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Argalan ist ein junger Druide auf Wanderschaft, der sich verliebt, einen neuen Meister und ein neues Zuhause findet, seine Kenntnisse um das keltische Wissen erweitert und vertieft bis hin zur Großen Prüfung. Der einen Sohn großzieht und dann aufbricht, um die Lehre weiterzuverbreiten. Fern der Esoterik versuchte Gold auf dem Boden der wissenschaftlichen Erkenntnisse das Leben der ersten Europäer zu zeichnen. Soweit dies möglich war, bei Dutzenden Völkern, Hunderten Göttern und Menschen, die es liebten, ausschweifende Geschichten zu erzählen. Dies ist aber auch die Geschichte über den Ursprung von Märchen und Mythen. Über die Geburtsstunde der Archetypen und die Quelle der Sagen und Legenden, denen wir heute noch begegnen. Nach "Caesars Zeit", "Ballawatsch", "Alexanders Abschied" und "Fata Morgana" eine völlig neue Seite von Mark Gold. Wobei er seinem Stil und seinen Charakteren treu bleibt und der Wald diesmal beinahe eine Hauptrolle bekommt. J. E.
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Seitenzahl: 294
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Nach einem Jahr
Feuer in den Wäldern
Die Namen der Götter
Zauberei und Wissen
Bedenke, wo du stehst
Samhuin
Die Geburt des jungen Herrn
Im Bauch der Erde
Die Coilan
Ziel dieses Buches war es, ein Bild der Gründer der europäischen Zivilisation zu zeichnen und dabei, abseits von esoterischen Träumereien, auf dem halbwegs gesicherten Boden von Keltologie, Soziologie und ähnlichen Erkenntnissen zu bleiben. Auch wollte ich nicht vergessen, dass genau in dieser Zeit die europäischen Mythen, Märchen und Legenden wurzeln.
Mein Dank gilt auch und vor allem Professor Raimund Karl (Dozent der Bangor University und Universität Wien) für seine herausragende Analyse eisenzeitlicher Sozialstrukturen, die es mir ermöglichte, einen gezielten, wissenschaftlich fundierten Einblick in das Leben der ersten Europäer zu bekommen.
Sprachforscher werden weniger erfreut sein, denn unter den Völkern der Kelten gab es unzählige Dialekte und ich bin überzeugt, dass Sprache sich mit den Siedlungen und mit der Zeit wandelt. Aus diesem Grund sind Namen und Bezeichnungen von mir nur phonetisch angelehnt und werden in der modernen Sprachforschung wohl kaum Entsprechung finden. Vielleicht aber in der europäischen Mythologie.
Mir ging es aber nicht um Forschung, sondern darum, eine Geschichte zu erzählen. Und dies so nah an der Wahrheit, wie das 4000 Jahre später möglich ist. Trotzdem bleibt es eine Geschichte, und ob sie sich wirklich so zugetragen hat, ist äußerst fraglich. Die Orte, Personen, Dinge und Ideen mag es so gegeben haben, da bin ich sicher. Nur werden wir über die Völker, die vor den Kelten lebten, vielleicht niemals mehr erfahren. Oder über den Grund, warum die Kelten zwar weite Teile Europas besiedelten, den Bereich nörd- und östlich der Donau jedoch mieden. Warum, trotz aller Unterschiede und Entfernungen, doch eine ziemlich einheitliche Kultur entstand. Oder warum der „große, dunkle Wald“ immer wieder in den Märchen und Mythen der Menschen auftaucht.
Mark Gold
Müde setzte sich der junge Mann auf den von der Sonne gewärmten Stein. Schon weit war er an diesem Tag gewandert. Und die helle Sonne am fast wolkenlosen Himmel schien beweisen zu wollen, dass nach den langen, dunklen Monaten des Winters schon wieder ordentlich Kraft in ihr steckte. So lockte sie rings umher die ersten grünen Spitzen der Veilchen hervor und streute scheinbar wahllos die hellen Punkte der Frühlingsknotenblumen zwischen das zaghafte Grün des jungen Grases. Vorsichtig schienen sie und noch ein wenig unsicher, ob dieser Wärme denn überhaupt schon zu trauen war. Nur goldgelbe Büsche prangten bereits verschwenderisch in der Landschaft.
Als er von seinem Dorf aufgebrochen war, war noch Schnee gelegen, und das nicht nur am Waldrand. Aber seither waren viele Tage vergangen.
Wie viele Tage es waren, er hätte es so schnell nicht sagen können. Er hatte nicht daran gedacht, sie zu zählen. Es war ein fast wehmütiges Lächeln, das über sein jugendlich glattes Gesicht huschte, als er daran dachte, wie ungeduldig er am Anfang seiner Reise gewesen war. Jeden Tag hatte er erwartet, den großen Fluss hinter dem nächsten Hügel zu entdecken. Und gleich dahinter den von Sagen umwobenen nördlichen Wald, den düsteren Wald mit all seinen Wundern. Den die Alten in den Geschichten so oft nannten. ‚Geh immer der aufgehenden Sonne entgegen. So lange, bis du den großen Fluss gefunden hast.‘ So hatte der alte Mann es ihm aufgetragen. Und Argalan war der aufgehenden Sonne entgegengeeilt. Weil er geglaubt hatte, der alte Mann hätte etwas von Eile gesagt. Die ersten Tage, so konnte er sich erinnern, da hatte er sich beeilt, war er gelaufen, von Hügel zu Hügel. Proviant und Wasser führte er mit sich, das sparte ihm Zeit, weil er nicht danach suchen musste. So wie er den größten Teil seines Erbes bei sich trug, seit sein Vater ihn zur Lehre entlassen hatte. Die Übungen, die ihm auf seine Reise ebenso mitgegeben worden waren, die hatte er vernachlässigt. Die Zeremonien, die notwendig waren, um den Tag zu gliedern, die hatte er halbherzig und hastig durchgeführt. Bis zu dem einen Tag, an dem er müde, atemlos und hungrig auf einem Hügel hingesunken war. Wütend auf den großen Fluss, der sich noch immer nicht zeigen wollte. Wütend auf den alten Mann, von dem er meinte, belogen worden zu sein. Wütend auf sich selbst, weil er, erschöpft, hungrig und mit pochendem Herzen, trotz müder Beine und knurrendem Magen den vermeintlich letzten Hügel hinaufgestürmt war. Doch dahinter hatte sich ihm wieder nur eine kleine Mulde dargeboten. Und nach der Ebene wieder nur ein unbedeutender Hügel. Wogendes Gras, ein paar verträumte Hecken, Wald und kleine Lichtungen. Aber noch immer kein Zeichen eines großen Flusses, sodass er allmählich zu zweifeln begann, ob es diesen großen Fluss nicht doch nur in den alten Sagen gab. Sollten alle die, die von ihm berichtet hatten, nur Aufschneider und Schaumschläger gewesen sein? Da war ihm, als klänge das Lachen des alten Mannes Garlond wieder in seinen Ohren. Was war doch gleich dessen Antwort gewesen auf die Frage, wie lange er denn unterwegs sein würde?
Zuerst hatte der Alte gelacht. Lange und laut, wie es seine Art war, und sein langes, graues Haar aus seinen übermütig blitzenden Augen geschüttelt. Um dann doch herablassend zu sagen: „Das kommt ganz darauf an, wie langsam du gehst. Und wie viel Achtsamkeit du auf die Dinge lenkst, die zu tun und zu entdecken sind.“
In seinem Eifer hatte Argalan gemeint, der Alte riet ihm, nicht zu trödeln. Nicht bei all den Wundern, die ihm begegnen würden, zu lange zu verweilen, sondern seine ganze Achtsamkeit auf sein Ziel zu lenken. Nicht auf seinen Weg. Und so hatte er sich beeilt und war an hundert Dingen vorüber gestürmt, die er doch gerne bestaunt hätte. Hungrig dort in dem Gras des Hügels sitzend, war er sich dann zum ersten Mal dieser Anweisung nicht mehr so sicher gewesen.
Der alte Mann wusste natürlich ganz genau, dass er mit solchen Worten auch die Neugier seines Schülers anstachelte. Und er wusste, dass unzählige Fragen und Versuche folgen würden, um Klarheit zu finden. Aber diesmal, anders als sonst in all den Jahren, hatte er sich von den Bitten des Jungen nicht erweichen und von den Finten nicht täuschen lassen. Nur ein fast hinterhältiges Lächeln hatte er ihm mitgegeben. Und einen einzigen Ratschlag fügte er beim Abschied noch hinzu – an jedem Tag das zu tun, was an diesem Tag zu tun war.
Oh, es hatte lange gedauert, bis Argalan diesen Ratschlag endlich verstanden hatte.
Also war er dort oben auf dem Hügel ans Werk gegangen. Hatte, hungrig, wie er gewesen war, sein hastiges Herz gezügelt und aus den Tiefen seines Medizinbeutels die acht Steine der Welt entnommen, einen magischen Kreis gebaut und sich versenkt.
So wie Wut und Hast allmählich aus seinem Herzen gewichen waren, so war auch der Hunger erträglicher geworden. Und kaum hatte er seinen Weg dann fortgesetzt, da entdeckte er einen Strauch mit frühen Beeren. Allerdings etwas abseits des Weges. Dies war der Augenblick gewesen, an dem er aufgehört hatte, seine Schritte zu zählen. Dies war der Tag gewesen, an dem er aufgehört hatte, die Tage zu zählen. Er hatte aufgehört, darüber zu grübeln, was sich wohl hinter dem nächsten Hügel verbergen würde. Dafür entdeckte er nun Pflanzen und Kräuter unzähliger Art. Viele davon konnte man immer gebrauchen, und so hatte sich sein Vorrat bald wieder gefüllt. Manche hatte er auch mitgenommen, gerade weil er sie nicht kannte. Sorgsam verwahrt in einem eigenen Beutel. Ernsthaft und ohne Hast widmete er sich nun den Zeremonien des Tages und ebenso ernsthaft betrieb er seine Übungen. So ernsthaft, dass er bald nur noch von einem Schritt zum nächsten dachte und nicht mehr an die vielen, die noch vor ihm lagen. Darum musste es kommen, dass er eines Tages unvermittelt auf einem Hügel stand und unter sich ein breites, glitzerndes Band in der Abendsonne erblicken musste. Der große Fluss, der Weg der mächtigen Göttin Danua. Lange hatte Argalan gesessen, auf diesen Fluss hinunter gesehen und an seinen alten Meister gedacht. Noch hätte er zurückkehren können in seine Heimat, in sein Dorf. Viele der Gesänge kannte er schon und auch das Wesen der Säfte war ihm nicht fremd. Sicherlich hätte er auch so den Platz des alten Garlond nach dessen Tod einnehmen können. Er zweifelte nicht daran. Manche der alten Meister machten es so. Aber Argalan wusste tief in sich, dass da noch vieles war, was ihn der alte Mann nicht lehren konnte. Und er wollte Teil der Bruderschaft werden. Darüber gab es für ihn keinen Zweifel. Schon seit er denken konnte. Doch dazu musste er über den Fluss. Wenn er aber über den Fluss ging, dann würde er seine Heimat nie mehr wiedersehen. So hatte ihm der Alte prophezeit, und es gab keinen Grund, daran zu zweifeln. Der junge Mann hatte seinen Blick fest auf den großen Fluss geheftet, als er mit einem Mal leise in sich hineinlächelnd den Boden mit seiner Handfläche berührt hatte, um dessen Kraft zu fühlen. Woher kamen nur diese dummen Gedanken? Wo auch immer die Große Mutter mit ihrer Kraft das Leben wachsen ließ, dort war seine Heimat. Sein Zuhause war im Schoß der Göttin und nicht am Rande irgendeines kleinen Waldes.
Wenn Argalan es auf seiner Reise auch bisher vermieden hatte, die Wege der Händler zu benutzen, so waren nun bald Weg und Fährleute gefunden gewesen, und mit einer Gruppe von Händlern und Bauern hatte er über den Fluss gesetzt. Eigentlich kein großes Unterfangen, denn auch in seinem Land gab es Teiche und Seen und sein Volk war geübt im Umgang mit Booten. Trotzdem hatte ihn ein mulmiges Gefühl nicht verlassen. Hatte es daran gelegen, dass ein reißender Strom etwas anderes war als ein ruhiger Teich, oder kam es daher, dass nun der zweite Teil seiner Reise begann? Vielleicht, so hatte er damals überlegt, kam dieses Gefühl der Abneigung ja auch daher, dass er nach langer Zeit wieder einmal unter Menschen weilen musste und sich ihren neugierigen Blicken und Fragen ausgesetzt sah.
‚Nun den Großen Fluss entlang abwärts. Bis zur Pforte der Sonne geh, dann wird dir dein Weg gewiesen werden.‘ So hatte die Stimme des alten Meisters in seinen Ohren geklungen.
Den großen Fluss entlangzuwandern hatte jedenfalls keine Schwierigkeit bereitet. Obwohl er auch hier vermieden hatte, den ausgetretenen Pfaden an dem Ufer zu folgen, so gut es ging. Zu viel Volk war hier unterwegs, zu laut ging es dort zu. Zu laut für einen Mann, der den Weg seines Lebens suchte. Auch hatte er es vorgezogen, sein Nachtlager im Wald aufzuschlagen. Die Unbilden der Nacht und des Waldes stand er mit weniger Unbehagen durch als die rotäugigen, von schwerem Met triefenden Blicke in den Schenken und Handelsstationen, die gierig auf den Habseligkeiten der anderen lagen. Zwar war es auch nicht ganz unbedenklich, ohne den Schutz eines Gastwirtes zu nächtigen, schließlich war er auf fremdem Gebiet und somit rechtlos, doch im Wald würde er kaum Menschen finden. Denn dies war bereits der nördliche Wald, auch genannt der düstere Wald, der unmerklich immer dichter an das Ufer des großen Stromes herangetreten war. Viele Geschichten rankten sich um diesen Wald und keine davon war angetan, dass man ihn leichtfertig betrat. Mächtig, abweisend, schweigend und düster erstreckte er sich weit entlang des großen Stromes. Von der Pforte der Sonne im Osten viele, viele Tagesmärsche nach Nordwesten, bis er am Beginn der Ebene der Fremden auslief. Seit Argalan den Fluss überschritten hatte, befand er sich im Gebiet der Bojer, einem Volk, das hauptsächlich östlich der Pforte der Sonne und nördlich des Waldes wohnte. Und in den Rändern des Waldes. Manche behaupteten, einige aus diesem Stamm würden auch im tiefen Wald wohnen. Aber viele der Geschichten sprachen dagegen. In seinen düsteren Tiefen sollten ja auch Trolle, Gnome und Elfen hausen. Sogar schuppige Monster und andere erschreckende Wesenheiten. Die alle waren bekanntlich nicht besonders erpicht auf Begegnungen mit Menschen. Ja, die Geschichten wussten selbst von Bäumen und Steinen des Waldes, die feindselig gegenüber den Menschen eingestellt waren. Manche von ihnen sollten sogar fähig sein, sich zu bewegen. Der Grüne Mann sollte der Herrscher des Waldes sein. Und die Wandelnden Bäume waren seine Diener, Augen und Ohren. Auch hieß es, dass in diesem Wald an manchen Stellen die Tore zur Anderen Welt offen standen. Und das nicht nur zu Samhuin, sondern das ganze Jahr über. Und dass schon mancher, der zu viel an Wagemut besaß, darin für immer verschwunden war. Doch hinter all den Schrecken verbreitenden Geschichten, und deren gab es so viele, wie sie gerne erzählt wurden, da lag noch eine weitere, dunklere. Auch wenn niemand es laut auszusprechen wagte, so munkelte man doch, dass in diesem Düsteren Wald noch andere Wesen aus den Tiefen der Zeit überlebt hätten. Furchtbare Kreaturen aus jener Zeit vor den ersten Menschen, bevor die Völker die Welt besiedelt hatten, beinahe Götter und doch Tiere. Eifersüchtig und neidisch auf die Menschen.
Viele dieser Gesänge kannte Argalan, und so war ihm nicht ganz wohl bei dem Gedanken, in diesen Wald einzudringen, um sein Lager dort aufzuschlagen, und lange hatte er es vermieden. Doch mit jedem Tagesmarsch rückte der Wall der dunklen Bäume näher an den Fluss. Trotz seiner Jugend wusste er aber auch, entgegen all den fremden Schrecken, von denen er gehört und selbst erzählt hatte, dass der größte Feind des Menschen immer noch der Mensch selbst war. Was immer in diesem Wald leben mochte, gefahrlich war es nur durch schlechte Erfahrungen mit Menschen geworden.
Mit jedem Tag, den er wanderte, drängte sich der Wald dichter und düsterer an den Strom, immer schmaler war das Tal geworden, bis steile Hänge einen reißenden, gurgelnden Strom bedrängten. Und Argalan hatte erkannt, dass dieses enge Tal der Sonne entgegen genau nach Osten ging.
Er hatte die Pforte der Sonne erreicht.
Genussvoll schloss er die Augen auf dem warmen Stein und rief sich das Bild des heutigen Morgens noch einmal in Erinnerung. Wie immer hatte er die Schenke vermieden und war ein gutes Stück Wegs weiter einem kleinen Bach den Berg hinauf gefolgt, um die Nacht zu verbringen. Am Morgen hatte er sich gewaschen, kniete neben dem Bach, dankte der Göttin der Quelle für ihre Gabe, als gerade vor ihm dieser riesige Ball aus dem Fluss stieg und das wieder weite Tal erfüllte. Zwei Tage war es nun her, dass er die Pforte der Sonne passiert hatte.
Inzwischen stand die Sonne hoch am Himmel und wärmte ganz ordentlich. Der Weg entlang der Hänge war schwierig gewesen, und so gönnte er sich gerne diese kleine Pause mit geschlossenen Augen in der wärmenden Sonne. Eine Rast für Körper und Geist. Für den Körper, der müde war von dem erhitzenden Anstieg. Für den Geist, der seit dem Morgen unruhiger war als sonst, der sich abmühte und grübelte. Zumal hier die Anweisungen seines alten Meisters endeten.
‚An der Pforte der Sonne wird dir dein Weg gewiesen werden.‘
Bis zu diesem Morgen hatte er nicht viel darüber nachgedacht, was der Alte damit gemeint haben konnte, nun tat er es unaufhörlich. Meinte er eine innere Stimme? Oder war da ein Zeichen, das er erkennen musste? Gab es vielleicht so eine Art Wegweiser zum heiligen Hain der Alten? Hätte er an der Pforte ausharren müssen oder lag die Antwort auf seine Fragen hinter der Pforte im Land der Bojer?
Die vielen Tage und Nächte in der Natur hatten seine Sinne geschärft. So fühlte er das leichte Trippeln, das sich ihm näherte, noch bevor er es hören konnte. Zögernd kam etwas von der Seite auf ihn zu. Blieb ängstlich stehen, machte einen Schritt und, behutsam, noch einen. Als Argalan etwas Raues, Warmes über seinen Handrücken gleiten fühlte, öffnete er die Augen und sah eine kleine schwarz und weiß gefleckte Ziege den salzigen Schweiß von seinem Handrücken lecken. Erschrocken durch seine Aufmerksamkeit stakste sie einen Schritt zurück. Da sich der große, warme, salzige Felsen aber nicht bewegte, kam sie gleich darauf wieder, um weiter zu lecken. Eine Zeit lang ließ er sie gewähren, dann hob er vorsichtig die Hand und kraulte sie an der Stirn zwischen den kleinen Hörnchen. Genüsslich ließ sie es sich gefallen und es war sichtlich nicht das erste Mal, dass sie gekrault wurde. Wahrscheinlich war sie einem Bauern in der Umgebung ausgerissen. Er hatte diese Überlegung noch nicht zu Ende gedacht, als ihre spitzen, scharfen Ohren ein Geräusch vernahmen, das ihr so ganz und gar nicht zu gefallen schien. Aber noch bevor sie einen Satz zur Seite und in den Schutz des Gebüsches machen konnte, hatte Argalan sie an den Hörnern gepackt und hielt sie fest. Auch er hatte einmal Ziegen gehütet, es war noch gar nicht so lange her. Zwei haarige Bündel brachen durch das Dickicht. Der Junge blieb überrascht stehen. Nicht so der große Hund. Der stürmte vor, hatte er doch endlich gefunden, wonach er den ganzen Morgen suchte. Auch wenn der groß gewachsene Mann ihn verwirrte. Aber trotz seines bösen Knurrens und der gefletschten Zähne streckte ihm dieser Mann ruhig die freie Hand entgegen und ließ ihn seine Witterung aufnehmen. Nichts darin sprach von Gefahr. Nichts in der ruhigen Witterung und keine der gemächlichen Bewegungen. Die Witterung sprach von Bäumen und Sträuchern, sie erzählte von einem kleinen Feuer, von einer frischen Quelle und von getrockneten Früchten und Kräutern. Schnell beruhigte sich der große Hund, stellte das Knurren und Zähnefletschen ein und begann stattdessen die Hand des Mannes ausgiebig zu beschnüffeln. Das haarige Knäuel am Rande des Gebüsches, selbst kaum größer als der Hund, starrte noch immer schweigend zu dem groß gewachsenen Mann hin.
„Ist das deine Ziege?“, fragte Argalan langsam und betont.
Das Fellknäuel blinzelte und legte die Stirn in Falten. Sein Blick hing aber gebannt an dem mit Leder umwickelten Griff des Schwertes, der unter Argalans Reisemantel hervorsah.
„Das – deine Ziege?“, wiederholte der junge Mann und bemühte sich, den harten Dialekt zu treffen, den er hörte, seit er über den Fluss gesetzt hatte. Aber noch immer rührte sich der Junge nicht. Langsam und nachdenklich kraulte Argalan den schweren Hundekopf, der sich auf seine Beine gelegt hatte, und überlegte, was er mit dem stummen Jungen anfangen sollte, als eine schnaubende Stimme aus dem Unterholz kam.
„Die Ziege – meine Ziege!“
Ein Mann mit langem Bart und blitzenden Augen bahnte sich seinen Weg und trat neben den Jungen. Auch seine langen grauen Haare waren wirr und vom Gestrüpp zerzaust. Einen schweren Mantel trug er auf seinen Schultern und einen dicken Stab in seiner Hand. So sah einer aus, der lange Nächte bei seinen Tieren wachte.
„Sagt Ihr dem Jungen, er soll die Ziege anbinden“, entgegnete ihm Argalan. „Wenn ich sie loslasse, ist sie im Wald verschwunden.“
Der Mann nickte und gab dem Jungen einen derben Stoß in den Rücken. Der taumelte los, brachte einen Strick hervor und legte ihn der kleinen Ziege um den Hals. Wobei er sorgsam vermied, dem Mann auf dem Stein zu nahe zu kommen oder gar den Rücken zuzukehren. Zuerst sträubte sich die Kleine, als er sie wegzog, dann aber trottete sie friedlich zu dem Alten und rieb ihren kleinen Kopf an seinen Beinen. Er nahm sie mit einer oftmals geübten Bewegung auf und sie schmiegte sich sofort in seinen Arm. „Meine Ziege!“, wiederholte er noch einmal bestimmt und Argalan musste lachen.
„Ja, es sieht ganz so aus, als würdet ihr euch kennen.“
Jetzt flog auch ein erleichtertes Lächeln über das Gesicht des Alten, nur der Junge sah noch immer ängstlich zu dem Mann auf dem Stein, um sich dann flüsternd an den Alten zu wenden. Der runzelte die Stirn und sah nachdenklich zu Argalan hinüber.
„Er hält Euch für einen Gaseater, junger Freund“, erklärte er.
Argalan nickte und verstand den Jungen ein wenig besser. Und er musste lächeln. Das Schwert tat seine Wirkung.
„Und was sagt Euch Euer Hund, Meister der Ziegen?“
Nachdenklich warf der grauhaarige Mann einen Blick auf den struppigen Hund, der es sich neben dem jungen Mann bequem gemacht hatte und sich mit geschlossenen Augen wohlig dem Kraulen hingab. Ein kurzer, kaum hörbarer Pfiff holte ihn aus dem Land der Träume und auf die Beine. Sofort trottete er zu seinem Herrn und legte sich neben ihn.
„Ihr könnt sehr gut mit Tieren umgehen“, nickte Argalan anerkennend, aber der Alte ging nicht darauf ein.
„Mein Hund sagt mir, dass Ihr eine gute Witterung habt, junger Herr. Was mir zumindest sagt, dass Ihr nicht aus den Schenken am Weg kommt und dass Ihr in den letzten Tagen niemanden getötet habt. Aber er sagt mir nicht, wer Ihr seid, Herr, oder was Ihr hier sucht.“
Für einen kurzen Augenblick sah der junge Mann nachdenklich zu Boden. Dann traf er eine Entscheidung. Er erhob sich und streckte sich durch. Argalan war groß gewachsen und überragte die meisten Menschen, doch er entdeckte, dass er nur wenig größer war als der alte Mann mit der Ziege auf dem Arm.
„Mein Name ist Argalan, Sohn des Argal“, begann er langsam und bedächtig. „Ich komme viele Tagesreisen aus dem Westen her, von jenseits des großen Flusses. Das Schwert ist ein Gaseatenschwert, da hat der Junge recht. Ich trage es auf Anraten meines alten Meisters und es leistet mir gute Dienste – wenn ich Holz für ein Feuer brauche oder wenn ich ein Kraut ausgraben will. Und es hält mir Menschen auf Abstand, denen auch die wenige Habe eines armen Wanderers nicht zu minder ist, um ihren Neid zu entfachen. Aber es gehört mir nicht. Es soll ein Geschenk sein dort, wohin ich gehe. Den Weisungen meines Meisters folge ich und hier, hinter der Pforte der Sonne, endet zwar sein Rat, nicht aber meine Reise. Ich bin aufgebrochen, um im heiligen Hain der Alten zu lernen. Und ich suche jemanden, der mir den Weg dorthin weisen kann. Ihr habt recht, wenn Ihr mich Herr nennt, denn ich bin ein Freier von Rang nach Geburt und nach Ausbildung. Auch wenn diese Ausbildung noch lange nicht beendet ist.“ Der Junge wandte sich zu dem Mann, öffnete den Mund und bekam einen leichten Klaps von dem Alten darauf, bevor er einen Ton herausbringen konnte.
„Entschuldigt meine mangelnde Freundlichkeit, Herr“, antwortete der Grauhaarige, wenngleich ohne auch nur im Geringsten unterwürfig zu wirken. „Dies ist ein gutes Land, um zu leben, aber nicht alle Leute, die durch die Pforte reisen, tun dies in friedlicher Absicht. Und selbst wenn ihre Absichten friedlich sind, einen Ziegenbraten verschmähen die wenigsten. Aber dass ein so junger und gelehrter Kopf wie Ihr der alten Legende auf den Leim gegangen ist! “
Schallendes Gelächter wollte aus ihm herausbrechen, doch fast im gleichen Augenblick besann er sich und schüttelte den Kopf.
„Was bin ich doch für ein alter Narr! “, brummte er zu sich selbst. „Viel Volk zieht durch die Pforte, aber nur selten ist ein junger Druide auf mystischer Wanderschaft dabei. Und ich vergesse alle Regeln des Gastrechtes. Folgt mir in unser Dorf, junger Herr. Seid unser Gast.“
Schnell war der Junge vorausgeschickt, um die Ankunft des Gastes zu melden, und die beiden Männer folgten ihm gemächlich. Obwohl Argalan nun schon viele Tage in Wäldern verbracht hatte, erstaunte ihn der alte Mann. In der einen Hand trug er den schweren Stab, mit dem anderen Arm die kleine Ziege und auf seinen Schultern lag der weite, schwere Mantel. Trotzdem kam er durch das Unterholz, als würde sich ihm ein Weg öffnen. Argalan hingegen kam sich gegen ihn wahrhaft tollpatschig vor. Als würde er jeden Zweig knicken, der ihm nahe kam, als würde sich seine Kleidung in jedem Dorn verhaken, der sich ihm entgegenstreckte. So war sein Atem etwas kürzer geworden, als sie endlich aus dem Schatten des Waldes hinaustraten, um in das sanft geschwungene Tal einen kleinen Flusses zu sehen. Für einen Augenblick war der junge Mann bezaubert durch die Lieblichkeit des Tales, durch seinen Frieden und die grüne Fruchtbarkeit, die es ausstrahlte. Nur wenig weiter im Süden musste der Fluss in den großen Strom münden, doch das entzog sich seinem Blick. Dafür entdeckte er links von sich einen Hügel, der schroff zum Fluss abfiel, und darauf die Hütten eines Dorfes. Wie eine Wunde lief ein gelblicher Streifen den Abhang hinab, wo der Fluss am Hügel nagte und der helle Sandstein frei lag. Doch magisch angezogen wanderte sein Blick weiter, nach Norden. Dort erhob sich das Land. Wie die dunkle Drohung eines Gewitters stieg es an. Hohe, unfreundliche Bäume, einer abschreckenden Mauer gleich, reckten sich dem Himmel entgegen. Drohend, wie eine düstere Wolke, lag der Schatten am Ende des Tales und erfüllte der Menschen Herz mit finsterer Ahnung und kalter Furcht. Wieder verstand Argalan, weswegen die Menschen den nördlichen auch den düsteren Wald nannten. Auch dem unbedarften Wanderer musste hier klar werden, dass dieses Reich den Menschen gerade mal eben duldete. Er wurde sich bewusst, dass der alte Mann ihn verstohlen beobachtete, war aber nicht in der Lage, dessen Blick zu deuten, denn der Alte gönnte ihm keine Pause.
An der sanft abfallenden Seite des Hügels war das Dorf von einem steilen Erdwall umgeben, an dem meist verfilztes, dorniges Gestrüpp wucherte und ausgezeichneten Schutz bot. Am Eingang des Ringwalles um diese sanfte Seite hatten sich eine Handvoll Menschen eingefunden. Doch sie blieben einige Schritte abseits stehen und besahen sich den Ankömmling genauer und neugierig. An ebendiesem Durchbruch stand ein massiger Wächter mit Schwert, Schild und Lanze und nötigte Argalan ein leises Lächeln ab. Zu offensichtlich hatte der grimmige Krieger sich in aller Eile eingekleidet und seine Waffen angelegt, um dem Ankömmling ein wehrhaftes und wohlhabendes Bild zu bieten. Hinter ihm reihten sich drei junge Mädchen auf und streckten dem jungen Mann ihre Hände entgegen. Salz, Brot und Wasser reichten sie ihm zum Zeichen der Gastfreundschaft. Er nahm ein paar Krümel vom Salz, einen Brocken vom Brot und einen Schluck vom frischen Wasser. Dabei beobachteten ihn nicht nur die Mädchen mit verstohlenen und neugierigen Blicken. Denn es war nicht alltäglich, dass ein Unbekannter das Dorf besuchte. Ein Mann von Rang aus gutem Hause. Und noch dazu ein junger, groß gewachsener Mann mit schlanken Händen und träumerischen Augen. Doch diese träumerischen Augen kamen eher daher, dass Argalan zu verwirrt war, um die neckischen Blicke der Mädchen zu bemerken. Gastfreundschaft war nicht ungewöhnlich und genau genommen ein Gebot des Rechtes und der guten Sitten. Auch wenn gute Sitten in diesen Zeiten immer seltener anzutreffen waren. Dort, wo er aufgewachsen war, da war Gastrecht aber ein Privileg der Mächtigen und wurde gewährt, wenn der Oberste der Siedlung es aussprach. Auch einem Druiden, einem Wohlhabenden von Rang, einem großen Kämpfer oder einem Handwerker von großem Ansehen war es gestattet, die Gastfreundschaft eines Dorfes zu gewähren. Vielleicht noch einem Barden. Zu viele Verstrickungen konnte es nach sich ziehen, unbedacht einem Unbekannten volles Gastrecht und rechtlichen Schutz zuzuerkennen. Einen Ziegenhirten hätte man in seiner Heimat ausgelacht, wenn er auf die Idee gekommen wäre, Gastrecht zu gewähren. Hier aber lachte niemand.
Die Mädchen geleiteten ihn vorbei an einem kleinen Hain mit Obstbäumen und an offensichtlich liebevoll gepflegten Beeten nahe den kleineren Hütten vor eine der weitläufigen Hütten in der Mitte des Dorfes, wo der Oberste und die Männer des Dorfes ihn begrüßten, verwundert über seine Jugend. Ein wenig zu freundlich fiel diese Begrüßung aus, wie es dem jungen Mann schien. Die Ältesten des Dorfes und die großen Krieger wurden ihm vorgestellt, Familienverhältnisse und Ahnen beschworen, und wieder erzählte er seine Geschichte von seinem alten Meister und seiner Wanderschaft zum Heiligen Hain der Alten, um die höchste Stufe der Bruderschaft zu erlangen. Dieser Teil seiner Erzählung schien die Menschen ein wenig zu verwirren. Vielleicht lag es auch daran, dass das große Horn mit Met, das zur Begrüßung herumgereicht wurde, wieder neu gefüllt werden musste. Als Argalan schon geradeheraus nach dem Weg fragen wollte, da erhob man sich und der Oberste gab Befehl, ihn zum Alten zu führen. Wieder nahmen sich die drei Mädchen des jungen Mannes an und schoben ihn sanft weiter. All der Trubel, die vielen Menschen, die auf ihn einredeten, und nicht zuletzt der ungewohnte Met verwirrten Argalan, und so ließ er mit sich geschehen, was er doch nicht hätte verhindern können.
Etwas abseits von den anderen, steil an der kleinen Klippe, lag eine geduckte Hütte, zu der man ihn brachte. Die Lage der Hütte und nicht zuletzt die reich geschnitzten Türpfosten und Giebelbalken sagten ihm, dass er seinem Ziel zumindest einen Schritt näher gekommen war. Und als er eintrat, begann er zu verstehen.
Selbst eine geräumigere Hütte wäre überfüllt gewesen mit all den Dingen, die Argalan in dem Zwielicht kaum erkennen konnte. Jemand hatte die Fensterschlitze mit schweren Decken verhangen und die Zwischendecke war so niedrig, dass Argalan nur gebückt stehen konnte. Etwas, das ihm bei sehr alten Hütten immer wieder geschah. Nahe der Feuerstelle war eine Lagerstatt, an der sich bei seinem Eintreten der Junge des Ziegenhirten eilig erhob. Offensichtlich war es Teil seiner Aufgabe gewesen, auch hier die Nachricht von der Ankunft des jungen Druiden zu vermelden. Aber wie schon im Wald war der Junge sorgsam darauf bedacht, Argalan nicht den Rücken zuzuwenden. Wenngleich seine Angst inzwischen scheuer Neugier gewichen war.
Ein dürrer Arm schälte sich aus den Fellen und winkte den jungen Mann unter der Tür herbei. Gleichzeitig huschte der zottelige Junge wie ein Wiesel nach draußen und Argalan zog die Tür hinter sich zu. Einen Augenblick lang mussten sich seine Augen an das verrauchte Halbdunkel gewöhnen. Dann trat er vollends ein und kam langsam auf die Feuerstelle zu. Einerseits um nicht über irgendetwas zu stolpern. Andererseits wollte er sich genauer umsehen. Offensichtlich gab es noch abgetrennte Räume, denn die Hütte konnte unmöglich so klein sein. Doch das flackernde Licht der Feuerstelle war gerade mal für ein schemenhaftes Zwielicht gut. All die Gefäße, die herumstanden, und die getrockneten Kräuter, die von den Sparren hingen und schweren Duft verbreiteten. Allerlei Gegenstände entdeckte er, die ihm bekannt waren, und solche, die er noch niemals gesehen hatte. Und die Umrisse einer großen Harfe in einer der Ecken, eingehüllt in eine schwere Decke.
Wieder winkte ihm der nackte Arm. Argalan trat näher an das Lager und kniete sich hin.
„Wie kann ich Euch helfen, Meister?“
Ein krächzendes Lachen wurde hörbar und schüttelte den Körper unter den Decken und Fellen. Dann wurden neben dem Arm eine Schulter und ein Kopf sichtbar. Ebenso mager, bleich und ausgezehrt. Der Tod saß schon in den Wangen und fraß sie auf, doch in seinen Augen flackerte noch das Feuer des Lebens.
„Nur wenn die Große Brigda selbst dich einen Weg gelehrt hat, das Alter zu vertreiben, dann kannst du mir helfen, mein Sohn“, keuchte der Alte und grinste vor Vergnügen über seinen dürren Scherz.
„Vor dem Alter sind selbst die Götter machtlos“, erwiderte Argalan ernsthaft. „Aber wenn Ihr Schmerzen habt, dann kann ich ...“
Der Alte winkte ab und wies auf einen Krug, der neben ihm stand.
„Wenn ich Schmerzen habe, dann habe ich mein eigenes Gebräu. Jeder Schluck ein süßer Traum. Trotzdem kannst du mir eine schwere Bürde abnehmen, mein Sohn. Setz dich zu mir und lass dich prüfen.“
Verwirrt legte der junge Mann seinen Umhang ab und ließ sich neben dem Feuer nieder. Und während die Sonne am Himmel ein gutes Stück weiterwanderte, stellte der alte Mann Frage um Frage. Nicht nur über Argalans Weg und seine Herkunft. Alles von seinem Meister wollte er wissen, nach Rezepturen und Heilweisen fragte er. Nach Gebetsformeln und Ritualen, nach Rechtssprüchen und Etikette. All die Dinge, die eines Druiden Aufgabe waren. Und bereitwillig gab Argalan Auskunft. Denn dieser Mann war Druide wie er selbst, und doch hatte er wahrscheinlich vieles mehr gesehen und getan als sein alter Meister. Und er war sicherlich auch um vieles älter. Eigentlich zu alt für einen Druiden. Aus der Prüfung wurde unweigerlich ein Lehrgespräch, und je mehr sich der Met aus Argalans Kopf verflüchtigte, umso besser verstand er, dass er hier vieles lernen konnte, was sonst vielleicht für immer verloren gehen würde. Und er verstand mit einem Mal, warum ihn die Dorfbewohner so freudig begrüßt hatten. Dieser Mann unter den Fellen war weise und mächtig, aber er lag im Sterben. Seine Pflichten konnte er wohl schon länger nicht mehr erfüllen, und so benötigte die Siedlung einen neuen Druiden. Einen jungen Druiden, einen wie Argalan.
Irgendwann schien der alte Mann erschöpft eingeschlafen zu sein und der junge wachte neben dem Lager, schwer in seine eigenen Gedanken versunken. Und mit einem Mal sah er wieder das Dorf, nur ein wenig kleiner schien es zu sein, und die Befestigungen waren frisch. Er sah einen jungen Mann in dieses Dorf kommen und wie er von einem alten Druid, der sich schwer auf seinen Stab stützte, begrüßt wurde. Der junge Wanderer erklärte, dass er ein Druid in Ausbildung und auf dem Weg zum Heiligen Hain der Alten war, und er trug eine große Harfe auf dem Rücken.
„Ich ging denselben Weg wie du, mein Sohn“, ließ sich die leise Stimme des Alten vernehmen. „Aber mein Weg endete hier. Oft war ich versucht, meine Wanderung wieder aufzunehmen, aber immer wieder bin ich hierher zurückgekommen. “
„Ihr habt ein schönes Dorf, Ihr habt Euer Dorf – bereut Ihr es?“
„Der Mensch bereut alles, was er nicht getan hat, mein Sohn. Nicht, weil es vielleicht besser gewesen wäre. Einfach nur aus dem Grund, weil er es nicht getan hat. Wer weiß denn schon, ob es den Heiligen Hain wirklich gibt. Vielleicht ist er nicht mehr als eine der alten Geschichten. Vielleicht wäre ich von wilden Tieren gerissen worden oder in einen der Hügel der Waldgeister gestolpert. Unwesen mit leuchtenden Augen und feurigem Atem soll es noch geben, dort im Wald. Ein riesiger Grüner Mann soll alle erschlagen, die versuchen, ihn zu durchqueren. Ach, viele Geschichten gibt es über den nördlichen Wald. Zu viele, als dass alle davon wahr sein könnten. Vielleicht ist die Geschichte vom Alten, vom Heiligen Hain, der Quelle und Ursprung allen druidischen Wissens sein soll, vielleicht ist diese Geschichte auch nicht mehr als eine Legende. Eine schöne Legende, vielleicht eine Lehrrede, aus der wir lernen sollen, niemals alles wissen zu können. Vielleicht eine Prüfung für hochfahrende Gemüter, um ihnen Demut zu vermitteln. So viele Geschichten gibt es und so viele Gründe, um Geschichten zu erzählen.“
Wieder verstummte die brüchige Stimme des alten Mannes, er griff nach dem Krug und nahm einen kleinen Schluck. Das Knacken des Feuers wurde wieder überlaut. Dunkle Schatten meinte der junge Mann zwischen den Dachsparren und den Dingen am Boden zu sehen. Die Schatten hüpften, weil das Feuer flackerte. Aber Argalan war sich auch sicher, dass da noch etwas anderes zwischen all diesen Dingen lebte. Noch war der Geist des alten Mannes in ihm, doch ein wenig davon lebte auch zwischen all seinen Dingen, schuf Beziehungen, knüpfte Knoten in das Gewebe des Seins. So wie es all die Tage seines langen Lebens gewesen war. Tag für Tag, Atemzug für Atemzug.
Und noch etwas anderes war da.
Argalan hätte nicht seiner durch die Natur geschärften Sinne bedurft, um die stampfenden Schritte vor der Hütte zu vernehmen. Als wolle jemand auf sich aufmerksam machen. Einen Augenblick verharrte die Person vor der Tür, dann wurden Füße auf dem Holzgitter vor der Tür abgestreift. Die schwere Türe öffnete sich und eine schlanke Gestalt, umhüllt von Licht und Feuer, betrat das Dunkel. Erschrocken zuckte Argalan ob der ungewohnten Helligkeit zusammen, doch schnell begriff er, dass der Ausgang nach Westen ging und er nichts als das Licht der hoch stehenden Sonne erblickt hatte.
Die Tür wurde wieder geschlossen und nun schien es ihm erst recht stockdunkel zu sein.
„Man könnte wirklich meinen, Ihr bereitet Euch schon auf Euer Grab vor, wenn man Eure Hütte betritt.“