Ein Hochhaus ist auch nur ein Dorf - Elfi Sinn - E-Book

Ein Hochhaus ist auch nur ein Dorf E-Book

Elfi Sinn

0,0

Beschreibung

Kann man in einem riesigen Hochhaus in der Stadt überhaupt Anschluss oder Freunde finden? Vor allem, wenn man bisher auf dem Land gelebt hat? Nora Förster bezweifelt das lange, aber dann setzt sich doch die pragmatische Ader der ehemaligen Lehrerin durch. Und so lernt sie nicht nur die Klingelschilder, sondern nach und nach auch die Menschen hinter den Türen kennen. Als eine raffinierte Bande in ihr Hochhaus einbricht, wehrt sie sich gemeinsam mit ihren neuen Freunden Lilly, Heiko sowie Alfred und beginnt erfolgreich zu ermitteln. Mit jedem neuen Fall der Hochhaus-Krimi-Gang findet Nora mehr Spaß daran, Betrüger und Lügner mit weiblicher Logik zu entlarven und ihre Hausgemeinschaft gegen Enkeltricks und andere Betrugsversuche fit zu machen. Aber reicht ihr Mut auch für eine neue Liebe? Denn eigentlich war sie überzeugt, dass die Schmetterlinge in ihrem Bauch gemeinsam mit ihr in Rente gegangen seien, oder doch nicht?

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 194

Veröffentlichungsjahr: 2025

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhaltsverzeichnis

Wer ist wer?

1. Kapitel –Irgendwann ist jetzt

2. Kapitel - Der schöne Victor

3. Kapitel - Der Spezialist

4. Kapitel - Die blaue Blume

5. Kapitel - Die Stimmen aus dem Jenseits

6. Kapitel - Das Krimi-Dinner

7. Kapitel - Immer wieder neue Tricks

Wer ist wer?

Nora Förster, 67 Jahre, Rentnerin, ehemalige Lehrerin, ist vom Dorf in ein Hochhaus in der Stadt gezogen, liebt Krimis, kann sehr gut mit Zahlen umgehen und logisch denken.

Lilly Richter, 67 Jahre, Rentnerin, ehemalige medizinischtechnische Assistentin, liebt Malerei, Krimis, Geldanlagen und Ratgeberliteratur.

Alfred Brenner, 69 Jahre, Rentner, ehemaliger Finanzkaufmann und Finanzvorstand, hat besonders geschickte Hände, viel Ahnung von Geldanlagen und asiatischen Kampftechniken und träumt davon, einmal eine Drag-Queen zu sein.

Heiko Schuster, 70 Jahre, Rentner, ehemaliger Studienrat, langjähriger und bester Freund von Alfred, ist ein ziemlich geschickter Bastler, leidet unter der geringen Anerkennung seiner Ideen durch seinen Schwiegersohn.

Tom, 10 Jahre, hat eine Schlüsselbein-Fraktur, hasst Lesen und möchte gerne Kriminelle jagen.

Tamara, 67 Jahre, Neurentnerin, ehemalige Ethnologin mit dem Spezialgebiet Schamanismus.

Daniel Koch, 68, Dr., ehemaliger Professor für Germanistik und Linguistik, schreibt an seinem ersten Krimi und ist von Nora fasziniert.

1. Kapitel - Irgendwann ist jetzt

„Was habe ich mir nur dabei gedacht, in meinem Alter noch umzuziehen?“ Nora Förster warf einen irritierten Blick aus dem Fenster.

Natürlich war die Aussicht atemberaubend, schließlich wohnte sie in der 15. Etage eines Hochhauses und konnte weit über die angrenzende Gartenstadt blicken, die jetzt im Frühling gelb und hellgrün leuchtete. Wenn sie sich auf ihren Balkon getraut hätte, wäre sogar ein guter Blick auf den kleinen See ganz in der Nähe möglich gewesen, aber das wagte sie noch nicht.

Irgendwann würde sie es vielleicht schaffen, aber zurzeit war eine andere Sorge vorrangig. Das große Haus war nicht nur ungewohnt, es machte ihr fast Angst. Sie würde so gerne mit jemandem sprechen, sich bekannt machen oder sich Tipps dafür geben lassen, was man hier unternehmen könnte. Aber in diesem Haus wohnten anscheinend nur Leute, die im Fahrstuhl kaum grüßten, morgens aus dem Haus eilten und erst abends im Dunkeln zurückkamen. Ganz sicher gäbe es hier auch Menschen ihres Alters, aber wie sollte sie die finden?

Seit Tagen versuchte sie sich Mut zu machen, um mehr zu unternehmen als nach dem schnellen Einkauf von Lebensmitteln in die Wohnung zurückzukehren, zögerte aber immer noch. Wer etwas ändern will, findet Wege, wer nichts ändern will, findet Ausreden.

Das hatte ihre Mutter immer betont und deshalb war Nora auch klar, dass es nicht wirklich an der Größe des Hauses lag. Irgendwie hatte sie es sich anders vorgestellt in der Stadt zu wohnen. Am liebsten wäre sie natürlich in ihrem Dorf geblieben, dort hatte sie als Lehrerin viele von der 1. Klasse an begleitet, sie kannte jeden und jeder kannte sie, aber hier? Wie sollte sie so etwas bei 20 Etagen schaffen?

„So ein Hochhaus ist auch nur ein Dorf, nicht in der Breite, sondern eher in die Höhe. Und wenn du die Menschen hier zusammenzählst sind es garantiert weniger, als in deinem Dorf. Das ist doch überschaubar.“ Dieses Argument ihrer Tochter Leonie hatte sie schließlich vom Umzug überzeugt, nachdem im Dorf der letzte Lebensmittelladen geschlossen hatte und vorher schon die Post, die Bankfiliale und der Arzt fast über Nacht verschwunden waren. Nur deshalb hatte sie immer noch etwas widerwillig zugestimmt, in die Großstadt zu ziehen. Immerhin wohnte hier nicht nur ihre Tochter, sondern auch die Enkelin Paula und die kleine Urenkelin, die nach ihr benannt war. Von deren Entwicklung hatte sie schon so viel verpasst, das würde sie unbedingt ändern.

Anfangs hatten die Kinder sie auch oft besucht und bei der Renovierung der kleinen Dreizimmerwohnung geholfen, aber mit der Zeit wurde das immer weniger und Nora wollte auch nicht klammern. Was sie jetzt wirklich brauchte, war ein eigener Bekanntenkreis oder vielleicht sogar Freundinnen. Aber das war nicht so einfach! Sie seufzte. Vielleicht schob sie es ja auch einfach vor sich her, auf andere zuzugehen? Bisher hatte sie sich immer noch vorrangig mit der Einrichtung der Zimmer beschäftigt, aber jetzt, wo alles in schönster Ordnung war, müsste sie langsam in die Gänge kommen. Zufrieden musterte sie ihr Wohnzimmer, das zwar kleiner war als vorher, aber noch ausreichend Platz für den runden Esstisch hatte, der sie ihr gesamtes Erwachsenenleben begleitete und ihr bei der Scheidung zugefallen war. Sie mochte auch die Kombination von gelben, grünen und orangen Farbtönen, die das Zimmer sehr gemütlich machten. Auch das Schlafzimmer und das winzige Gästezimmer in sanftem Grün, die kleine Küche in Blautönen und das Bad in strahlendem Weiß waren genau auf ihre Wünsche abgestimmt worden. Alles war in Ordnung und bereit für die nächsten Jahre, nur sie war noch nicht richtig angekommen und fühlte sich trotz der schönen Umgebung einfach noch nicht zuhause.

Eigentlich war das gar nicht ihre Art, denn bisher hatte sie immer alles was auf sie zukam gemeistert, aber jetzt hatte sie offensichtlich Hemmungen entwickelt und traute sich kaum noch nach draußen. Um sich abzulenken las sie jetzt mehr in den geliebten Krimis, die sich in ihrem Regal stapelten, blieb aber unzufrieden und suchte unbewusst nach irgendetwas, das ihr den erwünschten Schub gab, endlich etwas zu unternehmen.

Sie hätte selbstverständlich irgendwelche Kurse an der Volkshochschule belegen können, um interessante Menschen kennenzulernen, aber sie war nicht der Typ, der gerne gestaltete, bastelte, häkelte, strickte oder nähte. Dafür konnte sie sehr gut mit Zahlen umgehen und logisch denken. Aber gab es dafür Kurse? Natürlich nicht!

Eine frühere Kollegin, die etwas esoterisch angehaucht war, hatte ihr, als sie am Telefon ihr Leid klagte geraten, auf Anzeichen zu achten, denn nicht jede Zeit sei geeignet für Veränderungen. Seitdem las Nora sogar jeden Morgen ihr Horoskop auf einer Internetseite. So richtig glaubte sie natürlich nicht daran, dass das Universum ihr etwas mitzuteilen hätte, aber es konnte ja auch nicht schaden. Dann aber wäre ihr eines Morgens fast die Luft weggeblieben.

Als Lehrerin kannte sie sich gut mit Bemerkungen aus, die die eigenen Versäumnisse unmissverständlich klarmachten, daher fühlte sie sich bestimmt genauso wie ihre Schüler früher, als sie jetzt in ihrem Horoskop las:

„Sie haben kosmischen Rückenwind für alles. Da lässt sich auch etwas aufgreifen, das schon viel zu lang in der Schublade Irgendwann liegt. Irgendwann ist jetzt! Also starten Sie endlich das, was Sie schon längere Zeit vorhaben!“

Nachdem Nora zweimal hingeschaut und sich versichert hatte, dass das da wirklich so stand, schüttelte sie etwas beschämt den Kopf.

Sie hätte schon längst etwas unternehmen müssen, statt sich wie ein unsicheres Kind im Haus zu verkriechen. Entschlossen schaltete sie ihren Laptop aus und ging mit etwas mehr Schwung als sonst ins Bad. Vor dem Spiegel blieb sie einen Moment stehen und musterte kritisch ihr Gesicht und die kurzen nussbraunen Haare, die sich noch immer widerspenstig lockten. „Irgendwie hatte ich mich jünger in Erinnerung“, murmelte sie ironisch. Ein Buch dieses Titels hatte sie kürzlich erst gelesen, aber um das Alter ging es ihr eigentlich nicht. Natürlich war ihr Gesicht jetzt nicht mehr so glatt und straff wie früher, als man sie immer zehn Jahre jünger geschätzt hatte, aber sie sah für 67 noch ziemlich passabel aus. Nur ihre grünen Augen, die früher immer unternehmungslustig funkelten, hatten ihren Glanz eingebüßt.

Aber das würde sie ändern und zwar sofort. Sie holte tief Luft und beschloss, als erstes einen Plan zu machen. Ein flotter Spaziergang an jedem Morgen würde ihr helfen, die Umgebung besser kennenzulernen und körperlich wieder fitter zu werden. Und dann würde sie sich endlich um Bekanntschaften vor Ort kümmern.

Fast kam ihr das riesige Haus wie ein Drachen vor, den sie nun unbedingt bezwingen wollte, aber dann kam wieder die Lehrerin durch, die sich auf ihre pragmatische Ader besann. Immer wenn sie eine neue Klasse übernahm, hatte sie den Ehrgeiz gehabt, schon von Anfang an die Namen ihrer Schüler zu kennen. Und so wie sie früher unzählige Sitzpläne angefertigt hatte, begann sie jetzt mit einem Plan für ihr Haus.

Zwei Tage später war die Tür zum Bad von unzähligen Karten bedeckt, die jede Etage genau bezeichneten und die Nummern der Wohnungen sowie die Namen vom Klingelbrett enthielten. Erstaunlicherweise gab es keine Doppelungen bei den Familiennamen, das würde es leichter machen. In der nächsten Zeit könnte sie sich darauf konzentrieren, mehr über die Menschen in den vier Wohnungen auf ihrer Etage zu erfahren und dann weitergehen, bis ganz nach unten. Wobei das Erdgeschoss das geringste Problem darstellte, denn dort gab es nur eine Bar.

Nachdem sie auch nach zwei Tagen nicht mehr als die Namen der Mieter auf ihrer Etage wusste, denn in den Wohnungen blieb es beängstigend still, überlegte sie neu. Vielleicht sollte sie einfach einen zweiten Anlauf machen und mit der Bar anfangen?

„Charlys Hideway“ hieß die Bar und konnte nach Noras Vermutungen alles Mögliche sein, denn ihre Erfahrungen mir Bars waren äußerst gering. Das letzte Mal, dass sie eine besucht hatte, war als Studentin gewesen und an das Ambiente konnte sie sich kaum erinnern, denn ihre Aufmerksamkeit galt damals eher dem süßen Henry, der sich leider später als untreue Niete entpuppte. Aber sie war keine 18 mehr und hier ging es um völlig andere Kontakte als damals.

Also auf in die Bar! Erfreut stellte sie fest, dass sie ein leichtes Kribbeln im Bauch spürte, wie früher, wenn etwas Aufregendes vor ihr lag. Natürlich würde sie nicht wagen, einfach spät abends in diese Bar zu gehen, aber zwischen 14.00 und 16.00 Uhr war dort Happy Hour. Das bedeutete nicht nur günstigere Preise, sondern vermutlich auch nicht das übliche Publikum. Nora blickte unschlüssig in ihren Kleiderschrank. Das kleine Schwarze, das sie bisher nie gebraucht hatte, wäre wahrscheinlich auch hier zu viel, aber Jeans und Shirt in moosgrün mit einem goldgemusterten Tuch, das würde gehen.

Mit leichtem Herzklopfen betrat sie am Nachmittag die Bar, die zwar in dunklen Farben gehalten war, aber lange nicht so verrucht aussah, wie sie eigentlich erwartet hatte. Gäste waren kaum zu sehen, nur in einer Ecke saß ein junges Pärchen, das verliebt flüsterte.

Leider waren das vermutlich keine Hausbewohner, sondern eher Touristen. Hinter dem Tresen stand ein großer muskulöser Mann mit südländischem Aussehen und sehenswerten schwarzen Locken, die von silbernen Fäden durchzogen wurden. Nora schob sich gerade etwas mühsam auf den ungewohnten Barhocker, als sie schon mit einem strahlenden Lächeln begrüßt wurde. „Herzlich willkommen in meinem Versteck! Sie sind neu hier? Was darf ich Ihnen bringen?“

Nora stutzte einen Moment, denn darauf hatte sie sich nicht vorbereitet. Dann aber glitt ein verschmitztes Lächeln über ihr Gesicht.

„Sex on the Beach, das wollte ich schon immer mal probieren.“

Er lachte, während er geschickt mit den Flaschen jonglierte und ihr dann das Glas zuschob. „Natürlich können Sie den Cocktail hier trinken, aber Sex am Strand sollten Sie woanders probieren.“

Beinahe wäre Nora rot geworden. Ausgerechnet ihr als Lehrerin passierte ein solcher Versprecher, aber dann beschloss sie das Ganze locker zu nehmen. „Danke für den Tipp, ich arbeite daran. Sie sind Charly? Und wieso brauchen Sie ein Versteck? Verfolgt Sie jemand, eine eifersüchtige Frau vielleicht oder deren rachsüchtiger Ehemann?“

Charly lächelte nur. „Sie lesen vermutlich zu viele Krimis. Jeder Mensch braucht irgendwo einen Rückzugsort, an dem er sich sicher und zuhause fühlt und meiner ist hier.“

Nora nickte verständnisvoll, denn dieses Problem kannte sie auch.

Nachdem sie ihr Glas geleert und ein zweites vor sich hatte, stellte sie fest, dass man sich mit diesem Charly wirklich so gut unterhalten konnte, dass sie ihm auch schon ihre Sorgen mitteilte.

Natürlich kannte er nicht alle, die im Hochhaus wohnten, allerdings war er auch recht verschwiegen, was ihm Nora aber nicht übelnahm, schließlich sollten die Leute hinter einem Bartresen auch gute Psychologen sein. Dennoch versuchte er, ihr wirklich zu helfen. „Da Sie schon eine gute Übersicht über die Bewohner haben, warum fangen Sie nicht damit an, ihre Namen in den sozialen Netzwerken zu suchen?“

„Aber ich kann den Leuten doch nicht nachspionieren!“ Sie schüttelte entrüstet den Kopf. Dabei verschwieg sie wohlweißlich, dass sie von diesen Dingen überhaupt keine Ahnung hatte, aber er lächelte nur. „Wie haben Sie im Dorf erfahren, wer krank ist oder anderweitig Hilfe braucht?“

„Darüber wurde gesprochen, beim Bäcker oder beim Arzt.“

„Was die Menschen im Netz über sich veröffentlichen ist doch auch nichts Anderes als Dorfklatsch, vermutlich etwas geschönt, damit man gut dasteht.“

„Ach, ich weiß nicht…“ Da Nora noch immer zurückhaltend blieb, versuchte Charly es anders. „Auf ihrer Etage kannte ich einen Professor, der lange Jahre an der Kunsthochschule unterrichtete und Bilder gemalt hat, die mir auch gefallen.“ Er wies auf ein Seestück hin, das hinter dem Tresen hing. „Der Mann ist letztes Jahr gestorben, aber seine Frau Lilly lebt noch dort in der Wohnung gegenüber von Ihrer. Sie kommt öfter hierher, liegt aber zurzeit in der Klinik wegen einer neuen Hüfte. Morgen kommt sie zurück und sie wäre bestimmt sehr dankbar, wenn Sie ihr anfangs ein paar Wege abnehmen würden.“

Zwei Tage später klingelte Nora bei Lilly Richter, um ihr frisches Obst zu bringen, von dem ihre neue Freundin erwartete, dass es sie schneller gesund machen würde. Gleich nachdem sie zaghaft ihre Hilfe anbot, hatte die attraktive Blondine, die im gleichen Alter war, sie sofort in ihr Herz geschlossen. Lilly war eine klassische Schönheit, die fast unnahbar erschien, wenn sie nicht dieses warmherzige, verschmitzte Lächeln gehabt hätte. Als ob sie sich schon ewig kennen würden, hatten sie sich lange unterhalten und so gut verstanden, dass sie sich mittlerweile schon duzten. Fast übermütig zog Lilly ihre Gehhilfe nur neben sich her, als sie jetzt die Tür öffnete. „Danke, das Obst sieht gut aus. Komm rein, willst du dich nicht setzen?“

„Ich dachte, du müsstest dich ausruhen?“ Nora betrachtet sie mit Sorge.

„Ach wo, es geht mir doch schon blendend.“ Lilly strahlte. „Ich hatte bereits Besucher, die mir Kaffee gekocht und Macarons mitgebracht haben. Nur das Obst konnte ich sie nicht aussuchen lassen. Männer und Obst, das ist selten kompatibel.“

Nora grinste belustigt. „Das klingt, als hättest du viel Ahnung von Technik und vermutlich auch ein viel aufregenderes Leben als ich.“

Lilly setzte sich etwas mühsam in einen Stuhl, um dann das rechte Bein hochzulegen. „Das habe ich auch, aber das war gar nicht so einfach. Als Florian starb, wäre ich ihm am liebsten gefolgt, nach einer gewissen Zeit jedoch wollte ich einfach nicht mehr traurig sein, denn wir hatten ein schönes gemeinsames Leben und daran wollte ich lächelnd zurückdenken. Meine Großmutter hat immer gesagt, Lächle, solange du noch Zähne hast und wenn es nicht mehr die eigenen sind, erst recht! Und ich lache wirklich gerne.“

Nora nickte vergnügt, sie dachte ähnlich.

Aber Lilly setzte wieder ernsthafter fort. „Außerdem kam ich zu der Erkenntnis, dass ich die Chance auf ein eigenes Leben, in dem ich machen kann, was mich interessiert, unbedingt nutzen sollte.“

„Da hast du absolut recht.“ Nora nickte überzeugt und gönnte sich ein zweites Plätzchen von der französischen Sorte, die nie den Weg in ihr Dorf gefunden hatte.

„Und seitdem habe ich einen kleinen Gesprächskreis aufgebaut, anfangs haben wir uns nur unterhalten oder Karten gespielt, aber jetzt beschäftigen wir uns vorwiegend mit Geldanlagen. Wir tauschen Tipps und Erfahrungen aus, schließlich kann man nie genug Geld haben. Hättest du Interesse?“

„An Gesprächen schon, aber an Geld eher weniger, ich bekomme eine gute Rente.“ Nora lehnte sich etwas enttäuscht zurück, aber Lilly schüttelte tadelnd den Kopf. „So denken viele und fühlen sich sicher, aber was ist, wenn plötzlich gravierende Änderungen beschlossen werden? Für uns geht niemand auf die Straße, also müssen wir Rentner selbst gut vorsorgen. Du kannst ja morgen erstmal zuhören und dich dann entscheiden.“

„Das mache ich gerne“, versicherte Nora und davon war sie jetzt auch überzeugt. Schon auf dem Rückweg zu ihrer Wohnung versicherte sie sich: „Ab jetzt wird nicht mehr gegrübelt, sondern gehandelt! Und diese Macarons muss ich auch unbedingt haben. Also gehe ich einkaufen.“

Auf dem Heimweg war der Fahrstuhl nicht wie sonst leer, sondern ein etwa 10-jähriger Junge, mit wirren braunen Haaren, schien Fahrstuhlführer zu spielen. Nora sah, dass er sich etwas gekrümmt hielt, als er sie nach ihrer Etage fragte und sie mit seinen braunen Augen neugierig musterte. „Oh, du hattest einen Unfall? Vermutlich Schlüsselbeinbruch oder?“

Er sah überrascht zu ihr. „Woran haben Sie das so schnell erkannt?

Meine Mum wusste das nicht.“

Nora lächelte. „Ich bin lange Zeit Lehrerin gewesen, da sieht man solche Verletzungen häufiger. Tut es noch weh?“

Er winkte ab. „Geht so. Aber das Beste daran ist, dass ich noch zwei Wochen nicht zur Schule muss.“

„Lernst du nicht gerne oder ist es die Schule insgesamt?“

Der Junge grinste nur. „Manchmal geht es, aber Lesen ist blöd!“

Nora fühlte sich sofort herausgefordert. „Wenn du jetzt Zeit hast, dann komm doch einfach mit zu mir. Ich lese sehr gerne und ich bin überzeugt, dass das bei dir nicht anders ist. Du hast es nur noch nicht herausgefunden. Ich bin Nora und wie heißt du?“

Jetzt grinste er über das gesamte Gesicht. „Tom, weil meiner Mum früher die „Abenteuer des Tom Sawyer“ so gut gefallen haben.

Aber heute hat sie es nicht mehr so mit Abenteuern, vor allem nicht für mich.“

Nach kurzer Zeit, als Nora Tom in ihrer Wohnung aus einem Kinderkrimi einige Seiten vorgelesen hatte, ließ sie ihn weiterlesen und bemerkte sehr schnell die fehlende Übung. „Du musst häufiger laut lesen, dann kannst du viel schneller erfahren, wie die Geschichte weitergeht und wie sie die Gauner schnappen.“

„Das würde ich ja machen, aber mir hört ja keiner zu. Meine Mum hat immer viel zu tun und keine Zeit dafür.“

„Umso wichtiger ist, dass du dir selbst hilfst und wenn du magst, kannst du bei mir üben.“

Tom war aufgestanden, um aus der Balkontür zu schauen. „Ich würde viel lieber Leute beobachten wie ein Detektiv und dann einen richtigen Krimi erleben. Kann ich mal rausgehen?“

Nora unterdrückte ihre leichte Höhenangst und ging mit ihm auf den Balkon. Enttäuscht lehne er sich über das Geländer. „Die Leute sehen von oben aus wie Ameisen, da kann man ja keine Details erkennen. Bei mir in der vierten, da kann ich die Baustelle gegenüber genau betrachten. Da ist einer mit Glatze und Ziegenbart, der immer die Autos, besonders die teuren, beobachtet und fotografiert.

Ich schätze, der will sie klauen.“

Nora lächelte nur. Der Junge hatte eine lebhafte Fantasie, aber in diesem Alter hätte sie wahrscheinlich auch so etwas vermutet.

Noch am Abend dachte sie zufrieden über ihre bisherigen Kontakte nach und freute sich auf das erste Treffen mit Lillys Runde, auch wenn Geld nicht ihr vorrangiges Thema war.

Der nächste Tag jedoch brachte eine unangenehme Überraschung.

Schon als sie von ihrem Spaziergang zurückkam, hörte sie erregte Stimmen im Erdgeschoss. Die Kabine des Concierge-Service war unbesetzt, daher konnte sie dort nichts erfahren, aber die Frau, die im letzten Moment noch zu ihr in den Fahrstuhl sprang, wusste mehr und war noch ganz aufgeregt. „Die Polizei ist gerade hoch zur 7. Etage gefahren. Bei uns ist eingebrochen worden, also nicht bei mir, sondern bei Bechsteins, die im Urlaub sind.“

Nora sah in Gedanken ihren Plan des Hauses. „Bechstein, das müsste die erste Wohnung sein.“

„Ja, ich wohne genau daneben, ich bin Frau Kleiber.“

„Angenehm, Nora Förster, ich wohne in der 15., genau über Ihnen.

Aber wie konnte das passieren? Unsere Schließsysteme sind doch sicher.“

„Natürlich, aber diese Verbrecher haben das Schloss mit Salpetersäure regelrecht geschmolzen und sind vermutlich am späten Abend rein. Ich habe erst heute früh die Bescherung gesehen, als ich die Blumen gießen wollte.“

„Waren die auf etwas Bestimmtes aus? Ich meine, hatte die Familie irgendetwas besonders Wertvolles?“

Bei Noras Frage stutzte Frau Kleiber zunächst, schüttelte dann aber den Kopf. „Das kann ich mir nicht vorstellen. Die Familie ist bestimmt nicht arm, aber irgendwelche Preziosen habe ich nie bei ihnen gesehen, auch keine Bilder oder Münzen oder so was, höchstens Bargeld.“

„Das heißt, jeder von uns könnte der nächste sein?“ Mit diesen bangen Gedanken verabschiedeten sich die beiden Frauen.

Die Sorge vor einem Einbruch ließ Nora den ganzen Tag nicht los, sie suchte nach relevanten Informationen im Internet und erschauderte bei der Mitteilung, dass ganze Banden mit dieser Salpetersäure-Methode unterwegs seien. Aber woher wussten sie, dass die Bewohner nicht anwesend waren?

Auch am Abend bei Lillys Gesprächskreis wurde das Thema Finanzen zunächst vertagt, denn alles drehte sich um den Einbruch.

„Das ist doch kein Zufall“, echauffierte sich Alfred, der, so hochgewachsen und schlank wie er war, mit seiner Kleidung und den silbergrauen Haaren, die er in einer Jupiterfrisur trug, bei Nora einen sehr eleganten Eindruck hinterließ. „Vor dem Ruhestand war er bei einer großen Bank“, flüsterte Lilly ihr noch schnell zu.

Er zupfte nervös an seinen Haarsträhnen und sah in die Runde.

„Die Familie fährt in Urlaub und schon stehen Einbrecher auf der Matte. Haben die Leute vielleicht bei Facebook gepostet, dass sie in Urlaub sind? Denn das wäre eine Erklärung.“

Lilly schüttelte sofort den Kopf. „Ich kenne die Beiden, sie haben gar kein Internet.“

„Die zweite Möglichkeit fällt auch aus“, ergänzte Heiko, der wie Nora erfreut feststellte, ebenfalls aus dem Schuldienst kam und sie immer noch neugierig von der Seite musterte. Er schien deutlich kleiner als sein Freund zu sein, war wesentlich kompakter und schien auch mit einigen Kilos zu viel zu kämpfen. „Mein Schwiegersohn, der bei der Kripo ist, hat erzählt, dass diese Banden sonst die Türen mit Leimfäden kennzeichnen. Wenn die ein paar Tage unversehrt sind, ist demzufolge keiner zuhause, aber hier war nichts zu sehen.“ „Vielleicht haben die Banden ja irgendwelche Tippgeber, die ihnen sagen, wo was zu holen ist“, vermutete jetzt Lilly und füllte die Teetassen in Übergröße erneut. „Aber dazu müsste doch jemand in der Wohnung gewesen sein.“

Nora war noch immer aufgeregt, aber jetzt auch soweit, ihre Informationen beizutragen. „Gestern hat mir ein Junge erzählt, ein Mann von der Baustelle gegenüber, würde die Autos vor unserem Haus beobachten und fotografieren. Könnte es sein, dass er notiert, wer mit Koffern wegfährt?“

„Keine schlechte Idee! Ich glaube du passt zu uns, außerdem heißt du Nora, vielleicht hast du auch so gute Ideen wie Nora Roberts in ihren Krimis.“ Alfred betrachtete sie anerkennend, aber Heiko hielt sofort dagegen. „Und woher sollten die Leute wissen, welches Auto zu welcher Wohnung gehört?“

Nora hob ratlos die Schultern, aber Lilly wischte den Einwand zur Seite. „Du glaubst doch nicht, dass die Kfz-Zulassungsstelle absolut sicher ist. Bedenke bitte, wie oft schon Ämter und sogar Gerichte gehackt wurden, da ist also alles möglich.“

Heiko zog ärgerlich die Augenbrauen zusammen. „Da hast du allerdings recht. Ich werde meinen Schwiegersohn gleich morgen früh darauf aufmerksam machen. So und jetzt lasst uns über etwas Erfreulicheres reden. Wer hat diesen Monat die höchste Rendite erzielt?“

Nora hörte dem Wettstreit eine Weile zu, war aber mit den Gedanken immer noch beim Einbruch. Irgendwie sträubte sich alles in ihr gegen diese Unsicherheitsgefühle. Wieso erwischte niemand diese Typen?

Nach einer unruhigen Nacht hörte sie am Morgen schon wieder empörte Stimmen, ehe sie das Haus betrat. Eine ihr völlig fremde Frau sprach sie im Fahrstuhl an. „Haben Sie schon gehört? Jetzt ist im Nachbarhaus eingebrochen worden, da wohnt ein Technik-Freak und die Gauner haben alles mitgenommen, lauter teure Geräte.“

„Aber wie sind die denn ins Haus gekommen?“ Diese Frage hatte Nora schon am Vortag beschäftigt.

„Sie wohnen wohl noch nicht lange hier? Diese Typen klingeln einfach irgendwo und irgendwer drückt ohne zu prüfen den Öffner.

Na ja, wir haben zwar solche teuren Sachen nicht, aber wer weiß schon genau wonach diese Verbrecher suchen? Also ich bleibe erstmal zuhause.“