« fragte Leon, nachdem Sandra ihn gefüttert und in den Wagen gelegt hatte.

»Sandra tut ein bißchen zuviel des Guten«, stellte Andreas fest. »Sage du ihr doch mal, daß sie mit der Stillerei aufhören soll, Leon.«

»Du stillst ihn immer noch?« fragte Leon überrascht. »Na, dann wundert es mich nicht.«

»Was wundert dich nicht?« begehrte Sandra auf. »Ich stille ihn noch zweimal. Muttermilch ist das Beste für ein Baby.«

»Aber nicht, wenn die Mutter dabei zugrunde geht.«

»Was du nur denkst«, widersprach Sandra.

»Man braucht dich nur anzuschauen«, erklärte Leon. »Ich sollte eigentlich böse mit dir sein. Jede Patientin hat Vertrauen zu mir, nur meine eigene Schwester nicht.«

»Mir fehlt doch nichts. Was ihr nur habt«, protestierte Sandra.

»Dir fehlen ein paar Tage Erholung«, erklärte Leon unnachsichtig. »Du mußt wenigstens drei Kilo zunehmen, um diesen lebhaften Burschen bewältigen zu können. Er ist schon viel zu schwer für dich.«

»Sie müßte ihn ja nicht dauernd herumschleppen«, meinte Andreas. »Aber nein, unser Kind darf nicht mal schreien. Es könnte ja einen Bruch bekommen.«

»Wo hast du denn das gelesen, Sandra?« fragte Leon ärgerlich.

»Sandra könnte ein paar Tage ins Landhaus fahren«, mischte Antonia sich ein, um den Streit im Keime zu ersticken. »Ich behalte Leon gern.«

»Vergiß nicht, daß wir nächste Woche eine ganze Menge vorhaben«, meinte Leon.

»Doch nur am Dienstag und Donnerstag«, meinte Antonia.

»Nur Dienstag und Donnerstag«, sagte Andreas mürrisch. »Wir kommen überhaupt nicht mehr aus dem Haus.«

»Das ist nun mal so, wenn man ein Kind hat«, stellte Sandra fest. »Was habt ihr denn vor?« erkundigte sie sich dann bei Antonia.

»Verlobung bei Ingo und Bettina.«

»Na«, warf Andreas ein. »Ihr seid wenigstens ein modernes Ehepaar. Ihr verkuppelt eure früheren Freunde untereinander und sichert euch so ihre dauerhafte Freundschaft.«

Sandra warf ihm einen mißbilligenden Blick zu. »Es läuft darauf hinaus, daß ich eine unheilbar altmodische Ehefrau bin, die ihrem Mann nicht einmal einen Kegelabend gönnt«, meinte sie spöttisch.

Andreas verdrehte die Augen und verlegte sich aufs Schweigen.

»Geh doch zum Kegeln«, stichelte Sandra.

»Ist da eigentlich etwas dabei?« wandte Andreas sich an seinen Schwager. »Ich hätte ja auch nichts dagegen, wenn du ins Landhaus fahren würdest.«

»Das lasse ich mir nicht zweimal sagen«, erklärte Sandra schnippisch. »Wenn Antonia den Jungen wirklich nimmt, fahre ich.«

Nun war Andreas Brink doch überrascht, aber er erhob keine Einwände. »Du wirst dich umschauen, wie so ein Kind das ganze Leben verändert«, neckte er Antonia. »Aber dann hast du gleich eine Generalprobe und kannst dir überlegen, ob du dir überhaupt Kinder anschaffen willst.«

»Natürlich wollen wir welche«, stellte Antonia fest, aber Leon enthielt sich der Stimme. Erst nachdem Sandra und Andreas mit ihrem süß und selig schlummernden Sohn heimgefahren waren, kam er noch einmal auf das Thema zurück.

»Eine merkwürdig gespannte Stimmung herrscht zwischen Sandra und Andreas, findest du nicht?«

»Ach, die kleinen Reibereien, die gibt es zwischen uns doch auch. Man darf sie nicht dramatisieren. Sandra ist nervös. Das kommt wahrscheinlich nur von der Stillerei. Wenn sie ein paar Tage Abstand hat, ist das schnell vergessen.«

»Ich glaube, Andreas ist eifersüchtig auf seinen eigenen Sohn. Und das wäre ich auch, wenn du das ganze Augenmerk nur auf ihn richten würdest.«

»Wir haben ja noch keinen«, meinte Antonia nachsichtig.

»Na, ich bin gespannt, wie es bei uns zugehen wird, wenn wir das Baby in Pension nehmen. Nicht nur er wird uns beschäftigen, sondern auch Andreas. Da hast du etwas Schönes angerichtet.«

»Aber Leon«, widersprach Antonia, »wir sind doch ein glückliches Ehepaar!«

»Was hat das damit zu tun?« murmelte er. »Du hast gar keine Ahnung, welcher geringfügigen Anlässe es bedarf, um Konflikte zu erzeugen.«

*

Es war fünf Uhr morgens, als das Telefon Antonia aus dem Schlaf riß. Es war Schwester Anne, die dringend nach dem Chef verlangte.

Antonia rüttelte ihren Mann sanft, aber energisch wach. Es handelt sich um eine Frau Plaschek. Sie scheint eine Fehlgeburt zu haben.«

»Ach nein, schon wieder einmal?« knurrte er. »Ich möchte nur wissen, wie sie das anstellt. Ich kann dann sehen, wie ich mit dem Murks fertig werde. Ich mag sie nicht, Antonia.«

»Dann rede ihr doch ins Gewissen. Du kannst es nicht mit deinem Eid vereinbaren, das kannst du ihr doch sagen.«

»Zuerst muß man ihr mal nachweisen können, daß sie abtreibt. Aber sie muß es ganz raffiniert anfangen.«

»Vielleicht tut sie gar nichts«, erlaubte Antonia sich zu bemerken.

»Doof bin ich nicht«, stellte Leon fest. »Na, heute bin ich gerade in der richtigen Laune. Es scheint Föhn zu sein.«

Antonia brühte ihrem Mann rasch eine Tasse Kaffee auf, aber als er sie trank, läutete das Telefon schon wieder. Diesmal schien es recht schlimm um Frau Plaschek bestellt zu sein. Dr. Hannen war selbst am Telefon und berichtete, daß die Patientin nur von Dr. Laurin behandelt werden wollte.

Leon drückte Antonia rasch noch einen Kuß auf die Wange, und gleich darauf vernahm sie, wie sein Wagen davonfuhr. Mit dem Schlafen war es nun auch nichts mehr für sie, aber weil es noch so früh war, legte sie sich doch noch einmal nieder und las die Morgenzeitung.

Aufmerksam studierte sie vor allem die Stellengesuche. Teresa lag ihr dauernd in den Ohren, daß sie sich eine Hilfe nehmen sollte. Platz hatten sie genug in dem Anbau hinter der Garage.

Antonias Blick fiel auf eine Annonce.

Junge Französin sucht Au-pair-Stellung in gepflegtem Haushalt, um ihre deutschen Sprachkenntnisse zu erweitern.

Das wäre doch eigentlich etwas, dachte Antonia. Ein nettes junges und zugleich gebildetes Mädchen, das ihr zur Hand gehen konnte, mit dem sie sich aber auch gleichzeitig unterhalten konnte. Sie mußte

einmal mit Leon darüber sprechen.

Währenddessen war Dr. Laurin in der Klinik eingetroffen und begab sich in den Operationssaal, wo man Frau Plaschek bereits eine Injektion verabreicht hatte.

Hannen zuckte die Schultern. »Sie hat geschrien, wenn ich sie nur anfassen wollte«, brummte er. »Fast vierzig Fieber. Sieht mir sehr nach einer Sepsis aus.«

Vera Plaschek war eine recht robuste Frau. Jetzt war sie jedoch kaum ansprechbar.

»Was haben Sie denn diesmal für Dummheiten gemacht?« fragte Leon ziemlich grob.

Sie machte nur eine matte Handbewegung. Er untersuchte sie und stellte fest, daß Dr. Hannen mit seiner Diagnose recht hatte. Es war bereits eine Sepsis. Man konnte im Augenblick nichts machen. Sie mußte erst Penicillin bekommen. Da kein anderes Bett frei war, mußte man sie zu zwei Frischoperierten legen, was Leon gar nicht sympathisch war. Aber wegschicken konnte er die Frau jetzt auch nicht mehr. Ihr Leben stand auf dem Spiel.

Er wandte sich Dr. Hannen zu, nachdem man Frau Plaschek hinausgebracht hatte.

»Die dritte Fehlgeburt innerhalb eines Jahres. Ein bißchen happig«, stellte er fest. »Was würden Sie in einem solchen Fall unternehmen, Herr Kollege?«

»Anzeige erstatten«, meinte Hannen sarkastisch.

Leons Augenbrauen hoben sich. »Man konnte ihr bisher eigenes Verschulden nicht nachweisen«, meinte er. »Sie ist verheiratet und lebt in recht annehmbaren Verhältnissen. Allerdings sind aus der ersten Ehe ihres Mannes zwei Kinder vorhanden, für die er tüchtig zahlen muß. Vielleicht will sie deswegen keine mehr haben.«

»Rätsel – dein Name ist Weib«, murmelte Hannen.

»Eine weise Erkenntnis für einen jungverheirateten Mann«, stellte Leon fest. »Will Ihre Frau nicht bald hierherkommen?«

»Nein«, erwiderte Hannen mürrisch. »Sie ist ziemlich verwöhnt. Eine Dreizimmerwohnung reicht ihr nicht. Es war eine Fehlkalkulation von mir. Ich dachte, sie endlich der mütterlichen Obhut entreißen zu können, damit sie eine richtige Ehefrau wird, aber Fehlanzeige. Doch was soll ich Sie mit meinen persönlichen Problemen belasten! Ich fühle mich ganz wohl hier.«

In der Tür drehte er sich noch einmal um. »Übrigens ist die Blutsenkung bei Frau Scharff katastrophal«, bemerkte er. »Es sieht mir nicht nur nach einem Myom aus.«

Leon kniff die Augen zusammen. Frau Scharff war eine neue Patientin. Die Voruntersuchungen hatte Dr. Hannen überwacht.

»Mir wäre es sehr lieb, wenn Sie sich darum kümmern würden, Chef, bevor sie auf dem Operationstisch liegt«, stellte dieser fest.

»Gewiß. Danke für den Hinweis«, erwiderte Leon.

Frau Scharffs Operation war für neun Uhr festgesetzt. Dr. Laurin ging zu ihr ins Zimmer und untersuchte sie noch einmal gründlich. Von der katastrophalen Blutsenkung abgesehen, waren auch die anderen Befunde recht bedenklich. Das Ergebnis des Abstrichs lag allerdings noch nicht vor. Leon ärgerte sich insgeheim. Unbedingt hätte man die Operation so lange hinausschieben müssen, bis man dieses Ergebnis hatte. Was hatte Hannen sich eigentlich dabei gedacht?

Er sprach den Kollegen darauf an. »Es tut mir schrecklich leid, Chef«, erwiderte der, »aber Frau Scharff wollte unbedingt jetzt operiert werden, weil ihr Mann beruflich unterwegs ist. Sie ist erst vorgestern gekommen.«

Und weil so viel zu tun war, habe ich mich nicht selbst darum gekümmert, überlegte Leon. Er hatte gar kein Recht, andere zu kritisieren. Schließlich war er auch verantwortlich für die Gynäkologische Abteilung. Aber man hatte ihm gesagt, es sei ein Myom, und darauf hatte er sich verlassen. So stand es auch in der Überweisung des Hausarztes.

Leon rief im Institut an und fragte dringend nach dem Befund des Abstrichs. Er bekam die gewünschte Auskunft. Es war krebspositiv.

Hannen wurde blaß, obgleich Leon ihm keinen Vorwurf machte. »Das bedeutet also Gebärmutteramputation«, sagte er leise. »Sie ist achtundzwanzig.«

»Sie wird froh sein, wenn sie mit dem Leben davonkommt. Wir müssen den Mann benachrichtigen.«

»Er ist im Ausland, wie mir Frau Scharff sagte. Wer bringt es ihr bei?«

»Na, das werde ich wohl tun müssen, nachdem Sie jetzt schon zittern. Das sind die schlimmsten Minuten für einen Arzt. Meinen Sie nicht auch, Kollege?«

»Fürchterlich«, murmelte der junge Assistent.

Frau Scharff war merkwürdig gefaßt. »Ich habe ja geahnt, daß etwas Schlimmes dahintersteckt«, meinte sie leise. »Mein Mann hat mich immer ausgelacht. Deswegen wollte ich mich auch lieber operieren lassen, wenn er nicht da ist.«

»Ist Ihr Kind gut untergebracht?« fragte Dr. Laurin mit belegter Stimme. »Es wird länger dauern, als vorauszusehen war.«

»Jenny ist bei meiner Schwiegermutter«, erwiderte Frau Scharff. Ein schmerzliches Lächeln glitt über ihr Gesicht. »Sie wird mich kaum vermissen«, flüsterte sie mit erstickter Stimme. »Dort hat sie alles. Sie ist es ja auch gewöhnt, da ich berufstätig bin.«

Apathisch unterschrieb sie die übliche Erklärung, daß sie mit der Operation einverstanden sei. Dann wurde sie in den OP gebracht.

*

Schwester Anne stieß einen abgrundtiefen Seufzer aus. »Würden Sie bitte mal nach Frau Plaschek sehen, Schwester Karin?« fragte sie bittend. »Sie bringen sie vielleicht eher zur Räson. Sie macht mir die anderen Patienten ganz rebellisch.«

Schwester Karin ging sofort. Krach war das letzte, was man heute gebrauchen konnte. Der Föhn tat schon das seine, um die Kranken durcheinanderzubringen.

»Will man mich denn elend verrecken lassen?« wurde sie von Frau Plaschek empfangen. »Warum kommt Dr. Laurin nicht?«

»Er muß operieren«, erklärte Schwester Karin beschwichtigend.

»Das hat man vor zwei Stunden auch schon gesagt«, begehrte Frau Plaschek auf.

»Die Operation dauert eben so lange«, erklärte Schwester Karin geduldig.

Sie konnte sich nur wundern, daß Frau Plaschek schon wieder so redselig war. Eine Natur mußte die Frau haben! Da konnte man nur staunen.

»Verhungern läßt man mich auch«, fuhr die Patientin mürrisch fort.

»Dafür bekommen Sie jetzt noch eine hübsche Penicillinspritze«, erklärte Schwester Karin ungerührt.

»Ich möchte wissen, ob mit den Erste-Klasse-Patientinnen auch so umgesprungen wird«, schimpfte Frau Plaschek los.

Schwester Karin kochte über. »Es kommt immer ganz auf das Benehmen an«, erwiderte sie ungehalten, »nicht auf die Klasse.«

Drüben in der chirurgischen Abteilung unterhielt sich Professor Kayser mit Dr. Sternberg über einen interessanten Fall. Es handelte sich um einen männlichen Patienten, erst zweiundzwanzig Jahre alt und schon von mehreren schlimmen Magengeschwüren befallen.

»Kein Wunder, wenn man früh anfängt zu trinken und zu rauchen«, sagte Kayser. »Sie haben wohl gar keine Laster, Herr Sternberg?«

»Oh, ich trinke ganz gern mal

einen«, erwiderte Eckart Sternberg lächelnd. »Wenn ich allerdings

unter Magengeschwüren leiden würde, ließe ich es bestimmt lieber ganz.«

Kaysers Gedanken irrten ab. »Wir werden noch einen zweiten OP bauen müssen«, bemerkte er. »Heute kommt wieder alles ins Stocken durch diese langwierige Operation. Die OP der Gallenblase müssen wir jedenfalls bis morgen aufschieben. Hoffentlich wird Herr Neumann nicht ungeduldig.«

Dr. Sternberg beschloß, Herrn Neumann aufzusuchen. Er war ein netter älterer Herr, der für alles Verständnis hatte. Seine Galle machte ihm schon so lange zu schaffen, daß es auf einen Tag mehr auch nicht mehr ankäme, meinte er.

Professor Kayser war zur Gynäkologischen Abteilung gegangen. Gerade hatte Leon seine Operation beendet und kam erschöpft aus dem Waschraum.

»Das ist gerade noch mal gutgegangen«, murmelte er. »Wenn man die Frauen doch dazu bringen könnte, sich regelmäßig den Vorsorgeuntersuchungen zu unterziehen, dann wäre manches Unheil zu verhindern.«

»Dabei sind die Gynäkologen doch schon weit besser dran als wir«, erwiderte Kayser. »Wir merken es meistens erst, wenn die Metastasen schon wuchern. Was ist denn da für ein Lärm?«

Er runzelte die Stirn. Das liebte er gar nicht. In seiner Klinik hatte Ruhe zu herrschen.

Obgleich Leon müde war, konnte er sich gleich denken, wer diesen Lärm verursachte.

»Augenblick, bitte«, sagte er zu seinem Schwiegervater und eilte in das Zimmer 7.

»Na endlich!« zeterte Frau Plaschek. »Ich halte das nicht mehr aus. Man behandelt mich wie eine…« Sie schnappte nach Luft und warf ihm vorwurfsvolle Blicke zu.

»Wie Sie es verdienen«, herrschte Leon sie ungehalten an. »Wenn Sie Unruhe stiften, lasse ich Sie…« Er unterbrach sich, weil ihm gerade noch einfiel, daß sie nicht allein waren. »Das werde ich Ihnen unter vier Augen erzählen«, fuhr er dann fort.

Sie schwieg, als habe sie einen Schlag bekommen, der sie verstummen ließ.

»Bringen Sie sie in den OP«, sagte Dr. Laurin zu Schwester Anne. »Ich muß mich umziehen.«

Professor Kayser machte eine finstere Miene, als Leon zu ihm zurückkam. Schwester Karin hatte ihm inzwischen kurz Bericht erstattet.

»Haben wir es eigentlich nötig, uns mit solchen Patientinnen herumzuärgern, Leon?« fragte er ungehalten.

»Es gibt sie in allen Schichten«, sagte Leon. »Über diesen Fall möchte ich aber später gern noch mit dir sprechen, Joachim. Du bist der Chef.«

»Immer, wenn es unangenehm wird, bin ich der Chef«, murrte Joachim Kayser. »Ich bin froh, wenn ich dieses Amt an dich abtreten kann.«

»Na, na«, meinte Leon, »damit hat es aber noch Zeit.«

Mit einem tiefen Seufzer schickte er sich an, Frau Plaschek die Leviten zu lesen.

*

Für den Nachmittag war Antonia mit Teresa verabredet. Sie wollten in die Stadt fahren, damit Antonia ihr Kleid für den Empfang bei den Costellas noch einmal anprobieren konnte.

Teresa kam pünktlich, schick und gepflegt wie immer und weit jünger aussehend, als ihre sechsundvierzig Jahre eigentlich erlaubten.

»Gut, daß wir uns gegenseitig trösten können«, meinte sie heiter. »Gerda schimpft daheim auch, weil der Chef nicht kommt. Ich habe mich ja mittlerweile daran gewöhnt, aber Gerda wird sich wohl nie daran gewöhnen.«

»Sie schimpft aus purer Gewohnheit«, lächelte Antonia. »Na, dann wollen wir uns mal auf andere Gedanken bringen. Ein Verlobungsgeschenk für Ingo und Bettina muß ich auch noch kaufen.«

In Teresas früherem Modesalon wurden sie noch immer bevorzugt bedient. Das Kleid war ein Traum aus kupferfarbenem Brokat.

»Ich muß auch mit einer sehr attraktiven Frau konkurrieren können«, erklärte Antonia.

»Na, das dürfte dir doch nicht schwerfallen«, meinte Teresa nachsichtig. »Ich glaube kaum, daß Leon jetzt noch Augen für eine andere Frau hat.«

Antonia sah sie nachdenklich an. »Glaubst du es wirklich, Teresa?«

Die lachte leise. »Nun, wenn er mal mit einer anderen tanzt, besagt das doch nicht, daß er dir gleich untreu wird. Du bist ja noch immer eifersüchtig, Kindchen.«

»Und wie«, gab Antonia zu. »Besonders auf diese Manuela Costella. Ich finde es einfach unglaublich, wenn verheiratete Frauen anderen Männern Avancen machen.«

»Das ist so alt wie die Welt«, meinte Teresa nachsichtig.

Um das Verlobungsgeschenk für Bettina und Ingo auszusuchen, brauchten sie ziemlich viel Zeit. Schließlich entschied Antonia sich für einen modernen Wandteppich, dessen wundervolle Farbzusammenstellung ihr sehr gut gefiel.

»Und nun werden wir uns erst einmal stärken«, meinte Teresa.

Sie suchten ein elegantes Café auf, doch kaum waren sie durch die Glastür getreten, als ein Herr aufsprang und auf Antonia zugeeilt kam.

»Sir Cunningham«, sagte Antonia überrascht und auch ein klein wenig betroffen, denn sofort kam ihr der Verdacht, daß sie Cunningham auch auf dem Empfang von den Costellas treffen würde. Sie machte ihn mit Teresa bekannt, und diese in ihrer charmanten Art zeigte sich der unerwarteten Situation weit besser gewachsen als Antonia.

»Ich gehe wohl nicht fehl in der Annahme, daß wir uns am Donnerstag bei den Costellas treffen werden«, bemerkte Sir Cunningham, ohne seine offensichtliche Freude darüber zu verhehlen.

»Ein geistreicher Mann«, stellte Teresa auf der Heimfahrt beiläufig fest. »Dieser Empfang wird bestimmt nicht langweilig werden.«

»Du hast Nerven«, bemerkte Antonia. »Leon wird in die Luft gehen.«

»Dann gleicht es sich ja aus«, meinte Teresa lachend. »Schade, daß ich nicht dabeisein kann.«

*

Leons Laune war alles andere als gut, als er heimkam. Bei der Auseinandersetzung mit Frau Plaschek war er zwar unbestrittener Sieger geblieben, aber das enthob ihn doch nicht der Verantwortung, sie noch einige Tage in der Klinik zu behalten.

Frau Scharff ging es auch nicht gerade zufriedenstellend. Ihr Kreislauf machte Schwierigkeiten. Leon wollte später noch einmal in die Klinik fahren, um nach ihr zu sehen.

»Wie geht es dem kleinen Angelo?« erkundigte sich Antonia, um ihn auf andere Gedanken zu bringen.

Er schrak aus seinen Gedanken hoch. »Ganz gut«, erwiderte er. »Er mausert sich schon. Was gibt es bei dir? Entschuldige, daß ich vergaß, dich anzurufen, aber es ging schrecklich turbulent zu.«

Antonia kam auf das Au-pair-Mädchen zu sprechen. Leon nickte zwar, aber sie hatte das Gefühl, daß er gar nicht richtig zuhörte. Sollte sie nun auch noch von Cunningham anfangen, überlegte sie, doch da erklärte Leon schon wieder, daß er lieber gleich in die Klinik fahren wolle, um nach Frau Scharff zu sehen.

Betrübt stellte Antonia fest, daß er sie ziemlich flüchtig küßte. Sie dachte noch ein Weilchen darüber nach, nahm dann aber die Zeitung zur Hand und schrieb auf die Annonce.

*

Bettina Markus und Dr. Ingo Ewert präsentierten sich als ein glückliches Paar. Bettinas Eltern waren anscheinend nun recht zufrieden mit ihrem zukünftigen Schwiegersohn. Es waren etwa zwei Dutzend Gäste geladen worden, von denen Leon die meisten kannte.

»Kinder, Kinder«, sagte er zu Bettina und Ingo, »das habt ihr aber rasch hingekriegt.«

»Papa ist uns schnell auf die Schliche gekommen«, meinte Bettina verschmitzt, »und er meinte, daß wir zumindest klarlegen müßten, daß wir zusammenbleiben, wenn ich schon Tag für Tag die Sprechstundenhilfe bei Ingo spiele.«

»Spielen ist gut gesagt«, bemerkte Ingo. »Sie muß ganz schön ’ran.«

»Du willst das auch weiterhin beibehalten?« erkundigte Leon sich überrascht bei Bettina.

»Na klar«, meinte sie heiter. »So habe ich ihn wenigstens unter Kontrolle.«

Der Wandteppich fand großen Anklang und wurde gebührend bewundert. Das Brautpaar hatte viele schöne Geschenke bekommen, wie es sich für die Tochter eines reichen Mannes gehörte. Um so bewundernswerter fand es Antonia, wie rasch Bettina sich in ein völlig neues Leben gefunden hatte. Sie war nicht mehr die verwöhnte Tochter, die nichts mehr mit ihrer Zeit anzufangen wußte.

»Und alles kam daher, daß zwei einsame Männer einen Kneipenbummel machten«, stellte Leon gut gelaunt fest.

»Ich muß dir dankbar sein«, erwiderte Ingo Ewert herzlich. »Trinken wir darauf, daß wir immer Freunde bleiben werden.«

»Alte Liebe rostet nicht«, stellte Antonia neckend fest. »Weißt du, Bettina, daß wir deinetwegen mal Krach hatten?«

Bettina errötete. So lange lag die Zeit noch gar nicht zurück, daß sie sehr eifersüchtig auf Antonia gewesen war und sehr unglücklich, weil Leon Laurin eine andere Frau ihr vorgezogen hatte.

»Die Leute wundern sich bestimmt alle sehr, daß wir uns immer noch verstehen«, stellte sie lächelnd fest.

»Sagen wir lieber: daß wir uns wieder verstehen«, meinte Leon. »Nun, wir sind jedenfalls alle recht froh darüber.«

*

Daß von Stetten doch zu seiner Tochter gelangte, lag an der Diskretion, die Professor Kayser dem Personal gegenüber an den Tag legte. Eingeweiht in die gespannten Familienverhältnisse der von Stettens waren nur die Ärzte, Schwester Karin und Schwester Anne. Die anderen hegten zwar gewisse Vermutungen, aber Jungschwester Laura hatte nicht die geringste Ahnung, was sich da eigentlich abgespielt hatte. Und ausgerechnet sie war die einzige, die an diesem Vormittag nicht im OP oder auf der Station beschäftigt war, sondern am Empfang saß, als Herr von Stetten erschien. Arglos nannte sie ihm die Zimmernummer seiner Tochter.

So gelangte Armin von Stetten ungehindert in das Zimmer seiner Tochter. Als sie ihren Vater sah, wurde sie totenbleich.

»Du machst ja ein Gesicht, als würdest du dich vor mir fürchten«, stellte er fest. »Guten Tag, Angela, wie geht es dir?«

»Danke, gut«, erwiderte sie leise.

»Das freut mich«, erklärte er. »Dann können wir unsere Entscheidungen treffen.«

Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen und sagte: »Ich habe sie bereits getroffen. Ich werde Franco heiraten, und wenn du deine Einwilligung versagst, werden wir warten, bis ich mündig bin. Und das Kind lasse ich mir nicht nehmen, Vater.«

Seine Augen verengten sich. »Weißt du auch, daß das für dich bedeuten würde, ein für allemal auf mein Wohlwollen zu verzichten?« stieß er hervor. »Auf dein Erbe, auf den Schutz deines Elternhauses? Ich würde dir deinen Fehltritt vergeben, wenn du dich jetzt einsichtig zeigst.«

Sie richtete sich auf und blickte ihn fest an. Plötzlich waren alle Angst und Unsicherheit von ihr abgefallen. »Es wäre wohl besser, wenn du dich einsichtig zeigen würdest, Vater. Ich liebe Franco, und wir lieben unser Kind. Wir brauchen kein Geld von dir. Franco würde es gar nicht haben wollen, dazu ist er viel zu stolz.«

»Du bist dir wohl gar nicht im klaren darüber, was du uns angetan hast«, sagte er tonlos.

Da ging die Tür auf, und Schwester Karin erschien mit dem kleinen Angelo. Sie starrte Armin von Stetten entgeistert an.

»Wer hat Sie hereingelassen?« fragte sie ungehalten. »Ihre Tochter darf nicht aufgeregt werden.«

Sie wollte das Kind schon wieder wegbringen, aber Angela von Stetten streckte die Arme nach dem winzigen Bündel aus.

Armin von Stettens Miene drückte größten Widerwillen aus, aber er warf doch einen Blick auf das Kind.

»Ich habe so gewünscht, daß…« Er kam nicht weiter, denn Schwester Karin fiel ihm warnend ins Wort.

»Ihre Wünsche spielen hier keine Rolle, Herr von Stetten. Es wäre sehr freundlich, wenn Sie jetzt das Zimmer verlassen würden. Zu dieser Stunde sind nämlich bei uns Besucher nicht erlaubt.«

»Dann haben wir uns wohl nichts mehr zu sagen«, meinte Armin von Stetten, zu seiner Tochter gewandt.

»Nein, Vater«, erwiderte sie.

Grußlos ging er. Karin schüttelte den Kopf. »Es tut mir leid, daß Ihnen das nicht erspart bleiben konnte«, murmelte sie und legte der jungen Mutter den kleinen Angelo in den Arm.

»Einmal hätte es doch sein müssen, Schwester Karin. Ich bin ganz ruhig.« Zärtlich strich Angela über das winzige Köpfchen. »Ich habe dich, mein Kleiner«, sagte sie weich. »Du wirst in einer Welt aufwachsen, die keine Vorurteile kennt. Wir werden dich sehr lieb haben, dein Papi und ich.«

»So ist es recht, Kindchen«, sagte Schwester Karin mütterlich. »Eines Tages wird auch Ihr Vater einsehen, um was er sich selbst gebracht hat.«

*

Zwei Entbindungen hatte Leon an diesem Morgen. Eine ganz unkomplizierte und einen Kaiserschnitt.

Den Empfang bei den Costellas hatte er darüber ganz vergessen. Sein Schwiegervater war es, der ihn daran erinnerte.

»Ihr seid ja heute abend wieder auf Achse, wie ich vernahm«, stellte er fest. »Schau, daß du ein bißchen früher fertig wirst, damit du nicht zu müde bist. Viel geschlafen hast du während der letzten Tage wohl nicht.«

Man sah es Dr. Laurin an. Ein Blick in den Spiegel überzeugte ihn selbst davon. Die Lust, zu dem Empfang zu gehen, war ihm schon vergangen, aber dann dachte er daran, daß sich Antonia extra ein neues Abendkleid hatte arbeiten lassen, und eine leise Neugier war auch in ihm, wie sie diesmal Manuela Costella begegnen würde.

Frau Plaschek hatte Leon heute mit der bissigen Bemerkung entlassen, daß er sie hier nicht mehr zu sehen wünsche. Sie war daraufhin in Tränen ausgebrochen und hatte ihm versichert, daß er doch der einzige Mensch sei, zu dem sie noch Vertrauen hätte.

Leon mußte fast darüber lachen. Es gab schon komische Menschen. Bei manchen mußte man sich jedes Wort überlegen, damit man sie nur ja nicht kränkte, und andere wiederum verstanden nur scharfe Töne. Dr. Hannen hatte ganz verblüfft geschaut, als sein Chef so mit Frau Plaschek umsprang, ohne daß sie ausfallend wurde.

»Wenn ich so mit ihr gesprochen hätte, wäre sie mir wohl ins Gesicht gesprungen«, bemerkte er.

»In ein paar Jahren haben Sie den Dreh auch heraus«, stellte Leon fest. »Übrigens – was ich Ihnen noch sagen wollte, Herr Kollege, mein Schwiegervater sieht es gar nicht gern, wenn unter Ärzten und Angestellten zu persönliche Beziehungen blühen.«

Hannens Miene wurde eisig. »Ich weiß nicht, worauf Sie anspielen, Herr Laurin«, sagte er.

»Oh, das ist leicht gesagt«, stellte Leon unverblümt fest. »Fräulein Sellin, meine Sekretärin, zeigt ziemlich deutlich, daß sie an Ihnen interessiert ist.«

Hannen machte eine abwehrende Handbewegung. »Ich habe nichts mit ihr zu schaffen«, erklärte er kühl.

»Sie brauchen sich nicht gleich auf den Schlips getreten zu fühlen«, bemerkte Leon. »Ich schätze Offenheit und hoffe, daß wir uns darin verstehen. Noch eins – heute abend bin ich nicht zu Hause zu erreichen. Ich hinterlasse für dringende Fälle meine Telefonnummer. Aber ich denke, daß Sie schon allein zurechtkommen werden.«

»Ich werde mir Mühe geben«, bemerkte Dr. Hannen ironisch.

*

Auf dem Weg zum Friseur fuhr Antonia schnell bei Corinna Sternberg vorbei, um endlich ihre persönlichen Glückwünsche zur Hochzeit anzubringen.

Corinna sah hinreißend aus, wie Antonia feststellen konnte. Ihre schönen Augen leuchteten, als sie Antonia herzlich begrüßte.

»Wie lieb, daß du kommst«, sagte sie erfreut. »Bei uns sieht es schon ganz nach Umzug aus, aber wenn wir erst im Haus sind, werden wir unsere Hochzeit noch nachfeiern.«

»Und dann bekommt ihr auch erst unser Geschenk. Diese Woche ist so schnell vergangen. Bis man sich umschaut, ist wieder ein Tag vorbei. Unsere Männer sind ja beide schwer beschäftigt. Augenblicklich haben wir auch noch eine Menge anderer Verpflichtungen.«

Antonia konnte sich nicht lange aufhalten, aber sie ging mit dem Versprechen, daß sie und Corinna sich künftig regelmäßig treffen wollten. Als sie das Haus verließ fuhr ein Sportkabriolett mit einer ausländischen Nummer vor, die Antonia auffiel. Dem Wagen entstieg ein dunkelhaariger Mann, der sich suchend umblickte.

Antonia ging rasch zu ihrem Wagen, aber unwillkürlich blickte sie sich doch noch einmal um und sah, wie der Mann durch die Tür ging, durch die sie eben hinausgetreten war.

*

Als es läutete, dachte Corinna Sternberg, daß Antonia vielleicht etwas vergessen habe und noch einmal zurückkäme.

Nichts Böses ahnend, öffnete sie und fuhr erschrocken zurück. »Was willst du hier?« fragte sie unwillig.

»Aber Corinna – was ist das für ein Empfang?« Die Stimme des Mannes klang vorwurfsvoll. Er machte einen Schritt auf sie zu und streckte die Hände nach ihr aus, als wolle er sie umarmen, aber sie wich rasch bis zum Fenster zurück.

»Verlaß sofort diese Wohnung, Peter!« sagte sie drohend. »Ich will mit dir nichts mehr zu schaffen haben.«

»Aber Corinna, warum so böse? Was habe ich dir getan?«

»Das fragst du noch?« stieß sie hervor. »Man sollte es nicht für möglich halten, aber du kommst nach fast einem Jahr und tust, als wäre nichts geschehen.«

»Ich war kopflos, Corinna. Der Schrecken hat mich völlig verwirrt. Ich mußte mir wieder eine neue Existenz suchen. Jetzt stehe ich wieder auf sicheren Füßen. Jetzt kann ich dir etwas bieten, Corinna.«

Sie sah ihn fassungslos an. »Das ist alles, was du zu sagen hast?«

Er betrachtete sie aufmerksam. »Ist doch alles prächtig verheilt«, meinte er leichthin. »Die Ärzte haben mal wieder alles zu schwarz gemalt. Geh, Corinna, sei doch nicht so nachtragend!«

»Ich bin nicht nachtragend. Ich habe alles selbst verschuldet, indem ich an deine blödsinnigen Experimente glaubte. Du hättest mich vor der Transplantation sehen sollen, vielleicht wäre dir dein Übermut dann doch vergangen. Aber was rede ich da! Es gibt ja nichts, was dich mehr interessieren könnte als du selbst. Wir brauchen nicht mehr zu debattieren. Ich bin verheiratet. Mit Eckart!«

»Du hast diesen sentimentalen Narren geheiratet?« empörte er sich.

»Ja, sie hat den sentimentalen Narren geheiratet«, ertönte plötzlich Eckarts Stimme. Sie hatten ihn nicht kommen hören, da Peter laut und erregt gesprochen hatte. »Verschwinden Sie, Dohrmann, bevor ich Sie hinauswerfe.«

Dohrmann kniff die Augen zusammen. »Ist das ein Ton, wie er unter Gentlemen üblich sein sollte?« höhnte er.

»Ich sehe keinen Gentleman«, knurrte Eckart wütend. »Sie waren nie einer, und ich will jetzt keiner sein. Genügt es Ihnen nicht, was Sie angerichtet haben? Können Sie Corinna nicht in Ruhe lassen? Ich habe immer geahnt, daß Sie wieder aufkreuzen, wenn Sie mit Ihrem großartigen Talent nicht weiterkommen.«

»Ich wollte Corinna an meinem Erfolg teilhaben lassen«, erklärte Dohrmann hochtrabend. »Finden Sie es nicht auch lächerlich, daß eine Frau ihres Formates in einem kleinen Haushalt dahinvegetieren soll? Sie wird bestimmt bald ausbrechen…«

»Jetzt ist es genug«, mischte sich Corinna ein.

»Ja, jetzt ist es genug! Verschwinden Sie.« Drohend ging Eckart auf Peter Dohrmann zu, und obgleich er bedeutend kleiner war als dieser, wich der jetzt doch zurück.

»Ich kann es abwarten«, sagte er an der Tür. »Eines Tages kommt Corinna doch zu mir zurück.«

Eckart Sternberg starrte auf die Tür, die sich hinter Peter Dohrmann geschlossen hatte. Seine Hände waren zu Fäusten geballt.

»Diese Unverschämtheit«, murmelte Eckart. »Er hat keinerlei Hemmungen. Wie gut, daß ich kam, mein Liebes.«

»Er konnte nicht sagen, was er wollte«, flüsterte sie. »Er wird wiederkommen. Er will bestimmt die Formeln haben.«

»Welche Formeln?« fragte Eckart drängend.

»Meine eigenen. Ich habe selbst experimentiert, und ich wäre zum Erfolg gekommen, aber da hat er mich ausgelacht, und dann geschah das Unglück. Aber so ohne weiteres will er es wohl nicht zugeben, daß er ohne mich nicht weiterkommt. Da wollte er erst ein bißchen Süßholz raspeln.«

»Ich zerbreche ihm alle Knochen im Leibe, wenn er sich hier noch mal sehen läßt«, knurrte Eckart.

»Das brauchst du nicht, Liebster. Ich werde immer gut aufpassen und ihn nicht mehr einlassen.«

»Und wenn er dich auf der Straße trifft?«

»Ich habe keine Angst mehr, und was die Formeln betrifft: Ich habe alle Unterlagen Professor Kuhnert übergeben. Er kennt einen jungen begabten Chemiker, der sie auswerten wird. Ich will damit nichts mehr zu tun haben. Ich will nur noch deine Frau sein.«

»Meine Corinna«, flüsterte Eckart zärtlich. »Meine geliebte Corinna.«

»Ich liebe dich so sehr, Eckart«, gab sie innig zurück. »Es war ein weiter Weg, aber nun kann uns nichts und niemand mehr trennen.«

*

Dr. Laurin hatte seine Frau gebührend bewundert. Antonia sah aber auch besonders attraktiv aus in dem wundervollen Kleid und der bezaubernden neuen Frisur. Leons Müdigkeit war vergessen.

Lächelnd bot er Antonia den Arm. »Darf ich bitten, Prinzessin?« sagte er neckend. Leon sah ebenfalls umwerfend gut aus. Natürlich bemerkte das auch Manuela Costella, die Dr. Laurin überschwenglich begrüßte. Für Antonia hatte sie nur einen abschätzenden Blick.

Deutlich ließ sie es spüren, daß Antonia nur eine untergeordnete Rolle für sie spielte, was allerdings Herr Costella wiedergutzumachen versuchte, indem er Antonia mit Komplimenten förmlich überschüttete.

Manuela gab sich die erdenklichste Mühe, Leon dorthin zu dirigieren, wohin sie ihn haben wollte, aber so einfach war das gar nicht. Entweder durchschaute Costella seine Frau, oder er war so harmlos, daß er ihren Bemühungen keine Bedeutung zumaß. Leon warf seiner Frau einen flehenden Blick zu.

Antonia aber war rasch abgelenkt. Sie hatte eben noch vorgehabt, Leon darauf vorzubereiten, daß auch Sir Cunningham anwesend sein würde, was sie bisher versäumt hatte, als ihr Blick auf einen anderen Mann fiel. Jenen Mann mit dem verwegenen Gesicht, der heute mittag das Ärztehaus betreten hatte.

Komisch, dachte Antonia, es gibt doch immer wieder Zufälle. Aber da kam schon Sir Cunningham mit lächelnder Miene auf sie zu, und mit einem raschen Seitenblick bemerkte sie, daß Leon unwillig die Stirn runzelte.

Es war zu spät. Sie konnte ihm nicht mehr sagen, daß sie den Engländer neulich schon gesehen hatte, und sie hatte ein unbehaglichen Gefühl dabei.

Nicht zu Unrecht, wie Antonia gleich feststellen konnte, denn Cunningham ließ keinen Zweifel darüber offen, daß dies nicht ihre erste Begegnung in München war. Leons Miene war ein einziger Vorwurf. Antonia blickte ihn verzeihungheischend an, aber er widmete sich nun Manuela Costella.

Verflixt, dachte Antonia, wie konnte ich das auch versäumen! Nun denkt er sicher, ich hätte Heimlichkeiten vor ihm.

Cunningham redete charmant auf Antonia ein, aber sie hatte keine Ohren für seine geistreichen Bemerkungen. Sie fühlte, wie die Blicke des Fremden mit dem verwegenen Gesicht auf ihr ruhten, und sie hatte ein ausgesprochen unbehagliches Gefühl. Nun kam

er auch noch auf sie zugeschlendert.

»Ach, Percy«, sagte er lässig, »würden Sie bitte die Freundlichkeit haben, mich mit dieser charmanten jungen Dame bekannt zu machen?«

»Mr. Dohrmann – Frau Dr. Laurin«, stellte Cunningham formell vor.

Dohrmann… Woher kenne ich den Namen, dachte Antonia, doch dann wurde es ihr jäh bewußt. Jetzt wußte sie auch, wen Dohrmann heute mittag besucht hatte: Corinna!

»Frau Dr. Laurin«, sagte Peter Dohrmann gedehnt. »Welch ein seltsamer Zufall! Ich glaube, wir haben uns heute schon einmal gesehen.«

»So, ich kann mich nicht erinnern«, meinte sie abweisend und gegen besseres Wissen.

»Sie wollen sich nur nicht erinnern«, raunte Dohrmann ihr zu und lächelte herausfordernd.

»Können Sie meinen Mann irgendwo entdecken, Sir Cunningham?« fragte Antonia.

»Leider nicht«, murmelte er.