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von einem Mord – so erschreckend wie ohne Motiv von pawlowschen Hunden – also Menschen mit Plänen und von drei blinden Mäusen – die eine Lösung bieten. Markus Fromm arbeitet für das Bürgerservice der Stadt Wien und hat gelernt das tägliche Chaos mit all seiner Eintönigkeit zu schätzen. Dem war nicht immer so. Daran erinnert ihn ein grausamer Mord – und die Begegnung mit einem alten Schulkollegen. Gegen seinen Willen wird er immer tiefer in die Ermittlungen um diesen scheinbar grundloser Mord an einer schönen Prominenten verstrickt. Und als er endlich zu begreifen beginnt, dass er selbst es ist, der immer mehr in den Mittelpunkt der Geschehnisse rückt, muss er zu einer radikalen Lösung greifen um der Sache ein Ende zu machen. Nach „Alexanders Abschied“, und „Fata Morgana“ eine neue Kriminalgeschichte von Mark Gold. So ganz anders als seine fremde Welt in „Eachdraidh“, „Caesars Zeit“, „Ballawatsch“ und „Die Dimension des tätlichen Lesens“. J. E.
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Seitenzahl: 195
Veröffentlichungsjahr: 2019
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»Aber ich habe begriffen, weshalb Platon (oder war es Aristoteles?) dem Mut die niedrigste Rangstufe unter den Tugenden zuweist. Nicht gerade sehr edle Gefühle, aus denen er sich zusammensetzt: ein bisschen Wut, ein bisschen Eitelkeit, ein guter Teil Trotz und ganz gewöhnliche Sportlust. Vor allem auch ein gesteigertes Gefühl physischer Kraft. Alles in allem ein Wohlgefühl.«
Antoine de Saint-Exupéry
»Egal wo der Schuh drückt – die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bezirksbürgerdienste sind die guten Geister der Bezirke. Sie haben immer ein offenes Ohr und stehen im Dialog mit den Menschen aus ihrem Bezirk. Sie nehmen Meldungen über Schäden, Gebrechen und Verunreinigungen entgegen, helfen bei Amtswegen und informieren über Leistungen und Neuerungen der Stadt Wien und anderer Institutionen.«
Selbstdefinition der Magistratsabteilung 55/Bürgerdienst, Gemeinde der Stadt Wien
Leise vibrierten die stählernen Stufen der Wendeltreppe, als der Mann nach oben kam und stehen blieb. Die Sonne knallte mit noch sommerlicher Kraft auf die Plattform inmitten der Steinwüste der Stadt und war so mit schuld daran, dass der Mann sich durch seine kurzen, dunklen Haare fuhr. Obwohl der Kalender bereits die erste Septemberwoche zeigte.
Vor ihm lag eine große, mit hellem Kies bestreute Plattform, an deren Ränder sich Töpfe und Tröge mit Rosen drängten. Etwa in der Mitte stand ein wackeliger Tisch mit allerlei Kram darauf, zwei Sessel und eine Liege, auf der ein Mann in Badehose und mit einer Zeitung über dem Gesicht lag.
Der Mann in der Polizeiuniform an der Treppe hatte fürs Erste aber nur Augen für die zweite Person auf der Plattform. Eine Frau, die hingebungsvoll und konzentriert an den Rosen werkte und zupfte. Sie trug eine dunkle, weite Hose mit ausgebeulten Seitentaschen, schwere Schuhe und ein ärmelloses Feinrippunterhemd, das den BH mit ihrem prächtigen Busen über der schlanken Taille bestens zur Geltung brachte. So wie den gebräunten Körper und das schmale Gesicht mit dem dicken Zopf schwarzer Haare. Der Mann auf der Liege wirkte blass und dank seines Bauchansatzes eher schwammig und bildete so einen deutlichen Gegensatz zu der sportlichen Frau.
Rulicik trat vom Treppenabsatz in den Kies und die Frau wandte sich nach ihm um. Ihr Blick verfinsterte sich, als sie meinte: »Ah, der Herr Kollege ist auch schon da!«
Worauf der Polizist an der Treppe entschuldigend grinste und es vorzog nicht zu antworten.
»Möchtest ein Bier?«
Der Mann auf der Liege hatte die Zeitung vom Gesicht genommen, eine Hand in die Kühltasche gesteckt und sah Rulicik fragend an. Der schüttelte den Kopf.
»Danke, nein. Bin im Dienst.«
»Und das schon seit einer halben Stunde«, knurrte sie verärgert, legte die Gartenschere auf den Tisch und begann die klobigen Handschuhe auszuziehen. »Das war das letzte Mal, dass ich deinen Arsch rette!«
Ilija Rulicik zuckte entschuldigend mit den Schultern und fühlte sich gar nicht wohl in seiner Haut. Ein Gefühl, das ihm in Gegenwart einer Frau sonst eher fremd war. Nicht ohne Grund nannten ihn die Kollegen insgeheim und mehr neidvoll als scherzend Mister Chippendale. Breite Brust und Schultern auf schmalen Hüften, ausgeprägte Oberarmmuskeln, dunkle Haare und das Gesicht eines vorlauten Jungen, da war schon mehr als eine Frau schwach geworden. Dass er dabei auch noch ein netter Kerl war, machte die Sache für seine Kollegen nicht besser.
Als es sich dann ergab, dass er mit Manuela Fromm gemeinsam Streife zu fahren hatte, da sprachen alle nur mehr vom Pin-Up-Team. Denn was er für die Kolleginnen, das war sie für die Kollegen – ein unerfüllbarer Tagtraum. Wenngleich ihre Art um einiges unfreundlicher war als seine. Das perfekte Team, hatte einmal jemand gemeint – guter Bulle, böse Bullin. Und beide zum Hinknien schön.
Sie hatte inzwischen die Bluse ihrer Uniform wieder übergezogen und in die Hose gesteckt. Der Gurt mit all den Gebrauchsgegenständen des polizeilichen Alltages baumelte in ihrer Hand und sie begann, ihn um ihre Hüften zu schlingen, während sie auf ihn zukam und ihn böse anfunkelte.
»Der Alte hat dich sowieso schon ganz oben auf der Liste«, setzte sie wieder an. »Es wäre wirklich hilfreich, wenn du es schaffen könntest, pünktlich zum Dienst zu erscheinen!«
»Wann hättest du sonst Zeit für deine Rosen«, versuchte er witzig zu sein, was ihm aber wiederum nur einen strafenden Blick eintrug. Vor einer weiteren Standpauke rettete Rulicik für diesmal der Mann in der Badehose. Er war aufgestanden und kratzte hingebungsvoll die Stoppeln auf seinem Kopf.
»Sagt mal, ihr beiden Vorzeigepolizisten«, meinte er dabei. »Könntet ihr mich mit hineinnehmen? Ich müsste noch ins Büro im Elften.«
»Die Polizei ist kein Taxiunternehmen«, fuhr sie ihn an. Er aber lächelte, sah sie für einen Augenblick treuherzig an und begann dann seine Sachen zusammenzupacken.
»Geht schon mal runter. Ich ziehe mir nur schnell was an und komme dann unten raus.«
Mit der Kühltasche und ein paar anderen Dingen marschierte er über die Plattform, die beiden Stufen auf das flache Dach des Hauses hinüber und ohne sich weiter umzusehen in den Abgang. Die beiden Polizisten sahen, wie die Tür sich schloss und hörten, dass sie versperrt wurde. Rulicik ließ seiner Partnerin die Treppe hinunter den Vortritt. Er konnte es sich aber nicht verkneifen zu sagen: »Manchmal glaube ich, ihr seid noch immer verheiratet.«
Ihr Blick über die Schulter überraschte ihn, eben weil es diesmal keine Zurechtweisung war. Eher ein schmerzliches Eingeständnis. Trotzdem schwieg sie bis unten, und erst während sie die Gittertür zur Wendeltreppe schloss, meinte sie: »Ich habe manchmal auch den Eindruck, dass sich so gut wie nichts geändert hat. Na ja, zumindest wohne ich jetzt nicht mehr in dieser Bruchbude.«
Rulicik sah sich langsam um. Das Gelände der alten Tankstelle war auf der Straßenseite blickdicht von Hecken hinter einem Zaun begrenzt. Die Zapfsäulen waren entfernt worden, aber das klobige Vordach stand noch immer da und wurde jetzt als Terrasse und Rosengarten genutzt. Die großen Scheiben waren mit schräg gestellten Holzlamellen verkleidet, um einen direkten Blickkontakt zu verhindern, und innen war das Ganze wohnlich eingerichtet, wie er wusste. Sogar einen Durchgang zur nebenstehenden Garage gab es, die früher und auch jetzt noch eine Werkstatt war. Gut, neue Farbe konnte das Ganze sicher vertragen, aber unter einer Bruchbude stellte sich Rulicik etwas anderes vor. Zum Beispiel die kleine Wohnung mit den zwei Zimmern, in der er mit seinen Eltern, seiner Großmutter und den drei Geschwistern aufgewachsen war. Wackelige Klappbetten dicht an dicht, 5 Liter heißes Wasser pro Tag und die Toilette am Gang. Das war eine Bruchbude.
Markus Fromm versperrte den Eingang hinter sich und trug jetzt Jeans und T-Shirt. Und die unvermeidliche, rote Umhängetasche mit dem großen 55er darauf. Er versperrte auch noch die Gittertür zum Dach und kam dann zu dem Polizeiwagen in Silberblau.
»Wann wird dein Wagen eigentlich endlich fertig?«, wollte Rulicik wissen, doch nur seine Partnerin brummte: »Wenn wir ihn nicht mehr fahren.«
»Außerdem gibt es auch noch U-Bahnen in dieser Stadt«, konterte ihr Ex-Gatte und kletterte auf den Rücksitz. »Und der Enkplatz ist sehr gut angeschlossen. Da ist die Station fast direkt vor der Tür.«
»Dann fahr doch mit der U-Bahn«, maulte sie, ließ aber den Motor an und setzte zurück bis an die Garage. Fromm hatte die kleine Fernbedienung aus der Tasche geholt und öffnete damit das Schiebetor zur Straße.
»Die Spedition hat mir übrigens ein neues Angebot gemacht«, erzählte er dabei und wies hinüber zu der Seite, an der das Grundstück ein schiefer Drahtzaun abschloss. Dahinter lümmelten ein paar uralte Lastwagen vor dem abweisenden Tor einer großen Lagerhalle herum.
Auf der gegenüberliegenden Seite wurde das Grundstück von einer vier Stockwerke hohen Feuermauer begrenzt, auf der früher einmal in bunten Farben Werbung für die Tankstelle gemacht worden war. Jetzt war das Kunstwerk kaum mehr zu erkennen, so verblasst war es. Zumindest dort, wo sich noch Verputz auf der Mauer befand.
»Und? Wirst du verkaufen?«, fragte Rulicik.
Statt einer Antwort sah Markus Fromm dem sich wieder schließenden Tor zu.
»Ja«, meinte er nach einer Weile. »Nein. Ich weiß nicht. Es macht so viel Arbeit und es wäre noch so viel zu tun, bis es so ist, wie ich es mir vorstelle. Aber ich weiß nicht, wo ich die Zeit dafür hernehmen soll.«
»Weil du gerade davon sprichst«, warf der Schwarzhaarige ein und wetzte auf dem Sitz herum, um eine bequeme Position zu finden, »was willst du eigentlich an einem Sonntag im Büro?«
»Bürgerdienst ist Dienst am Bürger«, grinste Fromm von hinten. »Und Probleme hat der Bürger sieben Tage die Woche.«
»On the street – to serve and to protect«, warf sie ein und es klang ein wenig resigniert.
Der junge Mann hinter dem Schreibtisch sah von seiner Zeitung auf und zog die Brauen zusammen.
»Hallo Dieter«, meinte Fromm und stellte seine Tasche auf den Tisch. »Gibt es was Neues?«
Ohne die Gratiszeitung mit den unglaublichsten Verbrechen des Vortages loszulassen, drehte der junge Mann sich um und sah auffällig zu dem Ausdruck hinter sich an der Wand.
»Du hast heute keinen Dienst, Markus«, sagte er und wusste doch, dass die Information nutzlos war. Fromm grinste auch nur breit und wartete. Also schüttelte der junge Mann den Kopf und legte die Zeitung zur Seite.
»Na gut, eine Frau Ingenieur hat schon zwei Mal für dich angerufen und sich aufgeregt, weil du nie zu erreichen bist. Wegen dem Gerichtstermin morgen. Es gibt da jetzt übrigens so was wie Mobiltelefone. Deines kann man sogar einschalten!« Fromm grinste wieder nur und ersparte es sich zu antworten. »Ich habe ihr versucht zu erklären, dass du heute keinen Dienst hast und dass deswegen dein Telefon nicht eingeschaltet sei, « fuhr der junge Mann fort, »dass du aber morgen ganz sicher bei Gericht erscheinen wirst. Willst du das wirklich machen?«
Fromm warf sich in einen Sessel und streckte die Füße von sich.
»Warum nicht? Versprochen hab ich’s ihr.«
»Weil die Alte einen Sachwalter hat«, entgegnete der Junge und schob die Zeitung zur Seite. »Und nicht irgendeinen, sondern den bekanntesten der ganzen Stadt. Den Liebling aller Richter. Und jetzt willst du mit der Alten antreten und behaupten, dass Mister Supergut seine Klienten nur abzockt. Auch wenn die halbe Stadt weiß, dass du recht damit hast – du lehnst dich verdammt weit hinaus und das hat nichts mehr mit deinem Job zu tun.«
»Die Frau wäre delogiert worden, weil der Herr Sachwalter über Monate hinweg vergessen hat die Miete zu bezahlen. Und er hat auch weiter nichts dagegen unternommen, als er darüber informiert wurde. Darum hat sie sich an uns gewandt«, entgegnete Fromm scharf. »Klar, wenn sie obdachlos geworden wäre, dann hätte er die Miete auch noch behalten können. Mir kann niemand erklären, dass der Gauner sich ordentlich um seine Leute kümmert! Zumal er weit mehr Leute betreut, als er eigentlich dürfte.«
Der Junge winkte beschwichtigend ab und griff wieder nach seiner Zeitung. Dabei schüttelte er den Kopf und grinste gleichzeitig.
»Du bist verrückt«, stellte er fest und schüttelte noch einmal den Kopf. »Und ich helfe dir dabei auch noch. «
»Dass ich verrückt bin, weiß ich. Und dass du mir hilfst, weiß ich zu schätzen. Lass mir die Unterlagen einfach zukommen, wenn du sie hast. Ich bräuchte sie nur bis zur Verhandlung. Gibt es sonst noch was?«
Der Junge überlegte kurz, legte die Zeitung dann wieder weg und griff nach einem der Zettel vor sich.
»Eine Beschwerde der Bewohner im Siedlungsbau in der Apostelgasse. Nächtliche Party von ein paar Jugendlichen im Innenhof. Verunreinigung, Sachbeschädigung, Lärmbelästigung. Die 48er habe ich schon informiert. Und die Sachen bringe ich dir heute Abend vorbei.«
Markus Fromm war aufgestanden und nahm ihm das Blatt aus der Hand.
»Ich seh es mir mal an.«
»Du bist nicht im Dienst.«
»Jup.«
»Du bist verrückt!«
Unter der Tür hielt Fromm an und zeigte grinsend die Zähne.
»Und darum ist das hier genau mein Job.«
Wie er erwartet hatte, war weder von den Jugendlichen noch von den Beschwerdeführern viel zu sehen. Nur ein alter, verhärmter Mann redete schwitzend und in gebrochenem Deutsch auf ihn ein und versuchte zu erklären, dass das alles der schlechte Einfluss der unzähligen Ausländer im Haus war, weil ein Österreicher so was nicht machen würde. Die Leute von der Stadtreinigung hatten einige leere Flaschen und Packungen mit Pizzaaufdrucken bereits entsorgt, und die Sachbeschädigung erwies sich als abgebrochenes Brett eines Sandkastens, für das Fromm einen Reparaturauftrag schrieb. Zwei der Jugendlichen konnte ihm der aufrechte und aufgebrachte Österreicher nennen, weil sie im selben Bau wohnten. Also sah er in den Wohnungen vorbei und redete ihnen ins Gewissen, was einmal mehr und einmal so gut wie keinen Effekt zu haben schien. Nach einer knappen Stunde war die ganze Aufregung vorbei und er trottete gemächlich die Straße hinunter.
Mit der U-Bahn fuhr er einmal kreuz und einmal quer durch seine Stadt, weil es für ihn nichts Besseres zu tun gab. Am Praterstern half er einem italienischen Pärchen, das die Orientierung verloren hatte, und etwas später traf er auf zwei Streetworker, mit denen er sich eine ganze Weile unterhielt. Er besah sich die Menschen und mit den Jahren hatte er einen Blick für sie entwickelt. Da gab es die ganz Wichtigen. Menschen, eingesponnen in ihrer Welt und deren Notwendigkeiten. Meist vernabelt mit ihrem Smartphone und immer blind für das Leben rund um sie. Nur ganz wenige fanden sich bei den Zielbewussten, die ihre Umwelt auch wahrnahmen. Zumeist waren sie bemüht, ihre Mitmenschen nicht zu bemerken. Und es gab die, die zu viel Zeit hatten. Frisch pensioniert oder in die Arbeitslosigkeit gestoßen, die der neu gewonnenen Freiheit hilflos gegenüberstanden. Oder Touristen, sofern sie nicht stoisch und murrend hinter einem Reiseführer her trotteten. Alles Suchende, zumeist ohne zu wissen, wonach sie suchten und ohne zu bemerken, wenn sie es gefunden hatten. Und dann gab es noch die Ziellosen. Menschen, die an Stationen warteten, die hastig durch die Stadt eilten, und doch erkannte er, dass sie kein Ziel hatten. Weil da keine Arbeitsstätte war, die wartete, keine Wohnung, zu der sie zurückkonnten. Die Gesellschaft wollte sie nicht sehen, und sie legten zumeist auch keinen Wert darauf, bemerkt zu werden. Auch eine andere Gruppe war in den letzten Jahrzehnten unbemerkt gewachsen, lange vor der Welle 2015 hatte es begonnen. Menschen zumeist dunklerer Hautfarbe, die wie Touristen durch die Stadt schlenderten. Doch sie suchten keine Baudenkmäler oder Attraktionen. Sie suchten die Schrecken ihrer Heimat zu verdrängen, die Bilder ihrer Flucht zu vergessen. Beides so unmöglich wie in dem neuen Land Fuß zu fassen.
Irgendwann stand er dann wieder vor seinem Zaun und öffnete die kleine Tür neben dem Schiebetor. Unschlüssig ging er über den Hof und wusste nicht, was er beginnen sollte. So vieles gab es zu tun. Vielleicht war die Idee mit der alten Tankstelle doch nicht so gut gewesen, wie er anfangs gedacht hatte. Den Asphalt in der Ecke hinten hatte er irgendwann mal aufgebrochen, um ein Gemüsebeet anzulegen. Aber zuerst dachte er, er müsste Erde besorgen, weil in dem Schotter nichts wachsen würde. Das war vor einem Jahr gewesen. Inzwischen wuchs in dem Schotter doch etwas, auch ohne Erde, nur Gemüse war das nicht. Vielmehr das, was der Botaniker so gerne Wildkräuter nannte. Und das wucherte inzwischen ganz ordentlich. Die Bretter der Lamellen vor den großen Scheiben müssten auch wieder gestrichen werden. Unter anderem. Fromm überquerte den Platz und schloss die Tür zu der Garage auf. Er tätschelte den Sitz der wuchtigen BMW und hatte wieder einmal das Gefühl, dass er ebenso ausrangiert war wie dieses alte Polizeimotorrad. Dann holte er sich eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank in der Ecke, öffnete sie und tat einen langen Zug. Es war wirklich an der Zeit, dass sein Wagen endlich flott wurde. Die Karosserie der »Ente«, einem Citroën 2CV, stand verstaubt in der Mitte des Raumes, und die Einzelteile ihrer Innereien lagen verstreut auf der Werkbank. Zuletzt, da hatte er an der Federung geschraubt. Aber eigentlich war er sich da nicht mehr so sicher.
»Was gibt es denn Gutes?«
Der junge Mann aus dem Büro kam durch den Hintereingang und streckte die Nase in die Küche. Fromm winkte ihn mit dem großen Küchenmesser in der Hand herein und schnitt dann unverdrossen weiter.
»Grüne Nudeln mit Kürbiskernpesto, eigenen Paradeisern und Kräutern. Möchtest du auch was?«
»Warum hätte ich wohl sonst bis jetzt gewartet«, grinste der Junge und stellte seine Tasche neben die Tür. »Ich seh mal nach, ob von dem Cuvée Hengstberg vom Bründy noch was da ist.«
Der junge Mann wusste genau, wo Fromm seine Weinflaschen aufbewahrte und kam schnell mit einer zurück. Inzwischen hatte Fromm schon die Nudeln mit dem Pesto und den frisch gehackten Kräutern vermischt, und nach einer kurzen Überlegung begaben sich die beiden Männer mit ihren Tellern auf das Dach, um es sich gemütlich zu machen. Bald waren die Portionen verschwunden, die beiden saßen gemütlich vor ihren Gläsern und lauschten den Geräuschen der abendlichen Stadt. Plapperten belangloses Zeug. Irgendwann streckte Fromm sich durch und fragte: »Hast du was für mich?«
Wortlos erhob sich der junge Mann und verschwand Richtung Treppe, um gleich darauf mit seiner Tasche wieder aufzutauchen. Fromm teilte inzwischen den letzten Rest aus der Flasche auf. Nicht ganz gerecht, aber immerhin war er auch fast doppelt so alt. Der Junge zog ein paar zusammengefaltete Blätter aus seiner Tasche und schob sie über den Tisch.
»Das Gesetz sieht vor«, meinte er dabei, »dass jeder Besachwaltete zumindest einmal die Woche von seinem Sachwalter persönlich gesprochen werden muss. Oder Erwachsenenvertreter, wie es jetzt in Neusprech heißt. Inzwischen ist auch die maximale Anzahl der besachwalteten Personen pro Sachwalter auf zwölf oder so beschränkt worden. Altfälle natürlich ausgenommen. Dein Magister Bartok ist, allein aufgrund der Daten der Gemeinde Wien, Sachwalter für knapp 2000 Personen. Das macht wohl auch eine ganz ordentliche Summe an Aufwandsentschädigungen am Monatsende.«
»Und er besucht auch ganz sicher jeden der Zweitausend einmal die Woche«, brummte Fromm.
»Da er sehr gute Kontakte hat, kannst du davon ausgehen, dass er auch für Personen kassiert, die rund um Wien wohnen. Für all das beschäftigt er zwei Sekretärinnen in seiner Kanzlei«, setzte der Junge ungerührt fort. »Wobei eine davon auch privat an derselben Wohnadresse gemeldet ist wie dein sauberer Herr Magister. Also wird sie wohl nicht gerade für Schreibarbeiten bezahlt werden.«
Fromm nahm die Blätter und überflog die lange Liste der Namen und Adressen.
»Bekommst du auch keine Probleme, wenn du mir das gibst?«
»Das sind nur die Daten, auf die wir durch unseren Job Zugriff haben, also keine Garantie für Vollständigkeit. Und außerdem bin ich mit deinem Passwort eingestiegen.«
»Ich habe ein Passwort?«, grinste Fromm.
»Und noch eine Flasche von dem Hengstberg im Regal«, konterte der junge Mann.
Die Sonne schien durch die hohen, geöffneten Fenster in den freudlosen Korridor des Gerichts und verbreitete strahlende Helligkeit. Markus Fromm stand in diesem Sonnenlicht und besah sich die kleine, ausgemergelte Frau. Seit geraumer Zeit redete sie nun schon auf ihn ein, aber er hörte nicht mehr wirklich zu. Er kannte ihren Text inzwischen so gut wie auswendig. Ihre Tiraden über die Dummheit der Sachwalter und die Unfähigkeit der Richter und besonders der Richterinnen hatten sich in den Jahren nur geringfügig verändert. Obwohl er wusste, dass sie so schnell nicht aufhören würde zu reden, war er zufrieden. Die Anhörung war weit besser gelaufen, als er erwartet hatte. Abgesehen davon, dass die Besachwaltung der alten Dame ausgesetzt worden war, hatte die junge Richterin einen wutschnaubenden Magister Bartok dazu verdonnert, dem Gericht eine Aufstellung über seine Tätigkeit als Sachwalter zu jedem seiner Fälle vorzulegen. Damit würde er wohl einige Zeit beschäftigt sein.
Markus Fromm hatte wieder einen Feind mehr, aber darüber machte er sich keine großen Gedanken. Einerseits hatte er sich inzwischen so viele Feinde gemacht, dass es auf einen mehr oder weniger nicht ankam, und außerdem wusste er, dass Menschen leicht vergaßen. Unangenehmes natürlich langsamer, gute Taten schnell.
Es war ein schöner Tag, obwohl die Wetterdienste ein Ende des Sommers ankündigten, er war zufrieden und es stand nichts Besonderes an diesem Tag auf seinem Terminkalender. Markus Fromm liebte es nicht, wenn sich die Dinge überstürzten oder zu kompliziert wurden. Er war ein Freund der einfachen Lösungen und die meisten Probleme der Menschen waren einfache Probleme.
So zufrieden war er mit sich und der Welt, dass er einige Zeit benötigte, um zu begreifen, dass das störende Geräusch das Klingeln seines Telefons war.
Ohne das Geplapper der kleinen alten Frau dadurch zu unterbrechen, nahm er das Gespräch entgegen und lauschte den aufgeregten und sich überschlagenden Stimmen. Irgendwann wurde das Gespräch weitergereicht und eine weniger aufgeregte, dafür bekannte Stimme erklärte ihm noch einmal, dass seine Anwesenheit durchaus hilfreich sein könnte. Also machte er sich auf den Weg. Verwundert darüber, was wohl seine Anwesenheit bei einer Vernehmung der Polizei bewirken konnte.
Wie die meisten Polizeidienststellen der Stadt Wien war auch die für den siebenten Bezirk leicht zu erreichen und von außen ziemlich unscheinbar. Kaum hatte Fromm das Gebäude betreten, da sah er sich auch schon von einem älteren Ehepaar umringt, das in einem Gemisch aus Deutsch und Türkisch auf ihn einredete, um, so wie er das verstand, das Leben ihres Sohnes zu retten. Soweit er sich allmählich erinnern konnte, hatte er mit dem Sohn schon einmal zu tun gehabt, zumindest kamen ihm die Gesichter der Eltern bekannt vor. Langsam kehrten Bruchstücke aus der Erinnerung zurück. Ein minderjähriger Hitzkopf, der irgendwelche Probleme gemacht hatte. Nichts Großartiges, keine Drogen, daran hätte er sich erinnert. Aber es gab ja noch mehr als genügend andere Möglichkeiten, um unangepasst zu sein. Die Probleme der Jugend in einer Welt, die sie nicht verstanden. Die ihnen alle Möglichkeiten, aber keine Chancen bot, und gegen die sie sich so lange auflehnten, bis sie begriffen, dass man diese Welt nicht verändern konnte.
Aus dem Nebenraum verdunkelte eine breitschultrige Gestalt die Tür, doch bevor Fromm noch etwas sagen konnte, war Rulicik schnell auf ihn zugetreten und meinte: »Danke, dass Sie kommen konnten, Herr Magister. Ich hoffe, es war nicht umsonst, dass wir Sie bemüht haben.«
Fromm nickte stumm und warf aus den Augenwinkeln einen Blick zu dem Polizisten am Pult, der den Tumult unwillig beobachtete.
»Wie gesagt weiß ich nicht, wie ich Ihnen helfen kann, Inspektor«, konterte Fromm ebenso förmlich.
»Am besten, ich erkläre Ihnen die Sachlage«, stelzte Rulicik, zog Fromm dabei aus dem Eingangsbereich weiter und gab dem aufgeregten Elternpaar zu verstehen, dass sie sich wieder setzen sollten. Ein paar Schritte weiter in dem Korridor blieben sie stehen.
»Die Kollegen müssen nicht wissen, dass wir uns kennen«, erklärte er, was Fromm längst verstanden hatte, und wies auf eine Tür weiter hinten in dem Gang.
»Der Junge heißt Günar Gültürk. Angeblich kennst du ihn. Er hat uns heute früh angerufen und den Fund einer toten Frau gemeldet. Manuela ist noch am Fundort. Das Problem ist jetzt, dass der Junge zwar den Notruf gewählt hat, aber sonst nicht mit uns reden will. Seine Eltern meinen, du könntest helfen. Major Brolli ist gerade bei ihm und versucht herauszubekommen, was eigentlich passiert ist. Brolli ist Leiter einer Gruppe bei der Mordkommission«, erklärte er noch, als er Fromms gerunzelte Stirn sah.
»Ist der Junge denn verdächtig?«
Der schönste Polizist Wiens zuckte mit den Schultern und blies die Wangen auf.
»Er meldet eine Leiche, läuft weg und will nicht mit uns reden – so was kommt bei Mord nicht besonders gut. Und wie du selbst immer sagst, Polizisten sind misstrauisch. Berufsbedingt.«
»Paranoid, sage ich«, korrigierte Fromm und fragte dann: »Und ich soll jetzt Wunder wirken?«
Wieder zuckte der Polizist mit den Schultern.
»Die Eltern meinten, mit dir würde er reden. Weil du voll tolles Mann bist.« Er grinste. »Wahrscheinlich haben sie sogar recht, welcher Türke redet schon mit der Polizei.«