Ein Gefühl von Hoffnung - Eva Völler - E-Book

Ein Gefühl von Hoffnung E-Book

Eva Völler

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9,99 €

Beschreibung

Das Ruhrgebiet Ende der 1950er Jahre: Das drohende Zechensterben treibt die Bergleute auf die Barrikaden. Johannes, der sich nach seinem schweren Unfall als Gewerkschafter engagiert, kämpft für die Interessen der Belegschaften. In diesen Zeiten des Umbruchs suchen die junge Buchhändlerin Inge und ihre rebellische Schwester Bärbel ihren Platz im Leben, jede auf ihre Art. Doch immer mehr Konflikte belasten den Familienfrieden, als eine unmögliche Liebe entsteht ...

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Seitenzahl: 567

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Inhalt

CoverÜber dieses BuchÜber die AutorinTitelImpressumWidmungTEIL 1Kapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6TEIL 2Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12TEIL 3Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18TEIL 4Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Kapitel 24NachwortGlossar plattdeutscher und bergmännischer Ausdrücke

Über dieses Buch

Das Ruhrgebiet Ende der 1950er Jahre: Das drohende Zechensterben treibt die Bergleute auf die Barrikaden. Johannes, der sich nach seinem schweren Unfall als Gewerkschafter engagiert, kämpft für die Interessen der Belegschaften. In diesen Zeiten des Umbruchs suchen die junge Buchhändlerin Inge und ihre rebellische Schwester Bärbel ihren Platz im Leben, jede auf ihre Art. Doch immer mehr Konflikte belasten den Familienfrieden, als eine unmögliche Liebe entsteht …

Über die Autorin

Eva Völler hat sich schon als Kind gern Geschichten ausgedacht. Trotzdem verdiente sie zunächst als Richterin und Rechtsanwältin ihre Brötchen, bevor sie die Juristerei endgültig an den Nagel hängte. »Vom Bücherschreiben kriegt man einfach bessere Laune als von Rechtsstreitigkeiten. Und man kann jedes Mal selbst bestimmen, wie es am Ende ausgeht.«

Die Autorin lebt mit ihren Kindern am Rande der Rhön in Hessen.

E V A V Ö L L E R

EinGefühl vonHoffnung

Vollständige eBook-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Originalausgabe

Copyright © 2020/2022 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Anna Hahn, Trier

Umschlaggestaltung: Johannes Wiebel | punchdesign, München

Unter Verwendung von Motiven von © shutterstock: Daboost |

Andrius_Saz | Vyntage Visuals | saiko3p

eBook-Erstellung: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7325-9437-5

luebbe.de

lesejury.de

Für Karl

T E I L 1

Kapitel 1

»Hoch soll er leben, hoch soll er leben, dreimal hoch!« Die Familie sang das Lied im Chor, während das Geburtstagskind auf einem Stuhl stand und die Ehrung verlegen über sich ergehen ließ. Dem siebenjährigen Jakob war es sichtlich unangenehm, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen. Nicht nur seine Wangen waren rot angelaufen, sondern auch die leicht abstehenden Ohren schimmerten rötlich, zusätzlich angestrahlt von den Kerzen des Weihnachtsbaums, der hinter ihm stand. Die Festtage waren zwar bereits vorbei, aber der Baum würde wie jedes Jahr bis zum Dreikönigstag stehen bleiben.

Auch auf der Geburtstagstorte des Jungen brannten Kerzen, und nachdem der letzte Ton des Lieds verklungen war, hob Johannes den Kleinen vom Stuhl, damit er sie auspusten konnte.

»Komm schon, alle auf einmal«, sagte er aufmunternd, und dabei spiegelte sich seine tiefe Zuneigung zu dem Kind in seinen Zügen wider.

Jakob holte tief Luft, und unter dem jubelnden Beifall der Familie blies er mit einem kräftigen Pusten alle Kerzen aus.

»Vergiss nicht, dir was zu wünschen!«, rief seine Schwester Bärbel, und Jakob kniff fest die Augen zu, sichtbares Zeichen für die Dringlichkeit seines Wunschs. Seine älteste Schwester Inge, die am Vortag ebenfalls ihren Geburtstag begangen hatte, kämpfte mit den Tränen. Sie wusste genau, was er sich erträumte – er wollte nicht länger zur Schule gehen. Das hatte er auch schon auf den Wunschzettel fürs Christkind geschrieben.

Im Leben eines jeden Menschen gibt es Wünsche, die so elementar sind, dass man alles nur Erdenkliche tun würde, um sie wahrzumachen. So wie sie selbst in jener Nacht vor sieben Jahren, als ihre Mutter bei Jakobs Geburt gestorben war. Inge hätte in ihrer Verzweiflung jeden Pakt mit dem Teufel geschlossen, wenn er es ungeschehen gemacht hätte.

Doch solche Wünsche erfüllten sich bekanntlich nie, und auch ihr kleiner Bruder würde lernen müssen, mit den Zwängen des Lebens klarzukommen. Der Schule entging man nicht. Jedenfalls nicht, wenn man sieben Jahre alt und in der ersten Klasse war.

»Willst du nicht deine Geschenke auspacken?« Johannes zeigte auf den Stapel bunt verpackter Gaben, die Inge liebevoll auf einem Beistelltischchen dekoriert hatte.

Das ließ sich Jakob nicht zweimal sagen. Unter den fröhlichen Kommentaren von allen Seiten zog er vorsichtig das Papier von den Päckchen und begutachtete seine Geschenke. Mehrere Spielzeugautos und ein Bastelset für ein Flaschenschiff von Johannes und Hanna, ein Säckchen Murmeln und eine Tafel Schokolade von Bärbel, ein Geldumschlag von Mine und Karl. Und ein selbst gestrickter Pulli und ein Buch von Inge. Gut erzogen wandte er sich an die Runde und bedankte sich höflich.

Reihum drückten und herzten alle Familienmitglieder den Kleinen, obwohl er schon im Laufe des Tages diverse Umarmungen, Küsse und Streicheleien erduldet hatte. Wieder ließ er die familiäre Zuwendung geduldig, aber mit sichtlichem Unbehagen über sich ergehen. Je länger es andauerte, desto gequälter wurde sein Lächeln, und schließlich bereitete Inge dem Ganzen ein Ende, indem sie Jakob an ihre Seite zog und erklärte, nun sei es Zeit für den Geburtstagskaffee. Sie wies Jakob an, alle Geschenke in sein Zimmer zu bringen, und Bärbel musste das Papier von den Verpackungen glatt streichen und zusammenlegen, damit es noch einmal verwendet werden konnte.

Inge hatte den Wohnzimmertisch ausgezogen und hochgekurbelt, sodass sie alle daran Platz fanden. Johannes und Hanna saßen nebeneinander, gegenüber von Mine und Karl. Am Kopfende saß Bärbel, und Inge hatte ihren Platz auf der anderen Seite des Tisches, neben Jakob. Es war eng, aber gemütlich, und zu Inges Erleichterung herrschte eine aufgeräumte, beinahe heitere Stimmung. Sie selbst bemühte sich, ebenfalls dazu beizutragen, indem sie kleine Scherze einstreute oder über die Bemerkungen der anderen lachte. Etwa, als Hanna in launiger Manier erzählte, wie großkotzig manche ihrer Kunden sich aufführten. Sie war Mitinhaberin einer Kunsthandlung in Düsseldorf und hatte mit allen möglichen Leuten aus der Hautevolee zu tun. Von denen gab es offenbar in den letzten Jahren immer mehr. Manche schwammen geradezu in Geld und scheuten sich nicht, mehrere tausend Mark für ein Gemälde hinzublättern, und das oft ohne besonderes Kunstverständnis.

»Letzte Woche kam doch tatsächlich einer und wollte das Blaue Pferd von Franz Marc. Ich verzog keine Miene und versicherte, ich würde es sofort für ihn reservieren, falls ich es hereinbekäme. Da meinte seine Frau, sie hätte es aber lieber in Rot, das würde besser zu ihren Vorhängen passen.«

Inge lachte pflichtschuldigst, und auch Johannes lächelte, obwohl er diese Anekdote wahrscheinlich nicht zum ersten Mal hörte. Bärbel hingegen fragte Hanna, wieso sie solche dämlichen Banausen überhaupt bediente. »Die hätte ich achtkantig rausgeworfen!«

»Wer zahlt, schafft an, und ich habe denen an diesem Tag für viel Geld was anderes verkauft«, erklärte Hanna lächelnd. Sie steckte eine Zigarette auf ihre silberne Spitze und zündete sie an. Inge verspürte einen Hauch von Ärger, aber dann machte sie sich klar, dass es ihre eigene Schuld war. Sie hätte ja keinen Aschenbecher auf den Tisch stellen müssen.

Inges Großmutter Mine nahm jedoch kein Blatt vor den Mund. »Dat Wohnzimmer hier is auch Inges Schlafzimmer«, sagte sie zu Hanna. »Dat stinkt tagelang nach Qualm, wenn hier gepafft wird.«

Hanna hob überrascht die dunkel nachgezogenen Brauen. Die Situation schien ihr peinlich zu sein. Sie warf Johannes einen Hilfe suchenden Blick zu. Der wiederum wirkte ebenfalls unangenehm berührt. Fragend sah er Inge an.

»Ach was, Hanna, rauch ruhig«, sagte Inge hastig. »Ich kann ja nachher gut durchlüften!«

Doch Hanna hatte ihre Zigarette schon im Aschenbecher ausgedrückt, und Inge ärgerte sich erneut über sich selbst, diesmal, weil sie mit ihrer Äußerung Oma Mine in die Parade gefahren war, aber es störte sie auch, dass sich Hanna überhaupt eine Zigarette angesteckt hatte. Normalerweise ging sie zum Rauchen vor die Tür.

Inges Vater meldete sich zu Wort. »Wer ist Franz Marc?«, fragte Karl in die Runde.

»Ein berühmter Maler, Papa«, sagte Inge.

Karl nickte, als hätte er es geahnt. »Das habe ich bestimmt auch mal gewusst.«

»Natürlich hast du das gewusst, Papa.«

Karl wandte sich an Hanna. »Ich wusste früher viel mehr als heute. Leider habe ich seit dem Krieg ein schlechtes Gedächtnis.«

»Ich weiß, Herr Wagner«, erwiderte Hanna mit sanfter Stimme. Mitleid stand in ihren Augen, die sie wie immer ausdrucksstark geschminkt hatte, was ihre Schönheit noch unterstrich.

Karl schien das Bedürfnis zu verspüren, seine Beeinträchtigung näher zu veranschaulichen. Er drehte den Kopf, um Hanna die Narbe von seiner schweren Kriegsverletzung zu zeigen.

»Das musst du nicht machen, Papa«, sagte Bärbel. Sie klang wütend. »Hanna weiß, wie es um dich steht. Und du brauchst dich wirklich nicht dafür zu schämen, dass du Sachen vergessen hast.«

»Dat meiste is sowieso unwichtig«, pflichtete Oma Mine ihr bei. »Ich kenn den Maler auch nich. Keine Ahnung, wer dat war. Ehrlich, Jung, dat muss man nich wissen.«

Jetzt wirkte Karl erst recht unglücklich. Es schien ihm peinlich zu sein, dass er überhaupt davon angefangen hatte.

Inge griff nach seiner Hand und drückte sie fest. Dann stand sie auf, um in der angrenzenden kleinen Küche frischen Kaffee aufzubrühen. Nebenan im Wohnzimmer dümpelte die Unterhaltung unterdessen weiter vor sich hin. Alle bemühten sich jetzt, Karl mit einzubeziehen und ihm das Gefühl zu geben, in jeder nur erdenklichen Weise dazuzugehören – wobei das ohnehin keiner je infrage gestellt hätte. Doch es gab immer wieder Gelegenheiten, bei denen er selbst seine geistige Einschränkung als belastend empfand, und in diesen Momenten zerriss es Inge das Herz.

Hanna schien Mine den Tadel wegen des Rauchens nicht übel zu nehmen, sie erzählte von einer anderen Begebenheit aus ihrem Geschäft, und anschließend wollte sie von Bärbel wissen, wie es in der Schule lief.

»Großartig«, behauptete Bärbel, und Inge unterdrückte bei diesen Worten ihrer jüngeren Schwester ein frustriertes Seufzen, denn sie wusste es besser. In der letzten Zeit schien Bärbel alles, was mit der Schule zusammenhing, völlig gleichgültig zu sein. Inge hatte sie bereits zweimal beim Schwänzen erwischt und auf ihre besorgte Ermahnung hin nur die patzige Aufforderung geerntet, sich um ihren eigenen Mist zu kümmern. Schon allein deswegen hatte sie keine Lust, genauer darüber nachzudenken. Sie hasste es geradezu, sich damit auseinandersetzen zu müssen. Es war schlimm genug, dass Jakob diese Schwierigkeiten in der Schule hatte. Wobei er ja noch klein war und jedes Verständnis brauchen konnte, während Bärbel allmählich von selbst begreifen müsste, dass einem nichts im Leben geschenkt wurde.

Hanna kam zu Inge in die Küche. »Brauchst du Hilfe?«

»Nein danke, ich komm schon klar.« Inge goss heißes Wasser aus dem Kessel in den Filter, und der Duft von frisch aufgebrühtem Kaffee verbreitete sich in der winzigen Küche. In den letzten Tagen hatte es fast mehr Bohnenkaffee gegeben als sonst das ganze Jahr über. Zuerst an Heiligabend und den beiden Weihnachtsfeiertagen, danach zu Inges Geburtstag, und heute zur Feier von Jakobs Siebtem. Normalerweise tranken sie immer nur Malzkaffee. Mittlerweile mussten sie zwar nicht mehr jeden Pfennig dreimal umdrehen, aber für sinnlosen Luxus war das Geld immer noch zu schade. Das war auch ein Grund, warum keiner in der Familie rauchte. Allein dadurch ließ sich eine Menge sparen.

Als hätte Hanna Einblick in ihre Gedanken, meinte sie leise und nur für Inge hörbar: »Tut mir leid, dass ich mir vorhin einfach eine angesteckt habe. Da stand der Aschenbecher, und deshalb … Ehrlich, ich hab mir gar nichts dabei gedacht.«

»Das weiß ich doch.«

»Hast du sonst nicht immer zusammen mit Bärbel oben in dem vorderen Dachzimmer geschlafen?«

»Wir haben neulich die Schlafräume anders aufgeteilt. Oben haben jetzt Johannes und Jakob ihre Zimmer. Bärbel hat Mamas früheres Schlafzimmer bekommen, und ich schlafe wieder auf dem Klappsofa hier im Wohnzimmer, so wie früher. So hat jeder von uns einen eigenen Raum zum Übernachten.« Inge goss erneut etwas heißes Wasser nach. »Hat Johannes dir nichts davon erzählt?«

Hanna schüttelte den Kopf, und Inge fragte sich wieder einmal, wie es um die Beziehung der beiden stand. Hanna Morgenstern und Johannes Schlüter waren seit fast drei Jahren verlobt, aber im vergangenen Sommer hatte es zwischen den beiden gekriselt, und Hanna war daraufhin vorübergehend nach Düsseldorf gezogen. Mit der offiziellen Begründung, es von dort aus nicht so weit zur Arbeit zu haben. Kurz vor Weihnachten war sie allerdings zurückgekommen und wohnte jetzt wieder in der Nachbarschaft, bei ihrem Bruder Stan Kowalski – ein mehr oder weniger provisorisches Arrangement für alle Beteiligten. Denn Stan hatte mittlerweile eine eigene Familie; er hatte im vorigen Jahr geheiratet, und schon kurz darauf hatte seine Frau Zwillinge bekommen. In wenigen Monaten erwarteten Stan und Renate bereits weiteren Nachwuchs.

Nach außen hin machten Hanna und Johannes den Eindruck, als wäre wieder alles zwischen ihnen in Ordnung. Doch die Wohnung in Düsseldorf hatte sie trotzdem behalten. Sie hatte bei ihrer Rückkehr nach Essen-Fischlaken bloß ein paar Koffer mitgebracht, und aus denen lebte sie jetzt. Die Woche über blieb sie jedoch meist in Düsseldorf, auch wegen ihrer Arbeit in der Kunsthandlung.

»Scheint so, als müssten Johannes und ich uns erst gegenseitig auf den neuesten Stand bringen«, meinte Hanna leichthin. »Höchste Zeit, dass wir uns wieder richtig zusammenraufen.«

Sie schien das Ganze mit Humor zu nehmen, und Inge war froh darüber. Das war genau das, was Hanna so liebenswert machte – ihr optimistischer Frohsinn, ihr natürliches Improvisationstalent und die fürsorgliche Hartnäckigkeit, mit der sie immer wieder danach strebte, das Leben in die richtige Spur zu bringen. Vor allem nach Katharinas Tod hatte sie nichts unversucht gelassen, Inge und Bärbel aus dem schwarzen Loch zu holen, in dem die beiden Schwestern so lange gesteckt hatten. Tag und Nacht hatte Hanna ihnen beigestanden. In den ersten Wochen hatte sie zudem häufig das schreiende, von Dreimonatskoliken geplagte Baby umhergetragen, weil Johannes damals nach dem Grubenunglück noch im Krankenhaus lag und Inge wegen einer Grippe außer Gefecht gesetzt war. Mine, die zu jener Zeit mit Wäsche, Haushalt und Kochen bis zur Erschöpfung ausgelastet gewesen war, hatte die unverrückbare Meinung vertreten, dass Schreien bei Babys die Lungen kräftigte, aber Hanna war zum Glück anderer Ansicht gewesen. Sie hatte Jakob in ihren Armen gewiegt und ihm polnische Kinderliedchen vorgesummt, bis er wieder eingeschlafen war, und danach hatte sie stundenlang bei Inge und Bärbel im Zimmer gesessen. Sie war einfach nur da gewesen und hatte ihnen das Gefühl gegeben, nicht allein zu sein.

Inge schüttete einen letzten Wasserschwall in den Kaffeefilter. Die Kanne war fast voll.

»Das wird alles wieder«, sagte sie zu Hanna. »Das Leben geht weiter. Ihr beide braucht einfach nur ein bisschen Zeit.« Erst danach erkannte sie, dass es exakt dieselben Worte waren, die Hanna damals zu ihr gesagt hatte.

»Zeit …«, wiederholte Hanna leise. »Wenn man davon nur immer so viel hätte, wie man bräuchte.« Es klang ein wenig trostlos. Ihre seegrünen Augen wirkten verhangen, und zum ersten Mal bemerkte Inge die feinen Fältchen im Gesicht der mütterlichen Freundin. Nie zuvor war ihr aufgefallen, dass sich bei Hanna erste Spuren des Alters zeigten. Sie hatte im Sommer ihren vierzigsten Geburtstag gefeiert, doch man sah ihr die Jahre nicht an. Ihr kupferrotes Haar wies keine einzige graue Strähne auf, sie wirkte anziehend und jugendlich wie eh und je. Und niemand, schon gar nicht sie selbst, störte sich daran, dass sie sieben Jahre älter war als Johannes.

Katharina war ebenfalls fast sieben Jahre älter gewesen als er. Sie und Johannes hätten ein schönes Paar abgegeben. Wenn sie nicht gestorben wäre …

Inge schluckte, und obwohl sie sich fest vorgenommen hatte, dieses Jahr nicht zu weinen, schossen ihr vor Kummer die Tränen in die Augen. Es kam ihr immer noch so vor, als sei es erst gestern geschehen. Der fahle, graue Morgen, an dem Hanna gemeinsam mit Stan zu ihnen ins Haus gekommen war und ihnen die schreckliche Nachricht vom Tod der Mutter überbracht hatte. Der Schock, das Nicht-Wahrhaben-Wollen, gefolgt vom lähmenden Entsetzen des Begreifens. Und danach die furchtbare dunkle Zeit der Trauer.

Jakobs Geburtstag und Katharinas Todestag würden auf immer untrennbar verbunden bleiben. Da, wo eigentlich Freude und Feierstimmung vorherrschen sollten, war die Last des erlittenen Verlusts nur einen Gedankensprung weit entfernt.

Inge spürte, wie sich ihre Kehle verengte. Der Tränenausbruch war nicht mehr aufzuhalten.

»Kannst du bitte den anderen Kaffee nachschenken?«, brachte sie gerade noch mühsam hervor. »Ich muss mal für einen Moment an die frische Luft.«

Hanna legte ihr mitfühlend die Hand auf die Schulter. »Soll ich mitkommen?«

Inge unterbrach sie mit einem hastigen Kopfschütteln, dann lief sie die Treppe hinunter und durch die Haustür ins Freie. Erst, als sie in der beißenden Dezemberkälte draußen auf dem Kiesweg stand, bemerkte sie, dass sie ohne Stiefel und Winterjacke hinausgerannt war. Doch in diesem Augenblick war ihr das völlig egal. Das Schluchzen brach aus ihr heraus, und sie schaffte es gerade noch, sich die Hände vors Gesicht zu drücken, damit nicht gleich die ganze Nachbarschaft sie weinen hörte. Kurz erwog sie, in den Garten zu laufen, entschied dann jedoch, sich stattdessen in den Keller zu flüchten. In dem Matsch hinterm Haus hätte sie sich sonst nur die guten neuen Hausschuhe versaut, die sie erst gestern von Hanna und Johannes zum Geburtstag bekommen hatte – schmale Samtpantoffeln mit himmelblauen Bommeln aus Plüsch. Inge wusste, dass Hanna sie ausgesucht hatte, eine modische Extravaganz, die sicher ganz schön was gekostet hatte. Hanna besaß ein ähnliches Paar, und sie kaufte stets nur teure Markenqualität.

Immer noch schluchzend ging Inge zurück ins Haus. Durch den dunklen Hausflur eilte sie zur Kellertür. Sie brauchte kein Licht, weder auf der Treppe noch in den Kellerräumen, denn sie kannte dort unten jeden Winkel und hätte sich auch mit verbundenen Augen zurechtgefunden. Im Keller war es fast genauso kalt wie draußen, und Inge schlang fröstelnd die Arme um sich, während sie in der Mitte der Waschküche stehen blieb und leise vor sich hin weinte. Doch trotz ihres Elends wusste sie, dass sie in ein paar Minuten wieder oben bei den anderen sitzen und sich nichts anmerken lassen würde. Diese Gefühle überkamen sie nicht zum ersten Mal, und so schlimm es auch war – es wurde von Jahr zu Jahr etwas besser. Im Laufe der Zeit war der Schmerz über den frühen Verlust ihrer Mutter zu einem vertrauten Begleiter geworden, es gab nur noch wenige Tage, an denen er so unerträglich war, dass sie es kaum aushielt. Etwa am Geburtstag ihres kleinen Bruders.

Im Vorraum ging das Licht an, und als Inge sich zögernd umwandte, sah sie Johannes im Durchgang stehen. Seine große, breitschultrige Gestalt zeichnete sich wie ein Schattenriss vor dem schwach erleuchteten Hintergrund des Kellergangs ab. Sein Gesicht lag im Dunkeln.

»Alles in Ordnung?«, fragte er. Es klang besorgt.

Inge wischte sich mit dem Handrücken die nassen Wangen ab und nickte stumm.

*

In Wahrheit war gar nichts in Ordnung, und Johannes wusste es genau. Es schnitt ihm ins Herz, Inge weinen zu sehen, und er hätte sonst was drum gegeben, ihren Kummer lindern zu können. Hanna hatte ihm geraten, sie in Ruhe zu lassen, aber das brachte er nicht über sich.

»Wenn ich irgendwas tun kann …«, sagte er leise. Es klang genauso, wie er sich fühlte – hilflos und niedergeschlagen. Jakobs Geburtstag war auch für ihn immer einer der schlimmsten Tage im Jahr. Sosehr er es sich auch stets wieder vornahm – er schaffte es kaum, sich mit seinem kleinen Sohn über den Beginn des neuen Lebensjahres zu freuen, ohne sich an die furchtbare Nacht seiner Geburt zu erinnern.

Inge wischte sich über die Augen. »Es geht schon wieder.«

»Lass dir Zeit.«

»Ich wasch mir nur rasch das Gesicht, dann setze ich mich wieder zu euch.«

»Das musst du nicht. Geh einfach rauf in Jakobs Zimmer, wenn du noch eine Weile allein sein willst. Ich sag den anderen, dass du Kopfschmerzen hast.«

»Das ist nicht nötig. Es würde nur die Stimmung verderben. Jakob soll einen schönen Geburtstag haben.«

»Den hat er doch. Er hat sich sehr über die Geschenke gefreut. Ich glaube nicht, dass ihm irgendwas fehlt.«

»Das weiß man bei ihm nie so genau.« Inge beugte sich über das schäbige kleine Emailbecken neben der Waschmaschine und spritzte sich Wasser ins Gesicht.

»Was meinst du damit?«, fragte Johannes, während sie sich mit einem frischen Handtuch abtrocknete. Er schaltete das Licht an, um sie besser sehen zu können.

»Jakob hat Schwierigkeiten in der Schule«, sagte Inge.

Johannes nahm ihre Antwort perplex zur Kenntnis. »Wirklich? Wie ist das möglich? Jakob ist ein unglaublich kluger Junge und viel weiter als die meisten Kinder in seinem Alter! Er kann fließend lesen, und seine Fähigkeiten im Rechnen gehen über den Stoff der Volksschule deutlich hinaus!«

»Vielleicht ist das der Grund, warum er die Schule nicht mag. Möglicherweise langweilt er sich dort einfach.«

»Woher weißt du das? Mir hat er nichts davon erzählt!«

»Mir auch nicht. Es stand auf seinem Wunschzettel fürs Christkind, dass er nicht mehr hingehen will.«

»Das hättest du mir erzählen müssen!«

»Ich erzähl’s dir ja jetzt. Nach den Weihnachtsferien werde ich mal mit der Klassenlehrerin sprechen.«

»Soll ich mitgehen?«

Inge schüttelte den Kopf. »Das kann ich allein klären. Die kennen mich bereits vom ersten Elternabend.«

»Aber ich bin sein Vater!«

»Ja, das bist du, niemand kann es übersehen, denn er ist dir wie aus dem Gesicht geschnitten. Genau aus diesem Grund solltest du dich besser da raushalten.«

Johannes setzte zu einem Widerspruch an, verstummte aber sofort wieder, denn es war nicht zu leugnen, dass sie recht hatte. Offiziell war Karl der Vater des Jungen, so stand es in Jakobs Geburtsurkunde. Damals war Katharina rechtsgültig mit Karl verheiratet gewesen. Seine langjährige Verschollenheit hatte daran nichts geändert. Bei Kindern, die während einer Ehe geboren wurden, galt der Ehemann automatisch als Vater, auch wenn er es biologisch gesehen gar nicht sein konnte. Niemand, der mit den näheren Umständen vertraut war, glaubte ernsthaft, dass Karl wirklich der Erzeuger des Jungen war, aber das spielte vor dem Gesetz keine Rolle.

Johannes hatte nach außen hin keine Befugnisse, und wenn er versuchte, sich welche herauszunehmen, konnte er Jakob damit womöglich wirklich mehr schaden als nutzen.

Bitterkeit überkam ihn, denn das hier war eine der Situationen, vor denen Katharina ihn schon vor Jakobs Geburt gewarnt hatte. Er hatte ihr damals beteuert, dass es ihm nichts ausmachte – für ihn war es nur wichtig gewesen, mit ihr und dem Kind, das sie erwartete, zusammen sein zu können. Jakob war sein Sohn, Johannes liebte ihn über alles und würde sein Leben für ihn geben. Aber Johannes’ Onkel Karl war derjenige, den Jakob Papa nannte, genauso wie auch Inge und Bärbel es taten, und so würde es für den Rest seines Lebens bleiben.

Inge schien zu merken, wie ihm zumute war.

»Was immer da in der Schule auch los ist – ich regle das schon«, erklärte sie.

»Sicher«, antwortete er. »Aber darum geht es mir nicht.«

»Ich weiß, worum es dir geht, Johannes. Aber wir müssen an Jakob denken. Wenn irgendwelches Gerede über seine Abstammung aufkommt, wäre er der Leidtragende.« Inge atmete durch. »Glaub mir, ich weiß, wovon ich spreche. Auf der Volksschule und sogar später noch auf dem Lyzeum war ich jahrelang ein Opfer von Klatsch und gehässigen Bemerkungen.«

Johannes war überrascht. »Du meinst, weil du unehelich auf die Welt gekommen bist?«

Sie nickte. »Irgendwer hatte herausgefunden, dass Papa nicht mein richtiger Vater ist. Du kannst dir nicht vorstellen, was ich mir deswegen alles anhören musste!«

Betroffen blickte Johannes sie an. »Das wusste ich gar nicht! Du hast nie etwas davon erzählt.«

»Ich häng’s ja auch nicht an die große Glocke. Schon früher habe ich es lieber für mich behalten, weil Mama es auch ohne meine Probleme schwer genug hatte. Über sie haben sich die Leute ja noch viel schlimmer die Mäuler zerrissen.« Entschlossen hob sie das Kinn. »Ich weiß, dass immer noch über uns hergezogen wird. Unsere Familie bietet dafür offenbar eine breite Angriffsfläche. Aber was Jakob betrifft, werde ich alles nur Erdenkliche tun, um ihn davor zu beschützen.« Sie hielt inne und blickte Johannes fragend an. »Wieso lächelst du?«

Er hob die Schultern. »Ich habe gerade mal wieder deine geschliffene Ausdrucksweise bewundert. Du könntest in die Politik gehen.«

Inge verzog leicht belustigt das Gesicht. »Das überlasse ich wohl besser dir.«

»Nein danke«, gab er trocken zurück. »Ich bleibe lieber Gewerkschafter.«

»Und ich Buchhändlerin.«

Sie sagte es im Brustton der Überzeugung, aber eine winzige Nuance in ihrer Stimme ließ Johannes aufhorchen.

»Bedauerst du es manchmal, dass du kein Abitur machen und studieren konntest?«, wollte er wissen.

Seine spontane Frage schien sie nicht zu berühren. »Mir gefällt mein Beruf. Außerdem konntest du ja auch nicht studieren.«

»Das kann man nicht vergleichen.«

»Wieso nicht? Bei mir lag’s an Mamas Tod und dass auf einmal ein Baby im Haus war, um das ich mich kümmern musste. Bei dir an der langen Kriegsgefangenschaft. Wir konnten es uns beide nicht aussuchen.« Unvermittelt sah sie auf ihre Armbanduhr. »Lieber Himmel, jetzt haben wir uns aber verquatscht! Die fragen sich oben sicher schon, wo wir abgeblieben sind!« Fragend deutete sie auf ihr Gesicht. »Sehe ich noch verheult aus?«

Er musterte sie. »Nein, nur bildhübsch wie immer.«

Das war kein hohles Kompliment, sie war wirklich eine Schönheit. Viele Leute sagten, sie sähe aus wie ihre Mutter, aber Johannes fand, dass zwischen den beiden höchstens eine oberflächliche Ähnlichkeit bestand, die sich bei genauerem Hinsehen sogar fast vollständig zu verflüchtigen schien.

Inge war größer als Katharina und ein wenig schmaler gebaut. Ihr Haar war einen Ton heller und glatt statt lockig, und das Blau ihrer Augen wirkte bei einer bestimmten Beleuchtung fast silbrig, während es bei Katharina eher veilchenfarbig gewesen war. Nur in einem Punkt kam Inge ganz nach ihr – sie besaß einen makellosen Teint und perfekte Zähne.

»Ach, noch was«, sagte Inge, während sie gemeinsam die Treppe hinaufgingen. »Über Silvester bin ich nicht da. Die Buchhandlung hat für ein paar Tage zu, und ich fahre mit Freunden zum Feiern ins Sauerland.«

»Weißt du schon, für wie lange?«

»Voraussichtlich bis zum dritten Januar.«

»Kein Problem, fahr nur. Da ist ja Wochenende, und Hanna und ich hatten ohnehin nichts Besonderes vor. Wahrscheinlich feiern wir mit Stan und Renate ins neue Jahr, ich wäre also höchstens ein paar Schritte weit weg. Und Mine und Karl sind sowieso zu Hause. Jakob wäre also zu keiner Zeit allein.«

»Es geht mir eher um Bärbel«, erklärte Inge. »Ich habe sie gefragt, was sie an Silvester vorhat, und da meinte sie, es ginge mich nichts an.«

»Sie ist ziemlich bockig in letzter Zeit, oder?«, erkundigte sich Johannes leicht besorgt. »Siebzehn ist wohl ein schwieriges Alter.«

»Für manche auf jeden Fall«, erwiderte Inge nur knapp.

Er wusste, worauf sie anspielte. Sie war gerade erst sechzehn gewesen, als sie von der Schule abgegangen war, um sich um ihren kleinen Bruder zu kümmern. Und Katharina hatte mit siebzehn Jahren schon Inge auf die Welt gebracht. Bärbel hingegen hatte kaum Verpflichtungen, außer sich auf die Schule zu konzentrieren. Allerdings schien es derzeit zu ihren Lieblingsbeschäftigungen zu gehören, sich gegen alle möglichen Regeln aufzulehnen.

»Ich kümmere mich darum, dass sie keinen Blödsinn anstellt«, versprach Johannes. Er hatte die Stimme gesenkt, denn inzwischen waren sie oben im ersten Stock angekommen, wo die anderen sie hören konnten. »Und es ist wirklich gut, dass du zum Jahreswechsel mal rauskommst! Hoffentlich in netter Gesellschaft! Ist Peter auch mit von der Partie?«

Damit meinte er Klaus-Peter, ihren Verlobten. Im Laufe der Jahre hatten sich alle in der Familie angewöhnt, den Vornamen abzukürzen und ihn – ebenso wie Inge und seine Freunde es taten – nur noch Peter zu nennen. Inge nickte stumm, und für einen Moment sah sie verlegen aus. Die Frage, wer denn sonst noch alles mitkäme, lag Johannes schon auf der Zunge, doch gerade noch rechtzeitig begriff er, dass die beiden vermutlich allein wegfahren wollten, also verkniff er sich weitere Bemerkungen. Mit ihren dreiundzwanzig Jahren war Inge längst erwachsen und außerdem schon seit Ewigkeiten mit ihrem Jugendfreund verlobt. Peter war fast mit dem Studium fertig; spätestens nach seinem Examen würden bei den beiden die Hochzeitsglocken läuten.

Davon abgesehen war es wirklich höchste Zeit, dass Inge einmal ein paar schöne Tage nur für sich hatte, ohne Arbeit, ohne häusliche Pflichten.

Johannes folgte ihr ins Wohnzimmer und setzte sich wieder zu den anderen an den Tisch. Inge pustete die Kerzen am Weihnachtsbaum aus. Sie waren fast heruntergebrannt. Bärbel und Hanna unterhielten sich angeregt über einen Kinofilm mit John Wayne, und Mine servierte Karl noch ein Stück von dem Apfelkuchen, den sie für die Feier gebacken hatte. Jakob hockte in der Ecke auf dem Boden und spielte versunken mit seinen neuen Matchboxautos. Der Kleine sah glücklich aus, und das war für Johannes in diesem Moment die Hauptsache.

Kapitel 2

»Ich räume nur noch die paar Bücher ein!«, rief Inge über die Schulter hinweg in den Verkaufsraum hinüber. »Du kannst ruhig schon Feierabend machen!«

Ihre Kollegin Brigitte tauchte im Durchgang zum Lager auf. »Bist du sicher, dass du das allein schaffst?«

»Bombensicher. Geh nur. Ich habe alles im Griff.«

»Ja, ich weiß, das hast du immer. Aber du hast doch eigentlich schon Feierabend!«

»Ich wollte etwas länger bleiben, und wir machen ja heute eh früher zu als sonst. Außerdem holt Peter mich gleich ab, da lohnt es sich nicht, vorher noch nach Hause zu gehen.«

»Und es macht dir wirklich nichts aus?«

»Nein, ganz ehrlich nicht«, bekräftigte Inge. Sie versuchte, sich ihr Mitgefühl mit der älteren Kollegin nicht allzu sehr anmerken zu lassen. Brigitte wirkte abgekämpft und verschwitzt. Ihre sonst so sorgfältig frisierten Löckchen waren schon vor Stunden zusammengefallen und lagen platt am Kopf an. Die lästigen Wechseljahrsbeschwerden waren für jedermann sichtbar. Es half auch nicht viel, wenn sie sich bei einer ihrer häufigen Hitzewallungen ins Lager oder in den kleinen Aufenthaltsraum flüchtete, bis es vorüber war, denn hinterher sah sie regelmäßig aus wie nach einem kilometerlangen Gewaltmarsch, und wenn jemand sie mitleidig darauf ansprach, brach sie sofort in Tränen aus.

Auch sonst hatte sie es nicht leicht im Leben. Brigitte war fast fünfzig und alleinstehend – ihr Mann war im Krieg gefallen, und in den ersten Nachkriegsjahren hatte sie auch noch die beiden Kinder verloren. Das eine war an Keuchhusten gestorben, das andere an Blutkrebs. Von dem Verlust ihrer Familie hatte sie sich bis heute nicht erholt. Die Arbeit in der Bücherei war ihr einziger Lebensinhalt, abgesehen von ihrer ehrenamtlichen Betätigung beim Roten Kreuz. Immerhin konnte sie auf die unverbrüchliche Zuneigung ihrer Tante Agathe zählen, der die Buchhandlung gehörte.

Dankbar nahm sie Inges Angebot an, vorzeitig nach Hause zu gehen. Eilig streifte sie ihren Mantel über, band sich ein Kopftuch um und verabschiedete sich.

»Ich wünsch dir einen guten Rutsch ins neue Jahr, Inge! Feiere schön mit deinen Freunden und komm gesund wieder!«

»Danke, das wünsche ich dir auch!«

Nachdem Brigitte gegangen war, räumte Inge rasch noch mehrere Kartons leer und stapelte einige der aktuell beliebtesten Bücher gut sichtbar auf dem großen Tisch im Eingangsbereich. Die anderen, derzeit nicht so stark nachgefragten Werke stellte sie alphabetisch geordnet in die deckenhohen Wandregale.

Noch waren seit der Mittagspause kaum Kunden hier gewesen, obwohl den ganzen Vormittag über reger Betrieb geherrscht hatte. Der Andrang war zwar geringer als in der Adventszeit, aber die Tage zwischen den Jahren waren ebenso wie der darauffolgende Januar immer noch eine verkaufsträchtige Zeit. In diesen Wochen setzten die Leute ihre Geldgeschenke von Weihnachten gern in Wunschbücher um.

Die Buchhandlung war schon zu ihren Jugendzeiten eine von Inges liebsten Anlaufstellen gewesen. Bereits als Kind war sie ein Büchernarr gewesen, und die öffentliche Leihbücherei schon früh so etwas wie ihr zweites Zuhause. Die dortige Leiterin, Fräulein Brandmöller, hatte sie beizeiten zu kleinen Hilfsdiensten herangezogen, wodurch sich Inges Liebe zu Büchern noch vertieft hatte. Aber auch die Buchhandlung im Nachbarort, in der sie mittlerweile selbst arbeitete, hatte schon immer einen besonderen Reiz auf sie ausgeübt. Hier hatte sie als Schülerin Jahr um Jahr die aktuellen Neuerscheinungen bewundert, bevor die Werke auch in der Leihbücherei erhältlich waren.

Die erste Zeit hatte sie immer nur draußen vorm Schaufenster gestanden, ohne einen Pfennig in der Tasche, und sehnsüchtig die Auslagen betrachtet. Dabei hatte sie dem melodischen Klang der Ladenglocke gelauscht, wenn andere Leute hineingingen, um sich Bücher zu kaufen, oder mit vollen Büchertüten wieder herauskamen. Später, als sie endlich ein paar Mark Taschengeld zur Verfügung gehabt hatte, war sie kühner geworden, die vier Treppenstufen zu der halb verglasten und mit altmodischen Goldlettern verzierten Eingangstür hinaufgestiegen und hineingegangen. Manche der drinnen ausliegenden Romane hatten sie schon auf den ersten Blick magisch angezogen. Inge hatte sie zögernd vom Ladentisch oder aus dem Regal genommen, die Umschlagtexte gelesen und sich dabei vorgestellt, gut genug bei Kasse zu sein, um all diese Bücher kaufen und für immer behalten zu können, statt sie wie die entliehenen Werke aus der Bibliothek zurückgeben zu müssen.

Wenn man sie an solchen Tagen im Laden gefragt hatte, was sie wünsche, hatte sie regelmäßig ihre vorformulierte Antwort zum Besten gegeben – dass sie ein gutes Buch suche, auf das sie aber erst noch sparen müsse. Die dann unweigerlich folgende Beratung durch ihre heutige Chefin hatte sie sich stets höflich und aufmerksam angehört und sich anschließend bedankt, verbunden mit der Beteuerung, demnächst wiederzukommen.

Allerdings hatte sie den Laden bei diesen Gelegenheiten selten wieder verlassen, ohne etwas zu kaufen. Ihr Geld hatte zwar meist nur für eine Postkarte oder ein Lesezeichen gereicht, aber ab und zu war auch ein neues Buch zum Privatvergnügen drin gewesen – wohlgemerkt nur als günstige Taschenbuchausgabe, denn Bücher im Leineneinband waren praktisch unerschwinglich und kamen höchstens als Weihnachts- oder Geburtstagsgeschenke infrage.

Sie hätte es auch wie Johannes machen können, der sich schon seit Jahren regelmäßig für kleines Geld bei den Antiquariaten eindeckte und bereits eine ansehnliche Hausbibliothek sein Eigen nannte. Doch in Inges Augen ließ sich das nicht mit dem schon fast berauschenden Gefühl vergleichen, ein brandneues, ungelesenes Werk in Händen zu halten, ein Exemplar, das zuvor noch kein Mensch durchgeblättert hatte. Allein der Geruch eines Buchs, das zum ersten Mal aufgeschlagen wurde, war ein besonderes Erlebnis. Es war eine beinahe sinnliche Erfahrung, mit den Fingern sacht über die bisher unberührten Seiten zu fahren und dabei tief den unverwechselbaren Duft des druckfrischen Papiers einzuatmen.

Manchmal, wenn niemand zusah, tat sie es immer noch: Sie nahm ein Buch zur Hand, das nicht zum Verkauf gedacht war, sei es eines der Leseexemplare der Verlage oder ein Mängelexemplar fürs Schaufenster, und sie klappte es nur in der Absicht auf, daran zu riechen. Dann blätterte sie die Seiten um und schnupperte an ihnen wie an einem seltenen, unvergleichlichen Parfüm.

Nachdem sie an diesem Mittag die neu eingetroffenen Bücher einsortiert hatte, machte sie sich daran, das Schaufenster umzugestalten. Sie entfernte den Weihnachtsschmuck und stellte stattdessen eine Flasche Sekt nebst zwei Gläsern in einer der Ecken auf. Drumherum streute sie eine Hand voll Konfetti. Ein großes, in bunten Lettern selbst bemaltes Pappschild mit der Aufschrift Die Buchhandlung von Stetten wünscht allen Kunden ein gutes Lese-Jahr 1959! ergänzte das Silvester- und Neujahrsmotto der Auslage.

Zwischendurch bediente sie einige Kunden und dekorierte anschließend auch die Waren auf der Ladentheke neu. Sie legte ein kleines Sortiment beliebter Bestseller in gut sichtbarer, gefälliger Anordnung aus, an vorderster Stelle Doktor Schiwago von Boris Pasternak und den aktuellen Roman von Konsalik. Das waren nur zwei der Werke, die im Weihnachtsgeschäft weggegangen waren wie warme Semmeln, weshalb Inge stets einige Exemplare davon in Reichweite der Kasse liegen hatte. Jedenfalls so lange, bis sie irgendwann durch andere, aktuellere Bücher abgelöst wurden und zu den Beständen ins Wandregal wanderten.

Nachmittags um halb vier war sie mit allen anfallenden Arbeiten fertig und hatte nebenher etliche Bücher verkauft. Normalerweise blieb sie nur bis mittags im Laden, aber an diesem Tag lohnte sich der Heimweg nicht, weil sie direkt nach der Arbeit mit Peter losfahren wollte. Ihre Reisetasche stand schon fertig gepackt hinten im Lager.

Um die verbleibende Zeit sinnvoll zu nutzen, setzte sie sich an den kleinen Schreibtisch im Aufenthaltsraum und befasste sich mit den nötigen Neubestellungen. Die Bestände mussten laufend aufgefrischt werden. Wenn bei stark nachgefragten Titeln keine Exemplare mehr im Laden vorrätig waren, hinterließ das bei kaufwilligen Kunden keinen guten Eindruck.

Als um kurz vor vier wieder die Ladenglocke bimmelte, legte Inge den Stift weg und ging eilig zurück in den Verkaufsraum. Diesmal war jedoch keine Kundschaft gekommen, sondern Inges Chefin. Zwischen den Jahren hatte sie sich freigenommen, war aber trotzdem täglich kurz vor Feierabend erschienen, um die Kassenbestände abzuholen.

Ihr schmales, kluges Gesicht war von der Winterkälte gerötet, und sie klopfte sich etwas frisch gefallenen Schnee von ihrem Nerzmantel. Erstaunt lächelte sie Inge an.

»Inge, na so was! Wieso bist du noch da? Was ist mit Brigitte?«

»Ich habe sie heimgeschickt, sie war ein bisschen angeschlagen. Und ich wollte heute sowieso länger bleiben, weil ich gleich nach Ladenschluss mit ein paar Freunden wegfahre.« Inge hielt kurz inne und fügte hinzu: »Über Silvester. Zum Feiern.«

Zu ihrer Erleichterung brachte ihre Chefin sie nicht mit weiteren Fragen in Verlegenheit, auch wenn sie sich – genau wie Johannes – vermutlich ihren Teil dachte.

Agathe von Stetten war bereits Mitte sechzig. Sie entstammte einer begüterten Familie und war erst spät und auf Umwegen zum Buchhandel gelangt. Davor hatte sie viele Jahre lang in einem Verlag gearbeitet. Während der Nazizeit hatte sie einen Teil ihres Erbes dafür verwandt, jüdische Freunde vor der drohenden Enteignung zu bewahren. Sie hatte ihnen die Buchhandlung mitsamt dem dazugehörigen Geschäfts- und Mietshaus abgekauft und fungierte seither als Inhaberin.

Aus der ehemaligen Buchhandlung Stern war auf diese Weise die Buchhandlung von Stetten geworden, und so hieß sie immer noch, obwohl der ursprüngliche Plan vorgesehen hatte, dass Agathes Freunde das Geschäft nach dem Krieg zurückkauften und weiterführten. Doch die Sterns wollten lieber in ihrer neuen Heimat Israel bleiben und hatten es Agathe überlassen, nach ihrem Belieben mit dem Laden zu verfahren. So war letztlich aus der Pro-Forma-Übernahme eine endgültige geworden, eine Regelung, mit der alle Seiten zufrieden waren, denn Agathe hatte sich an das Leben als Buchhändlerin gewöhnt und mochte es.

Sie zog im Aufenthaltsraum ihren Mantel aus und bereitete alles für den Kassensturz vor. Kurz nach vier kam noch ein letzter Kunde, der beraten werden wollte.

Agathe wartete im Hintergrund, während Inge das Gespräch führte. Am Ende kaufte der Kunde gleich drei teure Bücher, und als er ging, wechselten Inge und Agathe zufriedene Blicke.

Anschließend sah Inge auf ihre Armbanduhr.

»Ich denke, ich gehe jetzt mal.«

Agathe bedachte sie mit einem verständnisvollen Blick. »Du musst dich nicht raus in die Kälte stellen, bis er kommt. Warte einfach hier drin.«

Inge spürte, wie sie rot wurde, doch sie akzeptierte das Angebot schweigend. Agathe wusste so oder so Bescheid, schließlich war sie nicht von gestern und hatte schon alles Mögliche erlebt, auch wenn sie nie verlobt oder verheiratet gewesen war. Brigitte hatte Inge mal auf einer Party ins Ohr geflüstert, dass Agathe sich nicht für Männer interessiere. Inge hatte das nicht weiter hinterfragt, denn sie waren nicht allein gewesen, sondern auf einer Feier für lokale Buchhändler. Aber der Nimbus des Verbotenen hatte Agathe an jenem Abend umschwebt wie ein unsichtbarer Schleier.

»Habe ich dir eigentlich schon gesagt, was du für eine erstklassige Fachkraft bist?«, fragte Agathe, während sie die Geldscheine aus der Kasse nahm und sie bündelte. Sie blickte kurz auf, bevor sie zum Stapeln und Einrollen der Münzen überging.

»Ach, jetzt übertreibst du aber«, meinte Inge verlegen. »Ich mach doch nur dasselbe wie du. Bücher verkaufen.«

»Nein, du machst nicht nur dasselbe wie ich«, widersprach Agathe. »Du machst es besser. Ich kann nur jedes Mal darüber staunen. Ist dir überhaupt klar, was du für das Geschäft leistest? Allein die Art, wie du vorhin dem Kunden gleich drei Bücher auf einmal verkauft hast! Deine Begeisterung, mit der du ihm diese Titel empfohlen hast – das kam aus tiefstem Herzen!«

»Na ja, die Bücher sind ja auch wirklich mitreißend. Man muss sie einfach gelesen haben!«

»Siehst du, genau das meinte ich. Wenn Böll hätte hören können, mit welchen Worten du heute seinen Doktor Murke angepriesen hast, würde er bestimmt persönlich vorbeischauen und dir danken. Und deine Ausführungen zu Jaspers Atombombe waren unglaublich fundiert, ein Feuilletonist hätte es nicht besser formulieren können.«

Inge zuckte verlegen mit den Schultern. Das Lob klang aufrichtig, dennoch war es ihr ein wenig unangenehm. Schließlich war ihre Chefin promovierte Literaturwissenschaftlerin, und wenn jemand wirklich Ahnung von der Materie besaß, dann Agathe. Sie hatte eine viel beachtete Dissertation über Goethe verfasst und über zwanzig Jahre lang die Programmplanung eines angesehenen Verlags mitgestaltet, eine seltene Erfolgsgeschichte für eine Frau. Inge wäre nie auf den Gedanken verfallen, sich mit Agathe zu messen. Es sei denn auf Gebieten, von denen sie wirklich was verstand, etwa vom Nähen. Da hatte sie dank ihrer begabten Mutter den meisten Leuten eine Menge voraus. Inge besaß eine ganze Reihe selbst gefertigter, perfekt sitzender Kleidungsstücke, um die sie oft beneidet wurde.

Peter ließ immer noch auf sich warten. Draußen war es bereits dunkel. Inge stand bei der Tür und lugte durch den verglasten Teil der Ladentür hinaus in das Schneetreiben rund um die Laternen. Sie war längst zum Aufbruch bereit. Mantel und Mütze hatte sie schon angezogen und die Reisetasche zu ihren Füßen abgestellt. Peter hatte versprochen, pünktlich da zu sein, und jetzt war es zwanzig Minuten nach der vereinbarten Zeit. Hoffentlich war ihm nichts Wichtiges dazwischengekommen! Wenn er nicht gleich käme, würde ihr nichts anderes übrig bleiben, als nach Hause zu gehen.

Inge stellte sich bildlich vor, mit der Reisetasche über der Schulter durch Wind und Wetter vom Laden zur Haltestelle zu dackeln und auf den Bus zu warten. Wahlweise könnte sie auch Johannes anrufen und ihn bitten, sie abzuholen, schließlich waren es mit dem Auto nur ein paar Minuten von Fischlaken nach Werden. Doch das hätte unweigerlich eine Reihe lästiger Fragen nach sich gezogen. Schon bei ihrem Gespräch im Keller war er drauf und dran gewesen, sie über ihren geplanten Ausflug ins Sauerland auszufragen, das war ihr nicht entgangen.

Gewiss, sie hätte auch einfach von sich aus erwähnen können, dass sie allein mit Peter wegfahren wollte. Wahrscheinlich hätte Johannes es nicht mal beanstandet, denn sonst hätte man ihm leicht vorhalten können, mit zweierlei Maß zu messen. Schließlich fuhr er selbst ebenfalls mit seiner Verlobten ins Wochenende, wenn ihm danach war. Niemand sah ihn deswegen scheel an, immerhin war er bereits dreiunddreißig, und Hanna war eine erfahrene Frau, die schon einmal verheiratet gewesen war.

Trotzdem wusste Inge genau, dass für sie selbst andere Maßstäbe galten. Junge Frauen, die sich vor der Ehe derartige Freiheiten herausnahmen, wurden von wichtigtuerischen Moralaposteln unweigerlich als Flittchen abgestempelt. Inge hätte versuchen können, sich einfach darüber hinwegzusetzen, so wie ihre Mutter es getan hatte. Aber das schaffte sie nicht, auch wenn es ihr wie ein persönliches Versagen vorkam – das Versagen von jemandem, der erst noch richtig erwachsen werden musste.

Vielleicht rührte dieser Eindruck auch daher, dass sie noch bis vor zwei Jahren für alles und jedes eine elterliche Unterschrift benötigt hatte: für ihren Antrag auf Zuerkennung der mittleren Reife, nachdem sie wegen des plötzlichen Todes ihrer Mutter vorzeitig von der Schule abgegangen war. Für ihre Anmeldung zur Lehre. Für den Empfang der Zeugnisse in der Berufsschule. Jedes Mal hatte sie ihrem Vater die Dokumente und ausgefüllten Formulare hingelegt, und er hatte alles unterschrieben, ohne zu fragen, worum es ging. Er hätte es sowieso nicht verstanden.

Oma Mine hatte die Unterschrift so lange mit ihm geübt, bis sie flüssig und elegant aussah, und manchmal, wenn Karl schmutzige Hände von der Gartenarbeit gehabt hatte oder gerade lieber mit Jakob Mensch ärgere dich nicht spielen wollte, hatte Mine einfach selbst unterschrieben.

»Her mit dem Wisch, ich mach dat schon!«, hatte es bei solchen Gelegenheiten geheißen, und so war es bis zu Inges einundzwanzigstem Geburtstag weitergegangen. Es war ein seltsames Gefühl gewesen, ab dann alles selbst unterzeichnen zu dürfen.

Ihre Chefin riss sie aus ihren Gedanken. »Es ist so weit, Inge. Zeit zu schließen.« Agathe hatte die Tageseinnahmen in einer Stahlkassette verstaut und ihren Mantel angezogen. Haar und Schultern hatte sie mit einem eleganten Seidentuch verhüllt. »Ich kann aber auch gern noch eine Weile hierbleiben, bis du abgeholt wirst.«

»Das ist lieb von dir, aber nicht nötig. Ich werde wohl heimgehen.« Inge überlegte kurz, ob sie noch rasch bei Peter zu Hause anrufen sollte, um nachzufragen, wieso er sich verspätete, aber damit hätte sie womöglich eine ähnlich ungute Situation heraufbeschworen wie die, über die sie gerade noch so eingehend nachgedacht hatte – seine Eltern wussten nicht, dass sie beide allein wegfahren wollten. Peter hatte ihnen dasselbe erzählt wie Inge vor ein paar Tagen Johannes. Hätte er die Wahrheit gesagt, wäre das nur Wasser auf die Mühlen seiner Eltern gewesen. Sie bedrängten ihn sowieso schon bei jeder sich bietenden Gelegenheit, endlich einen Hochzeitstermin festzusetzen. Peters Vater, dem in Heidhausen eine Apotheke gehörte, hatte sogar schon ein passendes Haus für das junge Paar im Auge. Es lag nur ein paar Schritte von der elterlichen Villa entfernt.

Gemeinsam mit Agathe verließ Inge den Laden und wartete, bis ihre Chefin abgeschlossen hatte.

»Guten Rutsch ins neue Jahr!«, wünschte Inge ihr zum Abschied.

»Dir auch, liebe Inge. Wir sehen uns in alter Frische im Jahr neunzehnhundertneunundfünfzig wieder!« Agathe spannte ihren Schirm auf. »Bist du ganz sicher, dass du gleich abgeholt wirst? Ich warte gern noch ein bisschen mit dir!«

»Nein, geh nur. Notfalls hab ich es nicht weit bis zur Haltestelle, der Bus kommt ja auch gleich.«

»Na schön. Mach’s gut, Inge!«

Agathe verschwand im Schneegestöber, während Inge unschlüssig vor dem Laden stehen blieb.

Fünf Minuten, dachte sie. Dann gehe ich zur Haltestelle und steige in den nächsten Bus. Der würde in etwa zehn Minuten kommen, Inge hatte den Fahrplan im Kopf. Mittlerweile war Peter über eine halbe Stunde zu spät, und sie fing an, sich Sorgen zu machen. Es sah ihm überhaupt nicht ähnlich, sie warten zu lassen. Hätte sie vielleicht doch besser bei seinen Eltern anrufen und sich nach ihm erkundigen sollen? Womöglich hatte er einen Unfall gehabt!

Gerade, als sie das dachte, fuhr ein Mercedes vor und hielt neben ihr an. Peter stieg aus und eilte um das Fahrzeug herum. Mit reumütiger Miene blieb er vor Inge stehen.

»Gott sei Dank, du bist noch da!« Ohne Umschweife nahm er sie in die Arme und küsste sie, bis ihr die Luft wegblieb. »Himmel, ich hab dich so vermisst, Liebling!« Nach dem Kuss hielt er sie bei den Schultern fest und musterte sie eingehend. »Kann es sein, dass du seit dem letzten Mal schon wieder schöner geworden bist? Oder kommt es daher, dass ich dich sechs Wochen lang nicht gesehen habe?«

Sie sparte sich die Antwort. »Was hat dich aufgehalten?«, wollte sie wissen. »Und wieso bist du mit dem Auto von deinem Vater gekommen statt mit deinem?«

»Motorschaden, wahrscheinlich Kolbenfresser. Deswegen ist es auch so spät geworden. Zum Glück hatte Papa ein Einsehen und hat mir den Benz überlassen. Er und Mama sind die nächsten Tage sowieso nur zu Hause.« Schwungvoll zog er für Inge die Beifahrertür auf. »Jetzt aber rein mit dir, sonst wirst du noch zum Schneemann!« Er warf ihre Tasche auf den Rücksitz, ehe er selbst einstieg und einen rasanten Start hinlegte. »Der hat was unter der Haube«, meinte er anerkennend. »Da macht das Fahren richtig Spaß!«

»Meinetwegen müssen wir nicht so schnell fahren«, sagte Inge. Sie betrachtete ihren Verlobten von der Seite. Sein Haar war etwas länger als sonst, er hatte es über der Stirn zu einer Tolle frisiert. Nicht mit so angeberisch viel Pomade wie manch andere junge Männer, aber es hob sich doch deutlich von dem seriösen Kurzhaarschnitt ab, den sie an ihm gewohnt war. Trotzdem sah er wie immer auffallend gut aus, mit seinem klaren, offenen Gesicht und seiner vom Schwimmsport gestählten Figur. In Münster war er bereits zu Beginn seines Studiums einem Schwimmverein beigetreten und trainierte dort regelmäßig für die Wettkämpfe, an denen er teilnahm. Aber er hatte schon angekündigt, dass es damit demnächst vorbei sei – in Kürze standen seine Examensprüfungen an, und gleich im Anschluss wollte er in die väterliche Apotheke einsteigen. Das war schon seit Jahren ausgemachte Sache.

Inge sah dieser Zeit mit gemischten Gefühlen entgegen. Bisher hatten sie noch nicht explizit über den Hochzeitstermin gesprochen. Peter hatte allerdings schon ein paarmal davon angefangen – wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte sie ihn längst heiraten und am liebsten sofort zu ihm nach Münster in seine Studentenbude ziehen können. Inge hatte ihm jedoch klargemacht, dass er zuallererst das Studium beenden und wieder nach Essen zurückkehren müsse, bevor sie weitere Pläne schmieden könnten.

In einigen Monaten war es so weit. Spätestens dann würde sie sich endgültig entscheiden müssen.

Wegen des dichten Schneefalls kamen sie nur langsam voran. Inge bestand darauf, dass Peter nicht so raste, obwohl der stark motorisierte Wagen ihn dazu verlockte. Er selbst besaß einen Volkswagen, den er von seinem Vater zum Abitur bekommen hatte. Auch Johannes fuhr einen. Allerdings gehörte das Auto nicht ihm selbst, sondern der Gewerkschaft, die ihm für seine Arbeit einen Dienstwagen zur Verfügung gestellt hatte.

Es war fast neun Uhr abends, als Inge und Peter endlich in Winterberg ankamen. Wenigstens hatte es irgendwann aufgehört zu schneien, sodass sie wieder schneller vorankamen. Unterwegs herrschte kaum Verkehr, aber die Straßen führten die meiste Zeit durch tiefe Dunkelheit, und zweimal verfuhren sie sich, weil sie in dem tief verschneiten, gebirgigen Gebiet die richtige Abfahrt verpasst hatten. Inge hatte die Karte auf den Knien und studierte im Licht der Innenbeleuchtung den Straßenverlauf im Hochsauerland. Zwischendurch knurrte hörbar ihr Magen, und auch Peter erklärte irgendwann, dass er gleich anhalten und ein Wildschwein schießen werde, wenn er nicht bald was zwischen die Kiemen bekäme. Inge musste kichern und dachte bei sich, dass sie in dieser Hinsicht wirklich Glück mit ihm hatte – sie konnten über dieselben Dinge lachen, das war nicht selbstverständlich.

»Hier muss es irgendwo sein«, sagte er, während er die Hausnummern der Straße abzählte, in die sie vorhin eingebogen waren. Er hatte telefonisch ein Zimmer in einem Hotel reserviert, das mit seiner einladenden Atmosphäre warb. Für die anwesenden Gäste sollte es heute eine exklusive Silvesterfeier geben, gleich im Anschluss an ein erlesenes Menü der Extraklasse, mit delikaten Speisen und vorzüglichen Weinen. So stand es jedenfalls in der Reklame, die Peter aus der Zeitung ausgeschnitten und Inge gezeigt hatte, bevor er für sie beide ein Doppelzimmer dort gebucht hatte.

»Da ist es«, sagte Inge, und Peter hielt vor dem Hotel an. Es wirkte tatsächlich recht anheimelnd, eine gehobene Unterkunft für Wintersportler. An der Rezeption versteckte Inge ihre Hände in den Manteltaschen, damit niemand sah, dass sie keinen Ehering trug. Auch Peter hatte vergessen, seinen Verlobungsring von der linken an die rechte Hand zu stecken, doch die ältere Dame am Empfang schien es nicht zu bemerken.

»Herzlich willkommen!«, begrüßte sie die neu eingetroffenen Gäste mit strahlendem Lächeln. Sie trug sie als Eheleute Peter Voss ein und reichte Peter den mit einem schweren Messinganhänger versehenen Zimmerschlüssel. »Ich wünsche den Herrschaften einen schönen Aufenthalt! Unser Silvesterdinner hat leider schon begonnen, aber das Büfett wird laufend aufgefüllt. Und der Aperitif wird Ihnen selbstverständlich auch noch gereicht.«

Ein Page trug ihnen die Reisetaschen aufs Zimmer, und Peter drückte ihm ein kleines Trinkgeld in die Hand.

Die Prozedur war die gleiche wie beim letzten Mal, nur das Hotel ein anderes. Alle paar Monate fuhren sie zu zweit aufs Land, in eine möglichst abgeschiedene Umgebung, wo keiner sie kannte. Sie mieteten sich als Ehepaar in einem gediegenen Hotel ein und verbrachten ein paar gemeinsame Tage, mit gepflegtem Essen, Wanderungen in der Umgebung, entspannten Gesprächen – und etlichen intimen Stunden im Bett. Inge wusste, dass dieser Teil für Peter unabdingbar dazugehörte. Einmal hatte sie ihre Periode gehabt, und er war maßlos enttäuscht gewesen, dass sich nichts abgespielt hatte. Ihr war einfach nicht danach gewesen, nicht mal nach Knutschen, und sie hatte es ihm klipp und klar gesagt. Beim nächsten Mal hatte er vorher gefragt, wann sie ihre Tage bekäme. Aus Rücksicht, war die Begründung gewesen. Und Inge hatte sich im Stillen gefragt, auf wen.

Galant half Peter ihr aus dem Mantel und hängte ihn an den Haken, dann streifte er seine Jacke ab.

Inge wollte das Kleid aus ihrer Reisetasche nehmen, das sie extra für die Silvesterfeier eingepackt hatte, doch Peter trat von hinten an sie heran und schlang beide Arme um sie. Er schob mit dem Kinn ihr Haar zur Seite und küsste ihren Nacken.

»Mmh, du riechst gut!« Er drängte sich mit dem Unterleib gegen sie. »Merkst du, wie sehr ich dich vermisst habe, Liebling?«

Sie entwand sich seiner Umarmung, schnappte sich das Kleid und ging ins Bad. »Ich hab Hunger!«, erklärte sie.

»Den hab ich auch. Aber du bist mir wichtiger.« Er lächelte sie werbend an und trat ihr in den Weg. »Es muss ja nicht lange dauern! Auf die zehn Minuten kommt es doch jetzt auch nicht mehr an!«

Über seine Schulter hinweg sah ihr aus dem Badezimmerspiegel ihr entnervtes Gesicht entgegen, und automatisch bemühte sie sich um eine freundlichere Miene. Er hatte sich mit allem so angestrengt. Ein schönes Hotel herausgesucht. Seinem Vater den Wagen abgeschwatzt. Stundenlang bei diesem Wetter und den schlechten Straßenverhältnissen am Steuer gesessen. Und am Ende würde er auch noch alles bezahlen.

Streng genommen stammte das Geld zwar von seinem Vater, denn er selbst verdiente ja noch nichts, aber seit sie in der Buchhandlung ausgelernt hatte, waren ihre Mittel nicht mehr ganz so begrenzt wie früher. In den letzten zwei Jahren hatte sie einiges zurücklegen können. Allerdings musste sie sich auch eingestehen, dass sie nicht die geringste Lust verspürte, auch nur einen winzigen Bruchteil ihres Ersparten für diese Wochenendausflüge zu opfern. Dass sie überhaupt regelmäßig mitfuhr, war schon das Äußerste, das sie in dieser Hinsicht beizusteuern bereit war.

Vielleicht kam daher ja auch ihre Scheu, ihn abzuweisen. Sie wollte im Moment nicht mit ihm ins Bett, sondern zu diesem Silvesterdinner. Ihr war schon ganz schwindlig vor lauter Hunger, seit dem Frühstück hatte sie keinen Bissen zu sich genommen. Unterwegs hatte Peter während einer Toilettenpause vorgeschlagen, in einem Gasthaus eine Kleinigkeit zu essen, aber da war es nicht mehr weit gewesen, und Inge hatte sich nicht den Appetit auf das Dinner verderben wollen, schließlich war es im Preis enthalten. Jetzt ärgerte sie sich darüber, denn sie hätte sich denken können, dass es zu dieser Situation kommen würde.

Sie wusste schon vorher, dass es ihr nicht besonders gefallen würde. Es würde keine zehn Minuten in Anspruch nehmen, sondern höchstens drei, so war es immer, wenn sie sich so lange nicht gesehen hatten. Beim zweiten Mal dauerte es dann länger, sodass sie ebenfalls etwas davon hatte, aber dazu würde es erst später kommen, nach dem Dinner und der anschließenden Feier. Im Augenblick ging es nur um ihn und seine Befriedigung, und wenn Inge ihm diesen schnellen Akt jetzt verwehrte, weil sie lieber essen gehen wollte, würde den ganzen restlichen Abend der unausgesprochene Vorwurf zwischen ihnen stehen, dass er ihr gleichgültig sei.

Stumm ließ sie zu, dass er sie zum Bett drängte.

»Himmel, bist du schön«, sagte er schwer atmend. »Ich kann nicht warten! Du ahnst ja nicht, wie sehr ich dich brauche!«

Hastig zog er ihr das Nötigste aus, er selbst entledigte sich nur seiner Hose. Sie konnte ihn gerade noch dazu bringen, eines der von ihm mitgebrachten Kondome überzustreifen, ehe er sie in Besitz nahm.

Er lag auf ihr und stieß in sie, das Gesicht in ihrem Haar vergraben.

Sie konzentrierte sich und spürte, wie ihre Lust erwachte. Gerade als sie ihn auffordern wollte, sich Zeit zu lassen, keuchte er: »Ich liebe dich!«

Gegen ihren Willen erlosch der Anflug von Begierde, der sie eben noch erfüllt hatte. Sobald er diese drei Worte sagte, dauerte es nur noch wenige Sekunden bis zu seinem Höhepunkt.

»Ich liebe dich auch«, murmelte sie, gerade laut genug, dass er es hören konnte. Wenn sie versäumte, es zu sagen, würde er hinterher fragen, ob alles zwischen ihnen beiden in Ordnung sei. Womöglich würde er wieder eine Grundsatzdiskussion über die Tiefe ihrer Gefühle in Gang bringen. Das war schon öfter vorgekommen, und es gehörte zu der Art von Gesprächen, denen Inge lieber aus dem Weg ging.

Sie lag still und umarmte ihn, während er nach einigen weiteren Stößen zum Orgasmus kam und dann einen Moment lang erschlafft auf ihr liegen blieb, bevor er sich zur Seite rollte. Seine abgehackten Atemzüge wurden rasch leiser. Inge setzte sich auf und betrachtete ihn ungläubig.

»Peter?«

Als er nicht antwortete, rüttelte sie ihn an der Schulter.

»Peter! Ich habe Hunger! Du kannst jetzt nicht schlafen!«

Er öffnete mühsam ein Auge. »Nur fünf Minuten, ja?«

Sie stand auf. »Dann gehe ich schon mal vor.«

Er wurde schlagartig wach. »Das ist nicht dein Ernst.«

»Mein voller. Mir ist schon ganz schlecht vor Hunger.«

Ihr ärgerlicher Tonfall war ihm offenbar nicht entgangen.

Reumütig richtete er sich auf. »Tut mir leid. Ich bin wohl ziemlich egoistisch, oder?« Eilig stieg er ebenfalls aus dem Bett und suchte seine Sachen zusammen. Doch seine gute Laune kehrte dabei schnell zurück.

»Fast hätte ich es vergessen!«, rief er. »Bitte sehr, hier ist es – zu Weihnachten und zum Geburtstag zusammen!« Mit einer beschwingten Verbeugung überreichte er ihr eine in Geschenkpapier verpackte kleine Schachtel.

Zum Geburtstag hatte er ihr bereits telefonisch gratuliert, aber über die Feiertage und am darauffolgenden Wochenende hatten sie sich nicht treffen können, weil Peter mit seinen Eltern in einem noblen Schweizer Skiort Urlaub gemacht hatte.

Zögernd wickelte sie das Papier ab. Zum Vorschein kam eine Schmuckschatulle. Inge klappte sie auf und betrachtete mit großen Augen die erlesene einreihige Perlenkette, die bestimmt ein Vermögen gekostet hatte. Sie bedankte sich mit allem Überschwang, den sie aufbringen konnte, und als Peter ihr im Bad die Kette umlegte, lächelte sie ihn im Spiegel an. Gleichzeitig fragte sie sich beklommen, warum sie sich nicht aufrichtiger über dieses wirklich schöne Geschenk freuen konnte.

Beim Anziehen machte er ihr Komplimente über das neue Kleid.

»Sieh dich nur an!«, sagte er bewundernd. »Du könntest ein Mannequin sein! Oder ein Filmstar!«

»Das könnte ich nicht, denn es sind Berufe, die man erst erlernen muss«, wehrte sie ab. »Davon abgesehen bin ich lieber Buchhändlerin, das liegt mir mehr, auch wenn’s vielleicht nicht ganz so viel Geld einbringt.«

»Na ja, wenn wir erst verheiratet sind, ist das sowieso Schnee von gestern.«

»Was willst du damit sagen?«

»Dass du nicht länger arbeiten gehen musst. Ich hatte gestern noch mal ein Gespräch mit Vater. Eigentlich wollte ich es dir erst heute Nacht erzählen, bei einem Glas Schampus. Als große Neujahrsüberraschung. Aber so lange kann ich nicht warten.« In seinen Zügen zeigte sich plötzlich erwartungsvolle Aufregung, und sein Lächeln wurde breiter. »Ich werde nach meiner Approbation sofort als gleichberechtigter Mitinhaber aufgenommen, und spätestens in einem Jahr übernehme ich den Laden ganz!« Freudestrahlend blickte er Inge an. »Die Apotheke gehört dann mir, mit allem Drum und Dran!«

»Dein Vater will aufhören?«, fragte Inge erstaunt.

Peter zuckte mit den Schultern. »Er ist fast sechzig, sein Rücken macht ihm seit Jahren zu schaffen. Geld hat er sowieso wie Heu. Die Mietshäuser, die Aktien und Sparguthaben – davon können meine Eltern hundert Jahre leben, wenn’s sein muss.« Er grinste Inge an. »Du machst also eine fabelhafte Partie. Als meine Ehefrau kannst du tun und lassen, was du möchtest.«

»Auch arbeiten?«, erkundigte sich Inge. Es war nicht witzig gemeint, aber Peter fasste es so auf.

»Für die tüchtige Hausfrau gibt’s immer was zu tun«, scherzte er.

»Na klar«, gab sie zurück. »Am liebsten im Spitzenschürzchen und ohne was drunter.«

Er warf den Kopf zurück und lachte, doch ihr eigenes Lächeln fiel eher gezwungen aus, denn sie hatte es nicht gesagt, um ihn zu erheitern.

Er schien es zu merken. Etwas ernster fuhr er fort: »Selbstverständlich kannst du nach der Hochzeit weiterhin arbeiten gehen, Liebling. Da mache ich dir keinerlei Vorschriften. Ich weiß doch, wie sehr du diesen ganzen Bücherkram magst. Deswegen wird bei uns der Haussegen bestimmt nicht schief hängen. Wenn dann unser erstes Kind unterwegs ist, kannst du ja immer noch aufhören. Du sollst nur wissen, dass du nicht arbeiten musst.« Er küsste sie auf die Schläfe und bot ihr den Arm, um sie zum Speisesaal zu führen. Inge schluckte alle Erwiderungen herunter, die ihr auf der Zunge lagen. Es war sinnlos, mit ihm über dieses Thema zu debattieren. Es würde nur wieder damit enden, dass er ihr vorwarf, ihn nicht genug zu lieben.