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Nun gibt es eine Sonderausgabe – Dr. Norden Extra Dr. Norden ist die erfolgreichste Arztromanserie Deutschlands, und das schon seit Jahrzehnten. Mehr als 1.000 Romane wurden bereits geschrieben. Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Auf sie kann er sich immer verlassen, wenn es darum geht zu helfen. »Was soll ich denn jetzt nur tun, Herr Dr. Norden?« wandte sich eine verzweifelte Susanne Schmied an ihren Hausarzt, der schon oft einen guten Rat für sie parat gehabt hatte. Allerdings ging es diesmal nicht, wie man vermuten mochte, um ein medizinisches Problem. »Da habe ich meiner Nichte versprochen, mich um eine Wohnung für sie zu kümmern. Und nun stehe ich mit leeren Händen da. Erst die Absage vom Makler und dann noch diese Verletzung am Finger. Die hat mich völlig aus der Bahn geworfen.« Nicht zum ersten Mal hatte sich Susanne beim Blumenschneiden verletzt. »Sie können von Glück sagen, dass diese Schnittwunde gut verheilt ist und Sie sich keine Infektion geholt haben.« »Natürlich, und das habe ich nur Ihrer Hilfe zu verdanken. Trotzdem weiß ich im Augenblick nicht weiter. Melissa kommt schon übermorgen. Ich habe sie in dem Glauben gelassen, eine hübsche Wohnung für sie zu haben. Jetzt stehe ich mit leeren Händen da.« »Warum haben Sie denn die Karten nicht offen auf den Tisch gelegt?« fragte Daniel Norden verständnislos, während er einen neuen Verband um Susanne Schmieds Daumen anlegte. »Das war nicht abzusehen, dass der Makler in allerletzter Minute absagt. Ich hatte die Wohnung so gut wie sicher. Was soll ich jetzt nur tun?«
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Seitenzahl: 124
Veröffentlichungsjahr: 2022
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»Was soll ich denn jetzt nur tun, Herr Dr. Norden?« wandte sich eine verzweifelte Susanne Schmied an ihren Hausarzt, der schon oft einen guten Rat für sie parat gehabt hatte. Allerdings ging es diesmal nicht, wie man vermuten mochte, um ein medizinisches Problem. »Da habe ich meiner Nichte versprochen, mich um eine Wohnung für sie zu kümmern. Und nun stehe ich mit leeren Händen da. Erst die Absage vom Makler und dann noch diese Verletzung am Finger. Die hat mich völlig aus der Bahn geworfen.« Nicht zum ersten Mal hatte sich Susanne beim Blumenschneiden verletzt.
»Sie können von Glück sagen, dass diese Schnittwunde gut verheilt ist und Sie sich keine Infektion geholt haben.«
»Natürlich, und das habe ich nur Ihrer Hilfe zu verdanken. Trotzdem weiß ich im Augenblick nicht weiter. Melissa kommt schon übermorgen. Ich habe sie in dem Glauben gelassen, eine hübsche Wohnung für sie zu haben. Jetzt stehe ich mit leeren Händen da.«
»Warum haben Sie denn die Karten nicht offen auf den Tisch gelegt?« fragte Daniel Norden verständnislos, während er einen neuen Verband um Susanne Schmieds Daumen anlegte. »Das war nicht abzusehen, dass der Makler in allerletzter Minute absagt. Ich hatte die Wohnung so gut wie sicher. Was soll ich jetzt nur tun?«
Daniel Norden erledigte seine Arbeit schweigend, während er nachdachte. Das war es, was seine Patienten an ihrem Hausarzt so sehr schätzten: dass er nicht nur ein offenes Ohr für alle körperlichen Leiden hatte, sondern sich obendrein um seelische Sorgen und praktische Probleme kümmerte, und beinahe für jede Lebenslage einen Rat bereithielt. »Wenn ich nicht irre, berichtete mir ein Patient von einem freien Zimmer in einem seiner Häuser«, erklärte er schließlich, als der Verband perfekt saß. »Es handelt sich dabei allerdings um eine Wohngemeinschaft in einem Reihenhaus. Genaueres kann ich Ihnen nicht sagen. Da müssten Sie sich bitte selbst mit Herrn Kübler in Verbindung setzen.«
Diese verheißungsvolle Nachricht zauberte ein Lächeln auf Susannes Gesicht. »Im Augenblick ist es völlig egal, wo Melissa unterkommt. Hauptsache, sie hat ein Dach über dem Kopf. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie schwierig es ist, zu dieser Zeit eine Bleibe zu finden.«
»Es findet ja wieder eine große Messe auf dem Messegelände statt«, erinnerte sich Dr. Norden. »Dann gebe ich Ihnen am besten einmal die Telefonnummer von Herrn Kübler.«
»Vielen Dank, Herr Dr. Norden. Ohne Sie wäre ich wieder einmal verloren. Wie schon so oft im Leben.«
»Sie übertreiben«, lächelte Daniel, dem es selbst nach so vielen Jahren noch immer schwerfiel, Komplimente seine Person betreffend anzunehmen. »Ich sage Wendy Bescheid. Sie hat die Nummer und wird sie für Sie aufschreiben.« Mit diesen Worten begleitete Daniel seine Patientin zur Tür. Susanne gab ihm dankbar die Hand und tat, wie Daniel ihr geheißen hatte. Mit einem Schlag hatten sich ihre größten Sorgen in Luft aufgelöst, und erleichtert verließ sie die Praxis, um das wichtige Telefonat zu führen.
Der nächste Fall schien sich nicht so leicht lösen zu lassen. Erschrocken Begrüßte Daniel Norden seine langjährige Patientin Luise Böhm. Es fiel ihr sichtlich schwer, die Tränen zurückzuhalten. Ihre verquollenen Augen zeugten von dem großen Kummer, der ihr Herz bewegte.
»Um Gottes willen, was ist geschehen?« fragte Dr. Norden erschrocken und reichte ihr ein Taschentuch, als auf diese Frage erneut die Tränen über ihre Wangen liefen.
»Es tut mir so leid, dass ich Ihnen etwas vorheule wie ein unglücklicher Teenager …«
»Aber ich bitte Sie. Wie kann ich Ihnen helfen?«
»Das können Sie nicht, leider. Ich bin hier, um Sie um ein Schlafmittel zu bitten. Seit Tagen finde ich keine Ruhe mehr. Deshalb ist meine seelische Verfassung auch so miserabel«, entschuldigte sich Luise schluchzend.
»So kenne ich Sie gar nicht. Gibt es einen Grund, warum es Ihnen so schlecht geht?« fragte Daniel besorgt. Es war nicht seine Art, einfach Rezepte auszustellen, ohne mehr über die Hintergründe zu erfahren. Luise Böhm holte tief Luft und trocknete umständlich die Tränen, ehe sie sich erklären konnte.
»Mein Mann hat mich verlassen. Wegen einer Jüngeren. Sie ist dreissig. Nicht nur, dass er mich schon seit Monaten betrügt. Nein, nun mutet er mir auch noch diese Schande zu. Es ist einfach unglaublich. Und das alles nach dem, was ich für ihn getan habe. Mein Leben lang war ich nur für ihn, unseren Sohn Bernd und das Haus da. Bernd ist wegen des ständigen Krachs in letzter Zeit ausgezogen, und Norbert verbringt die meiste Zeit bei seiner Freundin. Können Sie mir mal sagen, was ich jetzt machen soll, mutterseelenallein in dem großen Haus?« fragte sie unglücklich. »Alles ist zerstört. All meine Träume von einem gemeinsamen, beschaulichen Lebensabend sind dahin. Ich weiß einfach nicht, was ich jetzt tun soll.«
Daniel Norden, der seine Patientin in Ruhe hatte reden lassen, seufzte tief. Allzu oft geschah es, dass er miterleben musste, wie die Ehen seiner älteren Patienten in die Brüche gingen. Kaum mehr ein Paar schien mit den Turbulenzen und Schwierigkeiten, die eine langjährige Partnerschaft nun einmal zu überstehen hatte, zurechtzukommen.
»Das ist in der Tat eine schlimme Sache«, suchte er jetzt nach den richtigen Worten, obwohl ihm mehr als bewusst war, dass es kaum einen Trost gab, den er Luise in diesem Augenblick spenden konnte. »Alles, was ich Ihnen sagen kann, wollen Sie vermutlich nicht hören, und wird Sie auch nicht weiterbringen.«
»Was könnten Sie mir denn sagen?« fragte Luise zaghaft, und die Hoffnung blitzte in ihren Augen.
»Ich könnte Ihnen zum Beispiel raten, sich auf sich selbst zu besinnen. Sicherlich ist es schwierig, mit einer solchen Situation zurechtzukommen. Zeigen Sie Ihrem Mann, dass Sie eine eigenständige Persönlichkeit sind, die ihn nicht nötig hat. Wer weiß, vielleicht wacht er dann auf und merkt, was er an Ihnen verloren hat.«
»Glauben Sie wirklich?«
»Ein allgemeingültiges Rezept gibt es natürlich nicht. Sie dürfen auch nicht den Fehler machen, es nur seinetwegen zu tun. Sie sollten es sich selbst wert sein. Das ist schwieriger, als es sich anhört und gewiss ein schmerzhafter Prozess.«
Angesichts dieses Vorschlags erlosch der Hoffnungsschimmer in Luise Böhms Augen wieder.
»Mein ganzes Denken ist nur auf Norbert ausgerichtet. Wann immer ich die Augen schließe, sehe ich ihn vor mir mit dieser jungen Frau. Wie soll ich mich da auf mich konzentrieren?« »Zuerst einmal bekommen Sie von mir ein Rezept für das Schlafmittel. Ich verschreibe Ihnen ein leichtes Präparat, das sollte genügen. Sie werden sehen, wenn Sie erst wieder richtig schlafen können, und zur Ruhe gekommen sind, sieht die Welt wieder ganz anders aus. Dann wird Ihnen alles Leichterfallen.«
»Ausprobieren kann ich Ihren Vorschlag zumindest mal«, gab Luise deprimiert zurück. Der Rat des Arztes kam ihr nicht gelegen. Allzu gerne hätte sie sich von ihm eine Tablette verschreiben lassen, die ihr Leben sofort wieder in Ordnung brachte. Aber damit konnte selbst Dr. Norden nicht dienen, so sehr er sich es manchmal auch wünschte. So nahm Luise Böhm das Rezept entgegen und erhob sich langsam.
»Es tut mir leid, Ihnen im Augenblick nicht mehr helfen zu können. Aber ich bitte Sie, meinen Rat anzunehmen. Denken Sie an sich und an das, was Ihnen guttut. Überlegen Sie, was Ihnen Spaß machen könnte. Sehen Sie diese Zeit als Chance, ohne Rücksicht auf einen anderen Menschen leben und zu sich selbst zurückfinden zu können. In jeder Krise liegt auch immer eine große Chance verborgen.«
»So einfach ist das nicht, wenn man vergessen hat, wer man selbst überhaupt ist. Ich danke Ihnen trotzdem«, kam die leise Antwort.
»Melden Sie sich, wenn Sie Kummer haben. Ich bin jederzeit für Sie da.«
»Das weiß ich.« In diesem Augenblick leuchteten Luises Augen vor Dankbarkeit auf. Aber es war nur ein kurzer Moment, ehe dieser Glanz wieder erlosch. Leise zog sie die Tür hinter sich ins Schloss und ließ Dr. Daniel Norden alleine und nachdenklich in seinem Behandlungszimmer zurück. Obwohl er wußte, dass er für den Moment alles getan hatte, was in seiner Macht stand, fühlte er sich bedrückt und unzufrieden.
Nur zwei Tage nach dem Besuch ihrer Tante Susanne bei ihrem Hausarzt stand Melissa Maurer in dem Zimmer des Reihenhauses, in dem Susanne sie eingemietet hatte. »Das ist nicht dein Ernst«, stellte Melissa nach einer Minute des angespannten Schweigens trocken fest.
Verlegen trat Susanne von einem Fuß auf den anderen. Bis zuletzt hatte sie nicht den Mut gefunden, ihre Nichte über die Tatsachen aufzuklären. An Ort und Stelle würde ihr schon eine Erklärung einfallen, hatte sie sich gedacht. Doch auch jetzt fiel es ihr nicht leicht, die richtigen Worte zu finden.
»Es tut mir leid, wirklich. Ich hatte die Zusage des Maklers so gut wie in der Tasche. Und dann kam die Absage. Aber er sucht weiter. Dieses Zimmer ist nur vor-übergehend, das verspreche ich dir. Du kannst ausziehen, sobald wir eine schöne Wohnung für dich gefunden haben.«
»Es ist mir schon schwer genug gefallen, von Frankfurt wegzugehen, um hier in München zu studieren. Das tue ich nur, weil Mama und Papa meinen, ich müsse auch einmal etwas anderes sehen. Wenn ich gewusst hätte, wohin ich hier gerate …«
»Aber es ist doch ganz hübsch. Deine Mitbewohner sind sicherlich sehr nett. Sie sind alle in deinem Alter. Das ist bestimmt besser, als ganz alleine in einer Wohnung in einer fremden Stadt zu sitzen«, versuchte Susanne krampfhaft, der verwöhnten Melissa das Leben in einer Wohngemeinschaft schmackhaft zu machen. »So hast du zumindest sofort Anschluss und bist nie allein.«
»Wenn mir das aber gefällt? In der Villa in Frankfurt bin ich oft allein und habe den ganzen Platz für mich. Dieses Zimmer hier ist kleiner als unsere Abstellkammer.«
»Das stimmt so nicht. Immerhin kannst du Bad und Küche mitbenutzen.«
»Und den Dreck der anderen akzeptieren. Wenn ich nur daran denke, wird mir schon schlecht.« Angewidert verzog Melissa das Gesicht. »So schlimm wird es schon nicht sein. Das Haus sieht recht gepflegt aus. Herr Kübler, der Vermieter, ist sehr zufrieden mit seinen Mietern«, redete Susanne mit Engelszungen weiter auf ihre Nichte ein. Ihr war nicht wohl bei dem Gedanken, was Melissa ihrer Mutter am Abend am Telefon erzählen würde. Susannes Schwester Sibylle würde nicht erfreut sein, ihr Töchterchen in diesem Umfeld zu wissen.
»Wie viele Mitbewohner habe ich denn?« fragte Melissa nun, der für die Stunde nichts anderes übrig blieb, als sich mit den gegebenen Tatsachen zu arrangieren.
»Eine junge Frau und zwei Männer. Der eine ist Spanier, wenn ich nicht irre.«
»Am Ende ist er so ein Schürzenjäger, vor dem man seine Haut ständig retten muss. Das kann ja heiter werden.«
»Woher hast du diese Vorurteile? Das ist nicht gerecht«, erklärte Susanne verärgert. »Und wie gesagt: sobald der Makler etwas anderes gefunden hat …«
»Du brauchst dich nicht ständig zu wiederholen. Ich bin diejenige, die in den sauren Apfel beißen muss. Mir bleibt wohl nichts anderes übrig.«
»Es sieht ganz danach aus. Aber du kannst mich besuchen kommen, wann immer du willst.«
»In den Blumenladen komme ich sicher hin und wieder. Aber in deine winzige Wohnung? Nein, danke. Das hier ist ja wenigstens ein Haus. Das scheint aber auch schon alles zu sein.«
»Wieso, es ist doch ein sehr schönes Haus«, tönte auf einmal eine tiefe, männliche Stimme aus dem Hintergrund. Erschrocken drehten sich die beiden Frauen um. Im Türrahmen lehnte ein gut aussehender schwarzhaariger Mann mit feurigen Augen und athletischer Figur. Allein bei seinem Anblick wurde Melissa nervös, wie sie ärgerlich bemerkte.
»Zumindest scheinen die Herren in diesem Haus keine Manieren zu haben. Lauschen Sie immer heimlich Gesprächen, die Sie nichts angehen?«
»Erstens habe ich nicht gelauscht, sondern bin zufällig vorbeigekommen. Mein Zimmer liegt direkt gegenüber. Außerdem haben Sie so laut geredet, dass man gar nicht weghören konnte. Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Pedro.« Er streckte die Hand aus, und Melissa warf Susanne einen abfälligen Blick zu.
»Das hätte ich mir gleich denken können, der Spanier … Melissa Maurer.« Sie nickte huldvoll, ohne die ausgestreckte Hand zu beachten. Pedro zögerte nur kurz, dann setzte er ein amüsiertes Lächeln auf.
»Ich hätte es mir gleich denken können, ein verwöhntes deutsches Mädchen.«
»Was erlauben Sie sich eigentlich?« schnaubte Melissa empört.
»Dasselbe wie Sie.«
»Das ist etwas ganz anderes.«
»Finde ich nicht.« Pedro schien Gefallen an diesem Schlagabtausch zu finden, aber Susanne machte dem Streit ein Ende.
»Schluss jetzt. Du benimmst dich wie ein kleines Kind, Melissa. Entschuldigen Sie bitte, Pedro. Ich darf doch Pedro sagen?« fragte sie und hielt ihm die Hand hin. Mit einem Blick auf Melissa nahm er sie und zog sie sanft an die Lippen, ohne sie jedoch zu berühren. Dann führte er sie zurück und verbeugte sich.
»Gerne. Leider habe ich jetzt keine Zeit mehr. Die Geschäfte rufen. Auf Wiedersehen, die Damen.«
Noch ehe Melissa oder Susanne etwas sagen konnte, war der junge, gut aussehende Mann bereits in seinem Zimmer verschwunden. Wütend drehte sich Susanne zu ihrer Nichte um.
»Man sollte meinen, du hättest in deinem noblen Elternhaus etwas mehr Benehmen gelernt. Was sollen diese Leute von dir denken?«
»Das ist mir egal. Ich ziehe doch sowieso in ein paar Tagen wieder aus.« Melissa zuckte gelangweilt mit den Schultern.
»Es ist nicht sicher, dass es so schnell geht.«
»Dann kümmere dich darum. Immerhin hast du es Mama versprochen.«
»Schon gut«, schnaubte Susanne und machte auf dem Absatz kehrt. »Du hörst von mir.« Mit diesen Worten lief sie die Stufen hinunter und verließ das Haus so schnell sie konnte. Schon jetzt konnte sie die vorwurfsvolle Stimme ihrer Schwester hören, wie sie sich bitterlich über Melissas nicht standesgemäße Unterkunft beschwerte. Dabei schadete es der jungen Dame sicher nicht, wenn sie einmal das richtige Leben am eigenen Leib zu spüren bekam.
Nachdem ihre Tante sie verlassen hatte, machte sich Melissa zunächst daran, ihre Habseligkeiten aus den Taschen in dem Schrank und der Kommode zu verstauen, mit denen das Zimmer unter anderem ausgestattet war. Jetzt, wo Susanne weg war, fühlte sie sich plötzlich elend und einsam und der Heimat ferner als je zuvor. Da konnten sie auch die leisen Gitarrenklänge nicht trösten, die aus Pedros Zimmer zu ihr herüberdrangen. Als sie mit ihrer Arbeit fertig war, saß Melissa ratlos auf dem Bett und überlegte, was sie mit dem angebrochenen Tag anfangen sollte. Schließlich entschloss sie sich, die Gegend zu erkunden und herauszufinden, auf welchem Weg sie die Universität am schnellsten erreichen konnte, bei der sie sich für Betriebswirtschaftslehre eingeschrieben hatte. Als sie Stunden später zurückkehrte, war ihre Einsamkeit einer angenehmen Müdigkeit gewichen. Die Beine taten ihr vom vielen Laufen weh, aber zumindest war das quälende Gefühl der Einsamkeit verschwunden. Die Wege in die Münchner Innenstadt waren kurz und die Verbindungen praktisch, sodass Melissa einen Grund weniger hatte, auf ihre Tante Susanne böse zu sein. »Du musst unsere neue Mitbewohnerin sein«, wurde sie an der Haustür des Reihenhauses begrüßt, als sie dort mit einem jungen Mann zusammentraf, der sie freundlich anlächelte. »Mein Name ist Bernd Böhm.«
»Melissa Maurer.«
