Ein Atemzug entfernt - Heather Gudenkauf - E-Book

Ein Atemzug entfernt E-Book

Heather Gudenkauf

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Beschreibung

Ein Atemzug entfernt Ein Märzmorgen in Broken Branch – und plötzlich der Albtraum: Ein Bewaffneter dringt in die Highschool ein und nimmt eine Klasse als Geiseln. Niemand weiß, wer er ist. Niemand weiß, was er will. Während außerhalb der Schule Eltern verzweifelt auf Nachricht warten, kämpfen im Schulgebäude eine Lehrerin, eine Mutter und ein Mädchen ums Überleben. Mit jeder Minute wächst die Angst – und verdrängte Konflikte und Geheimnisse brechen hervor. Heather Gudenkauf entfaltet einen packenden Psychothriller über Angst, Vertrauen und den unbändigen Willen, diejenigen zu retten, die man liebt. Fesselnd, beklemmend – und unvergesslich.

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Seitenzahl: 453

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

Holly

Augie

Mrs Oliver

Meg

Will

Holly

Mrs Oliver

Meg

Will

Augie

Meg

Holly

Mrs Oliver

Meg

Augie

Mrs Oliver

Will

Holly

Mrs Oliver

Meg

Will

Augie

Mrs Oliver

Meg

Augie

Holly

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Augie

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Mrs Oliver

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Augie

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Holly

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Will

Meg

Will

Mrs Oliver

Augie

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Will

Meg

Mrs Oliver

Augie

Mrs Oliver

Meg

Will

Meg

Augie

Meg

Mrs Oliver

Meg

Will

Augie

Mrs Oliver

Meg

Will

Holly

Mrs Oliver

Meg

Augie

Meg

Mrs Oliver

Meg

Augie

Meg

Augie

Meg

Mrs Oliver

Meg

Augie

Holly

Will

Mrs Oliver

Meg

Will

Holly

Augie

Will

Mrs Oliver

Meg

Mrs Oliver

Augie

Will

Meg

Augie

Will

Mrs Oliver

Augie

Holly

Meg

Will

Augie

Will

Meg

Mrs Oliver

Danksagung

Diskussionsfragen

Interview Mit Heather Gudenkauf

Heather Gudenkauf

Holly

Ich befinde mich in dem angenehmen Schwebezustand zwischen Wachen und Schlafen. Dank der Morphiumpumpe empfinde ich keine Schmerzen, und beinahe kann ich glauben, dass die Muskeln, Sehnen und Hautschichten meines linken Armes sich selber zusammengeflickt haben, sodass meine Haut wieder weich und hell aussieht. Meine lockigen braunen Haare fallen mir wieder weich über den Rücken, meine Lieblingsohrringe baumeln an meinen Ohren, und ich kann beim Gedanken an meine Kinder beide Mundwinkel ohne Schmerzen zu einem breiten Lächeln verziehen. Ja, Medikamente sind etwas Wunderbares. Das Problem ist nur, die sorgfältig verschriebenen und mir von den Krankenschwestern verabreichten Betäubungsmittel lassen die Ecken und Kanten meines Albtraums zwar nicht mehr so scharf und schroff erscheinen, doch ich weiß trotzdem, dass dieses benommene, angenehme Gefühl bald verschwinden wird und ich mit Schmerzen und dem Wissen zurückbleibe, dass Augie und P. J. tausend Meilen von mir entfernt sind. Sie sind an den Ort geschickt worden, an dem ich aufgewachsen bin, in die Stadt, der ich geschworen habe, nie wieder zu ihr zurückzukehren, in das Haus, in das ich keinen Fuß mehr setzen wollte, zu dem Mann, den sie nie kennenlernen sollten.

Die blecherne Melodie des Klingeltons, den Augie, meine dreizehnjährige Tochter, in meinem Handy eingestellt hat, zieht mich aus dem Schlaf. Ich öffne ein Auge, das, welches nicht dick mit Salbe bedeckt und verkrustet ist, und rufe nach meiner Mutter, die irgendwann das Zimmer verlassen haben muss. Ich strecke meine Hand nach dem Telefon aus, das auf dem Tischchen neben meinem Bett liegt, und die Nervenenden in meinem bandagierten linken Arm protestieren vehement gegen die Bewegung. Vorsichtig verlagere ich mein Gewicht, um das Telefon mit meiner unversehrten Hand zu nehmen, und drücke es an mein übrig gebliebenes Ohr.

‚,Hallo.“ Das Wort kommt halb ausgesprochen heraus, atemlos und rau, als wären meine Lungen immer noch mit Rauch gefüllt.

„Mom?“ Augies Stimme klingt zittrig, unsicher. Gar nicht wie meine Tochter. Augie ist selbstbewusst, klug, ein Mädchen, das Verantwortung übernimmt und sich von niemandem die Butter vom Brot nehmen lässt.

‚,Augie? Was ist los?“ Ich versuche, gegen die Benommenheit anzublinzeln, die das Morphium in mir verursacht. Meine Zunge ist trocken und klebt an meinem Gaumen. Ich würde gerne einen Schluck Wasser aus dem Glas trinken, das auf dem Nachttisch steht, aber meine funktionierende Hand hält das Telefon. Die andere liegt nutzlos an meiner Seite. ‚,Geht es dir gut? Wo bist du?“

Ein paar Sekunden herrscht Schweigen, dann sagt Augie: ‚,Ich liebe dich, Mom.“ Ihr Flüstern endet in einem leisen Schluchzen.

Mit einem Mal bin ich hellwach und setze mich im Bett auf. Schmerz schießt durch meinen bandagierten Arm, meinen Hals hinauf und bis in mein Gesicht. ‚,Augie, was ist los?“

„Ich bin in der Schule.“ Sie weint, so wie sie es tut, wenn sie sich größte Mühe gibt, es nicht zu tun. Ich sehe sie förmlich vor mir, den Kopf gesenkt, ihr langes braunes Haar fällt ihr übers Gesicht, ihre Lider sind zusammengepresst, sie ist fest entschlossen, die Tränen vom Fallen abzuhalten. Ihr Atem füllt mein Ohr mit kurzen, hohlen Zügen. ‚,Er hat eine Pistole. Er hat P. J., und er hat eine Pistole.“

„Wer hat P. J.?“ Panik schnürt mir die Kehle zu. ‚,Erzähl es mir, Augie. Wo bist du? Wer hat eine Pistole?“

‚,Ich bin in einem Schrank. Er hat mich in einen Schrank gesperrt.“

In meinem Kopf dreht sich alles. Wer könnte so etwas tun? Wer könnte meinen Kindern so etwas antun? ‚,Leg auf“, sage ich zu ihr. ‚,Leg auf und rufe sofort die Polizei an, Augie. Dann ruf mich zurück. Schaffst du das?‘‘ Ich höre ihr Schluchzen. ‚,Augie“, sage ich etwas schärfer. ‚,Schaffst du das?“

‚,Ja“, sagt sie endlich. ‚,Ich liebe dich, Mom“, sagt sie leise.

‚,Ich liebe dich auch.“ Meine Augen füllen sich mit Tränen, und ich spüre, wie sich die Flüssigkeit unter dem Verband sammelt, der mein verletztes Auge bedeckt.

Während ich darauf warte, dass Augie auflegt, höre ich drei Schüsse schnell hintereinander, denen zwei weitere folgen, und Augies durchdringenden Schrei.

Ich spüre, wie der Verband, der die linke Seite meines Gesichts bedeckt, sich lockert, wie mein eigener Schrei die Klebestreifen löst, die ihn an Ort und Stelle halten. Ich spüre, wie die zarte, frisch transplantierte Haut sich auflöst. Ich bin mir nur am Rande bewusst, dass die Krankenschwestern und meine Mutter an meine Seite eilen und mir das Telefon aus den verkrampften Fingern nehmen.

Augie

Meine Hose ist immer noch feucht. Nachdem wir heute Morgen aus dem Schulbus gestiegen waren, hat Noah Plum mich von dem geräumten Fußweg in eine Schneewehe geschubst. Noah Plum ist das größte Arschloch in der achten Klasse, aber aus irgendeinem Grund bin ich die Einzige, die bisher dahintergekommen ist, dabei wohne ich hier erst seit acht Wochen und die anderen schon ihr ganzes Leben. Abgesehen vielleicht von Milana Nevara, deren Dad aus Mexiko stammt und der hier der örtliche Tierarzt ist. Sie ist hergezogen, als sie zwei war, also könnte sie eigentlich genauso gut hier geboren worden sein.

Im Klassenzimmer ist es so kalt, dass meine Finger ganz taub sind. Mr Ellery sagt, das liegt daran, dass es Ende März nicht mehr unter null Grad sein sollte und die Heizungsanlage schon abgeschaltet worden sei. Mr Ellery, mein Lehrer und eine der wenigen guten Sachen an dieser Schule, sitzt an seinem Tisch und korrigiert Arbeiten. Abgesehen von Noah schreiben alle in ihre Hefte. Jeden Tag nach dem Mittagessen beginnen wir diese Stunde damit, in unsere Tagebücher zu schreiben. Während dieser ersten zehn Minuten können wir über alles schreiben, was wir wollen. Mr Ellery sagte, wir können sogar die ganze Zeit über immer nur das gleiche Wort wiederholen, und Noah fragte: ‚,Was, wenn es ein schlimmes Wort ist?“

‚,Tu, was du nicht lassen kannst“, hat Mr Ellery geantwortet, und alle lachten. Mr Ellery gewährt uns auch immer ein paar Minuten, um das, was wir geschrieben haben, laut vorzulesen, wenn wir es wollen. Ich will das nie. Auf gar keinen Fall werde ich diese Schwachköpfe an meinen Gedanken teilhaben lassen. Ich habe „Harriet, die kleine Detektivin“ gelesen und trage mein Tagebuch dementsprechend immer bei mir. Nie lasse ich es aus den Augen.

In meiner alten Schule in Arizona gab es über zweihundert Achtklässler in meiner Stufe, und für jedes Fach hatten wir einen anderen Lehrer. In Broken Branch sind wir nur zweiundzwanzig und haben fast jedes Fach bei Mr Ellery. Abgesehen davon, dass er ziemlich süß ist, ist Mr Ellery auch der beste Lehrer, den ich je gehabt habe. Er ist witzig, macht sich aber nie über andere lustig, und er ist auch nicht so sarkastisch wie andere Lehrer, die das urkomisch finden. Er lässt auch nicht zu, dass andere Kinder gemobbt werden. Er muss den Übeltäter nur streng angucken, und sofort herrscht Ruhe. Das funktioniert selbst bei Noah Plum.

Für den Fall, dass wir nicht wissen, was wir in unser Tagebuch schreiben sollen, schreibt Mr Ellery immer ein Thema an die Tafel. Heute steht da: ‚,Während der Frühlingsferien werde ich … „

Heute funktioniert Mr Ellerys Blick nicht; alle flüstern und kichern, weil sie wegen der bevorstehenden Ferien so aufgeregt sind. ‚,Okay, Leute“, sagt Mr Ellery. ‚,Macht euch an die Arbeit. Wenn wir nachher noch ein wenig Zeit übrig haben, spielen wir Pictionary.“

„Jaaa!“, jubeln die Kinder um mich herum. Großartig. Ich schlage mein Tagebuch auf der nächsten leeren Seite auf und beginne zu schreiben.

‚,Während der Frühjahrsferien werden wir nach Arizona fliegen, um unsere Mutter zu besuchen.“ Die einzigen Geräusche im Raum sind das Kratzen der Stifte auf Papier und Erikas nervtötendes Schniefen. Sie hat immer eine laufende Nase und steht zwanzigmal am Tag auf, um sich ein Taschentuch zu holen. ‚,Es ist mir egal, ob ich jemals wieder Schnee oder Kühe sehen werde. Es ist mir auch egal, ob ich meinen Großvater jemals wiedersehe.“ Ich hoffe mit aller Macht, dass es meiner Mutter wieder so gut geht, dass wir nach den Ferien nicht nach Broken Branch zurückkehren müssen. Mein Großvater sagt immer, das wird nicht passieren. Meine Mutter ist noch lange nicht so weit, aus dem Krankenhaus entlassen zu werden. Sie wird in Arizona bleiben, bis es ihr gut genug geht, um mit dem Flugzeug hierher zu kommen, damit Grandma und Grandpa, die ich vor ein paar Monaten zum ersten Mal in meinem Leben gesehen habe, sich um uns alle kümmern können. Aber mir ist egal, was Grandpa sagt – nach den Ferien werde ich nicht nach Broken Branch zurückkehren.

Ein scharfes Knacken, wie ein brechender Zweig während eines Eissturms, lässt mich von meinem Heft aufschauen. Mr Ellery hat es auch gehört und steht hinter seinem Tisch auf. Er geht zur Tür, tritt in den Korridor hinaus und kommt mit einem Schulterzucken wieder herein. „Sieht so aus, als hätte jemand am Ende des Flurs ein Fenster zerbrochen. Ich werde mal nachsehen. Ihr bleibt auf euren Plätzen, ich bin gleich wieder zurück.“

Bevor er jedoch das Klassenzimmer verlassen kann, ertönt die zittrige Stimme von Mrs Lowell, der Schulsekretärin, durch die Lautsprecheranlage. „An alle Lehrer: Wir haben Alarmstufe Rot. Bitte begeben Sie sich alle an die sicheren Orte.“

Noah schnaubt. „Begeben Sie sich an die sicheren Orte“, macht er Mrs Lowell nach. Niemand sonst sagt etwas. Wir alle starren Mr Ellery an und warten darauf, dass er uns sagt, was wir als Nächstes tun sollen. Ich bin noch nicht lange genug hier, um zu wissen, was Alarmstufe Rot bedeutet. Aber ich ahne, dass es nichts Gutes ist.

Mrs Oliver

An dem Morgen, an dem der Mann mit der Pistole Evelyn Olivers Klassenzimmer betrat, trug sie zwei Sachen, von denen sie in ihrer dreiundvierzigjährigen Karriere als Lehrerin geschworen hatte, sie niemals zu tragen: Jeans und Strasssteine. Mrs Oliver war der festen Überzeugung, dass eine Lehrerin wie eine Lehrerin aussehen sollte. Gepflegt, Blusen mit Kragen, Röcke oder Hosenanzüge mit scharfer Bügelfalte, blank geputzte Schuhe. Nichts von diesem Unsinn, den die jüngeren Lehrerinnen heutzutage trugen. Miniröcke, Turnschuhe, tiefe Ausschnitte. Sogar Tätowierungen, um Himmels willen. Mr Ellery zum Beispiel, der junge Lehrer der achten Klasse, hatte eine Tätowierung auf dem rechten Arm. Eine Reihe kräftiger schwarzer Striche und Bögen, die Mrs Oliver als asiatischen Ursprungs identifiziert hatte. „Das heißt Lehrer auf Chinesisch“, hatte Mr Ellery ihr erklärt, nachdem er sie dabei ertappt hatte, wie sie eines heißen Augustnachmittags auf seinen Deltamuskel starrte, während die Lehrer ihre Klassenräume für das neue Schuljahr vorbereiteten. Mrs Oliver hatte nur verächtlich geschnauft, aber sich heimlich gefragt, wie schmerzhaft es wohl gewesen sein musste, sich von jemandem so sorgfältig und methodisch Tinte unter die Haut ritzen zu lassen.

Die Casual Fridays waren am schlimmsten. Freitags trugen selbst die älteren Lehrer Jeans und Sweatshirts mit Namen und Logo des Sportteams der Schule – Broken Branch Consolidated School Hornets.

Aber an diesem ungewöhnlich bitterkalten Märztag, dem letzten Schultag vor den Frühjahrsferien, trug Mrs Oliver das Jeanskleid, in dem sie sterben würde, das wusste sie. Es war beschämend, fand sie, nach all den Jahren in rasiermesserscharfen Bügelfalten und kratzigen Stützstrumpfhosen.

Letzte Woche, nachdem alle anderen Drittklässler gegangen waren, hatte Mrs Oliver zögernd die zerknitterte, rosa-gelb gestreifte Geschenktüte geöffnet, die ihr Charlotte überreicht hatte, ein dünnes, zerzaustes Mädchen von acht Jahren mit schulterlangem, glänzend schwarzem Haar, in dem sich eine besonders hartnäckige Lausfamilie niedergelassen hatte.

„Was ist das, Charlotte?“, fragte Mrs Oliver überrascht. „Mein Geburtstag ist doch erst im Sommer.“

„Ich weiß.“ Charlotte hatte sie zahnlückig angegrinst. „Aber meine Mom und ich dachten, Sie hätten mehr davon, wenn ich es Ihnen jetzt schon gebe.“

Mrs Oliver dachte, sie würde eine Kerze mit Apfelduft finden oder ein paar selbst gebackene Kekse; vielleicht sogar ein handbemaltes Vogelhäuschen. Doch stattdessen zog sie das Kleid aus Jeansstoff heraus, auf dessen Vorderseite mit Strasssteinen ein glitzernder Regenbogen gestickt war. Charlotte hatte Mrs Oliver erwartungsvoll durch den dichten Vorhang ihres Ponys angeschaut, der ihre normalerweise keck blickenden grauen Augen verbarg.

„Ich habe es ganz allein verziert. Na ja, fast“, erklärte Charlotte. „Meine Mom hat mir mit dem Regenbogen geholfen.“ Sie legte einen schmuddeligen Finger auf den bunten Bogen.

„Rot, Orange, Gelb, Violett, Hellblau, Indigo und Grün. Genau wie Sie es uns beigebracht haben.“ Charlotte lächelte breit und zeigte dabei ihre kleinen, geraden Milchzähne, die alle immer noch vorhanden waren.

Mrs Oliver brachte es nicht über sich, Charlotte zu sagen, dass sie die Plätze von Violett und Grün vertauscht hatte. Wenigstens wusste das Mädchen alle Farben, wenn auch nicht in der richtigen Reihenfolge. „Das ist ganz bezaubernd, Charlotte.“ Mrs Oliver hielt sich das Kleid an. „Ich sehe, dass du dir damit sehr viel Mühe gegeben hast.“

„Das stimmt“, erklärte Charlotte ernst. „Es hat zwei Wochen gedauert. Erst wollte ich vorne eine Geburtstagstorte draufmachen, aber dann meinte meine Mom, dass Sie es dann nur an Ihrem Geburtstag tragen. Beinahe hatte ich nicht genügend Steine. Mein kleiner Bruder dachte, es sind Skittles.“

„Ich werde es sicher oft tragen. Vielen Dank, Charlotte.“ Mrs Oliver streckte eine Hand aus, um Charlottes Schulter zu tätscheln. Sofort lehnte Charlotte sich vor und schlang ihre Arme um Mrs Olivers rundliche Mitte, um ihr Gesicht gegen die Knöpfe ihrer weißen Bluse zu drücken. Mrs Oliver spürte ein leichtes Kribbeln unter ihren eisengrauen Haaren und unterdrückte den Drang, sich zu kratzen.

Es war schließlich Cal, Mrs Olivers Ehemann, der sie davon überzeugte, das Kleid zu tragen. „Was kann schon passieren?“, hatte er sie heute Morgen gefragt, als er sah, wie sie vor ihrem offenen Kleiderschrank stand und das Kleid anschaute, das ihr grell zuzwinkerte.

„Ich trage in der Schule niemals etwas aus Jeansstoff, und ich werde damit bestimmt nicht kurz vor meiner Pensionierung anfangen.“ Sie schaute ihm nicht in die Augen, weil sie sich daran erinnerte, wie aufgeregt Charlotte Anfang der Woche ins Klassenzimmer gestürmt war, ganz aufgeregt, ob ihre Lehrerin das Kleid wohl trug.

„Sie hat zwei Wochen daran gearbeitet“, erinnerte Cal sie beim Frühstück.

„Das ist nicht professionell“, hatte sie kurz angebunden zurückgegeben, wobei sie wieder vor sich sah, wie Charlottes Schultern jeden Tag ein wenig mehr zusammengesackt waren, an dem sie ihre Lehrerin in den üblichen Wollhosen, Blusen und Strickjacken gesehen hatte.

„Ihre Finger haben geblutet“, sagte Cal, den Mund voller Haferbrei.

„Heute soll es weit unter null Grad werden. Das ist zu kalt, um ein Kleid zu tragen“, hatte Mrs Oliver erwidert, wobei sie das Bild nicht aus dem Kopf bekam, wie Charlotte gestern nicht einmal in ihre Richtung hatte schauen wollen und sich mit trotzig geschürzten Lippen geweigert hatte, auch nur eine Frage zu beantworten.

„Dann trag eine dicke Strumpfhose und einen Rollkragenpullover darunter“, schlug ihr Mann sanft vor, bevor er hinter ihren Stuhl trat und sie auf eine Weise auf den Hals küsste, die ihr selbst nach fünfundvierzig Jahren Ehe noch köstliche Schauer über den Rücken jagte.

Weil er recht hatte – Cal hatte immer recht –, hatte sie ihn irritiert von sich geschoben und ihm gesagt, dass sie noch zu spät zur Schule käme, wenn sie sich nicht sofort anzöge. Mit dem Jeanskleid an, ließ sie ihn mit seinem Haferbrei am Frühstückstisch sitzen, wo er Kaffee trank und seine Zeitung las. Sie hatte ihm nicht gesagt, dass sie ihn liebte, sie hatte ihm keinen Abschiedskuss auf die faltige Wange gegeben. „Vergiss nicht, den Schmortopf anzustellen“, hatte sie ihm zugerufen, als sie in den hellgrauen Morgen hinausgetreten war. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, aber die Höchsttemperatur war schon erreicht und würde im Laufe des Tages nur immer weiter sinken. Als sie in ihren Wagen stieg, um die fünfundzwanzigminütige Fahrt von ihrem Zuhause in Dalsing zur Schule in Broken Branch zurückzulegen, ahnte sie nicht, dass es das letzte Mal sein könnte, dass sie diese Fahrt antrat.

Über ihren Schatten zu springen und das Kleid anzuziehen, war das Richtige gewesen, vermutete sie, nachdem sie sah, wie sich Charlottes Miene von erschöpfter Enttäuschung zu purer Freude verwandelte, als das Mädchen erkannte, dass Mrs Oliver tatsächlich das Kleid anhatte. Dieses unpraktische, grelle Ding zu tragen, tat niemandem weh – sie würde die hochgezogenen Augenbrauen im Lehrerzimmer ertragen müssen, aber das war nichts Neues. Und offensichtlich bedeutete es Charlotte eine Menge, die nun genau wie jeder andere der fünfzehn Drittklässler an ihrem Tisch saß und den Mann mit der Pistole anstarrte. Wenn er mir in die Brust schießt, kann ich in dem verdammten Ding wenigstens nicht begraben werden, dachte Mrs Oliver und erschreckte sich selber mit dieser unangebrachten Überlegung.

Meg

Während ich müßig mit meinem Streifenwagen durch Broken Branch fahre, überlege ich, was ich mit der ganzen freien Zeit anfangen soll, die in den nächsten vier Tagen auf mich wartet. Es ist das erste Mal, dass Maria in den Frühjahrsferien nicht bei mir ist. So wie es aussieht, wird der Frühling sich auch nicht allzu bald blicken lassen, obwohl er laut Kalender schon vor zwei Tagen angefangen hat.

Von Rechts wegen hat Tim ein Anrecht darauf, dass Maria diese Ferien bei ihm verbringt; die letzten zwei Ferien ist sie bei mir gewesen. Aber ich hatte schon alles für meinen morgigen freien Tag geplant. Wir würden sogenannte Dutch Letters backen, mit Mandelcreme gefüllte Blätterteigkekse – die einzige Familientradition, die ich aus meiner Kindheit übernommen habe. Danach wollte ich mit ihr ein gutes, altmodisches Zeltlager im Wohnzimmer aufbauen. Wir wollten den Schneesturm nutzen, um am Ox-Eye Bluff Schneewandern zu gehen, inklusive heißer Schokolade mit Marshmallows, und zu Hause sollte es dann Austernsuppe geben. Ich habe sogar Kevin Jarrow, den Teilzeitpolizisten in unserer Truppe, überredet, meine Samstagsschicht zu übernehmen, damit ich den Tag mit Maria verbringen kann. Aber dieses Mal hat Tim darauf beharrt, dass er an der Reihe ist. Er hatte es sogar geschafft, sich fünf Tage von seinem Job als Rettungssanitäter in Waterloo freizunehmen, wo wir beide aufgewachsen sind.

„Hör zu, Meg“, hat er gesagt, als er mich vorgestern anrief.

„Ich bitte dich normalerweise um nichts, aber ich möchte Maria diese Schulferien wirklich gerne haben … „

„Sie ist doch kein Punkt auf deiner Einkaufsliste“, habe ich streitlustig erwidert. „Ich dachte, wir hätten das alles geklärt.“

„Du hattest alles geklärt“, widersprach er. Was auch stimmte.

„Ich möchte ein paar Tage mit ihr verbringen, das ist doch nicht zu viel verlangt.“

„Woher kommt dieser plötzliche Wunsch?“, fragte ich nach.

„Hey, ich nehme jede Minute, die ich mit Maria kriegen kann, das weißt du. Außerdem hattest du sie die letzten beiden Ferien.“ Er wurde langsam böse. Ich stellte mir vor, wie er in dem Doppelhaus sitzt, das wir uns einst geteilt haben, und sich die Stirn reibt, wie er es immer tut, wenn er frustriert ist.

„Ich weiß“, sagte ich sanft. „Ich hatte nur schon alles geplant.“

„Du kannst gerne herkommen und etwas Zeit mit uns gemeinsam verbringen“, schlug er vorsichtig vor. Ich seufzte. Ich war zu müde, um diese Unterhaltung zu führen. „Meg, du weißt, dass ich die Sachen nie getan habe, von denen du glaubst, ich hätte sie gemacht.“ Da sind wir wieder, dachte ich. Alle paar Monate behauptet Tim, dass er keine Affäre mit seiner Kollegin gehabt hat, dass sie eine Lügnerin sei, die mehr von ihm gewollt, er sie jedoch zurückgewiesen hatte. An manchen Tagen glaubte ich ihm beinahe. Heute war keiner davon.

„Du kannst sie Mittwoch nach der Schule abholen“, sagte ich.

„Ich hatte gehofft, es ginge schon morgen nach der Arbeit. Also so gegen Mittag.“

„Dann verpasst sie ihren letzten Schultag vor den Ferien. Das ist der Tag, an dem sie die ganzen Sachen machen, die Spaß bringen.“ Das war ein lahmes Argument, und ich wusste es, aber mehr hatte ich nicht.

„Meg“, sagte er auf seine ganz bestimmte Art. „Meg, bitte …“

„Fein“, gab ich zickig zurück.

Und so habe ich gestern meiner wunderschönen, lustigen, süßen, perfekten sieben Jahre alten Tochter Auf Wiedersehen gesagt. „Ich rufe dich jeden Tag an“, versprach ich ihr. Ich fühlte mich, als wäre es ein Abschied für immer. „Zwei Mal.“

„Tschüss, Mom“, sagte sie und hauchte mir einen Kuss auf die Wange, bevor sie in Tims Auto krabbelte.

„Wir werden morgen Abend zum Essen bei meiner Familie sein und am Sonntag bei meiner Schwester.“ Seine Miene war ernst geworden. „Ich bin letzte Woche deiner Mom über den Weg gelaufen.“

„Oh“, sagte ich, als mache mir das nichts aus.

„Ja. Sie würden Maria wirklich gerne sehen.“

„Das kann ich mir vorstellen“, murmelte ich.

„Ist es okay, wenn ich sie mit ihr besuchen gehe?“

Ich zuckte mit den Schultern. „Ich schätze schon.“ Meine Eltern waren keine schlechten Menschen, aber auch keine besonders guten. „Versprich mir, dass du sie nicht allein in ihrem Trailer lässt. Der ist die reinste Todesfalle. Und versichere dich, dass Travis nicht da ist, wenn du zu ihnen fährst.“ Mein Bruder Travis ist einer der Hauptgründe, warum ich Polizistin geworden bin. In seiner Jugend hat er meinen Eltern das Leben vermiest und es mir zur reinsten Hölle gemacht. Es war mir immer vorgekommen, als wenn jede Woche ein Polizist mit Travis im Schlepptau an die Tür unseres Trailers geklopft hätte. Sie haben ihm mehr als genug Chancen gegeben, sein Leben auf die Reihe zu bekommen, und er hat es wieder und wieder vermasselt. Erst als er in dem Sommer, in dem ich dreizehn und Travis sechzehn war, meinen Vater mit einem Küchenmesser bedroht, meiner Mutter ins Gesicht geschlagen und mir ein Büschel Haare ausgerissen hatte, als ich versuchte, mich von ihm zu befreien, ergriff die Polizei endlich ernsthafte Maßnahmen.

„Was wollen Sie tun?“, fragte Officer Stepanich, ein häufiger Besucher bei uns, erschöpft. Seine junge Partnerin, Officer Demelo, stand schweigend dabei und ließ ihren Blick über die Glasscherben, die umgeworfenen Stühle, die kahle Stelle auf meinem Kopf gleiten. Willkommen in unserem gemütlichen Zuhause, hatte ich sagen wollen, doch stattdessen brannten meine Wangen vor Scham.

Ich war damals felsenfest davon überzeugt, dass meine Eltern sagen würden, genug ist genug, Travis möge bitte wegen des körperlichen Übergriffs verhaftet werden. Doch wieder einmal weigerten sie sich, Anzeige zu erstatten.

„Was willst du tun?“, fragte Officer Demelo, und ich schaute auf, überrascht, dass sie zu mir und nur zu mir gesprochen hatte.

„Na, na“, hatte Officer Stepanich sich eingeschaltet. „Das ist eine Entscheidung, die die Eltern zu treffen haben.“

„Ich denke nicht, dass dieses Büschel Haare von allein auf dem Fußboden gelandet ist, und ich kann mir schwer vorstellen, dass Meg sie sich selbst ausgerissen hat.“ Während Officer Demelo sprach, schaute sie mir unverwandt in die Augen. Ich war überrascht, dass sie sich an meinen Namen erinnerte. Noch beeindruckender fand ich nur, dass sie die offensichtliche Anweisung ihres erfahreneren Kollegen einfach ignorierte. „Hören wir uns doch also an, was sie nun tun will“, schloss Officer Demelo.

Travis verzog den Mund zu einem gehässigen Grinsen. Er war gute fünfzehn Zentimeter größer und ungefähr vierzig Kilo schwerer als ich, aber in dem Moment, in dem ich wusste, dass nur ein ignoranter Feigling seine Familie so zusammenschlagen würde, wie er es getan hatte, fühlte ich mich stärker und mächtiger als er. Er glaubte, unbesiegbar zu sein. Aber in diesem winzigen Augenblick wusste ich, dass es für meine Familie einen Ausweg gab.

„Ich will Anzeige erstatten“, sagte ich an Officer Demelo gewandt, die aussah, als wäre sie nicht viel älter als ich, aber dabei ein Selbstbewusstsein ausstrahlte, das ich auch gerne besessen hätte.

„Bist du dir da sicher?“, fragte Officer Stepanich.

„Ja“, sagte ich entschlossen. „Das bin ich.“ Officer Stepanich wandte sich an meine Eltern, die verwirrt wirkten, aber dennoch zustimmend nickten. Travis wurde in Handschellen abgeführt. Ein paar Tage später kehrte er nach Hause zurück. Ich erwartete, dass er sich irgendwie an mir rächen würde, doch er hielt sich von mir fern und rührte mich nicht mit dem kleinen Finger an. Das hielt ihn allerdings nicht davon ab, sich gleich wieder in Schwierigkeiten zu bringen. Über die Jahre landete er immer wieder im Gefängnis, das letzte Mal wegen Drogenbesitzes. Die Verhaftung vor zwanzig Jahren hat Travis nicht verändert, aber in meinen Gedanken hat sie mir das Leben gerettet.

„Travis wird nicht in die Nähe von Maria kommen“, hat Tim mir versprochen. Er wirkte, als wolle er noch mehr sagen, aber dann begnügte er sich doch mit einem einfachen „Wir telefonieren, Meg.“ Er fuhr davon, und Maria winkte mir zum Abschied fröhlich zu.

Meine Scheibenwischer können kaum mit den dicken Schneeflocken mithalten, die unaufhörlich fallen. Großartig, denke ich. Nach Ende meiner Zehnstundenschicht um drei Uhr nachmittags würde ich dann noch Schneeschippen müssen. Ich bin mir mit mir nicht ganz einig, ob ich die Dutch Letters morgen trotzdem backen soll oder nicht, und verwerfe die Idee schließlich. Ich werde stattdessen ausschlafen, fernsehen, mir bei Casey’s eine Pizza holen und mir selber leidtun.

Mein Handy vibriert in der Innentasche meiner Jacke. Ich hole es heraus und schaue auf das Display. Vielleicht ist es Maria. Nein. Stuart. Mist. Ich stecke das Handy zurück in die Tasche. Stuart, ein Reporter, der für den Des Moines Observer schreibt und ungefähr anderthalb Stunden von Broken Branch entfernt wohnt, und ich haben uns vor ungefähr einem Monat getrennt, als ich herausfand, dass er gar nicht in Scheidung von seiner Frau lebte, wie er es mir erzählt hatte. Nein, sie wohnten immer noch unter dem gleichen Dach und waren – zumindest aus meiner Perspektive – glücklich verheiratet. Ja, die Ironie entgeht mir nicht. Ich habe mich von meinem Mann getrennt, weil er mich betrogen hat, und nun bin ich „die Andere“ in den Albträumen irgendeiner armen Ehefrau. Stuart hat das Übliche gesagt: Ich liebe dich, es ist eine Ehe ohne Liebe, ich verlasse sie, bla, bla, bla. Dann war da noch dieser kleine Vorfall, in dem Stuart mich für die größte Geschichte seiner Karriere benutzt hat. Ich habe ihm gesagt, wenn er nicht endlich den Mund hält, würde ich ihn mit meiner Glock erschießen. Das war nicht gänzlich als Witz gemeint.

Ich hole das unaufhörlich vibrierende Handy wieder hervor und klappe es auf. „Ich arbeite, Stuart“, sage ich kurz angebunden.

„Warte, warte“, sagt er. „Das hier ist beruflich.“

„Noch ein Grund mehr für mich, gleich wieder aufzulegen“, gebe ich zurück.

„Ich hab gehört, in eurer Schule befindet sich ein Eindringling“, sagt Stuart auf seine fröhliche, selbstbewusste Art. Arschloch.

„Wo hast du das gehört?“, frage ich vorsichtig nach. Er soll nicht merken, dass ich noch nichts davon weiß.

„Es ist auf allen Kanälen, Meg. Unser Telefon in der Redaktion steht nicht mehr still. Die Kinder twittern darüber und posten es im Internet. Also, was ist da los?“

„Ich kann mich nicht zu laufenden Ermittlungen äußern“, sage ich mit fester Stimme, während Gedanken durch meinen Kopf rasen. Ein Eindringling in der Schule? Nein. Wenn da etwas los wäre, wüsste ich davon.

„Wie steht es mit Maria? Ist sie okay?“

„Das geht dich nichts an“, sage ich leise. Ich bin nicht die Einzige, der Stuart wehgetan hat.

„Warte“, sagt er, bevor ich auflegen kann. „Vielleicht kann ich dir helfen.“

„Und zwar wie?“, frage ich misstrauisch nach.

„Ich kann dich über alles auf dem Laufenden halten, was wir hier so hören, und dir alles direkt übermitteln, was wichtig klingt.“

„Stuart.“ Ich schüttle den Kopf. „Ehrlich, nichts, was du mir sagen könntest, ist noch wichtig.“

Will

An diesem Morgen, als Will Thwaite zusah, wie seine Enkel in den Schulbus stiegen, der Horizont noch nicht in das zarte Blütenrosa getaucht, das den Sonnenaufgang ankündigt, erkannte er, wie so oft an solchen Morgen, an denen die Dunkelheit noch in den Ecken lauerte, wie sehr er seine Frau vermisste. Er war so daran gewöhnt, Marlys an seiner Seite zu haben und gemeinsam mit ihr die Farm zu bewirtschaften. Sie ist diejenige gewesen, die ihn jeden Morgen um fünf Uhr wachrüttelte, die ihm eine Thermoskanne mit heißem Kaffee in die Hand drückte und ihn mit dem Versprechen auf ein warmes Frühstück nach seiner Rückkehr zum Füttern der Kühe hinausschickte. Er spürte ihre Abwesenheit, wie man eine fehlende Gliedmaße spürte. Diesen Herbst wären sie fünfzig Jahre lang verheiratet gewesen. Er versuchte sich zu erinnern, wann sie das letzte Mal über Nacht fort gewesen war, und dachte, dass es vor elf Jahren gewesen sein musste, als sie ihren vierten Sohn Jeffery, seine Frau und deren neugeborene Tochter in Omaha besucht hatte. Mit Gepäck für vier Tage war sie in den Cadillac geklettert, hatte ihm durchs offene Fenster zugerufen, dass im Gefrierschrank Mahlzeiten auf ihn warteten, die er nur in der Mikrowelle auftauen müsste, und war in einer Wolke aus dichtem braunem Iowastaub verschwunden.

Er nippte an seinem Kaffee, zuckte unter dem bitteren Geschmack zusammen, der so ganz anders war, als wenn Marlys ihn kochte. Er verstand, wieso sie dieses Mal so viel länger fortbleiben musste. Es waren bereits zwei Monate, und immer noch konnte sie ihm kein Datum nennen, an dem sie heimkehren würde. Ihr jüngstes Kind, die einzige Tochter, brauchte so viel Pflege und erlitt seit dem Unfall so viele Rückschläge, dass es gut und gerne April werden könnte, bevor er seine Frau wiedersah. Viele Jahre lang hatte Will gedacht, dass er Holly nie wiedersehen würde, so sehr hatte sie sich gegen ihn gewandt. Er nahm an, wenn er versuchen würde, Holly darauf festzunageln, wieso genau sie ihn so sehr hasste, würde sie es nicht sagen können, obwohl es ihr schon gelungen war, seine Enkelkinder ebenfalls gegen ihn einzunehmen. Wenigstens der Junge, P. J., ein stilles Kind mit braunen Augen, einer runden Brille mit dicken Gläsern und der Seele eines alten Mannes, war ihm gegenüber ziemlich schnell aufgetaut. Das Mädchen, Augustine – Augie – war allerdings ein ganz anderes Kaliber. Als Will ins Krankenhaus gegangen war, dessen kühle, saubere Luft nach der trockenen, unerträglichen Hitze Arizonas eine willkommene Atempause bot, hatte er beim Einbiegen in den Flur, der zur Abteilung für Brandopfer führte, gespürt, wie sein Pulsschlag sich beschleunigte. Zusammengesackt in einem unbequemen Stuhl hatte seine Tochter gesessen. Aber natürlich war es nicht Holly, konnte es gar nicht sein. Holly lag in einem Krankenhausbett und erholte sich von Verbrennungen dritten Grades. Außerdem war die verlorene Kreatur vor seinen Augen viel zu jung, um Holly zu sein. Aber sie hatte dieselbe blasse Haut, dieselben braunen Haare und auch die leichte Molligkeit. Weit entfernt davon, dick zu sein, war sie kompakt, wie ein gesundes Mädchen vom Land. Bei dem Gedanken musste er lächeln. Das hier war seine Enkelin, und einen Moment lang hatte Will gedacht, das hier wäre seine Chance, die Gelegenheit, seine widerspenstige Tochter zurückzugewinnen, die ihm die letzten fünfzehn Jahre aus dem Weg gegangen war, aus Gründen, die er bis heute nicht kannte.

Seine Hoffnungen lösten sich schnell in Luft auf, als Marlys, stets in den unangebrachtesten Augenblicken emotional und laut, beim ersten Anblick ihrer Enkelkinder vor Freude anfing zu quietschen.

„Augustine? P.J.?“, hatte sie so laut gefragt, dass die Köpfe der anderen Besucher zu ihr herumschnellten. Sie hatte die Arme ausgebreitet, damit die Kinder – so vermutete Will – von ihren Stühlen springen und sich in sie hineinwerfen könnten. Doch die beiden schauten nur mit großen Augen zu ihrer Großmutter, die, wie Will zugeben musste, schon ein Anblick war. Die Sorge um Holly, das hektische Packen, das Herumtelefonieren, um sicherzugehen, dass die Tiere auf der Farm versorgt wurden, hatten Marlys schon erschöpft, bevor sie Broken Branch überhaupt verlassen hatten. Dann der Flug, der allererste für Marlys, und die unbekannten Vorgänge hatten sie sich klein und unfähig fühlen lassen. Nachdem sie endlich in Revelation angekommen waren und sie das erste Mal ihre Enkelkinder sah, konnte Marlys ihre Gefühle nicht länger zurückhalten. Sie zog die erstarrten Kinder in ihre Arme, hielt sie dann auf Armeslänge von sich, um sie von oben bis unten zu mustern, und zog sie dann wieder an sich.

„Wir sind eure Großeltern“, rief sie durch ihre Tränen. „Oh, sieh nur an, wie hübsch du bist“, sagte sie zu Augie, deren Mund sich zu einem kleinen Lächeln verzog. „Du siehst genauso aus, wie deine Mutter in deinem Alter ausgesehen hat. Und du.“

Marlys wandte sich an P. J. und hob sein Kinn mit einem ledrigen Finger. „Was für ein attraktiver junger Mann du bist.“ Tränen rannen über ihre runzeligen Wangen und fielen auf P. J.s nach oben gewandtes Gesicht. Der Junge zuckte nicht zurück und wischte sich auch nicht die Feuchtigkeit von der Stirn, sondern schaute seine Großmutter nur staunend an und warf dann einen unsicheren Blick zu seinem Großvater, der nur mit den Schultern zuckte, als wolle er sagen: „Ich weiß auch nicht, was mit ihr los ist.“ Dann wandte Will seinen Blick zu Augie in der Hoffnung, diesen erhebenden Moment mit ihr zu teilen, doch ihn empfing nur ein anschuldigender, misstrauischer Blick. Holly hatte seine Enkelin bereits mit den Geschichten ihrer Kindheit gefüttert. Die anstrengende Arbeit, die Einsamkeit auf der Farm, die Diskussionen über Ausgehzeiten, die Ungerechtigkeit von alledem. Während Marlys die Kinder bemutterte, die die ihnen zuteilwerdende Aufmerksamkeit genießen zu schienen, trat Will ein paar Schritte zurück und machte sich auf die Suche nach einer Krankenschwester, die ihm etwas über den Zustand seiner Tochter sagen konnte.

Jetzt, zwei Monate später, war er kein Stück weitergekommen, die Wand zu durchbrechen, die ihn von seiner Enkelin trennte. Und bei Gott, er hatte es versucht. Er verstand, wie schwer es für Augie sein musste, von ihrer Mutter getrennt zu sein, also hatte er ihr ausreichend Freiraum gegeben. Er hatte eine ganze Woche gewartet, bevor er ihr erklärte, dass die tägliche Arbeit ein wichtiger Teil des Farmlebens war und dass auch Augie dazu beitragen musste. Mit P. J. war es ganz leicht gewesen, er folgte seinem Großvater mit gespannter Aufmerksamkeit überallhin. Augie hingegen zog sich jeden Tag nach der Schule in ihr Zimmer zurück, das einst Hollys Kinderzimmer gewesen war, und kam erst am nächsten Morgen wieder heraus.

Sie beantwortete Fragen mit einsilbigen Grunzlauten und weigerte sich, mit ihnen zusammen zu essen. Sie behauptete, Vegetarierin zu sein, und verachtete und verspottete ihn dafür, dass er ein Rinderzüchter war und Tiere zum Schlachten aufzog. Er ließ sich auf diese kleinen Scharmützel mit ihr gar nicht erst ein und versuchte, Geduld mit ihr zu haben. Obwohl er manchmal meinte, gleich aus Frustration zu platzen, schwor er sich, zu versuchen, sie langsam und freundlich zu erziehen. Allerdings machte sie es ihm wirklich nicht leicht. Wenn sie ihn anschaute, funkelte in ihrem Blick immer noch Verachtung, und sie nahm jede Gelegenheit wahr, mit ihm zu streiten und ihm zu widersprechen. Es war, als würde er Holly noch einmal aufwachsen sehen. Aber die Sache war die: Über die Jahre, nachdem die Beziehung zu seiner Tochter sich in weit entfernte Erinnerungen aufgelöst hatte, die aus der Zeit stammten, als sie noch klein gewesen war und dachte, ihr Dad wäre der tollste Mann auf Erden, hatte er geschworen, wenn er noch einmal die Chance bekäme, würde er es anders machen. Jetzt war die Gelegenheit in Form von Augie gekommen, ein Klon seiner Tochter, und er sollte verdammt sein, wenn er es wieder nicht richtig machen sollte.

Holly

Wieder einmal erwache ich an einem neuen Tag im Krankenhaus. Langsam fange ich an zu glauben, dass ich diesen Ort niemals verlassen werde. Ich will mir den Tropf vom Arm reißen und schreiend weglaufen. Mein ganzes Leben lang habe ich versucht, mich zu befreien. Erst von meiner Familie und Broken Branch mit seiner kleinstädtischen Verlogenheit. Dann von meiner Ehe mit David und dem einengenden Gefühl, an einen Menschen, vielleicht auch speziell David, gebunden zu sein. Also habe ich zuerst alle meine Bindungen zu meiner Familie in Iowa gekappt, ließ sie ohne eine Umarmung oder einen Kuss zurück, nur ein „Ich muss hier raus, sonst sterbe ich“, und ich habe es seitdem nicht ein einziges Mal bereut. Ich bin nach Colorado durchgebrannt, mit einem Jungen, mit dem ich zusammen aufgewachsen bin. Nach nur einem Jahr hatten wir die Schnauze voneinander voll, also zog ich weiter nach Arizona, wo ich schließlich die Kosmetikschule besuchte. Da habe ich David kennengelernt; wir heirateten und bekamen Augie. Das Fiasko dauerte sieben ganze Jahre. Er hat versucht, mich zum Bleiben zu überreden, hat gesagt, er will ein weiteres Baby, will mit mir zusammen alt werden. Ich sagte ihm, dass ich so nicht mehr leben könnte, dass ich sterben würde, wenn ich noch einen einzigen weiteren Morgen aufwachen und die gleiche gottverdammte Tapete sehen oder noch ein einziges Mal unsere Nachbarn darüber klagen höre, dass unser Viertel den Bach runter geht.

„Dann nehmen wir die Tapete ab“, hatte David gesagt. „Wir können auch umziehen“, versprach er. Also nahmen wir die Tapete runter, und ich wurde schwanger. Aber er wusste es. Er verstand, dass es nicht an der Tapete oder den Nachbarn lag. Es lag an uns. Besser gesagt, an mir, die es nicht ertrug, dort zu sein, verheiratet zu sein, in den Vororten gefangen zu sein, die sich nicht groß von den Kleinstädten in Iowa unterscheiden. David sah so verletzt aus, so leidend, wenn er P. J. betrachtete. Menschen neigten dazu, mich auf diese Weise zu betrachten, wenn sie etwas länger Zeit mit mir verbracht hatten. Zuerst meine Mutter und mein Vater. Vor allem mein Vater. Wie sehr es mich innerlich gefreut hat, seinen Gesichtsausdruck zu sehen, als ich ihm sagte, dass das Leben auf einer Farm für mich die Hölle auf Erden war, dass jede Minute länger, die ich in Broken Branch verbrachte, eine vergeudete Minute wäre, weggeworfen und nie wieder zurückzuholen. Meine älteren Brüder beschimpften mich als egoistisch und undankbar. Meine Mutter weinte. Ich fühlte mich deswegen schlecht, aber es reichte nicht, um mich davon zu überzeugen, zu bleiben. Mein Vater half mir sogar, meinen Koffer zu dem alten Plymouth Arrow zu tragen, für den ich mir das Geld seit meinem dreizehnten Lebensjahr durch das Putzen von Mais zusammengespart hatte.

„Du bist siebzehn Jahre alt, Holly“, hatte mein Vater gesagt.

„Und ich weiß, du glaubst, alle Antworten zu kennen. Aber was du deiner Mutter antust, ist nicht zu entschuldigen.“

„Ich halte es nicht einen einzigen weiteren Tag hier aus.“ Ich hatte es nicht über mich gebracht, ihm in die Augen zu schauen, und stattdessen über seine Schulter hinweg auf die unendlichen Felder mit den knöchelhoch stehenden Maissetzlingen gestarrt.

„Ich kann es nicht erklären.“

Mein Vater schwieg einen Moment. Sein grünes John-Deere-Cap hatte er so tief in die Stirn gezogen, dass seine Augen im Schatten lagen. Aber ich wusste auch so, dass er mich missbilligend ansah. Er lehnte sich gegen die Heckklappe des Plymouths, die von der Sonne gebräunten Arme vor der Brust verschränkt. „Du schämst dich, die Tochter eines Farmers zu sein? Du glaubst, zu gut für dieses Leben zu sein? Ist es das?“

Beschämt schüttelte ich den Kopf. „Nein! Das ist es nicht.“

„Nun, für mich sieht es aber verdammt danach aus. Ich verstehe, dass du reisen willst, die Welt sehen, aber es gibt keinen Grund, auf diese Weise zu gehen, als wenn du es dein ganzes Leben lang kaum hast erwarten können, deine Mutter und mich zu verlassen.“

Aber genauso ist es, hatte ich sagen wollen, schluckte die Worte aber doch hinunter. „Ich fühle mich in meiner Haut nicht wohl, wenn ich hier bin“, versuchte ich zu erklären, erkannte aber, dass es mir kläglich misslang.

„Du meinst, das wird sich ändern, wenn du wegfährst? Du glaubst, dann passt dir deine Haut besser?“

„Ja, das glaube ich tatsächlich.“ Ich war erschüttert, dass er den Nagel so auf den Kopf getroffen hatte. Denn ich hatte Angst, dass ich mich, wo auch immer ich landen würde, noch genauso fühlen würde. Dass ich dort auch wieder fortgehen müsste.

„Du kommst zurück“, sagte mein Vater mit einer Sicherheit, die Wut in mir hochkochen ließ. „Du wirst zurückkommen, und dann schuldest du deiner Mutter eine Entschuldigung.“

„Ich werde nicht zurückkommen.“ Ich spuckte ihm die Worte förmlich vor die Füße. „Ich werde nie wieder hierher zurückkehren.“

Mein Vater schüttelte den Kopf und lachte leise. „Oh doch, du kommst zurück.“ Er streckte die Hände aus, um mich in eine Umarmung zu ziehen, doch ich wich ihm aus. „Nun, ich schätze, du hattest schon so ungefähr jeden Jungen und Mann im Landkreis, da gibt es nicht mehr viel, was dich hier hält.“ Ich stieg in den Wagen, ohne Auf Wiedersehen zu sagen. Als ich von der Farm wegfuhr, schaute ich in den Rückspiegel und sah meinen Vater, der sich bereits von mir abgewendet hatte und in einer Wolke aus Staub und Kies, die meine Reifen aufwirbelten, in Richtung seiner Rinder ging, die ihn niemals enttäuschten und nie Widerworte gaben.

Ich habe mein Wort gehalten. In den achtzehn Jahren seit meinem Weggang bin ich nie nach Broken Branch zurückgekehrt. Aber ich frage mich, ob es nicht fast genauso schlimm war, dass ich meine Kinder dorthin geschickt habe.

Mrs Oliver

Mrs Oliver traute sich kaum, ihren Blick von dem vor ihr stehenden Fremden zu lösen, aber die Schreie ihrer Schüler sorgten dafür, dass sie den Kopf von dem Mann abwandte, der ihr irgendwie vage bekannt vorkam.

Sechzehn der siebzehn Kinder starrten Mrs Oliver hilflos an, einige mit Tränen in den Augen, alle auf Anweisungen wartend, was sie tun sollten. Die monatlichen Tornado- und Feuerübungen hatten sie nicht auf diese Situation vorbereitet. Nicht einmal die Übungen zur Alarmstufe Rot hätten sie auf den überraschend ruhig, wenn auch ein wenig manisch aussehenden Mann vorbereiten können, der eine Pistole locker in der Hand hielt. Nur ein Kind, P. J. Thwaite, der Sohn ihrer ehemaligen Schülerin Holly Thwaite, starrte den Mann unverwandt an, musterte sein Gesicht ganz genau, nicht so, als wenn er ihn kennen würde, sondern als wenn er ihn irgendwo zuvor schon einmal gesehen hätte. Der Mann starrte zurück, seine Miene ausdruckslos, was Mrs Oliver nur noch mehr verunsicherte.

Mrs Oliver wusste nicht mehr, wie oft sie als Klassenlehrerin schon gelassen und kontrolliert hatte wirken müssen, obwohl ihr gar nicht danach zumute gewesen war. Da war das eine Mal, in ihrem ersten Jahr als Lehrerin, als der siebenjährige Bert Gorse sich entschied, auf die große metallene Rutsche zu klettern und zu versuchen, von dort mit einem beherzten Sprung nach einem Ast des nahestehenden Ahorns zu greifen. Mrs Oliver erinnerte sich, wie sie mit Entsetzen von der anderen Seite des Spielplatzes hatte zuschauen müssen, wie Bert in die Luft sprang, seine Hände nach dem Ast ausstreckte und mit den Fingernägeln über die raue Borke kratzte. „Um Himmels willen!“, hatte sie geschrien. „Mach die Augen auf!“ Bert hatte es nicht geschafft, den Ast zu greifen, und war knapp vier Meter hinab auf die harte Erde gefallen. Ganz ruhig hatte Mrs Oliver daraufhin dem jungen Mädchen, das neben ihr stand, aufgetragen, so schnell sie konnte in die Schule zu laufen und Hilfe zu holen.

„Sie haben geflucht“, hauchte das Mädchen ungläubig.

Mrs Oliver beugte sich so weit zu ihr herunter, dass sie das Erdnussbutter-Sandwich riechen konnte, welches das Kind zum Mittagessen gehabt hatte, und sagte mit der leisen, ruhigen Stimme, die allen Kindern in den kommenden vierzig Jahren deutlich machen würde, dass sie es ernst meinte: „Lauf.“ Dann versuchte sie, in ihren neuen Pumps möglichst anmutig den Spielplatz zu überqueren und zu Bert zu gelangen, der mit ausgestreckten Armen und Beinen reglos auf dem Bauch lag. Bei ihrem Näherkommen löste sich die Gruppe verängstigter Jungen, die sich um Bert versammelt hatte, auf. „Stellt euch da drüben neben dem Gebäude auf“, befahl sie, und die Jungen gehorchten ihr sofort. Mrs Oliver kniete sich nieder, der Stoff ihrer brandneuen Polyesterhose grub sich in den Boden. Berts Augen standen offen, waren aber glasig, wie unter Schock oder großen Schmerzen. „Du lebst!“, stellte Mrs Oliver fröhlich fest, und die Kinder hinter ihr stießen kollektiv erleichtert den Atem aus. „Geht es dir gut, Bert?“, fragte sie, aber Berts Mund öffnete und schloss sich nur stumm wie bei einem Fisch an Land.

„Der Aufprall hat dir den Atem verschlagen, hm?“ Sie sprach mit der weichen, leisen Stimme, die die Kinder immer so tröstlich fanden. Mrs Oliver legte sich ebenfalls auf den Bauch, um Berts blasses, schmerzverzerrtes Gesicht besser sehen zu können und damit er ihre ruhige, unbesorgte Miene sah. „Alles wird gut, Bert. Lieg einfach nur still, bis Hilfe kommt“, sagte sie beruhigend.

Bert ging es einigermaßen gut. Er hatte jedoch zwei gebrochene Arme und eine kollabierte Lunge. Nachdem er seine Hände wieder benutzen konnte, hatte er seiner Lehrerin in seiner grauenhaft krakeligen Handschrift einen bezaubernden Brief geschrieben, in dem er ihr dafür dankte, dass sie mit ihm auf die Ankunft des Krankenwagens gewartet hatte. Den Brief besaß Mrs Oliver immer noch, er hing jetzt gerahmt in dem Zimmer, das ihre erwachsene Tochter Georgiana den „Schrein für Mrs Oliver“ nannte. Bert Gorse war jetzt fünfundfünfzig Jahre alt, Banker und lebte mit seiner Frau und drei Kindern in Des Moines. Über die Jahre war Mrs Oliver nicht einen Deut von ihrer Überzeugung abgerückt, dass eine Lehrerin unter allen Umständen ruhig und kontrolliert wirken musste. Ganz anders als Gretchen Small, die junge Klassenlehrerin der Fünften, die schon anfing zu hyperventilieren, wenn der Feueralarm aus Versehen anging.

Mrs Oliver straffte die Schultern, räusperte sich und zwang ihre Stimme, stark und klar zu klingen. „Was wollen Sie?“, fragte sie und trat zwischen P. J. und den Mann mit der Pistole.

Meg

Ich hadere, ob ich Stuarts Behauptung, ein Bewaffneter sei in die Schule eingedrungen, überhaupt Glauben schenken und deshalb die Zentrale anrufen soll, als sich mein Funkgerät meldet.

Es ist Randall Diehl, unser Einsatzleiter. „Du musst sofort zur Schule. Wir haben sie abgeriegelt.“

Marias Schule. Verdammt. Stuart hatte recht.

„Was ist los?“, frage ich. Seitdem ich hier wohne, hat es erst zwei Vorfälle in der Schule gegeben, einem Gebäude, das von der Vorschule bis zur zwölften Klasse alle Kinder beherbergt. Damit ist sie eine der letzten ihrer Art. Am Ende dieses Schuljahres wird Broken Branchs einzige Schule geschlossen werden; sie ist zu teuer und zu aufwendig im Unterhalt. Der Superintendent und die Schulbehörde sind übereingekommen, sich mit den drei Nachbarorten zusammenzuschließen. Zukünftig wird Marias Schuldistrikt unter dem Namen Dalsing-Conway-Bohr-Broken Branch Consolidated Schools firmieren.

Das erste Mal, dass die Schule abgeriegelt werden musste, war vor zwei Jahren, als zwei Insassen aus dem Staatsgefängnis in Anamosa geflüchtet waren und man sie in unserer Gegend vermutete. Da waren sie jedoch nicht. Beim zweiten Mal hatten zwei Schüler mit einer Bombe gedroht, die es nicht gab. Sie hatten nicht für ihre Abschlussprüfungen geübt und hielten dies für einen cleveren Weg, um die Tests nicht schreiben zu müssen. Das mussten sie dann auch nicht. Allerdings wurden sie dafür der Schule verwiesen.

„Wir haben einen möglichen Eindringling in der Schule. Fahr einfach hin“, sagt Randall ungeduldig, was so gar nicht seine Art ist. „Der Chief erwartet dich dort und wird dich über alles Weitere informieren. Der Informationsaustausch ist derzeit das reinste Chaos. Die Notrufnummern werden mit Anrufen von Schülern, Lehrern und panischen Eltern blockiert.“

„Okay, ich mach mich gleich auf den Weg.“ Ich schalte den Scheibenwischer ein, um die Flocken wegzuwischen. Interessant, dass Chief McKinney bereits vor Ort ist. Ich sehe auf die Uhr. Kurz nach Mittag. Vielleicht nur ein Missverständnis, ein Streich von Kindern, die es nicht erwarten können, in die Frühlingsferien zu gehen. Maria wird enttäuscht sein, die ganze Aufregung verpasst zu haben.

Ich wende meinen Streifenwagen und fahre die Hickory Street in Richtung Schule hoch. Ich bin froh, mich mit etwas beschäftigen zu können, das meine Gedanken von den vier freien Tagen ablenkt, die ohne Maria endlos lang vor mir liegen und in mir ein Gefühl der Leere entstehen lassen. Tim sagt immer, er kann sich nicht vorstellen, wie ich als Kind war. Die wenigen Bilder, die ich von mir aus dieser Zeit besitze, zeigen mich als ernste, nicht lächelnde Gestalt mit ungekämmten Haaren und in einer alten Jeans meines Bruders Travis.

„Hattest du jemals Spaß?“, hatte Tim mich aufgezogen, als er die Fotos zum ersten Mal gesehen hatte.

„Ja, ich hatte Spaß“, hatte ich protestierend erwidert, obwohl das gelogen war. Meine Kindheit bestand darin, mich um meine Eltern zu kümmern – die, aus mir immer noch unbekannten Gründen, komplett vom Leben bezwungen worden waren – und zu versuchen, meinem gewalttätigen Bruder aus dem Weg zu gehen. Als Tim und ich Maria bekamen, war ich entschlossen, ihre Kindheit so sorgenfrei und fröhlich zu gestalten, wie es meine niemals gewesen war. Ich glaube, das haben wir ganz gut hinbekommen, zumindest bis zur Scheidung, und selbst danach haben Tim und ich immer versucht, Maria zu beschützen. Wir haben nicht vor ihr gestritten, wir haben nicht schlecht über den anderen geredet, aber sie wusste es trotzdem. Wie auch nicht? Selbst wenn wir aus dem Ende unserer Ehe kein großes Spektakel gemacht haben, musste sie meine roten, geschwollenen Augen gesehen und Tims angestrengtes, gezwungenes Lachen gehört haben.

Innerhalb weniger Minuten bin ich an der Schule und sehe Chief McKinney und Aaron Gritz – was komisch ist, weil er heute gar keinen Dienst hat –, die sich bemühen, eine kleine, wütend aussehende Menschengruppe vom Eingang fernzuhalten. Chief McKinneys tiefer Bariton dröhnt über den Hof.

„Steigen Sie wieder in Ihre Autos, sonst erfrieren Sie noch hier draußen. Wir müssen erst einmal herausfinden, was genau los ist, und das können wir nicht, wenn wir uns um Sie kümmern müssen … ‚‘

Eine Frau tritt vor, winkt mit ihrem Handy und unterbricht den Chief mit zittriger Stimme. ‚,Mein Sohn hat mich gerade aus dem Inneren der Schule angerufen. Er sagt, da ist ein Mann mit einer Pistole. Können Sie die Kinder nicht da rausholen?“

„Aufgrund der uns vorliegenden Informationen“, erwidert Chief McKinney geduldig, ‚,haben wir beschlossen, dass es am besten ist, das Gebäude zu umstellen und zu diesem Zeitpunkt noch keine Officer in die Schule zu schicken.“

„Aber mein Sohn hat angerufen und gesagt, es sind zwei Männer“, schaltet sich eine andere Frau ein.

Ein Mann in Hemd und Krawatte, aber ohne Mantel drängt sich vor. ‚,Ich habe gehört, es hat eine Bombendrohung gegeben. Evakuieren Sie die Schule?“

„Das ist genau das Problem“, sagt Chief McKinney mit leiser Stimme zu mir und zeigt dabei erst auf die Schule und dann auf die Menschen. Schneeflocken sammeln sich in seinem struppigen grauen Schnurrbart. ‚,Wir können nicht anfangen, herauszufinden, was da drinnen vor sich geht, solange wir hier draußen Gerüchten nachjagen.“ Er dreht der Menge den Rücken zu und senkt seine Stimme zu einem Flüstern. ‚,Meg, die Zentrale hat einen Anruf von einem Mann erhalten, der behauptet, sich mit einer Waffe im Gebäude zu befinden. Er sagt, alle sollen draußen bleiben, sonst fängt er an zu schießen. Ich will, dass die gesamte Schule mit Absperrgittern und Flatterband abgeriegelt wird.“ Er wendet sich an Gritz. ‚,Aaron, sorg dafür, dass alle gut hundert Meter zurückgehen.“

‚,Okay, Leute“, sagt er dann mit fester, beherrschter Stimme.

„Bitte folgen Sie Officer Gritz’ Anweisungen. Wir müssen uns an die Arbeit machen. Ich verspreche, wenn es Neuigkeiten gibt, werden wir Sie sofort darüber in Kenntnis setzen.“

Ich weiß, woran all diese Eltern denken. An das Attentat in Columbine. Das ist mir auch schon in den Sinn gekommen. Columbine hat die Reaktion der Polizeikräfte auf derartige Vorfälle von Grund auf verändert. Wenn wir Beweise dafür hätten, dass der Eindringling in der Schule bereits angefangen hat zu schießen, hätte der Chief sofort eine Sondereinheit hineingeschickt. Zum Glück ist das bisher nicht der Fall. Da der Verdächtige in der Zentrale angerufen und gedroht hat, die Schüler und jeden, der das Gebäude betritt, zu erschießen, behandeln wir das Ganze wie eine Geiselnahme. Das bedeutet, wir werden versuchen, Kontakt mit dem Eindringling aufzunehmen, um herauszufinden, was er will, und ihn langsam, aber sicher von seinem Vorhaben abzubringen. In der Sekunde, in der es einen Beweis dafür gibt, dass es eine Schießerei gibt, werden wir stürmen. Aber im Moment benötigen wir erst einmal weitere Informationen.

„Hast du keine Angst, dass eine Panik ausbricht, wenn du die Eltern jetzt wegschickst?“, frage ich Aaron leise, damit niemand es hört.

„Ich denke, die sind bereits panisch“, erwidert er. Er trägt eine mit Kaninchenfell gefütterte Fliegermütze mit Ohrenklappen, seine Nase ist von der Kälte ganz rot.

Direkt nachdem meine Scheidung endgültig war, habe ich die Stelle als Police Officer im Polizeirevier von Broken Branch bekommen. Aaron war in dem Team, bei dem ich mein Vorstellungsgespräch hatte. Er ist um die vierzig, geschieden, hat zwei Kinder und ist ziemlich attraktiv. In dem Vorstellungsgespräch hat er mich gefragt, wieso ich in eine so kleine Gemeinde wie Broken Branch ziehen wollte, wo ich doch in einer größeren Stadt wie Waterloo gewohnt war. ‚,Die Tatsache, dass Broken Branch eine kleine, ländliche Gemeinde ist, ist genau das, was mich anzieht. Es ist der perfekte Ort, um meine Tochter großzuziehen.“ Was ich ihm in dem Gespräch verschwiegen habe, war, dass ich Abstand von Tim und der Scheidung brauchte. Waterloo war keine allzu große Stadt. Jedes Mal, wenn ich um eine Ecke bog, traf ich auf jemanden, der meinen Exmann kannte, meine Eltern oder der von meinem Bruder über den Tisch gezogen worden war. Außerdem waren die Dienstzeiten bei der Waterloo Police Force für eine alleinerziehende Mutter die Hölle. Broken Branch lag mit dem Auto nur eine gute Stunde von Waterloo entfernt, also nah genug, dass Tim unsere Tochter problemlos besuchen konnte.

Ich habe mich vor Jahren in Broken Branch verliebt, als Tim und ich auf dem Weg nach Des Moines einmal hier durchkamen. Wir hielten an, um Honig von einem alten Mann zu kaufen, der die Gläser mit der bernsteinfarbenen Flüssigkeit von der Ladefläche seines Pick-ups verkaufte.

„Broken Branch ist so ein ungewöhnlicher Name. Woher kommt er?“, hatte ich gefragt.

‚,Oh, das ist eine tolle Geschichte“, hatte der Mann geantwortet, während er vorsichtig ein großes Glas Kleehonig, ein paar dünne Honigsticks und einige hausgemachte Bienenwachskerzen in eine Plastiktüte steckte, die er dann Tim reichte.