Ein Jahr in einem Tag - Leah Cim - E-Book

Ein Jahr in einem Tag E-Book

Cim Leah

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Beschreibung

Michelles Schlager-Zweiteiler »Das Hotel in St. Germain« und »Abschied von St. Germain« inspirierte Leah Cim zum Verfassen des vorliegenden Romans.

Das E-Book Ein Jahr in einem Tag wird angeboten von BoD - Books on Demand und wurde mit folgenden Begriffen kategorisiert:
dreigroschenoper,Matterhorn,Römerkanal,California Zephyr,Vier-Pässe-Fahrt

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Seitenzahl: 257

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Da liegt ein Brief vor meiner Haustür.

Ich heb‘ ihn auf und seh‘ ihn an.

Der Absender, ich kenn‘ den Namen

und ich fang‘ zu zittern an.

Nur der Name, nicht die Handschrift,

denn die ist mir doch vertraut.

Ich spür‘ an meinem Herzschlag,

dass sich da ’was zusammenbraut.

Ich reiß‘ ihn auf und seh‘ die Zeilen.

Ich spüre, wie mein Herz zerbricht.

Es muss die Handschrift seiner Frau sein,

denn seine ist es nicht.

Sie schreibt: Ich weiß von Dir und ihm

und ich habe Euch verzieh’n.

Er hat mir alles, kurz bevor er starb, erzählt.

Es tut mir leid, jetzt wein’n wir beide.

Es tut so weh, er ging zu früh.

Und was wirklich in ihm vorging,

das erfahre ich wohl nie.

Und ihr letzter Satz, den las ich,

er war ganz klein als PS.

Wahre Liebe kann nicht sterben,

wenn man sie niemals vergisst.

Michelle, Abschied von St. Germain, Text Matthias Reim, Musik Andreas Tristan und Matthias Reim

Zitate auf dieser und der letzten Seite mit freundlicher Genehmigung der Manta Music Verlags GmbH

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

EPILOG

1

Ich bin Nachwuchsschauspielerin Ethel Buchheister. Wer bisher nichts von mir gehört hat, dem oder der einen Mangel an Bildung oder Informiertheit vorzuwerfen wäre ungerecht. Da ich bisher keine Rolle ergattern konnte, halte ich mich tagsüber als Verkäuferin in einem mittelmäßig frequentierten Supermarkt und abends als Kellnerin in einer Studentenkneipe über Wasser.

Dort reicht mein Talent immerhin aus, um einiges an Trinkgeld einzustreichen, was ich bei den meist einkommenslosen Durstigen als Erfolg werte. Hin und wieder verirrt sich jemand in unsere vier Wände, der nicht zu dieser Spezies gehört, was keineswegs am Outfit, sondern am Alter erkennbar ist. Die Zeiten, als ein Herr, der etwas auf sich hielt, sich nicht anders als in Anzug, Krawatte, weißem Hemd und Lackschuhen in die Öffentlichkeit traute, sind seit langem vorbei. Leider, muss ich sagen, denn woran soll ich Millionäre erkennen, wenn auch sie in Jeans, T-Shirt und Joggingschuhen dem guten Geschmack ein Schnippchen schlagen?

Eines Tages geschah es, dass sich einer dieser Undurchschaubaren an einem Tisch niederließ, ein Kölsch bestellte und nach der Speisekarte fragte. Unser Küchenmeister hat zwar ein bisschen mehr drauf als ‚Wöschje met Schloot‘ – das bedeutet Würstchen mit Kartoffelsalat –, aber der Begriff Gourmettempel wäre etwas zu hoch gegriffen. Ich brachte das Gewünschte und nahm die Bestellung gleich mit, denn allzu lang ist die Auswahlliste nicht. Wohlwollend nahm der Wirt zur Kenntnis, dass er das teuerste Gericht auffahren durfte, das das Angebot hergab. Zugegeben, der Kalbsbraten mit Püree und Gemüse stammen aus der Tiefkühltruhe des Supermarkts, in dem ich wenige Stunden zuvor mein Unwesen getrieben hatte, und ‚frisch zubereitet‘ impliziert Mikrowelle, aber bitte: Was erwarten Sie von einem Etablissement, dessen Gäste sich weitgehend flüssig ernähren?

Genau das sagte ich auch, als der Herr (?) auf den beschriebenen Umstand hinwies. „Wie wär’s mit der gehobenen Gastronomie unserer Stadt, in der das Kalb lebend an einer Leine in die Küche geführt und dort geschlachtet wird, um absolute Frische zu gewährleisten.“

Der Typ lachte. „Auf den Mund gefallen bist du nicht“, antwortete er. Ein gewisses Maß an Anerkennung war seinem Ton anzuhören. Meinerseits anerkannte ich, dass ihm die Gepflogenheiten einer Kölschkneipe bewusst waren, unter anderem die, dass jeder, der sie betritt, sein Recht auf eine Anrede mit ‚Sie‘ verwirkt hat.

„Was meinst du, was ich hier alles zu hören kriege? Abgesehen davon scheint es dir ja geschmeckt zu haben?!“ Trotz der angedeuteten Beschwerde war der Teller sauber leergegessen und ich trug ihn ab. Der Typ – bisher wusste ich seinen Namen ja nicht – hielt einige weitere Kölsch durch, die ich ihm gemäß hiesiger Sitte sofort durch ein volles ersetzte, sobald das vorige leer war, bevor er gezielt auf Anmache ging. Die Tische sind relativ niedrig, sodass sich meine Leuchtturmgröße genötigt sah, beim Glaswechsel eine Verbeugung hinzulegen. Dass er mir dabei unverhohlen in den Ausschnitt schaute, nahm ich ihm nicht übel, denn er verhielt sich nicht anders als 90% aller männlichen, nicht-schwulen Zeitgenossen. Ebenso war mir klar, dass er sich genüsslich meine weitgehend bloßliegenden Beine anschaute, wenn ich an einem Nebentisch bediente. Solange du nur guckst, mein Junge …

Naturgemäß musste er irgendwann einen bestimmten Ort zwecks Druckabbau aufsuchen. Als er wiederkam und die Theke passierte, an der ich gerade mit meinem Zinnkranz stand, um Nachschub zu tanken, spürte ich ein Ziepen auf meiner Pobacke und hörte gleichzeitig ein sattes Klatschen von hinten unten. „Na hör‘ mal!“ tadelte ich.

Er lachte. „Deine Empörung hält sich in Grenzen“, urteilte er.

„Aber nur, weil ich hier keine Szene machen will. Für alle Fälle haben wir nämlich zwei effiziente Rausschmeißer an Bord. Pflanz‘ dich also hin und gib Ruhe.“ Das tat er, aber nur, um mir mitzuteilen, dass er zu zahlen gedächte. Zum Ausgleich für seine Unverschämtheit gewährte er mir einen für diese Umgebung großzügigen Aufschlag. Außerdem schob er mir eine Visitenkarte zwischen meine exponierten, oben freigelegten Bauteile. „Bevor du sie in den Müll wirfst, studier‘ sie bitte.“

Ich nickte.

Irgendwann schaffte es der Wirt, auch die hartnäckigsten ‚Klävbutzen‘ – das sind die, deren Hose wie auf dem Barhocker festgeklebt scheinen – zu verjagen, und ich durfte mich endlich auf den Heimweg begeben. Als ich die Jacke ablegte, fühlte ich einen unangenehm harten und kalten Gegenstand zwischen meinen Brüsten. Richtig, die Visitenkarte, erinnerte ich mich! Angesichts der Unverschämtheit ihres Spenders hätte ich korrekterweise sofort ein Streichholz dranhalten müssen, aber die weibliche (?) Neugier fiel mir in die Parade und zwang mich zu lesen, was darauf stand. Peter Baumeister. Regisseur, Whatsapp …

Jeder kann sich für kleines Geld Visitenkarten drucken lassen, auf denen sich vor seinem Namen die bonfortionösesten Titel reihen. Andererseits steht heute das Internet zur Verfügung, in dem sich jede vergewissern kann, ob der bonfortionöse Titel den Tatsachen entspricht. Und siehe da, Peter Baumeister erfreute sich eines Eintrags als Regisseur in der Filmbranche. Allerdings – und das trübte meine Begeisterung etwas – eher als einer der zweiten Klasse, der sich durch freizügige Drehs mit wenig bis keinem Tiefgang einen gewissen Ruf verschafft hatte, ohne dass es sich um direkte Pornos handelte.

Hm. Ich stellte mich vor meinen Badezimmerspiegel, der bis zur Decke reichte, in der Kluft, in dem ich bis vorhin gekellnert hatte, und besah mich von allen Seiten. Fürchterlich lang geraten war meine erste Einschätzung, aber – sind das nicht alle models? Und sonst? Schlank, aber nicht frei von Rundungen, vor allem in dem von einem knackengen Minirock umhüllten Becken, wo der Typ, von dem ich jetzt wusste, dass er auf Peter hörte, Hand angelegt hatte. Verlockend, gab ich zu, der Klaps sei dir verziehen!

Ich schwankte emotional hin und her und vermochte mich kaum mehr auf meine Doppeljobs zu konzentrieren. Zwei Tage stand ich durch, dann hielt mich keine warnende innere Stimme mehr zurück, der angegebenen Nummer eine Whatsapp-Nachricht zukommen zu lassen. Zur Rechtfertigung verweise ich auf den Anfang meines Berichts, der meine schauspielerischen Ambitionen durchklingen lässt. Er meldete sich sofort. „Ethel, bist du’s?“ fragte mich ein Timbre, das ich sofort wiedererkannte.

„Bin ich. Woher weißt du meinen Namen?“ Ich gebe zu, dass in diesem Augenblick mein eigenes Timbre leicht zitterte.

„Ich brauchte nur hinzuhören. Deine ganzen Stammgäste haben dich ja immer wieder angesprochen.“

„Hm, ja. Da hätte ich gleich dran denken müssen. Ich …; ich meine, äh …“

Peter half mir. „Du möchtest wissen, ob ich eine Rolle für dich habe?“

„Hm, ja. Wenn du mir schon deine Visitenkarte in meine …, ich meine, mir übergibst, schließe ich daraus, dass das einen bestimmten Grund gehabt hat.“

„Nicht falsch, deine Überlegung. Es geht um eine Statistenrolle, wie ich bekennen muss. Aber aller Anfang ist schwer.“

Ich war ernüchtert. „Mit einer Diva hätte ich mindestens gerechnet.“ Dann fiel mir eine Alternative ein, die mir gar nicht gefiel. Ob sich nämlich der Filmschaffende auf dem absteigenden Ast befand und … „Sag‘ mal, das ist doch nicht etwa ein Porno, den du da drehst?“

Er lachte. „Nein, ein Historienschinken, der am Hof des Sonnenkönigs spielt. Allerdings sind einige schlüpfrige Szenen drin, unter anderem, dass die edlen Damen sich immer mal wieder bücken müssen, um den adligen Herren gefällig zu sein.“

„Drehen wir in Versailles?“ Ich fühlte mich beruhigt und bereits engagiert.

„Ganz so viel Budget haben wir nicht. Schloss Brühl bietet eine glaubwürdige barocke Umgebung.“

„Das Treppenhaus von Balthasar Neumann, ich weiß.“ Ich bemühte mich, nicht allzu enttäuscht zu klingen. Das gelang mir offenbar nicht, denn Peter versuchte mir meinen Einstieg schmackhaft zu machen. „Keine Bange, du bist mehr als Statistin, von der die Zuschauer nur ihre Schinken zu sehen kriegen, wenn sie sich ficken lässt, sondern bist in einer aktiven Nebenrolle auch an einer Intrige beteiligt, die den König ganz schön in Bredouille bringt.“

„Und zum Schluss unter der Guillotine landet?“

Ich hatte den wunden Punkt erwischt, denn Peter druckste herum. „Ganz zum Schluss. Will meinen, dass du praktisch die volle Filmlänge präsent bleibst.“

Rein strategisch sagte ich wahrscheinlich zu schnell zu, aber ich wollte nun mal unbedingt Schauspielerin werden, und hätte mich wahrscheinlich auch nicht als zu fein empfunden, bei einem reinen Porno mitzuwirken, von mir aus auch den Arsch vollgehauen zu kriegen, aber das brauchte ich ja jetzt nicht mehr preiszugeben. „Morgen gegen Zehn kommst du in mein Büro; wo du es findest, steht ja auf der Visitenkarte. Dann schaust du dir erst das Drehbuch durch und dann unterschreiben wir den Vertrag.“

„Ja, super, danke.“ Ich drückte rasch auf das rote Telefonsymbol, denn Peter in meinen sich unaufhaltsam Bahn brechenden Tränenausbruch einzubeziehen würde meiner vorgetäuschten Coolness schweren Schaden zufügen.

Es wäre übertrieben, das Drehbuch als leuchtendes Beispiel intellektuellen Höhenflugs zu bezeichnen. Gut fand ich, dass sich die mir zugedachte Hofschranze nach den einleitenden Bückszenen in eine Revoluzzermaid wandelt, die auf dem Schafott endet. Ich würde praktisch die weibliche Hauptrolle verkörpern.

„Es gibt ein Gemälde von Eugène Delacroix aus dem Jahr 1830, auf dem eine barbusige Marianne ihr Volk mit fliegender Tricolore in die Freiheit führt“, kommentierte ich. „Das wäre doch eine gute Filmszene geworden.“

Peter sah mich verdutzt an. „Weißt du nicht, dass es gefährlich ist, zu viel zu wissen?“

Ich lachte. „Was bleibt mit in einer Studentenkneipe anderes übrig, als mich zu bilden, wenn dort lauter Kunsthistoriker und Geschichtswissenschaftler verkehren?“

Peter erwiderte das Lachen. „Du hast Recht. Ich werde mal den Drehbuchautor fragen, warum er diesen spektakulären Auftritt ausgespart hat.“

Vermutlich, weil er von ihm keine Kenntnis hatte, dachte ich, sagte das aber nicht laut. Bevor ich endgültig unterschrieb, fragte ich Peter: „Verrat‘ mir bitte eins: Wie bist du auf mich gekommen? Ich bin mir sicher, dich nie gesehen zu haben, bevor du bei uns deinen Kalbsbraten bestellt hast.“

„Ich dich auch nicht, das versichere ich dir. Ich hatte Hunger und das nächstbeste Lokal aufgesucht, das sich mir in den Weg stellte. Nun gibt es kaum Berufe, die mehr den öffentlichen Blicken ausgesetzt sind als Kellnerinnen. Ich hatte super gefunden, wie du meine Beschwerde abgeschmettert, aber weitaus mehr, wie du dich bewegt hast. Dazu deine Größe …“

„Ich hätte nicht gedacht, dass die sich je zu meinen Gunsten auswirken würde. Ich leide unter ihr, denn Männer lieben es nicht, wenn sie zu einer Frau hochgucken müssen.“

„Ich suchte halt eine weibliche Führerpersönlichkeit, und zu der eignet sich ein Zwerg nicht, mag er noch so schnucklig sein.“

Soso, ein Schnuckelchen bin ich also nicht, dachte ich und sagte: „Wenigstens einmal Glück gehabt.“ Ich unterschrieb.

Als ich aufstand, sagte Peter zu mir: „Schade, dass du dein Diensttenue nicht anhast.“

„Diensttenue?“

„Naja, Spankingrock und offenherziges T-Shirt.“

Ich drehte mich um und präsentierte ihm meinen Po. „Dass du meinen Mini als Spankingrock einstufst, finde ich übertrieben und bringt mich ins Nachdenken. Aber es knallt auch auf eng sitzenden Jeans gut. Bitte.“

Nach einem schlagenden Kompliment auf meine rückwärtigen Rundungen war ich entlassen.

Als Drehzeit waren sechs Wochen vorgesehen. Solange konnte ich in meinem Supermarkt Urlaub nehmen, ohne kündigen zu müssen, während ich meinen Servierjob vorübergehend an den Nagel hängte. Ich wusste, dass ich in dieser Branche jederzeit wieder Fuß fassen würde, denn Gäste gibt es wie Sand am Meer, aber eine Kellnerin zu finden … – wie einst Hans Moser in einer seiner unvergessenen Ober-Inkarnationen selbstbewusst abließ.

Wir lachten alle, als es ans Anprobieren der stoffintensiven Requisiten ging und wir uns als unbegabt erwiesen, sie uns souverän überzustülpen. Noch schlechter als uns ging es den Männern, denn die einengenden Kniebundhosen, weißen Strümpfe und Schnallenschuhe forderten Bewegungsabläufe ein, die die Herren der Schöpfung nur unzulänglich beherrschten. „Endlich dürfen wir Frauen uns mal an männlichen Knallwaden ergötzen“, amüsierte sich eine Statistin.

„… und wir verhüllen uns unten herum bis zum Boden …“, fügte eine andere hinzu.

„… und ersparen der Putzkolonne, den Staubsauger anzuschmeißen.“

„Tja, ein Mann, der damals Frauenbeine zu Gesicht kriegen wollte, musste gleich zwei davon heiraten“, war mein philosophischer Beitrag.

Für zwei Tage hatte uns die Stadt Brühl das Schlossinnere reserviert; in dieser Zeit musste Peter die Szenen mit den Panoramaaufnahmen des prächtigen Treppenhauses abgedreht haben, während solche in Einzelzimmern und im Park keine Aussperrungen des Publikums erforderten.

Das erste Filmdrittel, in dem die Statisten ziellos in Gängen und Räumen wandeln, wäre zum Gähnen, wenn nicht … Weiter davon im übernächsten Absatz.

Wenn ich überlege, in welchem Zustand sich im Barock die Adelsbehausungen befanden, wird mir im Nachhinein übel. Bäder und Toiletten waren Mangelware und der Körpergeruch der gepuderten Protagonisten wurde mit reichlich Parfüm überdeckt. Die Ecken selbst waren vollgepisst und -geschissen und sonderten ein entsprechendes Aroma ab. Zum Glück gibt es (noch?) kein Geruchskino, sodass uns abends im Hotelzimmer oder zu Hause – je nachdem, wie weit die Schauspieler entfernt wohnten – in zivilisierte Menschen zurück zu verwandeln die Möglichkeit geboten war. Auch die Ecken im Schloss waren selbstverständlich frei von jeglichen Fäkalien.

Das mit den Frauenbeinen war so eine Sache. Die langweiligen Klappen, in denen weder Königin Marie-Antoinette noch Ludwig XIV. auftraten, wurden durch lustige Hofschranzereien aufgelockert. Weitgehend bestanden sie darin, dass sich die Adligen an die Damen heranmachten, die so damenhaft gar nicht waren. Wie authentisch dieses Verhalten war, entzieht sich meiner Kenntnis, aber Peter behauptete steif und fest, dass sie das wären. Ich bin der Meinung, dass er seine angeblichen Geschichtskenntnisse aus Jean de Lafontaines schlüpfrigen Gedichten bezogen hatte, aber was sollte es? Sex sells und das war der Sinn der Einstiegsszenen.

Sie bestanden darin, dass Madam, wenn der geile Geck sie überredet hatte, sich über eine Kommode bückte. Der Wust ihrer Unter- und Überröcke mochte verwirrend sein, bot aber den Vorteil, dass er einfach hochzuschieben war. Vorbildgemäß – dass das den Tatsachen entsprach, war auch mir bekannt – hatte sie keine Hose an, sodass für ihn im Beseitigen seiner Oberbekleidung das größte Problem bestand. Aber es gab ja genug stille Kämmerlein.

Mir war ein Statist namens Jerôme zugeteilt, der sich meiner mit besonderer Intensität annahm. Er war etwas kleiner als ich und ich durchschaute zunächst nicht, zu welchem Vorhaben dieses Verhältnis passte. Als er mit seinem Kostüm soweit war, forderte er mich auf, mein Fahrgestell zu einer umgedrehten V-Form zu spreizen. Ohne Argwohn zu schöpfen, folgte ich seiner Aufforderung. Zum Glück gehörte lautes Keuchen zu meiner Rolle, denn unvermittelt spürte ich einen harten, runden Gegenstand – umgangssprachlich Phallus genannt – in meiner Vagina und zwei Sekunden später, wie eine kühle, klebrige Flüssigkeit in sie hineinspritzte. Was für eine Frechheit, vor laufender Kamera!

„He!“ flüsterte ich, fragte mich, ob ich Alarm schlagen sollte, um sofort zu erkennen, dass ich damit zu lange gezögert hatte, und beschloss, die ungebührliche Penetration auf sich beruhen zu lassen, nicht zuletzt, weil ich sie als gar nicht so unangenehm empfunden hatte.

Der Phallus gab seine gastliche Unterkunft frei und Jerôme beschied mir: „Fertig, meine Liebe.“

Ich richtete mich auf und meine umfängliche Stoffkollektion raschelte zu Boden. „Spinnst du, mich vor laufender Kamera in Echt zu ficken?“ Ich flüsterte weiterhin und zur Wand, denn der Kameramann hielt sein unbestechliches Objektiv nach wie vor auf uns gerichtet. „Jetzt läuft mir deine Brühe die Schenkel ’runter!“

„Na und? Dein Fummel verdeckt doch alles.“

„Ach du!“ Ich war mir bewusst, dass meine Stimme keine Spur von Empörung enthielt, die eigentlich angemessen gewesen wäre. Wahrscheinlich war ich für Typ jetzt wertlos, eine bessere Nutte oder vielleicht nicht einmal das. Schade, denn er gefiel mir. Unauffällig, als die Kamera sich endlich abgewandt hatte und ich mich allein wähnte, versuchte ich, meine untere Etage mit einem Papiertaschentuch notdürftig zu säubern. Ich schaffte das soweit, dass ich zumindest keine verräterischen Tropfen auf dem Boden hinterließ.

Eine zweite Gelegenheit ergab sich nicht mehr, denn der ernsthafte Teil des Films begann, in dem die Jeanne d’Arc – ich! – eine revolutionäre Gruppe anführte, deren fiktiver Aufstand allerdings scheiterte. Wie man weiß, landete nicht der Sonnenkönig, sondern erst sein übernächster Nachfolger Ludwig XVI. unter dem Fallbeil. Während die historischen Szenen abgedreht wurden, grinste mir Jerôme immer mal wieder unauffällig zu. Ich gebe zu, dass ich zurückgrinste. Bei Frauen heißt das lächeln.

Nachdem das Werk fertig war und wir als Schauspieler uns das Ergebnis als Erste zu Gemüte führen durften, betrachtete ich als kleinen Triumph, dass Peter Jerômes und meine nicht geschauspielerte Kopulation nicht herausgeschnitten hatte und gar genau diese Einstellung lobte. „Wie aus dem Leben! Man meint, ihr hättet euch in Echt …“

Unauffällig sah ich mich um und erkannte trotz des flimmernden Lichts einige nach oben gezogene Mundwinkel und gerötete Gesichter. Liebe Mädels oder zumindest einige von euch, ihr habt euch doch nicht etwa auch in Vortäuschung gespielter Tatsachen an den Spieß stecken lassen?

2

Die Schmonzette ‚Der Dirnenaufstand am Hof Ludwig des XIV.‘ wurde erstaunlich erfolgreich und spülte ein angenehmes finanzielles Polster in meine Privatschatulle. Ich gönnte mir ein paar hübsche Einrichtungsgegenstände, wurde aber nicht so übermütig, mir einen Rolls Royce zuzulegen oder mich in ein Schloss einzumieten, denn ich war mir bewusst, dass ein einmaliger Betrag, und sähe er auch noch so üppig aus, wie Schnee in der Sonne dahinschmilzt, wenn aus ihm keine regelmäßige Einnahmequelle wird. Damit war ich auch gut beraten, denn es folgte keine Anschlussrolle, was mich merkwürdigerweise kaum betrübte. Peter und sein Stab hatten in München ihr Domizil und sich nur für den Dreh in Bonn eingenistet, weil er sich Schloss Brühl als Drehort für seine Barockkulisse ausgeguckt hatte. Jeder ist einmal im Leben für eine Viertelstunde berühmt, heißt es, und meine Viertelstunde lag offenbar hinter mir.

Ich kellnerte sogar wieder, allerdings weniger wegen des Verdienstes, sondern in der Hoffnung, wie ich zugebe, dass ich eines Tages Jerôme Andermann würde bedienen dürfen. Sie war deshalb gering, weil ich wusste, dass er ungefähr 500 Kilometer entfernt, in einer Stadt namens Waldshut am Hochrhein, wohnte. Ich hatte weder von dem Ort noch von dem Gebiet je zuvor gehört und im Straßenatlas suchen müssen, um beides zu finden. Es bestand überdies kein Grund, ihn aufzusuchen, denn sein feuchtes Intermezzo war folgenlos geblieben – zu jenem Zeitpunkt hatten meine Eierstöcke eine Fruchtbarkeitspause eingelegt. Eingedenk Peters Einschätzung meines früheren Outfits zog ich es nunmehr vor, mich eine Stufe züchtig-bedeckter zu geben.

Allmählich verblasste die Erinnerung an Jerôme und er drohte vollends aus dem Schnellzugriff meines Gehirns zu gleiten, als mir nach ungefähr einem Jahr das Schicksal zu Hilfe kam. Ich hatte eine dreitägige Bustour nach Paris gebucht, die weiter nichts enthielt als die Hin- und Rückfahrt und Unterkunft in einem Zweisternehotel, sprich einer besseren Bruchbude, die wenigstens den Vorteil bot, sich in fußläufiger Nähe zur Champs-Élysées zu befinden. Ich hatte die billigste Variante gewählt, um den Nachteil des horrenden Einzelzimmerzuschlags abzumildern. Ich frage mich, wann einer aus der Reisebranche auf die Idee kommen wird, singlegerechte Angebote anzubieten. 40% aller Kunden gehören in diese Kategorie und die Unternehmen ignorieren diese Erkenntnis hartnäckig, indem sie ihre Lockpreise ausschließlich auf Paare ausrichten. Eine einzelne Person zahlt nur einen symbolischen Betrag weniger als zwei zusammen.

Ich hatte nicht vor, einen Besichtigungsmarathon zu absolvieren, denn ich war nicht zum ersten Mal in der Stadt der Liebe, sondern beschränkte mich während des einen vollen Tages, der mir zur Verfügung stand, darauf, zu flanieren, hier und da einen Kaffee zu trinken und in ihre einmalige Atmosphäre einzutauchen. Auf der Champs-Élysées pflegen, wie übrigens auch in Zürich, die Paare nebeneinander zu sitzen. Ich finde das komisch, aber jedem Tierchen sein Pläsierchen. Ab und zu findet sich sogar eine Frau allein wie auch ein Mann, und der da …

Ich sah genauer hin. War er’s oder war er’s nicht? Ich verlangsamte meine Schritte, obwohl sich das ganz und gar nicht gehörte, und warf einen Blick auf ihn, der verstohlen sein sollte, aber vermutlich eher aufdringlich geriet. Was mein Verhalten rechtfertigte, war seins, denn er taxierte mich ebenfalls unverhohlen. Möglicherweise handelte es sich um normales Balzverhalten, denn jetzt, im September, war es noch warm genug, in Riemchenschuhen, Minirock und fast durchsichtiger Bluse herumzulaufen – womit ich beileibe nicht die einzige war. Möglicherweise … Ich wagte es. „Jerôme?“ hauchte ich.

So gehaucht die Silbe war, so gut war sie verstanden worden. „Ethel?“ hauchte es zurück, so gehaucht, wie es ein Mann überhaupt fertigbringt. Ohne darüber nachzudenken, verhielt ich mich, als gehöre ich dem horizontalen Gewerbe an, und setzte mich ohne Umschweife auf den freien Stuhl an seinem Tisch. Sollte er von mir denken, was er wollte!

Sofort spürte ich eine warme Hand auf meinem bloßen Schenkel. Eine wunderbar warme Hand. „So ein Zufall!“ Er weinte fast vor Glück. Ich atmete auf. Merkwürdig, wie rasch sexuelle Erregung eine körperliche Reaktion nach sich zieht. Ich spürte, dass ich unten herum feucht wurde und auch bei Jerôme sah ich, dass sich seine Hose an einer bestimmten Stelle spannte. „Benimm dich“, sagte ich so abweisend wie mir möglich war. „Lass‘ mich einen Kaffee trinken und du musst sowieso warten, bis dein Ding wieder abgeschlafft ist.“

Er kicherte, was eines Mannes unwürdig wäre, wären in dieser Phase nicht mildernde Umstände zu gewähren. „Wo wohnst du?“ fragte er.

„In einer Absteige ganz in der Nähe, kaum zehn Minuten bis dorthin. Und du?“

„In einem einfachen Hotel in St. Germain. Ich bin für zwei Wochen geschäftlich hier, was hochtrabender klingt, als es ist. Ich bin nicht so auf Rosen gebettet, dass ich mir das Crillon leisten könnte.“ Unser harmloses Geplänkel bewirkte, dass sich beider Adrenalinspiegel allmählich normalisierte und wir in der Lage waren, uns nach Begleichen der Rechnung wie ein normales Paar zu erheben und Hand in Hand davonzutrippeln – wohin, dürfte klar sein: Zu meiner Unterkunft, gerade einmal zehn Minuten entfernt.

Es war Nachmittag und die Rezeption verwaist. Schnell huschten wir die Treppe hinauf und standen in meinem Etablissement. Das Bett maß 2 Meter mal 1,60, genau richtig, um bei gespreizten Beinen nicht mit den Zehen an die Wand zu stoßen. „Ich hole das große Handtuch“, sagte ich und ließ meinen Worten die entsprechende Tat folgen.

Angeblich gehört zu gutem Sex ein langwieriges Vorspiel mit Zärtlichkeiten und Komplimenten, aber das stimmt nicht immer. Wir waren so heiß aufeinander, dass wir kaum Zeit fanden, uns die Klamotten vom Leib zu reißen. Sein Ständer hatte die beeindruckende Länge und Steife angenommen, die ich von dem illegalen Fick vor laufender Kamera in Erinnerung hatte, und meine Vagina hatte gefühlt eine eigene Intelligenz entwickelt, die ungeduldig die anstehende Spermienlieferung erwartete. Jerôme ist wie erwähnt etwas kleiner als ich, sodass es für ihn anatomisch passte, gleichzeitig zu seinen Stößen leidenschaftliche Küsse auf meinen Mund zu platzieren. „Wie habe ich das damals vermisst“, stöhnte ich zwischen zwei Ergüssen.

„Was?“ keuchte er.

„Na, einfach von hinten ’rein, vollspritzen und wieder ’raus ist doch arg prosaisch.“

„Du bist ja eine richtige Poetin.“

„Gehört zu einer poetischen Verschmelzung.“ Zum Lachen kam ich nicht, denn Jerômes nächste Ladung bahnte sich an.

Ich hatte nicht mitgezählt, aber für sechs oder sieben Ejakulationen hatte es gereicht, bevor unser Verlangen gestillt war. Jerôme rollte zur Seite und sagte: „Puh, ist das toll mir dir! Meine Frau …“ Erschrocken hielt er inne.

Ich prustete los. „Es hätte mich gewundert, wärst du nicht verheiratet. Hast du Kinder?“

„Hm, ja, zwei. Ein Mädchen von sieben und einen Jungen von vier Jahren“, erwiderte er kleinlaut.

Ich streichelte seine Wange. „Macht nichts, mein Lieber. Ich freue mich, wenn du deinen Spaß gehabt hast. Du wolltest mir wohl deine Anerkennung ausdrücken?“

„Hm, ja. Weißt du, seit die Kinder da sind, möchte meine Frau am liebsten gar nicht mehr. Ich habe das Gefühl, das war ihr Ziel und jetzt ist ihr ein Mann nichts weniger als lästig.“

Ich setzte mich auf. „Soll ich dir ’was sagen? Ich glaube, es gibt viele meiner Geschlechtsgenossinnen, die so sind. Asexuell nennt man das. Angeblich beträgt ihr Anteil zwei Prozent, aber ich bin der Meinung, dass es mindestens 50 sind.“

Jerôme sah mich fassungslos an. „Du scheinst nicht dazu zu gehören.“

„Nein, aber ich bin wählerisch.“

„Darf ich das als Anerkennung für mich auffassen?“

„Darfst du.“

„Hast du keinen Stecher?“

„Ich scheue mich, eine feste Bindung einzugehen, soviel meine Muschi auch ab und zu nach Fütterung schreit.“ Ich sah Jerôme ernst an. „Du bist genau das Richtige für mich. Dir ist sicher daran gelegen, dein Familienleben aufrecht zu erhalten, aber ab und zu auf ein Abenteuer aus.“

Jerôme nickte. Dann sagte er: „Ich weiß, dass das egoistisch und unfair meiner Frau gegenüber ist …“

„Nein, ist es nicht! Wenn sie nicht gewillt ist ist, auf deine Wünsche einzugehen, muss sie gewärtig sein, dass du dir deine Befriedigung woanders holst. Ich versichere dir, dass ich keinerlei Forderungen stellen werde und meinen Lippen auch kein Sterbenswörtchen entschlüpfen wird, sollten wir uns jemals über den Weg laufen – deine Frau und ich, meine ich.“

Jerôme sah mich dankbar an. „Ich weiß nicht …“

„Lass‘ gut sein. Komm‘, bei dem schönen Wetter ist es eine Sünde, den Tag in dieser Bude zu verbringen. Paris punktet mit wunderschönen Plätzen und Parks, die es auf die Hörner zu nehmen gilt.“

Am Abend begleitete ich Jerôme in seine Unterkunft in St. Germain, die nur wenig komfortabler als meine, aber deutlich geräumiger war. „Als Liebesnest geeignet“, urteilte ich. „Schade, dass mich morgen mein Bus wieder nach Bonn kutschiert.“

„Ich muss leider morgen arbeiten, denn von etwas muss ich meine Familie ernähren“, antwortete Jerôme bedauernd, „aber wir können uns ja periodisch hier treffen.“

„Einmal im Jahr, genau in der ersten Septemberwoche wie jetzt.“ So ernst hatte ich meinen Vorschlag nicht gemeint, aber er biss sofort an. „Quälend lange auf dem Trockenen, aber warum nicht? Ich bin immer mal wieder in Paris, denn zur Zeit ist mein Arbeitgeber ein französisches Studio mit seinem Hauptsitz hier. Eine Dienstfahrt außer der Reihe wäre absolut unauffällig.“

„Na schön. Bevor unsere einjährige Trockenphase beginnt, eine Frage: Ist dein angewachsenes Arbeitsgerät wieder einsatzfähig?“

„Vielleicht musst du es ein bisschen stimulieren. Du kennst wohl keine Orgasmusobergrenze?“

„Wenn ich in Fahrt bin, nicht.“

Beim zweiten Mal ist die physische Kraft zwar geringer, aber dafür die Ausdauer schier unerschöpflich. Wir beschmusten und streichelten uns die ganze Nacht über und ungefähr alle zwei Stunden versteifte sich Jerômes fünfte Extremität zwecks eines weiteren Besuchs meiner Lustgrotte. Am Morgen musste ich mich beeilen, es zu meinem Hotel zurückzuschaffen, meinen Rucksack zu schultern und zum Busterminal zu hasten, um meine Heimfahrt nicht zu verpassen. Ich verschlief sie nahezu vollständig, da sich über die Nacht ein beträchtliches Defizit an Erholung aufgebaut hatte.

Frisch im Gepäck hatte ich die Buchung für unser Hotel in St. Germain, heute in einem Jahr.

3

Zu Hause angelangt galt es, die neue Situation zu überdenken. Jerôme und ich hatten uns einvernehmlich versprochen, unsere Ein-Tages-Beziehung für uns zu behalten, obwohl für mich kein Grund dazu bestanden hätte – bis jetzt jedenfalls, denn ich war ungebunden. Wem sich die Frage auftut, warum ein einigermaßen attraktives weibliches Wesen, als das ich mich in den Zeilen weiter oben geoutet habe, keinen Partner an seiner Seite hat, dem beantworte ich sie an dieser Stelle.

Ich hatte Jerôme gegenüber angedeutet, dass ich 50% aller Frauen als asexuell veranlagt einschätze. Diese Einschätzung findet ihre Ursache darin, dass ich mich selbst dazu zählen muss. Heute wird praktisch jede sexuelle Orientierung toleriert mit Ausnahme dieser einen. Was hatte ich mir schon Sätze anhören müssen wie „du findest irgendwann den Richtigen“ oder „sei doch nicht so anspruchsvoll“. Dabei lege ich überhaupt keinen Wert darauf, den ‚Richtigen‘ zu finden. Nichts wäre für mich ein größerer Albtraum als Papa, Mama und zwei Kinder in der Tretmühle des eingespielten Familienlebens, wobei an mir als Mama die Hauptarbeit hängenbliebe, vor allem, wenn Papa genug Geld verdient, sodass ich mich voll dem Haushalt zu widmen hätte.

Und Jerôme? Meine Willigkeit ihm gegenüber ist ein scheinbarer Widerspruch, den ich mit der Erklärung kontere, dass ich zwar asexuell im Alltag, aber mitnichten frigide bin – da ist es schon der ‚Richtige‘, auf den ich anspringe. Seine Unverschämtheit, mich sozusagen in aller Öffentlichkeit ungefragt zu nehmen, hatte bei mir ein Tor aufgestoßen, von dessen Existenz ich vorher nichts gewusst hatte. Ich war ihm verfallen; einzig die räumliche Entfernung verhinderte, dass ich mich albern zu benehmen begann. Einmal im Jahr auf neutralem Boden die Nymphe spielen würde goldrichtig sein, das versprach ich mir von unserer Abmachung. Sie enthielt außerdem das strikte Kontaktverbot über alle Medien wie Mailing, Whatsapp, Telefon oder Briefpost.

Das erinnerte mich an eine Geschichte, die mir mein Großvater erzählt hatte. Als er jung war, gab es die kommunistisch geführte DDR noch und haarsträubende Umstände hatten dazu geführt, dass er sich dort eine Freundin hielt, die zudem in der ‚Partei‘, der SED, Mitglied war. Es war zwar möglich, in das zweite Deutschland zu telefonieren, aber jedes Gespräch aus dem ‚kapitalistischen Ausland‘ wurde aufgezeichnet und direkt mitgehört, sobald Schlüsselwörter wie ‚Mauer‘ oder ‚Flucht‘ fielen. Selbstverständlich wurde auch jede schriftliche Korrespondenz von der Stasi, der Staatssicherheit, gesichtet. Folglich war mein Opa gezwungen, sich am Ende eines jeden Treffens mit ihr für das nächste Mal zu verabreden, weil zwischendurch keine Absprachemöglichkeit bestand. Was für ein Unterschied zur heutigen, kommunikationsüberbordenden Zeit! Mein Opa hat stets Stein und Bein geschworen, dass ausnahmslos alle Verabredungen geklappt hätten.

Ich war gespannt, ob es zwischen Jerôme und mir genauso funktionieren würde. Zunächst stand mir allerdings ein Jahr Dürre bevor, das ich mit anspruchsvolleren Beschäftigungen als Arbeit auszufüllen gewillt war.

Eine gute Woche nach meinem ungeplanten Sexabenteuer geschah etwas Einschneidendes oder vielmehr geschah etwas nicht, nämlich meine Menstruation. Ich war guter Dinge gewesen, dass ich zu jener Zeit nicht empfängnisbereit war und sah nun, dass ich mich offenbar getäuscht hatte. Die ‚Pille‘ hatte ich nie genommen, weil ich meinen Hormonhaushalt nicht für einen Fall durcheinanderzubringen gewillt war, der nie eintreten würde. Und nun …

Sofort stiegen in mir Überlegungen hoch, entgegen unserer Abmachung bei Jerôme anzurufen und ihm mitzuteilen, dass sie hinfällig wäre, denn er würde zum dritten Mal Vater – diesmal von seiner Seitensprungpartnerin. Ich hatte das Smartphone schon in der Hand, als ich mich zwang, die Sache nochmals zu überdenken. So sehr eilt’s