Eden - Auður Ava Ólafsdóttir - E-Book
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Beschreibung

Das berührende Porträt einer verschlossenen Sprachwissenschaftlerin aus Reykjavík, die ihre akademische Laufbahn an den Nagel hängt und aufs Land zieht. Von der Dorfgemeinschaft aus der Reserve gelockt, beginnt sie ein neues, ein ganz anderes Leben.

Alba ist Dozentin an der Universität von Reykjavík, als Expertin für aussterbende Sprachen fliegt sie von einer Konferenz zur nächsten. Wie viele Bäume muss ich pflanzen, fragt sie sich, um meinen CO2-Fußabdruck zu kompensieren? Wenig später erwirbt sie außerhalb von Reykjavík ein altes Haus mit einem Stück Land. Ihr Leben in der Hauptstadt interessiert sie immer weniger, es ist Zeit, sich neu zu erfinden. Immer mehr fügt sie sich in die Dorfgemeinschaft ein. Es ist, als hätte man dort nur auf sie gewartet. Chor und Theaterverein suchen neue Mitglieder und die im Dorf ansässigen Flüchtlinge brauchen eine Sprachlehrerin. Eine mütterliche Beziehung entsteht zu dem 16-jährigen Waisen Danyel, mit dessen Hilfe sie an ihrem Garten Eden baut - ihrem Zufluchtsort in einer immer chaotischer werdenden Welt.

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Seitenzahl: 245

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Cover

Titel

Auður Ava Ólafsdóttir

Eden

Roman

Aus dem Isländischen von Tina Flecken

Insel Verlag

Impressum

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Die Wiedergabe von Gestaltungselementen, Farbigkeit sowie von Trennungen und Seitenumbrüchen ist abhängig vom jeweiligen Lesegerät und kann vom Verlag nicht beeinflusst werden.

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Die isländische Originalausgabe erschien unter dem Titel Eden bei Benedikt, Reykjavík 2022 Published by arrangement with Éditions Zulma, ParisDie Übersetzerin dankt dem Deutschen Übersetzerfonds für die Förderung der Übersetzung durch ein ArbeitsstipendiumDer Verlag dankt dem Islandic Literature Center für die Förderung der Übersetzung

eBook Insel Verlag Berlin 2025

Der vorliegende Text folgt der deutschen Erstausgabe, 2025.

Deutsche Erstausgabe© der deutschsprachigen Ausgabe Insel Verlag Anton Kippenberg GmbH & Co. KG, Berlin, 2025© 2022 Auður Ava Ólafsdóttir

Der Inhalt dieses eBooks ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten. Wir behalten uns auch eine Nutzung des Werks für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG vor.Für Inhalte von Webseiten Dritter, auf die in diesem Werk verwiesen wird, ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber verantwortlich, wir übernehmen dafür keine Gewähr. Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

Umschlaggestaltung: Lübbeke Naumann Thoben, Köln

Umschlagfoto: Hammerbacher/plainpicture, Hamburg

eISBN 978-3-458-78455-5

www.insel-verlag.de

Widmung

Für A.J.

Motto

»Du fragst: Was ist das Leben? Das ist, als wollte man fragen: Was ist eine Mohrrübe? Eine Mohrrübe ist eine Mohrrübe, mehr ist darüber nicht zu sagen.«

Anton Tschechow in einem Brief an seine Ehefrau Olga Knipper

Gebt mir ein gutes Wort

ein nützliches Wort

ein wahres Wort

aber tut mir einen Gefallen:

lasst es ein kleines Wort sein.

Þorsteinn frá Hamri

Übersicht

Cover

Titel

Impressum

Widmung

Inhalt

Informationen zum Buch

Cover

Titel

Impressum

Widmung

Motto

ISS

Jakobsdóttir

Meine Bekanntschaft mit Wurzelsystemen und der Liebe

Jeden Freitag stirbt eine Sprache

Schneeregen

Land von Schönheit

Die Entfernung zwischen mir und Pluto

a

: Kindersprache, Ausdruck der Zuneigung

Schlenker: kurze Abweichung, kleiner Umweg

Etymologie des Herzens

Rotgetigerte Kätzchen zu verschenken

Die Autorin lässt herzlich grüßen

Wir befinden uns immer in der Mitte unseres eigenen Lebens

Der helle Baum

In allen Gruppen fehlt Blut

Lady Birkensohn

Sie sind also die Frau, der meine Schwester das Land verkauft hat

á

 – Fluss

Büsche

Der Rot-Kreuz-Laden

Ein Schafpfad ist der schmale Weg, der zur Vollendung führt

Ich weiß von fernen Sonnen

Dreiundsiebzigtausenddreihundert Baumarten

Radio Apokalypse, guten Tag

Neunhundertneunundneunzig Teile

Was gewässert wird, das wächst

Wir haben landesweit die größte Auswahl an Zaunmaterial. Wir bieten individuellen Service und Beratung bei allem, von Winkelbeschlägen bis zu verstärkten Eckpfosten.

Du und ich, zwei Pronomen

Die Nachtfalter GmbH

Heideland und Pappeln

Café Fjóla

Zuhause: ein Wohnsitz mit dazugehörigen Möbeln und Utensilien zur dauerhaften Eigennutzung

Der Mensch sucht eine Ersatzerde

Alles wird gut

Das einzige Geräusch, das du hörst, ist das Heulen des Windes

Die Reflexivverben verrechnen sich

Wenn ich sterbe, möchte ich dich höflichst bitten, die Balkontür offen zu lassen

Der Himmel ist zur Erde hinabgestiegen

Ich habe mich so angestrengt, all diese Wörter zu lernen

Wölbung der Wirbelsäule

Für nichts

Meine Sprache, eine Liebeserklärung

Na.bel

Danke fürs Ausleihen der Handschuhe

Paarungszeit

Grippe

In meinem Reich gibt es keinen Platz für die Sprache

Shakespeare

Deine Fingerabdrücke überall auf meinem Körper

Gefährliche Spiele, Sehnsuchtsgedichte

Opportunistische Freundschaften

Die Nacht bricht in Büchern herein, aber nicht in der Realität

Alles, was schön ist

Aktivitäten, die

nicht

dem Regelsystem der Sprache unterliegen:

Niederschlagsheftigkeit

Wasserhaushalt

Hlynur: Männername und ein Baum aus der Gattung der Ahorne (Acer pseudoplatanus)

Es ist kompliziert, ein Leben zusammenzufassen

Hlynur Garðarsson liebte Bäume

Hier ist also dein Reich

Post mortem

Die Nachkommen werden robuster als ihre Eltern

Hotel Hideaway

JES35

Was wir Leben nennen

Gedichte auf der Flucht

Berge und Inseln werden von ihrem Platz weggerückt, während Hagel, Feuer und Schwefel vom Himmel fallen

Du bist an einem Ort und ich an einem anderen

Qualifiziert

Ich bin mir nicht sicher, welchen Weg ich einschlage oder ob es mir gelingt, die Welt zu retten

0 positiv

Vögel Islands

Icecubes Holdings

Ein Vogel braucht Luft unter den Flügeln, um zu fliegen

Wo das Wort frei umherfliegt

Nachweise

Informationen zum Buch

Eden

ISS

Das Flugzeug rast über die Startbahn und hebt ab, ich lehne mich zum Fenster, sehe, wie eine Frau in einem Vorort aus dem Haus tritt und zwei Kinder mit Schulranzen in ein Auto scheucht, erstaunlich nah, erstaunlich deutlich, dann steigt die Maschine schnell auf, alles schrumpft zusammen, ich sehe, wie die Erde sich in akkurate, viereckige Felder unterteilt und die Stadt unter uns zu einer glitzernden Lichterkette wird. Aus dieser Höhe wirkt die Erde menschenleer, wie eine Welt, die überstürzt verlassen wurde, das Licht noch eingeschaltet, der Topf noch auf dem Herd, bei laufendem Fernseher. Eine Zeitlang verfolge ich den Lauf eines Flusses, von dem ich weiß, dass er durch viele Länder zum Meer fließt, über viele Grenzen, dasselbe Wasser, derselbe Fisch, der in einem Land schlüpft, wird in einem anderen gefangen, und ich erinnere mich an eine Frage aus einer Erdkundeprüfung, bei der es darum ging, welche Industriezweige in den Städten entlang dem Fluss angesiedelt sind – wurden da nicht irgendwo Nähnadeln produziert? Kurz darauf verschwindet das alles unter einer weißen Wolkendecke, und ich befinde mich in einem weiten Universum von derselben eisblauen Farbe wie die Bibelbilder, auf denen ein Engel mit ausgebreiteten Flügeln hinter zwei barfüßigen Kindern an einem Flussufer steht. Hier oben ist es windstill, absolut windstill, eine Welt voller Schönheit, ich lehne mich auf Platz 29F zurück und schließe die Augen. Bald verlasse ich die Atmosphäre und bin auf der Erdumlaufbahn, wo der Weltraumschrott seine Runden dreht, zusammen mit Raumschiffen von Milliardären und Satelliten, die unsere Bewegungen tracken. Ich beschließe, auf der internationalen Raumstation ISS vorbeizuschauen, wo ein russisches Filmteam gerade eine Szene für einen Kinofilm mit Julija Peressild dreht. Er handelt von einer Chirurgin, die zu der Raumstation geschickt wird, um eine Notoperation bei einem Kosmonauten durchzuführen, der einen Herzinfarkt hat (der Kosmonaut Schkaplerow spielt in dem Film eine Nebenrolle). Das Ziel ist es, den Film in die Kinos zu bringen, bevor Tom Cruise seinen Hollywood-Streifen fertigstellt, denn auch in diesem Film soll es eine Szene geben, die außerhalb der Erdatmosphäre gedreht wird, und auch hier soll es um eine Rettungsaktion gehen. Dabei geht es allerdings nicht um die Rettung eines Einzelnen, sondern um die Rettung der gesamten Menschheit vor drohender Gefahr, was mich daran erinnert, dass ich kürzlich hörte, wer einem Menschen das Leben rettet, der rettet die ganze Menschheit, und wer einen Menschen tötet, der tötet auch die ganze Menschheit. Und dann muss ich auf einmal daran denken, dass es heißt, Astronauten müssten vor Ehrfurcht weinen, dass sie, wenn sie weit genug von der Erde entfernt sind und keine Landesgrenzen mehr erkennen, die Konflikte der Menschen dort unten vergessen, die Klimaerwärmung und den Anstieg des Meeresspiegels, und stattdessen erkennen, wie alles zusammenhängt, dass alles Teil von einem Ganzen ist. Man staunt, wie klein die Erde ist und dass sie sich nicht nur mit einer Geschwindigkeit von einhundertachttausend Stundenkilometern um die Sonne dreht, sondern auch mit einer Geschwindigkeit von eintausendsechshundertneunzig Stundenkilometern um die eigene Achse, und wenn man begreift, wie wenig es braucht, um sie aus der Bahn zu werfen, dann überwältigen einen die Gefühle, man fällt sich in die Arme und weint. Ich denke daran, dass die Raumsonde Lucy ausgerechnet an dem Tag, an dem das russische Filmteam zur Erde zurückkehrt, von Cape Canaveral in Florida zu einer zwölfjährigen Reise zum Jupiter startet, sechs Milliarden Kilometer entfernt, um acht Asteroiden zu erforschen, die als Trojaner bezeichnet werden und zusammen mit dem Gasplaneten um die Sonne kreisen, entweder unmittelbar vor oder direkt hinter ihm. Lucy wurde nach dem ältesten existierenden Menschenaffen-Skelett benannt, das schätzungsweise drei Komma fünf Millionen Jahre alt ist, und weil ich Sprachwissenschaftlerin bin, ist es nicht ungewöhnlich, dass ich, wenn ich eine Entfernung von sechs Milliarden Kilometern erreicht habe und den dritten Planeten im Sonnensystem betrachte, einen kleinen, blassblauen Punkt von der Größe eines Stecknadelkopfes in der schwarzen Dunkelheit des Weltalls, dass ich dann daran denke, dass alle Menschen, alle Völker, die auf der Erde leben, durch dieselbe Vorfahrin, die in Afrika lebte und wahrscheinlich eine Art Palatalsprache sprach, miteinander verbunden sind.

Jakobsdóttir

Es ist üblich, Konferenzen über Kleinsprachen, die vom Aussterben bedroht sind, in abgelegenen Dörfern mit schlechter Verkehrsanbindung abzuhalten, oftmals im Wald oder in den Bergen (ich kann nichts dafür, dass mir die Wörter Kuhkaff und Posemuckel in den Sinn kommen), was für eine Linguistin von einer Insel am Polarkreis in der Regel zweimal Fliegen und womöglich Zugfahren mit dreimal Umsteigen bedeutet. Es kommt durchaus vor, dass ich das letzte Stück mit dem Bus zurücklegen muss. Ich erinnere mich an eine Tagung, bei der ich zu Fuß von einem Bergdorf zum nächsten gelaufen bin, im Rucksack den Laptop mit meinem PowerPoint-Vortrag Von wie vielen Menschen muss eine Sprache gesprochen werden, damit es sich lohnt, sie zu retten, und wie hoch dürfen die Kosten sein? (das ist eines der Themen, über die wir bei jeder Konferenz diskutieren, ohne zu einem Ergebnis zu kommen). Es ist ebenfalls üblich, dass in dem Dorf, in dem die Tagung stattfindet, nur noch eine Handvoll alter Menschen leben, die einen nahezu ausgestorbenen Dialekt sprechen (wir debattieren auch immer ausgiebig darüber, ob bedrohte Dialekte in dieselbe Kategorie gehören wie bedrohte Nationalsprachen).

Das Dorf, in dem diese Konferenz stattfindet, liegt in beträchtlicher Höhe im Gebirge. Die Frau vom Organisationskomitee, die mich am Bahnhof abholt, hält ein Blatt Papier hoch, auf dem mit der Hand geschrieben Jakobsdóttir steht. Sie begrüßt mich. Die Frau trägt eine ungewöhnlich große Sonnenbrille und teilt mir mit, dass es bis zum Dorf eine halbe Stunde Fahrzeit sei. Ich setze mich nach vorne, die Straße führt in scharfen Kurven steil bergan durch den Wald. Mir kommt das Wort Schieflage in den Sinn. Meine Begleiterin erzählt, der Wald erstrecke sich beidseits der Grenze, aber die sei in den letzten hundert Jahren mehrmals verschoben worden, weshalb benachbarte Dörfer nicht immer zum selben Land gehört hätten. Sie nimmt ein paarmal die Hände vom Lenkrad, um mir etwas zu zeigen und zu erklären, und fügt hinzu, in dieser Gegend habe es unlängst Spannungen gegeben, allerdings nicht zwischen den Einwohnern, die denselben Dialekt sprechen und Verwandte und Freunde auf beiden Seiten der Grenze haben, sondern zwischen den Behörden. Mir fallen große Areale mit versengter Erde und schwarzen Baumstümpfen auf, und als ich das anspreche, bestätigt mir die Fahrerin, letzten Sommer hätten während einer Hitzewelle, die zu starker Trockenheit führte, schlimme Waldbrände gewütet.

»Das Feuer hat sich rasend schnell ausgebreitet, wir kamen nicht dagegen an«, sagt sie, drosselt das Tempo und kurbelt die Scheibe herunter, damit ich die Spur der Zerstörung betrachten und das verbrannte Holz riechen kann. Sie erzählt mir auch, die Bewohner der Dörfer diesseits und jenseits der Grenze hätten es mit vereinten Kräften geschafft, die älteste Eiche im Wald zu retten, indem sie den Baum mit Feuerlöschdecken umwickelten.

»Die Eiche soll vierhundert Jahre alt sein«, erläutert sie und zeigt in den verkohlten Wald, wo der Alterspräsident sich breit macht.

Als wir das Dorf erreichen, sehe ich, dass auch einige Häuser am Ortsrand dem Feuer zum Opfer gefallen sind. Meine Begleiterin erzählt, dass die Bäume in unmittelbarer Nähe des Dorfs gefällt werden sollen, weil man davon ausgeht, dass sich die Waldbrände in den nächsten Jahren wiederholen werden. Es ist schwer zu sagen, ob sich hinter den verriegelten Türen und den geschlossenen Fensterläden der Häuser Leben verbirgt. Die Fahrerin muss einiges an Geschick aufbringen, um durch die engen Gassen zu kurven, derweil sie mir erklärt, die Grundschule und die meisten Geschäfte seien, bis auf einen Lebensmittelladen, schon vor Jahren geschlossen worden.

Als der Mann an der Rezeption mir meinen Zimmerschlüssel aushändigt, sagt er, der Gasthof sei extra für die Teilnehmer der Konferenz geöffnet worden, die Zimmer würden seit gestern geheizt.

»Herzlich willkommen! Sie haben Zimmer Nummer sieben.«

Neben der eingeschworenen Truppe von Linguisten, bei denen es sich entweder um Repräsentanten für vom Aussterben bedrohte Sprachen oder um Experten für bereits ausgestorbene Sprachen handelt, nehmen nur wenige einheimische Gäste an der Konferenz teil. Normalerweise gehöre ich zu den Jüngeren, aber während der Pandemie haben sich einige der älteren Forschenden zurückgezogen (zwei namhafte Linguistinnen starben in der Pandemie, die eine war Expertin für vergleichende Sprachwissenschaft und die andere für Morphologie und Diskursanalyse), deshalb gab es eine Neuaufstellung in der Gruppe. Die isoliertesten Sprachräume schicken keine Repräsentanten, und es herrscht jedes Mal große Spannung, wer aus dem Sprachraum mit der geringsten Bevölkerung kommt. Wenn mein Kollege von der Universität der Färöer Inseln nicht teilnehmen kann (was dieses Mal allerdings nicht der Fall ist), bin das höchstwahrscheinlich ich. Geht man allerdings von den offiziellen Sprachen der einhundertdreiundneunzig Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen aus, repräsentiere ich die Nationalsprache, die von den wenigsten Menschen auf der Welt gesprochen wird.

Soldaten und Ärztinnen werden jeden Tag geboren, Dichterinnen und Linguisten hingegen nicht, sagt eine der Organisatorinnen der Tagung in ihrer Eröffnungsrede im Foyer des Gasthofs. Es gibt Getränke und ein Buffet mit kleinen Gerichten aus der Region, darunter sowohl geräucherte als auch gekochte Schweineschulter. (Diesmal werden keine Volkstänze aufgeführt wie schon einige Male zuvor.) Es stimmt nicht unbedingt, dass Experten auf dem schmalen Feld der Linguistik introvertiert sind und sich mit zwischenmenschlicher Kommunikation schwertun (außer sie sind sturzbesoffen, wie mein Kollege von der Universität einmal behauptet hat), trotzdem unterhält man sich bei Cocktailempfängen hauptsächlich mit Personen aus der eigenen Sprachfamilie. Das bedeutet, dass der färöische Sprachwissenschaftler und ich uns aneinanderhalten. Die Färöer sagen nicht television und helikopter wie die Dänen, sondern schlagen den isländischen Weg ein und kreieren ihre eigenen Wortneuschöpfungen: sjónvarp, Sichtwurf, und tyrla, Aufwirbler. Da die grönländische Repräsentantin eine polysynthetische und keine flektierende Sprache spricht, gehört sie nicht zur selben Sprachfamilie. Obwohl ich nur jedes dritte Wort auf Färöisch verstehe, gelingt es uns Insulanern, die Gründe zu erörtern, warum der Konjunktiv größtenteils aus dem Färöischen verschwunden ist, was just auch das Thema des morgigen Vortrags meines Nachbarn aus dem rauen Nordpolarmeer sein wird.

Meine Bekanntschaft mit Wurzelsystemen und der Liebe

Der geflieste Fußboden in Zimmer Nummer sieben ist eiskalt, aber die Bettwäsche ist sauber und frisch gebügelt. Als ich am Ende des ersten Konferenztags im Bett liege, denke ich noch einmal an die Fahrt durch den abgebrannten Wald. Das lässt mich daran denken, wie eng das Seelenleben von Dichtern aus Ländern, in denen Bäume vierhundert Jahre alt werden, mit Waldspaziergängen verbunden ist. Im Gegensatz zu isländischen Lyrikern, die über Weiße Silberwurz und vereinzelte Arktische Weidenröschen dichten, die aus dem schwarzen Lavasand ragen, und über Heidekraut, das über den Boden kriecht und in Herbstfarben aufflammt, horchen übersetzte Autoren (in diesen Kategorien denke ich als Korrekturleserin, die für zwei Verlage arbeitet: übersetzte Autoren) auf das Säuseln in den Baumkronen, die sich meterhoch in den Himmel recken. Sie stehen unter einem Dickicht aus Laub und sinnieren über die Reflexion des im Blattwerk tanzenden Lichts oder verharren auf einer schattigen Lichtung und lauschen dem Rascheln filigraner Blätter. Sie schreiben über Zweige, die sich zu einem Flechtwerk winden, und über einen Himmel, der durch die Adern eines Baums fließt, bis hinunter zu den Wurzeln, sie verirren sich im Dunkel des Waldes. Wenn ich an Lorca denke, den Lieblingsdichter meiner Mutter, kommen noch Orangenbäume und Zitrusfrüchte hinzu. Als sie meinen Vater kennenlernte, probte sie gerade die Rolle der Adela, Bernardas jüngste Tochter in Bernarda Albas Haus, und als das Stück dreißig Jahre später erneut im Nationaltheater aufgeführt wurde, spielte sie die Bernarda.

Daher stammt mein Name. Von dem spanischen Dichter.

»Mit Alba war ich einverstanden, aber bei Bernarda habe ich protestiert«, erinnert sich mein Vater des Öfteren, und dann sage ich, »ja, Papa, ich glaube, das hast du schon mal erwähnt.«

Während ich darüber nachdenke, fällt mir auf, dass die Zahl der Bäume in den Manuskripten, die ich in letzter Zeit Korrektur gelesen habe, rasant angestiegen ist – ein interessanter Trend bei Autoren, die auf einer nahezu baumlosen Insel aufgewachsen sind. Bei genauerer Überlegung scheint es mir jedoch vor allem der unter der Erde befindliche Teil der Bäume zu sein, der in die jüngere Literatur Eingang findet, Wurzeln und Wurzelsysteme, sogar Wurzelverflechtungen (sodass man wohl schon von einem Generationenwechsel sprechen kann). Mir geht das Romanmanuskript eines jungen Autors durch den Kopf, Meine Bekanntschaft mit Wurzelsystemen und der Liebe, dessen zuvor erschienene Kurzgeschichtensammlung Der Schlüssel zu Kopernikus’ Kommode hochgelobt wurde (in einer Anmerkung wies ich darauf hin, dass Kopernikus im 15. Jahrhundert geboren wurde, man die erste Kommode aber erst Ende des 17. Jahrhunderts anfertigte, was der Herausgeber jedoch für irrelevant hielt). Der Roman handelte von einem Wald, der sich über die Grenzen zweier Länder hinweg erstreckte, und die Wurzeln der Bäume kommunizierten miteinander, indem sie einander elektrische Impulse sendeten. Beim Lesen fragte sich die Linguistin in mir, ob unterschiedliche Baumarten wohl unterschiedliche Sprachen sprechen und deshalb möglicherweise Dolmetscher brauchen, um sich miteinander zu verständigen. In diesem Zusammenhang muss ich an ein Interview mit einem Ornithologen denken, das ich interessant fand, weil er behauptete, Vögel sängen je nach Region mit unterschiedlichen Akzenten. Zu Hause auf meinem Schreibtisch liegt noch die Korrekturfahne eines Romans, mit dem ich nur schleppend vorankomme. Er handelt von einem Forscher, der mit großen privaten Schwierigkeiten zu kämpfen hat und gleichzeitig an der Kartierung eines komplizierten Netzes von Pilzen arbeitet, das sich über Kilometer unterirdisch erstreckt. Netzwerk lautet der Titel des Buchs, und wie der Autor erläutert, verbinden sich die Pilze mit den Wurzeln von Pflanzen und Bäumen, nehmen Kohlenstoff auf, geben dabei Nährstoffe frei und sind deshalb extrem wichtig für das Ökosystem. In der Geschichte werden die Pilze von Umweltverschmutzung und Wassermangel bedroht. Jeder Baum muss seinen Pilz finden lautet ein Satz in dem Manuskript, der sich mir eingebrannt hat, wie auch die Kapitelüberschrift Die Zukunft ist unterirdisch. In diesem Kapitel lässt die Mutter des Protagonisten die Worte fallen: All dies geschieht unterirdisch, und wir wissen nichts davon.

In diesem Moment klopft es an meiner Tür. Ich vermute, dass es der Tagungsneuling ist, ein Experte für die Phonologie indigener Sprachen. Er ist in meinem Alter und kam vorhin beim Empfang in der Lobby ungefragt mit zwei Gläsern auf mich zu. Zudem ist mir aufgefallen, dass er mich während seines Vortrags, bei dem ich in der ersten Reihe in dem halbleeren Saal saß, ständig beobachtete. Er lächelte mich an, als er erklärte: An einem Tag sagt jemand in einer Sprache, ich liebe dich oder ich habe Hunger, und am nächsten Tag wird sie von niemandem mehr gesprochen.

Jeden Freitag stirbt eine Sprache

Es wird Wert darauf gelegt, dass alle ihre Vorträge in ihrer jeweiligen Kleinsprache halten, dass man die Sprachen laut hört, selbst wenn wir einander nicht verstehen. Meines Wissens wurden anfangs, viele Jahre bevor ich an den Konferenzen teilnahm, Dolmetscher eingesetzt, die die Vorträge in die Muttersprachen der Teilnehmer übersetzten, aber das wurde zu teuer und zu kompliziert in der Umsetzung. Stattdessen werden die Vorträge ins Englische übersetzt, auf eine Leinwand im Konferenzraum projiziert (der eigentlich der Speisesaal des Gasthofs ist) und später im Tagungsbericht auch zweisprachig abgedruckt. Da Englisch als eine der größten Bedrohungen für Kleinsprachen gilt, war die Entscheidung, die Vorträge ins Englische zu übersetzen, vielen Hardlinern ein Dorn im Auge.

Am zweiten Konferenztag hält jemand einen Vortrag mit dem Titel Was ist eine Sprache und was ist ein Dialekt?, gefolgt von einer Diskussion, ob man Dialekte als Minderheitensprachen einordnen oder lediglich die offiziellen Landessprachen berücksichtigen sollte. Außerdem gibt es einen Vortrag über eine indigene Sprache im Amazonasgebiet, die wegen der Abholzung des Regenwalds kurz vorm Aussterben ist, einen weiteren über Kornisch, das in Cornwall gesprochen wurde, im achtzehnten Jahrhundert ausstarb, im zwanzigsten Jahrhundert wiederbelebt wurde und heute wachsendes Interesse genießt. Danach hören wir von einem Experten für Textpragmatik einen Vortrag über Schimpfwörter im Walisischen. Den letzten Vortrag vor dem Ende der Tagung hält eine Expertin für Historische Syntax, sie spricht über die Position von Verben bei syntaktischer Generierung im Bretonischen des siebzehnten Jahrhunderts.

Am Ende jeder Konferenz verfassen wir eine gemeinsame Resolution in Form eines Appells, den wir an die UNESCO schicken, das Forum für Sprachen innerhalb der Vereinten Nationen. Die Formulierung ist meistens dieselbe wie bei der letzten Konferenz, nur dass wir die Liste der bedrohten Sprachen der Vereinten Nationen aktualisieren. In der Resolution wird konstatiert, dass auf der Welt zwischen sechstausendfünfhundert und siebentausendeinhundert Sprachen gesprochen werden, je nachdem, wie man zählt (wir konnten uns nicht über die Kategorisierung von Dialekten einigen – würde man strikte Maßstäbe anlegen, müsste man Norwegisch und Dänisch als Dialekte einordnen). Außerdem wird daran erinnert, dass jede Woche eine Sprache auf der Welt ausstirbt (andere sagen, alle zwei Wochen). Jeden Freitag stirbt eine Sprache lautete auch der Titel der Eröffnungsrede, in der darauf hingewiesen wurde, dass sich, während wir über bedrohte Sprachen diskutieren, eine davon in den letzten Zügen befindet. Der abschließende Satz der Resolution hat sich seit der letzten Konferenz nicht geändert: Wenn es so weitergeht, können wir davon ausgehen, dass neunzig Prozent aller Sprachen bis zur nächsten Jahrhundertwende ausgestorben sein werden.

Nachdem wir die Resolution verabschiedet haben, beschließen wir, wo die nächste Tagung stattfinden soll, beginnen mit der Planung und der Beantragung von Fördergeldern. Bisher haben wir von internationalen Fördertöpfen profitiert und konnten Reisekosten, Übernachtungen, Verpflegung, Spesen und die Übersetzungen der Vorträge ins Englische darüber finanzieren.

Schneeregen

Als wir gelandet sind, schalte ich das Handy ein und sehe, dass mein Vater fünfmal angerufen hat.

Es ist der sechzehnte November, der Tag der Isländischen Sprache, und slydda – Schneeregen. Ich mag das Wort, aber nicht das Wetter, ein nasskalter weißer Niederschlag, der aus allen Richtungen kommt und mir von den Haaren in den Kragen tropft, als ich auf dem Flughafenparkplatz mein Auto suche. Das Türschloss ist eingefroren, und ich brauche eine Weile, um den Schlüssel ins Schloss zu kriegen. Nachdem ich das geschafft habe, kann ich den Eiskratzer im Auto nicht finden. Ich wische den meisten Schnee mit dem Mantelärmel von der Windschutzscheibe und stelle fest, dass das Gummi an den Scheibenwischern ausgewechselt werden muss. Während ich zurücksetze und die Heizung aufdrehe, rufe ich meinen Vater an. Als Erstes fragt er, wie der Flug gewesen sei. Ich antworte, dass er angenehm war, bis auf ein paar Turbulenzen über den Färöern und einen Windstoß, der das Flugzeug bei der Landung zur Seite fegte. Dann will er wissen, ob ich jemanden an Bord kannte, und ich erzähle ihm, dass die Ministerpräsidentin in der Maschine war.

»Ja, genau«, sagt Papa, »das kam in den Nachrichten, sie war bei einem Meeting des Arktischen Rats.«

»Kanntest du sonst noch jemanden?«

»In der Reihe hinter der Ministerpräsidentin saß der Direktor der Nationalbank.«

»Der hat schon wieder den Leitzins erhöht«, kontert mein Vater.

Das erinnert mich daran, dass ich vor nicht allzu langer Zeit ein Krimi-Manuskript gelesen habe, das unter einem Pseudonym an den Verlag geschickt worden war. Der Verleger vertraute mir an, hinter Dollý verberge sich der Direktor der Nationalbank.

Ich lese für zwei Verlage um die dreißig Krimi-Manuskripte pro Jahr, und es ist mir nicht entgangen, dass viele hochrangige Politikerinnen und Politiker mit der Publikation eines Kriminalromans liebäugeln. Letztes Jahr erschien ein Thriller von der Landwirtschaftsministerin mit einem verwirrenden Plot rund um zwei Morde, in die Abgeordnete der Opposition verwickelt waren. Die Leser wussten von Anfang an, wer der Mörder war, denn in die Geschichte waren zahlreiche Hinweise eingestreut, aber dann wurde der Mörder am Ende ermordet und man tappte im Dunkeln. Zu Hause auf dem Computer wartet die Fortsetzung auf mein Korrektorat. Literarische Autoren scheinen inzwischen auch oft Krimis zu schreiben. Ich habe genug Manuskripte gelesen und erkenne sie deshalb sofort an ihren überkomplexen Figurencharakterisierungen, wodurch die Leser das Interesse an der Handlung verlieren. Diesen Autoren fällt es schwer, eine überzeugende Lösung zu konstruieren, sie verlieren sich in Spekulationen über das Wesen von Verbrechen, Schuld und Unschuld oder sogar über menschliches Leid. Oft bekommen ihre Bücher wohlwollende Rezensionen, schaffen es aber nicht auf die Bestsellerliste.

»Kanntest du sonst noch jemanden an Bord?«

Ich überlege.

»Die Schwimm-Nationalmannschaft war auf dem Rückflug von den Spielen der kleinen Staaten Europas.«

Die Sportlerinnen in ihren Nationaltrikots hatten die letzten Sitzreihen im Flugzeug belegt und schlummerten friedlich.

»Sie haben Gold im Rückenschwimmen gewonnen«, sagt Papa, »das kam auch in den Nachrichten.«

Ich stelle die Heizung höher.

In der Reihe vor mir saß ein mittelalter Mann mit einem Teenager, einem Jungen, der seine Mütze während des gesamten Flugs nicht absetzte. Mir fiel auf, dass die beiden stehen blieben und sich suchend umschauten, nachdem sie das Flugzeug verlassen hatten. Sie sprachen jemanden vom Flughafenpersonal an, und kurz darauf erschienen zwei Polizisten und nahmen sie zur Seite. Meinem Vater gegenüber erwähne ich die Flüchtlinge aber nicht.

»Außerdem war eine Fliege an Bord.«

»Was?«

Wir befanden uns schon im Sinkflug, als sich ein Mann in der Sitzreihe gegenüber plötzlich abschnallte, aufsprang und mit der Hand herumwedelte. Im selben Moment sah ich, wie die Fliege auf der Rückenlehne vor mir landete, die Flügel einklappte und reglos dort verharrte. Im Flugzeug kam Unruhe auf, Passagiere drehten sich auf ihren Plätzen um, jemand erhob die Stimme, und kurz darauf eilte die Stewardess mit einer aufgerollten Saga-Boutique-Broschüre durch den Gang und erschlug das Insekt. Sie beugte sich in ihrem engen Rock hinunter, hob die Fliege wie einen schwarzen Fussel mit den Fingerspitzen auf und verschwand im hinteren Bereich des Flugzeugs.

Papa findet es bemerkenswert, dass eine Fliege an Bord der Látrabjarg gelangen konnte (er hatte sich nach dem Namen des Flugzeugs erkundigt), und will wissen, welche Art es war. Ich entgegne, dass sie wie eine Stubenfliege aussah.

»Dann war ja ein blinder Passagier an Bord«, sagt er.

Ich erzähle ihm, dass die Stewardess, die die Fliege getötet hat, früher mit meiner Schwester Betty in der Psychiatrie beschäftigt war, bevor Betty zur Blutbank wechselte. Meine Schwester hat schon überall im Gesundheitswesen gearbeitet, eine Zeitlang auch in der ambulanten Pflege von Krebspatienten. Sie gemahnt mich regelmäßig, Blut zu spenden. Ich habe Blutgruppe AB minus, was laut Betty gut ist, weil es sich um eine seltene Blutgruppe handelt, die weniger verfügbar ist als andere Blutgruppen.

Papa glaubt zu wissen, wen ich meine, und fragt nach, ob diese Stewardess am Wochenende als Stand-up-Comedian auftrete.

»Ja, das stimmt«, antworte ich. »Genau die.«

Papa erzählt, er habe sich heute Morgen mit Hlynur im Hot Pot getroffen, danach hätten sie bei Hlynur zu Hause Kaffee getrunken und eine Partie Schach gespielt.

»Ihr trefft euch doch jeden Tag, oder?«, frage ich.

Hlynur wohnt in der Hvassaleiti in der Wohnung über Papa, ist ehemaliger Frachtschiffkapitän und wie mein Vater Witwer. Die beiden treffen sich jeden Morgen im Schwimmbad, und falls Papas Behauptung stimmt, wartet Hlynur im Hot Pot, während er selbst zweihundert Meter schwimmt. Papa hat schon öfter erwähnt, dass sie beide Töchter haben, die Krankenschwestern sind und sich Sorgen um ihre Väter machen. Mein Vater ist gut in Form, wohingegen Hlynur, der zehn Jahre älter ist, schon eine Bypass-Operation hatte und übergewichtig ist. Deshalb mischt seine Tochter sich bei ihm mehr ein als Betty bei Papa. Hlynurs Tochter arbeitet in der Urologie, und Papa sagt, er sei froh, dass er nicht, so wie Hlynur, von seiner Tochter gefragt werde, ob sein Harnstrahl unregelmäßig sei. Seit Hlynur nicht mehr zur See fährt, hat er sich dem Gärtnern verschrieben, besonders seinem größten Hobby, der Aufforstung. Er ist Schatzmeister im Reykjavíker Forstverein. Wie Papa schon öfter erwähnte, ist sein Freund der erste Isländer, der auf den Namen Hlynur getauft wurde.

»Nach dem Baum«, sagt er dann immer. »Er war der erste Hlynur, der erste Ahorn.«

»Heute steht Hlynur an zweiundsechzigster Stelle auf der Liste der beliebtesten Jungennamen, es gibt insgesamt sechshundertvier Personen in ganz Island, die Hlynur heißen«, präzisiert der Steuerberater.

Zahlen sind Papas Steckenpferd. Wenn er auf der Straße ein Autokennzeichen entdeckt, das er kennt, fallen ihm sofort die ID-Nummer des Fahrzeughalters, dessen Telefonnummer sowie diverse Angaben in dessen Steuererklärung ein, die er für ihn ausgefüllt hat. Er ist seit kurzem in Rente, erledigt aber immer noch die Steuererklärungen für mehrere Freunde, die jahrzehntelang seine Mandanten waren. Darunter auch Hlynur.

Als ich in die Auðarstræti biege, fällt mir plötzlich ein, was ich geträumt habe, als ich im Flugzeug irgendwo über dem Ozean eingeschlafen bin. Ich erzähle Papa davon.

»Ich habe geträumt, ich fliege knapp über der Erde, über eine karge, unfruchtbare Landschaft, und während ich darüberfliege, schaue ich mich um und überlege, ob ich mich dort niederlassen und versuchen sollte, etwas anzupflanzen. Dann stand ich plötzlich in Mamas Stiefeln mitten in einem Kartoffelfeld und grub den Boden um. Ich hielt eine Kartoffelpflanze in der Hand, schüttelte schneeweiße Kartoffeln ab, bückte mich und legte sie in einen roten Plastikeimer. Dabei fiel mir auf, dass eine Kartoffel herzförmig und größer war als die anderen. Auf einmal stand Mama neben mir, und ich fragte sie, ob es gefährlich sei, die herzförmige Kartoffel zu essen. Sie meinte, das wäre in Ordnung.« Ich erzähle Papa auch, dass das nicht der einzige Flugtraum ist, den ich in letzter Zeit hatte.