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Jenny Behnisch, die Leiterin der gleichnamigen Klinik, kann einfach nicht mehr. Sie weiß, dass nur einer berufen ist, die Klinik in Zukunft mit seinem umfassenden, exzellenten Wissen zu lenken: Dr. Daniel Norden! So kommt eine neue große Herausforderung auf den sympathischen, begnadeten Mediziner zu. Das Gute an dieser neuen Entwicklung: Dr. Nordens eigene, bestens etablierte Praxis kann ab sofort Sohn Dr. Danny Norden in Eigenregie weiterführen. Die Familie Norden startet in eine neue Epoche! »Ich bin gespannt, wie die Chemo bei Leonie May anschlägt.« Dr. Felicitas Norden saß am Steuer des taupefarbenen Kleinwagens und dachte über das nach, was der Tag so bringen mochte. Seit ihr Mann die Leitung der Behnisch-Klinik übernommen hatte, konnten sie oft gemeinsam zur Arbeit fahren. Und das war nur einer von vielen Vorteilen, die der gemeinsame Arbeitsplatz bot. »Den ersten Behandlungszyklus hat sie fast hinter sich.« »Wie verträgt sie die Chemo bis jetzt?« Daniels Augen ruhten auf der Straße. Es ging nur langsam vorwärts. Auf dem Bürgersteig drängelten sich Menschen mit Rucksäcken, Aktentaschen und Handtaschen und warteten darauf, dass die Fußgängerampel grünes Licht gab. Fast jeder hielt ein Handy in der Hand und starrte auf das Display. Wenn einer losgeht, rennen die anderen einfach hinterher!, ging es Daniel durch den Sinn. Das gäbe ein schönes Chaos. Und jede Menge Arbeit für die Behnisch-Klinik. »Erstaunlich gut. Carola May hat ein hervorragendes Medikament ausgesucht. Ein Wunder, dass sich die Familie eine derart teure Therapie leisten kann.« Felicitas sah in den Rückspiegel. Ein Schatten huschte durch die langsam fahrenden Wagen.
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Seitenzahl: 104
Veröffentlichungsjahr: 2018
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»Ich bin gespannt, wie die Chemo bei Leonie May anschlägt.« Dr. Felicitas Norden saß am Steuer des taupefarbenen Kleinwagens und dachte über das nach, was der Tag so bringen mochte. Seit ihr Mann die Leitung der Behnisch-Klinik übernommen hatte, konnten sie oft gemeinsam zur Arbeit fahren. Und das war nur einer von vielen Vorteilen, die der gemeinsame Arbeitsplatz bot. »Den ersten Behandlungszyklus hat sie fast hinter sich.«
»Wie verträgt sie die Chemo bis jetzt?« Daniels Augen ruhten auf der Straße. Es ging nur langsam vorwärts. Auf dem Bürgersteig drängelten sich Menschen mit Rucksäcken, Aktentaschen und Handtaschen und warteten darauf, dass die Fußgängerampel grünes Licht gab. Fast jeder hielt ein Handy in der Hand und starrte auf das Display. Wenn einer losgeht, rennen die anderen einfach hinterher!, ging es Daniel durch den Sinn. Das gäbe ein schönes Chaos. Und jede Menge Arbeit für die Behnisch-Klinik.
»Erstaunlich gut. Carola May hat ein hervorragendes Medikament ausgesucht. Ein Wunder, dass sich die Familie eine derart teure Therapie leisten kann.« Felicitas sah in den Rückspiegel. Ein Schatten huschte durch die langsam fahrenden Wagen. »Was macht denn der …« Bremsen quietschten. Ein dumpfer Schlag. Und dann ein Klirren.
Daniel fuhr herum.
»Bleib stehen!«, befahl er seiner Frau und griff nach dem Koffer auf dem Rücksitz.
»Leichter gesagt als getan.« Sie setzte den Blinker und lenkte den Wagen an den Straßenrand. Mit eingeschalteter Warnblinkanlage machte sie Halt. Im selben Moment riss Dr. Norden die Beifahrertür auf und stürzte hinaus.
»Platz da! Ich bin Arzt!«
In Windeseile hatte sich eine Menschentraube um die Unfallstelle gebildet. Aber kaum einer machte Anstalten zu helfen. Unter Einsatz seiner Ellbogen bahnte sich Daniel einen Weg zu dem Verletzten. Die Schaulustigen wichen zur Seite, und sein Blick fiel auf das Opfer. Ein Junge. Daniel hatte einen Erwachsenen erwartet, einen Mann oder eine Frau. Doch der Fußgänger war kaum älter als sein jüngster Sohn. Trotz seiner langjährigen Berufserfahrung schockte es ihn immer noch, junge Menschen so zu sehen. Schwach und hilflos, niedergestreckt auf dem Boden. Wenigstens war er wach. Er stellte die Tasche neben sich und ließ die Schlösser aufschnappen. Die Latexhandschuhe schnalzten, als er sie aus der Verpackung zog.
»Ich bin Arzt. Kannst du mich hören?«, fragte er den Jungen, während er die Handschuhe überstreifte. Nebenbei bemerkte er, dass sich seine Augen synchron bewegten. Ein gutes Zeichen.
Der junge Mann nickte.
»Nicht erschrecken. Ich leuchte dir kurz in die Augen.« Dr. Norden zog zuerst das eine und dann das andere Lid nach oben. Die Pupillen waren rund, hatten eine mittlere Weite und waren auf beiden Seiten gleich groß. Falls der Junge durch den Zusammenstoß mit dem Auto eine Hirnblutung erlitten hatte, hatte sie zumindest noch keinen großen Schaden angerichtet. Aus den Augenwinkeln sah Daniel, dass sich Fee zu ihm durchgedrängelt hatte.
»Die Klinik ist informiert. Der Wagen müsste schon unterwegs sein.« Sie sah hinab auf den Verletzten. Ihr war anzusehen, dass ihr dieselben Gedanken durch den Kopf gingen wie ihrem Mann. »Wie geht es ihm?«
»Er ist ansprechbar. Blutdruck 120 zu 80, Herzfrequenz 90.«
»Klingt gut.« Sie wandte sich direkt an den jungen Mann. »Tut dir was weh?«
»Mein Bein.«
Felicitas bemerkte Tränen und Angst in seinen Augen und wunderte sich. Für gewöhnlich verhinderte der Schock eine solche Reaktion.
»Keine Sorge, wir kümmern uns um dich«, versprach sie mit ruhiger Stimme. In einem Anfall von Mütterlichkeit wuschelte sie ihm durch das Haar, bedacht darauf, ihm nicht weh zu tun.
Doch seine Gedanken schienen ohnehin woanders zu sein.
»Ich muss morgen unbedingt trainieren.«
»Was spielst du denn?«, fragte Fee und sah hinunter zu ihrem Mann, der sich inzwischen an den Beinen zu schaffen machte.
Der Blick, den er ihr zuwarf, ließ ihr Herz schwer werden.
Zum Glück bemerkte der junge Mann nichts.
»Fußball, Regionalliga. In vierzehn Tagen kommt der Talentscout vom FC Bayern. Das ist meine Chance. Dafür habe ich so lange trainiert.« Er hob den Kopf, so gut es ging, und sah zu Dr. Norden hinab. »Was ist mit meinem Bein?«
»Das kann ich noch nicht so genau sagen.« In der Ferne waren Sirenen zu hören. Offenbar näherten sich mehrere Wagen gleichzeitig. Daniel atmete auf. »Jetzt bringen wir dich erst einmal in die Klinik und untersuchen dich.« Er packte seine Sachen zusammen. Die Schlösser der Arzttasche klackten. »Soll ich jemanden anrufen?« Er musste lauter sprechen, um den nahenden Lärm zu übertönen.
»Meinen Papa.« Der junge Mann nannte die Telefonnummer. Fee tippte sie in ihr Handy ein und übernahm es, den Vater zu informieren.
Unterdessen kümmerte sich Daniel um die eintreffenden Rettungskräfte, Polizei und Feuerwehr. Wenige Augenblicke später war der Junge – er hieß Severin Kühnel – im Wageninneren verschwunden und auf dem Weg in die Behnisch-Klinik. Nachdem die Formalitäten erledigt und der Stau aufgelöst worden war, folgte das Ehepaar Norden dem Krankenwagen.
*
Wenn Dr. Norden gedacht hatte, sich sofort nach seiner Ankunft in der Klinik um Severin kümmern zu können, so hatte er sich getäuscht.
»Sie können gleich wieder gehen«, erklärte seine Assistentin, kaum dass er den Fuß in die Tür gesetzt hatte.
»Das nenne ich mal eine herzliche Begrüßung.«
»Die haben Sie dem Sparfuchs zu verdanken.« Andrea rollte mit den Augen.
Daniel ging in sein Büro. Die Tür blieb offen.
»Was will der denn schon wieder?«, rief er und öffnete die Tür zum Kleiderschrank. Dank der klinikeigenen Wäscherei hingen weiße Hosen und Kittel fein säuberlich aufgereiht wie Perlen auf einer Schnur nebeneinander. »Lassen Sie mich raten! Er hat vor, die Wäscherei zu schließen und die Reinigung an ein externes Unternehmen zu geben.«
»Das kommt bestimmt auch noch. Aber im Augenblick geht es offenbar um eine geheime Mission. Zumindest klang er sehr aufgeregt am Telefon.«
»Fuchs? Aufgeregt?« Daniel schlüpfte in den Kittel. »Das ist ein Widerspruch in sich.«
Ungeachtet dieser Tatsache machte er sich kurz darauf auf den Weg und stand ein paar Minuten später auf dem Teppich, dessen Muster man nur noch erahnen konnte. Dem Sauerstoffgehalt im Zimmer hätte eine Stoßlüftung gutgetan. Doch Daniel Norden wollte den Tag auf keinen Fall mit einem Affront fortsetzen. Sein Blick ruhte auf dem runden Schädel des Verwaltungsdirektors. Fast tat er ihm leid. Vergeblich mühte sich Dieter Fuchs, die Kahlheit mit den verbliebenen Haarsträhnen zu kaschieren. Wie so oft haderte Daniel Norden noch mit sich, ob er ihm einen guten Tipp geben sollte, als Fuchs den Kugelschreiber auf den Tisch legte und sich zurücklehnte.
»Norden, gut, dass Sie endlich hier sind.«
»Was gibt es so Wichtiges?« Daniel deutete mit dem Finger zur Tür. »Ich habe einen Patienten, um den ich mich unbed …«
»Sie sind ja nicht der einzige Arzt im Haus. Zumindest lassen die Gehaltsabrechnungen darauf schließen.«
Dr. Nordens Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt.
»Aber auch ich werde fürs Arbeiten bezahlt und nicht dafür herumzustehen.« Um seinen Worten die Schärfe zu nehmen, lächelte er.
»Das Lachen wird Ihnen gleich vergehen. Unsere Klinik wird des Betrugs beschuldigt.«
Daniels Nackenhaare sträubten sich.
»Inwiefern?«
»Sagt Ihnen der Name Felix Holst etwas?«
»Nein, nichts.«
»Fragen Sie Ihre Frau. Der Junge war wegen diffuser Beschwerden Patient auf der Kinderstation und wurde ohne Diagnose wieder entlassen.« Papier raschelte, als Fuchs die Unterlagen auf seinem Schreibtisch hin und her schob und schließlich zwei Seiten eines Schreibens hervorzog. »Ah, hier haben wir es ja.« Er studierte die Unterlagen mit zusammengekniffenen Augen. »Wie erklären Sie sich, dass trotz fehlender Krankheit ein Medikament zur Krebsbehandlung abgerechnet wurde? Noch dazu eines der teuersten auf dem Markt, wie mir der Mitarbeiter der kassenärztlichen Vereinigung erklärte.« Seine Augenbrauen berührten sich fast. »Die Unterschrift dazu stammt übrigens von Ihrer Frau.« Er hielt Daniel das Schreiben hin.
Der griff danach und warf kaum einen Blick darauf.
»Es muss sich um eine Verwechslung handeln. Felicitas arbeitet mehr als gründlich.«
»Seltsam.« Fuchs legte den Kopf schief. Um seine Mundwinkel zuckte es. »Bisher hatte ich Sie für einen weitgehend rational denkenden Menschen gehalten. Aber offenbar macht Liebe doch blind.«
Das Papier in Daniels Hand knisterte.
»Ich bin nicht nur ein rational denkender, sondern auch ein loyaler Mensch. Das gilt für meine Ehefrau genauso wie für meine Mitarbeiter.« Die Worte fielen wie Eiswürfel aus Dr. Nordens Mund. »Solange es keine hieb- und stichfesten Beweise für Ihre Behauptung gibt, lasse ich mich zu keinen Mutmaßungen hinreißen.« Er nickte dem Verwaltungsdirektor zu. »Sie hören in dieser Angelegenheit von mir. Guten Tag, Herr Fuchs.«
Eine Weile saß Dieter am Schreibtisch, bis er endlich wütend wurde. So wütend, wie er sofort hätte werden sollen angesichts dieser unverschämten Worte. Was erlaubte sich dieser Halbgott in Weiß eigentlich? Ohne ihn, den klugen Verwaltungsdirektor, und sein umsichtiges Wirtschaften stünde die Klinik längst nicht so gut da. Der Erfolg des Hauses war auch ihm zu verdanken. Nicht nur dem medizinischen Leiter. Doch Daniel Norden war weg und Dieter Fuchs allein mit seiner Wut.
*
Als der Notarztwagen vor der Behnisch-Klinik hielt, standen die Ärzte schon bereit. Der Fahrer sprang aus dem Fahrerhaus und lief um den Wagen herum. Metall klirrte auf Metall, als Erwin Huber die Beine der Rollliege auseinanderklappte.
»Alles festhalten! Runter geht die wilde Fahrt!«, erklärte er, um seinem Patienten wenigstens ein kleines Lächeln zu entlocken. Doch auch dieser Versuch scheiterte. Genauso wie seine Bemühungen, den jungen Mann unterwegs in ein Gespräch zu verwickeln. Was er auch versucht hatte: Severin Kühnel blieb stumm wie ein Fisch. Normalerweise war der Rettungsarzt gnädig mit seinen Patienten. Ein Unfall war schließlich kein Spaziergang. Doch in letzter Zeit wurde er nervös, wann immer die Fahrt Richtung Behnisch-Klinik ging. Meistens war die Aufregung umsonst. Doch manchmal war ihm das Glück hold. Wie an diesem Morgen.
Die Liege holperte gerade über die Rampe hinunter auf den Asphalt, als Erwins Wunsch in Erfüllung ging.
»Hoppla, junge Frau. Hier gilt aber die Straßenverkehrsordnung. Rechts vor links, wenn ich bitten darf!«, rief er der Kinderärztin Carola May zu, die sich zwischen Krankenwagen und Liege Richtung Eingang schlängelte. Sie war spät dran und hoffte, durch die Abkürzung ein paar Minuten zu gewinnen, die sie für einen Besuch bei ihrer Nichte Leonie nutzen wollte.
»Tut mir leid. Ich habe es eilig!«
Zu Erwins großer Enttäuschung drehte sie sich noch nicht einmal um. Sie winkte nur, ehe sich die automatische Tür öffnete. Bevor die Kollegen den Notfall in Empfang nehmen konnten, huschte Carola an ihnen vorbei und war auch schon in den Tiefen des Hauses verschwunden. Erwin Huber zog die Mundwinkel nach unten.
»Was machen Sie für ein Gesicht?«, erkundigte sich Matthias Weigand. »Doch schlimmer?« Er deutete auf die Liege mit dem Patienten.
»Wie? Was? Wovon …« Erwin riss sich von seiner Enttäuschung los und konzentrierte sich auf seine Arbeit. »Nein, natürlich nicht.« Er reichte Matthias das Klemmbrett mit sämtlichen verfügbaren Patienteninformationen. »Blutdruck unverändert 120 zu 80. Herzfrequenz bei 90. Verdacht auf Sprunggelenkfraktur.«
»Das finden wir heraus. Vielen Dank, Kollege Huber. Bis zum nächsten Mal.«
Erwin Huber half noch, Severin umzubetten. Er wünschte ihm viel Glück und alles Gute, ehe er mit seiner Liege zum Rettungswagen zurückkehrte. Worüber regte er sich auf? Anders als meistens hatte er die schöne Kinderärztin wenigstens zu Gesicht bekommen. Irgendwann würde sich schon wieder eine Gelegenheit ergeben, ein paar Worte mit ihr zu wechseln. Derart besänftigt kletterte er in den Wagen und zog die Tür gerade noch rechtzeitig ins Schloss, ehe der schwarze Flitzer, der um die Ecke geschossen kam, sie einfahren konnte.
Bremsen quietschten, eine Tür öffnete sich und wurde mit lautem Knall wieder zugeschlagen. Ledersohlen klapperten auf dem Asphalt. Ohne den Rettungswagen auch nur eines Blickes zu würdigen, stürmte ein ganz in schwarz gekleideter Mann durch die Türen in die Notaufnahme.
»Wo ist mein Sohn?« Ralf Kühnels Stimme hallte von den Wänden wider, dass Schwester Elena hinter dem Schreibtisch zusammenzuckte.
Ein Stapel Akten rauschte zu Boden. Das fing ja gut an an diesem Morgen! Zuerst die Auseinandersetzung mit ihrer Tochter, die sich ungefragt Mutters Lieblingsbluse aus dem Schrank gemopst hatte. Dann die Fünf in Mathe, die ihr Sohn ihr entschuldigend lächelnd vor die Nase gehalten hatte. Und zu guter Letzt noch ihr Mann, der am Abend lieber mit den Kollegen in den Biergarten ging, statt seiner Frau wie versprochen beim Bau einer Kräuterspirale zu helfen. Und nun auch noch dieser Trampel, der noch nicht einmal Anstalten machte, ihr beim Aufsammeln der Akten zu helfen. An manchen Tagen sollte man lieber gleich wieder ins Bett gehen.
»Wenn Sie mir den Namen Ihres Sohnes sagen, kann ich Ihnen vielleicht weiterhelfen.« Elena klatschte die Akten auf den Tisch.
Schlagartig hörte das Trommeln der Fingerspitzen auf. Mit Genugtuung registrierte Elena die Betroffenheit in der Miene ihres Gegenübers.
