Eigensinnige, süße Mandy - Patricia Vandenberg - E-Book

Eigensinnige, süße Mandy E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Der Sophienlust Bestseller darf als ein Höhepunkt dieser Erfolgsserie angesehen werden. Denise von Schoenecker ist eine Heldinnenfigur, die in diesen schönen Romanen so richtig zum Leben erwacht. Das Kinderheim Sophienlust erfreut sich einer großen Beliebtheit und weist in den verschiedenen Ausgaben der Serie auf einen langen Erfolgsweg zurück. Denise von Schoenecker verwaltet das Erbe ihres Sohnes Nick, dem später einmal, mit Erreichen seiner Volljährigkeit, das Kinderheim Sophienlust gehören wird. Umflossen vom Schein der Morgensonne, die goldene Fünkchen in lockiges braunes Haar zauberte, betrachtete Mandy mit größtem Wohlgefallen die bildschöne Frau, die sich wohlig in dem weichen warmen Sand rekelte. Diese Frau, nur mit einem knappen Bikini bekleidet, war für die sechsjährige Mandy die schönste Frau der Welt. Es war ihre Mutter, Beate Rosen, eine auch auf Ischia wohlbekannte Kunstmalerin. »Du hast eine tolle Figur, Mami«, sagte Mandy mit großem Nachdruck. »Was du nicht sagst.« Es klang schläfrig und wenig teilnahmsvoll. »Enzo hat es gesagt und er hat seine Fingerspitzen dabei geküsst«, beschrieb Mandy diese italienische Geste der äußersten Wertschätzung genau. »Enzo soll sich lieber um seine Paola kümmern«, meinte Beate Rosen gleichmütig. »Wenn sie doch aber nicht so eine tolle Figur hat«, musste Mandy das letzte Wort haben. Aus ihren kleinen Händen rieselte jetzt feiner Sand auf den nackten Bauch ihrer Mutter. »Lass das«, sagte Beate unwillig. »Was ist denn da so schlimm? Mit dem Rücken liegst du doch auch im Sand«, stellte die Kleine gelassen fest. »Es kitzelt«

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Seitenzahl: 168

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Sophienlust Bestseller – 85 –Eigensinnige, süße Mandy

Patricia Vandenberg

Umflossen vom Schein der Morgensonne, die goldene Fünkchen in lockiges braunes Haar zauberte, betrachtete Mandy mit größtem Wohlgefallen die bildschöne Frau, die sich wohlig in dem weichen warmen Sand rekelte. Diese Frau, nur mit einem knappen Bikini bekleidet, war für die sechsjährige Mandy die schönste Frau der Welt. Es war ihre Mutter, Beate Rosen, eine auch auf Ischia wohlbekannte Kunstmalerin.

»Du hast eine tolle Figur, Mami«, sagte Mandy mit großem Nachdruck.

»Was du nicht sagst.« Es klang schläfrig und wenig teilnahmsvoll.

»Enzo hat es gesagt und er hat seine Fingerspitzen dabei geküsst«, beschrieb Mandy diese italienische Geste der äußersten Wertschätzung genau.

»Enzo soll sich lieber um seine Paola kümmern«, meinte Beate Rosen gleichmütig.

»Wenn sie doch aber nicht so eine tolle Figur hat«, musste Mandy das letzte Wort haben.

Aus ihren kleinen Händen rieselte jetzt feiner Sand auf den nackten Bauch ihrer Mutter.

»Lass das«, sagte Beate unwillig.

»Was ist denn da so schlimm? Mit dem Rücken liegst du doch auch im Sand«, stellte die Kleine gelassen fest.

»Es kitzelt«, protestierte Beate.

Mandy kicherte wie ein Kobold. »Das ist doch schön. Mach es mal bei mir.«

Beate richtete sich auf, um dieses kitzlige Amusement zu beenden.

»Liebe Manuela, kannst du mir denn nicht ein bisschen Ruhe gönnen?«, fragte sie mit gespielter Strenge.

Mandy seufzte abgrundtief. »Wenn du Manuela sagst, muss ich ja wohl. Es ist ziemlich langweilig, wenn so wenig Leute da sind.«

»Es ist himmlisch. Auf Ischia ist es niemals langweilig«, stellte Beate fest.

»Im Winter schon. Dann verdienen die armen Leute auch nichts. Sie leben doch nur vom Sommer«, seufzte Mandy.

»So arm sind sie hier nun auch wieder nicht«, meinte Beate. »Schau dich doch mal um. Sie haben alle schöne Häuser.«

»Na ja, in Fontana aber nicht. Da gibt es noch ganz arme Leute.«

Beate war nicht in der Stimmung, sich mit Mandy über die sozialen Probleme auf der Insel Ischia zu unterhalten, denn sie wusste sehr gut, dass diese Leute, so arm sie tatsächlich sein mochten, doch recht zufrieden waren.

Mandy war allerdings auch schon wieder abgelenkt. »Da ist wieder der Herr von Santa Caterina«, flüsterte sie. »Er ist auch schon ganz braun.«

»Wofür du dich alles interessierst. Los, wir gehen ins Wasser.«

»Du wolltest erst Sand auf meinen Bauch rieseln lassen.«

»Ich wollte nicht, du wolltest.«

»Läßt du nun Sand rieseln?« Zusätzlich zu vielen anderen, recht ausgeprägten Eigenschaften, zeichnete Mandy sich durch große Beharrlichkeit aus. Man musste schon ganz energisch werden, wollte man sie von einem Vorhaben abbringen. Beate hatte keine Lust, energisch zu sein. Es war ein so traumhaft schöner Morgen. Bald würde es mit dem Frieden vorbei sein, denn nun begann die Saison, und dann hatte Mandy ohnehin andere Interessen. Sie war weitaus kontaktfreudiger als ihre Mutter.

»Na gut, leg dich hin«, sagte Beate.

Mandy lag schon. Der Sand wirbelte auf, da sie sich rücklings hatte fallen lassen.

Beate konnte ihr nicht böse sein. Mandy war ein bezauberndes Kind, obgleich es einer glücklosen Verbindung entsprungen war.

Beate Rosen war geneigt, Mandys Vater alle Unzulänglichkeiten zu verzeihen, weil sie dieses Kind hatte, nur wiedersehen wollte sie ihn nicht, und von anderen Männern wollte sie auch nichts wissen.

Während sie nun unentwegt warmen feinen Sand auf Mandys Bauch rieseln ließ, wobei Mandy behaglich schnurrte wie ein Kätzchen, dachte Beate daran, dass ihre kurze Ehe, die eigentlich nur wenige Tage bestanden hatte, völlig bedeutungslos für ihr Leben war. Sie war glücklich mit ihrem Kind, glücklich auf Ischia, das ihr zur zweiten Heimat geworden, und rundherum zufrieden, weil es hier auch noch eine wundervolle Tante Celia gab, deren wunderhübsches kleines Haus, da droben am Hang über den Poseidongärten, ein Zuhause für sie und Mandy geworden war.

Über Mandy häufte sich mittlerweile ein Wall aus Sand. »Hast du endlich genug?«, fragte Beate. »Ich möchte wirklich gern ins Wasser.«

»Ganz schön heiß heute«, meinte Mandy und befreite sich von dem warmen Ballast. »Gehn wir, liebster Schatz.« Nicht nur das Kosewort, auch einen Kuss vom sandigen Mündchen bekam Beate. Mit einer zärtlichen Aufwallung drückte sie ihr Kind an sich.

Dann liefen sie mit großen Sprüngen ins Meer hinein. Beates silberblondes Haar, das ihr hier den Namen ›Bella Bionda‹ eingetragen hatte, wehte im Wind, und der Mann, der sich unweit von ihnen niedergelassen hatte, sandte ihr einen verzehrenden Blick nach.

*

»Ich muss sie kennenlernen«, dachte Henrik Holtau. Frascetti muss es arrangieren. Irgendwie muss doch an sie heranzukommen sein. Es widerstrebte ihm, sie anzusprechen, da sie ihn noch nicht eines einzigen Blickes gewürdigt hatte.

Fünf Tage hatte er sie schon hier unten am Strand beobachtet, aber meistens ging sie mit dem Kind, wenn er kam. Nur ihretwegen war er heute früher als sonst erschienen.

Die Kleine hatte er schon zweimal in seinem Hotel gesehen und insgeheim hatte er gehofft, dass sie dort mit ihrer Mutter wohnen würde, doch dies war nicht der Fall.

Mandy, von dem Personal im Hotel wurde sie Bambina genannt, tauchte dort nur zu kurzen Besuchen auf, vor allem, um die beiden wunderschönen Doggen der Besitzerin zu bewundern. Gestern hatte er den Versuch unternommen, ihr zu folgen, aber sie war wie ein Blitz verschwunden gewesen. Signora Spinola, die Hotelbesitzerin, wollte er nicht fragen. Also blieb nur Conte Carlo Frascetti, der in einem traumhaften Palazzo wohnte, für dessen Modernisierung er eigens ihn, den gefragten Architekten Henrik Holtau, hatte kommen lassen.

Ahnungslos, wie sehr sie die Gedanken des Fremden beschäftigte, schwamm Beate Mandy nach, zu dem Felsen, der etwa fünfzig Meter entfernt vom Strand aus dem Meer ragte.

Mandy bewegte sich wie ein Fisch. Sie konnte ihr kaum folgen. Manchmal wurde es ihr himmelangst, wenn das Kind lange Zeit tauchte, aber darüber konnte Mandy nur lachen. Für sie barg das Wasser keine Gefahren.

Behend kletterte sie auch auf dem Felsen herum, warf ihre Arme empor und jauchzte vor Lebensfreude.

Dann wieder kamen besinnliche Minuten. »Wo wären wir eigentlich, wenn wir nicht hier wären, Mami?«, fragte sie, als sie sich auf dem warmen Felsen ausruhten.

»In Deutschland«, erwiderte Beate.

»Deutschland ist groß. Wo in Deutschland?«

»Irgendwo«, meinte Beate ausweichend, um sich jetzt nicht zu erinnern, dass es in den Bayerischen Bergen ein Haus gab, in dem sie aufgewachsen war.

»Immer redest du dich heraus, wenn ich das frage«, bemerkte Mandy missbilligend.

»Wir sind doch hier zuhause, Mandy«, sagte sie leise.

»Eigentlich möchte ich im Winter aber auch mal da sein, wo Schnee ist. Tante Celia sagt, dass Schnee auch schön ist.«

»Aber in Deutschland ist es nie so warm wie hier, und der Himmel ist nicht so blau. Es gibt auch kein so schönes Meer.«

»Und auch keinen Epomeo, wo man mit dem Esel raufreiten kann, oder gibt es doch einen?«, fragte Mandy.

»Berge gibt es schon. – Es wird Zeit, Mandy. Tante Celia wartet.«

Mandy wusste genau, dass jetzt der Zeitpunkt erreicht war, nach dem ihr keine Frage mehr beantwortet werden würde. Also schwieg sie. Mit einem Hechtsprung schoss sie ins Wasser, Beate glitt sanfter hinterher.

Unter der Dusche spülten sie sich das Salzwasser von den Körpern, um sich dann die Bademäntel umzuhängen.

»Hallo, Beate«, rief eine Männerstimme.

»Hallo, Carlo«, rief Mandy, »kommst du zu uns?«

»Gegen Mittag. Ich habe noch etwas zu erledigen.«

»Er muss noch ins Aphroditebecken, damit er jung und schön bleibt«, kicherte Mandy.

»Sei nicht so frech«, wurde sie von ihrer Mutter ermahnt.

»Das sagt doch Tante Celia«, meinte Mandy vergnügt. »Er will doch kein alter Tatter sein, wenn er Tante Celia heiratet.«

»Du bist aber ganz schon vorlaut heute.«

»Wenn es doch stimmt. Wann heiraten sie nun eigentlich? Ich möchte auch mal eine Hochzeit mitmachen.«

›Ja wann‹, dachte Beate. ›Wenn sich Celia nur nicht partout in den Kopf gesetzt hätte, zuerst mich unter die Haube zu bringen.‹

*

Carlo Frascetti blieb im Aphrodite­becken nicht lange allein. Henrik Holtau wollte seine Chance nützen, ihn einmal ganz ungestört zu sprechen, nachdem er zu seiner freudigen Überraschung die herzliche Begrüßung zwischen Carlo und der schönen Blondine bemerkt hatte.

Carlo aalte sich in dem herrlichen, klaren warmen Wasser. Als Henrik langsam die Stufen herunterkam, rief er ihm lachend einen Morgengruß entgegen.

»Recht so, mein Lieber, man kann gar nicht früh genug anfangen, etwas für seine Gesundheit zu tun. Entspannen Sie sich. Genießen Sie unsere Zauberquellen. Hier holt man sich die Jugend zurück. Sie haben es allerdings noch nicht nötig«, gab er zu. »Neidisch könnte man werden, wenn man so viel geballte Kraft sieht.«

Wenn man bedachte, dass er zwanzig Jahre älter war als Henrik Holtau, brauchte er sich zwar nicht zu verstecken, aber Henriks makelloser, durchtrainierter Körper, ohne ein Gramm Fett, bot einen so erfreulichen Anblick, dass man doch ein wenig neidisch werden konnte.

Henrik wollte nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. So genoss er die traumhaft schöne Umgebung. Man konnte die Poseidongärten noch so bildreich beschreiben, die rechte Vorstellung bekam man erst, wenn man sie sah. Wenn man sich inmitten dieses Paradieses befand, das von Menschenhand geschaffen, doch allen Zauber der Natur in sich barg.

Trotz allem, was sich vor seinen Augen ausbreitete, galt sein größeres Interesse jetzt der schönen blonden Frau, die Carlo Frascetti Beate gerufen hatte.

»Wer ist eigentlich dieses entzückende kleine Mädchen, das Sie eben begrüßten?«, fragte er beiläufig.

Carlos feurige Augen bekamen einen verschmitzten Ausdruck. »Sie meinen doch wohl das größere von beiden«, lächelte er. »Beate.«

Er ließ ihren Namen auf der Zunge zergehen und einen Augenblick verspürte Henrik quälende Angst, dass Carlo Frascetti bereits ältere Rechte an ihr haben könnte.

Seltsamerweise hatte er noch nicht in Betracht gezogen, dass es in ihrem Leben überhaupt einen Mann geben könnte. Solch eine Frau ließ man nicht allein, nicht einen Tag, nicht eine Stunde.

»Das entzückende kleine Mädchen ist Mandy«, fuhr Carlo fort. »Manuela Rosen, genauer gesagt.« Er blinzelte vergnügt zu Henrik hinüber. »Ihre Mutter heißt Beate und ist Kunstmalerin. Sie lebt seit fünf Jahren auf Ischia, im Winter ein paar Monate in Rom. Sie ist die Nichte meiner zukünftigen Frau. Zufrieden?«

Zufrieden war Henrik nur damit, dass Carlo es nicht auf Beate Rosen abgesehen hatte.

»Nicht ganz«, sagte er offen. »Können Sie mich mit ihr bekannt machen, Carlo?«

»Nichts leichter als dies«, erwiderte der andere munter, »allerdings muss ich Sie darauf aufmerksam machen, dass sie eine uneinnehmbare Festung ist. Verheiratet war sie genau drei Tage, dann hatte sie die Nase voll, und das hat sich seither nicht geändert.«

»Eine impulsive Frau«, sagte Henrik gedankenvoll.

»Ganz im Gegenteil, eine, die nach langem Zögern auf genau den falschen Mann setzte. Passé, vergessen, das Kind bleibt, zum Glück für uns alle. Mandy ist eine Schöpfung Gottes in bester Sonntagslaune«, sagte er überschwenglich.

Henrik fand, dass auch Beate Rosen dies war. Er sah sie immerzu vor sich, unbeschreiblich anmutig, schön wie eine Göttin.

»Wann stellen Sie mich ihr vor?«, drängte er.

Carlo Frascetti lachte leise. »Ich werde meiner teuren Celia sagen, dass ich heute abend einen Gast mitbringe, wenn Sie es gar so eilig haben. Aber vergessen Sie nicht über Beate mein Gästehaus!«

Eigentlich hätte Henrik es sich nicht leisten können, sich für den heutigen Abend etwas vorzunehmen, denn er erwartete Freunde aus Deutschland. Aber sein guter, verständnisvoller Gefährte aus der Studienzeit, Alexander von Schoenecker würde Verständnis für ihn haben. Er hatte schließlich auch eine bezaubernde Frau, für die er alles hätte liegen und stehen lassen.

»Danke, Sie haben mir sehr geholfen«, sagte Henrik zu Carlo Frascetti.

»Warten wir es ab«, schmunzelte der Conte.

*

Es war schon so, dass Alexander von Schoenecker für seine Frau Denise alles tat, aber die turbulenten Vorbereitungen zu diesem schnell geplanten Urlaub hatten sich doch nicht vermeiden lassen.

Es war Hals über Kopf gegangen, denn eigentlich war keine Ferienzeit. Aber ohne die Kinder hätte Alexander seine Frau nicht zu einer Reise bewegen können und wenn er mit Engelszungen geredet hätte. Darin hatte die schöne Denise von Schoenecker ihren eigenen Kopf, obgleich vor allem sie einen Urlaub so nötig brauchte.

Vor zwei Monaten schon hatte Henrik Holtau, der nicht nur Alexanders Freund war, sondern auch der Pate des jüngsten Schoenecker, der nach ihm auch den Namen Henrik bekommen hatte, geschrieben, dass er den Juni auf Ischia verbringen würde.

»Es wäre wundervoll, wenn auch ihr kommen könntet und wir endlich einmal Zeit füreinander hätten«, so stand es in dem Brief.

Denise hatte nie Zeit. Sie hatte nicht nur ihre Familie zu versorgen, sondern auch das Kinderheim Sophienlust. Denn vor allem durch ihr besonderes Engagement war das nicht irgendein Kinderheim, sondern ein ganz besonderes.

»Ich kann nicht weg«, hatte Denise erst kurz und bündig erklärt, aber dann hatte sie eine schwere Grippe erwischt. Aber ein Unglück kam selten allein: Dominik, der vierzehnzehnjährige, war vom Pferd gestürzt und hatte sich den Arm gebrochen. Dann mussten Pünktchen die Mandeln herausgenommen werden und das war gar nicht so einfach gewesen, wie es zuerst den Anschein hatte.

Pünktchen war kein Kind der Schoeneckers, aber sie gehörte dennoch zur Familie. Dominik, von allen nur Nick genannt, hatte die kleine Waise einmal aufgegriffen, und seither lebte sie in Sophienlust, dem Heim der glücklichen Kinder.

Ihr richtiger Name war Angelina Dommin, aber sie wurde nur Pünktchen genannt, weil Nick sie so getauft hatte, denn ihr feines Näschen wurde von unzähligen Sommersprossen geschmückt.

Alexander von Schoenecker hatte schnell und energisch seine Entscheidung getroffen. Denise brauchte Erholung, Nick und Pünktchen ebenfalls und dem kleinen Henrik tat es auch gut, wenn er mal Luftveränderung bekam. Der Flug nach Neapel wurde gebucht. Denise gab ihrem Widerstand auf.

Auf dem Wege zum Flughafen München-Riem waren sie in einen Verkehrsstau geraten und kamen buchstäblich auf die letzte Minute an.

»Sie sind aber schon ein bisschen spät dran«, sagte die Hostess an der Abfertigung.

Denise geriet schon in Panik, Nick sah das Flugzeug ohne die Familie Schoenecker abfliegen und schnitt eine Grimasse. Alexander von Schoenecker blieb souverän.

»Es sind noch zehn Minuten bis zum Start«, sagte er trocken.

»Die Passagiere befinden sich alle bereits an Bord«, erklärte die Hostess, sich ihrer Verantwortung bewusst.

»Alle nicht. Wir fehlen noch«, stellte Alexander fest.

Sie wurden mit einem Extrabus zur Maschine gebracht. Pünktchen war schon wieder ganz blass. Ihre Sommersprossen traten noch deutlicher hervor.

»Reg dich nicht auf«, raunte Nick ihr zu. »Es klappt ja. Papi macht das schon!«

Nie und nimmer hätte Pünktchen ein Flugzeug bestiegen, wenn Nick nicht bei ihr gewesen wäre. Aber mit ihm und seinen Eltern einen Urlaub verleben zu dürfen, war für sie dennoch höchstes Glück.

Ganz fest hielt sie seine gesunde linke Hand. Die rechte trug er noch in der Schlinge.

»Und wenn das Flugzeug nun gerade losfliegt, wenn wir einsteigen wollen?«, fragte der kleine Henrik seinen Vater. Sein Stimmchen zitterte ein bisschen.

»Es fliegt nicht ohne uns los. Nur keine Sorgen, Herrschaften«, sagte Alexander.

»Deine Ruhe möchte ich haben«, flüsterte Denise.

Er lächelte ihr zärtlich und aufmunternd zu.

Und dann saßen sie auf ihren Plätzen. Nick, Pünktchen und Alexander in der Dreierreihe, Denise und Henrik durch den Gang von ihnen getrennt. Das passte Alexander zwar nicht, aber es war nicht anders zu machen.

Nick saß natürlich am Fenster. Noch immer hielt Pünktchen seine Hand. Alexander half ihnen beim Anschnallen.

»Na, seht ihr, nun haben wir es geschafft«, sagte er.

»Wenn wir nur erst wieder sicher gelandet wären«, dachte Denise.

Atemlos verfolgten die Kinder, wie die Maschine sich in die Lüfte hob. Bald schon waren sie über den Wolken.

»Toll, die Wolken mal von oben zu sehen«, staunte Dominik.

Pünktchen sagte lieber gar nichts. Sie wartete immer und sehr aufgeregt darauf, dass es ihr schlecht werden würde, aber es wurde ihr gar nicht schlecht. Nur in den Ohren klang es so dumpf. Und dann wagte sie es doch, einen Blick aus dem Fenster zu werfen und fand es wunderschön, dem blauen Himmel so nahe zu sein und unter sich die weißen Wolkenberge zu sehen. Viel zu schnell verging die Zeit. Kaum hatte sie sich mit allem vertraut gemacht, einen kleinen Imbiss verzehrt und die Überzeugung gewonnen, dass Fliegen herrlich sei, setzten sie schon wieder zur Landung an.

»Schaut, da ist der Vesuv«, erklärte Alexander den Kindern.

»Der sieht aber gar nicht gefährlich aus«, stellte Nick fest. Doch Pünktchen schaute lieber weg. Sie hatte schon viel vom Vesuv gehört, und ein feuerspeiender Berg war ihr auch aus großer Entfernung unheimlich.

Glühende Mittagssonne brannte auf den Flughafen von Neapel herab, als sie über das Rollfeld gingen. Henrik war schon jetzt müde.

»Ich möchte endlich das blaue Meer sehen, Mami«, quengelte er.

Er musste noch ein wenig warten. Mit einem Taxi rasten sie durch die Stadt, der Fahrer schien entfesselt zu sein und immer wieder schloss Denise ihre Augen, während Alexander einen italienischen Wortschwall auf ihn herabprasseln ließ, was ihm ehrfürchtige Blicke seines Sohnes Nick eintrug. Der Taxifahrer fuhr dann tatsächlich etwas vorsichtiger, wenngleich er betonte, dass man es ihm nicht beibringen müsse, wie man durch Neapel zu fahren hätte.

»Warum heißt es eigentlich: Neapel sehen und sterben?«, fragte Nick.

»Vielleicht weil da so viel Dreck rumliegt«, flüsterte Pünktchen mit einem missbilligenden Blick auf die Abfälle, die in den engen Straßen der Hafengegend herumlagen.

Alexander lachte. Denise drückte Henrik an sich, der jetzt schon lieber wieder nach Hause wollte, aber dann erreichten sie den Hafen schon.

Alexander war von Henrik Holtau eingehend informiert worden. »Wir nehmen das Tragflügelboot, dann sind wir in einer knappen Stunde auf Ischia«, sagte er.

»Noch mal ’ne Stunde«, stöhnte Nick, doch diese Stunde sollte dann für sie alle zu einem Erlebnis werden.

Schnell sauste das Boot auf seinen Tragflügeln über das Wasser. Von der Ferne gesehen sah Neapel herrlich aus, und die frische Meeresluft machte sie wieder ganz munter.

»Es ist ein großes weites Meer«, staunte Henrik. »Und es ist auch ganz blau.« Er war zufrieden.

Alexander blickte auf seine Uhr. »Henrik wollte um fünf Uhr in Porto sein, das können wir schaffen«, sagte er. »Na, freut ihr euch jetzt schon?«

Pünktchen drückte ihre Wange auf seine Hand. »Ich bin so froh, dass ich mitfahren durfte, Onkel Alexander«, flüsterte sie.

»Du wirst dich gut erholen, Pünktchen«, sagte er, zärtlich über ihr Haar streichend. Er wusste, was es für dieses Kind bedeutete, bei ihnen sein zu können.

Unwillkürlich wanderten seine Gedanken in die Vergangenheit zurück, zu jenem Tag, als Dominik das kleine Pünktchen angeschleppt hatte. Vier Jahre war sie damals gewesen und ein richtiger kleiner Schmutzfink, der noch nicht ahnen ließ, welch ein reizendes Geschöpf sie werden würde.

»Ich heiße Ferkel«, hatte sie gesagt. Lieblose Verwandte hatten sie so genannt, wie sie dann später erfahren hatte, aber diese hatte Pünktchen in Sophienlust dann schnell vergessen, und bald schon war das liebenswerte Kind nicht mehr aus ihrem Leben wegzudenken gewesen. Wenn auch die Kinder in Sophienlust kamen und gingen, Pünktchen hätten sie niemals hergegeben.

Das Boot verlangsamte die Fahrt, der Hafen von Porto war nahe. Ischia lag vor ihren Augen.

»Da gibt es sogar einen Berg«, staunte Nick.

»Ich will baden. Ich will im schönen, blauen Meer baden«, sagte Henrik bestimmt.

*

Henrik Holtau hatte schon gewartet. Herzlich hatte er sie alle begrüßt, dann seinen kleinen Namensvetter auf den Arm genommen und zum Wagen getragen.

Casamicciola, Lacco Ameno, fremde Namen schwirrten wieder um ihre Ohren, und dann hielten sie vor dem herrlichen Hotel im maurischen Stil. Santa Caterina!

»So schön wie Sophienlust und Schoeneich ist es nicht«, maulte der müde Henrik.

»Man muss nicht gleich nörgeln«, flüsterte Pünktchen. »Morgen, wenn du ausgeschlafen hast, sieht alles noch viel schöner aus.«

*

Alexander war gar nicht gekränkt gewesen, dass Henrik am Abend etwas vorhatte. Nach all den vorangegangenen Aufregungen, brauchte auch er Ruhe.

Aufgeregt aber war sein Freund, der es gar nicht mehr erwarten konnte, Beate Rosen kennenzulernen.

Celia Martelli war informiert, dass Carlo einen Gast mitbringen würde, sie hatte bisher nur noch keine Gelegenheit gehabt, es Beate mitzuteilen.

Ihr Haus war nicht groß, aber sehr geräumig. Es war idyllisch gelegen, an einen Pinienhang gebettet, weiß getüncht mit grünen Fensterläden. Sie hatte es modernisieren lassen, bevor Beate mit dem Kind einzog. Alles war praktisch angelegt und der große Wohnraum war unendlich gemütlich.

Celia Martelli lebte die meiste Zeit in Rom, wo sie eine bekannte Modeschöpferin war. Sie selbst war die beste Reklame für ihr Atelier, eine Dame vom Scheitel bis zur Sohle, was aber nicht besagte, dass ihr dabei ihr unverwüstlicher Humor abhanden gekommen wäre.

Sie klopfte an Beates Tür. »Komm doch herein, warum so formell?«, rief es von drinnen.