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Ein Koffer voller Heroin. Zwei Männer, die sterben mussten. Und einer, der nur helfen wollte – jetzt aber selbst im Visier der Ermittler steht. Ein alter Bekannter der Polizei lässt sich zu einem harmlosen Gefallen am Gardasee überreden – doch was als kleine Einschüchterung beginnt, endet in einem Blutbad. Ein schwarzer Koffer wechselt den Besitzer. Zwei Menschen sterben. Und plötzlich steht er im Zentrum eines eskalierenden Drogendramas, das bis nach Deutschland reicht. Während er verzweifelt versucht, sich aus der Affäre zu ziehen, wird Torben, der mit seiner Freundin einen ruhigen Urlaub genießen will, Zeuge von Ereignissen, die er nie verstehen wollte – und bald selbst steckt er tief in den Ermittlungen drin. Ein packender Krimi vor der malerischen Kulisse des Gardasees – schockierend, rasant und erschreckend real.
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Seitenzahl: 270
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Detlef Kast
Eifersucht am Gardasee
Torbens Fallakte 2
Detlef Kast
Texte: © 2025 Copyright by Detlef Kast
Umschlag: © 2025 Copyright by Detlef Kast
Verantwortlich
für den Inhalt: Detlef Kast
Lektorin: Melanie Scheuermann, Noelle Kast und Verenissa Eppinger:
Cover: KI & Detlef Kast
Druck: epubli – ein Service der Neopubli GmbH, Berlin
Das Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verfassers unzulässig.
Inhaltsverzeichnis
Impressum5
Vorwort9
Prolog10
Kapitel 1 – Der Plan13
Kapitel 2 – Die Probe16
Kapitel 3 – Der Besuch21
Kapitel 4 – Grausamer Fund26
Kapitel 5 – Doch kein Traum38
Kapitel 6 – Fragen ohne Antworten49
Kapitel 7 - Rückkehr52
Kapitel 8 - Claudio64
Kapitel 9 – Die Vergangenheit75
Kapitel 10 – Die Neugier98
Kapitel 11 - Aufeinandertreffen105
Kapitel 12 – Unter Druck113
Kapitel 13 - Gedankenkarussell128
Kapitel 14 – Schleier der Nacht133
Kapitel 15 – Die Spur144
Kapitel 16 – Das Bild159
Kapitel 17 – Verkettungen ohne Sinn164
Kapitel 18 – Immer wieder Max171
Kapitel 19 – Späte Reue178
Kapitel 20 – Die Suche185
Kapitel 21 – Die Jagd beginnt186
Kapitel 22 – Ein neuer Kurier190
Kapitel 23 – Ein alter Bekannter203
Kapitel 24 – Erwachen206
Kapitel 25 – Der Termin212
Kapitel 26 - Kindermädchen215
Kapitel 27 – Der Transport232
Kapitel 28 - Sackgasse237
Kapitel 29 – Dicke Luft244
Kapitel 30 – Zu spät249
Kapitel 31 – Das Gespräch257
Kapitel 32 – Die Festnahme268
Kapitel 33 – Wenn Dämme brechen284
Kapitel 34 – Der Preis der Loyalität303
Kapitel 35 – Auf halbem Weg zurück308
Ich bedanke mich an dieser Stelle für das zahlreiche Feedback zu Torbens Fallakte 1 und die darin enthaltenen Vorschläge. Nur durch entsprechendes Feedback ist es möglich, mich stets zu verbessern.
Eine Anmerkung zum Kaffeekonsum der im Buch erwähnten Ermittler habe ich auch erhalten. Hier war die Frage, ob diese außer Kaffeetrinken auch noch was anderes machen. Klar, der Fall wurde ja am Ende gelöst. Und auch wenn dies doch sehr auffällig war, so will ich dennoch das Klischee weiterhin bedienen, dass man als Beamter gerne Kaffee trinkt. Man möge es mir an dieser Stelle verzeihen.
Wer mir weiterhin gerne Feedback oder Vorschläge zukommen lassen will, der kann sich gerne per Mail unter [email protected] an mich wenden.
11:00 Uhr an einem sonst so verträumten Sonntagmorgen in der malerischen Kleinstadt Arco, nur fünf Kilometer vom Gardasee entfernt. Die Sonne strahlt am Himmel und der Duft von Olivenbäumen liegt in der Luft.
Doch heute scheint etwas anders zu sein. Die engen Gassen der Altstadt sind erfüllt von einer unnatürlichen Anspannung. Menschen bewegen sich hektisch, ihre Blicke flackern, als ob sie etwas Unheilvolles erwarten. Gespräche verstummen plötzlich und selbst das sonst so fröhliche Treiben in den Cafés ist von einer nervösen Unruhe durchzogen.
Ein wenig entfernt von der Altstadt, in einer scheinbar friedlichen Ferienanlage, ist die Atmosphäre noch drückender. In einer kleinen Zweizimmerwohnung bricht ein einzelner Sonnenstrahl durch die zugezogenen Gardinen, wie ein Eindringling, der das Geheimnis des Ortes lüften will.
Eine gespenstische Stille liegt in der Luft, die nur von einem schwachen Geruch nach Schwarzpulver begleitet wird. Staubpartikel tanzen im Lichtstrahl, der über den Boden gleitet und schließlich auf einen verlassenen Stuhl in der Mitte des Raumes trifft. Auf diesem Stuhl sitzt eine Gestalt, den Kopf bedrohlich nach vorne geneigt. Der Lichtstrahl enthüllt langsam das Grauen: Die Gestalt ist an den Stuhl gefesselt, ein Knebel verdeckt den Mund und die Pose wirkt zunehmend grotesker, je mehr Licht den Raum erfüllt.
Durch den geöffneten Türspalt des Schlafzimmers fällt ein leichtes Licht in den Raum und enthüllt dort eine weitere schreckliche Wahrheit: Mit weit aufgerissenen Augen liegt ein zweiter Mann regungslos auf dem Bett. Ein klaffendes Einschussloch in seiner Brust spricht Bände und in seiner rechten Hand ruht eine Pistole. Die Szene erstarrt in einem Moment tödlicher Stille.
Das Bild ist ein schockierender Kontrast. Während der Sonnenstrahl die trügerische Wärme und den Neubeginn eines Tages verheißt, ist aus den Körpern jede Spur von Leben und Wärme entwichen. Die Spannung in der Luft ist unerträglich, als ob die Zeit selbst den Atem anhält, unsicher, was als nächstes kommen mag.
An der Wohnungstür ertönt von außen das leise, aber deutliche Geräusch eines Schlüssels, der sich mühsam im Schloss dreht. Ein kurzes, scharfes Klicken durchbricht die Stille, als sich die Tür langsam öffnet. Eine junge Frau tritt ein, in der Hand eine Tüte mit frischen Brötchen vom Bäcker . Die Tür fällt mit einem dumpfen Knall ins Schloss und der Schlüssel fällt klirrend auf die Ablage, hallend in der gespenstischen Stille des Raumes.
Sie tritt in das Wohnzimmer mit der kleinen Küchenzeile ein, ohne einen Verdacht zu hegen. Doch dann bleibt sie abrupt stehen. Ihre Augen weiten sich, als sie den Mann auf dem Stuhl erblickt. Die Tüte rutscht ihr aus der Hand und fällt schwer zu Boden. Der Klang der fallenden Brötchen scheint die unheilvolle Ruhe zu verstärken, als eines davon über den Boden rollt und an das Bein des Stuhls stößt, an dem der Mann gefesselt ist.
Sie hält den Atem an, ihre Gedanken rasen. Sekunden fühlen sich an wie Stunden, während sie das unfassbare Bild vor sich begreift. Die unheimliche Stille wird nur noch durch ihr hastiges Herzklopfen gebrochen.
In Riva del Garda, mit Blick auf den Hafen, stand ein junges Pärchen Hand in Hand. Es schien so, als würden sie auf jemanden warten – wirkten leicht angespannt und passten nicht so recht zur entspannten Atmosphäre der Hafenpromenade.
Von hinten näherte sich dem Paar, ein unbekannter Mann mit einem schwarzen Koffer in der Hand. Herzlich begrüßte er die beiden, nahm die Frau kurz in den Arm und schüttelte dem Mann die Hand. Nach einem kurzen Gespräch übergab der dritte Unbekannte schließlich den Koffer an das Pärchen und schien diesen noch einige Anweisungen mit auf den Weg zu geben.
Die Szene erinnerte an eine Geldübergabe aus einem schlechten Film – vielleicht Erpressung? Ein Drogendeal? Doch irgendetwas wirkte surreal. Was die Drei allerdings nicht ahnten: sie wurden beobachtet.
Claudio Spirido saß in einem Kaffee unweit entfernt und verfolgte jede ihrer Bewegungen. Er hatte das Pärchen schon eine halbe Stunde zuvor in einem anderen Café gesehen – und dabei die Frau sofort erkannt. Früher, in der Schulzeit, hatte er großes Interesse an ihr gehabt, doch er war immer zu schüchtern gewesen, sie anzusprechen. Und auf einmal erkannte er die Frau in einem Café hier am Gardasee. Wie klein doch die Welt war! Sie sah fast genauso aus wie damals – nur erwachsener.
Er beobachtete das Paar und folgte ihnen, als sie sich in Richtung Hafen bewegten. Dann beobachtete er die ganze Szene mit der Kofferübergabe. Als sich der unbekannte Dritte nach der Übergabe von den beiden trennte und zufällig in seine Richtung lief, erstarrte Claudio. Er erkannte ihn jetzt und wusste genau, wer er war. Und plötzlich ergab alles einen Sinn.
Er zögerte nicht lange. Ein Plan reifte in seinem Kopf: Er wollte den Koffer an sich bringen. Er wusste, was dessen Inhalt war – und er wollte ihn haben.
Kurzentschlossen folgte er dem Pärchen, welches in den Bus in Richtung Arco stieg. Er selbst setzte sich in die letzte Reihe im Bus, sodass er die beiden immer gut im Blick hatte. Seine Sonnenbrille auf der Nase und seine Mütze tief ins Gesicht gezogen, damit man ihn nicht erkennen konnte. In Arco stiegen sie dann alle aus. In sicherer Entfernung folgte Claudio dem Paar zu einer Ferienanlage. Nun kannte er ihr Ziel, wusste, wo der Koffer war. Doch allein konnte er seinen Plan nicht umsetzen. Er brauchte Hilfe. Jemanden, der keine Fragen stellte und einfach gestrickt war. Einen Handlanger.
Nach kurzer Überlegung griff er zum Handy und rief einen alten Bekannten in Deutschland an. Der Mann am anderen Ende der Leitung war hörbar überrascht – sie hatten seit über einem Jahr keinen Kontakt mehr gehabt. Doch als Claudio ihm seinen Plan erklärte, wurde sein Interesse geweckt. Ein Trip an den Gardasee, alles bezahlt – Anreise, Unterkunft, Verpflegung? Klang zu gut, um wahr zu sein. Warum die Sache so eilig war, verstand er zwar nicht ganz, doch das war ihm egal. Es ging schließlich ums Geld.
Am nächsten Morgen saß der Mann aus Bad Hindelang bereits im ersten Zug Richtung Gardasee – voller Vorfreude auf sonnige Tage am Wasser.
Was er zu diesem Zeitpunkt nicht ahnte: Er war gerade in ein gefährliches Spiel eingestiegen, von dem er nichts wusste und dass ihn alles kosten könnte.
Kriminalhauptkommissar Torben Möller öffnete langsam seine Augen und schaute an die Zimmerdecke. Die Sonne schien in den Raum und verwandelte ihn durch das warme Licht in ein gemütliches Schlafzimmer. Sein Blick wanderte zunächst nach links, wo seine Freundin mit den geliebten roten Haaren neben ihm schlummernd im Bett lag. Mit einem Lächeln im Gesicht schaute Torben zur rechten Seite. Durch die offene Balkontür wehte ein laues Lüftchen, welches die Vorhänge sanft in Bewegung versetzte. Torben setzte sich auf und ging langsam und leise in Richtung der Balkontür, um den Vorhang zur Seite zu schieben. Zunächst geblendet von der hellen Sonne, gewöhnten sich seine Augen langsam daran und er sah diesen herrlichen Ausblick: Der Gardasee lag Torben sprichwörtlich zu Füßen, auch wenn er ein paar Kilometer entfernt war. Rechts vom See schmiegten sich sanft die Berge bis an das Seeufer, sodass man meinen könnte, dass diese direkt aus dem See emporstiegen. Man hörte nur das Zwitschern der Vögel in der Nähe, ansonsten war es einfach herrlich ruhig. Der Duft von den Zitronenbäumen, welche unterhalb des Balkons standen, stieg Torben in die Nase. Er schloss die Augen und atmete tief durch.
Torben Möller genoss diesen Ausblick für sich, welcher atemberaubend war und ihn immer wieder aufs Neue faszinierte. Torben und Sarah waren jetzt schon ein paar Tage hier am Gardasee, aber dieser Ausblick am Morgen war immer wieder grandios und davon konnte er einfach nicht genug bekommen. Aber auch am Abend hatte der Ausblick auf die beleuchteten Ortschaften und den See in der Dunkelheit ihren Charme. Torben hatte sich in diesen Ort am Gardasee verliebt und wollte am besten gar nicht mehr von hier weg.
Sarah und Torben hatten sich dazu entschlossen, zusammen einen Urlaub zu verbringen, um zu sehen, ob beide es auch aushielten, wenn sie sozusagen rund um die Uhr aufeinander hockten. Zwar funktionierte ihre Beziehung jetzt schon ein paar Monate, aber durch die Jobs sahen sie sich häufig nur am Wochenende oder mal kurz unter der Woche am Abend. Durch diesen Urlaub war nun Zeit für Beide da und sie konnten den Alltag eine Zeit hinter sich lassen. Es war im Grunde ein Probelauf, da Torben immer wieder das Thema aufgegriffen hatte, ob es nicht sinnvoller wäre, sich gemeinsam eine Wohnung zu nehmen. Sarah blockte bei dem Thema zwar immer ein wenig ab, da sie es weiterhin langsam angehen wollte, aber dennoch brachte Torben das Gespräch immer wieder in diese Richtung. Er hatte Sarah zwischenzeitlich näher kennen gelernt und viel über sie erfahren. Auch sie war sehr neugierig und hatte ihn immer wieder ausgefragt. So wuchsen ihre Gefühle von Tag zu Tag, sodass der Vorschlag für einen gemeinsamen Urlaub nahezu auf der Hand lag. Sarah hielt dies für eine gute Idee, auch in Bezug auf Torbens Lieblingsthema mit der gemeinsamen Wohnung. Um ihr nicht zu viel Zeit für kritische Gedanken zu geben, hatte Torben schnell eine Ferienwohnung in Arco gebucht, was Sarah dankbar angenommen hatte.
Nun waren die beiden also schon ein paar Tage hier und hatten nicht nur den Ort Arco, sondern auch Riva del Garda und Tignale, aber vor allem den Gardasee und einige Badestrände näher erkundet. Torben fand am Anfang alles sehr spannend, allerdings merkte er doch sehr schnell, dass es ihn eher in die Berge hinter Arco zu einer Wanderung zog. Sarah wollte mit und so wurde eine Wanderung an einem herrlichen Sonnentag unternommen. Nicht nur, dass der Wanderweg sehr schön war, auch die Geruchsvielfalt auf der Tour war eine wahre Geruchsexplosion für ihre Nasen. So viele unterschiedliche Gerüche hatte Torben bei seinen bisherigen Wanderungen in der Heimat noch nie erlebt und durch die große Vielfalt konnte man diese Gerüche auch gar nicht alle zuordnen. Torben war einfach überwältigt und wollte noch mehr Touren gehen. Allerdings hatte er da die Rechnung ohne Sarah gemacht. Am Tag der Wanderung, kurz nachdem sie in der Ferienwohnung angekommen waren, zog es Sarah wieder an den See. Torben ging mit, denn nach einer mehrstündigen Wanderung stand einer Erfrischung im See nichts entgegen.
Allerdings wollte Sarah am darauffolgenden Tag erneut an den See, was Torben ihr zuliebe auch mitmachte. Nur war es ihm nach kurzer Zeit am See zu langweilig und sein Bewegungsdrang trat hervor. Unvermeidlich kam es zur ersten kleinen Meinungsverschiedenheit. Sarah konnte Torben nicht verstehen, da man ja schließlich am Vortag bereits beim Wandern war. Torben wiederum konnte Sarah nicht verstehen, weil man ja ebenfalls am Vortag schon am See war. So lagen die Interessen der Beiden nicht auf der gleichen Spur, weshalb Torben nach einer kurzen Diskussion an die Strandbar ging und sich einen Cocktail genehmigte. Den ganzen Tag nur faul am Strand oder wo auch immer herumliegen, das war definitiv nicht seine Welt. Klar konnte man das mal für ein paar Stunden machen, aber jeden Tag? Das wäre Torben dann doch zu viel. Sarah hatte damit kein Problem. Sie konnte sich jeden Tag in die Sonne legen und sich bräunen.
So saß Torben an der Strandbar mit seinem Cocktail und völlig unbewusst fing sein Gedankenkarussell an, sich zu drehen. Eigentlich hatte Torben die Hoffnung gehabt, dass er seine ganzen Gedanken in der Heimat zurücklassen konnte, aber dem war nicht so.
Seine Gedanken fingen an zu kreisen und er hinterfragte immer wieder, ob das mit Sarah und ihm gut gehen könnte. Waren dies die einzigen Interessen, die voneinander abwichen? Was war noch unterschiedlich? Und vor allem beschäftigte Torben die Frage, inwieweit er einen Kompromiss eingehen könne, mit welchem er aber dennoch zufrieden war. Und inwieweit würde Sarah Kompromisse eingehen?
Eine Beziehung war nun mal ein Geben und Nehmen. Beide Partner sollten dem anderen ein wenig entgegenkommen. Man sollte sich stets auf Augenhöhe begegnen.
Mit diesen Gedanken beschäftigt, bestellte sich Torben den nächsten Cocktail und genoss diesen, beim Blick auf den wunderschönen Gardasee und die sexy rothaarige Sarah, welche sich in der Sonne bräunte.
Zwischenzeitlich war der Mann aus Bad Hindelang mit dem Zug in Riva del Garda angekommen. Dort wurde er von seinem italienischen Freund Claudio freudig in Empfang genommen.
„Servus, Claudio!“, begrüßte der Mann aus Bad Hindelang ihn und umarmte ihn, als hätten sie sich seit Jahrhunderten nicht mehr gesehen. „Wie geht’s dir?“, fragte er weiter.
Claudio erwiderte die Begrüßung knapp: „Ganz gut. Komm, lass uns gleich weiterfahren. Wir müssen nach Arco. Ich habe dort in einer kleinen Pension ein Zimmer für uns reserviert. Dann kann ich dir noch ein bisschen von Arco zeigen – und morgen machen wir uns auf den Weg.“
Der Mann aus Bad Hindelang runzelte die Stirn. „Auf den Weg wohin? Um was geht es denn?“, wollte er wissen. Die Neugier war ihm anzumerken.
Claudio wich aus. „Es ist besser, wenn du nicht alle Details kennst“, sagte er kurz angebunden. „Wir besuchen morgen früh jemanden. Dem will ich ein bisschen Angst machen. Er hat mir etwas gestohlen, und ich will es wieder haben. Aber keine Sorge, es passiert nichts. Es geht nur um einen schwarzen Koffer. Sobald wir ihn haben, nimmst du ihn am besten mit nach Deutschland, da ist er sicher. Dort versteckst du ihn bei dir in der Wohnung und ich hole ihn dann ein paar Tage später ab.“
Er zögerte kurz, nickte dann aber. „Alles klar.“
Er war zwar verwundert, dass Claudio keine genauen Details nannte, aber im Grunde war es ihm recht. Je weniger er wusste, desto geringer war die Wahrscheinlichkeit, dass er später in Schwierigkeiten geraten würde. Er hatte es schon immer vorgezogen, sich aus solchen Dingen rauszuhalten – obwohl er dadurch manchmal auch in Situationen geriet, in die er lieber nicht verwickelt wäre. Seine einfache Art machte ihn zu einem perfekten Handlanger für fragwürdige Geschäfte, auch wenn er das selbst nicht immer sofort erkannte. So war es ihm schon das ein oder andere Mal passiert, dass er ungewollt mit dem Gesetz in Konflikt geraten war.
Nachdem sie in Arco angekommen waren, brachten sie ihr Gepäck in die Pension und gingen anschließend in der Altstadt etwas essen, um den Abend ausklingen zu lassen.
Am nächsten Morgen, gegen 8:00 Uhr, machten sich die beiden auf den Weg zu einer Ferienanlage. Als sie dort ankamen, blieben beide im Auto sitzen und beobachteten den Eingang.
„Auf was warten wir?“ wollte der Mann aus Bad Hindelang wissen.
„Kein Stress. Ich sag dir Bescheid, wenn es losgeht. Vertrau mir.“ war die knappe Antwort von Claudio.
Etwa eine halbe Stunde später kam eine junge Frau aus der Anlage. Sie ging an dem Auto vorbei, in welchem die beiden saßen, ohne es zu beachten – vermutlich noch halb verschlafen.
„Okay, los geht’s!“ sagte Claudio und schon war hinter ihm die Autotür zugefallen.
Die Beiden steuerten über einen längeren Flur, auf eine Ferienwohnung zu, an deren Tür die Zahl 6 prangte. Claudio klopfte. Keine Reaktion. Nach ein paar Sekunden klopfte er lauter und drückte zusätzlich die Klingel. Schließlich wurde die Tür geöffnet. Ein verschlafener Mann blickte sie verwirrt an. Doch bevor er sich versah, packte Claudio ihn und drängte ihn mit Gewalt in die Wohnung. Der Mann aus Bad Hindelang folgte ihm und schloss schnell die Tür hinter sich.
Ein dunkler Schleier legte sich über die Szene, die sich in der Wohnung abspielte. Lief alles nach Plan? Oder war längst etwas schiefgegangen? Würde Claudio seinen Besitz zurückbekommen?
Nach scheinbar endlosen Minuten, unterbrochen von zwei dumpfen Geräuschen und gedämpften Stimmen, wurde die Tür aufgerissen. Der Mann aus Bad Hindelang trat heraus – sichtlich verstört, den schwarzen Koffer fest umklammert. Die Kapuze seines Hoodies tief ins Gesicht gezogen, die Sonnenbrille als zusätzliche Tarnung, hetzte er den Flur entlang. Es wirkte, als wäre ihm der Tod selbst auf den Fersen. Im Flur rannte er beinahe eine Frau über den Haufen, welche er vor lauter Panik weder gesehen noch beachtet hatte.
Er verließ die Ferienanlage, ohne sich umzublicken, und rannte zurück zur Pension. Das Auto ließ er in seiner Eile einfach stehen. In der Pension angekommen, warf er die Tür hinter sich ins Schloss, verriegelte sie hastig und ließ sich schwer atmend auf das Bett sinken. Sein Herz hämmerte in seiner Brust.
Was zum Teufel war gerade passiert? War das wirklich real gewesen? Das hier war doch niemals so geplant – nicht von Claudio, nicht von ihm. Alles lief völlig aus dem Ruder. Noch bevor er einen klaren Gedanken fassen konnte, raffte er hektisch seine Sachen zusammen. Er musste weg. Sofort.
Mit klopfendem Herzen bezahlte er das Zimmer an der Rezeption, ohne ein Wort zu sagen, verließ im Anschluss die Pension und machte sich auf den Weg nach Riva del Garda – zum Bahnhof. Raus hier. Nach Hause. Zurück nach Bad Hindelang.
Martina Schulz wählte den Notruf mit zittrigen Händen. Sie musste sich erst einmal in Erinnerung rufen, wie die Notrufnummer hier am Gardasee lautete. Es fiel ihr nicht sofort ein, weshalb sie einfach die 112 wählte und abwartete, was jetzt kommen würde. Und tatsächlich nahm am anderen Ende jemand den Anruf entgegen.
„Polizeinotruf, was wollen Sie melden?“
„Hallo, hier ist Martina Schulz. Kommen Sie bitte sofort. Mein Freund ist tot und auf dem Bett liegt ein anderer Mann, ebenfalls tot. Kommen Sie bitte schnell“ sprach Martina Schulz mit hektischer Stimme ohne den weiteren Zusammenhang genauer zu erläutern. Eigentlich war sie sehr strukturiert, auch schon von Berufswegen. Aber in der momentanen Situation konnte sie keinen klaren Gedanken fassen.
Martina Schulz, eine Frau Anfang 30 mit sportlicher Statur und brünettem Haar, studierte Pharmazeutin. Sie war sehr gesellig und liebte es, Zeit mit Freunden und Familie zu verbringen. Ihre Zielstrebigkeit zeigte sich sowohl im Beruf als auch in ihrem aktiven Lebensstil. Sie reiste gerne und bevorzugte dabei Orte am Wasser oder in den Bergen, wo sie ihre sportlichen Aktivitäten ausüben konnte.
„Bleiben Sie ganz ruhig Frau Schulz. Wo wohnen Sie, wie ist die Adresse?“ wollte nun die Dame am anderen Ende der Leitung wissen und versuchte, Martina zu beruhigen, um weitere Informationen zu bekommen.
„Wir sind in einer Ferienwohnung in der Via Capitelli 5 in Arco. Ferienwohnung Nummer sechs. Bitte beeilen Sie sich! Ich habe große Angst. Ich weiß nicht, was ich machen soll“ schluchzte Martina in den Hörer hinein. Sie war mit ihren Nerven am Ende. Zu schrecklich war der Anblick, welchen sie nach der Rückkehr vom Bäcker vorfand. Sie wollte doch nur Brötchen holen, um mit ihrem Freund gemütlich auf dem Balkon zu frühstücken. Warum hatte sie sich nicht beeilt? Warum brauchte sie über eine Stunde, um Brötchen zu holen? Klar, es war Sonntag und ihr Freund Marcus wollte diesen Tag immer nutzen, um ein wenig auszuschlafen, so bis etwa 10:00 Uhr, um dann gemütlich zu frühstücken. Daher hatte sich Martina gegen 8:30 Uhr auf den Weg gemacht, um die Morgensonne zu genießen und die Stadt beim Erwachen zu beobachten. Die Gerüche aufzunehmen, tief Luft zu holen und einfach alles auf sich wirken zu lassen.
Wäre sie jetzt auch tot, wenn sie schneller gewesen wäre? Viele Gedanken kreisten durch ihren Kopf und ihre Angst wurde dadurch keinesfalls weniger.
„Die Polizei ist auf dem Weg zu Ihnen. Gehen Sie am besten aus der Ferienwohnung und warten Sie vor der Tür auf die Kollegen. Sie werden gleich vor Ort sein. Bitte legen Sie nicht auf, erst wenn meine Kollegen bei Ihnen sind. Ich bin bei Ihnen, falls Sie Fragen haben. Reden Sie gerne mit mir“ hörte Martina nun die weibliche Stimme aus ihrem Handy, welche sie aus ihren Gedanken riss. Die Frau musste jede Menge Erfahrung haben, so ruhig wie sie am Telefon blieb. Aber es beruhigte Martina ein wenig und sie wurde dadurch gefasster.
Martina verließ die Ferienwohnung, wie man es ihr aufgetragen hatte, und begab sich vor das Gebäude. Dort setzte sie sich an den Eingang zu der kleinen, aber sehr schönen Ferienhausanlage und lehnte sich an die Wand. Dann brach sie in Tränen aus, während sie ihr Handy weiterhin in der Hand hielt. Sie konnte nicht mehr. Ihre Welt war einfach zusammengebrochen. Ihr war jetzt völlig egal, was die Dame am anderen Ende der Leitung dachte. Sie ließ einfach alles raus, ohne Rücksicht auf irgendjemanden oder irgendwas.
Martina schaltete völlig ab und nahm die näherkommenden Sirenen gar nicht wahr. Sie schreckte erst auf, als ein Carabinieri vor ihr stand und sie ansprach. Martina schaute sich um und erkannte, dass zwei Polizeifahrzeuge sowie zwei Rettungsfahrzeuge vor der Anlage standen. Das alles hatte sie in ihrer Verzweiflung gar nicht mitbekommen.
„Sind Sie Frau Schulz?“ hakte der Polizist erneut nach, nachdem Martina die erste Ansprache von ihm wohl gar nicht mitbekommen hatte.
„Ja, die bin ich. Martina Schulz. Ich habe noch Ihre Kollegin in der Leitung“ sprach Martina und übergab dem Polizisten wie in Trance ihr Handy. Dieser nahm es ruhig entgegen, drehte sich kurz weg und sprach irgendwas auf italienisch mit der Dame am anderen Ende. Dann legte er auf, drehte sich wieder zu Martina und übergab ihr das Handy.
„Bitte bleiben Sie hier, Frau Schulz. Die Sanitäter kümmern sich um Sie. Meine Kollegen und ich gehen in die Wohnung und verschaffen uns einen Überblick. Könnten Sie mir bitte den Schlüssel geben?“ sprach der junge Polizist. Wie ferngesteuert übergab Martina den Schlüssel von der Ferienwohnung an den Polizisten, obwohl ihr Kopf dies gar nicht so richtig mitbekam.
„Wohnung sechs“ brachte Martina gerade noch heraus, bevor sie erneut in Tränen ausbrach. Der junge Polizist nahm den Schlüssel entgegen und winkte die Sanitäter zu sich heran. Diese kümmerten sich um Martina Schulz, während die Polizisten allesamt in Richtung der Ferienwohnung davonliefen.
Kurze Zeit später erschien der junge Polizist bei Martina im Rettungswagen, in welchen sie von den Sanitätern zwischenzeitlich gebracht wurde. Martina konnte mithören, wie der Polizist sich mit den Sanitätern kurz unterhielt. Vermutlich wollte er sich nach ihrem Gesundheitszustand erkundigen. Genau konnte es Martina aber nicht verstehen, da ihr italienisch nicht so gut war und die Männer sehr schnell sprachen. Da aber einer der Sanitäter ständig zu ihr schaute und mit den Armen entsprechende Gesten machte, konnte es sich nur darum handeln. Als der junge Polizist scheinbar genug Informationen hatte, drehte er sich zu Martina Schulz.
„Frau Schulz, wir haben das zuständige Commissariato von Riva informiert. Es werden noch zwei weitere Kollegen hier auftauchen, welche den Fall übernehmen werden. Ich würde daher mit der Befragung von Ihnen noch warten, bis die Kollegen hier sind, dann müssen Sie nicht alles doppelt erzählen. Ist das für Sie okay?“
Martina Schulz konnte nur nicken. Sie war sich so oder so nicht sicher, ob sie überhaupt hätte sprechen können. Die Sanitäter hatten ihr vermutlich ein starkes Beruhigungsmittel gegeben und sie fühlte sich ein wenig schläfrig. Alles war so leicht um sie herum. Es fühlte sich an wie ein Traum. Nichts entsprach so wirklich der Realität. Vielleicht würde sie gleich aus diesem komischen Traum völlig verschwitzt erwachen und ihr Freund Marcus würde selig schlummernd neben ihr liegen. Doch das geschah leider nicht.
Der junge Polizist verließ den Rettungswagen und Martina machte einfach die Augen zu in der Hoffnung, dass alles nur ein Traum wäre.
Sie wusste nicht, wie lange sie geschlafen hatte, denn durch das Beruhigungsmittel hatte sie jegliches Gefühl für Zeit und Raum verloren.
Sie spürte nur, wie sie sanft am Arm gerüttelt und angesprochen wurde.
„Frau Schulz, können Sie mich hören? Frau Schulz?“
Martina öffnete langsam die Augen. Vor ihr stand ein gut gekleideter Herr mittleren Alters mit einem gepflegten Erscheinungsbild.
„Hallo Frau Schulz. Mein Name ist Commissario Nino Girelli vom Commissariato Riva del Garda. Ich bin für Ihren Fall zuständig. Könnten Sie mir vielleicht ein paar Fragen beantworten?“ wollte der Commissario nun von Martina wissen.
Commissario Nino Girelli, ein italienischer Polizist in den mittleren Fünfzigern, der durch sein stilsicheres Auftreten und sein gepflegtes Äußeres auffiel. Er trug stets gut geschnittene Anzüge, die modisch durchdacht und von hoher Qualität waren, was seine Liebe zur italienischen Mode unterstrich. Hin und wieder verzichtete er aufs formelle Jackett und trug seine maßgeschneiderten weißen Hemden mit hochgekrempelten Ärmeln - ein Aufzug für Tage, an denen er weniger die große berufliche Bühne suchte. Seine grau melierten Haare verliehen ihm eine charismatische Ausstrahlung, die seine reife Professionalität betonte. Wer mit Girelli zu tun hatte, wurde unweigerlich von seiner charmanten Art, mit Menschen umzugehen, in den Bann gezogen. Während die Neider unter seinen Kollegen hinter vorgehaltener Hand von einer gewissen Arroganz sprachen, schätzten andere seine Erfahrung, seinen unerschütterlichen Instinkt und nicht zuletzt seinen spitzbübischen Sinn für Humor. Er fuhr einen schwarzen Alfa Romeo, der seine Vorliebe für Eleganz und Klasse auch im Privatleben widerspiegelte. Dieser Wagen war nicht nur ein Statussymbol, sondern auch Ausdruck seines italienischen Erbes und seines anspruchsvollen Geschmacks.
Martina Schulz war ein wenig verwundert über die Erscheinung des italienischen Kommissars. Er war eine Mischung aus James Bond und Richard Gere und entsprach so gar nicht ihrem Bild von den Polizisten, die sie in Deutschland immer wieder mal gesehen hatte. Sie war völlig verwirrt und fühlte sich erneut wie in einem Traum. Dennoch musste sie schnell feststellen, dass sie im Hier und Jetzt war, da sie weiterhin im Rettungswagen lag.
„Was wollen Sie denn wissen?“ schaute Martina fragend.
„Nun, fangen wir mal damit an, wer die beiden Herren in der Ferienwohnung sind“ gab Nino Girelli kurz und knapp von sich.
„Der Mann auf dem Stuhl, das ist mein Freund Marcus Höpfer. Der andere, also der im Schlafzimmer auf dem Bett, ist ein alter Schulfreund, Claudio Spirido“ konnte Martina Schulz nur zögerlich von sich geben. Kaum hatte sie die beiden Namen ausgesprochen, bekam sie erneut einen Weinkrampf und der Rettungssanitäter sprach den Commissario auf italienisch an. Vermutlich hatte er ihm mitgeteilt, dass weitere Fragen aufgrund des Gesundheitszustandes von Martina Schulz zum aktuellen Zeitpunkt nicht sinnvoll wären. Denn kaum hatte der Sanitäter ausgesprochen, verließ Nino Girelli den Rettungswagen und Martina Schulz schlief sofort wieder ein.
Während sich der Rettungswagen langsam in Bewegung setzte, um Martina Schulz ins Krankenhaus zu bringen, ging Commissario Nino Girelli langsam grübelnd wieder in Richtung der Ferienwohnung Nummer sechs.
Er hatte von der Zeugin leider nur zwei Namen erhalten und den Hinweis, in welcher Beziehung diese zu den beiden Männern stand. Mehr konnte er aber zum aktuellen Zeitpunkt nicht in Erfahrung bringen, was ihn ein wenig störte.
In der Ferienwohnung angekommen, wurde er bereits von seiner Kollegin Ispettore Capo Laura Conti erwartet.
Ispettore Capo Laura Conti war eine junge italienische Polizistin, die durch ihre Selbstsicherheit und ihre beeindruckende Präsenz auffiel. Groß und schlank, mit schwarzen langen Haaren und rehbraunen Augen, verkörperte sie eine natürliche Eleganz, die ihre Professionalität unterstrich. Mit einem abgeschlossenen Abitur zeigte sie nicht nur Intelligenz, sondern auch eine starke akademische Grundlage, die sie in ihrer Polizeiarbeit unterstützte. Laura war alles andere als schüchtern; sie war selbstbestimmt und trat mit einer Entschlossenheit auf, die sie von vielen ihrer Kolleginnen abhob. Ihre Tendenz zur Kühle und manchmal zickigen Art machte sie zu einer komplexen und faszinierenden Persönlichkeit, die wusste, was sie wollte, und keine Angst hatte, dies auch durchzusetzen. Ihre Klarheit und Direktheit konnten als harte Schale interpretiert werden, hinter der jedoch eine leidenschaftliche und engagierte Polizistin steckte.
„Und Nino, was für Infos hast du von der Zeugin bekommen?“ wollte Laura sogleich wissen, als sie ihren Chef erspähte.
„Nun, eigentlich nicht viel. Das Opfer hier auf dem Stuhl war wohl der aktuelle Freund. Sein Name ist Marcus Höpfer. Der im Schlafzimmer auf dem Bett war wohl ein Schulfreund. Sein Name ist Claudio Spirido. Mehr konnte die Zeugin nicht sagen. Die Rettungssanitäter haben gesagt, dass sie unter einem schweren Schock steht und sie nun ins Krankenhaus gebracht wird. Verständlich, wenn man sich das Schlachtfeld hier ansieht.“
„Nun, der Freund, also der Marcus Höpfer, scheint ja fast schon hingerichtet worden zu sein. Er wurde am Stuhl gefesselt und direkt zwischen die Augen in den Kopf geschossen. Der andere im Schlafzimmer wirft aber Fragen auf. Nach Suizid sieht mir das nicht aus, denn wer schießt sich denn schon selbst in die Brust? Das ist doch nicht üblich“ gab Laura trocken und emotionslos ihrem Chef gegenüber an.
„Für mich sieht es so aus, als hätte der Schulfreund den aktuellen Freund gefesselt. Ob er Informationen von ihm wollte, keine Ahnung. Das würde zumindest für die Fesselung sprechen. Jedenfalls hat er ihn dann irgendwann kaltgemacht. Allerdings habe ich noch keine Erklärung, warum er im Schlafzimmer mit einem Einschuss in der Brust liegt. Aber ich gebe dir recht, der klassische Suizid ist das nicht.“
„Also Eifersucht würde ich mal ausschließen. Davon hat die Zeugin nichts erzählt, aber wir müssen da vermutlich noch einmal nachhaken. Es muss um irgendwelche wichtigen Informationen gegangen sein. Aber mir fehlt dann noch eine dritte Person. Denn selbst wenn der Schulfreund Claudio Informationen erhalten hat, warum liegt er dann tot im Schlafzimmer? Aus meiner Sicht wurde der Claudio vermutlich von einem noch unbekannten Dritten erledigt“ ergänzte Nino die Ausführungen seiner jungen Kollegin.
„Klingt plausibel. Vielleicht sollten wir mal bis morgen warten, damit die Zeugin weitere Aussagen dazu machen kann. Oder was meinst du?“ wollte Laura nun von Nino wissen.
Nino stimmte dem Gedanken von Laura kopfnickend zu. Es war in der Tat noch zu früh für irgendwelche Spekulationen. Aber unmöglich erschien es ihm nicht, dass ein Dritter im Spiel war. Sie konnten daher nur hoffen, dass Martina Schulz am nächsten Tag mehr Licht ins Dunkel bringen konnte. Aktuell konnten sie am Tatort nicht viel machen. Die Spurensicherung kümmerte sich um den Tatort und ein paar uniformierte Kollegen liefen in der Anlage mit den Ferienwohnungen von Tür zu Tür, um nachzufragen, ob jemand etwas gehört oder gesehen hatte.
Daher entschloss sich Nino, dass er mit Laura zurück auf die Dienststelle fahren würde. Immerhin müsste man die beiden bislang bekannten Personen überprüfen, was auch bedeuten würde, dass man Erkundigungen in Deutschland einholen müsste. Die Kriminaltechniker hatten zwischenzeitlich zu beiden Personen die Ausweise vorgefunden und dem Commissario übergeben.
