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Sommer an der Adria. Die queere Berliner Tätowiererin Jovana, genannt Jo, hilft für einige Wochen beim Tourismusunternehmen ihres Onkels im kroatischen Hafenstädtchen Rovinj aus. Wenn sie frei hat, geht Jo schwimmen oder trifft sich mit ihrer alten Freundin Maja. Eines Tages begegnet sie am Strand der Grafikdesignerin Anja, die mit ihren Kindern Paulina und Tim Urlaub macht. Frisch geschieden von deren Vater ist Anja froh, einmal rauszukommen aus dem heimischen Hamburg. Vom ersten Moment an fühlen sich die beiden Frauen zueinander hingezogen – und sie gehen nicht nur miteinander Eis essen. Abwechselnd erzählt aus der Perspektive von Jovana und Anja schweift der Blick auch immer wieder in die Vergangenheit der aus höchst unterschiedlichen Verhältnissen stammenden Frauen. Während Anja in einer wohlhabenden Familie aufwuchs, musste Jovana mit ihrer Schwester und den Eltern zu Beginn der Neunziger aus dem zerfallenden Jugoslawien fliehen.
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Seitenzahl: 344
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Alle Charaktere und Handlungen in diesem Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden und toten Personen mögen daher vorkommen, sind aber unbeabsichtigt.
© Querverlag GmbH, Berlin 2022
Erste Auflage: März 2022
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Umschlag und grafische Realisierung von Sergio Vitale unter Verwendung einer Fotografie von IMAGO / Panthermedia
ISBN 978-3-89656-679-9
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Querverlag GmbH
Akazienstraße 25, 10823 Berlin
www.querverlag.de
„Auuuaaaahhhh, Mama!“ Der Schrei riss den kleinen Strand aus der Nachmittagsträgheit. Einige Badegäste schauten schläfrig von ihren Handtüchern auf oder spähten kurz über den Rand ihrer Bücher. Eine kleine, dünne Gestalt in blau-weiß gestreifter Badehose bewegte sich halb humpelnd, halb rennend vom Wasser in Richtung der Liegeplätze im Schatten. Wimmernd legte der Junge die Strecke zurück, wobei er weder auf sonnenbadende Menschen achtete noch auf die verwaisten Handtücher und Luftmatratzen. Er rannte einfach darüber hinweg. Unterbrochen wurde sein Lauf nur durch einen kleinen Stolperer direkt neben Jovanas Bastmatte. Durch eine schnelle Bewegung der Arme konnte der Junge einen Sturz vermeiden, wobei ihm jedoch die Taucherbrille entglitt, die er in der rechten Hand gehalten hatte. Sie landete auf dem Politikteil der Jutarnji list, den Jovana gerade aufgeschlagen hatte. Sie blickte hoch, sah den Jungen, griff nach der Taucherbrille, um sie ihm zurückzugeben, doch er war schon zwei Schritte weiter.
Jovana schaute ihm hinterher und sah, dass er auf eine groß gewachsene, braunhaarige Frau zusteuerte, die sich von einem der Schattenplätze erhoben hatte und ihm einige Schritte entgegengegangen war. Sie schloss ihn in die Arme und streichelte ihm ein paarmal über die kurzen blonden Haare. Gemeinsam gingen sie zurück zu ihrem Platz, wo ein etwa elfjähriges Mädchen sich bemühte, nicht von seiner Lektüre aufzuschauen. Der Junge gestikulierte derweil herum und beschrieb offenbar den Vorfall, der zu seinem Auftritt geführt hatte. Immer wieder zeigte er dabei auf eine Stelle am linken Schienbein. Die Frau hörte ihm zu, während sie eine Wasserflasche aus einem Beutel zog. Als der Junge fertig war, sagte sie etwas zu ihm. Er setzte sich, und sie schüttete ein wenig Wasser über die Stelle. Ein kurzes Aufjaulen, ein genervter Blick des Mädchens – das Drama schien seinen letzten Akt erreicht zu haben. Die Strandgesellschaft hatte es ohnehin nicht weiterverfolgt und war schon längst in ihre somnambule Stimmung zurückgefallen.
Nur Jovana wartete geduldig, dass der Junge – sie schätzte ihn auf acht oder neun Jahre – sich endgültig beruhigt hatte. Als er in ein Handtuch gehüllt mit einem Strohhalmgetränkekarton dicht neben der Frau saß, schien es Jovana so weit zu sein. Ihr Mobiltelefon in der einen, die Taucherbrille in der anderen Hand, ging sie die knapp dreißig Meter hinüber zu den großen weißen Felsbrocken zu Füßen der Pinien, in denen wie immer die Grillen herumlärmten. Unterwegs überlegte Jovana, in welcher Sprache sie den Jungen und die Frau, die wohl seine Mutter war, ansprechen sollte. Seinen Schrei hatte sie nicht zuordnen können, sein Aussehen und das der Frau ließen sie Kroatisch ausschließen. Wie genau sie zu diesem Urteil kam, hätte sie wohl auf Nachfrage gar nicht zu sagen vermocht, Erfahrung vielleicht. Jedenfalls hatte sie sich für Englisch entschieden, als sie bei den dreien ankam.
„I think you lost this“, sagte sie lächelnd zu dem Jungen und hielt die Taucherbrille schräg vor sich. Er hört auf zu trinken, riss die Augen auf und schaute von Jovana zu seiner Mutter und zurück. Die Frau – sie trug einen grünen Bikini mit einem unauffälligen weißen Linienmuster – stand auf. Sie war fast einen Kopf größer als Jovana und wirkte mit ihrer hellen Haut tatsächlich wie eine Engländerin. Oder Holländerin?
„Oh, thank you so much! Tim must have dropped it on the way“, sagte sie und nahm die Taucherbrille entgegen.
Deutsche. Jovana erkannte den Akzent sofort, auch wenn er nur leicht war. Sie blieb trotzdem bei Englisch und sagte freundlich: „You’re welcome.“
Die Mutter hatte den Kleinen derweil mit dem Fuß angestoßen und ihm zugezischt: „Was sagt man da?“
Tim schaute hoch und presste ein „Danke, äh, sänk ju“ heraus.
„It’s alright. Have a nice day!“
„You, too. And thanks again.“
Jovana klopft mit ihrem Mobiltelefon zweimal leicht in die linke Handfläche und wendete sich zum Gehen.
„Bye!“
„Ciao“, antwortete die Deutsche. Das hinter ihr liegende Mädchen hatte auf seine Ellenbogen gestützt die ganze Zeit aufmerksam zugesehen. Sie sagte nichts, und auch ihr Bruder blieb stumm.
Anja schaute der Frau mit den langen schwarzen Haaren hinterher. Sie war ihr dankbar. Genau wie Tim war ihr gar nicht aufgefallen, dass er die Taucherbrille verloren hatte. Doch sobald er sie vermisst hätte, wäre sicher ein kleiner Aufstand fällig gewesen. Für solche Nummern fehlten Anja derzeit alledings mehr denn je die Nerven. Gleichzeitig war ihr natürlich klar, dass ihre Trennung von Phillipp eine emotionale Belastung für die Kinder war. Paulina hatte sich in eine Welt aus Buchstaben und Comics zurückgezogen. Es war schwer für Anja auszumachen, was ihre Tochter überhaupt von der neuen Situation hielt. Tim hingegen reagierte derzeit extrem empfindlich und war weinerlicher als noch vor einem halben Jahr. Deshalb hatte sich Anja gefreut, dass er sie enthusiastisch zum Kauf einer blauen Taucherbrille aufgefordert hatte, als sie an einem der vielen Stände für Strandsachen vorbeigekommen waren. Er konnte bereits gut schwimmen, hatte das Seepferdchen locker bestanden. Dass er nun wie einige andere Kinder in der Bucht ein bisschen tauchend herumdümpeln wollte, hielt sie für ein gutes Zeichen.
Noch am selben Abend, an dem sie die Brille gekauft hatte, hatte sie ihm im Badezimmer gezeigt, wie man sie so überzog, dass kein Wasser eindringen konnte. Die nächste Stunde war Tim mit dem Teil auf der Nase herumgerannt, hatte so getan, als wäre er unter Wasser und seine Schwester ein seltsamer Fisch. Paulina hatte nach ihm geschlagen, was ihn nur noch mehr anfeuerte. Als er jedoch zu ihrer Schwanzflosse geschwommen war und sie ihm damit einen kräftigen Tritt verpasst hatte, war es schlagartig vorbei gewesen mit der Tauchstunde im Hotelzimmer.
Am Meer hatte er sich schnell mit der Brille zurechtgefunden und war noch lange im Wasser geblieben, als Anja und Paulina schon zu ihren Handtüchern zurückgehrt waren. Was ihm genau widerfahren war, bevor er heulend angerannt kam, konnte sie seinem wirren Bericht nicht recht entnehmen. Wahrscheinlich hatte er nicht bemerkt, dass er zu nah an einen der scharfkantigen Felsen herangetaucht war, und hatte sich beim Umdrehen am Schienbein aufgeratscht. Jedenfalls hatte er dort nun eine etwa zehn Zentimeter lange rote Schramme, deren obere Hälfte sogar ein wenig blutig war. Nichts Schlimmes, aber genug für einen mächtigen Schreck.
Anja hoffte, dass Tim den Vorfall genauso schnell vergessen würde, wie die kleine Wunde verheilen würde. Es hatte ihm viel Spaß gemacht, unter Wasser plötzlich klar sehen zu können. Lachend und prustend hatte er ihr von seinen Sichtungen erzählt und ihr zwei besonders schöne Steinchen geschenkt, die er auf dem Grund gefunden hatte. Es war eine Weile her gewesen, dass Anja ihn derart ausgelassen gesehen hatte. Und während sie noch darüber nachsann, ob und wie lange Tim wohl wegen der Schramme nicht ins Wasser konnte, schaute sie, wohin die Taucherbrillen-Finderin gerade lief. Sie hatte einen lässigen, selbstsicheren Gang und tiefbraune Haut, als verbrächte sie den ganzen Sommer draußen. Ihr orangefarbener Bikini schien dadurch besonders hell zu leuchten, die Tattoos, die einen großen Teil ihrer Arme und des Rückens zierten, waren hingegen nur schwer zu erkennen. Blöd eigentlich, dachte Anja, im Winter, wenn ihre Haut heller ist, kommen die Bilder und Muster am besten zur Geltung, sind aber durch langärmlige Kleidung verborgen. Nur wer mit ihr ins Fitnessstudio oder ins Bett geht, kann sie richtig bewundern.
„Mama, ich will auch einen Saft!“, rief Paulina und riss Anja aus ihren Gedanken, die ihr sogleich völlig unpassend erschienen.
„Du weißt doch, wo der ist“, sagte sie, kramte aber dennoch ein Apfelsaftpäcken aus dem Rucksack und reichte es ihrer Tochter.
„Danke“, sagte Paulina leise, während sie den kleinen Strohhalm von der Seite des Kartons abriss und mit dessen spitzem Ende in den kleinen Silberkreis stach.
Noch einmal schaute Anja zu der Frau hinüber, die inzwischen an ihrer Matte angekommen war. Sie stopfte ihr Telefon in eine kleine dunkelblaue Sporttasche, genauso die Zeitung, von der Anja aus der Ferne zu erkennen glaubte, dass es eine kroatische war. Anschließend legte sie ihr Handtuch über die Tasche, warf ihre Sonnenbrille auf die Matte und ging Richtung Wasser, wobei sie die linke Seite der kleinen Bucht ansteuerte – im sicheren Abstand von der bereits seit einer halben Stunde am Ufer herumlärmenden Teenagergruppe. Das ewige Gekichere, Geschubse und Gekreische der Pubertät, hier in einer istrischen Strandversion vorgetragen, wollte sie wohl lieber umgehen. Sie streifte die Flip-Flops von den Füßen und suchte vorsichtigen Schrittes einen Weg über den felsigen Untergrund. Bald hatte sie es in weniger spitze Gefilde geschafft, mit einem kleinen Satz warf sie sich der Kühle der Adria entgegen und genoss sichtlich die ersten drei Züge unter Wasser.
Anja hatte derweil begonnen, ihre und die Sachen der Kinder zusammenzusammeln. Es war bald sechs, bis sie beim Hotel ankommen würden, wäre es genau Abendessenszeit. Tim und Paulina machten ausnahmsweise kein Theater, sondern zogen sich freiwillig ihre Turnschuhe an. Fünf Minuten später waren sie auf dem Rückweg.
Das Haus war leer, als Jovana zurückkam. Sie duschte und machte sich einen Salat, den sie vor dem Fernseher aß. Die Nachrichten nervten sie genauso wie die Zeitung, die sie nur halb gelesen hatte. Jedes Mal dasselbe pathetische nationalistische Gerede Anfang August. Es war gar nicht mal so sehr die Erinnerung an das Schicksal ihrer eigenen Angehörigen und befreundeter Familien in diesen heißen Tagen vor zwanzig Jahren, die in ihr eine Mischung aus Traurigkeit und Abscheu auslöste, sondern eher die Fixierung auf die Vergangenheit. Warum wurden all diese fragwürdigen Heldengeschichten immer wieder hervorgekramt?
Natürlich hatte es auch wieder „Za dom spremini“-Rufe bei der Militärparade und beim Auftritt dieses widerwärtigen Fascho-Rockers Thompson gegeben. „Für die Heimat bereit“ – so ein Quatsch. Was Jovana besonders deprimierte, waren die vielen jungen Leute, die Fahnen schwenkten und T-Shirts mit nationalistischen Aufdrucken trugen. Hatten sie wirklich nichts anderes, was sie feiern konnten, als dieses kleine Fleckchen Erde und das rot-weiße Karomuster? Natürlich lag das größtenteils an den Eltern, hinzu kamen vielerorts nationalistische Pfarrer, und was in der Schule heutzutage so unterrichtet wurde, wollte Jovana sich gar nicht erst vorstellen. Sie war froh, dass sie in der Nähe von Stuttgart Abitur gemacht hatte, wo man damals „ihren“ Krieg schon wieder gut vergessen hatte, bestenfalls der Kosovo-Konflikt und die NATO-Bombardierung Serbiens waren noch vage ein Begriff.
Als in New York die World-Trade-Center-Türme fielen, hatte auch für Jovana eine neue Zeitrechnung begonnen. Sie machte Abitur, und mit dem Schulabschluss endete ihre Aufenthaltserlaubnis in Deutschland. Sie hätte versuchen können, mit einer Bescheinigung über einen Studienplatz eine Verlängerung zu bekommen. Wobei sie ihre Chancen als nicht sonderlich hoch einschätzte. Aber sie hatte ohnehin überhaupt keine Lust gehabt, sich irgendwo einzuschreiben oder zu bewerben. Unmöglich. Alles in ihr hatte sich dagegen gesträubt, noch mehr als gegen all die Ratschläge und Aufforderungen, die sie von ihrer Familie bekommen hatte. Die Eltern hatten sie angefleht, mit ihnen nach Šibenik zu kommen, wo sie in das Apartment eines alten Freundes ziehen konnten. Er war nach Australien gegangen und seine Mutter, die dort gewohnt hatte, kürzlich gestorben. Die Wohnung war etwas heruntergekommen, aber immerhin in der Altstadt. Mit dem Ersparten aus Deutschland würden sie eine Weile über die Runden kommen und mit ein bisschen Glück bald Arbeit finden.
Jovana hatte diesen Plan für sehr naiv gehalten. Wer wollte in Šibenik schon etwas von zwei Anfang Fünfzigjährigen wissen, die damals nach Deutschland abgehauen waren, sie auch noch Serbin … Die Jobs, die es gab, waren verteilt. Beziehungen hatten die beiden auch nicht wirklich. Trotzdem verstand Jovana ihre Eltern. Sie hatten in Deutschland zwar beide Arbeit und auch Anschluss gefunden, doch die Unsicherheit, die nach Kriegsende mit ihrem Duldungsstatus einherging, hatte sie zermürbt. Vor allem die Besuche bei der Ausländerbehörde, bei denen Lidija und sie als Übersetzerinnen zugegen waren, hatten die beiden als unwürdig und quälend empfunden.
Kein Wunder, dass ihre Eltern die alte Heimat zunehmend verklärten. Sie wollten dahin zurück, wo sie jung und glücklich gewesen waren. Dass weder das Land noch das Haus, in dem sie gelebt hatten, noch existierte, konnte dieser Sehnsucht nichts anhaben. Etwas zog sie dorthin, genauso wie es Jovana in die andere Himmelsrichtung zog.
Berlin war seit einer Klassenfahrt in der zehnten Klasse ihre Traumstadt gewesen. Aufregend, frei und bunt hatte die Metropole auf sie gewirkt. In einem Café hatte sie ein Exemplar des schwul-lesbischen Stadtmagazins Siegessäule eingesteckt und es unbeobachtet von den anderen durchgeblättert. Wow, wow, hatte sie die ganze Zeit gedacht. Am liebsten wäre sie eine ganze Woche in Berlin geblieben, um bei den vielen Partys und Treffs vorbeizuschauen. Zwar hatte auch Stuttgart eine kleine Szene, doch dort hätte sie sich nie hingetraut. Zu groß war ihre Angst gewesen, jemandem zu begegnen, den oder die sie kannte. Dann wäre überall herumerzählt worden, dass sie eine Lesbe ist. Und dessen war sie sich selbst ja noch gar nicht so sicher. Alles, was sie wusste, war: Ihre kurze Beziehung mit Jan aus der Parallelklasse hatte ihr zwar mitunter Spaß gemacht, vor allem seine charmante Art und ihre Knutschereien in der Raucherecke. Doch irgendwie war sie nicht mit dem ganzen Herzen bei der Sache gewesen. Sie musste sich auch eingestehen, dass sie sich etwas zu sehr für seine zwei Jahre ältere Schwester Tina interessiert hatte. Mit ihren kurzen zurückgegelten Haaren und ihren sportlichen Klamotten – sie spielte Hockey in Stuttgart – hatte sie schon eine Weile irre anziehend auf Jovana gewirkt. Immer wenn sie Jan besucht hatte, hatte sie gehofft, dass Tina auch da wäre. Die Zimmer der Geschwister lagen nebeneinander. Beim Rummachen auf Jans Bett hatte sich Jovana manchmal vorgestellt, Tina schaue ihnen zu.
Jan war wie sie siebzehn – er war einmal sitzen geblieben, sie hatte nach ihrer Ankunft in Deutschland ein Schuljahr verloren. Weil sie schon ein paar Monate miteinander gingen, stand „es“ nun langsam an. Jovana wusste aus sicherer Quelle, dass er schon Erfahrung hatte, das Ganze würde also eventuell halbwegs unpeinlich ablaufen. Womit sie recht behalten sollte an dem warmen Nachmittag, als er sie wieder zu sich eingeladen, ein Massive Attack-Album aufgelegt und sich übertrieben lässig neben sie aufs Bett geworfen hatte. Als mittendrin überraschend Tina türenknallend nach Hause kam – eigentlich war sie beim Training, wie Jan versichert hatte –, bekam die zunächst doch etwas schmerzhafte Angelegenheit für Jovana eine andere Dimension. Sie stellte sich vor, dass Tina es wäre, die sich über und in ihr bewegte. Leise stöhnend drückte sie ihren Rücken durch, Jan gefiel das so gut, dass er umgehend kam. Sie nicht, aber sie griff sich einfach Jans Hand und führte sie zwischen ihre Beine. Er verstand, was er zu tun hatte, während Jovana an Tina dachte, bis sie Sternchen sah. Erschöpft schmiegte sie sich an Jan, beide schliefen ein.
Als sie eine knappe Stunde später erwachten, lächelten sie sich an – nicht wie Geliebte, sondern mehr wie Geschäftspartner, die einen komplizierten Deal eingefädelt hatten und deren Wege sich nun trennen würden. So war es dann zwei Wochen später tatsächlich gekommen. Bei einer Zigarette in der großen Pause hatten sie sich ganz ruhig über das Ende ihrer Gefühle füreinander ausgetauscht und waren nach dem Gongschlag in ihre jeweiligen Klassenzimmer gegangen. Von da ab sahen sie sich nur einmal in der Woche im Kunstkurs.
Tina tauchte nun hingegen regelmäßig in Jovanas Fantasien auf. Wenn sie der Älteren auf dem Schulhof begegnete, wurde sie sofort rot. Wahrscheinlich hielt Tina das für eine Folge der Trennung von ihrem Bruder. Oder sie bemerkte es gar nicht – schließlich war sie im Abi-Jahrgang und Jovana nur unterklassiges Gemüse.
Auf der Klassenfahrt hatte sich Jovana vorgenommen, am Freitag- oder am Samstagabend irgendwie abzuhauen und eine Frauenparty zu besuchen. In der Siegessäule waren einige aufgelistet gewesen. Doch am Freitag zerrte ihre Lehrerin die Klasse in eine Artistik-Show, und am Samstag wollten Ebru und Clara unbedingt mit ihr in einen Club in Mitte, von dem ihnen zwei Typen aus der Oberstufe erzählt hatten. Jovana konnte schlecht zu ihnen sagen: Ne, ich will nach Kreuzberg zu so einer Lesbensause, um rauszufinden, ob ich wirklich auf Frauen stehe. Ebru und Clara waren so was wie ihre Gang; auf der Fahrt hingen sie ständig zusammen ab. Also ging sie mit. Zwar mussten sie ziemlich lange nach dem Eingang im zweiten Hinterhof suchen, waren dann aber ohne Probleme reingekommen, für ihr Alter schien sich hier eh niemand zu interessieren. Der Laden war mehr ein Keller als ein Club – mit improvisierter Bar, schrottigem Soundsystem und einer Minitanzfläche, auf der sich eine schwitzende Menge zu Techno bewegte. Es gab kaum Licht, aber Jovana konnte erkennen, dass die Leute wenig anhatten und begannen, kollektiv in eine Art Trance hinüberzugleiten. Der DJ drehte regelmäßig die Bässe raus, und wenn er sie wieder zurückbrachte, jubelten die Tanzenden, zwei hatten Trillerpfeifen dabei, in die sie vor Freude bliesen.
Ebru und Clara hatten sich einen Gin Tonic bestellt, Jovana ein Bier. Ihre Freundinnen waren aufgekratzt und kicherten ständig. Sie hatten einen Jungen mit dunklen Locken in den Blick genommen, der sich am Rand der Tanzfläche bewegte. Endlich fassten sie sich ein Herz und gingen auch auf die Tanzfläche. Beiläufig schoben sie sich neben ihn und begannen zu tanzen. Jovana blieb an ihrem Platz an der Theke zurück. Der Track, der gerade lief, war schnell und steuerte gerade auf einen vom Stroboskop-Flackern befeuerten Höhepunkt zu. Jovana schloss für einen Moment die Augen, als sie sie wieder öffnete, sah sie, wie sich zwei schlanke Männer an der gegenüberliegenden Seite der Bar leidenschaftlich küssten. Ihre Körper waren eng aneinandergeschmiegt und bewegten sich in ihrem eigenen vom DJ unbeeinflussten Rhythmus. Es kam Jovana vor wie ein Bild aus einem Traum, so frei, selbstverständlich und schön. Sie lächelte, ohne dass es ihr bewusst war. Genau in diesem Moment hatte die genau zwischen Jovana und dem Paar stehende Barfrau zu ihr rübergeschaut. Sie trug ein schwarzes Tanktop und die Haare an den Seiten ausrasiert. Auch sie lächelte, amüsiert über diese verzückte junge Person an ihrer Bar.
„Noch eins?“, fragte sie und zeigte auf die leere Flasche neben Jovana. Es war, als hätte sie sie geweckt.
„Ja, gern“, antwortete sie und lächelte noch breiter. Was für eine coole Frau, was für ein cooler Club, was für eine Hammer-Stadt. Eines Tages würde sie hier wohnen.
Das Brummen des Mobiltelefons auf dem Nachttischchen hatte Anja geweckt. Mit halb geöffneten Augen griff sie danach und schob sich zum Lesen in eine halb aufrechte Position. Dabei schaute sie erst zu Tims Bett an der gegenüberliegenden Wand – er schlief auf dem Bauch liegend – und dann nach links neben sich zu Paulina, die schon las. Sie lächelte ihre Tochter an und schaute dann auf das Display: eine Textnachricht von Bernd. „Morgen! Schau doch bitte mal auf die Seite, irgendwas stimmt nicht mit dem Kontaktformular, und wenn man von der Projekte-Unterseite auf den Home-Button klickt, kommt man auf ,Über uns‘. Wäre super, wenn Du das bald fixen könntest. Danke! Bernd.“ Uhh, was hatte sie denn da gemacht? Sie tippte: „Sorry, das ist ja blöd. Korrigiere ich sofort. Gruß A.“
Es war halb neun, schon relativ spät für die Kinder. Sie schienen also langsam in einen Urlaubsrhythmus zu kommen. Tim zumindest. Wie lange Paulina schon las, wusste sie ja nicht.
„Morgen, mein Engel. Wie geht’s?“
„Gut“, kam es gelangweilt zurück.
Anja wuschelte ihr durchs Haar und ging ins Bad. Anschließend setzte sie sich an ihren Laptop. Die Website von Langenhagen, Meyer & Hofreiter hatte sie kurz vor ihrer Abreise fertig gemacht; offenbar war sie mit ihren Gedanken schon woanders gewesen. Die Architekten hatten eine schlichte, übersichtliche Seite bei ihr in Auftrag gegeben, die vorherige war nur eine Startseite mit Adresse und Telefonnummer gewesen. So was ging natürlich im Jahr 2015 gar nicht mehr.
Sie hatte Standard-Templates benutzt, aber offenbar an zwei Stellen falsche Befehle eingesetzt. Flüchtigkeitsfehler. In fünf Minuten hatte sie sie berichtigt und die Seite neu hochgeladen. An Bernd schickte sie eine weitere SMS: „Done! Sorry noch mal.“ Es war ihr wichtig, dass er zufrieden war, deshalb hatte sie gesagt, dass er sich auch in ihrem Urlaub jederzeit bei ihr melden konnte. Sie hoffte auf weitere Aufträge. Ein paarmal hatte sie erwähnt, dass ein neues Logo oder zumindest neue Briefköpfe seiner Firma gut anstehen würden. Er hatte abgewiegelt und gesagt, dass sie jetzt erst mal mit der Webpräsenz anfangen wollten und dann weitersehen.
Anja wollte nicht nur von Phillipps Unterhaltszahlungen leben. Erstens würde das knapp werden, und zweitens hatte sie bis auf kurze Unterbrechungen ja immer gearbeitet, konnte also an etwas anknüpfen. Obwohl Phillipp schon bald nach seinem Einstieg im Büro seines Vaters gut verdient hatte, hatte sie für Paulina einen Krippenplatz gesucht und für sich die ersten Aufträge. Sie wollte nicht völlig umsonst studiert haben. Vor allem aber machte ihr die Arbeit Spaß – nachdem sie endlich einen leistungsstarken Mac, einen großen Monitor und die neuesten Versionen der wichtigsten Grafikprogramme angeschafft hatte. Ohne zu murren, hatte Phillipp das alles bezahlt und ihre beruflichen Ambitionen immer unterstützt. Er hatte immer betont, dass er das attraktiver fand als eine „Nur-Mutter-und-Ehefrau“, die in ihrer schicken Wohnung auf ihn wartet. Vielleicht hatte er auch einfach ein schlechtes Gewissen gehabt, dass es für ihn als Mann nach dem Studium ganz selbstverständlich mit der Karriere losging, Anja hingegen diejenige war, die sich zum größten Teil um ihr gemeinsames Kind kümmerte.
Tim war aufgewacht und zu ihr an den Schreibtisch gekommen. „Was machst du?“, fragte er.
„Ein bisschen arbeiten. Aber jetzt bin ich fertig. Wie geht’s deinem Bein?“
Er streckte es vor, und Anja inspizierte die Schramme, deren untere Hälfte mit einem dünnen Schorf bedeckt war, ansonsten war die Haut nur gerötet und leicht angekratzt.
„Hmm, das sieht schon ganz gut aus, aber heute setzen wir mit dem Baden mal aus. Das muss noch besser verheilen.“
„Och, menno!“ Tim stampfte mit dem verletzten Bein auf.
„Einen Tag! Es würde dir auch wehtun, wenn Salzwasser in die Wunde kommt“, erklärte Anja. „Wollen wir runtergehen, frühstücken?“, schob sie hinterher, um ihn abzulenken.
„Ja!“
„Okay, dann geh du mal Zähne putzen, und wir Ladys ziehen uns schon mal an.“
Tim rannte los, doch Paulina machte keine Anstalten, sich von ihrem Buch zu lösen. Anja ging zu ihr rüber, legte sich neben sie ins Bett. „Na, ist es spannend?“, fragte sie und bekam nur einen leisen Seufzer als Antwort. Sie blieb kurz neben ihrer Tochter liegen und überlegte, was sie anziehen würde und was sie mit den beiden heute machen wollte.
Als sie gerade grübelte, wo im Ort wohl eine Drogerie sei – sie brauchte Taschentücher und eine Bodylotion –, hörte sie, wie Paulina ihr Buch zuklappte. „Gerade ist es noch nicht richtig spannend“, sagte sie. „Aber ich glaube, das ändert sich bald.“ Schon warf sie das Buch neben das Bett, schlug die Decke beiseite und rannte ins Bad.
Beim Frühstück schmierte sich Paulina mit großer Andacht ein Nutella-Brötchen und aß es langsam. Bei ihnen zu Hause gab es kein Nutella, weil Anja den Zuckerkonsum der beiden zu kontrollieren versuchte, aber jetzt war Urlaub, und sie hatte keine Lust, am Buffet Verbote auszusprechen.
Tim hatte sich befremdlicherweise den ganzen Teller voller Rührei geladen. Normalerweise war er kaum dazu zu bewegen, sein Müsli aufzuessen, und hier schaufelte er plötzlich jeden Morgen eine beachtliche Portion in sich hinein. Vielleicht die Seeluft, vielleicht eine Wachstumsphase.
Vom Nebentisch zwinkerte eine lockige Frau Anja aufmunternd zu. Sie saß zusammen mit einem gelangweilten Mann und einem Jungen etwa in Tims Alter, der ebenfalls Rührei-Fan zu sein schien.
„Die jungen Männer wollen groß und stark werden. Nicht wahr, Konstantin?“, sagte sie halb an Anja, halb an ihren Sohn gerichtet. Konstantin aß ungerührt weiter.
Anja lächelte kurz und sagte: „Ja, sieht so aus.“ Wie sehr sie es hasste, wenn ihre Kinder mit „junger Mann“ und „junge Frau“ angeredet wurden. Dass die Tischnachbarin auch gleich noch ein Geschlechterklischee mit in den Satz gepackt hatte, ließ sie eine geistige „Kontakt-Vermeiden“-Notiz machen.
Kellner Stipe kam mit dem Kaffee und fragte in seinem charmanten Deutsch, ob sie gut geschlafen habe. Anja bejahte, und Stipe versicherte wie schon am Vortag, dass sie es nur zu sagen brauchte, wenn sie noch irgendetwas wünschte oder etwas nicht zu ihrer Zufriedenheit – seine Zunge stolperte ein bisschen in der Mitte des Wortes – sei.
Stipe hatte im Vorjahr Anjas Mutter so liebevoll umsorgt und wohl auch ein kleines bisschen mit der agilen alleinstehenden Dame geflirtet, dass er in ihren Urlaubsschilderungen fast mehr Raum eingenommen hatte als ihre Eindrücke von der Stadt oder vom Essen. Wenn Anja es sich genau überlegte, war Stipe der Grund, warum sie selbst nun in diesem Frühstücksraum mit Meerblick saß. Ihre Mutter hatte ihr diesen Urlaub quasi befohlen – und ihn auch bezahlt.
„Du musst mal hier raus, das Meer wird dir guttun, es macht den Kopf frei. Und außerdem sind sie im Hotel äußerst zuvorkommend. Mein Kellner Stipe zum Beispiel war die Höflichkeit in Person, und er weiß viel über die Geschichte Istriens.“
Bevor sie ein weiteres Mal zitieren konnte, was sie von Stipe über den römischen Einfluss auf die Halbinsel gelernt hatte, hatte Anja eingewilligt. Und heute, am vierten Tag, waren auch ihre Skrupel, in so einem Luxusschuppen voller reicher Leute aus Deutschland, England und Holland zu wohnen, allmählich verflogen. Sie war froh, Hamburg und den Gedanken an Phillipp entkommen zu sein.
Jovana war am Abend bald in ihr Zimmer gegangen, um ein bisschen zu lesen. Eigentlich war es gar nicht ihr Zimmer, sondern das ihrer Cousine. Doch seit Tamara mit ihrem Mann zusammengezogen war, stand es leer. Zwei Boygroup-Poster hingen noch an der Wand, und ein paar alte Bücher, Hefte und CDs lagen im Regal. Jovana hätte Plavi Orkestar eigentlich gerne abgehängt, aber nach zwei, drei Wochen übersah sie die grinsenden Kerle. Sie hatte die Nachttischlampe auf ihr Buch gerichtet und das dünne Laken nur bis zum Bauchnabel über ihren Körper gezogen. Es war noch immer warm, was Jo aber nichts ausmachte.
Als sie gerade umblättern wollte, brummte ihr Mobiltelefon neben ihr. Sie las die Seite zu Ende und schaute dann, wer geschrieben hatte. Jannis! Er war am Tag zuvor mit dem Bus von Rovinj nach Rijeka gefahren und schüttete seine Begeisterung in sein Telefon.
„Tolle, tolle Stadt! Wunderschöne Uferpromenade, dann so eine Art Catwalk vom Hafen ins Meer. Und so eine krasse Geschichte. Nichts gegen Rovinj, aber was hier los war … Hatte ich alles gar nicht auf dem Schirm, vor allem, dass mal faschistische Spinner die Stadt besetzt hatten. Hölle! Und auch noch ein Schriftsteller an der Spitze! Ich muss mal was von dem lesen. Wie läuft es bei Dir?“
Jovana schrieb kurz zurück und riet Jannis davon ab, Gabriele D’Annunzio zu lesen. „Reine Zeitverschwendung. Lies lieber mal was Aktuelles. Ivana Sajko zum Beispiel ;)“
„Ja, ja, kommt noch“, schrieb er zurück. „Laku noć!“ Joanna wünschte ihm ebenfalls eine gute Nacht und schickte noch hinterher: „Ich vermisse Dich schon …“ Ein Haufen Kuss- und Herz-Emojis waren seine Antwort.
Jannis war mit Jovana aus Berlin gekommen. Der erste Urlaub seit seiner Brust-OP zu Beginn des Jahres. Er war überglücklich, nun endlich befreit und mit flachem Oberkörper ins Wasser gehen zu können. Dass ein paar Badegäste auf seine Narben starrten, konnte seine Freude nicht trüben. Jovana hatte sein strahlendes Gesicht noch vor Augen, als er zurück zum Liegeplatz kam, um sich abzutrocken. Sie war froh, dass ihr Freund die lange Zeit der Angst, der Anträge und der Arztbesuche nun hinter sich hatte und sein Leben unbeschwerter leben konnte.
In Rovinj hatte Jannis für eine Woche ein kleines Apartment gemietet, sich die Stadt angeschaut und viel am Strand gelegen. Abends war er meist mit Jovana zusammen gewesen; auch ihre Freunde Maja und Damir hatte er kennengelernt. Sie mochten ihn sofort, machten ihm Komplimente für sein Kroatisch, das eigentlich mehr Serbisch war, doch bei einem Ausländer nahm man es nicht so genau. Immer wieder brachte er sie zum Lachen mit seiner überbordenden Begeisterung für jugoslawische Literatur und Rockmusik.
„Oh, Mann, das hört höchstens noch meine Tante“, hatte Damir zu Jannis’ Achtziger-Schwärmereien gesagt.
„Deine Tante kennt sich eben aus. Das war schließlich das beste Pop-Jahrzehnt überhaupt. Ich kann das sagen, denn ich war dabei“, gab Jannis zurück, der etwas älter war als die anderen.
Aufgewachsen in Berlin-Marzahn, hatte er seine Schulzeit in der DDR absolviert und in den Neunzigern in besetzten Häusern in Mitte gewohnt, bevor er im Friedrichshain eine queere WG mitgegründet hatte, in der er immer noch lebte – mit Mietvertrag mittlerweile.
Jetzt war er auf einer Reise, die ihn über Rijeka nach Bosnien führen sollte. Er wollte zunächst Travnik besuchen, den Geburtsort seines Idols Ivo Andrić, dann Sarajevo und schließlich Višegrad, die Stadt, in der dessen Meisterwerk Die Brücke über die Drina spielte. Jannis hatte alles von Andrić gelesen. Erst auf Deutsch und, seit er die Sprache besser konnte, noch einmal im Original. Er hatte seine Masterarbeit über den einzigen jugoslawischen Literaturnobelpreisträger geschrieben, aber bisher nur das Museum in dessen einstiger Belgrader Wohnung besucht. Für den Trip zu Andrićs Wurzeln konnte er endlich seinen neuen Pass mit seinem richtigen Vornamen benutzen. Der erste Stempel darin würde ein bosnischer sein.
Jovana hätte ihn eigentlich gern begleitet. Doch es klappte zeitlich nicht. Denn jetzt war Hochsaison, und sie half ihrem Onkel Bogdan mit seinen Ausflugsschiffen. Es war der dritte Sommer, in dem sie das machte und in seinem Haus wohnte. Sie fühlte sich wohl hier, die Arbeit war okay. Dass sie zwei Monate am Meer sein konnte, war ihr fast wichtiger als das Geld, das Bogdan ihr zahlte. Viel war es ohnehin nicht, doch sie musste nichts für die Unterkunft zahlen, und Tante Marija kochte wirklich hervorragend. Der Sommer bedeutete für sie auch eine Auszeit von Deutschland, das sie bei aller Wertschätzung auch immer wieder nervte mit seiner Kleingeistigkeit und der Enge der Herzen.
Dass die Menschen in Rovinj so viel offener, wärmer und freundlicher waren, erklärte sie sich mit dessen Nähe zum Meer. Hinzu kamen aber auch die unsichtbaren Fäden, die sie mit demselben vom Globus verschwundenen Land verbanden wie Jovana. Es gab da etwas, das immer noch weiterschwang und Jo ein Gefühl von Vertrautheit vermittelte. Das alles trug dazu bei, dass sich ihre Akkus in Istrien wieder aufluden.
„Dobro jutro!“ Jovana setzte sich an den Frühstückstisch. Marija schenkte ihr Kaffee in den Becher. Bogdan schaute von der Zeitung auf, wünschte ihr ebenfalls einen guten Morgen, um dann sofort einen Blick auf seine Armbanduhr zu werfen.
Jovana verstand schon: Er fand, dass sie spät dran sei. Schon ein paarmal hatten sie darüber diskutiert, ob ihnen morgens potenzielle Kunden entgingen, wenn Jovana erst gegen 10 Uhr an ihrem Stand aufkreuzte. Sie war der Meinung, dass vorher eh kaum Touristinnen und Touristen unterwegs waren. Bogdan war sich sicher, dass das sehr wohl der Fall sei. Blieben gelegentlich einige Plätze auf seinen beiden Schiffen frei, ließ er es sich nicht nehmen, noch mal auf ihre „späte“ Anfangszeit hinzuweisen. Richtig böse wurde er aber nie, dafür liebte er seine Nichte viel zu sehr. Er war froh, sie im Sommer bei sich zu haben, und so beließ er es diesmal mit einem Blick zur Uhr.
Um kurz nach 10 hatte Jovana den Stand aufgebaut und sich auf den Barhocker dahinter gesetzt. Sie sortierte gerade die Faltblätter, als sie von rechts eine genervte Frauenstimme rufen hörte.
„Komm jetzt bitte, Tim!“
Es war die Frau von gestern, neben ihr das Mädchen und etwa zwanzig Meter hinter ihnen der kleine Taucher, der offenbar versuchte, eine Möwe zu hypnotisieren. Oder hatte sie ihn hypnotisiert? Die beiden standen jedenfalls regungslos, Auge in Auge, voreinander.
„Sofort!“, rief die Frau in schneidendem Ton, womit sie den Bann durchbrach: Der Junge wandte sich von dem grau-weißen Vogel ab und rannte los. Kurz vor Jovanas Stand erreichte er seine Mutter, deren linke Hand er ergriff, als wäre nichts gewesen. Genervt schaute sie auf ihn hinunter und ging dann normal weiter.
„Na, alles gut überstanden gestern?“, sagte Jovana, als die drei auf ihrer Höhe waren.
Anja drehte den Kopf zu ihr und brauchte einen Moment, um sich zu sortieren. Sie blieb stehen.
„War ja ein ganz schöner Schreck am Strand“, sagte Jovana, die bemerkt hatte, dass Anjas Kopf noch damit beschäftigt war, sie wiederzuerkennen.
Jetzt hatte sie es. „Ja, das war ein Schreck, aber es geht schon wieder. Eine Schramme halt.“
Tim streckte sein Schienbein vor, Jovana beugte sich über den Stand, um es besser sehen zu können. „Hmm, ja das braucht ein paar Tage“, sagte sie. „Hey, da habe ich eine Idee für euch: Macht doch einen Ausflug mit dem Schiff. Zufällig habe ich hier ein paar schicke Angebote.“ Bei den letzten drei Worten schaute sie Anja direkt in die Augen und zeigte ihr freundlichstes, wärmstes Lächeln, das sie bei ihrer Arbeit im Sommer weit häufiger benutzte als den Rest des Jahres in Berlin.
„Au ja, ich will Boot fahren!“, rief Tim sofort und zog an Anjas Hand. Er zeigte auf eine der großen Fotografien, die auf die äußere Standwand gedruckt waren.
Anja schaute nicht zu ihm hinunter, sondern weiter in Jovanas Augen. Wie schön grün sie blitzten. Ja, sie war sicher eine gute Verkäuferin, aber Anja schaltete bei solchen Straßenrand-Anbietern grundsätzlich erst mal auf Durchzug. Sie hasste das Gefühl, etwas aufgeschwatzt zu bekommen.
Derweil hatte Jovana begonnen, Tim zu erklären, dass es sich bei der von ihm ausgewählten Tour um eine Fahrt durch den Limski-Kanal handelte. „Und auf der Rückfahrt gibt es einen Stopp an einer Piratenhöhle“, sagte sie gerade und tippte mit dem Zeigefinger auf die abgebildete Flagge.
Tim hüpfte aufgeregt herum. „Toll, da müssen wir hin, bitte, Mama“, rief er.
Anja schaute ihn an, dann Paulina, die die Szene halb gelangweilt von der Seite betrachtete. „Echt jetzt?“, sagte sie in die Richtung ihrer Kinder.
„Ja, auf jeden Fall!“ Tim zog wieder an ihrer Hand. Sie schaute zu ihrer Tochter, die mit den Schultern zuckte.
„Okay, dann machen wir einen Ausflug“, hörte sich Anja sagen, wobei sie sich plötzlich fast ein bisschen euphorisch fühlte, wohl, weil sie gegen ihre Gewohnheit handelte. Aber, hey, wir fahren ja nicht auf den Mars, es ist bloß ein Kanal, beruhigte sie sich gleich wieder, während Jovana ihr die Abfahrtszeiten erläuterte und die Preise auflistete. Sie entschied sich schnell, bezahlte und sah ein freudiges Grinsen, das sich in Tims Gesicht ausbreitete.
„Prima, dann seid um zehn vor zwei wieder hier, ich bringe euch dann zum Anleger“, sagte Jovana.
„Alles klar, bis dann“, antwortete Anja und wendete sich zum Gehen, ihre Kinder rannten vorweg.
„Tschüs!“, rief Jovana ihnen hinterher.
Das fing ja super an heute. Sie hatte einige Vorbestellungen von gestern auf der Liste, online hatte sich zudem eine zehnköpfige Gruppe angemeldet, und über die Agenturen, mit denen sie zusammenarbeiteten, war auch schon einiges reingekommen – die Kanal-Tour mit der Aneta würde sicher ausgebucht sein, und für die Panoramarundfahrt sah es ebenfalls ganz okay aus. Hochsaison, gute Sache. Und da näherten sich auch schon die nächsten Touristen, um nach den Preisen zu fragen. Lächeln und los.
Während sie im Supermarkt nach Pflastern für Tim suchte, gefiel Anja die Ausflugsidee immer besser. Sie freute sich auch, die Frau mit den schwarzen Haaren und dem schönen Lächeln noch mal zu treffen. Ihr fiel auf, dass sie ihren Namen gar nicht kannte. Und wieso sprach sie eigentlich fließend Deutsch? Hatten sie nicht gestern Englisch geredet? Sie hatte sie für eine Einheimische gehalten, wobei die vielen Tattoos schon ungewöhnlich waren. Bei Frauen sah man hier eigentlich kaum welche und schon gar nicht solche. Anja war eine Art Pin-up-Girl auf dem Oberarm in Erinnerung geblieben. Hatte Amy Winehouse nicht auch so eins gehabt?
Endlich fand sie die Pflaster, warf auch noch eine Packung Taschentücher in den Korb und ging dann in die Richtung, aus der die streitenden Stimmen ihrer Kinder kamen. Sie ging zwischen ihnen in die Knie, schaute zwischen ihnen hin und her und sagte streng: „Ihr benehmt euch jetzt, sonst wird das nichts mit dem Schiff.“
Als hätte sie einen Zauberspruch gesagt, gingen die beiden einen Schritt voneinander weg, hörten auf zu lamentieren und nervten tatsächlich nicht mehr. Das Mittagessen verlief sogar regelrecht harmonisch.
Am Stand hatten sich bereits einige Leute versammelt, als Anja mit den Kindern dort ankam. Jovana schaute auf ihr Klemmbrett, vermerkte etwas und sagte auf Englisch, dass es jetzt losgehe und alle ihr folgen sollten.
Auf dem kurzen Weg zur Anlegestelle des Schiffs rannte Tim zu ihr. Etwas hatte ihn seit dem Morgen beschäftigt, und er wollte es dringend vor Abfahrt klären. „Du, du, ich habe eine Frage“, sagte er halb neben, halb vor Jovana laufend.
„Na, dann frag doch. Ich heiße übrigens Jovana, aber du kannst gern Jo, sagen.“
„Okay, Jo, sag mal, wohnen da echt Piraten in der Höhle?“
Sie lachte und antwortete: „Nein, da lebt niemand. Aber es heißt, dass es früher Piraten gab, die sich dort versteckt haben, wenn sie von einem ihrer Raubzüge durch die Adria zurückkamen.“
Jovana zwinkerte Anja zu, die inzwischen mit Paulina zu den beiden aufgeschlossen hatte. Natürlich war das alles reine Erfindung, ein relativ leicht zu durchschauender PR-Trick zur Touristenunterhaltung. Bei Familien mit Kindern funktionierte er ganz gut.
Anja verstand. „Da haben wir aber Glück, dass da keine Piraten mehr sind, sonst hätten wir am Ende noch aufpassen müssen, dass die uns nicht beklauen“, sagte sie.
„Oder dich klauen“, sagte Jovana und packte Tim blitzschnell mit beiden Händen an den Oberarmen. Er schrie erschrocken auf, völlig überrumpelt von ihrer Bewegung. Doch als sie ihn lachend gleich wieder losließ, musste auch er lachen.
Paulina verdrehte die Augen und hielt zwei Schritte Abstand zu ihnen. Die Idee, dass ihr kleiner Bruder von Piraten gekidnappt wird, fand sie gar nicht mal so schlecht. Endlich Ruhe. Aber ne, da war ja noch ihre Mutter, die bestimmt total durchdrehen würde, dann wäre es also doch nichts mit Ruhe.
Sie hörte, wie ihre Mutter sagte: „Ich bin übrigens Anja. Und die beiden hier heißen Tim und Paulina“, und sie zeigte in Richtung der Kinder.
„Freut mich, ich bin Jovana.“
„Aber du kannst Jo sagen“, krähte Tim dazwischen.
„Alles klar, freut mich auch.“
Sie waren angekommen. Die Aneta, ein mittelgroßes Holzschiff mit einem überdachten Vordeck, war bereits gut gefüllt; es fehlte nur noch das Dutzend von Jovana.
„Please, come on board“, sagte sie mit lauter Stimme und postierte sich neben die kleine Gangway, über die die Gäste zusteigen konnten. „Have a nice trip. See you later!“ Leiser und auf Deutsch sagte sie zu Tim: „Viel Spaß und pass auf in der Höhle.“
„Warum kommst du nicht mit?“
„Ich muss hier noch arbeiten. Wir sehen uns.“
Inzwischen waren alle auf dem Schiff, Anja schob Paulina und Tim über die Gangway, die ein Mann in weißer Kleidung sogleich an Bord zog, der Motor knatterte lauter, vorne wurde der letzte Fender eingeholt, und los ging es. Jovana winkte Tim und Anja. Paulina schaute demonstrativ nach vorn.
Als die Aneta den Hafen verlassen hatte, ging Jovana zurück. Es war Zeit für die Mittagspause, die sie immer in dem Café neben ihrem Stand verbrachte. Der Besitzer war ein alter Freund ihres Onkels, weshalb sie den Stand auch abends dort im Lagerraum einschließen konnte. Jovana setzte sich unter einen der beigefarbenen Sonnenschirme und bestellte einen Salat und ein Mineralwasser, und als sie gerade nach ihrer Zeitung kramte, quetschte sich Tante Marija zwischen den Stühlen und Tischen zu ihr durch.
„Hallo!“, rief sie in Jovanas Richtung. „Magst du ein bisschen Gesellschaft?“
„Klar, setz dich“, antwortete Jovana. Sie liebte ihre Tante sehr, denn anders als bei ihrer Mutter fühlte sie sich von ihr nie bedrängt, bewertet oder überwacht. Wahrscheinlich stammte ihr warmes Gefühl für Marija aus der Zeit, als sie schon einmal in ihrem Haus gewohnt hatte.
Ohne groß zu fragen, hatten Marija und Bogdan Jovanas Familie aufgenommen, als die vier wegmussten aus ihrem Ort in der Krajina. Im Spätsommer 1991 war das gewesen. Jovana war zehn und hatte in den Wochen zuvor nicht verstanden, warum manche Leute sie auf einmal so finster anschauten, warum ein Nachbar vor ihrem Vater ausspuckte und ein Grüppchen Frauen auf der Straße über ihre Mutter tuschelte. In einer Nacht, kurz nachdem die katholische Kirche ausgebrannt war, hatten Jovanas Eltern ihren roten Yugo bis oben hin mit ihren Habseligkeiten vollgestopft, sie und ihre ältere Schwester Lidija geweckt und waren losgefahren. Genauso hatten das zuvor schon zwei Familien vom anderen Ende des Dorfes gemacht.
Jovanas Vater hatte vor allem Nebenstraßen und Feldwege benutzt, um die Straßenblockaden der neuen, selbsternannten Machthaber zu vermeiden. Nach einer schier endlosen Zickzackfahrt, die Jovana größtenteils verschlief, erreichten sie am nächsten Tag Rovinj. Lange hatte Bogdan seinen Bruder zur Begrüßung umarmt. Jovana erinnerte sich genau an diesen Moment, denn es war das erste Mal, dass sie ihren Vater weinen sah. Vor allem hörte sie es, denn sein Gesicht war an die Brust seines älteren Bruders gedrückt. Sein Schluchzen und das erstarrte Gesicht ihrer Mutter hatten sie völlig verstört.
