Ein altersgerechtes Zuhause - Rosemarie Schließmann - E-Book

Ein altersgerechtes Zuhause E-Book

Rosemarie Schließmann

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Beschreibung

Der demographische Wandel stellt die Frage nach der Versorgung alter Menschen, die nicht von ihren Angehörigen umsorgt werden können. Wie beeinflussen sich die wirtschaftlichen, politischen und institutionellen Akteure gegenseitig? Wie lassen sich ihre teils unterschiedlichen Perspektiven zum Wohl älterer Menschen integrieren? Die Studie geht den geschichtlichen Entwicklungen der Pflege von 1870–2012 nach und konkretisiert mithilfe von Interviews am Beispiel des Frankfurter Diakonissenhauses. Konzepte, die zu sektorenübergreifender Zusammenarbeit anregen, soziale und technische Innovationen, ein Blick in andere Länder und Aspekte diakonischer Bildung beschreiben weitere Entwicklungen, die zu einer "alters- und pflegefreundlichen Kultur" beitragen können. [An age based home. Changes in geriatric care as a challenge observed by the Deaconesses Home in Frankfurt, Germany] The demographic change brings with it the question as to how to provide for older people, who are not able to be looked after by their families. How do the economical, political and institutional antagonists influence each other? How do their very different perspectives of the needs work together and how can they be integrated for the well being of the elderly? The study shows the historical development of care as from 1870-2012 and includes precise information and interviews of the concepts of the Deaconesses Home in Frankfurt. Concepts, which encourage an interdepartmental cooperation, social and technical innovations and a view of other countries and their aspects of social welfare. All in all these describe developments that could lead to a culture, which is kinder and more considerate for the elderly in need of care.

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Seitenzahl: 482

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Veröffentlichungen

des Diakoniewissenschaftlichen Instituts

an der Universität Heidelberg

Begründet von Theodor Strohm

Herausgegeben von Johannes Eurich und Volker Herrmann

Band55

ROSEMARIE SCHLIESSMANN

EIN ALTERSGERECHTES ZUHAUSE

Wandel in der Altenpflege als Herausforderung des Frankfurter Diakonissenhauses

Rosemarie Schließmann, Dr. phil., Jahrgang 1970, studierte Diakoniewissenschaft und wurde 2015 an der Fakultät für Verhaltens- und Empirische Kulturwissenschaften der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg promoviert. Die vorliegende Arbeit ist eine gekürzte Fassung der Dissertation »Wohnen im Alter und Pflege im Wandel im Spiegel des Frankfurter Diakonissenhauses – Perspektiven (diakonischen Handelns) in einer alternden Gesellschaft.« Derzeit arbeitet sie als Gemeindepädagogin im Evangelischen Dekanat Biedenkopf-Gladenbach. Zuvor war sie als Diakonin in Schwäbisch Hall und als Krankenschwester in Stuttgart tätig.

Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2016 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH · Leipzig

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Cover: Kai-Michael Gustmann, Leipzig

Satz: Rosemarie Schließmann, Wetzlar

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017

ISBN 978-3-374-04650-8

www.eva-leipzig.de

GELEITWORT

In diesem Buch geht es um die Möglichkeiten und Herausforderungen einer traditionsreichen Organisation im Bereich Altenpflege angesichts des radikalen gesellschaftlichen Wandels, der im Allgemeinen mit Stichworten wie Subjektivierung, Individualisierung, Pluralisierung, Rationalisierung und Ökonomisierung gekennzeichnet wird und die früher übliche stationäre Unterbringung und Pflege älterer Menschen ein Stück weit diskreditiert hat. Dieser gesellschaftliche Wandel und die mit ihm verbundenen neuen Herausforderungen hinsichtlich des Wohnens und der Pflege älterer Menschen haben eine Fülle von Literatur hervorgebracht, die gesellschafts- und organisationstheoretisch analysiert werden muss, wenn man organisationsbezogene Veränderungen vorschlagen und über ihre politische und ökonomische, aber auch über ihre therapeutische Realisierung nachdenken will. Rosemarie Schließmann genügte eine solche Analyse vorliegender Arbeiten aber nicht. Als Diakoniewissenschaftlerin geht es ihr um die Frage, ob und wie eine zentrale Diakonische Institution und Lebensform – das Diakonissenhaus bzw. das Engagement der Diakonissen – sich dem erforderlichen Wandel aussetzen und dabei ihre diakonische Identität bewahren bzw. weiterentwickeln kann. Dass sie Antworten auf diese Frage finden kann, diese Zuversicht gründet in ihrer Beschäftigung mit der Geschichte des Frankfurter Diakonissenhauses, das – wie in den Kapiteln 3 und 4 dargelegt – seit seiner Gründung mehrere Epochen des Wandels nicht nur durchgestanden, sondern zu produktiver Anpassung und Veränderung genutzt hat, die durch die es tragenden Diakonissen auch mental vorbereitet und verarbeitet wurden, wobei sie die einschlägigen Impulse aus der jeweils aktuellen Pflegetheorie und -praxis aufgriffen.

Die Verbindung einer materialreichen geschichtlichen Studie, einer empirischen Untersuchung und gegenwarts- und zukunftsbezogener soziologischer, ökonomischer und standortbezogener Analysen macht aus dem Gesamtwerk ein hochkomplexes und gleichzeitig attraktives Buch, dessen »Architektur« die Verfasserin gleich zu Anfang in einer Wabenstruktur verdeutlicht – ein Bild, das sie gegen Schluss wieder aufgreift. Es zeigt, dass das Werk keiner linearen Logik folgt, bei der die Hauptkapitel aufeinander aufbauen, sondern verschiedene Studien bzw. Reflexionsfelder in Blick auf einen zentralen Fokus analysiert, nämlich auf die diakonische Gestaltung von »Settings für alte Menschen und für Unterstützungsnetzwerke.« Die Erträge aller vorangehenden Studienfelder fließen unverfälscht und gleichwertig in die zukunftsbezogene Gestaltungsaufgabe ein, was eine konzentrische Anordnung der Felder um den zentralen Aspekt, die Entwicklungsmöglichkeiten einer profiliert diakonischen Unterstützung älterer Menschen nahelegt.

Die historische wie die empirische Analyse des Frankfurter Diakonissenhauses führt zu dem Ergebnis, dass die gegenwärtige Organisationsgestalt keine Zukunft haben dürfte, weil sie den differenzierten Anforderungen älterer Menschen samt ihrem pluralisiertem Erwartungs- und Bedürfnisspektrum nicht Rechnung tragen kann sowie weil die Pflegekräfte chronisch überfordert sind und zu wenig Handlungsspielraum haben. Andererseits bewerten die verbliebenen Diakonissen die (erlebte) »Glaubens-, Lebens- und Dienstgemeinschaft« sehr positiv, finden darin ihre Identität und die wichtigste emotionale Ressource für ihre Arbeit mit älteren Menschen. Sie möchten dieses wertvolle Gut, das sich durch die ganze Diakonissengeschichte als tragfähig erwiesen hat, nach Möglichkeit erhalten, weshalb sie auch begonnen haben, neue Formen des gemeinsamen Lebens, des Wohnens und ihrer Dienstleistung zu erproben. Um die Diakonissen auf diesen neuen Wegen zu unterstützen und um eine Neustrukturierung ihrer Arbeit begründet empfehlen zu können, hat die Verfasserin die gesamte aktuelle Diskussion über Altenarbeit und Altenpflege wissenschaftlich aufgearbeitet, wobei sie auch den ökonomischen Aspekt im Auge behielt, demzufolge sich eine diakonische Hilfsorganisation im Wettbewerb des Sozialmarkts nur behaupten kann, wenn ihr Dienstleistungsangebot den aktuellen Erwartungen und Bedürfnissen entspricht und außerdem den Rahmenbedingungen des Marktes und den gesetzlichen Vorgaben Rechnung trägt.

Das Schlusskapitel mit dem Titel »Ausblick: Settings für alte Menschen und für Unterstützungsnetzwerke« wertet die forschungsbasierten Einsichten im Blick auf eine zukünftige Gestaltung des Diakonissenhauses bzw. einer diakonischen Altenarbeit aus und zeigt die Notwendigkeit organisatorischer Umstrukturierungen auf. Sieben Grundsätze gelten demnach für die Entwicklung von Settings für ältere Menschen: Relevante Umwelten erkennen, Gemeinschaftsformen entwickeln, Phantasie für Handlungsspielräume, digitale Dokumentation, Aufwertung der Pflege und des Freiwilligenengagements, Management der Kommunikation zwischen den Sektoren, Modularisierung des Ausbildungssystems. Bei allen Aspekten soll die »Potential- und Verletzlichkeitsperspektive« älterer Menschen leitend sein. Verschiedene wabenförmige Schaubilder machen darauf aufmerksam, dass die Struktur einer integrierten Versorgung prinzipiell dynamisch, flexibel und erweiterungsfähig ist bzw. sein sollte.

Auf dieser Grundlage skizziert Rosemarie Schließmann, wie sich eine »Caring Community« als Zusammenarbeit unterschiedlicher Sektoren, Organisationen, Ämter und Einrichtungen formieren könnte, wobei sie auf zuvor analysierte Beispiele zurückgreifen kann. Schließlich konkretisiert sie das Konzept einer Caring Community im Blick auf die Ressourcen und Handlungsmöglichkeiten des Frankfurter Diakonissenhauses und berücksichtigt auch deren »Alleinstellungsmerkmal«, die Glaubens-, Lebens- und Dienstgemeinschaft, die einen »rhythmischen Lebensstil« impliziert, der auch und gerade für Demenzkranke hilfreich sein kann. Als »Werte-, Alltags- und Tätigkeitsgemeinschaft« kann das Diakonissenhaus auch den unterschiedlichen Milieus in seiner Umgebung Begegnungen und Gemeinschaftsformen zugänglich machen, die ansonsten in der Gesellschaft rar geworden sind. Eine Reihe von Anregungen für integrierte Dienstleistungsangebote und für eine Intensivierung von Kooperationen zeigt bereits gegenwärtig realisierbare Handlungs- und Entwicklungsmöglichkeiten auf. So stellt dieses Buch eine stimmige Verknüpfung der Geschichte, der grundlegenden Werte und leitenden Motive der Diakonissentradition mit den aktuellen Herausforderungen einer effizienten Dienstleistungsorganisation im Altenbereich (unter den Bedingungen des Sozialmarkts) auf einer breiten, aspektreichen und aktuellen wissenschaftlichen Basis dar. Es sind ihm viele, für ältere Menschen engagierte Leserinnen und Leser zu wünschen.

Prof.Dr.Heinz Schmidt

VORWORT

Als ich den Flyer einer Sozialstation entdeckt habe, auf dem die »frühere Gemeindeschwester«, eine Diakonisse, sowie das heutige Team abgebildet waren, entwickelte sich allmählich eine Idee zu »meinem Thema«: Die Frage, wie sich die gesellschaftlichen Veränderungen in der Pflege auf eine konkrete diakonische Einrichtung auswirken, hat mein Interesse geweckt. Bei der Suche nach einer Organisation mit weitreichender Geschichte bin ich auf das Frankfurter Diakonissenhaus gestoßen. Zum einen konnte ich dort im Archiv etliches über die Anfänge diakonischer Pflege erfahren. Zum anderen hat es mir viel Freude gemacht, einige Diakonissen zu interviewen, die ehemals als Gemeindeschwestern oder im Pflegeheim vor und direkt nach der Einführung der Pflegeversicherung tätig waren. Sie sind beeindruckende Zeitzeuginnen.

Viele Menschen haben mich während meiner Dissertation begleitet und unterstützt. Dafür bin ich sehr dankbar. Mein herzlicher Dank gilt Professor Dr.Heinz Schmidt für die Betreuung der Dissertation, für die weiterführenden Gespräche und Anstöße. Ich danke ihm sehr für seine freundliche und ermutigende Unterstützung bis zur Fertigstellung dieses Buches. Herrn Professor Dr.Johannes Eurich danke ich für die Übernahme des Zweitgutachtens.

Dem Vorstand des Frankfurter Diakonissenhauses, Oberin Schwester Heidi Steinmetz und Pfarrer Herrn Matthias Welsch, danke ich für die offenen Türen und freundliche Unterstützung. Schwester Hanna Lachenmann und Schwester Ulrike Buchholz danke ich für ihre große Hilfsbereitschaft beim Sammeln von Archivmaterialien sowie für das Erläutern der geschichtlichen Zusammenhänge des Frankfurter Diakonissenhauses. Allen Schwestern, die sich für ein Interview zur Verfügung gestellt haben, danke ich herzlich. Ihre Erlebnisse haben mir einen Zugang zu einer mir zunächst fremden Lebenswelt eröffnet. Ebenso gilt allen, die mich in meiner Umfrage mit Fragebögen unterstützt haben, mein Dank.

Des Weiteren danke ich Christina Best und Gabriele Spahn für ihr unermüdliches Korrekturlesen und die Anregungen. Ich danke meinen Eltern, Freundinnen, Freunden und allen, die mich mit ihrem Interesse für diese Arbeit und ihrer Anteilnahme kritisch und ermutigend begleitet haben.

Professor Dr.Johannes Eurich und Professor Dr.Volker Herrmann danke ich sehr für die Aufnahme meiner Arbeit in die »Veröffentlichungen des Diakoniewissenschaftlichen Instituts an der Universität Heidelberg.«

Über dies danke ich herzlich dem Frankfurter Diakonissenhaus, dem Evangelischen Dekanat Gladenbach und der Evangelischen Kirchengemeinde Naunheim, die mich bei der Finanzierung der Drucklegung unterstützt haben.

Die vorliegende Arbeit ist eine gekürzte Fassung der Dissertation »Wohnen im Alter und Pflege im Wandel im Spiegel des Frankfurter Diakonissenhauses – Perspektiven (diakonischen Handelns) in einer alternden Gesellschaft«, die auf heiDOK (Heidelberger Dokumentenserver) der Universitätsbibliothek Heidelberg zugänglich ist.

Wetzlar, im März 2016

INHALTSVERZEICHNIS

Cover

Titel

Die Autorin

Impressum

Geleitwort

Vorwort

I. Thematische Einleitung

II. Organisationstheoretische Vorüberlegungen als Instrument zur Analyse der geschichtlichen Entwicklungen in der Pflege

1. Institutionalistischer Ansatz

2. Funktionalistische Theorie

III. Geschichtliche Entwicklungen in der Pflege und seine Auswirkungen auf das Frankfurter Diakonissenhaus

1. Industrialisierung und Jahrhundertwende (1870–1914)

1.1 Politische und sozialpolitische Ereignisse

1.2 Prägende Persönlichkeit der Pflege: Fliedner

1.3 Auswirkungen auf das Frankfurter Diakonissenhaus

1.3.1 Akteure, Kommunikation, Konfliktfelder

1.3.2 Arbeitsorganisation und Struktur

1.3.3 Werte und Ethik

2. Vom 1. bis zum 2. Weltkrieg (1914–1945)

2.1 Politische und sozialpolitische Ereignisse

2.2 Prägende Persönlichkeit der Pflege: Karll

2.3 Auswirkungen auf das Frankfurter Diakonissenhaus

2.3.1 Akteure, Kommunikation, Konfliktfelder

2.3.2 Arbeitsorganisation und Struktur

2.3.3 Werte und Ethik

3. Nach dem 2. Weltkrieg bis zum Pflegenotstand (1945–1980)

3.1 Politische und sozialpolitische Ereignisse

3.2 Prägende Persönlichkeit der Epoche im Fokus der Pflege: Juchli

3.3 Auswirkungen auf das Frankfurter Diakonissenhaus

3.3.1 Akteure, Kommunikation, Konfliktfelder

3.3.2 Arbeitsorganisation und Struktur

3.3.3 Werte und Ethik

4. Vom Pflegenotstand ins neue Jahrtausend (1980–2012)

4.1 Politische und sozialpolitische Ereignisse

4.2 Prägende Persönlichkeit der Epoche im Fokus der Pflege: Dörner

4.3 Auswirkungen auf das Frankfurter Diakonissenhaus

4.3.1 Akteure, Kommunikation, Konfliktfelder

4.3.2 Arbeitsorganisation und Struktur

4.3.3 Werte und Ethik

5. Resümee

IV.Entwicklungen in der Gemeindekranken- und Altenheimpflege aus der Sicht des Frankfurter Diakonissenhauses

1. Grundlagen: Qualitative Leitfadeninterviews

2. Auswertung der qualitativen Interviews

2.1 Gemeindekrankenpflege (1970–1995)

2.2 Altenpflegeheim (1980–2000)

3. Grundlagen: Quantitative Fragebögen

4. Auswertungen der quantitativen Fragebögen

4.1 Ambulante Pflege

4.2 Pflegeheim Nellinistift

4.3 Feierabendschwestern

4.4 Diakonissen im Dienst

5. Resümee

V. Perspektiven (diakonischen Handelns) in einer alternden Gesellschaft

1. Begriffsbestimmungen

1.1 Alternde Gesellschaft

1.2 Altersbilder

1.3 Aspekte diakonischer Bildung

2. Lebenswelten der älteren Generationen

3. Spiritualität im Älterwerden

4. Wohnformen im Alter

5. Demenz im Alter

6. Technikgestützte Assistenzsysteme

7. Solidarökonomische Blickwinkel

8. Resümee

VI. Herausforderungen im 21. Jahrhundert: Vom Heim zum »stadtteilintegrierten Servicehaus« – Sektorenübergreifende Zusammenarbeit

1. Konzeptionen

1.1 Soziale Stadt

1.2 Gemeinwesendiakonie

1.3 Integrierte Versorgung in Frankfurt

1.4 Soziale Innovationen

2. Resümee

VII. Managementinstrumente

1. Case und Care Management

2. Change Management

3. Netzwerkmanagement

4. Freiwilligenmanagement

5. Informationsmanagement

VIII. Sektorenübergreifende Zusammenarbeit außerhalb und innerhalb von Deutschland

1. Schweiz

2. Niederlande

3. Großbritannien

4. Spanien

5. Deutschland

6. Resümee

IX. Ausblick: Settings für alte Menschen und für Unterstützungsnetzwerke – Perspektivische Ansätze für das Frankfurter Diakonissenhaus

X. Abkürzungsverzeichnis

XI. Anhang

1. Qualitative Leitfadeninterviews

1.1 Gruppeninterview am 4.11.11 mit Schwester C. (79 Jahre), Schwester D. (78 Jahre) und Schwester F. (80 Jahre) -Gemeindekrankenpflege

1.2 Interview am 20.1.12 mit Schwester Z. (70 Jahre) -Gemeindekrankenpflege und Altenheimpflege

XII. Literaturverzeichnis

Fußnoten

I. THEMATISCHE EINLEITUNG

Der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation alter Menschen liegt eine lange geschichtliche Entwicklung zugrunde. Bis ins 19. Jahrhundert bedeutete Alter für viele Armut. Insgesamt gab es nur wenige alte bis sehr alte Menschen. Die Situation war insbesondere dann schwierig, wenn alte Menschen ihre Angehörigen durch Krankheit oder Tod verloren hatten.1 Aufgrund des demografischen Wandels stellt sich auch heute die Frage nach der Versorgung alter Menschen, die nicht von Angehörigen umsorgt werden können. So hat sich neben der medizinisch-pflegerischen Betreuung die Unterstützung in der Lebens- und Alltagsgestaltung als Schwerpunkt der Altenpflege entwickelt. Jede Form von Pflege und Betreuung ist geprägt von den politischen, sozialen und wirtschaftlichen Voraussetzungen ihrer Zeit.2 Wie sich Pflege und Wohnen im Alter in einer sich ständig verändernden Gesellschaft weiterentwickeln, stelle ich im Spiegel des Frankfurter Diakonissenhauses dar. Ziel dieser Arbeit ist es herauszufinden, wie sich die wirtschaftlichen, politischen und institutionellen Akteure gegenseitig beeinflussen, um geeignete Lösungen für die Versorgung und Betreuung alter Menschen zu finden: Welche Entwicklungen sind zu beobachten? Welche Faktoren spielen als Lösungsansätze eine Rolle? Welche Bedeutung hat die Geschichte für heutige Fragestellungen?

Um Kriterien für die Gegenüberstellung geschichtlicher Entwicklungen in der Pflege (Kap. III.) zu gewinnen, stelle ich organisationstheoretische Überlegungen voraus (Kap. II): Der institutionalistische Ansatz (Kap. II.1) beleuchtet Entwicklungen innerhalb einer Organisation oder in der Zusammenarbeit ähnlicher Organisationen. Die funktionalistische Theorie (Kap. II.2), die auf Luhmanns systemtheoretischem Ansatz fußt, legt den Schwerpunkt auf die Kommunikation und auf relevante Umwelten, die für eine Organisation überlebenswichtig sind. Sodann werden die geschichtlichen Entwicklungen der Pflege von den Anfängen bis heute in Kapitel III entfaltet und in vier Epochen untergliedert: Industrialisierung und Jahrhundertwende, vom Ersten bis zum Zweiten Weltkrieg, nach dem Zweiten Weltkrieg bis zum Pflegenotstand, vom Pflegenotstand ins neue Jahrtausend. Dabei stehen die politischen und sozialpolitischen Ereignisse (Kap. III.1.1, 2.1, 3.1, 4.1) und deren Auswirkungen auf das Frankfurter Diakonissenhaus (Kap. III.1.3, 2.3, 3.3, 4.3) im Fokus. Dementsprechend verschränken sich die allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklungen mit einer konkreten diakonischen Einrichtung, dem Frankfurter Diakonissenhaus. Des Weiteren wird in jeder Epoche eine Persönlichkeit vorgestellt, die für die Weiterentwicklung der Pflege prägend war und ist: Theodor Fliedner als Begründer der diakonischen Krankenpflege (Kap. III.1.2), Agnes Karll als Kämpferin für berufspolitische Fragestellungen in der Pflege (Kap. III.2.2), Liliane Juchli als deutschsprachige Pionierin eines Pflegemodells (Kap. III.3.2) und Klaus Dörner als Vordenker sektorenübergreifender Zusammenarbeit in der Pflege (Kap. III.4.2). Diese Entwicklungen werden mit qualitativen Leitfadeninterviews (Kap. IV) in der Gemeindekrankenpflege und im Altenpflegeheim im Spiegel des Frankfurter Diakonissenhauses weiter ausdifferenziert. Mithilfe von quantitativen Fragebögen werden aktuelle Tendenzen in der ambulanten Pflege (Kap. IV.4.1), im Pflegeheim (Kap. IV.4.2), bei den Feierabendschwestern als eine Gruppe älterer Personen im Frankfurter Diakonissenhaus (Kap. IV.4.3) und bei den dort lebenden Diakonissen im Dienst (Kap. IV.4.4) beleuchtet. Die unterschiedlichen Aufgabenfelder, die in einer alternden Gesellschaft (Kap. V) Thema sind, wie beispielsweise Wohnformen im Alter (Kap. V.4), Demenz im Alter (Kap. V.5) oder technikgestützte Assistenzsysteme (Kap. V.6), werden mit Perspektiven (diakonischen Handelns) verknüpft, die das Entwickeln von Altersbildern (Kap. V.1.2) und (diakonischen) Handlungsperspektiven (Kap. V.1.3) mit einschliessen. Darüber hinaus werden die Lebenswelten der älteren Generationen (Kap. V.2) und die Spiritualität im Älterwerden (Kap. V.3) reflektiert, um Anknüpfungspunkte für Unterstützungsangebote im Alter zu gewinnen. Dabei eröffnen solidarökonomische Blickwinkel (Kap. V.7) weitere Finanzierungsmodelle der Unterstützungsnetzwerke im Älterwerden. Aus den ausgeführten Perspektiven wird erkennbar, dass die sektorenübergreifende Zusammenarbeit unterschiedlicher Akteure aus Medizin, Pflege, Sozialer Arbeit, Wirtschaft etc. eine wesentliche Herausforderung in einer alternden Gesellschaft (Kap. VI, Kap. VIII) ist. Dafür gibt es erprobte Konzeptionen und Projekte, die diesen Prozess voranbringen möchten, wie »Soziale Stadt« (Kap. VI.1.1), Gemeinwesendiakonie (Kap. VI.1.2), Integrierte Versorgung (Kap. VI.1.3) und soziale Innovationen (Kap. VI.1.4). Um die Kommunikation zwischen den Sektoren verlässlich auszubauen, bedarf es diverser Managementinstrumente (Kap. VII), die an Beispielen der Pflege ausgeführt werden. Gleichzeitig ist auch die Finanzierung von Unterstützungsnetzwerken mitzubedenken. Ein Blick in andere Gesundheitssysteme wie in die Schweiz (Kap. VIII.1), in die Niederlande (Kap. VIII.2), nach Großbritannien (Kap. VIII.3) und nach Spanien (Kap. VIII.4) eröffnet weitere Handlungsperspektiven für die Ausgestaltung sektorenübergreifender Zusammenarbeit. Um diese Anregungen aufzunehmen, werden die Rahmenbedingungen innerhalb Deutschlands (Kap. VIII.5) reflektiert.

Die in Kapitel II bis Kapitel VIII benannten unterschiedlichen Facetten zum »Wandel der Pflege« und zu »Wohnen im Alter« stehen nicht unbedingt in einem kausalen Zusammenhang, haben aber gemeinsame Berührungsflächen und helfen, Settings für alte Menschen und für Unterstützungsnetzwerke (Kap. IX) zu generieren. Dabei beziehe ich mich auf die Situation in Westdeutschland. Die Architektur dieser Arbeit lässt sich grafisch wie folgt darstellen:

Abb.1: Architektur der Arbeit3

II. ORGANISATIONSTHEORETISCHE VORÜBERLEGUNGEN ALS INSTRUMENT ZUR ANALYSE DER GESCHICHTLICHEN ENTWICKLUNGEN IN DER PFLEGE 

Organisationstheorien messen einer effizienten Steuerung von Arbeitsprozessen große Bedeutung bei, die sich in der Organisationsstruktur niederschlägt. Darüber hinaus ist das Wissen von relevanten Umwelten entscheidend, um das Überleben von Organisationen zu sichern.4 Der institutionalistische Ansatz und die funktionalistische Theorie beleuchten Anforderungen und Erwartungen entsprechender Umwelten. Die Umwelten des Frankfurter Diakonissenhauses haben sich im Laufe der Geschichte verändert und werden unter organisationstheoretischen Gesichtspunkten reflektiert.

1. INSTITUTIONALISTISCHER ANSATZ

Berger und Luckmann gehen in ihrer Theorie davon aus, dass »Wirklichkeit sozial konstruiert« ist: Alltagserfahrungen bestimmen, was als »wirklich« angesehen wird.5 Mit Institutionalisierung bezeichnen sie zum einen den Prozess, in dem soziale Beziehungen und Handlungen nicht mehr hinterfragt werden, da sie als geeignet und angemessen betrachtet werden. Zum anderen bezeichnen sie mit Institutionalisierung den Zustand gesellschaftlich und kulturell geteilter Gedanken, der Handlungen in einer Institution möglich werden lässt und andere nicht. D. h. Institutionen bestehen weniger aus bewussten Handlungen als vielmehr aus routinemäßigen Verfahren, die durch Störungen der Umwelt unterbrochen werden. Diese Verhaltensabläufe werden auch institutionalisierte Elemente genannt und sind »kulturell bedingte Regeln«, die bestimmten Handlungen Sinn und Bedeutung geben und diese in einen übergeordneten Rahmen stellen.6 Organisationen erhöhen ihre Legitimität, indem sie institutionalisierte Elemente in ihre Organisationsstruktur aufnehmen. Sie zeigen damit, dass sie ein »Subsystem der Gesellschaft und kein unabhängiges System« sind. Unabhängig von ihrer technischen Wirksamkeit tragen institutionalisierte Elemente dazu bei, dass Organisationen den gesellschaftlichen Erfordernissen entsprechen, als organisiert und modern wahrgenommen werden. Damit verbessern sie auch den Zugang zu den Ressourcen für ihre Überlebensfähigkeit.7

Nach Meyer/Rowan ist die Entwicklung institutionalisierter Rationalitätsmythen entscheidend. Dabei kann sich erheblich unterscheiden, was in einzelnen Umwelten als rational bezeichnet wird: Beispielsweise betonen technische Umwelten eine Rationalität, die sich an Vorschriften orientiert und in vorhersagbarer Weise Ergebnisse liefert. Hingegen liefern institutionelle Umwelten anderen Akteuren Begründungen für ihre Handlungen, Strukturen und Konzepte.8 »Normen der Rationalität sind nämlich keine allgemeinen Werte, sondern sie existieren in spezifischerer und einflußstärkerer Weise in den Regeln, dem Verständnis und der Bedeutung, die institutionalisierten Elementen in einzelnen Umwelten der Organisation gegeben werden. […] Rationalitätsmythen bezeichnen Regeln und Annahmegefüge, die rational in dem Sinn sind, dass sie soziale Ziele bestimmen und in regelhafter Weise festlegen, welche Mittel zur rationalen Verfolgung dieser Zwecke angemessen sind.«9 D. h. ihre Wirksamkeit ist abhängig von gemeinsamen Glaubensüberzeugungen und kann nicht objektiv nachgeprüft werden. Daher werden sie als Mythen bezeichnet.10

Im institutionalistischen Ansatz werden folgende Strukturen untersucht: die Beziehungen zwischen ähnlichen Organisationen, die horizontalen Verbindungen zwischen Organisationen z.B. zwischen Unternehmen und Kunden, die vertikalen Beziehungen, beispielsweise Mutter- und Tochterunternehmen, und die lokalen und internationalen Beziehungen zwischen Organisationen. Der institutionalistische Ansatz bezieht sich somit nicht in erster Linie auf die ganze Gesellschaft oder auf einzelne Organisationen, sondern auf Gruppen von Organisationen, die von einem gemeinsamen Wertesystem getragen sind, die organisationalen Felder. Diese werden erkennbar durch aufeinander bezogene Handlungen und Regeln.11 Vier Aspekte bestimmen den Prozess der Institutionalisierung und die Herausbildung solcher organisationaler Felder:

eine zunehmende Wechselbeziehung zwischen den Organisationen

Verbindungsmuster oder Machtstrukturen zwischen den Organisationen

eine Zunahme von Informationen, die die Organisationen bewältigen müssen

die wechselseitige Wahrnehmung der Zusammenarbeit unter den Mitgliedern der Organisationen und das Entwickeln eines gemeinsamen »Deutungssystems«

12

Sobald sich ein organisationales Feld entwickelt hat, werden sich die darin agierenden Organisationen immer ähnlicher.13

Es treffen zwei unterschiedliche Sichtweisen aufeinander: In makroinstitutionalistischen Ansätzen werden die Erwartungen der Umwelten konkretisiert, wie z.B. der Einfluss des Staates oder der Berufs- und Wirtschaftsverbände. In mikroinstitutionalistischen Ansätzen werden Organisationen selbst als Institutionen betrachtet sowie der Aspekt, dass Organisationen moderne Gesellschaften durchdringen und verändern können. D. h. Organisationen werden dann zur Institution, wenn von ihnen maßgebliche Einflüsse auf die Umwelt ausgehen und sie kulturell beständig sind.14 Nach Oliver gibt es Strategien und Taktiken, mit denen Organisationen auf die Institutionalisierung von Regeln und Erwartungen antworten können. Damit wird deutlich, dass Organisationen aktive Verhaltensstrategien entwickeln können, wie bspw.: »Erdulden, Kompromiss, Vermeiden, Trotzen, Manipulieren.«15 Welche der Strategien angewandt wird, hängt u.a. von folgenden Faktoren ab:

inwieweit eine Regel oder Erwartung institutionalisiert ist

wie hoch ihre Wirksamkeit ist

welchen Interessen eine Organisation nachgeht

welche Macht eine Organisation hat, um sich durchzusetzen

16

Ist z.B. eine Erwartung wenig institutionalisiert oder steht in Widerspruch zu den Interessen der Organisation, kann sich eine Organisation, wenn sie über ausreichend Mittel und Macht verfügt, gegen die Erwartungen der neuen Anforderung stellen.

Die Stärken des institutionalistischen Ansatzes liegen darin, die Handlungsweisen von Organisationen zu erklären, die als stabil gelten. Des Weiteren werden die Auswirkungen institutioneller Umwelten auf Organisationen und den langfristigen Wandel von Organisationen näher beleuchtet.17 Die Schwächen dieses Ansatzes liegen u.a. darin, dass lediglich zwei Themen durchgängig thematisiert werden: Zum einen das Organisationsinteresse nach Sicherheit und Vorhersagbarkeit und zum anderen das Interesse, die eigene Überlebenswahrscheinlichkeit zu vergrößern. Wie sich institutionalisierte Regeln und Organisationen ändern, ist wenig begründet. Ein Erklärungsansatz wäre der Widerspruch zwischen institutionalisierten Elementen auf der Mikro- und Makroebene. Weitere Erklärungen bieten Variablen und Faktoren, die außerhalb der Organisation liegen: exogene Schocks wie z.B. Wirtschaftskrisen oder Macht und Interessen einzelner Akteure oder Gruppen. Der Faktor Macht findet in institutionalistischen Ansätzen wenig Beachtung und wenn, dann außerhalb der Organisation. So bleiben wichtige Fragen offen: z.B. wie der Wandel von Regeln und Erwartungen erklärt werden kann. Sie werden als passive Prozesse verstanden. Es fehlt die Einordnung aktiver Handlungen von Akteuren, die Einfluss auf institutionalisierte Erwartungen nehmen. Trotz der skizzierten Grenzen liegt die Bedeutung dieses Ansatzes in der Begründung von Selbstverständlichkeiten.18

2. FUNKTIONALISTISCHE THEORIE

Die funktionalistische Theorie fusst auf Luhmanns systemtheoretischem Ansatz: Luhmann definiert als kleinste Einheit aller sozialen Systeme die Kommunikation. Die Grenzen der Kommunikation sind anders definiert als die der Handlungen. Eine Handlung kann durch einen einzelnen Akteur geschehen, währenddessen in der Kommunikation mindestens zwei oder mehrere Akteure beteiligt sind.19 Es kann niemand einseitig bestimmen, wie sein Verhalten von anderen gedeutet wird. So besteht die Funktion menschlicher Kommunikation nicht in erster Linie im Austausch von Nachrichten, sondern darin, das beobachtete Verhalten von Akteuren und ihren Aktionen zu interpretieren.20 Das bedeutet, dass »Kommunikation nicht direkt beobachtet, sondern nur erschlossen werden kann.«21 Bezogen auf Organisationen bedeutet dies, dass sich durch Kommunikation die Handlungen unterschiedlicher Akteure verzahnen. Erst die Kommunikation macht Individuen zu Teilnehmern an sozialen Systemen und ermöglicht soziale Systeme. Die Organisation sorgt mithilfe ihrer routinierten Abläufe dafür, dass die Teilnehmer an der Kommunikation auswechselbar bleiben. Um dennoch ihre Funktionen aufrecht zu erhalten, werden Kommunikationsmuster ständig wiederholt.22

Organisationen haben und brauchen keinen Sinn an sich. Sachliche Ziele sind gegenüber dem Bestehen des Systems an sich zweitrangig. Überleben bestimmt die Strategie des Handelns. So stellt sich die Frage nach relevanten Umwelten, die das Überleben sichern. Eine Organisation und ihre relevanten Umwelten überleben als eine Einheit und entwickeln sich gemeinsam. Beschäftigt eine Organisation z.B. bezahlte Mitarbeiter, muss das Wirtschaftssystem als relevante Umwelt beachtet werden. Dabei macht es für das Überleben und die dafür erforderliche Strategie einen großen Unterschied, woher die Zahlungen kommen: Ob sie auf Haushaltsplanungen, Verkaufserfolge oder politische Entscheidungen basieren oder durch Spenden finanziert werden. So werden in Organisationen unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt, sei es durch Lobbyarbeit, durch effektives Marketing oder durch Spendenakquisition. Unabhängig von den Zahlungen verschwindet eine Organisation, wenn ihre Mitglieder nicht mehr bereit sind, sich für sie einzusetzen.23

Luhmann unterscheidet zwischen dem einzelnen Menschen, seinem menschlichen Körper und seiner Psyche einerseits und dem sozialen System als Kommunikationssystem andererseits: Er betrachtet den Körper und die Psyche eines Mitglieds als »eigenständige Umwelten der Organisation.« Die Organisation ist abhängig von den Umwelten ihrer Mitglieder, da nur sie ihre Wahrnehmungen in die Organisation einbringen können. Die Wahrnehmungen und Leistungsfähigkeit der Mitglieder werden von Seiten der Organisation nur teilweise in Anspruch genommen. Wenn z.B. alle Mitarbeiter persönlich bemerken, dass eine Veränderung ansteht, dies aber niemand zum Thema macht, wird sich nichts verändern. Denn was nicht in die Kommunikation eingebracht wird, gibt es in einer Organisation nicht.24

Des Weiteren definiert Luhmann, dass Personen durch die Teilnahme an Kommunikation zu Personen werden. Sie sind sozusagen »Konstruktionen der Kommunikation für Zwecke der Kommunikation.«25 Darüber hinaus können Personen verschiedene Rollen einnehmen, d.h. unterschiedliche Funktionen innerhalb einer Handlung ausüben. Da Kommunikation nicht direkt auf ein psychisches System reagieren kann, reagiert sie auf ein Verhalten oder andere Äußerlichkeiten (wie z.B. Kleidung, Auto, Haus). Allgemein lassen sich soziale Systeme danach differenzieren, ob eher Personen oder sachliche Inhalte im Fokus der Aufmerksamkeit stehen und die Art der Kommunikation bestimmen. Folgende Fragen fördern die Differenzierung26:

Welche Themen sind in der Organisation von Interesse und welche nicht?Welches Selbstbild und welche (Denk)-Modelle prägen das Handeln?27

Die Kommunikation von Erwartungen erleichtert die Abstimmung von Handlungen verschiedener Akteure und reduziert die Komplexität. Die Aufrechterhaltung von Organisationsstrukturen kann mit Hilfe von Spielregeln erklärt werden, die durch Wiederholung zu Routinen werden. Durch die Veränderung von Spielregeln können sich neue Strukturen herausbilden und alte Strukturen verändert werden. Darüber hinaus lassen sich Spielregeln in zwei Arten einteilen: in die »deskriptiven, beschreibenden Regeln« (z.B. die Naturgesetze, die als gegeben hingenommen werden) und in »präskriptive, vorschreibende Regeln«, die eine Ordnung begründen. Präskriptive Regeln sind das Ergebnis von Entscheidungen: Gebote und Verbote sorgen dafür, dass sich Erwartungen herausbilden. Erwartungen sorgen wiederum dafür, dass Gebote und Verbote eingehalten werden.28

Eine Unterscheidung in »innen« und »außen« ist notwendig, um die Beobachtung von Organisationen zu analysieren. Welche Systeme oder Einheiten werden gegen welche Umwelten benannt und welche Unterscheidungen werden eingeführt? Der Mitarbeiter sieht eine Organisation als etwas anderes als ein Investor. Spencer-Brown29 verwendet in seinen »Laws of Form« ein einfaches Symbol, mit dem er hochkomplexe Systeme darstellt: einen Haken, den er Kreuz nennt. Dieses Kreuz markiert eine »Innen-Außen-Unterscheidung«. Da jede Beobachtung von Unterscheidungen lebt, wird eine beobachtete Einheit entweder als »innen« oder »außen« definiert. So kann mit diesem Symbol einerseits die Beziehung der Einheiten einer Organisation dargestellt werden und andererseits die Grenze vom Zustand »vorher« zum Zustand »nachher« markieren.30

Abb.2: Innen-Außen-Verortung von Organisationseinheiten 31

Im oben genannten Beispiel wird externes Consulting in einem Prozess in die Organisation integriert und steht dann der Organisation als interne Beratung zur Verfügung. Das bedeutet, dass Organisationen nur dann überleben können, wenn sie zu den Umwelten passen, zu denen sie in einem wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnis stehen. Wenn es einer Organisation gelingt, sich selbst und ihre relevanten Umwelten zu thematisieren, kann sie entsprechend handeln. Das ist eine Leitungsaufgabe innerhalb einer Organisation: »Wenn Umwelten markiert sind, werden sie bemerkt. Sie können als Unterscheidungen in das System eingeführt (Reentry) und beobachtet werden.«32 Wenn in einem Unternehmen im Vorstand über die Produktion und den Markt gesprochen wird, so ist dies ein Beispiel für das Reentry, der Unterscheidung zwischen der Organisation und einigen seiner Umwelten:33

Abb.3: Reentry34

Dass eine Organisation bis zu diesem Zeitpunkt überlebt hat, beweist, dass sie mit relevanten Umwelten zusammenarbeitet und ihr Wissen genügt. Um ihre Überlebensfähigkeit zu sichern, braucht sie die Entscheidungsmöglichkeit, zwischen Lernen und Nicht-Lernen zu wählen. Sie muss in der Lage sein, sich selbst als System und ihre Umwelten zu beobachten und die Wichtigkeit von Informationen zu beurteilen. Lernen bedeutet somit, dass Prozesse und Strukturen, also das Wissen von Organisationen, geändert werden können. So ist es der Organisation möglich, sich selbst umzugestalten.35 Es müssen immer wieder Entscheidungen getroffen werden, um Unsicherheiten zu beseitigen. Entscheidungen schaffen Klarheit und bilden die Grundlage für weitere Entscheidungen. Es lassen sich drei unterschiedliche Entscheidungsvoraussetzungen in Organisationen feststellen: »Programme, Kommunikationswege und Personen.«36 Was hier mit Programmen bezeichnet ist, sind Spielregeln, die in Verhaltensregeln, Handbüchern oder Gebrauchsanweisungen festgehalten sind. Mit Kommunikationswegen ist gemeint, dass andere Akteure einbezogen und gefragt werden, wie z.B. Experten, Vorgesetzte, andere Organisationsabteilungen, oder es müssen bestimmte Verfahrenswege oder Anordnungen eingehalten werden. Auch die Hierarchiebildung ist diesem Bereich zugeordnet. Durch Personen, d.h. durch die Verbindung der Organisation mit unverwechselbaren psychischen Systemen, fließen Kompetenz, Intelligenz, Kreativität und Urteilsvermögen von Individuen in die Organisation ein. Psychische Umwelten liefern einer Organisation das nötige Störpotential, durch die Wahrnehmungen und Meinungen in die Kommunikation einfließen und so zur Grundlage von Entscheidungen werden. Wo immer Personen als Entscheidungsträger agieren, ist mit Unvorhersehbarkeit zu rechnen. Daher bedeutet die Einstellung von neuem Personal für ein Unternehmen immer ein gewisses Risiko.37

Organisationen unterscheiden sich auch darin, ob sie eher durch lose oder feste Kopplungsarten gekennzeichnet sind: Wie fest gefügt oder flexibel sind die Abläufe und Routinearbeiten? Wie starr sind die Programme und wie ungeordnet oder festgelegt sind die formalen Strukturen der Organisation? Wie ist die Kopplung der Personen untereinander bzw. mit der Organisation (z.B. Angestellte versus Zeitarbeiter)? Je stärker die Gefühle der Mitglieder mit den Spielregeln und Strukturen gekoppelt sind, desto langsamer und geringer geschieht spontane Veränderung. Je höher die sachliche Zielorientierung ist, desto leichter und schneller vollzieht sich der Wandel.38 Darüber hinaus sind Organisationen als soziale Systeme ohne den Faktor Macht nicht denkbar. Macht beinhaltet »auf der allgemeinen Ebene – immer die bestimmten Individuen oder Gruppen verfügbaren Möglichkeiten, auf andere Individuen oder Gruppen einzuwirken.«39 Macht wirkt als Steuerungsmittel: Die formalen Strukturen einer Organisation sorgen dafür, dass die Rollen eindeutig sind, nämlich die des Machthabers und die des Untergebenen. Aber auch außerhalb formaler Strukturen entstehen Machtverhältnisse. Wenn die Machtstrukturen klar sind, entstehen weniger Machtkämpfe. So erfüllt Macht eine vorbeugende Funktion gegen Konflikte.40 Daher ist Entscheiden eine wichtige Aufgabe für Führung und Management.

III. GESCHICHTLICHE ENTWICKLUNGEN IN DER PFLEGE UND SEINE AUSWIRKUNGEN AUF DAS FRANKFURTER DIAKONISSENHAUS 

Das Frankfurter Diakonissenhaus ist aufgrund seines Standortes von den Entwicklungen in Westdeutschland geprägt worden. Daher werde ich die Entwicklungen der Altenpflege in Ostdeutschland in dieser Arbeit nicht näher beleuchten.

1. INDUSTRIALISIERUNG UND JAHRHUNDERTWENDE (1870–1914)

Am Anfang der Industrialisierung gab es noch keinen sozialen Sicherungsschutz. Infolgedessen führten Krankheit, Arbeitsunfähigkeit und Alter oft zu großen Problemen. Als Reaktion auf diese Situation bildeten sich im 19. Jahrhundert Organisationen, so z.B. 1836 das Diakonissenhaus in Kaiserswerth. Die Gründung von Wohlfahrtsverbänden und der Aufbau der Sozialversicherungen ab 1883 trugen dazu bei, dass sich die Alten- und Pflegeheime weiterentwickelten. Z. B. bestand mit der Einführung der Invaliditäts- und Altersversicherung 1889 für alleinstehende kranke Altersrentner ab 70 Jahren die Möglichkeit, in einem Altersheim aufgenommen zu werden. Die Voraussetzung dafür war, dass sie auf ihre Rente verzichteten.41

1.1 Politische und sozialpolitische Ereignisse

1871 erreichte Bismarck ein Ziel seiner Politik, die Einigung Deutschlands unter preußischer Herrschaft. Das deutsche Kaiserreich wurde gegründet, ohne dass liberale Vorstellungen wie Parlamentsherrschaft und Demokratie eine wesentliche Rolle spielten.42 Dieser Staat wurde zum Handeln aufgefordert: Einerseits durch die sozialen Hilfen, Angebote und Einrichtungen der evangelischen und katholischen Kirchen und andererseits durch die neu gegründeten Arbeitervereine mit Gewerkschaftskassen, die als Hilfskassen ebenfalls eine Versorgungslücke ausfüllten. Aber die Löhne von Tagelöhnern, Hilfskräften und anderen waren zu niedrig, als dass sie freiwillig in eine Kasse hätten einzahlen können.43 Darüber hinaus überschlugen sich die Industrialisierung und Urbanisierung in dieser Zeitepoche. Die deutsche industrielle Gesamtproduktion übertraf in den siebziger Jahren die Nachbarstaaten und die Zahl der Fabrikarbeiter wuchs von sechs Millionen im Jahr 1895 auf etwa achteinhalb Millionen im Jahr 1907.44

D. h. die Zahl der Arbeiter nahm schneller zu, als die unmenschlichen Arbeitsbedingungen beseitigt werden konnten. Außerdem führten die schlechten Wohnverhältnisse zu Gesundheitsproblemen.45 Es wurde zwar 1883 eine Krankenversicherung für Arbeiter eingeführt, an der die Arbeitgeberseite zu einem Drittel und die Arbeitnehmer zu zwei Drittel beteiligt waren, aber es gab keine Reform der sozialen Verhältnisse: d.h. keinen Arbeitsschutz, keine Verbesserung der Arbeitsbedingungen und keinen Mindestlohn. Die Leistungen der Krankenversicherung waren bescheiden, auch wenn die Kassen bestimmte Leistungen zu erfüllen hatten.46

1884 war für Bismarck ein wichtiges Wahljahr. Und so deutet manches darauf hin, dass die Unfallversicherung 1884 sowie das 1889 folgende Gesetz zur Alters- und Invaliditätssicherung der Arbeiter (Rentenversicherung) dazu dienten, die Industriearbeiterschaft zu besänftigen. Bismarck war strikt gegen die Forderungen nach Demokratie und gegen die Abschaffung des Dreiklassenwahlrechts.47 Es sind nach dem Arbeiterschutzgesetz 1891 bis 1911 keine größeren Fortschritte zu benennen, abgesehen vom Kinderschutzgesetz im Jahr 1903 und den besseren Arbeitszeitregelungen für Frauen und Jugendliche im Jahr 1908. Dennoch ist auffallend, dass drei Sozialversicherungen und eine Reihe anderer Bestimmungen auf den Schutz einer einzigen Gruppe zielen, der »Industriearbeiterschaft bei Arbeitsunfähigkeit.« In der Medizin herrschten um die Jahrhundertwende Forschergeist und Machbarkeitsglaube. Der Nachweis von Krankheitserregern in der Medizin, das Einführen von Impfungen, die ausreichende Nahrungsmittelversorgung durch den Einsatz von Dünger, die Verbesserung der öffentlichen Hygiene insbesondere der Trinkwasserversorgung und Abwasserentsorgung trugen dazu bei, dass die allgemeine Lebenserwartung stieg.48

1.2Prägende Persönlichkeit der Pflege: Fliedner

Theodor Fliedner (1800–1864) gründete 1836 in Kaiserswerth bei Düsseldorf die erste Pflegeschule. Im Kaiserswerther Mutterhaus erhielten Pflegerinnen eine Ausbildung. Inspiriert war er durch seine Reisen in England und Holland. In den reformierten Gemeinden der Niederlande lernte er das Amt der Diakone und Diakonissen kennen. Er sah in der Berufstätigkeit der Frau, die auf die Kirchengemeinde ausgerichtet ist, eine große Möglichkeit zum »Aufbau des Reiches Gottes.«49 Fliedners Haltung gegenüber der Kirche war ambivalent. Einerseits waren seine Aktivitäten auf die Unterstützung der Kirche ausgerichtet, andererseits rief er eigene unabhängige Organisationsstrukturen und Vereine ins Leben: Zunächst gründete er eine Gefängnisgesellschaft und stattete sich als Geschäftsführer mit allen Vollmachten aus. Das Prinzip Leitung durch Generalvollmacht ist in seiner Arbeitsorganisation immer wieder zu finden. Fliedners theologische Vorstellungen waren vom Pietismus geprägt, insbesondere durch die Vorstellung, dass das Reich Gottes schon in dieser Welt zum Ausdruck kommen wird.50 So sollten die Diakonissen einerseits in der Krankenpflege die Kirche zu den Menschen bringen und andererseits in Kleinkinderschulen Betreuung und Bildung zu den Kindern.51 In der Führung seines Unternehmens war Fliedner inspiriert vom Mutterhausprinzip des katholischen Ordens der Barmherzigen Schwestern. Er übernahm diese Organisationsform im Blick auf die Gemeinschaft der Schwestern, der Versorgung im Alter und der Leitungsposition der Vorsteherin. Aber im Gegensatz zu den Barmherzigen Schwestern legte er großen Wert darauf, dass die Schwestern regelmäßig von einem sachkundigen Arzt in praktischer Krankenpflege ausgebildet wurden. So begann im Kaiserswerther Diakonissenhaus eine fundierte Krankenpflegeausbildung.52 Dementsprechend lebten im ersten Diakonissenmutterhaus in Kaiserswerth unverheiratete Schwestern in einer ordensähnlichen Glaubens- und Dienstgemeinschaft zusammen. Die Motive, aus denen Frauen in ein Diakonissenmutterhaus eintraten, waren sehr unterschiedlich, so spielten persönliche Fragestellungen, Glaubenserfahrungen, Krisen und die Hoffnung auf berufliche Perspektiven eine Rolle. Außerdem war das in der Gesellschaft verankerte christliche Frauenbild von Selbstlosigkeit, Demut und Hingabe geprägt.53 Nach Fliedners Vorstellung traten die Diakonissen in ein dreifaches Dienstverhältnis ein: Sie waren »Dienerinnen Jesu«, »Dienerinnen der Kranken« und »Dienerinnen untereinander.« Demut, Selbstaufopferung, sich selbst und die eigenen Bedürfnisse und Wünsche zurücknehmen wurde für die Diakonisse als Haltung bestimmend.54 Die seelsorgerische Praxis der Schwestern bestand vor allem aus Vorlesen, Gesprächen und Handarbeiten. Die Diakonisse verband in ihrer Person pflegerische und geistliche Tätigkeiten.55

So wurde der Lebensstil als Diakonisse und die Krankenpflege fest zusammengefügt. Fliedners zweite Frau und die Kontakte zu konservativen Kreisen beförderten diesen Prozess. Das Geistliche wurde bestimmend und die Berufsausbildung trat etwas in den Hintergrund. Aus dem anfänglichen Gehalt wurde ein Taschengeld.56 Das Leben als Diakonisse hatte die gehorsame Frau zum Vorbild, die der Mutterhausleitung uneingeschränkt zur Verfügung stand. Damit prägte die Mutterhausdiakonie ein anderes Frauenbild als die aufkommende Frauenbewegung, deren Ausgangspunkt und Ziel die emanzipierte Frau war.57 Fliedner war ein Pragmatiker und Stratege, der an die »Gestaltungskraft der Ordnung glaubte.«58 Er hat eine innovative Schwesternausbildung mit theoretischen und praktischen Ausbildungsanteilen entwickelt und durch deren Verbreitung zu einer christlichen Berufsethik beigetragen. Daneben war Fliedner auch die Betreuung und Bildung von Kindern wichtig. Er leistete pädagogische Pionierarbeit und viele Diakonissen arbeiteten in neu gegründeten Kleinkinderschulen.59 Des Weiteren expandierte die Mutterhausdiakonie auch ins Ausland (z. B USA, Jerusalem, Europa, Balkan, Russland und Afrika). Als weiteren organisatorischen Baustein rief Fliedner 1861 die Generalkonferenz ins Leben, zu der die Vorstände aller Mutterhäuser nach Kaiserswerth kamen. Die Generalkonferenz trug wesentlich zur Vernetzung der Mutterhäuser bei. Zu dieser Zeit gab es mittlerweile 28 Mutterhäuser mit 1207 in aller Welt tätigen Diakonissen.60

1.3 Auswirkungen auf das Frankfurter Diakonissenhaus

Zwei von den zuerst von Fliedner eingesegneten Diakonissen in Kaiserswerth wurden nach Frankfurt in das städtische Versorgungshaus entsendet, die 1847 wieder abberufen wurden.61

Im 19. Jahrhundert wurden in Frankfurt viele Vereine für kirchliche, soziale und kulturelle Zwecke ins Leben gerufen. Die Initiatoren des Diakonissenvereins waren gleichzeitig auch Mitglieder in anderen Vereinen, so im Frankfurter Frauenverein und im Evangelischen Verein für Innere Mission.62 Frauen und Männer lutherischer und reformierter Konfession gründeten im Jahr 1861 den Diakonissenverein, der fünf Jahre später durch die Stadt Frankfurt Vereinsrechte bekam und damit auch die Möglichkeit, Immobilien zu erwerben und Verträge zu schließen.63 Schon 1861 kamen Diakonissen aus Karlsruhe nach Frankfurt, um im Auftrag des Diakonissenvereins Kranke zu pflegen und für Arme zu sorgen.64 Der Ankauf eines Hauses, das als Krankenhaus eingerichtet wurde, ermöglichte die Ausbildung weiterer Diakonissen in der Krankenpflege. Als 1870 die Karlsruher Schwestern abberufen wurden, nahm der Vereinsvorstand die Gelegenheit wahr, berief im gleichen Jahr eine eigene Oberin und gab der Diakonissenanstalt den Status eines selbständigen Diakonissenmutterhauses. So wurde das Frankfurter Diakonissenhaus gegründet.65

1.3.1 Akteure, Kommunikation, Konfliktfelder

Die Gründungsmitglieder des Diakonissenvereins waren einerseits angesehene Bürger Frankfurts, die Beziehungen in das gesellschaftlich öffentliche Leben hatten, andererseits waren sie auch in anderen Vereinen aktiv. So unterstützten sie den Diakonissenverein mit großzügigen Spenden, mit Kontakten, ideellen Werten, Geld- und Grundstücksinvestitionen. Das Ziel des Vereins bestand darin, eine fachkundige Krankenpflege durch evangelische Schwestern in Frankfurt aufzubauen und sicherzustellen. Im Blick waren zwei unterschiedliche Formen: die Gemeindekrankenpflege und die Gründung eines Diakonissenmutterhauses, das Sitz und Zentrale des Gesamtwerkes, Ausbildungsstätte und Heimat der Diakonissen wurde. Das Diakonissenmutterhaus war mit dem Krankenhaus baulich verbunden und hatte somit mehrere Funktionen.66 Darüber hinaus steht der Begriff Diakonissenhaus bis heute für einen bestimmten Lebensstil:

Die Diakonissen sind erkennbar durch ihre Tracht und Haube.

Sie wählen aus ihrer Mitte eine Schwester zur Oberin, die die Schwesternschaft leitet.

Diakonie in Gemeinschaft bedeutet Leben nach Regeln der Gemeinschaft, wobei Ehelosigkeit, Gehorsam und Armut im Zusammenleben bindend sind.

Es gibt eine kontinuierliche theologische Unterweisung, die im Alltag durch Gebetszeiten, Andachten, Bibelarbeiten und den Austausch praktiziert wird.

67

Seit Anfang an hatte die Gastfreundschaft und Kontaktpflege einen großen Stellenwert. Es gab und gibt Kontakte:

zur deutsch-reformierten Gemeinde, zur französisch-reformierten Gemeinde, zur lutherischen Gemeinde

zu Menschen mit Einfluss (Stadtverordnetenversammlung, Banken, Advokaten …)

zu anderen diakonischen Vereinen, zur Bibelgesellschaft, zu Missionsgesellschaften etc.

Der Diakonissenverein war auf Einnahmen von Spenden und Schenkungen angewiesen. Es wurden schon sehr früh Sammelaktionen durch Ehrenamtliche durchgeführt. Daneben waren Stiftungen und Erbschaften sowohl finanzieller Art als auch baulicher Art (Grundstücke und Gebäude) willkommen.68 Neben dieser monetären Grundlage investierte man von Anfang an in Menschen: Frauen mit Leitungserfahrung übernahmen im Vorstand eine wichtige Funktion. Sie setzten sich dafür ein, neue Vereinsmitglieder oder Ehrenamtliche zu gewinnen.69 Diese Faktoren wirkten wie eine Handlungskette ineinander: Geistliches Anliegen, Einsatz wirksamer organisatorischer Strukturen als Reaktion auf gesellschaftliche Fragen, Schaffung der finanziellen Grundlagen, Gewinnung von Menschen.

Um es mit Luhmann (Vgl. Kap. II.2) auszudrücken, wurden einerseits die Kirchengemeinden als relevante Umwelten in den Blick genommen. Dort konnten Frauen als Diakonissen oder als Ehrenamtliche gewonnen werden. Andererseits sind die Funktionsträger als Umwelten zu nennen, die als Spender oder Multiplikatoren für den Diakonissenverein tätig wurden. Damit sicherte man sich das Überleben. Als Reentry lassen sich die Umwelten wie folgt darstellen:

Abb.4: Reentry Diakonissenhaus70

1.3.2 Arbeitsorganisation und Struktur

Der Oberin obliegt die selbständige Leitung der Schwesternschaft. Das Bild der Mutter war und ist bis heute prägend und bedeutet, dass sie sich neben dem Unterricht auch um die persönlichen Belange der Schwestern kümmert. Sie entscheidet selbständig über Aufnahme und Entlassung der Schwestern und ist mit stimmberechtigt im Diakonissenverein vertreten. Sie ist für den gesamten Haushalt verantwortlich und hat auch das Recht über kleine Veränderungen an der Tracht zu entscheiden.71

In unmittelbarer Nähe zum Mutterhaus wurden zwei Siechenhäuser gestiftet, in denen unheilbar Kranke oder gebrechliche alte Frauen aufgenommen wurden – dies war sozusagen der Anfang der Altenpflege. Anders als in der Krankenpflege bestanden dort von Anfang an zwei Klassen: In der ersten Klasse gab es sechs Einzelzimmer, wofür die Pfleglinge wöchentlich 17 bis 20 Mark bezahlten. In der zweiten Klasse bewohnten sie zu zweit oder dritt ein Zimmer, erhielten eine einfachere Kost und zahlten 10 Mark pro Woche. Eine größere Anzahl von Freibetten war für gänzlich Unbemittelte vorgesehen. Die Leitung hatten die Diakonissen aus dem angrenzenden Mutterhaus inne, wobei sich die Stifterin jeweils die Oberleitung vorbehielt. Beispielsweise stiftete Rose Livingston etwas später ein Heim für alleinstehende ältere Damen, das Nellinistift. Dieses wurde 1913 eingeweiht und mit Ausbruch des 1. Weltkrieges zum Lazarett für Verwundete umfunktioniert.72

1871 waren 19 Schwestern tätig, davon 8 eingesegnete und 11 Probeschwestern. Es bestand der Grundsatz, keine Schwester vor Ablauf des ersten Probejahres außer Haus zu beschäftigen, um eine gründliche Ausbildung zu gewährleisten. Die Ausbildung umfasste den ärztlichen Unterricht, den allgemeinen Unterricht und den Religionsunterricht. 1874 wurde schließlich das Diakonissenkrankenhaus mit allen Einrichtungen fertiggestellt, in dem zum einen 40 Kranke in drei Klassen und zum anderen 50 Diakonissen untergebracht werden konnten. Das Wachstum der Anstalt führte dazu, dass Pfarrer Leydhecker für die »geistliche Pflege« der Schwestern und Seelsorge der Kranken gewonnen werden konnte.73 Am 1.1.1911 erwarb die Diakonissenanstalt den Status einer landeskirchlichen Anstaltsgemeinde. Zu ihr gehören die Diakonissen und die auf dem Gelände wohnenden Mitarbeitenden mit ihren Familien.74 Einige Diakonissen wurden als Gemeindeschwestern eingesetzt, deren Aufgaben vielfältig waren: Sie kümmerten sich um unterstützungsbedürftige Familien, sie unterrichteten die Konfirmandinnen in Handarbeiten und die Frauen in Flicken und Nähen. Darüber hinaus versorgten sie die Kranken zu Hause.75

Folgende Organisationsstrukturen waren in dieser Zeitepoche prägend, die ich mit Hilfe der Innen-Außenverortung nach Spencer-Brown (vgl. Kap. II.2) darstelle. Damit werden unterschiedliche Aspekte der Organisationsstrukturen des Frankfurter Diakonissenhauses anschaulich:

Die Funktionen des Diakonissenhauses von 1870–1914 waren vielfältig, wobei die rechte Spalte anzeigt, welcher Aspekt genauer betrachtet wird. In der folgenden Grafik bildet das Diakonissenhaus das Dach (kursiv gedruckt), dem andere Bereiche zugeordnet sind:

Abb.5: Organisationsstruktur Diakonissenhaus von 1870–191476

Nun lassen sich einzelne Zweige des Gesamtkomplexes Mutterhaus weiter ausdifferenzieren. Im Folgenden wird die Schwesternschaft dargestellt:

Abb.6: Organisationsstruktur Schwesternschaft77

Folgende Ausbildungsgänge gab es im Frankfurter Diakonissenhaus:

Abb.7: Ausbildungsgänge78

Die Krankenpflegeausbildung zeichnete sich durch folgende Aspekte aus:

Abb.8: Organisationsstruktur Ausbildung79

Das Krankenhaus wurde mit Hilfe des Diakonissenvereins aufgebaut und bezahlt. Es erfüllte folgende Funktionen:

Abb.9: Organisationsstruktur Krankenhaus80

Es wurden zwei Gebäude gestiftet: ein Haus für chronisch Kranke und ein Alterssiechenheim. In den Entscheidungsbefugnissen kommt der Rolle der Stifterin eine besondere Bedeutung zu:

Abb.10: Organisationsstruktur Alterssiechenheim81

Die Gemeindekrankenpflege umfasste folgende Aspekte:

Abb.11: Organisationsstruktur Gemeindekrankenpflege82

Diese Darstellung nach Spencer-Brown ermöglicht, dass einerseits geschichtliche Entwicklungen des Diakonissenhauses nachgezeichnet werden können und andererseits die relevanten Umwelten der jeweiligen Zeitepoche erfasst werden.

1.3.3 Werte und Ethik

»Unter dem Begriff Werte versteht man die Grundsätze, nach denen eine Gruppe von Menschen, eine Organisation, ein Unternehmen oder die gesamte Gesellschaft ihr Zusammenleben richtet. Der Begriff Wertewandel kennzeichnet eine tief gehende Veränderung gesellschaftlicher und individueller Normen und Wertvorstellungen.«83 Die gesellschaftliche Epoche zwischen 1870-1914 war geprägt von einem hierarchischen Gesellschaftssystem und einem patriarchalen Denken. Vernunft, das Herrschen über die Natur und technologische Fortschritte waren im Fokus.84 Gleichzeitig wurden auch Werte wie Selbstverleugnung, Demut und Gehorsam gefördert. Dies äußerte sich in Zuschreibungen von männlichen und weiblichen Eigenschaften und Handlungsweisen. Dem Mann wurden die Eigenschaften zugeordnet: Ich-Stärke, logisches Denken, durchsetzungsstarkes und machtorientiertes Handeln. Frauen hingegen standen für die Werte: Wir-Stärke, Einfühlsamkeit, Kommunikation, beziehungsorientiertes und anpassungsfähiges Handeln.85

Krankenpflege ist zu dieser Zeit als christliche Liebestätigkeit verstanden worden. Dabei stand der Erwerbsunterhalt nicht im Vordergrund, sondern die selbstlos dienende Haltung. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war das Mutterhausprinzip die einzige Organisationsform der Pflege in Deutschland und wurde auch von nicht religiösen Organisationen übernommen. Mit der Entwicklung der Medizin veränderte sich auch die Pflege: »aus der religiösen Berufung wurde der Beruf.«86

2. VOM 1. BIS ZUM 2. WELTKRIEG (1914–1945)

Die Arbeitsbedingungen der Schwestern waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts schwierig. Es fehlten für das gesamte Krankenpflegepersonal gesetzliche Bestimmungen zur Regelung der Arbeitszeiten. So arbeiteten die Pflegerinnen zwischen 12 bis 14 Stunden. Darüber hinaus war das Verhältnis der Pflegekraft zur versorgenden Patientenzahl sehr ungünstig: Eine Pflegekraft war für 10–20 Betten verantwortlich.87 Immer mehr ausgebildete Schwestern verließen ihre Mutterhäuser und gingen in die Privatpflege. Die Aussicht auf bessere Bezahlung und auf mehr persönliche Freiheiten bedeutete jedoch auch, selbst für den Lebensunterhalt zu sorgen und sich unter beruflicher Konkurrenz zu behaupten. Zeiten der Arbeitslosigkeit waren immer auch eine Existenzfrage für die Schwestern. In dieser Situation wurde 1903 die »Berufsorganisation der Krankenpflegerinnen Deutschlands« (B.O.K.D.) gegründet.88 Mit dem Berufsverband sollten die beruflichen Rahmenbedingungen verbessert und eine gesetzliche Regelung der Krankenpflegeausbildung vorangebracht werden. 1907 trat die vom Bundesrat beschlossene Ausbildungsverordnung in Preußen in Kraft. Damit gab es eine staatliche Regelung in Bezug auf die Inhalte, Dauer und Prüfung der Krankenpflegeausbildung, wenngleich die Bestimmungen nicht den Erwartungen des Berufsverbandes entsprachen: Die Ausbildungsdauer war auf nur ein Jahr festgelegt, es gab keine geschützte Berufsbezeichnung und die Bestimmungen waren nicht verbindlich.89 In diesen berufspolitischen Umbruchzeiten der Krankenpflege begann 1914 der Erste Weltkrieg.

2.1 Politische und sozialpolitische Ereignisse

Im Ersten Weltkrieg wurden auch Diakonissen zur Pflege in Lazaretten eingesetzt. Schließlich erhielt das Deutsche Rote Kreuz die Monopolstellung in der Organisation der Kriegspflege und des Sanitätsdienstes.90 Daneben unterstützten v. a. ehrenamtliche Helferinnen die Rotkreuz-Schwestern. Deswegen wies das Kriegsministerium die freien Schwestern zurück mit der Begründung »[…] der Krieg sei nicht dazu da, arbeitslose Krankenpflegerinnen zu beschäftigen, und vorläufig ständen behördlicherseits keinerlei Gelder zur Besoldung der Schwestern zur Verfügung.«91 Erschwerend kam hinzu, dass bereits 1914 eine Sonderregelung galt, die Hilfsschwestern bereits nach einem halben Jahr zur staatlichen Prüfung zuzulassen. Auch sie standen nach Kriegsende dem Arbeitsmarkt zur Verfügung. Und die Situation der Schwestern war schwierig.92 So änderte sich auch die Einflussnahme der verschiedenen Schwesternschaften: Am Anfang des 20. Jahrhunderts gehörten 75% der Beschäftigten in der Krankenpflege zu konfessionellen Mutterhäusern. 1928 gab es schon 52,9% freie Schwestern und Pfleger. Neben weiteren kleineren Fraktionen gab es v. a. drei große Gruppierungen:93

die kirchlichen Gemeinschaften (katholische und evangelische Verbände), die nach dem Mutterhaussystem organisiert waren

die nicht religiösen Genossenschaften der Pflege (das Rote Kreuz, städtische Schwesternschaften etc.), die nur zum Teil nach dem Mutterhaussystem organisiert waren

die freiberufliche Krankenpflege (Fachverbände, Gewerkschaften, freie Schwestern und Pfleger)

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Jede Frau, die sich damals für die Krankenpflege ausbilden ließ, wurde sozusagen zum »Leibeigenen des Arbeitgebers.« Das bedeutete, dass sie sich auch in ihrer dienstfreien Zeit im Krankenhaus aufhalten musste und nicht über ihre Freizeitgestaltung selbst entscheiden konnte.95 Im Jahr 1919 legte das Reichsarbeitsministerium einen »vorläufigen Entwurf eines Gesetzes über die Arbeitszeit der Krankenpflegepersonen« vor, der zu aufgeregten Reaktionen der Krankenhausträger, Mutterhäuser, Chefärzte und Krankenpflegeverbände führte.96 Aber auch die Schwestern selbst wehrten sich gegen den Acht-Stunden-Tag, so dass 1920 ein neuer Entwurf erarbeitet wurde, der eine Arbeitszeit von täglich 10 Stunden und eine wöchentliche Arbeitszeit von 60 Stunden vorsah. Dass die Mehrheit der Pflegerinnen selbst eine angebotene Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich ablehnte, ist einzigartig. Des Weiteren wurde zur Verwirklichung beruflicher Rechte ein allgemein gültiger Tarifvertrag erstellt, der allerdings nicht für Diakonissen galt. Insgesamt gab es nur langsame rechtliche Fortschritte in der Krankenpflege. Beispielsweise wurde 1928 die Berufsgenossenschaft »Gesundheits- und Wohlfahrtspflege« gegründet und eine Unfallversicherung eingeführt. Und im Jahr 1929 wurde sowohl das Heiratsverbot für freie Schwestern abgeschafft als auch der Kost- und Logiszwang.97 Einerseits waren in der Weimarer Republik neue Ideen nur schwer durchsetzbar und andererseits sprechen die Veränderungen dafür, dass sich die Verberuflichung der Krankenpflege in der Zeit zwischen 1918 und 1933 weiterentwickelte. Berufspolitische Kontroversen, wenig soziale Anerkennung, das Ideal der aufopferungsvollen kompetenten Schwester und die hierarchische Unterordnung unter die Ärzte prägten die Krankenpflege am Anfang des Nationalsozialismus.98

Mit der Machtübernahme Hitlers und der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) am 30.1.1933 veränderte sich die Gesundheitspflege gänzlich. Die Gleichschaltung öffentlicher Bereiche betraf auch die Krankenpflege und die verschiedenen Krankenpflegeorganisationen mussten sich der nationalsozialistischen Doktrin unterordnen. 1934 wurde die NS-Schwesternschaft (braune Schwestern) gegründet und 1936 der Reichsbund der freien Schwestern und Pflegerinnen.99 Ab 1936 bildeten folgende Verbände den »Fachausschuss für Schwesternwesen: Die NS-Schwesternschaft, der Reichsbund freier Schwestern und Pflegerinnen, die Schwesternschaft des Deutschen Roten Kreuzes, die Diakonie- und Caritasgemeinschaft.«100 Trotzdem ließen sich die Schwesternschaften vom Staat nicht völlig vereinnahmen. Die unterschiedlichen Weltanschauungen in den Verbänden trugen dazu bei, dass sie nicht so leicht gleichgeschaltet werden konnten. Das bedeutet auch, dass die NS-Schwestern trotz staatlicher Vorteile nie die größte Schwesternschaft war.101

Das Rote Kreuz wurde 1937 dem Sanitätsdienst der Wehrmacht unterstellt. 1938 wurde das Gesetz zur Ordnung der Krankenpflege verabschiedet, das eine Ausbildungszeit von 2 Jahren vorsah. Die Ausbildung orientierte sich an der nationalsozialistischen Ideologie: Neben der Volksgesundheitspflege fanden auch das Fach Erb- und Rassenkunde Eingang in den Unterricht sowie die Fächer Kriegskrankenpflege und die Programme der Euthanasie. So wurde die Krankenpflege politisch vereinnahmt.102 Nicht mehr das menschliche Leben an sich war schützenswert, sondern nur der, »wer sich als nützliches Mitglied der Rassegesellschaft hervortat.«103 Die Gesinnung kommt in der Parole zum Ausdruck: »Du bist nichts, dein Volk ist alles.«104 Die nationalsozialistische Bewegung war kämpferisch, die den Frauen die Rolle der Mutter zuschrieb: »Das Ziel der weiblichen Erziehung hat unverrückbar die kommende Mutter zu sein.«105 Das bedeutete für die Krankenpflegeausbildung, dass der Schulleiter darüber entschied, wer zur Ausbildung zugelassen wurde. Die Bewerberin wurde auf ihre politische Zuverlässigkeit überprüft. Sie musste ihre arische Abstammung nachweisen, das 18. Lebensjahr vollendet haben, einen guten Ruf haben, gesundheitlich geeignet sein, die Volksschule abgeschlossen haben und eine einjährige hauswirtschaftliche Tätigkeit vorweisen können.106 Die rasche Verbreitung des nationalsozialistischen Gedankenguts wurde dadurch befördert, dass Gehorsam als Tugend in Deutschland einen wichtigen Stellenwert innehatte. Und dieser Wert wurde ideologisch gefüllt »zum Dienst am Volk, zum Opfer für Deutschland und zur Selbstlosigkeit.«107 Es gab aber auch Widerstandsbewegungen, die sich dem Terror nicht beugten: So kämpfte Von Bodelschwingh als Leiter der »Ev. Heil- und Pfleganstalt für Epileptische des Rheinlands und Westfalens« in Bethel gegen die Euthanasieprogramme der Regierung.108 Niemöller gründete 1933 den Pfarrernotbund und forderte die deutschen Pfarrer auf, sich gegen den Arierparagaphen zu positionieren. Es entstand die Bekennende Kirche, der es um die »Verkündigung des Evangeliums gemäß der Heiligen Schrift und dem Bekenntnis der Kirche ging. Im Vordergrund stand das Recht, kirchliche Freiheiten zu bewahren.«109

Die Krankenpflege war im Nationalsozialismus aufgewertet, insbesondere dadurch, dass sie auch die Volksgesundheitspflege umfasste mit Präventionsmaßnahmen und fachkundiger Beratung durch Fürsorge- und Gemeindeschwestern. Sie unterstützten die Menschen in Sachen Vorratshaltung und Sparsamkeit und leiteten Kuren oder Kinderlandverschickungen ein. Diese Kompetenzen erhielten allerdings nur Schwestern, die der nationalsozialistischen Ideologie entsprachen.110

2.2 Prägende Persönlichkeit der Pflege: Karll

Agnes Karll (1868–1927), eine frühere Schwester des Roten Kreuzes, kämpfte für die Rechte der freiberuflichen Schwester. Als Kind träumte sie vom Medizinstudium. Aber es gab für begabte Mädchen nur die Aussicht, Volksschullehrerin oder Kindergärtnerin zu werden. Mit 14 Jahren besuchte Karll die Privatschule von Willborn in Schwerin, die in der Frauenbewegung engagiert war und eine Schule für Kindergärtnerinnen leitete. Dort lernte sie Eigeninitiative und Selbständigkeit. Sie lernte, dass sich Frauen durch Vereinsgründungen selbst helfen können. Nachdem sie sich vergeblich um eine Arbeitsstelle als Lehrerin bemühte hatte, entschloss sie sich zur Krankenpflegeausbildung im Clementinenstift in Hannover, einem Rotkreuzmutterhaus.111 Die Ausbildung war hart und sie lernte die pflegerischen Tätigkeiten unter Aufsicht einer erfahrenen Schwester. Patienten mit Ansteckungsgefahr wurden zu dieser Zeit noch nicht isoliert und gefährdeten die Gesundheit der Schwestern. Es gab auch keine Erholungszeiten und keine warmen Mahlzeiten für die Schwestern. So prägte fortwährende Müdigkeit die Ausbildungszeit, auch durch wechselnde Tag- und Nachtdienste. Fehlende Organisation wurde durch Mehrarbeit der Schwestern ausgeglichen.112 Karll wollte die Missstände in der Pflege nicht hinnehmen und nahm eine selbständige Pflege in Berlin an. Sie hoffte auf eine Verbesserung ihrer Situation. Dort bekam sie 6 Mark für eine Ganztagespflege und versorgte ihre Patientin vier Monate lang. Ihre Erfahrungen und die Gespräche mit anderen Schwestern ermutigten sie dazu, einen Verein zu gründen, der zum Ziel hat, die Situation der Krankenpflegerinnen zu verbessern. Um ihren Unterhalt zu sichern, blieb ihr nichts anderes übrig, als eine Pflege nach der anderen anzunehmen. Als sie schließlich völlig überarbeitet war und körperlich und seelisch krank wurde, musste sie ihre Familie um Hilfe bitten. Denn für Krankenschwestern gab es keinen Sicherungsschutz bei Alter, Krankheit oder Arbeitslosigkeit. In ihr wuchs der Wunsch, sich für eine fundierte Krankenpflegeausbildung und für bessere Arbeitsbedingungen der Schwestern einzusetzen.113 Karll lernte Leyke kennen, den Direktor des Deutschen Ankers, einer Versicherung für Frauen. Sie veranlasste einen speziellen Vertrag für Krankenschwestern und unterschrieb als »Vorsteherin eines Privatschwesternvereins.« Somit war sie die erste versicherte Krankenpflegerin des deutschen Ankers. Sie suchte sich weitere Verbündete und fand sie in Cauer, Storpp und Meyer.114 Auf der Generalversammlung des Bundes deutscher Frauenvereine 1902, auf der sich Vertreterinnen von 80.000 Frauenorganisationen trafen, legten diese vier Frauen einen Antrag zur Organisation der Krankenpflege vor, der mit großer Mehrheit angenommen wurde. Die Petition beinhaltete die Forderung nach einer dreijährigen Pflegeausbildung mit staatlicher Prüfung, nach Krankenhäusern mit einer maximalen Arbeitszeit von 11 Stunden am Tag und Sicherheiten für die Pflegerinnen im Alter und bei Invalidität. Darüber hinaus sollten die staatlichen Krankenhäuser eine vorbildliche Organisation in Verwaltung, Ärzteschaft und Pflegepersonal nachweisen.115 Am 11.1.1903 war es dann soweit: Die »Berufsorganisation der Krankenpflegerinnen Deutschlands« wurde gegründet, und die Kombination von Fachverband und Schwesternschaft wurde Wirklichkeit. Auch die Anrede »Schwester« unterstützte die Versammlung, obwohl Cauer eine andere Position favorisierte. Sie wollte für die Krankenpflegerinnen das Beamtentum wie bei den Lehrerinnen einführen.116 Auch wenn die Berufsorganisation gegenüber den Mutterhäusern einen schweren Stand hatte, stieg die Zahl der Mitglieder der Berufsorganisation stetig an. Im Jahr 1904 fand in Berlin der Weltfrauenkongress statt, der vom Internationalen Frauenverband (»International Council of Women« – ICW) organisiert war. Zum ICW gehörte auch der ICN (»International Council of Nurses«), eine Untergruppierung mit Vertreterinnen, die für eine systematische Ausbildung und für die Verberuflichung der Krankenpflege einstanden. Karll war eingeladen, um auf diesem Frauenkongress ihre Überzeugungen zur freiberuflichen Pflege und zur Krankenpflegeausbildung darzustellen. Dies war eine große Anerkennung für sie. Schließlich bekundeten die Schwesternverbände aus Großbritannien, USA und Deutschland ihre Zusammenarbeit im ICN. Damit war der Weltbund der Pflegerinnen konstituiert. Ein wichtiges Ziel war, dass neben der Pflege auch präventive Maßnahmen künftig zu den Aufgaben der Schwester gehören sollten.117 Um die Einheit des Verbandes nach außen zu demonstrieren, trugen die Schwestern der Berufsorganisation eine einheitliche Tracht und Brosche. Zur Information der Mitglieder wurde 1905 die erste Ausgabe »Mitteilungen an unsere Schwestern« ins Leben gerufen, aus der 1906 die Verbandszeitschrift »Unterm Lazaruskreuz« wurde. In den Berufsverband wurden schließlich nur noch Pflegerinnen mit staatlicher Prüfung aufgenommen. So war ein gewisser Qualitätsstandard gewährleistet.118 Karll bemühte sich für den ICN-Kongress in Köln im Jahr 1912, alle großen Gruppierungen der deutschen Krankenpflege zu gewinnen. Doch die Kaiserswerther Generalkonferenz wies eine Beteiligung der Diakonissenmutterhäuser ab.119 1911 wurde die Frauenhochschule in Leipzig eröffnet. Karll gelang es, das Kuratorium davon zu überzeugen, einen Fortbildungslehrgang für Krankenpflegerinnen einzurichten, der im Jahr 1912 begann. So studierten erstmals 10 Schwestern an einer deutschen Frauenhochschule, um künftig leitende Aufgaben zu übernehmen. Karll dozierte ohne akademischen Rang über die Geschichte der Krankenpflege. Aufgrund der Übersetzungsarbeiten des Nutting-Dock`schen Werks »The History of Nursing« genoss sie den Ruf einer Expertin in diesem Fach. Der Hochschulbetrieb wurde mit dem Ersten Weltkrieg eingestellt. Agnes Karll schätzte die Lage so ein, dass wichtige Veränderungen in der Krankenpflege erst nach Ende des Krieges beginnen würden. 1927 erlag sie ihrer Krebserkrankung.120

2.3 Auswirkungen auf das Frankfurter Diakonissenhaus

Im Ersten Weltkrieg vereinbarte die Militärverwaltung mit dem Frankfurter Diakonissenhaus die Bereitstellung von 120 Betten für Verwundete. So wurde jeder verfügbare Platz im Mutterhaus oder im Nellinistift mit Verletzten belegt. Darüber hinaus wurden 20 Diakonissen in die Lazarette Crussy, Turenne und Nassau abgeordnet.121 Am 30.11.1914 reisten weitere 20 Schwestern zum Lazarettdienst nach Frankreich.

2.3.1 Akteure, Kommunikation, Konfliktfelder

Im Lazarett des Frankfurter Diakonissenhauses war während des Ersten Weltkriegs ein Kommen und Gehen: Leichtverwundete verließen das Haus, um Schwerverwundeten Platz zu machen. Für Beschäftigung sorgte eine Werkstatt, die zwischen den Siechenhäusern und der Kirche gebaut und von einer Diakonisse geleitet wurde. Die Werkstatt gab den Männern die Möglichkeit, ihre Zeit mit »Schreiner-, Schlosser-, Stuhlflecht- und Schuhmacherarbeiten« zu füllen. So konnten sie der Langeweile entgegenwirken und gleichzeitig etwas Nützliches herstellen. Darüber hinaus organisierten die Schwestern Feste, auf denen die Körbe, Taschen und Spielsachen unter den Verwundeten verlost wurden.122

Ein besonderer Tag für das Diakonissenhaus Frankfurt war der 4.5.1917: Kaiserin Victoria besuchte das Lazarett in Frankfurt. Dieser Besuch war ein Hoffnungszeichen für die Verwundeten und auch für die Schwestern. Zu einem späteren Zeitpunkt erhielt eine Frankfurter Diakonisse für ihre außerordentlichen Dienste in Kriegszeiten eine Auszeichnung.123 Neben politischer Unsicherheit kamen Lebensmittel- und Kohlenot hinzu.

1933 versuchte der NS-Staat, die Kirchen und ihre Organisationen, die diakonischen Vereine und Einrichtungen gleichzuschalten. Der Kirchenkampf begann und das Frankfurter Diakonissenhaus war mittendrin. Den Schwestern wurde untersagt, an kirchenpolitischen Volksversammlungen teilzunehmen oder sich politisch zu äußern, da die Äußerung einer Schwester für das ganze Mutterhaus Konsequenzen haben konnte. Im Oktober 1934 hat die Diakonissenschaft einmütig beschlossen, in die Bekenntnissynode und in die Arbeitsgemeinschaft der missionarischen und diakonischen Werke in der Deutschen Evangelischen Kirche einzutreten. Dennoch war es jeder Schwester freigestellt, in Gewissensangelegenheiten selbst eine Entscheidung zu treffen. Die Kirchenleitung verlangte schließlich, dass mindestens 75% der Vorstandsmitglieder des Diakonissenvereins der NSDAP beitreten sollten. Der Vorsitzende lehnte dies ab und so wurde keiner im Vorstand Mitglied in der NSDAP. Mit dieser Entscheidung verzichtete der Diakonissenverein auf staatliche Zuschüsse und Kirchenkollekten.124 Im weiteren Verlauf wurde das Frankfurter Diakonissenhaus zum Versammlungsort der Bekennenden Kirche: Vom 2.–6.9.1935 trafen sich etwa 300 Pfarrer zum großen Pfarrertag im Mutterhaus zum Thema »Staat und Kirche.« Dieser sollte bewusst eine Gegenveranstaltung zum Pfarrertag in Bad Homburg sein, der vom Landesbischof Dietrich einberufen worden ist.125 Immer deutlicher wurde, dass die Pfarrer die christliche Unterweisung nicht mehr alleine bewältigen konnten. Deshalb entstand 1939 ein einjähriger katechetischer Laienhelferkurs, den das Frankfurter Diakonissenhaus maßgeblich voranbrachte. Ziel der Ausbildung war, Kindern biblische Geschichten zu vermitteln, sich am Vorkonfirmandenunterricht zu beteiligen und Bibelstunden selbständig durchzuführen. Des Weiteren liefen die Krankenpflegeausbildung und die Fortbildungsveranstaltungen weiter, da die vorgegebenen Themen nach Vorschrift vermittelt wurden. Der Hausvorstand gab in Schwesternbriefen oder in den Blättern aus dem Diakonissenhaus keine Erklärung ab zum Unrecht gegen die Juden, aber der Arierparagraph wurde im Diakonissenhaus nicht angewandt, wie in einem Vorstandsprotokoll dokumentiert ist. Aufgrund des Krieges schritt die Auflösung von Arbeitszweigen weiter voran: 1941 wurde das Kindergärtnerinnen- und Hortnerinnenseminar aufgelöst und etliche Kindergärten wurden von der NSV übernommen.126