Ein Engel kommt nach Babylon - Friedrich Dürrenmatt - E-Book

Ein Engel kommt nach Babylon E-Book

Friedrich Dürrenmatt

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Beschreibung

Vom Himmel steigt ein Engel nach Babylon hernieder, der sich selbst als Physiker ausgibt. Einem Bettler soll er ein gottgeschaffenes Mädchen bringen. Doch es kommt zu einer Verwechslung.

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Friedrich Dürrenmatt

Ein Engel kommt nach Babylon

Eine fragmentarische Komödie in drei Akten Neufassung 1980

Diogenes

Allgemeine Anmerkung zu der Endfassung 1980 meiner Komödien

Es ging mir, im Gegensatz zu den verschiedenen Fassungen, die vorher einzeln im Arche-Verlag erschienen sind, bei den Fassungen für die Werkausgabe nicht darum, die theatergerechten, das heißt die gestrichenen Fassungen herauszugeben, sondern die literarisch gültigen. Literatur und Theater sind zwei verschiedene Welten: Außer den Komödien, die ich nur für die Theater schrieb, Play Strindberg und Porträt eines Planeten, die Übungsstücke für Schauspieler darstellen und die ich als Regisseur schrieb, gebe ich im Folgenden – die ersten Stücke tastete ich nicht an – die dichterische Fassung wieder, eine Zusammenfassung verschiedener Versionen.

F.D.  

Ein Engel kommt nach Babylon

Eine fragmentarische Komödie in drei Akten Neufassung 1980

Ihr Städte des Euphrats!

Hölderlin

Personen

Der Engel

Das Mädchen Kurrubi

Akki

Nebukadnezar, König von Babylon

Nimrod, Exkönig von Babylon

Der Kronprinz, beider Sohn

Der Erzminister

Der Obertheologe Utnapischtim

Der Urgeneral

Erster Soldat

Zweiter Soldat

Dritter Soldat

Ein Polizist

Der Bankier Enggibi

Der Weinhändler Ali

Die Hetäre Tabtum

Erster Arbeiter

Zweiter Arbeiter, klassenbewußter

Erste Arbeiterfrau

Zweite Arbeiterfrau

Der Feierliche

Der Eselmilchverkäufer Gimmil

Viele Dichter, Volk und so weiter

Geschrieben 1953

Uraufführung in den Münchner Kammerspielen am 22. Dezember 1953

Erster Akt

Um gleich mit dem wichtigsten Ort zu beginnen, der zwar nicht den Schauplatz abgibt, sondern nur den Hintergrund dieser Komödie, so hängt ein unermeßlicher Himmel über allem, in dessen Mitte der Andromedanebel schwebt, etwa so, wie wir ihn in den Spiegeln des Mount Wilson oder des Mount Palomar sehen, bedrohlich nah, fast die Hälfte des Bühnenhintergrundes füllend. Aus diesem Himmel nun stieg einmal, und nur ein einziges Mal, ein Engel hernieder, verkleidet als ein zerlumpter Bettler mit einem langen, roten Bart, ein verhülltes Mädchen zur Seite. Eben erreichen die Wanderer die Stadt Babylon und gelangen zum Euphratquai. In der Mitte des kleinen Platzes brennt eine altbabylonische Gaslaterne, spärlich natürlich im Vergleich zum Himmel darüber. Weiter hinten an Hauswänden und Plakatsäulen Plakate, einige zerrissen, etwa des Inhalts: ›Wer bettelt, schadet der Heimat‹, ›Betteln ist unsozial‹, ›Bettler, tretet in den Staatsdienst ein‹. Im Hintergrund ferner ahnt man die Straßenschluchten der Riesenstadt, ein Gewirr von Palästen, Hochhäusern und Hütten, das sich im gelben Sand der Wüste verliert, prächtig und dreckig zugleich, von Millionen bewohnt.

DER ENGEL

Da du, mein Kind, erst vor wenigen Augenblicken auf eine höchst erstaunliche Weise von meinem Herrn erschaffen worden bist, so vernimm denn, daß ich, der ich als Bettler verkleidet neben dir schreite, ein Engel bin, daß diese zähe und störrische Materie, auf der wir uns hier bewegen, die Erde ist – wenn ich mich nicht allzu sehr in der Richtung geirrt haben sollte – und daß diese weißen Blöcke die Häuser der Stadt Babylon sind.

DAS MÄDCHEN

Ja, mein Engel.

DER ENGEL zieht eine Landkarte hervor und studiert sie

Die breite Masse, die an uns vorbeifließt, ist der Euphrat. Er geht die Ufermauer hinunter und steckt den Finger in die Wellen, worauf er ihn zum Munde führt. Er scheint aus einer Unmenge von angesammeltem Tau zu bestehen.

DAS MÄDCHEN

Ja, mein Engel.

DER ENGEL

Die krumme und helle Figur über uns – ich bitte dich, den Kopf ein wenig zu heben – ist der Mond und die unermeßliche Wolke über uns, milchig in ihrer Majestät, der Andromedanebel, den du kennst, da wir von ihm kommen. Er tippt auf die Karte. Es stimmt, es steht alles auf der Landkarte.

DAS MÄDCHEN

Ja, mein Engel.

DER ENGEL

Du aber, an meiner Seite wandelnd, nennst dich Kurrubi und bist, wie ich schon erwähnte, von meinem Herrn selbst vor wenigen Minuten erschaffen worden, indem Er – wie ich dir nun sagen kann – vor meinen Augen mit der rechten Hand hinein ins Nichts griff, den Mittelfinger und den Daumen leicht aneinanderrieb, worauf du schon auf seiner Handfläche einige zierliche Schritte machtest.

KURRUBI

Ich erinnere mich, mein Engel.

DER ENGEL

Sehr schön, erinnere dich immer daran, denn von nun an bist du von dem getrennt, der dich aus dem Nichts schuf und auf dessen Hand du getanzt hast.

KURRUBI

Wo soll ich nun hin?

DER ENGEL

Zu den Menschen.

KURRUBI

Was sind das, Menschen?

DER ENGEL verlegen

Meine liebe Kurrubi, ich muß dir gestehen, daß ich auf diesem Gebiet der Schöpfung wenig Bescheid weiß. Ich habe nur einmal, vor etlichen tausend Jahren, einen Vortrag über dieses Thema gehört. Demnach sind Menschen Wesen von unserer jetzigen Gestalt, die ich insofern unpraktisch finde, als sie mit verschiedenen Organen behaftet ist, die ich nicht begreife. Ich bin froh, mich bald wieder in einen Engel zurückverwandeln zu dürfen.

KURRUBI

So bin ich jetzt ein Mensch?

DER ENGEL

Du bist ein Wesen in Menschenform. Sich räuspernd Laut des Vortrages, den ich hörte, pflanzen sich die Menschen untereinander fort, während du von Gott aus dem Nichts gemacht worden bist. Ich möchte dich ein Menschennichts nennen. Du bist unvergänglich wie das Nichts und vergänglich wie der Mensch.

KURRUBI

Was soll ich denn den Menschen bringen?

DER ENGEL

Meine liebe Kurrubi, da du noch nicht eine Viertelstunde alt bist, will ich dir dein vieles Fragen verzeihen. Du mußt jedoch wissen, daß ein wirklich frommes Mädchen nicht fragt. Du sollst den Menschen nichts bringen, sondern du wirst vor allen Dingen den Menschen gebracht.

KURRUBI nach kurzem Nachdenken

Das verstehe ich nicht.

DER ENGEL

Was aus der Hand dessen kommt, der dich erschuf, verstehen wir nie, mein Kind.

KURRUBI

Verzeih.

DER ENGEL

Ich erhielt den Auftrag, dich dem geringsten der Menschen zu übergeben.

KURRUBI

Ich habe dir zu gehorchen.

DER ENGEL wieder die Karte studierend

Die geringsten der Menschen sind die Bettler. Du wirst demnach einem gewissen Akki gehören, der, wenn diese Karte stimmt, der einzige noch erhaltene Bettler der Erde ist. Wahrscheinlich ein lebendes Naturdenkmal. Stolz Sie ist großartig, diese Landkarte. Es steht alles drauf.

KURRUBI

Wenn der Bettler Akki der geringste der Menschen ist, wird er unglücklich sein.

DER ENGEL

Was du in deiner Jugend für Wörter brauchst. Was erschaffen ist, ist gut, und was gut ist, ist glücklich. Auf meinen ausgedehnten Reisen durch die Schöpfung habe ich nie ein Körnchen Unglück gesehen.

KURRUBI

Ja, mein Engel.

Sie schreiten nach rechts, der Engel beugt sich über das Orchester.

DER ENGEL

Dies ist die Stelle, wo der Euphrat einen Bogen macht. Hier müssen wir den Bettler Akki erwarten. Wir wollen uns setzen und schlafen. Die Reise ermüdete mich, und außerdem ist mir, als wir beim Jupiter um die Ecke bogen, einer seiner Monde zwischen die Beine geraten.

Sie setzen sich rechts außen in den Vordergrund.

DER ENGEL

Komm nah zu mir. Umschlinge mich mit deinen Armen. Wir wollen uns mit dieser wunderbaren Landkarte zudecken. Ich bin in meinen Sonnen an andere Temperaturen gewöhnt. Mich friert, obschon dies nach der Karte eine der wärmsten Gegenden der Erde sein soll. Es scheint sich um einen kalten Stern zu handeln.

Sie decken sich mit der Landkarte zu und schlafen aneinandergeschmiegt ein.

Von rechts kommt Nebukadnezar, ein noch junger Mann, gar nicht unsympathisch und etwas naiv, von seinem Gefolge begleitet. Darunter der Erzminister, der Urgeneral, der Obertheologe Utnapischtim und ein rot vermummter Henker.

NEBUKADNEZAR

Indem meine Heere im Norden den Libanon erreicht haben, im Süden das Meer, im Westen eine Wüste und im Osten ein Gebirge, das so hoch ist, daß es nicht mehr aufhört, ist die Welt von mir erobert worden.

DER ERZMINISTER

Im Namen der Minister –

UTNAPISCHTIM

Der Kirche –

DER URGENERAL

Des Heeres –

DER HENKER

Der Justiz –

ALLE VIER

Gratulieren wir Seiner Majestät dem König Nebukadnezar zur Neuordnung der Welt. Sie verneigen sich.

NEBUKADNEZAR

Neunhundert Jahre verbrachte ich als Schemel König Nimrods in einer unangenehmen, zusammengekrümmten Stellung.

DER ERZMINISTER verneigt sich

Majestät, Nimrod wurde verhaftet.

DER URGENERAL

Das Heer meuterte, als er gegen Lamasch marschierte.

UTNAPISCHTIM

Der Umschwung der Dinge ist eingetreten.

DER ERZMINISTER

Für die nächsten neunhundert Jahre.

Sie verneigen sich.

NEBUKADNEZAR

Ich muß mich sputen, den Schaden wiedergutzumachen. Das Leben ist kurz. Ich habe die Ideen zu verwirklichen, die in mir aufstiegen, während ich Nimrods Schemel war.

DER ERZMINISTER

Majestät wünschen, den wahrhaft sozialen Staat einzuführen.

NEBUKADNEZAR

Es überrascht mich, Erzminister, daß du meine Gedanken kennst.

DER ERZMINISTER

Könige denken im Zustand der Erniedrigung stets sozial, Majestät.

NEBUKADNEZAR

Wie immer, wenn Nimrod regierte, ging es der Privatwirtschaft viel zu gut und dem Staat viel zu schlecht.

DER ERZMINISTER

Die Zahl der Bankiers und der Bettler ist beängstigend.

NEBUKADNEZAR

Gegen die Bankiers einzuschreiten ist mir gegenwärtig nicht möglich. Ich erinnere nur an den Stand unserer Finanzen. Das Betteln jedoch habe ich verboten. Ist meinem Befehl Folge geleistet worden?

DER ERZMINISTER

Die Bettler sind in den Staatsdienst übergetreten, Majestät. Sie treiben jetzt die Steuern ein. Nur ein Bettler namens Akki will bei seinem armseligen Gewerbe bleiben.

NEBUKADNEZAR

Wurde er gebüßt?

DER ERZMINISTER

Vergeblich.

NEBUKADNEZAR

Ausgepeitscht?

DER URGENERAL

Unbarmherzig.

NEBUKADNEZAR

Gefoltert?

DER HENKER

Keine Stelle seines Leibes, die nicht mit glühenden Zangen gezwackt, keiner seiner Knochen, der nicht mit fürchterlichen Gewichten belastet worden wäre.

NEBUKADNEZAR

Er weigert sich noch immer?

DER ERZMINISTER

Er ist durch nichts zu erschüttern.

NEBUKADNEZAR

Dieser Akki ist der Grund, weshalb ich mich zu nächtlicher Stunde am Euphratufer befinde. Es wäre mir ein leichtes, ihn nun aufknüpfen zu lassen. Es ist jedoch eines großen Herrschers nicht unwürdig, es noch mit Humanität zu versuchen. Ich habe daher beschlossen, eine Stunde meines Lebens mit dem geringsten meiner Untertanen zu teilen. Zieht mir deshalb den alten Bettlermantel an, den ich aus der Garderobe meines Hoftheaters habe holen lassen.

DER ERZMINISTER

Wie Majestät befehlen.

NEBUKADNEZAR

Klebt mir den roten Bart ins Gesicht, der zu diesem Kostüm paßt.

Nebukadnezar steht als Bettler verkleidet da.

NEBUKADNEZAR

Seht denn, was ich unternehme, ein makelloses Reich zu erschaffen, ein durchsichtiges Gebilde, das alle umschließt, vom Henker bis zum Minister, und alle aufs angenehmste beschäftigt. Wir streben nicht nach Macht, wir streben nach Vollkommenheit. Die Vollkommenheit hat nichts Überflüssiges an sich, ein Bettler ist jedoch überflüssig. Ich will diesen Akki überreden, dem Staatsdienst beizutreten, indem ich, da ich selbst als Bettler vor ihm erscheine, ihm so seine eigene Not vor Augen führe. Will er aber in seinem Unglück verharren, wird er an diese Laterne geknüpft.

Der Henker verneigt sich.

DER ERZMINISTER

Wir bewundern die Weisheit Eurer Majestät.

NEBUKADNEZAR

Bewundert nicht, was ihr nicht versteht.

DER ERZMINISTER

Gewiß, o König.

NEBUKADNEZAR

Entfernt euch. Doch nicht zu weit, damit ihr mir zur Hand seid, wenn ich rufe. Vorher lasse sich keiner erblicken.

Alle verneigen sich und gehen nach dem Hintergrund, wo sie sich verbergen.

Nebukadnezar setzt sich links außen an den Euphrat. In diesem Augenblick erwachen der Engel und Kurrubi.

DER ENGEL freudig

Siehst du, das ist jetzt ein Mensch.

KURRUBI

Er hat die gleichen Kleider an und den gleichen roten Bart.

DER ENGEL

Wir haben den getroffen, den wir suchen, mein Kind. Zu Nebukadnezar Es freut mich, den Bettler Akki von Babylon kennenzulernen.

NEBUKADNEZAR verwirrt, wie er den als Bettler verkleideten Engel sieht

Ich bin nicht der Bettler Akki. Ich bin ein Bettler aus Ninive. Streng Ich war der Meinung, daß außer mir und Akki kein weiterer Bettler lebe.

DER ENGEL zu Kurrubi

Ich weiß nicht, was ich denken soll, liebe Kurrubi. Meine Landkarte stimmt nicht: In Ninive gibt es auch einen Bettler. Zwei Bettler leben auf der Erde.

NEBUKADNEZAR für sich

Ich lasse den Informationsminister hängen: Zwei Bettler leben in meinem Reich. Zum Engel Woher kommst du?

DER ENGEL verlegen

Von jenseits des Libanon.

NEBUKADNEZAR

Wie der große König Nebukadnezar feststellte, hört beim Libanon die Welt auf. Dieser Ansicht sind sämtliche Geographen und Astronomen.

DER ENGEL schaut auf der Landkarte nach

Jenseits sind noch einige Dörfer. Athen, Sparta, Karthago, Moskau, Peking. Siehst du? Er zeigt die Ortschaften dem König.

NEBUKADNEZAR für sich

Ich lasse noch den Hofgeographen hängen. Zum Engel Der große König Nebukadnezar wird auch diese Dörfer erobern.

DER ENGEL leise zu Kurrubi

Der Umstand, daß wir einen zweiten Bettler getroffen haben, verändert unsere Lage. Ich muß jetzt herausfinden, wer der ärmere ist, der Bettler Akki oder dieser Bettler aus Ninive, eine Untersuchung, die nur mit Zartheit und Diskretion durchgeführt werden kann.

Von links kommt eine zerlumpte und wilde Gestalt mit einem roten Bart, so daß sich nun drei Bettler mit langen roten Bärten auf der Bühne befinden.

DER ENGEL

Da kommt ein zweiter Mensch.

KURRUBI

Er hat ebenfalls die gleichen Kleider an wie du, mein Engel, und den gleichen roten Bart.

DER ENGEL

Wenn das jetzt wieder nicht der Bettler Akki ist, werde ich konfus.

NEBUKADNEZAR für sich

Wenn das jetzt wieder nicht der Bettler Akki ist, wird auch noch der Innenminister gehängt.

Die Gestalt setzt sich in die Mitte der Bühne ans Euphratufer, sich mit dem Rücken gegen die Laterne lehnend.

NEBUKADNEZAR räuspert sich

Du bist, wie ich nicht zweifle, der Bettler Akki aus Babylon?

DER ENGEL

Der berühmte Bettler Akki, dessen Ruhm überallhin gedrungen ist?

AKKI zieht eine Schnapsflasche hervor und trinkt

Ich kümmere mich nie um meinen Namen.

NEBUKADNEZAR

Jeder hat einen Namen.

AKKI

Wer bist du?

NEBUKADNEZAR

Auch ein Bettler.

AKKI

Dann bist du ein schlechter Bettler, denn vom Standpunkt der Bettlerei aus sind deine Grundsätze schlechte Grundsätze. Ein Bettler hat nichts, kein Geld und keinen Namen, er nennt sich so und bald so, er nimmt sich einen Namen wie ein Stück Brot. Ich bettle mir daher jedes Jahrhundert einen anderen Namen zusammen.

NEBUKADNEZAR würdig

Es ist eines der dringendsten Interessen der Menschheit, daß jeder seinen Namen behält, daß jeder ist, der er ist.

AKKI

Ich bin, was mir gefällt. Ich bin alles gewesen, und jetzt bin ich Akki der Bettler geworden. Doch wenn du willst, kann ich auch Nebukadnezar der König sein.

NEBUKADNEZAR springt empört auf

Das ist unmöglich.

AKKI

Nichts ist leichter, als ein König zu werden: eines der einfachsten Kunststücke, das man gleich zu Beginn seiner bettlerischen Laufbahn lernen muß. Ich bin in meinem Leben schon siebenmal König gewesen.

NEBUKADNEZAR der sich wieder gefaßt hat

Es ist kein größerer König denn Nebukadnezar!

Im Hintergrund wird der ganze Hofstaat sichtbar, der sich verneigt und sofort wieder verschwindet.

AKKI

Du meinst den kleinen Nebi.

NEBUKADNEZAR

Nebi?

AKKI

So nenne ich meinen Freund, den König Nebukadnezar von Babylon.

NEBUKADNEZAR nach einer Pause, würdevoll

Ich kann wohl kaum annehmen, daß du den großen König der Könige kennst.

AKKI

Groß? Körperlich und geistig ein Knirps.

NEBUKADNEZAR

Auf den Reliefs wird er stets würdevoll und gut gewachsen dargestellt.

AKKI

Na ja. Auf den Reliefs. Wer macht die? Unsere babylonischen Bildhauer. Bei denen sieht ein König wie der andere aus. Ich kenne meinen Nebi, da macht man mir nichts vor. Leider befolgt er meine Ratschläge nicht.

NEBUKADNEZAR erstaunt

Deine Ratschläge?

AKKI

Er läßt mich auf sein Schloß holen, wenn er sich nicht mehr zu helfen weiß.

NEBUKADNEZAR verwirrt

Auf sein Schloß?

AKKI

Er ist der dümmste König, der mir je vorgekommen ist. Das Regieren fällt ihm schwer.

NEBUKADNEZAR

Das Weltregieren ist eine erhabene und schwierige Aufgabe.

AKKI

Das sagt Nebi auch immer. Das hat noch jeder König gesagt, den ich gekannt habe. Das ist die Ausrede der Könige, denn jeder Mensch braucht eine Ausrede, wenn er kein Bettler ist, warum er kein Bettler sei. Schlimme Zeiten stehen bevor. Er trinkt. Zum Engel Wer bist denn du?

DER ENGEL

Ich bin auch ein Bettler.

AKKI

Dein Name?

DER ENGEL

Ich komme aus einem Dorf, wo es noch keine Namen gibt.

AKKI

Wo liegt dieses sympathische Dorf?

DER ENGEL

Jenseits des Libanon.

AKKI