Verlag: ROWOHLT E-Book Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2013

Ein ganzes halbes Jahr E-Book

Jojo Moyes

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Bestseller

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E-Book-Beschreibung Ein ganzes halbes Jahr - Jojo Moyes

Lou & Will Louisa Clark weiß, dass nicht viele in ihrer Heimatstadt ihren etwas schrägen Modegeschmack teilen. Sie weiß, dass sie gerne in dem kleinen Café arbeitet und dass sie ihren Freund Patrick eigentlich nicht liebt. Sie weiß nicht, dass sie schon bald ihren Job verlieren wird – und wie tief das Loch ist, in das sie dann fällt. Will Traynor weiß, dass es nie wieder so sein wird wie vor dem Unfall. Und er weiß, dass er dieses neue Leben nicht führen will. Er weiß nicht, dass er schon bald Lou begegnen wird. Eine Frau und ein Mann. Eine Liebesgeschichte, anders als alle anderen. Die Liebesgeschichte von Lou und Will.

Meinungen über das E-Book Ein ganzes halbes Jahr - Jojo Moyes

E-Book-Leseprobe Ein ganzes halbes Jahr - Jojo Moyes

Jojo Moyes

Ein ganzes halbes Jahr

Roman

Aus dem Englischen von Karolina Fell

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

Lou & Will

 

Louisa Clark weiß, dass nicht viele in ihrer Heimatstadt ihren etwas schrägen Modegeschmack teilen. Sie weiß, dass sie gerne in dem kleinen Café arbeitet und dass sie ihren Freund Patrick eigentlich nicht liebt.

Sie weiß nicht, dass sie schon bald ihren Job verlieren wird – und wie tief das Loch ist, in das sie dann fällt.

 

Will Traynor weiß, dass es nie wieder so sein wird wie vor dem Unfall. Und er weiß, dass er dieses neue Leben nicht führen will.

Er weiß nicht, dass er schon bald Lou begegnen wird.

 

Eine Frau und ein Mann.

Über Jojo Moyes

Jojo Moyes, geboren 1969, hat Journalistik studiert und für die «Sunday Morning Post» in Hongkong und den «Independent» in London gearbeitet. «Ein ganzes halbes Jahr» machte sie international zur Bestsellerautorin. Der Roman wurde in 34 Sprachen übersetzt und stand auch in Deutschland monatelang auf Platz 1 der Bestsellerliste. Zurzeit wird die Geschichte von Lou und Will verfilmt mit Emilia Clarke und Sam Claflin in den Hauptrollen.

Jojo Moyes lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern auf einer Farm in Essex.

 

Weitere Informationen zur Autorin

Inhaltsübersicht

WidmungPrologKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Kapitel 24Kapitel 25Kapitel 26Kapitel 27EpilogDankMaterialien für LesekreiseLeseprobe: Ein ganz neues Leben

Für Charles,

in Liebe

Prolog

2007

Als er aus dem Bad kommt, ist sie wach, hat sich gegen das Kopfkissen gelehnt und blättert durch die Reiseprospekte, die neben seinem Bett gelegen haben. Sie trägt eines seiner T-Shirts, und ihr langes Haar ist auf eine Art zerzaust, die ihn unwillkürlich an die vergangene Nacht denken lässt. Er steht im Schlafzimmer und genießt die Erinnerung, während er sich mit einem Handtuch die Haare trocken rubbelt.

Sie schaut von einem Prospekt auf und zieht einen Schmollmund. Sie ist ein bisschen zu alt, um einen Schmollmund zu ziehen, aber sie sind erst so kurz zusammen, dass er es noch süß findet.

«Müssen wir unbedingt einen Berg besteigen oder über einer Schlucht baumeln? Das ist unser erster richtiger Urlaub zusammen, und hier drin gibt es keine einzige Reise, bei der man sich nicht entweder irgendwo runterstürzen oder», sie tut so, als würde sie erschauern, «Fleecejacken tragen muss.»

Sie wirft die Prospekte aufs Bett und streckt ihre karamellfarbenen Arme über dem Kopf. Ihre Stimme ist belegt, weil sie so wenig geschlafen hat. «Wie wär’s mit einem Luxus-Spa in Bali? Da könnten wir am Strand faulenzen … uns stundenlang verwöhnen lassen … lange, entspannende Nächte …»

«So ein Urlaub ist nichts für mich. Ich muss was tun.»

«Zum Beispiel aus Flugzeugen springen.»

«Probier’s doch erst mal aus, bevor du es ablehnst.»

Sie zieht ein Gesicht. «Wenn es dir nichts ausmacht, bleibe ich lieber gleich bei der Ablehnung.»

Sein Hemd liegt nach dem Duschen mit einem Hauch Feuchtigkeit an seiner Haut. Er fährt sich mit einem Kamm durchs Haar, stellt sein Handy an und zuckt angesichts der langen Liste neu eingegangener Nachrichten, die sich durch das kleine Display schiebt, leicht zusammen.

«Okay», sagt er. «Ich muss los. Du nimmst dir was zum Frühstück, ja?» Er beugt sich über das Bett und küsst sie. Ihr warmer Körper riecht ganz leicht nach Parfüm und sehr sexy. Er atmet den Duft durch ihr Haar ein und lässt sich ablenken, als sie ihm die Arme um den Nacken legt und ihn zu sich herunterzieht.

«Fahren wir dieses Wochenende wirklich zusammen weg?»

Widerstrebend macht er sich von ihr los. «Kommt darauf an, wie der Deal läuft. Zurzeit hängt alles ein bisschen in der Luft. Es kann immer noch sein, dass ich nach New York muss. Aber auf jeden Fall können wir am Donnerstagabend irgendwo schick essen gehen. Du darfst das Restaurant aussuchen.» Er greift hinter der Tür nach seiner Motorradkombi aus Leder.

Sie verengt die Augen. «Abendessen. Mit oder ohne Mr. Blackberry?»

«Was?»

«Wenn Mr. Blackberry mitkommt, fühle ich mich wie das fünfte Rad am Wagen.» Sie zieht wieder ihren Schmollmund. «Als müsste ich mit jemand anderem um deine Aufmerksamkeit konkurrieren.»

«Ich stelle ihn auf lautlos.»

«Will Traynor!», schimpft sie. «Es muss doch möglich sein, dass du das Ding einmal ausstellst.»

«Das habe ich doch gerade erst heute Nacht gemacht, oder etwa nicht?»

«Aber erst nach heftiger Nötigung.»

Er grinst. «So nennt man das also heutzutage?» Er steigt in seine Lederhose. Der Bann ist gebrochen. Er nimmt die Motorradjacke und wirft ihr im Hinausgehen noch eine Kusshand zu.

Auf seinem Blackberry sind zweiundzwanzig neue Nachrichten, von denen die erste nachts um 3:42 Uhr aus New York gekommen ist. Ein juristisches Problem. Er fährt mit dem Lift zum Parkhaus im Untergeschoss und versucht, sich einen Überblick über die Nachrichten zu verschaffen.

«Morgen, Mr. Traynor.»

Der Wachmann tritt aus seinem Häuschen. Es ist wetterfest, obwohl es hier unten kein Wetter gibt, vor dem man sich schützen müsste. Will fragt sich manchmal, was der Wachmann nach Mitternacht noch zu tun hat, außer auf den Bildschirm der Videoüberwachung und die glänzenden Stoßstangen von 60000-Pfund-Autos zu starren, die niemals schmutzig werden.

Er streift die Lederjacke über. «Wie ist es draußen, Mick?»

«Schrecklich. Es gießt in Strömen.»

Will hält inne. «Wirklich? Also kein Wetter zum Motorradfahren?»

Mick schüttelt den Kopf. «Nein, Sir. Es sei denn, Sie haben ein Schlauchboot im Gepäck. Oder Selbstmordgedanken.»

Will betrachtet sein Motorrad, dann legt er die Ledermontur ab. Auch wenn Lissa es anders sieht, er ist kein Mann, der unnötige Risiken eingeht. Er schließt den Motorradkoffer auf dem Gepäckträger auf, legt die Ledermontur hinein, schließt wieder ab und wirft die Schlüssel Mick zu, der sie geschickt mit einer Hand auffängt. «Können Sie mir die in den Briefkasten werfen?»

«Kein Problem. Soll ich Ihnen ein Taxi anhalten?»

«Nein danke. Bringt ja nichts, wenn wir uns beide nass regnen lassen.»

Mick drückt den Knopf, um das Torgitter hochfahren zu lassen, und Will hebt zum Dank die Hand, während er hinausgeht. Der frühe Morgen schließt sich dunkel und lärmend um ihn. Obwohl es erst kurz nach halb sieben ist, herrscht im Londoner Zentrum schon dichter, zähflüssiger Verkehr. Will schlägt den Kragen hoch und geht mit langen Schritten die Straße entlang Richtung Kreuzung, wo er hofft, ein Taxi anhalten zu können. Die Straße ist schlüpfrig vom Regen, graues Licht spiegelt sich auf dem nass glänzenden Bürgersteig.

Er flucht tonlos, als er die anderen Anzugträger entdeckt, die an der Bordsteinkante stehen. Seit wann stehen eigentlich alle Londoner so früh auf? Alle hatten den gleichen Gedanken gehabt.

Er fragt sich gerade, wo er sich am besten hinstellen soll, als sein Telefon klingelt. Es ist Rupert.

«Ich bin auf dem Weg. Versuche gerade, eine Taxe zu bekommen.» Er sieht auf der anderen Straßenseite ein Taxi entlangfahren, dessen beleuchtetes Schild zeigt, dass es frei ist, und beginnt, dem Wagen mit langen Schritten entgegenzugehen. Er hofft, dass kein anderer dieses Taxi entdeckt hat. Ein Bus donnert vorbei, gefolgt von einem Laster mit quietschenden Bremsen, sodass er Rupert nicht mehr hören kann. «Ich hab dich nicht verstanden, Rupe», brüllt er über den Verkehrslärm. «Sag das noch mal.» Er steht jetzt auf einer Fußgängerinsel zwischen den Fahrbahnen, wird vom Verkehr umflossen wie von einem reißenden Strom und hebt die freie Hand zu dem leuchtenden Taxischild, wobei er hofft, dass ihn der Fahrer bei diesem heftigen Regen überhaupt sehen kann.

«Du musst Jeff in New York anrufen. Er ist noch auf, weil er auf deinen Rückruf wartet. Wir haben heute Nacht schon versucht, dich zu erreichen.»

«Was ist los?»

«Juristisches Hickhack. Bei zwei Vertragsklauseln mauern sie. Es geht um Absatz … Unterschrift … Papiere …» Seine Stimme geht im Geräusch eines vorbeifahrenden Autos unter, dessen Reifen zischend durchs Regenwasser pflügen.

«Das habe ich eben nicht mitbekommen.»

Der Taxifahrer hat ihn gesehen. Er fährt langsamer und verursacht eine kleine Fontäne aus Spritzwasser, als er am Straßenrand auf der anderen Seite anhält. Will sieht einen Mann etwas weiter weg, der seinen kurzen Spurt abbricht, als er erkennt, dass Will vor ihm bei dem Taxi sein wird. Will spürt ein flüchtiges Triumphgefühl. «Hör zu, sag Cally, sie soll mir die Unterlagen auf den Schreibtisch legen», schreit er ins Telefon. «Ich bin in zehn Minuten da.»

Er schaut nach rechts und links, dann zieht er den Kopf ein, um die letzten Schritte über die Straße zu dem Taxi zu rennen, die Adresse seines Büros liegt ihm schon auf der Zunge. Der Regen läuft ihm in den Kragen. Bald wird er bis auf die Haut nass sein, obwohl er nur ein kurzes Stück im Freien gelaufen ist. Vielleicht muss er seine Sekretärin losschicken, um ihm ein anderes Hemd zu besorgen.

«Und wir müssen mit dieser Unternehmensbewertung fertig werden, bevor Martin reinkommt …»

Ein kreischendes Geräusch lässt ihn aufsehen, es ist der schrille Ton einer Hupe. Er sieht die glänzend schwarze Seite des Taxis vor sich, der Fahrer lässt schon die Scheibe herunter, und am Rand seines Sichtfeldes bewegt sich etwas, das er nicht genau erkennt. Etwas, das mit unglaublicher Geschwindigkeit auf ihn zurast.

Er dreht sich danach um, und in diesem Sekundenbruchteil wird ihm klar, dass es ihn treffen wird, dass er keine Chance hat, dem Ding aus dem Weg zu gehen. Vor Schreck lässt er das Handy fallen. Er hört einen Schrei, der vielleicht sein eigener ist. Das Letzte, was er sieht, ist ein Lederhandschuh, Augen unter einem Helm, den Schock im Blick eines Mannes, der seinen eigenen spiegelt. Dann explodiert alles.

Und dann ist da nichts mehr.

Kapitel 1

2009

Es sind 158 Schritte von der Bushaltestelle bis nach Hause, aber es können auch 180 werden, wenn man langsam geht, weil man zum Beispiel Plateauabsätze trägt. Oder Schuhe aus dem Secondhandladen mit Plastikschmetterlingen an der Spitze, aber ohne Halt für die Ferse, weswegen sie vermutlich auch nur 1,99 Pfund gekostet haben. An der Ecke bog ich in unsere Straße ein (68 Schritte) und konnte schon unser Haus sehen – eine Doppelhaushälfte mit vier Zimmern in einer Reihe mit anderen Drei- oder Vier-Zimmer-Doppelhaushälften. Dads Auto war da, was bedeutete, dass er noch nicht zur Arbeit gefahren war.

Hinter mir ging über Stortfold Castle die Sonne unter, der dunkle Schatten der Burg glitt wie flüssiges Wachs über den Hügel, als wollte er mich überholen. In meiner Kindheit ließen wir auf der Straße unsere langgezogenen Schatten die Schießerei am O. K. Corral nachspielen. An jedem anderen Tag hätte ich jetzt vermutlich erzählt, was ich in dieser Straße alles erlebt habe. Wo mir mein Vater das Radfahren ohne Stützräder beigebracht hat; wo Mrs. Doherty mit der schiefen Perücke Rosinenbrötchen für uns gebacken hat; wo Treena ihre Hand in eine Hecke gesteckt hat, als sie elf war, und in ein Wespennest griff, sodass wir kreischend bis zur Burg hinaufrannten.

Thomas’ Dreirad lag auf dem Weg durch den Vorgarten, und nachdem ich die Gartenpforte hinter mir zugemacht hatte, stellte ich es unter die Veranda und ging ins Haus. Die Wärme traf mich wie ein Schlag; Mum ist wahnsinnig kälteempfindlich und lässt die Heizung das ganze Jahr laufen. Dad reißt immer die Fenster auf und jammert, sie würde uns noch alle ruinieren. Er behauptet, unsere Heizungsrechnung wäre genauso hoch wie die Verschuldung eines afrikanischen Kleinstaates.

«Bist du’s, Liebes?»

«Ja, ich bin’s.» Ich hängte meine Jacke an die Garderobe, wo sie zwischen all den anderen kaum noch Platz hatte.

«Welches Ich? Lou oder Treena?»

«Lou.»

Ich ging ins Wohnzimmer. Dad lag bäuchlings auf dem Sofa, den Arm tief zwischen die Polsterung gesteckt, als wäre das Sofa lebendig und hätte seinen Arm verschluckt. Thomas, mein fünfjähriger Neffe, hockte vor ihm und beobachtete ihn genau.

«Dieses Lego.» Dad sah mich an, das Gesicht rot vor Anstrengung. «Warum sie die verdammten Teile so klein machen müssen, werde ich nie verstehen. Hast du den linken Arm von Obi-Wan Kenobi gesehen?»

«Der hat auf dem DVD-Player gelegen. Ich glaube, Thomas hat Obis Arme mit denen von Indiana Jones vertauscht.»

«Tja, anscheinend kann Obi unmöglich braune Arme haben. Wir müssen die schwarzen Arme finden.»

«Das ist doch kein Problem. In Episode II hackt ihm Darth Vader doch sowieso den Arm ab, oder?» Ich tippte mit dem Finger auf meine Wange, damit Thomas mir ein Küsschen gab. «Wo ist Mum?»

«Oben. Sieh mal an! Eine Zweipfundmünze!»

Ich sah auf und hörte von oben ganz schwach das vertraute Quietschen des Bügelbretts. Josie Clark, meine Mutter, setzte sich niemals in Ruhe hin. Das war für sie Ehrensache. Es war sogar vorgekommen, dass sie draußen auf der Leiter stand, den Fensterrahmen lackierte und uns gelegentlich zuwinkte, während wir anderen beim Essen saßen.

«Könntest du mal nach diesem blöden Arm suchen? Ich bin schon eine halbe Stunde dabei und muss langsam zur Arbeit.»

«Hast du Spätschicht?»

«Ja. Und es ist schon halb fünf.»

Ich warf einen Blick auf die Uhr. «Eigentlich ist es halb vier.»

Er zog seinen Arm zwischen den Kissen heraus und sah auf seine Uhr. «Wieso bist du dann schon zu Hause?»

Ich schüttelte nur unbestimmt den Kopf, als hätte ich die Frage nicht richtig gehört, und ging in die Küche.

Großvater saß über ein Sudoku gebeugt auf seinem Stuhl am Fenster. Die Krankenschwester hatte uns erklärt, mit Sudokus könnte er nach dem Schlaganfall seine Konzentrationsfähigkeit trainieren. Wahrscheinlich war ich die Einzige, die mitbekam, dass er die Kästchen einfach mit irgendwelchen Zahlen ausfüllte, die ihm gerade in den Sinn kamen.

«Hallo, Großvater.»

Er sah auf und lächelte.

«Möchtest du einen Tee?»

Er schüttelte den Kopf und öffnete leicht den Mund.

«Lieber etwas Kaltes?»

Er nickte.

Ich machte den Kühlschrank auf. «Wir haben keinen Apfelsaft.» Apfelsaft war, wie mir jetzt wieder einfiel, inzwischen zu teuer für uns. «Da ist noch Limonade. Willst du die?»

Er schüttelte den Kopf.

«Wasser?»

Er nickte, und als ich ihm das Glas gab, murmelte er etwas, das ein Danke gewesen sein konnte.

Dann kam meine Mutter mit einem Korb voll säuberlich gefalteter Wäsche in die Küche. «Sind das deine?» Sie hielt ein Paar Socken hoch.

«Die gehören Treena, glaube ich.»

«Dachte ich mir schon. Merkwürdige Farbe. Sind wohl mit Dads blauem Pyjama in die Maschine geraten. Du bist früh zurück. Willst du irgendwohin?»

«Nein.» Ich trank ein Glas Leitungswasser.

«Kommt Patrick später vorbei? Er hat vorhin angerufen. Hattest du dein Handy ausgestellt?»

«Mmm.»

«Er hat gesagt, er will euren Griechenland-Urlaub buchen. Dein Vater hat eine Sendung darüber im Fernsehen gesehen. Wo wolltet ihr noch mal hin? Ipsos? Kalypso?»

«Skiathos.»

«Ja, das war’s. Du musst genau aufpassen, welches Hotel ihr nehmt. Überprüf es lieber vorher im Internet. Dein Vater und Daddy haben im Mittagsmagazin so einen Beitrag gesehen. Anscheinend sind die Hotels bei der Hälfte der Billigangebote noch die reinsten Baustellen, und das merkt man dann erst, wenn man dort ist. Daddy, möchtest du einen Tee? Hat Lou dir keinen angeboten?» Sie setzte den Wasserkessel auf und sah mich an. Möglicherweise war ihr aufgefallen, dass ich die ganze Zeit nichts sagte. «Alles in Ordnung, Liebes? Du bist schrecklich blass.»

Sie streckte die Hand aus, um meine Stirn zu befühlen, als wäre ich viel jünger als sechsundzwanzig.

«Ich glaube nicht, dass wir in den Urlaub fahren.»

Die Hand meiner Mutter erstarrte. Sie sah mich mit ihrem Röntgenblick an, den ich seit meiner Kindheit kannte. «Gibt es Probleme zwischen Patrick und dir?»

«Mum, ich …»

«Ich will mich nicht einmischen. Aber ihr seid schon so lange zusammen. Da ist es ganz normal, wenn es mal nicht so gut läuft. Ich meine, ich und dein Vater, wir …»

«Ich habe meinen Job verloren.»

Meine Stimme hallte in der Stille nach. Die Worte schienen, noch lange nachdem ich sie ausgesprochen hatte, in der Luft zu hängen.

«Du hast was?»

«Frank macht das Café dicht. Morgen.» Ich streckte ihr den leicht feuchten Umschlag entgegen, den ich im Schock auf dem gesamten Heimweg in der Hand gehalten hatte. All die 180 Schritte von der Bushaltestelle bis nach Hause. «Er hat mir Geld für drei Monate gegeben.»

 

Der Tag hatte ganz normal angefangen. Jeder, den ich kannte, hasste Montage, aber mich störten sie nicht. Ich fuhr gern früh ins Buttered Bun, heizte die riesige Teemaschine in der Ecke an, holte die Kisten mit Milch und Brot von hinten herein und plauderte ein bisschen mit Frank, bevor wir aufmachten.

Ich mochte die leicht miefige, nach gebratenem Speck riechende Wärme des Cafés, den gelegentlichen Schwall kühler Luft, der hereinkam, wenn die Tür aufging, die leise dahinplätschernden Gespräche der Gäste und, wenn niemand da war, das blecherne Gedudel aus Franks Radio in der Ecke. Es war kein schickes Café. An den Wänden hingen Bilder von der Burg auf dem Hügel, wir hatten immer noch Resopaltische, und die Karte war noch dieselbe wie an meinem ersten Tag dort, abgesehen von ein paar Änderungen im Schokoriegel-Angebot und der Aufnahme von Brownies und Muffins in die Kuchentheke.

Aber vor allem anderen gefiel mir die Kundschaft. Ich mochte Kev und Angelo, die Klempner, die beinahe jeden Vormittag kamen und Frank mit gutartigen Sticheleien über seine Kochkünste aufzogen. Ich mochte die Pusteblumen-Lady, die ihren Spitznamen von ihrem weißen Schopf hatte und die von Montag bis Donnerstag ein Spiegelei mit Pommes frites aß und bei zwei Tassen Tee die ausliegenden Tageszeitungen las. Ich achtete darauf, immer ein paar Worte mit ihr zu wechseln. Ich hatte den Verdacht, dass die alte Dame sonst niemanden zum Reden hatte.

Ich mochte auch die Touristen, die auf dem Weg zu und von der Burg bei uns Station machten, die kreischenden Schulkinder, die nach dem Unterricht vorbeikamen, die Stammgäste aus den Büros gegenüber und Nina und Cherie, die Friseurinnen, die den Kaloriengehalt jedes einzelnen Gerichts kannten, das im Buttered Bun angeboten wurde. Ich mochte sogar die nervigen Gäste, wie die rothaarige Frau, die den Spielwarenladen führte und mindestens einmal wöchentlich einen Streit wegen ihres Wechselgeldes anfing.

Ich sah an diesen Cafétischen Beziehungen anfangen und zu Ende gehen, Kinder, die zwischen Scheidungspartnern wechselten, die schuldbewusste Erleichterung von Eltern, die nicht zu Hause kochen wollten, und das heimliche Vergnügen von Rentnern bei einem viel zu cholesterinhaltigen Frühstück. Die unterschiedlichsten Leute kamen zu uns, und die meisten redeten ein bisschen mit mir, erzählten sich über dampfenden Teebechern Witze oder kommentierten die Nachrichten. Dad sagte immer, man könne nie wissen, was ich als Nächstes zum Besten geben würde, aber im Café spielte das keine Rolle.

Frank mochte mich. Er war eher der ruhige Typ und meinte, ich würde Leben ins Café bringen. Es war ein bisschen, als wäre ich eine Barfrau, aber ohne den Ärger mit Betrunkenen.

Und dann, an diesem Nachmittag, als das Mittagsgeschäft vorbei und niemand mehr im Café war, wischte sich Frank die Hände an seiner Schürze ab, kam hinter der Theke hervor und drehte das ‹Geschlossen›-Schild an der Tür um.

«Na, na, Frank. Ich hab dir von Anfang an gesagt, dass Extras bei meinem Hungerlohn nicht inklusive sind.» Frank war, wie es Dad ausdrückte, so schwul wie ein blaues Gnu. Ich sah auf.

Er lächelte nicht.

«Oh-oh. Ich habe wieder Salz in die Zuckerstreuer gefüllt, oder?»

Er drehte ein Geschirrtuch zwischen den Händen zusammen und schien sich schrecklich unbehaglich zu fühlen. Ich überlegte kurz, ob sich jemand über mich beschwert hatte. Und dann winkte er mich zu einem Tisch.

«Es tut mir leid, Louisa», sagte er, «aber ich gehe zurück nach Australien. Mein Vater ist ziemlich krank, und es sieht so aus, als würden sie auf der Burg demnächst wirklich das Café aufmachen, von dem schon so lange die Rede ist. Es ist beinahe sicher.»

Ich glaube, ich saß tatsächlich mit offenem Mund vor ihm. Und dann gab mir Frank den Umschlag und beantwortete meine nächste Frage, noch bevor ich sie ausgesprochen hatte. «Ich weiß, dass wir nie so etwas wie einen richtigen Vertrag oder so hatten, aber ich wollte dich nicht einfach so wegschicken. Hier drin ist das Geld für drei Monate. Morgen schließen wir.»

 

«Drei Monate!», rief mein Vater erbost, während mir Mum einen Becher mit gezuckertem Tee in die Hand drückte. «Tja, das ist wirklich großzügig von ihm, wenn man bedenkt, dass sie sechs Jahre lang wie ein verdammter Ackergaul für ihn geschuftet hat.»

«Bernard.» Meine Mutter warf ihm einen ermahnenden Blick zu und nickte Richtung Thomas. Meine Eltern hüteten ihn jeden Tag nach der Schule, bis Treena von der Arbeit kam.

«Was zum Teufel soll sie jetzt machen? Er hätte es ihr auch ein bisschen früher ankündigen können, verflucht noch mal.»

«Nun … sie muss sich einfach eine andere Arbeit suchen.»

«Es gibt keine Stellen, Josie. Das weißt du doch genauso gut wie ich. Wir stecken mitten in einer verdammten Rezession.»

Mum schloss einen Moment die Augen, als müsste sie sich sammeln, bevor sie weitersprach. «Sie ist ein intelligentes Mädchen. Sie wird schon etwas finden. Sie bekommt ein gutes Arbeitszeugnis. Und Frank wird ihr noch eine Empfehlung schreiben.»

«O ja, das wird fabelhaft. Louisa Clark kann sehr gut Toast buttern und ist ein Vollprofi beim Teeausschenken.»

«Vielen Dank für die Unterstützung, Dad.»

«Ich mein ja nur.»

Ich kannte den tatsächlichen Grund für Dads Beunruhigung. Sie waren auf mein Einkommen angewiesen. Treena verdiente im Blumenladen so gut wie nichts. Mum konnte nicht arbeiten gehen, weil sie sich um Großvater kümmern musste, und dessen Rente konnte man praktisch vergessen. Dad lebte in ständiger Angst davor, seine Arbeit bei der Möbelfabrik zu verlieren. Sein Chef ließ schon seit Monaten Bemerkungen über mögliche Entlassungen fallen. Zu Hause redeten sie immer häufiger hinter vorgehaltener Hand über Schulden und jonglierten mit Kreditkarten herum. Zwei Jahre zuvor hatte ein Autofahrer ohne Versicherung an Dads Wagen einen Totalschaden verursacht, und das hatte gereicht, um das ganze wacklige Finanzgerüst meiner Eltern zum Einsturz zu bringen. Meine bescheidenen Einkünfte hatten den größten Teil des Haushaltsgeldes ausgemacht und die Familie von Woche zu Woche über Wasser gehalten.

«Machen wir uns nicht verrückt», sagte Mum. «Sie kann morgen ins Jobcenter gehen und gucken, was angeboten wird. Fürs Erste kommt sie ja noch durch.» Sie redeten, als wäre ich nicht dabei. «Und sie ist klug. Du bist doch klug, oder, Liebes? Vielleicht kann sie einen Computerkurs machen. Im Büro arbeiten.»

Ich saß nur da, während meine Eltern darüber diskutierten, was mit meinen geringen Qualifikationen sonst noch für mich in Frage kam. Fabrikarbeiterin, Putzfrau? Brötchenschmiererin? Zum ersten Mal an diesem Nachmittag hätte ich am liebsten geheult. Thomas starrte mich mit weit aufgerissenen Augen an und schob mir wortlos die Hälfte eines feuchten Kekses in die Hand.

«Danke, Tommo», hauchte ich tonlos und aß den Keks.

 

Er war unten im Sportzentrum, wie ich es mir gedacht hatte. Von Montag bis Donnerstag saß Patrick pünktlich wie die Bahnhofsuhr dort an den Trainingsgeräten oder absolvierte im Stadion unter Flutlicht sein Lauftraining. Ich ging die Treppe hinunter, verschränkte die Arme, weil es so kalt war, und stellte mich an die Laufbahn.

«Lauf mit mir», keuchte er beim Näherkommen. Sein Atem stieg in weißen Wolken empor. «Ich muss noch vier Runden machen.»

Ich zögerte kurz und rannte dann neben ihm her. Das war die einzige Möglichkeit, mich mit ihm zu unterhalten. Ich trug meine rosa Turnschuhe mit den türkisfarbenen Schnürsenkeln, die einzigen Schuhe, in denen ich überhaupt rennen konnte.

Ich war den Tag über zu Hause geblieben und hatte versucht, mich nützlich zu machen. Ich schätze, es dauerte ungefähr eine Stunde, bis ich meiner Mutter ins Gehege kam. Mum und Großvater hatten ihren festen Tagesablauf, und den unterbrach ich. Dad schlief nach seiner Nachtschicht und sollte nicht gestört werden. Ich räumte mein Zimmer auf und sah bei leise gestelltem Ton ein bisschen fern, und jedes Mal, wenn ich daran dachte, warum ich tagsüber zu Hause war, fuhr mir ein richtiger Schmerz durch die Brust.

«Ich hab nicht mit dir gerechnet.»

«Ich hatte es satt zu Hause. Ich habe gedacht, wir könnten irgendetwas unternehmen.»

Er warf mir einen Seitenblick zu. Auf seinem Gesicht lag ein leichter Schweißfilm. «Je früher du einen neuen Job findest, Babe, desto besser.»

«Ich habe meine Arbeit vor gerade einmal vierundzwanzig Stunden verloren. Darf ich vielleicht mal ein bisschen durchhängen und jammern? Nur heute. Kannst du das nicht verstehen?»

«Du solltest lieber versuchen, das Positive daran zu sehen. Du weißt doch selbst, dass du nicht für immer dort hättest bleiben können. Du willst doch weiterkommen, hochkommen.» Patrick war zwei Jahre zuvor zu Stortfolds Jungunternehmer des Jahres gewählt worden, und von dieser Ehre hatte er sich immer noch nicht ganz erholt. Inzwischen hatte er einen Geschäftspartner, Ginger Pete, mit dem er in einem Umkreis von vierzig Meilen Individual-Fitnesstraining anbot, und zwei Firmenwagen, an denen sie noch abzahlten. In Patricks Büro stand ein Whiteboard, auf das er gern mit einem schwarzen Marker seine Umsatzziele schrieb und die Zahlen so lange überarbeitete, bis sie ihm gefielen. Ich war nie ganz sicher, ob sie irgendeinen Bezug zur Wirklichkeit hatten.

«Entlassen zu werden kann eine echte Wende im Leben bedeuten, Lou.» Er warf einen Blick auf seine Uhr, um seine Rundenzeit zu überprüfen. «Was willst du machen? Wie wär’s mit einer Umschulung? Ich bin sicher, dass Leute wie du eine Förderung kriegen.»

«Leute wie ich?»

«Leute, die nach neuen Perspektiven suchen. Was willst du werden? Was sagst du zu Kosmetikerin? Hübsch genug bist du ja.» Er gab mir einen kleinen Schubs mit dem Ellbogen, als müsste ich ihm für dieses Kompliment danken.

«Du weißt doch, wie mein Beauty-Programm aussieht: Wasser, Seife, und im Notfall ziehe ich mir eine Papiertüte über den Kopf.»

Patrick wirkte leicht genervt.

Ich begann zurückzufallen. Ich hasse laufen. Und ich hasste ihn dafür, dass er nicht langsamer wurde.

«Oder … Verkäuferin. Sekretärin. Immobilienmaklerin. Ich weiß auch nicht … es muss doch etwas geben, was du machen willst.»

Aber es gab nichts. Mir hatte es im Café gefallen. Es hatte mir gefallen, alles zu wissen, was es über das Buttered Bun zu wissen gab, und mir von den Gästen aus ihrem Leben erzählen zu lassen. Ich hatte mich dort wohl gefühlt.

«Du darfst den Kopf nicht hängen lassen, Babe. Komm drüber weg. Die erfolgreichsten Unternehmer haben sich von ganz unten hochgekämpft. Jeffrey Archer hat es gemacht. Und Richard Branson auch.» Er tätschelte mir den Arm, um mich zu trösten.

«Ich bezweifle, dass Jeffrey Archer je einen Job verloren hat, bei dem er Teebrötchen aufwärmen musste.» Ich war außer Atem. Und ich trug den falschen BH. Ich wurde langsamer, blieb stehen und stützte die Hände auf die Knie.

Er drehte um, rannte zurück, seine Stimme klang durch die kalte Luft. «Aber wenn es ihm passiert wäre … Ich mein ja nur. Schlaf drüber, und morgen ziehst du ein schickes Kostüm an und gehst zum Jobcenter. Oder wenn du willst, bilde ich dich aus, dann kannst du mit mir arbeiten. Du weißt, dass da Geld drin ist. Und mach dir über den Urlaub keine Sorgen. Ich bezahle.»

Ich lächelte ihn an.

Er warf mir einen Kuss zu, und seine Stimme echote durch das leere Stadion. «Du kannst es mir ja zurückzahlen, wenn du wieder auf die Beine gekommen bist.»

 

Zum ersten Mal in meinem Leben stellte ich einen Antrag auf Arbeitslosenunterstützung. Ich absolvierte ein 45-minütiges Einzelgespräch und ein Gruppengespräch, zu dem ungefähr zwanzig Männer und Frauen wahllos zusammengewürfelt worden waren, von denen die Hälfte den gleichen leicht geschockten Gesichtsausdruck hatte wie ich vermutlich auch und die andere Hälfte die ausdruckslosen, desinteressierten Mienen von Menschen, die so etwas schon zu oft mitgemacht hatten. Ich trug, was mein Dad für meine ‹Zivilkleidung› hielt.

Das Ergebnis dieser Bemühungen war, dass ich eine Kurzzeitvertretung in der Nachtschicht einer Fabrik für Hühnerverarbeitung überstehen musste (nach der ich noch wochenlang Albträume hatte) und eine zweitägige Ausbildung als Energieberaterin für Privathaushalte. Ich begriff ziemlich schnell, dass die eigentliche Ausbildung darin bestand, die Tricks zu lernen, mit denen man alte Leute dazu überredete, ihren Energieversorger zu wechseln, und ich erklärte Syed, meinem ‹persönlichen Berater› beim Jobcenter, so etwas könne ich nicht machen. Er bestand darauf, dass ich dabeiblieb, also zählte ich ihm ein paar der Methoden auf, die ich hätte anwenden sollen, worauf er ein bisschen schweigsam wurde und vorschlug, wir (es hieß immer ‹wir›, obwohl ziemlich offensichtlich war, dass einer von uns einen Job hatte) sollten etwas anderes versuchen.

Also arbeitete ich zwei Wochen bei einer Fast-Food-Kette. Die Arbeitszeiten waren okay, und ich kam damit klar, dass die Uniform meine Haare statisch auflud, aber ich schaffte es einfach nicht, mich an die Sprachregelung mit ihrem ‹Wie kann ich Ihnen heute helfen?› und ‹Möchten Sie dazu die große Portion Pommes?› zu halten. Ich war entlassen worden, nachdem mich eine Frau von der Doughnut-Abteilung dabei erwischt hatte, wie ich mit einer Vierjährigen über die unterschiedliche Qualität der Gratis-Spielfiguren diskutierte. Was soll ich sagen? Sie war ziemlich clever für eine Vierjährige. Ich fand das Dornröschen auch dämlich.

Jetzt saß ich bei meinem vierten Beratungsgespräch, und Syed suchte im Computer nach weiteren ‹Jobchancen›. Sogar Syed, der das grimmig-aufgekratzte Verhalten eines Menschen zeigte, der auch noch die unwahrscheinlichsten Kandidaten in eine Arbeitsstelle gepresst hatte, klang mittlerweile etwas erschöpft.

«Mmm … Haben Sie schon einmal daran gedacht, in die Unterhaltungsbranche zu gehen?»

«Als Märchentante, oder was?»

«Eigentlich nicht. Aber hier ist ein Angebot für eine Tänzerin. Poledance. Es sind sogar mehrere Stellen.»

Ich hob eine Augenbraue. «Das soll wohl ein Witz sein.»

«Es ist eine Dreißig-Stunden-Stelle auf selbständiger Basis. Ich vermute, das Trinkgeld ist ziemlich gut.»

«Bitte, bitte sagen Sie mir, dass Sie mir eben nicht geraten haben, einen Job anzunehmen, bei dem ich in Unterwäsche vor Fremden herumhüpfen soll.»

«Sie haben gesagt, Sie können gut mit Menschen umgehen. Und Sie scheinen … bühnenreife Kleidung zu mögen.» Er warf einen Blick auf meine grünen Glitzerstrumpfhosen. Ich hatte gedacht, sie würden mich aufheitern. Thomas hatte mir beim Frühstück beinahe die ganze Zeit die Titelmelodie von Die kleine Meerjungfrau vorgesummt.

Syed tippte etwas in seine Tastatur. «Und wie wäre es mit Kundenbetreuerin bei einem Telefonservice für Erwachsene?»

Ich starrte ihn bloß an.

Er zuckte mit den Schultern. «Sie haben schließlich gesagt, dass Sie gern mit Leuten reden.»

«Nein. Und auch nicht als Tresenkraft in einer Oben-ohne-Bar. Oder Masseuse. Oder Webcam-Filmerin. Kommen Sie, Syed, es muss doch etwas geben, was ich machen kann, ohne dass mein Dad deswegen einen Herzinfarkt kriegt.»

Das brachte ihn ein bisschen aus der Fassung. «Es gibt kaum noch etwas, außer Jobs im Einzelhandel mit flexiblen Arbeitszeiten.»

«Nachts Regale auffüllen?» Ich war nun oft genug da gewesen, um den Code zu verstehen.

«Und dafür gibt es eine Warteliste. Das machen Mütter gern, weil sie es mit den Schulzeiten ihrer Kinder vereinbaren können», sagte er entschuldigend. Er schaute wieder auf den Bildschirm. «Also bleibt eigentlich nur noch eine Stelle als Pflegehelferin übrig.»

«Alten Leuten den Hintern abwischen.»

«Ich fürchte, Louisa, mit Ihren Qualifikationen kommen Sie nicht viel weiter. Wenn Sie eine Umschulung machen möchten, gebe ich Ihnen gern die notwendigen Informationen. Das Erwachsenenbildungszentrum bietet sehr viele Kurse an.»

«Aber das haben wir doch schon besprochen, Syed. Wenn ich das mache, verliere ich mein Arbeitslosengeld, stimmt’s?»

«Wenn Sie nicht für eine Stelle zur Verfügung stehen, genau.»

Wir schwiegen einen Moment. Ich sah zur Tür, an der zwei kräftige Wachmänner standen, und überlegte, ob sie ihre Stelle über das Jobcenter gefunden hatten.

«Ich bin nicht gut, was alte Leute angeht, Syed. Mein Großvater wohnt seit seinem Schlaganfall bei uns, und ich bin eine Null bei seiner Betreuung.»

«Ah. Dann haben Sie also etwas Erfahrung in der Pflege.»

«Nein, eigentlich nicht. Das macht alles meine Mum.»

«Sucht denn Ihre Mum einen Job?»

«Sehr lustig.»

«Das sollte kein Witz sein.»

«Sodass ich mich um Großvater kümmern müsste? Nein danke. Er würde das übrigens genauso sehen. Haben Sie überhaupt nichts in einem Café?»

«Ich fürchte, es gibt hier kaum noch ein Café, in dem Sie arbeiten könnten, Louisa. Vielleicht probieren wir es mal bei Kentucky Fried Chicken. Vielleicht kommen Sie dort besser zurecht.»

«Weil es einen Riesenunterschied macht, ob man Party Buckets oder Chicken McNuggets verkauft? Nein, das ist nichts für mich.»

«Dann müssen wir wohl in einem größeren Umkreis suchen.»

«Es gibt am Tag nur vier Busverbindungen in unsere Stadt. Das wissen Sie doch. Und ich weiß, dass Sie gesagt haben, ich könnte auch mit den Touristenbussen fahren, aber ich habe dort angerufen, und bei denen fährt der letzte Bus um 17 Uhr. Außerdem ist er doppelt so teuer wie der normale Bus.»

Syed lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. «Ich muss Sie an dieser Stelle darauf hinweisen, dass Sie als gesunde und einsatzbereite Person für den weiteren Erhalt Ihrer Arbeitslosenunterstützung unter Beweis stellen müssen …»

«… dass ich mich um eine Stelle bemühe. Ich weiß.»

Wie konnte ich diesem Mann nur beibringen, wie dringend ich arbeiten wollte? Hatte er die geringste Vorstellung davon, wie sehr ich meinen alten Job vermisste? Arbeitslosigkeit war für mich bislang nur ein abstrakter Begriff aus den Nachrichten gewesen, wenn mal wieder darüber berichtet worden war, dass in Werften oder Autofabriken Stellen gestrichen wurden. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass einem die Arbeit genauso fehlen kann wie ein Arm, den man bei einem Unfall verloren hatte – und an den man ständig denken musste. Und genauso wenig hatte ich darüber nachgedacht, dass der Verlust des Jobs, abgesehen von den offensichtlichen Sorgen um das Geld und die Zukunft, auch dazu führte, dass man sich unfähig und nutzlos fühlte. Dass es schwerer war, morgens aufzustehen, wenn einen nicht der Wecker brutal aus den Träumen riss. Dass man die Leute vermisste, mit denen man gearbeitet hatte, ganz gleich, wie wenige Gemeinsamkeiten man mit ihnen hatte. Oder dass man sich dabei ertappte, wie man nach bekannten Gesichtern Ausschau hielt, wenn man die Hauptstraße entlangging. Einmal hatte ich die Pusteblumen-Lady entdeckt, die genauso ziellos wie ich an den Schaufenstern entlanggebummelt war, und ich hatte den Impuls unterdrücken müssen, zu ihr zu gehen und sie zu umarmen.

Syeds Stimme unterbrach meine Gedanken. «Aha. Also das könnte passen.»

Ich versuchte, einen Blick auf den Bildschirm zu erhaschen.

«Ist eben reingekommen. In dieser Minute. Eine Stelle als Pflegehilfe.»

«Ich habe Ihnen doch schon gesagt, dass ich mit alten …»

«Es geht nicht um alte Leute. Die Stelle ist in einem Privathaushalt, und zwar keine zwei Meilen von Ihnen entfernt. ‹Pflege und Gesellschaft für behinderten Mann›. Haben Sie einen Führerschein?»

«Ja. Aber müsste ich ihm den Hintern …»

«Davon steht hier nichts, soweit ich sehe.» Er las die Anzeige durch. «Es ist ein … Tetraplegiker. Er braucht tagsüber jemanden, der ihn füttert und ihn unterstützt. Bei diesen Stellen geht es häufig darum, dass jemand da ist, wenn sie aus dem Haus wollen, und der ihnen mit den grundlegenden Dingen hilft, die sie selbst nicht machen können. Oh. Die Bezahlung ist gut. Liegt ziemlich weit über dem Mindestlohn.»

«Was vermutlich daran liegt, dass Hinternabwischen doch dazugehört.»

«Ich rufe dort an und kriege das raus. Aber wenn es nicht der Fall sein sollte, würden Sie dann zum Bewerbungsgespräch gehen?»

Das sagte er, als wäre es eine Frage.

Aber wir kannten die Antwort beide ganz genau.

Seufzend nahm ich meine Tasche, um mich auf den Heimweg zu machen.

 

«Meine Güte», sagte mein Vater. «Kann man sich so etwas vorstellen? Als ob es nicht schon Strafe genug wäre, in einem verdammten Rollstuhl zu landen, schicken sie ihm als Gesellschaft auch noch unsere Lou.»

«Bernard!», schimpfte meine Mutter.

Hinter mir kicherte mein Großvater in seinen Teebecher.

Kapitel 2

Ich bin nicht dumm. Das will ich an dieser Stelle einfach mal betonen. Allerdings ist es ziemlich schwer, sich in der Gehirnzellenabteilung nicht unterversorgt zu fühlen, wenn man mit einer kleineren Schwester aufwächst, die nicht nur eine Klasse übersprungen hat, sodass sie in meiner war, sondern noch eine, und damit war sie in der Klasse über mir.

Alles, was man von einem Kind an vernünftigem oder klugem Handeln erwarten kann, hat Katrina als Erste getan, obwohl sie anderthalb Jahre jünger ist. Jedes Buch, das ich je gelesen habe, hatte sie vorher schon gelesen, und über alles, was ich am Essenstisch ansprach, wusste sie schon längst Bescheid. Sie ist der einzige Mensch, den ich kenne, der richtig gern Prüfungen ablegt. Manchmal glaube ich, dass ich mich so anziehe, wie ich es tue, weil das Einzige, was Treena nicht hat, Modegeschmack ist. Sie ist der Pullover-Jeans-Typ. Und wenn sie mal schick sein will, bügelt sie ihre Jeans, bevor sie sie anzieht.

Mein Vater nennt mich einen «Charakter», weil ich dazu neige, alles sofort auszusprechen, was mir in den Kopf kommt. Er sagt, ich wäre wie meine Tante Lily, die ich nie kennengelernt habe. Es ist ein bisschen komisch, ständig mit jemandem verglichen zu werden, dem man nie begegnet ist. Als ich zum Beispiel mal mit violetten Stiefeln runterkam, nickte Dad meiner Mum zu und sagte: «Weißt du noch, Tante Lily und ihre violetten Stiefel?» Und dann gluckste Mum los, und sie lachten, als hätte Dad einen Witz gemacht, den ich nicht verstand. Meine Mutter nennt mich dagegen «eigenwillig», und damit drückt sie höflich aus, dass sie meine Art, mich anzuziehen, nicht versteht.

Aber abgesehen von einer kurzen Phase als Teenager wollte ich nie so aussehen wie Treena oder wie sonst eins von den Mädchen aus meiner Schule. Bis ich vierzehn war, zog ich am liebsten Jungsklamotten an, und inzwischen gefalle ich mir am besten in Sachen, die zu meiner jeweiligen Stimmung passen. Es hat keinen Zweck, wenn ich versuche, durchschnittlich auszusehen. Ich bin klein, dunkelhaarig, und meinem Dad zufolge habe ich ein Elfengesicht. Damit meint er nicht, ich wäre schön wie eine Elfe. Ich bin nicht hässlich, aber ich glaube nicht, dass mich irgendwer jemals für eine Schönheit halten wird. Mit der Anmut habe ich’s auch nicht so. Wenn er Sex will, sagt Patrick immer, ich wäre umwerfend, aber er ist ziemlich leicht zu durchschauen. Nach fast sieben Jahren Beziehung kennt man sich außerdem ganz gut.

Jetzt war ich also sechsundzwanzig Jahre alt und wusste immer noch nicht so richtig, wer ich war. Bis ich meinen Job im Café verlor, hatte ich darüber ohnehin nie ernsthaft nachgedacht. Ich ging davon aus, dass ich vermutlich Patrick heiraten, ein paar Kinder kriegen und ein paar Straßen von dort entfernt wohnen würde, wo ich bisher gewohnt hatte. Abgesehen von meinem leicht exotischen Kleidergeschmack und der Tatsache, dass ich ziemlich klein bin, unterscheidet mich nicht viel von irgendwem, dem Sie auf der Straße begegnen. Vermutlich würden Sie keinen zweiten Blick auf mich werfen. Eine ganz normale junge Frau, die ein ganz normales Leben führt. Und das passte mir sehr gut, ehrlich gesagt.

 

«Zu einem Bewerbungsgespräch zieht man ein Kostüm an», hatte Mum gesagt. «Heutzutage wissen die Leute einfach nicht mehr, was sich gehört.»

«Weil Nadelstreifen so entscheidend sind, wenn man einen alten Knacker füttert.»

«Spiel nicht die Schlaumeierin.»

«Ich kann mir kein Kostüm leisten. Und was ist, wenn ich den Job trotzdem nicht kriege?»

«Du kannst meins anziehen, und ich bügle dir eine schöne Bluse, und dreh dein Haar mal ausnahmsweise nicht zu diesen …», sie deutete auf meine Frisur, die gewöhnlich aus zwei dunklen Haarknoten bestand, die ich mir seitlich am Kopf feststeckte, «… Prinzessin-Leia-Dingern. Versuch einfach mal, wie ein ganz normaler Mensch auszusehen.»

Ich war nicht so dumm, einen Streit mit meiner Mutter anzufangen. Und ich wusste genau, dass sie Dad angewiesen hatte, sich jeden Kommentar über mein Aussehen zu verkneifen, als ich leicht verkrampft aus dem Haus ging, weil der Rock zu eng war.

«Tschüs, Liebes», sagte er mit zuckenden Mundwinkeln. «Viel Glück. Du siehst sehr … geschäftsmäßig aus.»

Das Peinliche war nicht, dass ich das Kostüm meiner Mutter trug oder dass sein Schnitt das letzte Mal in den späten Achtzigern Mode gewesen war, sondern dass es mir ehrlich gesagt ein winziges bisschen zu eng war. Der Bund schnitt mir in die Taille, und das doppelreihig geknöpfte Jackett spannte. Dad sagt von Mum immer, an ihr sei weniger Fett als an einer Haarklammer.

Auf der kurzen Busfahrt war mir leicht übel. Ich hatte noch nie ein richtiges Bewerbungsgespräch geführt. Im Buttered Bun war ich gelandet, nachdem Treena gewettet hatte, dass ich niemals innerhalb eines Tages einen Job finden würde. Also war ich einfach in das Café gegangen und hatte Frank gefragt, ob er eine Aushilfe brauchte. Er hatte gerade erst eröffnet und war beinahe in die Knie gegangen vor Dankbarkeit.

Im Rückblick kommt es mir so vor, als hätten wir nie über Geld geredet. Er schlug mir einen Wochenlohn vor, und ich nahm den Vorschlag an, und einmal im Jahr erhöhte er den Betrag, und zwar um ein bisschen mehr, als ich gefordert hätte.

Was wurde man bei einem Bewerbungsgespräch gefragt? Und was war, wenn sie mich in der Praxis testen wollten, wenn ich diesen alten Mann füttern oder baden sollte? Syed hatte gesagt, es gebe einen Pfleger, der sich um die ‹intimen Bedürfnisse› kümmere (ich erschauerte bei diesem Ausdruck). Die Aufgabenbeschreibung der Pflegehilfe, sagte er, sei ‹in dieser Hinsicht ein bisschen unklar›. Ich stellte mir vor, wie ich dem Alten Speichel von den Mundwinkeln wischte und dabei mit erhobener Stimme fragte: «MÖCHTE ER EINE TASSE TEE?»

Mein Großvater hatte in der ersten Zeit nach seinem Schlaganfall überhaupt nicht für sich sorgen können, und Mum hatte seine gesamte Pflege übernommen. «Deine Mutter ist eine Heilige», hatte Dad gesagt, und ich schloss daraus, dass sie Großvater den Hintern abwischte, ohne schreiend aus dem Haus zu rennen. Ich war ziemlich sicher, dass mich nie jemand eine Heilige genannt hatte. Ich schnitt für Großvater das Essen vor und kochte ihm Tee, aber ich glaubte, für alles andere fehlte mir irgendein Gen.

Granta House lag mitten im Touristengebiet auf der anderen Seite von Stortfold Castle ganz in der Nähe der mittelalterlichen Burgmauern. Dort standen nur vier Häuser und der Museumsshop. Ich war schon eine Million Mal an diesem Haus vorbeigegangen, ohne es je richtig wahrzunehmen. Als ich jetzt am Parkplatz und an der Miniatur-Eisenbahn vorbeikam, die so trostlos und verlassen wirkte, wie es nur eine Sommerattraktion im Februar kann, wurde mir klar, dass das Haus viel größer war, als ich gedacht hatte. Es war ein roter Backsteinbau mit einer riesigen Eingangstür, genau die Art Haus, die man im Wartezimmer eines Arztes in alten Nummern von Country Life sah.

Ich ging die lange Auffahrt hinauf und versuchte, nicht darüber nachzudenken, ob mich hinter einem der Fenster jemand beobachtete. Eine lange Auffahrt hinaufzugehen, versetzt einen in die schlechtere Position; man fühlt sich automatisch unterlegen. Ich überlegte gerade, ob ich mir den Pony zurechtzupfen sollte, als die Tür aufging und ich vor Schreck beinahe einen Satz machte.

Eine Frau, nicht viel älter als ich, trat auf die Veranda. Sie trug weiße Hosen und eine Art Pflegerkittel und hatte eine Bewerbungsmappe und einen Mantel unter dem Arm. Als sie an mir vorbeiging, lächelte sie mir höflich zu.

«Und vielen Dank, dass Sie gekommen sind», sagte eine Stimme aus dem Haus. «Wir melden uns.» Dann tauchte das Gesicht einer Frau auf. Sie war mittleren Alters, aber sehr schön, und hatte einen teuren, akkuraten Haarschnitt. Ihr Hosenanzug hatte vermutlich mehr gekostet, als mein Vater im Monat verdiente.

«Sie müssen Miss Clark sein.»

«Louisa.» Ich streckte ihr die Hand entgegen, wie es mir meine Mutter eingeschärft hatte. Die jungen Leute heutzutage wollten niemandem mehr die Hand geben, da waren sich meine Eltern einig. Früher hätte man nicht im Traum daran gedacht, sich mit einem «Hey» oder, schlimmer, mit Küsschen zu begrüßen. Diese Frau sah definitiv nicht so aus, als wollte sie von mir geküsst werden.

«Gut. Ja. Bitte, kommen Sie herein.» Sie zog ihre Hand so schnell zurück, wie es die Höflichkeit erlaubte, aber ich spürte ihren abschätzenden Blick auf mir.

«Bitte, es geht hier entlang. Wir unterhalten uns im Salon. Ich bin Camilla Traynor.» Sie wirkte erschöpft, so als hätte sie diese Worte heute schon oft gesagt.

Ich folgte ihr durch einen riesigen Raum mit hohen französischen Fenstern. Schwere Vorhänge hingen elegant drapiert an dicken Mahagonistangen, und auf dem Boden lagen Perserteppiche mit verschlungenen Mustern. Es roch nach Bienenwachs und antiken Möbeln. Überall standen kleine, edle, blankpolierte Beistelltische mit Zierdöschen herum. Ich fragte mich kurz, wo um alles in der Welt die Traynors ihre Teetassen abstellten.

«Sie sind also über unsere Stellenannonce beim Jobcenter hergekommen, nicht wahr? Bitte, nehmen Sie Platz.»

Während sie in ihren Unterlagen blätterte, sah ich mich verstohlen um. Ich hatte erwartet, in dem Haus würde es ungefähr wie in einem Pflegeheim aussehen, rollstuhlgerecht und mit hygienisch abwischbaren Oberflächen. Aber es wirkte eher wie eins von diesen erschreckend teuren Hotels, alles atmete altes Geld und stand voller liebgewordener Dinge, die vermutlich sehr wertvoll waren. Auf einem Sideboard schimmerten silbergerahmte Fotos, aber sie waren zu weit weg, als dass ich die Gesichter hätte erkennen können. Während Mrs. Traynor die Papiere durchlas, rutschte ich auf meinem Platz herum, um mich besser umsehen zu können.

Und da hörte ich es – das unverkennbare Geräusch, mit dem eine Naht reißt. Als ich den Blick senkte, sah ich, dass die seitliche Rocknaht an meinem rechten Oberschenkel nachgegeben hatte und ausgefranster Nähfaden unschön an den Rändern hochstand.

Ich fühlte, wie mir die Röte ins Gesicht schoss.

«Also … Miss Clark … haben Sie Erfahrung mit Tetraplegie?»

Ich sah Mrs. Traynor an und zog dabei an meinem Jackett, um so viel wie möglich von dem Rock damit zu verdecken.

«Nein.»

«Waren Sie lange in der Pflege tätig?»

«Also … eigentlich habe ich so etwas noch nie gemacht», sagte ich und fügte hinzu, als könnte ich Syeds Ermahnungen hören, «aber ich bin sicher, dass ich es lernen kann.»

«Wissen Sie, was ein Tetraplegiker ist?»

Ich zögerte. «Wenn jemand … in einem Rollstuhl sitzt?»

«Ich vermute, so könnte man es auch sagen. Es gibt mehrere Schweregrade, aber in diesem Fall geht es um den vollständigen Bewegungsverlust der Beine und eine sehr eingeschränkte Bewegungsfreiheit der Hände und Arme. Haben Sie damit Probleme?»

«Na ja, bestimmt weniger Probleme als er, schätze ich.» Ich setzte ein Lächeln auf, aber Mrs. Traynors Miene blieb ausdruckslos. «Sorry, ich wollte nicht …»

«Können Sie Auto fahren, Miss Clark?»

«Ja.»

«Keine Punkte auf dem Konto?»

Ich schüttelte den Kopf.

Camilla Traynor hakte etwas auf ihrer Liste ab.

Der Riss wurde größer. Ich sah ihn unaufhaltsam an meinem Oberschenkel hinaufkriechen. Wenn es so weiterging, konnte ich mich beim Aufstehen nachher als Showgirl in Las Vegas bewerben.

«Alles in Ordnung?» Mrs. Traynor sah mich an.

«Es ist nur ein bisschen warm. Haben Sie etwas dagegen, wenn ich das Jackett ausziehe?» Bevor sie etwas sagen konnte, schlüpfte ich in einer fließenden Bewegung aus dem Jackett und schlang es mir um die Hüfte, sodass es die offene Rocknaht bedeckte. «Es ist wirklich sehr warm», sagte ich und lächelte sie an, «wenn man gerade von draußen hereinkommt.»

Nach einer winzigen Pause senkte Mrs. Traynor ihren Blick wieder auf ihre Unterlagen. «Wie alt sind Sie?»

«Ich bin sechsundzwanzig.»

«Und Ihre vorhergehende Stelle hatten Sie sechs Jahre lang.»

«Ja. Mein Zeugnis müsste bei den Unterlagen sein.»

«Mm …» Mrs. Traynor hob es hoch und sagte mit zusammengekniffenen Augen: «Ihr früherer Arbeitgeber schreibt, Sie wären ‹herzlich, gesprächig und würden Lebensfreude in Ihr Arbeitsumfeld bringen›.»

«Ja, ich hab ihn dafür bezahlt.»

Wieder das Pokerface.

O Mist, dachte ich.

Es war, als würde ich genauestens analysiert. Und nicht unbedingt mit positivem Resultat. Der Rock meiner Mutter kam mir auf einmal billig vor, der Synthetikstoff schimmerte im Licht. Ich hätte einfach meine schlichtesten Hosen und eine Bluse tragen sollen. Alles, bloß nicht dieses Kostüm.

«Und warum haben Sie die Stelle aufgegeben, wenn Sie dort so geschätzt wurden?»

«Frank – der Besitzer – hat das Café verkauft. Es ist das unten bei der Burg. Das Buttered Bun. War», korrigierte ich mich. «Ich wäre gern geblieben.»

Mrs. Traynor nickte, entweder weil sie fand, dass es dazu nichts zu sagen gab, oder weil auch sie sich gefreut hätte, wenn ich dortgeblieben wäre.

«Und welche Pläne haben Sie für Ihr Leben?»

«Wie bitte?»

«Möchten Sie beruflich aufsteigen? Wäre diese Stelle nur ein Sprungbrett irgendwo anders hin? Verfolgen Sie einen bestimmten Berufswunsch?»

«Ich … so weit habe ich eigentlich noch gar nicht gedacht. Ich will einfach», ich schluckte, «nur wieder arbeiten.»

Das klang ziemlich schwach. Wer kam zu einem Bewerbungsgespräch und wusste nicht mal, was er beruflich machen wollte? Mrs. Traynors Miene ließ darauf schließen, dass sie das Gleiche dachte.

Sie legte ihren Stift weg. «Also, Miss Clark, warum sollten wir Sie und nicht, sagen wir, die Bewerberin vor Ihnen einstellen, die mehrere Jahre Erfahrung in der Pflege von Tetraplegikern hat?»

Ich sah sie an. «Also … ehrlich? Ich weiß es nicht.» Darauf folgte Schweigen, und ich fügte hinzu: «Das ist Ihre Entscheidung.»

«Sie können mir also keinen einzigen Grund nennen, aus dem ich Sie einstellen sollte?»

Auf einmal hatte ich Mums Gesicht vor Augen. Die Vorstellung, mit einem ruinierten Kostüm und einer weiteren Absage nach Hause zu kommen, war einfach zu viel für mich. Und bei diesem Job würde ich mehr als neun Pfund pro Stunde verdienen.

Ich setzte mich auf. «Also … ich lerne schnell, ich bin nie krank, ich wohne direkt auf der anderen Seite der Burg, und ich bin kräftiger, als ich aussehe … wahrscheinlich habe ich genug Kraft, um Ihrem Mann mit dem Rollstuhl zu helfen …»

«Meinem Mann? Sie würden nicht für meinen Mann arbeiten. Es geht um meinen Sohn.»

«Ihren Sohn?» Ich blinzelte. «Und … ich habe nichts gegen viel Arbeit. Ich kann gut mit allen möglichen Leuten umgehen, und … und ich kann Tee kochen.» Ich redete einfach drauflos. Der Gedanke, dass es um ihren Sohn ging, hatte mich völlig unvorbereitet getroffen. «Ich meine, mein Dad scheint das nicht gerade für eine großartige Qualifikation zu halten, aber nach meiner Erfahrung gibt es kaum etwas, das mit einer schönen Tasse Tee nicht in Ordnung gebracht werden kann …»

Ein merkwürdiger Ausdruck tauchte in Mrs. Traynors Blick auf.

«Entschuldigung», stotterte ich, als mir aufging, was ich da gerade gesagt hatte. «Ich meinte damit natürlich nicht, dass dieses … die Paraplegie … Tetraplegie Ihres Sohnes mit einer Tasse Tee geheilt werden könnte.»

«Ich sollte noch betonen, Miss Clark, dass es sich nicht um eine unbefristete Stelle handelt. Es ginge um höchstens sechs Monate. Deshalb ist die Entlohnung auch … entsprechend. Wir möchten die richtige Person dafür finden.»

«Glauben Sie mir, wenn Sie in einer Hühnerfabrik Nachtschichten geschoben haben, klängen sogar sechs Monate Guantánamo Bay verlockend.» Oh, halt doch einfach mal die Klappe, Louisa. Ich biss mir auf die Unterlippe.

Aber Mrs. Traynor schien mich gar nicht gehört zu haben. Sie klappte den Ordner zu. «Mein Sohn – Will – wurde vor beinahe zwei Jahren bei einem Verkehrsunfall verletzt. Er braucht rund um die Uhr Betreuung, den Hauptanteil übernimmt ein ausgebildeter Krankenpfleger. Ich selbst habe vor kurzem wieder angefangen zu arbeiten, und die Pflegehilfe müsste Will tagsüber Gesellschaft leisten, ihm beim Essen und Trinken helfen, einspringen, falls es einmal nötig sein sollte, und dafür sorgen, dass ihm nichts passiert.» Camilla Traynor senkte den Blick. «Es ist von allergrößter Wichtigkeit, dass Will jemanden bei sich hat, dem diese Verantwortung bewusst ist.»

Alles, was sie sagte, sogar die Art, wie sie ihre Worte betonte, schien auszudrücken, dass sie mich für dumm hielt.

«Ich verstehe», sagte ich und angelte nach meiner Tasche.

«Sie würden die Stelle also annehmen?»

Das kam so unerwartet, dass ich zuerst dachte, ich hätte mich verhört. «Wie bitte?»

«Sie müssten so bald wie möglich anfangen. Die Bezahlung erfolgt wöchentlich.»

Einen Moment lang war ich sprachlos. «Sie würden also lieber mich nehmen als diese …», fing ich an.

«Die Arbeitszeiten sind ziemlich lang. Von acht Uhr morgens bis fünf Uhr nachmittags. Es gibt keine feste Mittagspause, aber während Nathan, sein Pfleger, mittags bei ihm ist, können Sie sich eine halbe Stunde freinehmen.»

«Also müsste ich nichts … Pflegerisches machen?»

«Will hat die beste medizinische und pflegerische Versorgung, die wir ihm bieten können. Was wir jetzt noch für ihn brauchen, ist jemand mit Durchhaltevermögen und … Optimismus. Seine Situation ist … schwierig, und es ist wichtig, dass er dazu angeregt wird …» Sie brach ab, den Blick auf etwas vor den französischen Fenstern gerichtet. Schließlich wandte sie sich wieder an mich. «Nun, sagen wir einfach, dass sein psychisches Wohlergehen genauso wichtig ist wie sein physisches Wohlergehen. Verstehen Sie?»

«Ich glaube schon. Soll ich so etwas wie einen … Krankenschwesternkittel tragen?»

«Nein. Ganz bestimmt nicht.» Sie warf einen kurzen Blick auf meine Beine. «Allerdings wäre vielleicht etwas weniger … Freizügiges angebracht.»

Ich sah an mir hinunter. Das Jackett war verrutscht, und man sah einen großen Teil meines nackten Oberschenkels. «Das … tut mir leid. Die Naht ist gerissen. Das Kostüm gehört mir eigentlich nicht.»

Aber Mrs. Traynor schien gar nicht mehr zuzuhören. «Ich werde Ihnen erklären, was zu tun ist, wenn Sie anfangen. Will ist nicht gerade sehr umgänglich zurzeit, Miss Clark. Bei dieser Arbeit geht es genauso sehr um die innere Einstellung wie um jegliche … beruflichen Fähigkeiten, die Sie haben. Also, sehen wir Sie morgen?»

«Morgen? Wollen Sie nicht … dass ich ihn vorher kennenlerne?»

«Will hat heute keinen guten Tag. Ich glaube, am besten fangen wir morgen ganz neu an.»

Ich stand auf, denn Mrs. Traynor wollte mich offensichtlich sofort zur Tür begleiten.

«Ja», sagte ich und zog Mums Jackett fester um mich. «Also. Danke. Ich komme dann morgen früh um acht Uhr.»

 

Mum servierte Dad Kartoffeln. Sie legte ihm zwei auf den Teller, er zog ihn aber nicht zurück und nahm sich noch eine dritte und vierte von der Servierplatte. Mum stoppte ihn, beförderte die Kartoffeln wieder auf die Platte und klopfte ihm mit dem Vorlegelöffel auf die Hand, als er einen neuen Vorstoß unternahm. Um den Tisch saßen meine Eltern, meine Schwester und Thomas, mein Großvater und Patrick, der jeden Mittwoch zum Abendessen kam.

«Daddy», sagte Mum zu Großvater, «soll dir jemand das Fleisch schneiden? Treena, würdest du Daddy das Fleisch klein schneiden?»

Treena beugte sich zu ihm hinüber und begann geschickt, auf Großvaters Teller herumzusäbeln. Auf ihrer anderen Seite hatte sie dasselbe schon für Thomas getan.

«Wie geschädigt ist dieser Mann eigentlich, Lou?»

«Viel kann mit dem nicht mehr los sein, wenn sie unsere Tochter auf ihn loslassen», stellte Bernard fest. Hinter mir lief der Fernseher, sodass Dad und Patrick das Fußballspiel sehen konnten. Ab und zu erstarrten sie, spähten um mich herum und vergaßen zu kauen, während sie einen Pass oder ein Beinahe-Tor verfolgten.

«Ich glaube, das ist eine große Chance. Sie wird in einem von den alten Herrenhäusern arbeiten. Für eine gute Familie. Sind sie vornehm, Liebes?»

In unserer Straße konnte mit ‹vornehm› jeder gemeint sein, in dessen Familie noch niemand Ärger mit der Polizei gehabt hatte.

«Ich schätze schon.»

«Hoffentlich hast du schon mal den Hofknicks geübt», sagte Dad und grinste.

«Hast du ihn schon kennengelernt?» Treena beugte sich zu Thomas, um zu verhindern, dass er mit dem Ellbogen seinen Saft vom Tisch stieß. «Den Krüppel, meine ich. Wie ist er so?»

«Ich lerne ihn morgen kennen.»

«Schon komisch, oder? Du wirst den ganzen Tag mit ihm verbringen. Neun Stunden. Du wirst mehr mit ihm zusammen sein als mit Patrick.»

«Das ist keine Kunst», sagte ich.

Patrick auf der anderen Seite des Tisches tat so, als hätte er mich nicht gehört.

«Immerhin musst du dir um sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz keine Sorgen machen, was?», sagte Dad.

«Bernard!», kam es scharf von meiner Mutter.

«Ich sage doch nur, was sowieso jeder denkt. Das ist vermutlich der beste Chef, den man sich für seine Freundin wünschen kann, nicht wahr, Patrick?»

Patrick lächelte. Er wehrte gerade Mums Versuche ab, ihm eine Portion Kartoffeln aufzudrängen. Zurzeit hatte er einen kohlenhydratfreien Monat, weil er sich auf einen Marathon Anfang März vorbereitete.

«Weißt du, ich habe gedacht, dass du vielleicht Zeichensprache lernen musst. Ich meine, wenn er sich nicht verständlich machen kann, woher sollst du dann wissen, was er will?»

«Sie hat nicht gesagt, dass er nicht sprechen kann, Mum.» Allerdings konnte ich mich auch nicht daran erinnern, was genau Mrs. Traynor gesagt hatte. Ich stand noch leicht unter Schock, weil ich tatsächlich einen Job bekommen hatte.

«Vielleicht redet er mit so einem Gerät. Wie dieser Wissenschaftler. Der aus den Simpsons.»

«Scheißer», sagte Thomas.

«Nee, der nicht», sagte Dad.

«Stephen Hawking», sagte Patrick.

«Daran bist du schuld, also wirklich», sagte Mum und sah anklagend von Dad zu Thomas. Mit diesem Blick hätte sie auch ein Steak schneiden können. «Bringst ihm diese unanständigen Wörter bei.»

«Nein. Ich weiß nicht, woher er die hat.»

«Scheißer», sagte Thomas, den Blick fest auf seinen Großvater gerichtet.

Treena verzog das Gesicht. «Ich glaube, ich würde mich total gruseln, wenn er mit einem von diesen Kehlkopfgeräten spricht. Stell dir mal vor: Holen-Sie-mir-ein-Glas-Wasser», ahmte sie nach.

Treena war intelligent – aber nicht intelligent genug, um sich nicht schwängern zu lassen, wie Dad gelegentlich vor sich hin murmelte. Sie war das erste Mitglied unserer Familie gewesen, das an die Universität gegangen war, bis Thomas dafür gesorgt hatte, dass sie im Abschlussjahr ihr Studium abbrechen musste. Mum und Dad hofften immer noch, dass sie eines Tages ein Heidengeld für die Familie verdienen wird. Oder bei einer Firma arbeiten, wo der Empfangsbereich nicht mit Überwachungskameras gesichert war. Sie wären mit beidem zufrieden.

«Seit wann muss man denn wie ein Außerirdischer sprechen, wenn man im Rollstuhl sitzt?», sagte ich.

«Und du wirst richtig eng mit ihm zu tun haben. Zumindest musst du ihm den Mund abwischen und ihm was zu trinken geben und so.»

«Na und? Das ist ja wohl keine Quantenphysik.»

«Sagt die Frau, die Thomas die Windel immer falsch rum angezogen hat.»

«Ein einziges Mal.»

«Zweimal. Und du hast ihm nur dreimal die Windel gewechselt.»

Ich nahm mir von den grünen Bohnen und versuchte zuversichtlicher zu erscheinen, als ich es war.

Aber schon bei der Busfahrt nach Hause waren mir genau solche Fragen durch den Kopf gegangen. Worüber würden wir reden? Was war, wenn er den ganzen Tag bloß kraftlos mit dem Kopf wackeln und mich anstarren würde? Würde ich mich gruseln? Und was war, wenn ich nicht verstand, was er wollte? Ich war sagenhaft unfähig, wenn es darum ging, mich um etwas zu kümmern. Wir hatten keine Zimmerpflanzen mehr im Haus und Tiere auch nicht, nach den Vorfällen mit dem Hamster, den Stabheuschrecken und Randolph, dem Goldfisch. Und wie viel würde ich mit dieser stocksteifen Mutter zu tun haben? Die Vorstellung, den ganzen Tag unter Beobachtung zu stehen, gefiel mir überhaupt nicht. Mrs. Traynor kam mir wie genau die Sorte Frau vor, unter deren Blick sich die geschicktesten Hände in tollpatschige Pranken verwandelten.

«Und was hältst du von der Sache, Patrick?»

Patrick trank einen Schluck Wasser und zuckte mit den Schultern.

Draußen trommelte der Regen so laut gegen die Fenster, dass er noch über das Besteckgeklapper zu hören war.

«Es ist gutes Geld, Bernard. Und besser als Nachtschicht in der Hühnerfabrik ist es auf jeden Fall.»

Auf diese Bemerkung folgte zustimmendes Gemurmel rund um den Tisch.

«Echt, das will ja was heißen, wenn euch nichts Besseres über meinen neuen Job einfällt, als zu sagen, er ist besser, als in einer Monsterfabrikhalle Hühnerkadaver aufs Förderband zu werfen», sagte ich.

«Na ja, du kannst dich ja immer noch in Form bringen und mit Patrick als Fitnesstrainerin arbeiten.»

«In Form bringen. Vielen Dank auch, Dad.» Ich hatte mir gerade noch eine Kartoffel nehmen wollen, aber jetzt überlegte ich es mir anders.

«Na ja, warum nicht?» Mum sah so aus, als könnte sie sich tatsächlich gleich hinsetzen, und alle hielten inne. Aber nein, da war sie schon wieder bei Großvater, um ihm etwas Bratensoße auf den Teller zu geben. «Vielleicht wär das ja was? Du hast immerhin ein Talent, dich auszudrücken.»

«Sie hat ein Talent, Speck anzusetzen.» Dad prustete los.

«Ich habe gerade einen Job gefunden», sagte ich. «Und er ist außerdem besser bezahlt als der letzte, falls ihr das mal zur Kenntnis nehmen wollt.»

«Aber er ist befristet», warf Patrick ein. «Dein Dad hat recht. Du könntest währenddessen wirklich was für deine Fitness tun. Du könntest eine gute Trainerin werden, wenn du dich ein bisschen anstrengst.»

«Ich will aber keine Fitnesstrainerin werden. Ich stehe nicht auf all das … Rumgehopse.» Ich blitzte Patrick böse an, aber er grinste bloß.

«Was Lou will, ist ein Job, bei dem sie die Füße hochlegen und fernsehen kann, während sie nebenbei ihrem Arbeitgeber seine Flüssignahrung per Strohhalm serviert», sagte Treena.

«Ja, genau. Wohingegen schlaffe Dahlien in Wassereimern zu arrangieren ja so viel körperliche und geistige Anstrengung erfordert, nicht wahr, Treen?»