Ego - John von Düffel - E-Book

Ego E-Book

John von Düffel

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8,99 €

Beschreibung

Jeden Morgen steht er vor dem Spiegel und misst seine Bauchnabeltiefe. Jeden Abend modelliert er im Fitness-Studio seinen Muskelpanzer: auf dem Weg zur »Alpha-Anatomie«. Ansonsten bewegt sich Philipps Business-Leben zwischen Diät und Dauerflirt, Trizeps und Ferientrips. Körper und Karriere, Frauen und Erfolg spielt er meisterhaft gegeneinander aus. Diesem Solisten ist nichts wichtiger als Wirkung. Ein Global Player auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten. Doch hinter dem selbstherrlichen Spiel ist Unternehmensberater Philipp ein Getriebener: Der Kinderwunsch seiner Dauerverlobten und Mentorin Isabell beunruhigt ihn genauso wie der Kollege, der ihm den Aufstieg zum »Juniorpartner« streitig macht. Ein gewisser Herr Weinheimer verfolgt ihn. Der Siegeszug dieses modernen Karriere-Athleten durch die »Olympiade des Lebens« wird zur Hetzjagd.

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Seitenzahl: 345

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JOHN VON DÜFFEL EGO

Roman DuMont

Dank

Till

Beat

Katja

eBook 2014

© 2001 DuMont Buchverlag, Köln

Alle Rechte vorbehalten

Ausstattung und Umschlag: Groothuis & Consorten

Satz: Greiner & Reichel, Köln

ISBN eBook: 978-3-8321-8798-9

www.dumont-buchverlag.de

Es schlug einen Drachen des Helden starke Hand.

Er badete in dem Blute; fest wie Horn ist er jetzt.

Man hat es oft vernommen, daß keine Waffe ihn verletzt.

Das Nibelungenlied

I. TAG

Wenn die materielle Existenz gesichert ist,

fängt der Kampf ums Überleben erst an.

H. Brown, Mental Strategies

1

Noch fünf Millimeter. Ich darf gar nicht daran denken, daß es am Anfang sieben waren – oder mehr, zu einer Zeit, als ich noch nicht gemessen habe! Eigentlich könnte ich ganz zufrieden sein. Aber ich bin’s nicht. Ich will meinen Nabel auf Null bringen. Ich hasse es, in ein Loch zu starren, wenn ich mir meine Bauchpartie ansehe. Eine verdammte Grube. Oder ein Grübchen, mittlerweile. Es lenkt von meinen Bauchmuskeln ab. Ich muß unbedingt an meiner Nabeltiefe arbeiten.

Ich mache spontan fünfzehn Crunches in Superzeitlupe und schließe drei Sätze à zwanzig Liegestütze an. Klassisch und mit versetzten Armen. Man soll den Fitness-Impuls nie unterdrükken. Währenddessen schaue ich mir meine Oberarme an und meine Laune steigt. Ich bin kein Bizeps-Fanatiker. So ein Bizeps ist im Grunde nur eine Beule. Aber mein Trizeps ist wirklich sehenswert. Ein echter Reliefmuskel. Nichts modelliert einen Oberarm so eindrucksvoll wie ein gut trainierter Trizeps.

Ich stelle mich wieder vor den Spiegel. Auf den ersten Blick scheint mein Nabel wie ausradiert. Meine Laune bessert sich zusehends. Ich bin ein großer Anhänger des ersten Blicks. Nichts ist mysteriöser als die Frage, wie man unmittelbar auf einen anderen Menschen wirkt. Dazu muß man alles vergessen, was man von sich weiß. Man darf sich noch nie gesehen haben.

Ich starre eine Weile auf das Regal mit den Pflegeserien und versuche mich zu erinnern, wann, wo und warum ich was gekauft habe. Dann schwenke ich wie zufällig auf den Spiegel. Wieder nichts. Erst bei näherem Hinsehen entdecke ich meinen Nabel etwas unterhalb der mittleren Bauchmuskeln in meinem durchtrainierten Sixpack. Näheres Hinsehen zählt auch, aber nicht so wie der erste Blick, der Blickfang. Wenn man die Leute dazu bringt, näher hinzusehen, ist das Ziel schon so gut wie erreicht.

Im großen und ganzen kann ich mit dem Trainingsstand leben. Bis jetzt! Mein Nabel macht wirklich Fortschritte. Er ist nicht mehr das Loch, das er mal war. Wenn ich das Sixpack etwas anhebe, sieht man, daß er leicht schräg verläuft. An der Unterseite ist er ein wenig flacher. Weiter oben sinkt er um etwa zwei Millimeter ab – die Stelle, an der ich immer messe. Neu ist das Häutchen, das sich um den oberen Rand spannt. Dreieinhalb Monate habe ich gebraucht, um das herauszuarbeiten. Ein entscheidendes Detail, weil es den ganzen Nabel straff erscheinen läßt. Ich weiß nicht, ob es einen Namen dafür gibt. Sollte es aber!

Wie wäre es mit ›Nabellid‹?

Ein solches Nabellid ist eine echte Errungenschaft. Es unterscheidet einen durchtrainierten Nabel von den formlosen Kratern im Fleisch. Es zieht eine klare Grenze zwischen den schwammig weichen Bauchhöhlen und dem Nabel mit Kontur. Und es verleiht der ganzen Bauchpartie einen besonderen Charakter, wenn sich das Nabellid über dem Grübchen ein klein wenig wölbt. Nur eine Idee. Irgendwie wirkt das sehr raffiniert.

Ich bin von meinem Anblick hell begeistert und mache noch einmal fünfzehn Crunches in Supersuperzeitlupe, damit das so bleibt. Man muß absolut Athlet sein! Währenddessen schaue ich auf die Uhr, um sicherzugehen, daß ich vor lauter Euphorie nicht schneller werde. Crunches sind nur etwas wert, wenn man die Schwungkraft nicht ausnutzt und sämtliche Körperspannung aus den Bauchmuskeln holt.

Natürlich registriere ich, daß es höchste Zeit ist, mich anzuziehen. Frühstück habe ich in Gedanken schon gestrichen. Ich würde es dem heutigen Tag nicht verzeihen, wenn ich mich jetzt unterbrechen müßte. Für die letzten Wiederholungen nehme ich mir besonders viel Zeit. Mit bloßem Auge läßt sich kaum eine Bewegung erkennen. Die Crunches bestehen nur noch aus Stillhalten und Muskelzittern. In der Rinne zwischen meinen geraden Bauchmuskeln sammelt sich Schweiß.

Ich sollte jetzt längst bei den Schuhen sein. Trotzdem hänge ich noch zwei Sätze à zehn Klimmzüge dran – einmal mit weitem, einmal mit geschlossenem Griff. Normalerweise bin ich um diese Uhrzeit aus der Tür, aber es gelingt mir, bei den Aufwärts- und Abwärtsbewegungen jegliches Pendeln zu vermeiden. Und dieses Gefühl von perfekter Körperbeherrschung spornt mich dermaßen an, daß ich noch eine Serie Sitzklimmzüge mit angewinkelten Oberschenkeln durchziehe. Meine Bauchmuskeln vibrieren vor Anspannung. Mir ist natürlich klar, daß ich jetzt noch einmal duschen muß.

Ich greife zum Telefon, um meine Sekretärin anzurufen, weil es wohl wieder eine halbe Stunde später wird. Vorher hole ich mehrmals tief Luft. Es würde nicht zu mir passen, wenn ich außer Atem wäre. Sie nimmt erst nach dem vierten Klingeln ab, was mir Gelegenheit für ein paar Lockerungsübungen gibt. Während ich mit ihr spreche, gehe ich in meinem Schlafzimmer umher und federe in ein leichtes Stretching bei jedem Schritt. Irgendwie mag ich ihre Stimme, wenn sie streng sein will.

Meine Oberschenkel fühlen sich gut an. Mit den Waden sollte ich es nicht übertreiben. Ich gehe weiter ins Wohnzimmer und spiegele mich in der Fensterfront. Mein ganzer Körper glänzt vor Schweiß. Ich absolviere ein paar Dehnübungen im Hüftbereich, während sie meinen Terminkalender herunterbetet. Ich stöhne, stimme zu. Dann posiere ich mit einem Gefühl von Unschlagbarkeit und bitte sie, mir für neun Uhr einen Energie-Snack ins Büro kommen zu lassen, dazu einen frisch gepreßten Orangensaft und zwei Flaschen stilles Wasser. Absolut ohne Kohlensäure! Außerdem möchte ich, daß sie mir – wie auch immer – eine Extrastunde fürs Fitness-Studio freischaufelt.

Bevor sie protestieren kann, bin ich schon in der Küche und reiße mit den Zähnen die Lasche meines Kraftshakes auf. Ich frage mich, ob ich an ihrer Stelle sehr in mich verliebt wäre, und trinke einen Schluck. Dann sage ich ihr etwas Nettes zum Abschied. Ich habe die beste Sekretärin der Welt.

Unter der Dusche plötzlich ein Anflug von Bedauern. Der Temperaturwechsler überzieht meine Haut mit heißkalten Nadelstichen, das Gefühl von Straffheit und kompakter Kraft. Ich könnte vor Fitness zerspringen. Der Nacken massiv, meine Brustmuskeln wie von Wasser glasiert, die Brustwarzen pfenniggroß und mehr als eine Handspanne auseinander, so wie ich es immer wollte. Mir ist nach Weinen zumute. Ich presse Daumen und Zeigefinger tief in die Augenhöhlen. Wasser prasselt auf meine Stirn und rinnt mir in den halb geöffneten Mund. Meine erste Vermutung ist, es könnte vielleicht ein verfrühter Schub von Erschöpfung sein. Dann wird mir klar, daß ich so deprimiert bin, weil mir im Moment niemand zusieht. Es ist einfach unglaublich schade.

Beim Frottieren spiele ich mit dem Gedanken, wegen heute abend Isabell anzurufen. Ich stelle mich vor den Garderobenspiegel und kleide mich an. Natürlich könnte ich auch auf Risiko setzen und mich beim Spättraining im Studio anderweitig umschauen. Aber was, wenn sich alle wieder nur für ihre eigenen Körper interessieren? Ich kämpfe mit den Knöpfen meines Hemdes, mir zittern die Finger vor Wut. Es muß doch in meinem Bekanntenkreis wenigstens eine Person geben, die meinen Anblick, verdammt noch mal, zu schätzen weiß!

Meine Hals- und Nackenmuskulatur hat dermaßen zugelegt, daß sich der Kragenknopf kaum noch schließen läßt. Ich bin in Bestform und keiner sieht es. Es ist eine Schande. Im Anzug erkennt man allenfalls Kontur und Volumen meiner Schulterpartie, nicht aber die vielen Einzelheiten, an denen ich so liebevoll gearbeitet habe. Ich bin jetzt wirklich kurz davor, Isabell anzurufen. Vielleicht könnte ich mich mit ihr zum Training verabreden?

Ich binde mir die Krawatte und komme wieder einmal über meine Brustbehaarung ins Grübeln. Ein Zeichen dafür, wie aufgewühlt ich bin! Bislang habe ich mich standhaft geweigert, dem Trend zur männlichen Barbusigkeit zu folgen. Ich sehe in meinem Fall absolut keinen Enthaarungsbedarf. Rücken und Schultern sind bei mir schon von Natur aus unbehaart. Und von der Brustpartie bis zum Nabel läuft nur ein leichter Flaum, der sich unter dem Einfluß von Wasser und Sonne schnell aufhellt bis hin zu einem leuchtenden Weißblond, was an den Badestränden immer ein Hingucker war. Ich mag diese unschuldigen goldenen Härchen.

Und nicht nur ich! Mir fallen aus dem Stand mindestens zwanzig Komplimente ein, die ich meiner Brustbehaarung verdanke. Das Spektrum reicht von »deine romanischen Löckchen« (Julia, letzten Winter, als meine Haarfarbe etwas dunkler war) bis hin zu »süßer Engelsflaum« (Miriam auf einem Kurztrip nach Mauritius vor anderthalb Monaten). Warum also rasieren? Nur damit ich aussehe wie all die anderen Lackaffen, die sich künstlich enthaaren müssen, um als homo sapiens durchzugehen? Ich weiß genau, daß mein Brusthaar etwas Besonderes ist. Doch ich kann machen, was ich will. Immer wenn es mir schlecht geht, werde ich unsicher.

Im Fitness-Studio bin ich inzwischen einer der wenigen, die noch Brustbehaarung tragen – wenn nicht sogar der einzige auf unserer Trainingsebene! (Ich rede nicht von Achselhaaren. Mit Achselhaaren kommt man in den Laden nicht mal rein.) Als letzter hat sich, wenn ich mich richtig erinnere, Jason enthaart. Oder Nils-Peter. Aber den habe ich schon eine Weile nicht gesehen. Möglicherweise hat er sich wegen seiner Sommersprossen gleich einer kompletten Hauttransplantation unterzogen.

Natürlich könnte ich mich auf den Standpunkt stellen, daß mich das alles nichts angeht, weil ich es nicht nötig habe, was von der Sache her stimmt. Beunruhigend finde ich nur, daß ich in letzter Zeit kein einziges männliches Model mit Brustbehaarung gesehen habe. Da kann einem schon mulmig werden. Man möchte schließlich nicht der letzte sein, der noch mit Tennissocken rumläuft.

Ich unterdrücke den Impuls, meinen Oberkörper zu rasieren – das würde meinen ganzen Zeitplan über den Haufen werfen. Nur nichts überstürzen, flehe ich mein Spiegelbild an. Der Schrecken steht mir ins Gesicht geschrieben. Noch während ich zur Tür eile, muß ich mir versprechen, meine Entscheidung – wie auch immer sie ausfällt – wenigstens einmal zu überschlafen. Zu meiner eigenen Sicherheit. Nicht, daß ich Maßnahmen ergreife, die ich hinterher bereue!

Aber es ist schon so, sage ich mir, als ich mich in der Spiegelrückwand der Fahrstuhlkabine wiedersehe, daß ich in dieser ganzen Argumentation bisher einen wesentlichen Aspekt außer acht gelassen habe. Mir ist schleierhaft, wie das passieren konnte, schließlich kaue ich die Brusthaar-Problematik nicht zum ersten Mal durch. Doch bis heute habe ich nicht bedacht, daß Haare auf der Brust – und seien sie noch so affenfern – die Aufmerksamkeit von meinem Körper abziehen. Mein monatelanger Kampf gegen die Nabeltiefe war also völlig umsonst. Mehr noch! Womöglich wird nicht nur mein unter Qualen hervorgebrachtes Nabellid, sondern das gesamte Bauch-Brust-Relief durch diese Härchen praktisch nivelliert. Und selbst wenn ›nivelliert‹ ein zu hartes Wort ist, so lenkt meine Behaarung doch zumindest davon ab. Ich sehe verboten blaß aus, dabei war ich gestern eine Stunde im Solarium.

Ich stürze aus dem Fahrstuhl und laufe durch die Tiefgarage. Kalter Schweiß steht auf meiner Stirn. Ich kann mich nur mit Mühe auf den Beinen halten. Alles dreht sich. Als ich meinen Wagen erreiche, muß ich mich anlehnen. Mit letzter Kraft drücke ich den Piepser, bevor die Alarmanlage losgeht. Ich schnappe nach Luft. Der Geruch von Benzin, Altöl und Kohlenmonoxid. Abwärme aus dem Lüftungsschacht. Mir wird übel. Ich reiße die Tür auf und lasse mich auf den Fahrersitz fallen. Die Lederpolster riechen wie neu, aber beißend. Niesreiz in der Nasenwurzel. Mein Magen hebt sich samt Kraftshake. Meine Selbstbeherrschung ist kinoreif.

Ich fröstele, als ich die Tür zuschlage, und stelle die Klimaanlage auf warm. Mein nächster Griff ist das Autotelefon. Es bleibt mir nichts anderes übrig. Noch bevor ich die Tiefgarage verlassen habe, rufe ich Isabell im Büro an. »Bitte, sei da, sei zu sprechen!« hauche ich beschwörend gegen die Windschutzscheibe, während ich mich in den Verkehr einfädele. Dann nimmt sie ab, und ich bin enttäuscht.

Sie hat ein bißchen zuviel Zeit für mich, was mir sofort das Gefühl gibt, einen Fehler gemacht zu haben. Wenn sie mit mir reden will, dann sollte sie eigentlich mich anrufen und nicht umgekehrt, abgesehen davon, daß ich wohl kaum abnehmen würde, wenn es mir besser ginge. Wieso hat sie um diese Uhrzeit noch keine Klienten, wo sie doch angeblich so gefragt ist?

Ich schalte Isabell von der Freisprechanlage auf Handapparat, weil ich nicht möchte, daß ihre Telefonstimme meinen ganzen Wagen ausfüllt. Kurzzeitig lande ich bei Vivaldi auf der Warteschleife, dann knüpft sie nahtlos an unsere letzte Aussprache an, von der ich nur ein vages Unbehagen zurückbehalten habe. Ihr Ton klingt kompromißbereit, aber man weiß nie. Mir fällt eine Szene aus einem James-Bond-Film ein, in der 007 von einem barbrüstigen japanischen Kämpfer gefragt wird, was das Geheimnis seines Erfolgs bei Frauen ist. »Ein Vogel nistet nicht gerne in einem kahlen Baum«, antwortet Roger Moore mit Blick auf seine schamlockige Brustbehaarung – oder war es Sean Connery? Was soviel heißt wie: Dieser Film ist mit Sicherheit über zwanzig Jahre alt. Alles andere als ein Trost.

Isabell erklärt mir noch einmal, daß sie mich nicht unter Druck setzen will, während ich so tue, als wüßte ich, wovon sie spricht. Mir wird langsam klar, daß ich die Antwort auf die Frage aller Fragen nicht erhalten werde. Nicht in diesem Gespräch. Jedenfalls sehe ich keine Möglichkeit, mitten in einer Diskussion über den Kinderwunsch von Karrierefrauen Anfang Dreißig so ganz nebenbei zu bemerken: »Ach, übrigens, wie findest du eigentlich meine Brustbehaarung?« Ich lege den Hörer auf den Beifahrersitz und überhole lächelnd eine Polizeistreife. Doch es macht nicht den gewohnten Spaß.

Es ist hoffnungslos. Selbst wenn sich unsere Unterhaltung wieder persönlicheren Dingen zuwenden würde, könnte Isabell mir nicht die Antwort geben, die ich so dringend brauche. Attraktivitätsfragen lassen sich nur durch Frauen entscheiden, die nicht in mich verliebt sind, geschweige denn weitergehende Absichten hegen, von denen ich lieber nichts wissen will. Mit einer Einzelmeinung ist mir nicht geholfen. Attraktivität ist Mehrheitssache, ein statistischer Wert. Und je länger ich darüber nachdenke, desto weniger scheint es mir möglich, in diesem Punkt auf einigermaßen anständige Weise Gewißheit zu erlangen.

Ich stehe schon halb auf dem Parkplatz, als Isabell mich fragt, wie es mir geht und was ich denn auf dem Herzen habe. Sie ist immer für eine Überraschung gut. Es wäre natürlich völlig abwegig, jetzt die Wahrheit zu sagen. Also schlage ich ihr für heute abend ein gemeinsames Training vor, zugegebenermaßen mit dem Hintergedanken, daß es einfacher sein dürfte, das Gespräch wie zufällig auf meine Brustbehaarung zu lenken, wenn wir schon einmal dabei sind.

Isabell zögert für ihre Verhältnisse erstaunlich lange, was mich zum ersten Mal hellhörig werden läßt. Irgendwo in meinen Eingeweiden regt sich unverhofft eine Spur von Begehren. Ich versuche, an ihren Nacken zu denken, wenn sie sich das Haar zum Duschen hochsteckt. Der Schwung ihrer Taille fällt mir ein, ihr sagenhafter Apfelpo. Vielleicht liege ich insgesamt doch nicht so falsch mit ihr. Sie ist eine der schönsten Frauen, die mir je begegnet sind, wenn auch ein bißchen zu entgegenkommend. Und es hat mir bisher alles andere als geschadet, inoffiziell mit ihr verlobt zu sein. Ich weiß nur nicht, ob ich es noch lange ertrage, von allen Seiten zu hören, wie perfekt sie ist.

»Muß es das Fitness-Studio sein?« fragt sie zurück, und an der Art, wie sie das sagt, merke ich sofort, daß es beste männliche Intuition war, einen Treffpunkt vorzuschlagen, der wenigstens halbwegs öffentlich ist. Ich möchte heute nicht mit ihr allein sein. Und sei es auch nur, um in der Brusthaarfrage unter Umständen eine zweite Meinung einzuholen.

»Also dann«, sage ich abschließend, es ist weniger eine Aufforderung als eine Feststellung. Sie antwortet nicht. Aber sie wird da sein heute abend. Ich weiß es. Und sie weiß, daß ich es weiß.

2

Schon als ich das Bürogebäude betrete, habe ich das untrügliche Gefühl, dieser Tag könnte besser werden als erwartet. Zumindest sehe ich mal wieder besser aus, als es mir geht. Zwei Besucherinnen, die im Foyer an der gläsernen Pförtnerloge stehen, tuscheln aufgeregt, als ich vorbeigehe. Noch während ich im Fahrstuhl verschwinde, spüre ich ihre Blicke auf meinem Po. Ich hätte Lust, sofort etwas für meine Gesäßmuskulatur zu tun, und kann meinen Eifer nur zügeln, indem ich mir vornehme, diesem Bereich beim nächsten Zirkeltraining mehr Aufmerksamkeit zu widmen.

Der Seitenwandspiegel der Fahrstuhlkabine zeigt mein Profil, was mich aufbaut. Form und Farbe sind wieder da. Die inneren Kämpfe sieht man mir nicht an, keine Spur. Auf meine Oberfläche ist Verlaß. Aber dafür habe ich auch hart gearbeitet.

Auf dem Gang begegne ich einer jungen Kollegin, die mir vor wenigen Tagen vorgestellt wurde. An ihren Namen kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern. Sie besitzt alle körperlichen Eigenschaften, die ein konzentriertes Zuhören in ihrer Nähe verunmöglichen. Natürlich mache ich nicht den Fehler, sie anzustarren, sondern denke unangestrengt über ganz etwas anderes nach, das ich sofort wieder vergesse. Erst, als ich mir sicher bin, daß sie mich ansieht, erwidere ich flüchtig ihren Blick und lächele zerstreut. Sie schlägt sofort die Augen nieder. Volltreffer! Mitten auf dem Gang bleibt sie stehen und schaut sich nach mir um. Eine solche Sofortwirkung hatte ich seit Tagen nicht mehr. Ich glaube, sie hieß Susanne. Oder war das ihre Vorgängerin?

Schwungvoll öffne ich die Tür zum Vorzimmer meines Büros. Meine Sekretärin steht automatisch auf, als sie mich sieht. Sie muß das nicht. Es ist ein Reflex. Offenbar hat sie sich in dem Dreivierteljahr, das sie jetzt bei mir ist, noch immer nicht an meinen Anblick gewöhnt.

Sie ist ein bißchen sprachlos, doch ich gehe mit einer lockeren Begrüßung darüber hinweg. Ihre Erwiderung kommt beinahe flüsternd, mal etwas zu wenig Atem, dann wieder ein Hauch zuviel. Wenn man mich jetzt fragen würde, wie verliebt sie in mich ist, würde ich sagen: sehr. Aber ich bin mit solchen Urteilen äußerst vorsichtig. Sicher ist nur, so wie ihr Atem geht, daß sie an Sex mit mir denkt. Doch dagegen habe ich nichts. Im Gegenteil, das ist gut fürs Betriebsklima.

Noch im Stehen sehe ich meine Post durch. Meistens verrät schon das Briefpapier, worum es geht. Meine Sekretärin stellt sich neben mich, redlich bemüht, die eine oder andere Erläuterung einzustreuen. Ihr Kopf, in dem ich herumspuke, taucht neben meiner Schulter auf. Mein Blick streift ihre glatte Stirn, hinter der ich wohne. Ihre Brust hebt und senkt sich, sie atmet schwer. Ich gäbe etwas dafür zu wissen, was sie heute nacht von mir geträumt hat.

Sie läuft mir nach, während ich mein Büro betrete und die Anzugjacke lässig schultere, weil das meinen Oberkörper besser zu Geltung bringt. Ich spiele kurz mit dem Gedanken, auch die Ärmel meines Hemdes hochzukrempeln, doch dafür ist es noch zu früh am Tag.

Auf dem Schreibtisch wartet mein Frühstück: Reiswaffeln mit Putenbrust, Kirschtomaten, Gurkensterne, ein doppeltes Haferknäcke mit Nußmus, dazu entkernte Apfelscheiben, Quark mit Leinöl und Rosinen, ein Glas frisch gepreßter Orangensaft und genügend stilles Wasser, um ein Buschfeuer auszupinkeln. Sie meint es wirklich gut mit mir. Für einen kurzen Moment verspüre ich eine warme Hungerwelle in der Magengegend. Vor allem den Orangensaft sollte ich trinken, bevor sämtliche Vitamine zerfallen sind. Aber ich bringe es nicht über mich. Es wäre mir sehr unangenehm, wenn sie mir beim Essen zusieht. Ich möchte das Bild nicht zerstören, das sie von mir hat.

Mit einem gelungen scheuen Lächeln bedanke ich mich bei meiner Sekretärin, rühre aber nichts an. Je mehr ich darüber nachdenke, desto obszöner erscheint mir der Vorgang des Essens, überhaupt Nahrungsaufnahme in Gegenwart anderer. Was vor ein paar Sekunden noch Appetit war, verwandelt sich in Ekel. Unter meiner Zunge sammelt sich Speichel in Strömen. Ich habe einen bitteren Geschmack im Mund. Tränen steigen mir in die Augen, als ich sie bitte, Platz zu nehmen. Ich mache ihr ein Kompliment, ohne zu wissen, wofür.

Wie jeden Morgen setzt sie sich auf den Besucherstuhl vor meinem Schreibtisch und schlägt die Beine züchtig übereinander. Ihre Unterschenkel sind so lang, daß sie ein wenig schräg zur Stuhlachse zum Stehen kommen. Ich registriere ihren unbeschreiblich hohen Spann und die schlanken, makellosen Waden, die sie eng aneinanderschmiegt. Über ihre Schienbeine läuft ein perlonartiger Glanz. Die länglichen Knie gleichen einander vollkommen, zwillingshaft.

Ich lasse mich nur andeutungsweise auf meinem Schreibtischstuhl nieder, stemme mich dann über die Armlehnen wieder in den Stand und gehe an der Fensterfront auf und ab, während sie noch einmal meine Termine aufsagt. Ihre Stimme klingt warm und weniger streng als sonst, sie scheint unmittelbar aus ihrem Bauch zu kommen.

Unterdessen suche ich den günstigsten Winkel zum Gegenlicht und verharre einen Augenblick im Profil, um meinen Brustkasten gebührend hervorzuheben. Dann stelle ich mich mit dem Rücken zu ihr, stecke die Hände in die Hosentaschen und lasse sehr langsam die Muskeln spielen. Mein weißes Hemd müßte bei diesen Lichtverhältnissen beinahe transparent sein, mein Oberkörper eine dunkle Silhouette. Ich pumpe zunächst die Arme auf und halte dann die Spannung in der Schultermuskulatur. Wenn sie von ihren Notizen aufschaut, müßte sie jetzt meinen Rücken sehen wie einen V-förmigen Scherenschnitt auf hellem Grund. Ich lausche ihrer Stimme, um herauszuhören, wann sie mit den Augen andockt.

So langsam packt mich der Ehrgeiz. Ich will wissen, wie weit ich gehen muß, damit es ihr die Sprache verschlägt. Ich will sie dazu bringen, daß sie ihren Text vergißt! Unmerklich knicke ich mit der Hüfte ein. Dann neige ich den Oberkörper ein wenig zur Seite, kreuze die Arme vor der Brust und taste mit beiden Händen wie selbstvergessen über meinen breiten Rükken. Ich wiege mich eine Weile in dieser virtuellen Umarmung, während ich mit den Fingerspitzen sacht über meinen massigen Schultergürtel streiche. Ich möchte ihr eine Vorstellung davon vermitteln, wie es sich anfühlt, mich zu berühren. Ich will, daß sie davon träumt.

Sie schweigt jetzt. Schwer zu sagen, ob sie nicht weiterweiß oder womöglich schon fertig ist. Ich habe nicht so genau hingehört. Als ich mich zu ihr umdrehe, sieht sie mich an. Fragend vielleicht. Ihr Mund steht einen Spalt offen, die Lippen sind leicht geschürzt, erwartungsvoll oder auch staunend, ich werde nicht ganz schlau daraus. Sie hat ein schönes Gesicht, absolut ebenmäßig. Möglicherweise ist es deshalb so schwer zu deuten, vielleicht aber auch nur, weil es mich nicht interessiert.

Ich gehe ein Stück auf sie zu, um zu sehen, wie lange sie das aushält, diesen Blick, die Nähe, das Schweigen. Dabei lächele ich geheimnisvoll, indem ich gleichzeitig an ihre schmalen Zwillingsknie und an den Orangensaft denke, der sich in seinem Glas allmählich selbst zersetzt. Schon nach zwei, drei Schritten fährt sie fort, betont geschäftlich. Sie bemüht sich um einen leichten Vorwurf in der Stimme, der aber schnell verzittert, je näher ich ihr komme. Es sieht ganz so aus, als hätte sie Angst vor mir. Ich lächele weiter, doch jetzt muß ich mich nicht mehr dafür anstrengen.

Wie in Gedanken gehe ich an ihr vorbei, umrunde ihren Stuhl zur Hälfte und bleibe dann in ihrem Rücken stehen. Sie redet weiter geradeaus ins Leere, sie wagt es nicht, sich umzudrehen, auch dann nicht, als ich meine Arme auf die Stuhllehne stütze und mich zu ihr hinunterbeuge. In dem Hauch ihres süßen Parfüms spüre ich ihre Körperwärme. Das linke Ohrläppchen ganz nah. Winzige Härchen auf ihrer Haut. Ich gebe vor, mich für ihre Notizen zu interessieren, und überfliege den vollgeschriebenen Kalender, den sie auf ihren Oberschenkeln ausgebreitet hat. Die Sehnen in ihrem Hals ziehen an, sie schluckt. Es sieht aus, als würde sich die Beuge ihrer Schulter mir entgegenheben. Ich muß ein Gähnen unterdrücken.

Genug für heute. Ich richte mich wieder auf und spüre einen Tatendrang, von dem ich weiß, daß ich ihn nicht länger bremsen darf. Energie zu stauen ist mindestens so anstrengend wie sie zu verbrauchen. Ich skizziere den Schlachtplan für den Tag und bitte meine Sekretärin, gleich die ersten Telefonate durchzustellen. Sie wirkt überrascht von so viel plötzlichem Elan. Etwas verloren steht sie da, mitten im Raum, ihren Kalender vor der Brust wie einen Schild, den sie mit ihren Unterarmen festklammert. An sich ein ganz beachtliches Detail, weil unter dem Druck des Einbands ihre Brüste ein Stück weit über die BH-Körbchen hinausquellen. Aber dafür habe ich jetzt keine Zeit.

Ich gehe voraus und halte ihr die Tür auf. Sie schaut mich noch immer wie verwundert an, vermutlich geht ihr das alles zu schnell, doch das ist nicht mein Problem. Ich merke, wie mich der Anblick ihrer symmetrischen Gesichtshälften gegen meinen Willen schläfrig macht. Es hat etwas Hypnotisches, längere Zeit in ein Gesicht zu starren, das sich selbst so ähnlich sieht. In meinem Kopf formiert sich bereits das erste Geschäft des Tages. Ich weiß genau, was ich sagen werde. Ich weiß vor allem, wie ich es sagen werde. Es kommt darauf an, von einer Sache hundertprozentig überzeugt zu sein, nur dann ist man auch überzeugend.

Sie tut, als müßte sie sich an mir vorbeizwängen. Dabei ist der Türrahmen zu Dreivierteln frei. Die Spitzen ihrer Brüste berühren mich leicht. Wir betrachten das als ein Versehen. Mir soll es recht sein. Ich lese ihren Namen auf dem Einband: »Viola Sch…« Der restliche Schriftzug wird von ihrem Daumen verdeckt und einem etwas aufdringlichen, beige lackierten Fingernagel in Kurzspatenform. Es ist auch nicht wichtig. Ich stutze nur, weil ich an sie bisher immer nur als »meine Sekretärin« gedacht habe. Für einen Sekundenbruchteil frage ich mich, für wen sie wohl »Viola« ist, was mir ein breites Grinsen entlockt. Wer immer das sein mag, der Arme wird es schwer haben, mit ihrem Bild von mir zu konkurrieren. Ich münze meine Schadenfreude in ein Lächeln um, das ich ihr schenke. Dann schließe ich die Tür. Viola, das Veilchen. Ich glaube, ich hatte einmal eine Jugendfreundin, die so hieß. Vielleicht aber auch nicht.

Ich schiebe das Frühstück beiseite, ohne einen Bissen anzurühren. Wie auf Kommando klingelt das Telefon. Ich nehme den Tag in Angriff und bin von der ersten Minute an gut. Gerade die Aufgaben, auf die ich mich nicht monatelang vorbereitet habe, löse ich am elegantesten. Ich bin begeistert von der Leichtigkeit, mit der ich die Probleme in den Griff bekomme, immer gut gelaunt und voller Zuversicht. Doch am meisten bewundere ich mich für meine Ernsthaftigkeit. Bei allem Optimismus wirke ich hundert Prozent seriös, was mich dermaßen beflügelt, daß ich noch drei heikle Beratersachen hinterher erledige, kleine Firmen mit vielen Fragen und wenig Geld. Es ist immer wieder dasselbe Problem. Ihnen fehlt die Orientierung, ihnen fehlt Sicherheit. Und die bekommen sie von mir. Ich bin der zuversichtlichste Mensch auf der Welt.

Es ist ein verdammt guter Tag, auch wenn ich bei meinem nächsten Telefontermin in eine langwierige Diskussion über ausländisches Investitionsengagement und EU-Recht verwickelt werde, ein Bereich, bei dem wir normalerweise juristischen Beistand einschalten. Doch ich bin derartig in Fahrt, daß ich das Vertrauen in meine Kompetenz, das ich mit jedem Satz gewinne, nicht durch fremde Expertisen erschüttern möchte. Es bleibt mir immer noch genügend Zeit, mich nachher abzusichern.

Währenddessen überlege ich, ob ich gut beraten war, mich an einem Tag wie diesem schon so früh auf Isabell festzulegen. Heute wäre sicherlich mehr drin. Meine Sorge, im Fitness-Studio keine Beachtung zu finden, erscheint mir auf einmal lächerlich. Ich bin in der Form meines Lebens. Ich bin der Liebling aller Trainerinnen. Meine Attraktivität ist auf dem Höhepunkt.

Ich kritzele mit einem Bleistift Isabells Nummer auf ein Blatt Papier und streiche sie wieder durch. Ich könnte sie anrufen und absagen. Es sei irgend etwas dazwischengekommen. Möglich ist das. Aber ich will heute abend auf jeden Fall trainieren, und es würde meiner Konzentration schaden, wenn ich ständig befürchten müßte, daß Isabell trotz meiner Absage ins Studio kommt. Eine Szene mit ihr vor den Augen meiner Trainerinnen ist so ziemlich das letzte, was ich momentan gebrauchen kann.

Wir reden uns ein bißchen fest beim Thema Marktdifferenzierung und EU-Norm, während ich im stillen meine sogenannte männliche Intuition verfluche. Es war wirklich eine Schnapsidee, Isabell ausgerechnet zum Training einzuladen. Irgendein überteuertes Restaurant hätte es auch getan, wo man ganz nach Laune die Serviette auf den Tisch knallen kann und auf Nimmerwiedersehen verschwindet. Aber doch nicht das Fitness-Studio! Der Ort, an dem ich tagaus, tagein meinen Schweiß vergieße und jeder über jeden Bescheid weiß, vom neuesten Trennungsgerücht bis hin zum Leistenbruch vor vier Jahren an der Langhantel!

Ich schlage vor, die Genehmigungsverfahren im Detail zunächst einmal auszuklammern, da verbindliche Normvorgaben an und für sich einen Vorteil gegenüber alteingesessenen inländischen Anbietern darstellen. Schließlich muß die traditionelle Produktion meist mit großem Aufwand umgerüstet werden, während neue Investoren ohne jede Vorbelastung in den Markt einsteigen können. Die Marktakzeptanz freilich ist eine andere Sache. In der Regel gehört die Sympathie dem Altbewährten. Aber dafür stehen anderweitige Signale zur Verfügung wie die Übernahme regionaler Standorte und ein tief gestaffelter Preis. Natürlich könnte ich Isabell in irgendeinen Edelschuppen umbestellen. Sie würde mit Freuden zusagen, sie würde sogar die Rechnung übernehmen, wie immer, wenn wir uns in ihren Kreisen bewegen. Aber in einem Fünf-Sterne-Restaurant kann ich wiederum nicht trainieren. Die Lage ist ziemlich ausweglos.

Ich bringe die Diskussion ohne erkennbare Mühe auf einen vielversprechenden Zwischenstand und schlage dann vor, zunächst die Datenlage zu aktualisieren, bevor wir in die entscheidende Gesprächsphase übergehen. Dabei höre ich mich so vernünftig und überzeugend an, daß ich am liebsten in Tränen ausbrechen würde. Bedauerlicherweise kann ich die Anerkennung, die mir vom anderen Ende der Leitung entgegengebracht wird, nicht wirklich genießen. Es bleibt ein Rest von Unzufriedenheit. Bestätigung am Telefon hält nie lange vor.

Ich knipse das Gespräch weg, ohne mir meine aufkommende Schwermut anmerken zu lassen. Für einen Moment wünsche ich mir, ganz und gar meine Wirkung zu sein, unanfechtbar und vollkommen, irgendwo da draußen in der Welt. Aber zum Seufzen bleibt mir nicht die Zeit. Gefühle werden immer nur so wichtig, wie man sie läßt.

Ich will gerade aufspringen, um mir etwas Bewegung zu verschaffen, als das Telefon wieder klingelt. Es ist Viola mit Isabell in der Leitung, ausgerechnet jetzt. Doch da ich wider besseres Wissen hoffe, sie könnte vielleicht für heute absagen und mich von meinem Dilemma erlösen, nehme ich das Gespräch an. Sie ruft von einem ihrer Firmenhandys an, was mich dazu ermutigt, ein paar einhändige Liegestütze diagonal zur Schreibtischkante zu versuchen. Falls meine Sprachverständlichkeit darunter leiden sollte, schiebe ich das auf den schlechten Empfang.

Ich stütze die rechte Hand auf die Schreibtischplatte und senke meinen Körper langsam wie eine Bahnschranke in eine 45 Grad Position. Den Hörer halte ich links. Es knackt ein wenig in den Gelenken, aber das geht gut und gerne als atmosphärische Störung durch.

Isabell erläutert kurz, wo und mit wem sie gerade unterwegs ist, Namen, die ich mir merken sollte, doch ich habe schon lange nicht mehr den Überblick über ihre Geschäfte. »Großbaustelle«, sagt sie, »überarbeitetes Finanzierungskonzept«, während ich damit beschäftigt bin, nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Noch zwanzig Zentimeter bis zur Tischplatte. Die Poren im Holz treten bedrohlich hervor. Ich müßte den Ellbogen jetzt noch weiter beugen. Doch eine innere Stimme sagt mir, daß ich kurz davor bin, mit der Stirn frontal auf die Tischkante zu schlagen.

Indessen rühmt Isabell die Projektarchitektur, was ich zum Anlaß nehme, mich wieder zurück in die Ausgangsposition zu stemmen. Mein Handgelenk knirscht wie zerstoßenes Glas. Sphärisches Rauschen vom Blut, das mir in den Kopf schießt. Ich schnaube zweimal überdeutlich zum Zeichen dafür, daß ich ganz Ohr bin.

Mein Blick fällt auf den ehemals frisch gepreßten Orangensaft, der in seinem Glas vor sich hin verwest. Einzelne Fasern von Fruchtfleisch vertrocknen wie blaßgelbe Schuppen am Rand. Der üppige weiße Schaum ist auf einen mickrigen Bläschenkranz zusammengeschrumpft, der abwechselnd an zerflossenen Speichel und an miserabel gespültes Geschirr erinnert. Ich versuche eine weitere einarmige Diagonale, mein Puls hämmert. Isabell erzählt von einer langjährigen Geschäftsfreundin, die sie gerade getroffen hat. Der Gedanke an Frühstück erscheint mir so abwegig wie noch nie.

Ich komme wieder nur bis auf zwanzig Zentimeter an die Tischplatte heran. Dann ist Schluß. Doch diesmal versuche ich, meine Position zu halten, um wenigstens die statische Muskelbelastung auszureizen. Isabell hört gar nicht mehr von ihrer Freundin und deren Erfolgsgeschichte auf, verliert aber kein Wort darüber, wie sie aussieht. Ich bin inzwischen dazu übergegangen, durch knapp hervorgestoßene »Hm«– und »Ha«-Laute zu dokumentieren, daß es mich gibt.

Als ich versuche, die Uhr auf der anderen Schreibtischseite in den Blick zu bekommen – wofür ich den Nacken stark überstrecken muß –, bleibe ich an dem Quark mit Leinöl und Rosinen hängen. Auch hier die ersten Verfallserscheinungen: getrocknete Quarkspritzer, mal eher kalkig, mal vergilbt, die Oberfläche brüchig und von erosionsartigen Furchen durchzogen, so als wäre eine erbarmungslose Dürreperiode über diese Quarkschale hinweggegangen.

Isabell flüstert jetzt nur noch, offenbar ist ihre Freundin in der Nähe. Ich verstehe kein einziges Wort mehr und plaziere mein Interesse bekundendes Stöhnen auf Verdacht. Das Problem sind nicht meine Muskeln, auch wenn ich vielleicht nicht mehr die Kraft habe, mich aus dieser Lage jemals wieder herauszustemmen. Das Problem ist mein Magen. Ich hätte den Kraftshake nicht so hinunterstürzen sollen.

Zu spät! Ich kann der bis zur Gaumenwurzel aufsteigenden Übelkeit nur Herr werden, indem ich mir vorstelle, wie ich Viola dazu zwinge, dieses sich selbst kompostierende Frühstück vor meinen Augen restlos aufzuessen. Ich würde sie zwingen, mir mit vollem Mund ihr Leben zu erzählen. Ich würde mich an den Essensbrocken weiden, die ihr über die Lippen quellen und halbzerkaut an ihrer Kinnspitze hängenbleiben. Ich würde ihr mit einem Löffel um den Mund fahren und ihre Oberlippe mit Quarkspritzern verkleistern. Ich würde so viel frisch gepreßten Orangensaft hinterherschütten, daß ihr die Mundwinkel überlaufen und das klumpige Fruchtfleisch ins Dekolleté tropft. Ich würde mir in Ruhe überlegen, was ich mit den Putenbrustscheiben, Kirschtomaten und Gurkensternchen anstelle, bevor ich dann, zu guter Letzt, die Reiswaffeln zerkrümele und wie Konfetti auf ihren vollen Bauch herabrieseln lasse.

»Ja, ich verstehe«, stöhne ich. Isabell spricht wieder Normallautstärke, aber ich bin durch die Muskelanstrengung so geschwächt, daß ich nur höre, wie mir das Blut durch den Kopf paukt. Langsam gehe ich vor meinem Schreibtisch in die Knie, ich kann nichts dagegen tun. Das Gespräch rauscht entschieden an mir vorbei.

»Wie, mitbringen?« versuche ich einzuhaken.

»Sie ist sehr sportlich, du wirst sehen …« Isabell spricht jetzt wieder im Flüsterton, aber so zischelnd, daß es schmerzt.

»Du willst deine Freundin mit zum Training bringen?« Meine Stimme überschlägt sich fast, das ist die Erschöpfung. Ich muß eine kleine Atempause einlegen, bevor ich weiterreden kann.

»Ich muß jetzt Schluß machen«, unterbricht mich Isabell schon im Ansatz, so als hätte ich sie viel zu lange aufgehalten. Ich lande unsanft auf den Kniescheiben. Meine Stirn tropft. Der Hörer in meiner linken Hand ist klatschnaß und gibt nur noch ein Rauschen von sich. Aufgelegt. Erst nach und nach begreife ich, daß dieser Anruf eine Retourkutsche von ihr war. Aber das macht nichts. Im Gegenteil. Es weckt meinen Kampfgeist. Isabell ist immer für eine Überraschung gut.

3

Ich stehe mit ein paar Konzepten am Kopierer und halte Ausschau nach Susanne der Zweiten. Ich muß hier nicht stehen, aber es geht mir bedeutend besser auf dem Gang, wo permanent Leute vorbeikommen, die mich grüßen, auch wenn ich keine Ahnung habe, wer sie sind. Das ist der einzige Nachteil bei meinem Beruf, den ich ansonsten liebe wie mich selbst, daß ich zuviel am Telefon arbeite, wo meine optischen Qualitäten nicht richtig zur Geltung kommen. Gerade an Tagen wie diesem ist das besonders schmerzlich. Wer weiß, ob ich morgen noch so gut aussehe.

Natürlich bin ich mir völlig im klaren darüber, daß es nicht ganz standesgemäß ist, Kopierarbeiten zu übernehmen. Ich sollte das meine Sekretärin machen lassen. Doch es wäre einfach schade, all diese Blicke zu verpassen, die ich gut gebrauchen kann, ohne sie nötig zu haben. Aufmerksamkeit sollte man nicht nur erregen, man muß sie auch zu nehmen wissen.

Susanne II. ist weit und breit nicht zu sehen. Es fällt mir im Augenblick sogar schwer, mich an sie zu erinnern. Offenbar gehört sie zu den Menschen, bei denen man sich entweder das Gesicht oder den Namen merken kann, aber nie beides. Eine der neuen Sekretärinnen kommt mit einer Unterschriftenmappe im Arm auf mich zu. Schon von weitem lächelt sie ziemlich unvorteilhaft in die Breite, was ich ihr zuliebe ignoriere.

In Riechnähe ihres auffallend düsteren Parfüms bleibt sie stehen und schaut sich hilfesuchend um. Wahrscheinlich hat sie es eilig, will mich aber nicht stören, eine ziemlich verzwickte Situation für sie, das verstehe ich gut. In der Zwischenzeit betrachte ich ihre Beine und stelle mit Befriedigung fest, daß meine Sekretärin weitaus schönere hat. Ich finde das nur gerecht. Schließlich stehen die Beine meiner Sekretärin gewissermaßen für mich, und es käme mir irgendwie unangemessen vor, mich durch Knallwaden vertreten zu lassen.

Ihr Busen über der Unterschriftenmappe ist allerdings erheblich repräsentativer, weshalb ich mich dann doch entscheide, sie voll warmer Verwunderung zu bemerken. Der Charme, den ich versprühe, ist mit Händen zu greifen.

»Haben Sie viel«, frage ich galant. Dabei trete ich einen kleinen Schritt von dem Kopierer zurück, um meine Bereitschaft zu unterstreichen, ihr den Vortritt zu lassen und solange ihr Hinterteil zu begutachten.

»Nein, nein, machen Sie nur …« Ein Hauch ihres Nachtfalterparfüms erreicht mich mit ihrem Atem.

»Wenn es bei Ihnen schnell geht, könnte ich Sie kurz dazwischenschieben«, sage ich und schaue ihr dabei so treuherzig in die Augen, als würde ich eine zweideutige Bemerkung nicht einmal erkennen, wenn um mich herum lauter Warnlämpchen aufblinken. Sie beschließt, das als einen Scherz aufzufassen, und lacht eine Idee zu laut drauflos. Sie hat ein tiefes, zum Doppelkinn neigendes Lachen, bauchgestützt. Ihr Busen bebt bedenklich. Ganz automatisch fällt mir der Satz ein: »Wir haben Frau M. als eine offenherzige Mitarbeiterin kennen- und schätzengelernt.«

»Nicht nötig, ich warte gern.«

Sie läßt ihren mascaraschweren Blick zu meinem Po hinuntergleiten. Vielleicht wäre jetzt der Moment gewesen, die Manschetten meines Hemdes hochzukrempeln und meine durchtrainierten Unterarme ins Spiel zu bringen. Aber Frau M., die Offenherzige, scheint genau zu wissen, was sie will. Sie schwenkt noch einmal kurz auf meinen Adamsapfel, den ich zusammen mit ein paar Halsmuskelsträngen gerade noch rechtzeitig hervortreten lasse. Dann geht sie eher flüchtig über meinen flachen Bauch hinweg, um noch einmal ausgiebig Po und Lenden in Augenschein zu nehmen, einschließlich der Stabilität meiner Oberschenkel.

Wie um den Kopiervorgang zu beschleunigen, stütze ich mich mit beiden Armen auf den Einzelblatteinzug. Mein Trizeps entfaltet seine wunderbar modellierte Fließform. Der dünne Hemdstoff schmiegt sich eng an das geflochtene Muskelfleisch. Ich lächele.

»Bin gleich soweit!«

»Keine Eile«, sagt sie in einem ruhigen, routinierten Ton mit Blick auf meine Oberschenkelmuskulatur, die ich von den Knien aufwärts langsam anspanne, um dem gesamten Gesäßbereich noch mehr Relief zu geben. Ich bin dermaßen damit beschäftigt, angeschaut zu werden, daß ich meine Sekretärin erst jetzt bemerke. Wie festgemauert steht sie auf dem Gang. In ihrem Gesicht spiegeln sich Fassungslosigkeit und Entsetzen in den Grenzen der Ausdrucksmöglichkeiten, die ihre maskenhafte Schönheit zuläßt. Vielleicht langweilt sie sich auch nur.

»Lassen Sie mich das doch machen«, schreitet Viola auf ihren schönen Beinen ein und streckt ihre vor Nagellack blitzenden Finger nach meinen Papieren aus. Frau M. schaut unverwandt auf, so als könnte sie ihre Rivalin mit dem nächsten Lidschlag einfach wegblinzeln.

Doch Viola läßt sich nicht aufhalten. Sie nimmt mir die Papiere aus der Hand, beugt sich über das Kopiergerät und entfernt sorgfältig sämtliche Duplikate aus dem Sortierer, wobei sie eine hervorragende Figur macht und den Blick auf ihre formidablen Kniekehlen lenkt. Mit fliegenden Fingern, die sie in regelmäßigen Abständen durch eine reptilienhafte Zungenbewegung benetzt, zählt sie die Exemplare durch und vergleicht dabei die Kopien zielsicher mit dem Original. Sie vergißt auch nicht, einen abschließenden Kontrollblick unter den Kopieraufsatz zu werfen, den sie mit einer balletteusen Armbewegung hochklappt und für einen Moment in der Schwebe hält. Unfaßbar, wie gekonnt sie auf diese Weise ihre Taille in Szene setzt.

Das alles sind natürlich Argumente, die im direkten Vergleich sehr zugunsten von Viola sprechen. Sie ist das potentielle Titelblatt und damit genau das, was ein Vorzimmer braucht. Glücklich der Chef, dem solche Beine vorausgehen. Beneidenswert der Mann, dessen tägliche Belange so sportiv und formvollendet auf den Weg gebracht werden. Meine Sekretärin dürfte schwer zu überbieten sein, was mich mit einem solchen Stolz erfüllt, daß ich nun endgültig meine Manschetten aufknöpfe und die Ärmel bis zu den Ellbogen hochkrempele.

Viola macht sich auf das anmutigste an der Heft- und Klammerfunktion des Kopierers zu schaffen, während ich die Arme wie gelangweilt vor der Brust verschränke. In dieser Haltung lassen sich die Trainingserfolge eines konzentrierten Unterarmworkouts am wirkungsvollsten präsentieren. Dabei sollte man die Hände in den Armbeugen zu Fäusten ballen und die Fingermuskeln spielen lassen. Ein ruhendes Muskeltableau ist immer nur halb so interessant wie eine lebendige, funktionierende Klaviatur!

Ich trete einen Schritt zurück, um einen günstigeren Lichteinfallswinkel zu erwischen. Erst der entsprechende Schattenwurf verleiht dem Muskelspiel der Unterarme die gebührende Dramatik und Tiefe. Dann spanne ich den Oberarmspeichenmuskel an, der sich wuchtig über die Armbeuge erhebt und die Haut über der gesamten Unterarmpartie strafft. Parallel dazu beschreibt der lange radikale Handstrecker einen imposanten Bogen, bevor er unter einem Geflecht von Daumenmuskeln abtaucht. Gut gefällt mir heute der Kleinfingerstrecker, der sich wie eine Sehne vom Ellbogen bis zum äußeren Handrücken hinzieht und in seinem Verlauf den gemeinsamen Fingerstrekker gestochen scharf vom ulnaren Handstrecker absetzt. Den darunterliegenden ulnaren Handbeuger bemühe ich selten. Er liegt weitgehend im Schlagschatten des Streckmuskels und rundet das Bild lediglich ab. Doch ich kann der Versuchung nicht widerstehen, ihn durch ein leichtes Andrücken der Arme in der Tiefe aufscheinen zu lassen, gewissermaßen als ein mystisches Versprechen von mehr.

Alles in allem bin ich von meiner Unterarmpartie beeindruckt, ohne auf plumpe Art damit zufrieden zu sein. Dieses nie ermüdende Stilleben, das ich scheinbar so selbstvergessen vor meiner Brust zur Schau stelle, ist die geballte Arbeit von elfeinhalb Monaten. Es gibt eigentlich nichts an meinen Unterarmen, was ich nicht selbst erschaffen habe. Das einzige, was immer noch so aussieht wie am ersten Tag, sind die Ellbogenhöcker. Schade, daß Susanne II. nicht hier ist.