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IM SONNENWINKEL ist eine Familienroman-Serie, bestehend aus 75 in sich abgeschlossenen Romanen. Schauplatz ist der am Sternsee verträumt gelegene SONNENWINKEL. Als weitere Kulisse dient die FELSENBURG, eine beachtliche Ruine von geschichtlicher Bedeutung. Der Sonnenwinkel ist eine Zusammenfassung der kleinen Orte Erlenried und Hohenborn, in denen die Akteure der Serie beheimatet sind. Die einzelnen Folgen behandeln Familienschicksale, deren Personen wechseln, wenn eine Handlung abgeschlossen ist. Im Mittelpunkt, jedoch als Rahmenhandlung, stehen die immer wiederkehrenden Hauptpersonen, die sich langsam weiterentwickeln. So trennt den ersten und letzten Roman in etwa ein Jahrzehnt. Magnus von Roth trat schnell vom Fenster zurück, als er das Auto sah. »Er kommt, Tresi!« sagte er, und es klang erleichtert, als hätte er schon nicht mehr gehofft, daß der erwartete Besuch eintreffen würde. »Bitte, kein Wort über diese alte Geschichte! Versprich es mir!« »Du müßtest mich nach fünfzigjähriger Ehe eigentlich kennen, Magnus«, war ihre nachsichtige Antwort. Er eilte hinaus. Dem Auto entstieg eben ein Mann mit ergrautem Haar. Sehr früh war Joachim Conrad ergraut, wie Magnus von Roth feststellte. »Lieber Joachim, herzlich willkommen!« Seine Stimme klang bewegt, doch dem andern fehlten die Worte ganz. Stumm drückte er die Hand des Älteren. Joachim Conrads Gesicht war von Sonne und Wind gegerbt, aber es wirkte dennoch fahl. Vielleicht machte das auch die innere Erregung, seinen ehemaligen Lehrer und gütigen Freund nach vielen Jahren der Trennung wiederzusehen. Dr. Joachim Conrad war Kunsthistoriker wie er, und er trug ein schreckliches Schicksal mit sich herum, das sein Gesicht geprägt hatte. Er war sechsunddreißig Jahre, aber er wirkte viel älter, und neben ihm sah Magnus von Roth, nicht nur vierfacher Großvater, sondern seit einigen Wochen sogar Urgroßvater, geradezu frisch aus. Wir werden ihn schon wieder aufpäppeln, dachte Magnus von Roth. Es mußte doch mit dem Teufel zugehen, wenn ausgerechnet bei ihm unsere Erlenrieder Atmosphäre keine Wirkung täte.
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Seitenzahl: 138
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Magnus von Roth trat schnell vom Fenster zurück, als er das Auto sah.
»Er kommt, Tresi!« sagte er, und es klang erleichtert, als hätte er schon nicht mehr gehofft, daß der erwartete Besuch eintreffen würde. »Bitte, kein Wort über diese alte Geschichte! Versprich es mir!«
»Du müßtest mich nach fünfzigjähriger Ehe eigentlich kennen, Magnus«, war ihre nachsichtige Antwort.
Er eilte hinaus. Dem Auto entstieg eben ein Mann mit ergrautem Haar. Sehr früh war Joachim Conrad ergraut, wie Magnus von Roth feststellte.
»Lieber Joachim, herzlich willkommen!«
Seine Stimme klang bewegt, doch dem andern fehlten die Worte ganz. Stumm drückte er die Hand des Älteren.
Joachim Conrads Gesicht war von Sonne und Wind gegerbt, aber es wirkte dennoch fahl. Vielleicht machte das auch die innere Erregung, seinen ehemaligen Lehrer und gütigen Freund nach vielen Jahren der Trennung wiederzusehen.
Dr. Joachim Conrad war Kunsthistoriker wie er, und er trug ein schreckliches Schicksal mit sich herum, das sein Gesicht geprägt hatte.
Er war sechsunddreißig Jahre, aber er wirkte viel älter, und neben ihm sah Magnus von Roth, nicht nur vierfacher Großvater, sondern seit einigen Wochen sogar Urgroßvater, geradezu frisch aus.
Wir werden ihn schon wieder aufpäppeln, dachte Magnus von Roth. Es mußte doch mit dem Teufel zugehen, wenn ausgerechnet bei ihm unsere Erlenrieder Atmosphäre keine Wirkung täte.
Teresa von Roth hatte den Gast ebenso herzlich begrüßt wie ihr Mann.
Langsam löste sich die Gespanntheit seiner Züge, die den Eindruck erweckten, als wäre er ständig auf der Flucht, und vielleicht war er das noch immer.
Fünf Jahre lang lag es nun zurück, daß man Joachim Conrads Frau tot am Steuer ihres Wagens in der Garage gefunden hatte. Ihren kleinen Sohn Robin hatte man noch retten können, aber auch er wäre wohl verloren gewesen, wäre sein Vater nicht früher als sonst heimgekommen.
Doch ausgerechnet der damals dreijährige Robin war es gewesen, der seinen Vater in einen schweren Verdacht gebracht hatte, nämlich, seine Frau ermordet zu haben.
Man hatte Dr. Joachim Conrad wegen Mangels an Beweisen freigesprochen. Alle seine Kollegen hatten für ihn ausgesagt, und seine Stiefschwester Heidi hatte ein leidenschaftliches Plädoyer für ihn gehalten, dessen Eindruck stärker gewesen war als die Anschuldigungen seiner Schwiegereltern, die erklärten, daß ihre Tochter Alice die Scheidung gewollt hätte, er dieser aber nicht zugestimmt hatte.
Das war es, was Magnus von Roth nicht erwähnt wissen wollte. Er hatte niemals an Joachim Conrads Schuldlosigkeit gezweifelt und war heilfroh gewesen, als er endlich ein Lebenszeichen von ihm erhalten hatte.
Nach dem Essen machten sie es sich gemütlich. Teresa von Roth hatte einen duftenden Mokka gebraut. Die beiden Männer zündeten sich ihre Pfeifen an.
»Wie geht es Heidi?« erkundigte sich Teresa von Roth arglos.
Joachims Gesicht verdüsterte sich.
»Ich weiß es nicht«, erwiderte er leise. »Ich habe ihr nicht mitgeteilt, daß ich wieder in Deutschland bin.«
Das befremdete die beiden Roths nun doch, denn zwischen den Stiefgeschwistern hatte immer ein besonders herzliches Verhältnis bestanden.
Eigentlich waren sie nicht durch verwandtschaftliche Bande verbunden. Joachims Vater hatte Heidis Mutter in zweiter Ehe geheiratet, und sie hatte Heidi mitgebracht, die dann von Joachims Vater adoptiert worden war.
Dennoch waren sie aufgewachsen wie leibliche Geschwister.
»Es ist besser, wenn sie sich nicht mit mir belastet«, fuhr Joachim entschuldigend fort. »Sie hat meinetwegen genug ausgestanden.«
Er hatte keine Ahnung, was Heidi seinetwegen auch später noch auf sich genommen hatte.
*
Heidi Conrad wartete in ihrem kleinen Wagen vor dem Schulbus. Es goß in Strömen. Fröstelnd zog sie die Schultern zusammen.
Die Kinder kamen herausgestürmt. Unter den ersten ein schmächtiger dunkelhaariger Junge.
»Robin!« rief sie laut.
Seine Augen leuchteten auf. Mit einem Jubelruf sprang er durch eine große Pfütze.
»Fein, Mami, daß du mich abholst. Es regnet scheußlich.«
»Und du mußt auch gleich noch in einer Pfütze baden«, bemerkte sie lächelnd. »Komm, mein Schatz, zu Hause ist es gemütlicher.«
Er kletterte in den Wagen und drückte ihr einen Kuß auf die Wange.
»Du bist eine ganz süße Mami«, sagte er zärtlich.
Es gab ihr jedesmal einen Stich, obgleich sie doch darüber hätte glücklich sein sollen.
Aber immer wieder wurde sie doppelt an Joachim, seinen Vater, erinnert.
Sie waren bald daheim in der modernen und doch so gemütlichen Wohnung.
Ohne ermahnt werden zu müssen, kleidete sich Robin rasch um und wusch sich. Heidi hatte das Essen bereits vorbereitet. Sie wußte, daß er immer einen Heißhunger aus der Schule mit nach Hause brachte.
»Das riecht vielleicht wieder fein«, meinte er anerkennend. »Hast du wieder ein gutes Geschäft gemacht, Mami?«
»Ein ganz gutes, mein Schatz. Ich darf jetzt für einen berühmten Modeschöpfer Modelle entwerfen.«
»Der kann doch froh sein, wenn er dich hat«, stellte Robin gelassen fest. »Aber heiraten tust du ihn doch nicht?«
Das fragte er jedesmal eifersüchtig, wenn nur ein Mann ins Gespräch kam, und mochte dieser noch so fremd sein. Er schlang seine Arme um ihren Hals.
»Gell, du wartest, bis mein Papi zurückkommt?« bettelte er.
Das waren die Augenblicke, in denen Heidi fast immer die Fassung verlor.
Heute mußte sie die Tränen regelrecht herunterwürgen, denn heute war Joachims Geburtstag. Und sie wußte nicht einmal, wo ihre Gedanken ihn erreichen konnten.
»Du machst jetzt deine Schulaufgaben, Robin, und ich arbeite«, erklärte sie. »Und nachher spielen wir, einverstanden?«
Wieder bekam sie einen Kuß.
»Bist mein ganz großer Schatz«, sagte er, »und wenn mein Papi gar nicht mehr kommt, dann heirate ich dich.«
Heidi selbst hatte alles getan, damit er so arglos aufwachsen konnte nach diesem einen, schrecklichen Jahr bei seinen Großeltern.
Sie saß an ihrem Zeichentisch, aber arbeiten konnte sie heute nicht. Ihre Gedanken wanderten in die Vergangenheit, zu jenem furchtbaren Tag zurück, an dem Joachim verhaftet worden war…
Für sie hatte es festgestanden, daß Alice freiwillig aus dem Leben geschieden war, und den Jungen hatte mitnehmen wollen, um Joachim einen letzten, tödlichen Streich zu spielen.
Für ihn hatte es so viel bedeutet, daß Robin gerettet worden war, und dann hatte dieses unschuldige und unwissende Kind die unheilvollen Worte ausgesprochen: »Mami hat gesagt, Papi bringt uns um, wenn wir nicht fortfahren.«
Eine Krankenschwester aus der Klinik, in die man Robin gebracht hatte, hatte das Verfahren gegen Joachim ausgelöst.
Seine Schwiegereltern hatten das ihre dazu beigetragen, ihn zu vernichten, um das Kind zu bekommen, jenes Kind, das er gar nicht mehr sehen wollte, als er, ein völlig gebrochener Mann, aus der Untersuchungshaft kam.
Heidi erinnerte sich an alle Einzelheiten ganz genau. Sie hatte ihn abgeholt. Es war ein ähnlicher Tag wie heute gewesen, kalt und regnerisch. Wie eine Marionette war er neben ihr hergegangen, und sie hatte das Gefühl gehabt, daß er durch sie hindurchsähe.
Sie hatte ihn aufrütteln wollen.
»Robin ist ein kleines Kind, Joachim«, hatte sie eindringlich gesagt. »Alice hat ihm alles mögliche eingeflüstert. Er versteht doch gar nicht, was er da gesagt hat.«
»Er ist ihr Sohn«, hatte er resigniert erwidert.
Robin war schon bei seinen Großeltern, als Joachim ins Ausland ging.
Es war ein bitterer Abschied von Heidi gewesen, für die eine Welt zerbrach, denn sie war sich schon lange bewußt, daß er ihr viel mehr als ein Bruder war. Sie hatte das schon an dem Tag gefühlt, als er Alice heiratete. Aber sie hatte doch gewünscht, daß er glücklich werden möge.
Doch mit einer Frau wie Alice konnte man nicht glücklich sein.
Wie Robins Leben sich bei seinen Großeltern gestaltet hatte, erfuhr Heidi später erst aus seinen Angstträumen. Sie hatte ihnen mehrmals geschrieben, aber nie eine Antwort erhalten. Bis eines Tages dann ein Brief vom Vormundschaftsgericht gekommen war, nüchterne, amtliche Zeilen.
»Wir teilen Ihnen mit, daß das Ehepaar Arthur und Marga Winter am Neunzehnten vergangenen Monats verstorben ist und aus Nachlaßverfügungen hervorgeht, daß der Vater des Kindes Robin Conrad lebt. Wir ersuchen Sie, uns dessen Adresse anzugeben, falls Sie in deren Besitz sein sollten. Sollte Herr Dr. Joachim Conrad inzwischen verstorben sein, fordern wir Sie auf, sich wegen der Vormundschaft für das Kind Robin mit uns in Verbindung zu setzen.«
Sie hatte alles stehen- und liegenlassen, obgleich sie einen wichtigen Auftrag hätte ausführen müssen. Etwas Wichtigeres als Robin gab es für sie nicht.
Dann hatte sie alles erfahren. Daß Marga Winter sich, wie ihre Tochter, das Leben genommen hatte, daß ihr Mann darauf an einem Herzschlag gestorben war. Man hatte Robin in ein Heim gebracht.
Sie konnte es heute noch nicht begreifen, daß man ihr gestattet hatte, ihn zu holen. Allerdings waren nervenaufreibende Verhandlungen vorausgegangen.
Und dann hatte er vor ihr gestanden und sie mit ernsten Augen angeblickt, in denen keine kindliche Fröhlichkeit mehr war.
Aber dann war das Wunder geschehen. Er war auf sie zugekommen und hatte sie umarmt.
»Du bist meine Mami«, hatte er erklärt. »Großmutter hat immer gesagt, daß meine Mami kommen würde. Sie hat mir soviel versprochen, aber einmal hat sie es gehalten. Ich kenne dich noch, Mami. Ich bin froh, daß du da bist.«
Heidi hatte ihn in ihre Arme genommen, und seither war sie seine Mami.
Er hatte sich an sie erinnern können, nur nicht daran, daß er sie früher Tante genannt hatte. Alles andere mußte er vergessen haben in diesem einen Jahr bei seinen Großeltern, das lange Zeit Angstträume in ihm hervorrief. Sie hatten jede Erinnerung an seinen Vater in ihm töten wollen. Behutsam wurde diese von Heidi wieder geweckt in dem Bemühen, Joachim dem Kind zu erhalten.
Leise klopfte es an die Tür.
»Mami, mußt du noch arbeiten?« fragte Robin. »Ich bin mit den Aufgaben fertig. Ich habe sie ganz schön gemacht.«
Sie kehrte in die Gegenwart zurück, die viel Glück für sie hatte, wenn es auch von leiser Wehmut getrübt war.
Schnell sprang sie auf und eilte zu ihm, denn ihr »Allerheiligstes« wagte er nicht zu betreten, solange sie arbeitete.
Sie nahm ihn in die Arme in dem Bewußtsein, einen liebenswerten und sehr rücksichtsvollen Sohn zu haben, den sie nie verlieren wollte, was immer auch geschehen war und noch geschehen würde.
»Jetzt werden wir spielen, mein Liebling«, sagte sie zärtlich.
»Du bist die allerbeste Mami!« erklärte er sehr überzeugend. »Andere Mütter müssen nicht arbeiten, und sie haben doch keine Zeit für ihre Kinder.«
Wenn du ihn doch hören könntest, Joachim, dachte sie.
*
Sehr aufmerksam hatte Magnus von Roth dem Bericht von Joachim Conrads langer Forschungsreise gelauscht.
»Das ist überwältigend«, sagte er begeistert. »Sie müssen ein Buch darüber schreiben, Joachim.«
»Das möchte ich, aber zuerst muß ich einen ruhigen, abgeschiedenen Platz finden.«
»Den haben Sie doch hier! Sie können bleiben, so lange Sie wollen, und niemand wird Sie stören, wenn Sie nicht gestört sein wollen.«
»Und wenn Ihre Familie von meiner Vergangenheit erfährt?« fragte Joachim bitter.
»Dann könnte sie nur Gutes erfahren. Jetzt machen Sie sich doch endlich frei, Joachim! Sie können diese Ketten doch nicht ewig mit sich herumschleppen.«
»Es sind nur vier Worte«, sagte Joachim. »Wegen Mangels an Beweisen.«
»Das waren doch Idioten!« entgegnete Magnus von Roth zornig. »Niemand, der Sie kennt, wird den kleinsten Zweifel hegen, daß Sie nicht im entferntesten damit zu tun hatten. Ich will das nicht wieder hören, und ich dulde auch gar keinen Widerspruch! Sie bleiben bei uns, und damit basta! Ihr alter Lehrer befiehlt es Ihnen, weil er gern ein wenig mitarbeiten möchte.«
Joachim stand auf, und einen Augenblick sah es so aus, als wolle er gehen. Doch dann verbeugte er sich vor Magnus von Roth.
»Ich danke Ihnen, Herr von Roth. Ich werde diesen Tag nie vergessen. Es ist, als wäre ich noch einmal geboren worden.«
»Das ist sechsunddreißig Jahre her«, sagte Magnus von Roth munter. »Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Geburtstag, mein lieber junger Kollege!«
Joachim sah ihn konsterniert an. Magnus von Roth lachte schallend.
»Haben Sie denn vergessen, daß Sie heute Geburtstag haben? Ich erinnere mich sehr gut an die Feier Ihres Dreißigsten. Ganz schön geladen hatten wir da. Und meine gute Tresi hat mir den Kopf gewaschen, als ich erst morgens um vier heimkam. Ich bekenne, daß sie mich vorhin daran erinnert hat. Mein Gedächtnis läßt nämlich doch schon ein bißchen nach, aber Tresis ist um so besser. Und nun werden wir feiern, den Geburtstag und die Wiedergeburt und daß Sie recht lange bei uns bleiben.«
*
Teresa von Roth bekam bei ihren Vorbereitungen zum festlichen Abendessen Besuch.
Ganz heimlich kam Bambi, ihre jüngste Enkeltochter, in die Küche geschlichen.
»Die Haustür stand offen, Omi«, wisperte sie.
»Sie ist doch immer offen, Bambi«, lächelte Teresa von Roth.
»Ich sollte aber eigentlich nicht kommen, weil doch nun euer Besuch da ist«, meinte Bambi entschuldigend. »Mami hat gesagt, ich soll nicht stören.«
»Da müßten wir aber lange auf deinen Besuch verzichten, denn Dr. Conrad lebt ein paar Wochen bei uns. Nun sei nicht so schuldbewußt, Schätzchen, du störst gar nicht.«
»Der Dr. Conrad kommt aber von sehr weit her«, stellte Bambi fest. »Nicht mal Hannes kennt seine Autonummer. Und der Wagen sieht ganz verwittert aus.«
»Er kommt aus Tibet«, erklärte Teresa von Roth.
Bambi riß die Augen ganz weit auf.
»Tibet!« staunte sie. »Wo ist denn das? Davon hat mir Opi noch nichts erzählt.«
»In Zentralasien.«
»Ist er ein lieber Gast?« wollte Bambi dann noch wissen.
»Ja, ein sehr lieber!«
»Ihr habt aber gar nicht viel von ihm erzählt«, stellte Bambi nachdenklich fest.
»Weil wir nicht genau wußten, ob er kommt.«
»Aber nun ist er gekommen und nun bleibt er. Ist ja auch kein Wunder, wo es doch so schön bei uns ist.«
Für Bambi konnten selbst die unfreundlichen Wetterverhältnisse daran nichts ändern, daß es nirgendwo so schön sei wie in Erlenried und vor allem im Sonnenwinkel. Außerdem hatte sie die liebsten Großeltern von der ganzen Welt, bei denen man sich eben wohl fühlen mußte.
Gern hätte Bambi den Gast in Augenschein genommen, aber so aufdringlich wollte sie doch nicht sein, und sie mußte sich auch wieder daheim blicken lassen.
»Eine Frau hat er wohl nicht?« fragte sie noch.
»Nein, eine Frau hat er nicht«, erwiderte Teresa von Roth.
Dann brauchte sie sich auch gar nicht zu erkundigen, ob er auch Kinder hätte, meinte Bambi für sich.
»Servus, Omilein«, sagte sie und drückte ihr einen Kuß auf die Wange.
*
Jonny, Bambis Collie, winselte am Gartenzaun.
»Ist ja gut, Jonny«, beruhigte ihn Bambi. »Du kannst jetzt nicht rüber. Ist doch Besuch da. Omi hebt dir schon was Gutes auf.«
Sie hatte es eilig, ins Haus zu gelangen, um ihre Neuigkeit loszuwerden. In ihrer bezaubernden, unbekümmerten und unschuldsvollen Art war sie oft Übermittlerin neuester Ereignisse aus der Umgebung, über die die Zeitungen nichts berichteten, weil sie die Familien betrafen.
Es gab viele Kinder in Erlenried, aber die jüngste Auerbach wurde von groß und klein ganz besonders geliebt. Natürlich auch von ihren Eltern und Geschwistern.
»Na, dich hat die Neugierde aber mal wieder gedrückt«, stellte Inge Auerbach amüsiert fest.
Hannes grinste unverschämt, als sie sich vor ihm aufbaute.
»Das ist ’ne tibetische Autonummer«, berichtete sie triumphierend. »Es heißt tibetisch. Ich habe es gleich ganz richtig gesagt.«
»Na klar, du Schlaumeier«, meinte er gönnerhaft.
»Weißt du auch, wo Tibet liegt?« fragte sie, hoffend, ihm auch da belehren zu können.
»In Zentralasien«, erwiderte prompt.
Bambi betrachtete ihm mit einer Mischung von Enttäuschung und Bewunderung. »Hannes weiß aber auch alles!« seufzte sie.
»Na, das können wir ja nicht gerade behaupten«, mischte sich Inge Auerbach ein, »sonst würde er in Latein nicht immer schlechte Noten bekommen.«
»Dafür ist er aber in Mathematik und Physik ganz groß«, verteidigte Bambi den größeren Bruder. »Und in Geographie auch.«
»Was ist denn der Dr. Conrad für einer?« erkundigte sich Hannes nun.
»Hab’ ihn noch nicht gesehen. Er bleibt ganz lange da. Eine Frau hat er nicht«, stellte sie fest. »Wir könnten ihm doch mal sein Auto waschen, meinst du nicht, Hannes?«
»Muß erst sehen, ob er nicht so pingelig ist«, brummte er.
»Omis und Opis Freunde sind nicht pingelig«, äußerte Bambi. »Erzählst du mir was von Tibet, Hannes?«
Er schnitt eine Grimasse. So weit her waren seine Kenntnisse auch nicht. Er merkte sich immer nur das Wichtigste.
»Da gibt es riesige Berge«, erklärte er. »Da werden immer Expeditionen gemacht.«
»Hat der Dr. Conrad auch welche gemacht?«
»Weiß ich doch nicht. Kannst ihn doch selber fragen«, entgegnete Hannes lakonisch. »Ich muß jetzt Ricky die Babywäsche bringen.«
»Ich komme mit!« rief Bambi sofort.
Ihre mit dem Studienrat Dr. Rückert verheiratete Schwester Ricky wohnte nur ein paar Häuser weiter. Vor ein paar Wochen hatte sie einen Sohn bekommen, und Bambi fühlte sich als stolze Tante.
Da es eine komplizierte Geburt gewesen war, nahm man ihr weitgehend Arbeiten ab, und die noch sehr jugendliche Großmama Inge ließ nicht zu, daß Ricky die Babywäsche selbst übernahm.
