Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Nun gibt es eine Sonderausgabe – Dr. Norden Extra Dr. Norden ist die erfolgreichste Arztromanserie Deutschlands, und das schon seit Jahrzehnten. Mehr als 1.000 Romane wurden bereits geschrieben. Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Auf sie kann er sich immer verlassen, wenn es darum geht zu helfen. Wie um sich über all die Menschen lustig zu machen, die ihn sehnsüchtig zu Weihnachten erwarteten, setzte der Winter pünktlich nach den Feiertagen mit frostigen Temperaturen und heftigem Schneefall ein. Dicke Flocken stoben vom grauen Winterhimmel, als sich Isabelle Herzig, eine Wiener Bauleiterin, mit ihrem umfangreichen Gepäck aus der Ankunftshalle hinaus Richtung Taxistand mühte. Hier eilte ihr gleich ein hilfsbereiter Fahrer entgegen, der angesichts der geschmackvoll gekleideten Dame ein gutes Geschäft witterte. »Warten Sie, ich nehme Ihnen das Gepäck ab«, erklärte er eifrig, und Isa willigte dankbar ein. »Was für ein Wetter«, seufzte sie und ließ sich aufatmend in die schwarzen Ledersitze fallen. »Seit Wochen warten wir sehnsüchtig auf Schnee, und dann kommt er just zu Beginn des neuen Jahres, wenn keiner mehr damit rechnet.« »Besser spät als nie«, gab der Fahrer lakonisch zurück. »Die Kinder werden ihren Spaß haben. Wo darf ich Sie hinbringen?« »Ins Hotel ›Kronen‹, hier ist meine Reservierungsbestätigung.« Isabelle Herzig reichte dem Mann am Steuer einen Briefbogen. »Da steht die komplette Adresse drauf.« Er warf einen kurzen Blick auf das Papier, startete dann den Wagen und reihte sich in die lange Schlange von Fahrzeugen ein, die vom Flughafen Richtung Autobahn steuerten. Eine ganze Weile verbrachten Fahrer und Fahrgast in nachdenklichem Schweigen. »Sie sind geschäftlich hier?« unterbrach der Chauffeur ihre Gedanken. »Ja, ich komme aus Wien«
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 134
Veröffentlichungsjahr: 2023
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Wie um sich über all die Menschen lustig zu machen, die ihn sehnsüchtig zu Weihnachten erwarteten, setzte der Winter pünktlich nach den Feiertagen mit frostigen Temperaturen und heftigem Schneefall ein. Dicke Flocken stoben vom grauen Winterhimmel, als sich Isabelle Herzig, eine Wiener Bauleiterin, mit ihrem umfangreichen Gepäck aus der Ankunftshalle hinaus Richtung Taxistand mühte. Hier eilte ihr gleich ein hilfsbereiter Fahrer entgegen, der angesichts der geschmackvoll gekleideten Dame ein gutes Geschäft witterte.
»Warten Sie, ich nehme Ihnen das Gepäck ab«, erklärte er eifrig, und Isa willigte dankbar ein.
»Was für ein Wetter«, seufzte sie und ließ sich aufatmend in die schwarzen Ledersitze fallen. »Seit Wochen warten wir sehnsüchtig auf Schnee, und dann kommt er just zu Beginn des neuen Jahres, wenn keiner mehr damit rechnet.«
»Besser spät als nie«, gab der Fahrer lakonisch zurück. »Die Kinder werden ihren Spaß haben. Wo darf ich Sie hinbringen?«
»Ins Hotel ›Kronen‹, hier ist meine Reservierungsbestätigung.« Isabelle Herzig reichte dem Mann am Steuer einen Briefbogen. »Da steht die komplette Adresse drauf.« Er warf einen kurzen Blick auf das Papier, startete dann den Wagen und reihte sich in die lange Schlange von Fahrzeugen ein, die vom Flughafen Richtung Autobahn steuerten.
Eine ganze Weile verbrachten Fahrer und Fahrgast in nachdenklichem Schweigen.
»Sie sind geschäftlich hier?« unterbrach der Chauffeur ihre Gedanken.
»Ja, ich komme aus Wien«, erklärte Isabelle bereitwillig, froh, dem Schweigen zu entkommen. »Mein Vater hat einen Auftrag hier übernommen, den ich überwachen
soll.«
»Dann bleiben Sie wohl länger?«
»Das hängt ganz davon ab, wie die Arbeiten vorangehen. Vorläufig habe ich mal zwei Monate eingeplant, kann aber jederzeit verlängern.«
Inzwischen hatten sie die Autobahn verlassen und befanden sich im dichter werdenden Stadtverkehr. Sie kamen ihrem Ziel näher. Interessiert betrachtete Isabelle die Gebäude und Häuser der Innenstadt. Aus dem Internet wußte sie, daß das Hotel ›Kronen‹ in einer Seitenstraße nahe des Münchner Zentrums lag. Ein altes, schmales Haus mit reichen Stuckverzierungen, ganz so, wie sie es aus ihrer Heimatstadt Wien gewohnt war. Hier würde sie sich wohl fühlen, das wußte sie sofort, als der Wagen vor dem unspektakulären Eingang hielt. Sie bezahlte den Fahrer und betrat das Hotel durch die dunkelbraune, schwere Holztür. Ein paar Stufen hinauf, durch eine altmodische Flügeltür, und schon wurde sie von einer freundlichen Dame am schmalen Empfang begrüßt. Isabelle legte ihr Reservierungsschreiben auf den Tresen und blickte sich interessiert um. Es schien sich um ein ehemaliges Wohnhaus zu handeln. Ein schmaler Gang, von dem viele Türen abgingen, führte vom Empfang weg ins Innere des Gebäudes. Die geschwungene Treppe mit schmiedeeisernem Geländer und Steinstufen führte durch den lichten Gang nach oben, zahlreiche weiß gelackte Fenster gaben den Blick auf einen Innenhof frei. Glücklicherweise gab es auch einen Aufzug, der nachträglich eingebaut worden war.
»Hier ist Ihr Schlüssel. Wenn Sie einen Wunsch haben, rufen Sie mich einfach an.« Die Dame am Empfang lächelte freundlich. »Der Portier bringt Ihr Gepäck nach oben. Sie können mit ihm zusammen den Aufzug nehmen. Ihr Zimmer liegt im fünften Stock.«
»Vielen Dank, aber ich gehe lieber zu Fuß. Heute habe ich genug gesessen«, erklärte Isa spontan, nahm Handtasche und Schminkkoffer und machte sich auf den Weg nach oben. Sie hatte gerade das dritte Stockwerk erreicht, als ihr lustiges Kinderlachen entgegenschallte. Noch ehe sie erfaßt hatte, aus welcher Richtung das fröhliche Gelächter kam, spürte sie auch schon einen Stoß im Rücken. Die Handtasche glitt zu Boden, Isa taumelte und griff Halt suchend nach dem Geländer.
»Vincent, jetzt sieh nur, was du da angerichtet hast.« Eine ärgerliche Männerstimme näherte sich schnell. »Entschuldigen Sie, ist Ihnen etwas passiert?« Die wohlklingende Stimme war jetzt nahe an Isas Ohr, eine Hand schob sich helfend unter ihren Arm.
»Nein, nein, alles in Ordnung.« Sie wischte sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht und lachte gutmütig. »Da ist ja der kleine Übeltäter.« Ihr Blick fiel auf einen kleinen Jungen von etwa fünf Jahren, der schuldbewußt neben ihr stand und den Kopf gesenkt hielt. Als sie ihn ansprach, hob er die strahlend blauen Augen.
»Tut mir leid, das wollte ich nicht«, entschuldigte er sich artig. Für den Bruchteil einer Sekunde streifte sein schüchterner Blick Isabelles Gesicht, der der Atem stockte. Eine kleine heiße Sekunde lang setzte ihr Herzschlag aus.
»Johannes?« Isas Stimme war nicht mehr als ein Flüstern.
»Ich heiße Vincent.« Verwundert drehte sich das Kind zu dem Mann um, der die Szene beobachtete.
»Darf ich vorstellen, mein Sohn Vincent Adler. Fünf Jahre und zwei Monate alt und ein rechter Wildfang«, antwortete Fred Adler, der
Isabelles Verwirrung nicht bemerkt hatte. »Ich hoffe, er hat Sie nicht zu sehr erschreckt.«
»Nein, nein, es geht schon wieder.« Um ihre innere Aufruhr zu vertuschen, bückte sich Isa nach ihrer Handtasche. Aber Fred kam ihr zuvor.
»Hier bitte. Mein Name ist übrigens Frederick Adler. Ich bin der Eigentümer des Hotels.«
»Isabelle Herzig, Bauleiterin aus Wien«, stellte sich Isa vor, immer noch um Beherrschung ringend.
»Ach, dann sind Sie also unser Dauergast. Es freut mich, daß Ihre Wahl ausgerechnet auf unser kleines Hotel gefallen ist.«
»Ich habe nach etwas gesucht, das mich an meine Heimatstadt erinnert. Aber jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich möchte mich frisch machen.« Isabelle warf einen letzten Blick auf den Buben, der mit schuldbewußter Miene neben seinem Vater stand. Dann gab sie sich einen Ruck und hastete an den beiden vorbei die Treppe nach oben. Mit einem Mal hatte sie es eilig, allein zu sein. Die Gedanken in ihrem Kopf überschlugen sich. Johannes, Vincent, diese Augen, das Gesicht! In ihr sprach die Stimme des Blutes, und plötzlich war sie sich ganz sicher, ihren verlorenen Sohn wiedergefunden zu haben, nach dem sie seit Jahren auf der ganzen Welt gesucht hatte. Sie konnte sich unmöglich irren.
»Was hat die Frau denn auf einmal?« erkundigte sich inzwischen Vincent möglichst unschuldig.
»Na hör mal, immerhin hast du sie beinahe umgerannt«, ermahnte Fred seinen Sohn streng. Auch er wunderte sich über die überstürzte Flucht, konnte sich jedoch keinen Reim darauf machen. »Du mußt mir versprechen, daß du jetzt endlich vernünftig wirst. So kann es nicht weitergehen mit dir. Immerhin wirst du das Hotel hier mal übernehmen. Da darfst du nicht alle Gäste vergraulen.«
»So böse hat sie gar nicht ausgeschaut.« Vincent zuckte mit den Schultern. »Darf ich jetzt zu Fanny in die Küche gehen? Sie wartet schon auf mich.« Ohne eine Antwort abzuwarten, winkte Vincent seinem Vater zu und stürmte davon, ohne sich die Ermahnung zu Herzen zu nehmen. Frederick blieb kopfschüttelnd zurück. Gegen das sonnige Gemüt dieses Kindes, das er liebte wie sein eigenes und an dem er Vaterstelle vertrat, war er einfach machtlos. Ein Lächeln glitt über sein schmales Gesicht, dann wandte er sich ab und kehrte in seine Wohnung, die im dritten Stock des Hotels lag und in der seine kranke, gebrechliche Frau Jeanette auf ihn wartete.
Nervös ging Isabelle im Hotelzimmer auf und ab, den Telefonhörer in der Hand. Sie hatte sich nicht die Mühe gemacht, Schuhe und Mantel auszuziehen und lauschte der aufgeregten Stimme am anderen Ende der Leitung.
»Und du bist dir ganz sicher?« Victoria Herzig bemühte sich, ruhig zu bleiben, was ihr nicht recht gelingen mochte. Immerhin handelte es sich um ihren einzigen Enkel, den ihre Tochter Isa nach all den Jahren der Ungewißheit gefunden zu haben meinte.
»Ja, Mama, völlig sicher. Diese Augen, das ganze Gesicht. Das ist Johannes, ich bin mir ganz sicher.«
»Aber er war doch erst ein Jahr alt, als Henrik mit ihm verschwunden ist. Ein Kind verändert sich schnell.«
»Aber wenn ich es dir sage. Das ist mein Kind, eine Mutter spürt so was«, beharrte Isa eigensinnig.
»Und was hast du jetzt vor? Immerhin kannst du nicht zu diesem wildfremden Mann marschieren und die Herausgabe des Kindes fordern.«
»Natürlich nicht, so gut solltest du mich schon kennen.« Isabelle atmete tief durch, um ihr aufgeregtes Herz, die zitternden Hände zu beruhigen. »Immerhin habe ich genügend Zeit. Zwei Monate und wenn es sein muß noch länger. Schließlich will ich Johannes oder Vincent, wie er jetzt offenbar heißt, nicht völlig verunsichern. Ich muß herausfinden, wie er hierher gekommen und was aus Henrik geworden ist.«
»Überleg dir alles gut, mein Kind.« Obwohl Vicky eine resolute Frau mit starken Nerven war, zitterte ihre Stimme deutlich. »Ich will meinen Enkel nicht noch einmal verlieren.«
»Keine Sorge, das wird nicht passieren. Ich melde mich wieder.« Isabelle ließ den Hörer sinken, den Blick nach draußen gerichtet. Das Wunder war geschehen, sie mußte jetzt nur behutsam damit umgehen.
*
Mit der zerbrechlichen zarten Frau mußte er behutsam umgehen, das wußte Dr. Daniel Norden auf den ersten Blick, als Jeannette Adler ihm gegenüber am Schreibtisch Platz genommen hatte. Ihre schwarzen Augen blickten ihn glanzlos aus tiefen Höhlen an, die ohnehin schmalen Wangen waren eingefallen und blaß.
»Du liebe Zeit, Frau Adler, was ist nur passiert?« konnte er sich einen erschrockenen Ausruf nicht verkneifen.
»Eigentlich gar nichts«, antwortete sie abwesend. Ihr Blick ging durch ihn hindurch, schien ihn gar nicht zu erfassen. »Ich fühle mich so schwach.«
»Das ist ja kein Wunder, so mager, wie Sie sind.«
»Ich habe einfach keinen Appetit. Das Essen schmeckt mir nicht mehr, und ich bin immer müde. Am liebsten würde ich den ganzen Tag nur schlafen.«
»Seit wann geht das denn schon so?« Daniel machte nebenbei ein paar Notizen in die Patientenakte.
»Ich weiß nicht genau«, erklärte Jeanette schulterzuckend.
»Haben Sie sonst irgendwelche Beschwerden? Magenschmerzen, Fieber, Kopfweh?«
»Fieber nicht, aber die Kopfschmerzen sind schon recht lästig. Deshalb bin ich auch gekommen. Die Tabletten vertrage ich einfach nicht mehr, und ohne Rezept bekomme ich in der Apotheke nichts anderes.«
»Das ist nur vernünftig«, bestätigte Daniel Norden ernst. »In Ihrem Zustand könnte eine falsche Dosierung Verheerendes anrichten. Jetzt werde ich Sie erst einmal gründlich untersuchen. Bitte kommen Sie mit.«
Jeanette erhob sich mühsam, und Daniel mußte sie zur Liege führen. »Ich staune, daß Sie es überhaupt bis hierher in die Praxis geschafft haben.«
»Mein Mann hat ein Taxi geschickt. Ich wollte nicht, daß er mich begleitet«, erklärte Jeanette und ließ sich auf die Liege sinken. »Die ständigen Vorwürfe kann ich einfach nicht mehr hören.«
»Welche Vorwürfe?«
»Du mußt etwas essen, beweg dich ein bißchen, geh hinaus in die Stadt, kauf dir was Schönes. Und so weiter und so fort. Ich ertrage das alles nicht mehr. Warum kann er mich nicht einfach in Ruhe lassen?« Gequält seufzte Jeanette auf.
Daniel begann zu ahnen, wo das wirkliche Problem der Jeanette Adler lag, konzentrierte sich jedoch zunächst auf seine Untersuchung.
»Gibt es denn nichts, was Ihnen Freude bereitet?« erkundigte er sich beiläufig.
»Das Ballett!« kam die spontane Antwort, und einen Augenblick lang leuchteten Jeannettes schwarze Augen auf. »Das Ballett ist mein Leben. Jeden Tag könnte ich mir eine Vorstellung ansehen. Früher habe ich selbst einmal getanzt, bis ein Ermüdungsbruch meine Karriere beendete. Frederick hat mich zwar immer wieder ermutigt, zum Spaß wieder anzufangen, aber was soll das schon? Wenn man nicht zu den Besten gehören kann…« Mit einem Mal wich die Begeisterung aus ihrem ausgezehrten Gesicht, das Leuchten verschwand und hinterließ entsetzliche Trostlosigkeit. Daniel Norden hatte seine Untersuchung inzwischen beendet.
»Wir müssen ein Blutbild machen. Leiden Sie häufiger unter Magenschmerzen?« ging er scheinbar nicht auf ihre Erklärungen ein.
»Ach, Schmerzen habe ich jeden Tag. Der Magen, die Glieder, der Kopf. So ist das eben im Leben.«
»Das muß aber nicht sein, Frau Adler.« Daniel ließ die zarte Frau nicht aus den Augen. »Rein äußerlich kann ich nichts feststellen, außer daß Sie deutliches Untergewicht haben. Eine Blutuntersuchung wird uns nähere Erkenntnisse bringen. Darüber hinaus tendiere ich zu einer Magenspiegelung. Ständige Schmerzen sind ein schlechtes Zeichen.«
»Woran denken Sie?«
»Ich möchte mich keinen Spekulationen hingeben, sondern einfach nur eine ernsthafte Erkrankung ausschließen.«
Jeannette nahm diese Aussage ungerührt zur Kenntnis. Genauso unbeteiligt ließ sie die Blutabnahme über sich ergehen und vereinbarte schließlich einen neuen Termin. Als sie die Praxis auf unsicheren Beinen verließ, sah Daniel ihr mit besorgten Blicken nach.
»Hoffentlich bricht mir Frau Adler nicht bald zusammen«, erklärte er in Wendys Richtung. »Bitte schicken Sie das Blut sofort zur Untersuchung in die Klinik. Ich habe ein ganz ungutes Gefühl.« Er verharrte noch einen Augenblick regungslos, dann seufzte er tief und griff nach der nächsten Patientenkarte. Ein anderer Mensch erwartete seinen Rat und seine Hilfe, brauchte seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Um sich von seinen Sorgen abzulenken, ging er selbst hinüber zum Wartezimmer, öffnete die Tür und spähte hinein. Als er seinen nächsten Patienten unter den Wartenden entdeckt hatte, erhellte sich seine Miene. »Herr Wirth, kommen Sie bitte.«
»Jawohl, sofort.« Beflissen erhob sich ein älterer Herr, ein Paar leuchtende Augen richteten sich hoffnungsvoll auf Daniel, und er tauchte ein in diese andere Welt. Für den Augenblick war Frau Adler vergessen.
Mit zunehmender Nervosität hatte Frederick auf die Rückkehr seiner Frau gewartet und sprang erleichtert auf, als er hörte, daß sich die Tür zur Wohnung öffnete.
»Und, was hat der Arzt gesagt?«
»Er hat Blut abgenommen. Übermorgen soll ich wiederkommen«, erklärte Jeannette leise und ließ sich erschöpft in ein zierliches Sesselchen sinken. Mit zitternden Fingern faßte sie sich an die Schläfen. »Noch nicht einmal ein Medikament gegen diese unerträglichen Schmerzen habe ich bekommen.«
»Das wird schon seinen Grund haben.« Fred stand vor seiner Frau und blickte besorgt auf sie herab. Obwohl es um ihre Ehe nicht gut stand, berührte ihn ihr erbärmlicher Anblick zutiefst. »Zwei Tage gehen schnell vorüber. Dann haben wir endlich Gewißheit.«
»Schnell, schnell«, wiederholte Jeanne mit überraschender Heftigkeit. »Für dich vielleicht. Aber ich sitze hier nur in Untätigkeit herum.«
»Wenn du willst, schicke ich dir Vincent. Er wird dich vielleicht aufheitern.«
»Bloß nicht. Dieses unerzogene Kind ertrage ich keine Minute lang. Niemals werde ich es deiner Schwester verzeihen, daß sie uns den Jungen hinterlassen hast.«
»Warum bist du nur so hart? Vor ein paar Jahren hast du dich nach einem Kind verzehrt und jetzt? Was ist jetzt?« Verständnislos schüttelte Fred den Kopf. Immer dieselben Diskussionen, derselbe Streit und jetzt auch noch die rätselhafte Krankheit von Jeanne. Die Sorgen begannen ihm langsam über den Kopf zu wachsen.
»Wenn ich kein eigenes Kind haben kann, dann will ich auch kein anderes. Das habe ich dir oft genug erklärt«, flüsterte sie bitter.
»Was hätte ich denn tun sollen nach dem Tod meiner Schwester? Den armen kleinen Kerl alleine lassen?« fragte Frederick mühsam beherrscht.
»Wenn du dich recht erinnerst, hast du mir versprochen, dich nach dem Vater umzusehen. Aber nichts ist passiert. Jetzt sind schon über drei Jahre vergangen, und Vincent ist immer noch hier.« Sie warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu. »Und ich bin krank«, fügte sie dann vielsagend hinzu.
»Willst du die Schuld für deine Krankheit auf Vince schieben? Das ist doch nicht dein Ernst?«
Jeannette schloß gequält die Augen wie immer, wenn sie einer unangenehmen Diskussion aus dem Weg gehen wollte.
»Ach, lassen wir das. Es führt ohnehin zu nichts.« Ihre Stimme war leise, beinahe nicht zu hören. »Zwei Tage warten, eine schier endlose Zeit.«
Fred seufzte tief.
»Ich werde dir Karten fürs Ballett besorgen. Das hast du doch so gern. Die Musik und der Tanz werden dich ablenken.« Er biß sich auf die Lippe. »Und vielleicht friedlicher stimmen.« Ein Hauch von unterdrücktem Ärger lag in seiner Stimme, ehe er den Raum verließ. Jeannette blieb allein zurück, mit geschlossenen Augen, in den Sessel gelehnt. Sie haderte mit ihrem Schicksal, doch sie hatte keine Wahl. Wohin sollte sie gehen in diesem Zustand, mit nichts in den Händen, allein auf sich gestellt? Es blieb ihr nichts anderes übrig, als bei Frederick Adler zu bleiben, dem Mann, den sie einmal so sehr zu lieben vermeint hatte. Doch das war lange her, das Leben an seiner Seite so ganz anders als sie es sich vorgestellt hatte. Langweilig, ereignislos. Daß das zum größten Teil ihre eigene Schuld war, erkannte sie nicht, wollte es nicht.
