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Dr. Baumann ist ein echter Menschenfreund, rund um die Uhr im Einsatz, immer mit einem offenen Ohr für die Nöte und Sorgen seiner Patienten, ein Arzt und Lebensretter aus Berufung, wie ihn sich jeder an Leib und Seele Erkrankte wünscht. Seine Praxis befindet sich in Deutschlands beliebtestem Reiseland, in Bayern, wo die Herzen der Menschen für die Heimat schlagen. Der ideale Schauplatz für eine besondere, heimatliches Lokalkolorit vermittelnde Arztromanserie, die ebenso plastisch wie einfühlsam von der beliebten Schriftstellerin Laura Martens erzählt wird. Dr. Eric Baumann lenkte seinen Wagen vorsichtig durch die verschneite Straße zur Pension der Bartels. Kaum hatte er in der Auffahrt gehalten, watschelten auch schon Berta und Ludwig, die beiden Graugänse der Wirtsleute, auf ihn zu. Schnatternd begrüßten sie ihn und bettelten nach einem Leckerbissen. »Tut mir leid, ich habe euch nichts mitgebracht«, sagte der Arzt. »Sieht aus, als hätte man vergessen, eure Stalltür zu schließen. Bei diesem Wetter ist es draußen viel zu kalt für euch.« »Die Kälte scheint ihnen nicht viel auszumachen, Herr Doktor«, meinte Waltraud Noller, eines der beiden Hausmädchen, die von den Bartels beschäftigt wurden. »Ab mit euch in den Stall.« Sie klatschte in die Hände. Während Berta sich auf ein schnelles, nervöses Schnattern beschränkte, baute sich Ludwig flügelschlagend vor der jungen Frau auf und stieß einen so lauten, durchdringenden Schrei aus, daß selbst Eric erschrocken zusammenzuckte. »Wenn ihr euch unbedingt die Zehen abfrieren wollt, ich habe euch jedenfalls gewarnt«, meinte Waltraud gekränkt. Sie wandte sich um und öffnete die Haustür. »Bitte, Herr Doktor.« »Danke.« Eric warf einen letzten Blick auf die Gänse, die schnatternd hintereinander um das Haus herum marschierten, dann eilte er Waltraud nach. »In welchem Zimmer wohnt Frau Preiß?«
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Seitenzahl: 120
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Dr. Eric Baumann lenkte seinen Wagen vorsichtig durch die verschneite Straße zur Pension der Bartels. Kaum hatte er in der Auffahrt gehalten, watschelten auch schon Berta und Ludwig, die beiden Graugänse der Wirtsleute, auf ihn zu. Schnatternd begrüßten sie ihn und bettelten nach einem Leckerbissen.
»Tut mir leid, ich habe euch nichts mitgebracht«, sagte der Arzt. »Sieht aus, als hätte man vergessen, eure Stalltür zu schließen. Bei diesem Wetter ist es draußen viel zu kalt für euch.«
»Die Kälte scheint ihnen nicht viel auszumachen, Herr Doktor«, meinte Waltraud Noller, eines der beiden Hausmädchen, die von den Bartels beschäftigt wurden. »Ab mit euch in den Stall.« Sie klatschte in die Hände.
Während Berta sich auf ein schnelles, nervöses Schnattern beschränkte, baute sich Ludwig flügelschlagend vor der jungen Frau auf und stieß einen so lauten, durchdringenden Schrei aus, daß selbst Eric erschrocken zusammenzuckte.
»Wenn ihr euch unbedingt die Zehen abfrieren wollt, ich habe euch jedenfalls gewarnt«, meinte Waltraud gekränkt. Sie wandte sich um und öffnete die Haustür. »Bitte, Herr Doktor.«
»Danke.« Eric warf einen letzten Blick auf die Gänse, die schnatternd hintereinander um das Haus herum marschierten, dann eilte er Waltraud nach. »In welchem Zimmer wohnt Frau Preiß?« erkundigte er sich, kaum, daß sie die Haustür hinter sich geschlossen hatte.
»Ich bringe Sie zu ihr«, bot Waltraud an. »Tut mir leid, daß wir Sie schon so früh belästigen mußten und dazu noch an einem Samstag, an dem Sie nicht im Dienst sind«, fügte sie hinzu, während sie die Treppe hinaufstiegen. »Frau Preiß fühlte sich schon gestern abend nicht wohl, aber sie wollte nicht, daß wir einen Arzt rufen. Sie meinte, mit ihren Gallentabletten könnte sie eine Kolik noch aufhalten.«
»Manchmal ist Rücksichtnahme ein Fehler«, bemerkte der Arzt.
Sie bogen in den Gang ein, der zu den Fremdenzimmern führte. Clara Bartels, die Besitzerin der Pension, kam aus einem Raum am Ende des Korridors. »Guten Morgen, Herr Doktor«, grüßte sie. »Ich habe heute noch nicht gefrühstückt. Wenn Sie möchten, trinken Sie nachher doch eine Tasse Kaffee mit mir mit.«
»Gern, Frau Bartels«, erwiderte er. »Danke für die Einladung.«
Clara Bartels stieg die Treppe zum zweiten Stock hinauf, in dem sich weitere Fremdenzimmer befanden. Sie erwartete gegen Mittag neue Gäste und sie wollte kontrollieren, ob bereits alles für sie gerichtet worden war.
An den Zimmern gab es nichts auszusetzen, und so kehrte die ältere Frau schon nach wenigen Minuten ins Erdgeschoß zurück, um einen Blick in die Küche zu werfen, wo ihr Mann damit beschäftigt war, die Vorbereitungen für das Mittagessen zu treffen, während die Mamsell das Frühstück für die Gäste richtete.
»Doktor Baumann ist gerade bei Frau Preiß«, sagte sie zu ihm. »Ich werde nachher mit ihm Kaffee trinken.«
Hans Bartels berührte flüchtig ihre Wange. »Du siehst müde aus, Liebes«, stellte er fest. »Hast du schlecht geschlafen?« Er selbst schlief meistens tief und fest, doch er wußte, daß seine Frau oft wieder aufstand, um im Wohnzimmer zu lesen, bis sie vom Schlaf überwältigt wurde.
»Ich hatte einen Alptraum«, gestand sie, »und konnte danach stundenlang nicht mehr einschlafen.« Sie zwang sich zu einem Lächeln. »Ich werde mich heute mittag ein Stündchen hinlegen.«
»Wie wäre es, wenn wir mal ein paar Tage wegfahren würden?« fragte er. »Eine Woche Malta wäre bestimmt nicht zu verachten. Auf jeden Fall wird es dort bedeutend wärmer sein als bei uns.«
»Und unsere Gäste?«
Hans Bartels zwinkerte der Mamsell zu. »Wir haben tüchtiges Personal, also brauchen wir uns um unsere Gäste keine Sorgen zu machen.«
»Wir müssen uns ja nicht von heut auf morgen dazu entscheiden«, meinte seine Frau. »Jetzt werde ich erst einmal für mich und den Doktor den Frühstückstisch decken. Falls du dich von deinen Töpfen losreißen kannst, trink doch eine Tasse Kaffee mit uns mit.«
»Ich komme in ein paar Minuten«, versprach er und griff nach einer geschälten Zwiebel, um sie in kleine Stücke zu zerschneiden.
Clara Bartels mußte nicht lange auf Dr. Baumann warten. Sie war eben mit dem Tischdecken fertig, als er auch schon das Wohnzimmer betrat. »Wie es duftet«, meinte er und schnüffelte genießerisch. »Frau Preiß geht es bereits besser. Ich habe ihr eine Spritze gegeben. Bis heute mittag wird sie wieder auf den Beinen sein.«
»Das freut mich.« Clara bot dem Arzt Platz an und schenkte für ihn Kaffee ein. »Bitte, bedienen Sie sich.« Sie reichte ihm den Korb mit den Brötchen. »Wie geht es Frau Doktor Bertram? Seit sie eine eigene Wohnung hat, habe ich sie nicht mehr gesehen.«
»Ich glaube nicht, daß Frau Doktor Bertram Grund zum Klagen hat«, erwiderte Eric. »Sie hat sich in Ihrer Pension übrigens sehr wohl gefühlt, aber nichts geht über die eigenen vier Wände.«
»Ja, das kann ich sehr gut verstehen.« Clara schmunzelte. »Außerdem wird Ihre Kollegin ja auch irgendwann heiraten wollen. Sie ist sicher noch mit Doktor Hellwert zusammen. Ich habe gehört, daß er jetzt in der Privatklinik von Doktor Hauser arbeitet und seine Berghütte aufgegeben hat.«
»Da sieht man, wie schnell sich alles in Tegernsee herumspricht«, meinte Eric. »Doktor Hellwert…« Er wurde vom Läuten des Telefons unterbrochen.
»Bitte, entschuldigen Sie.« Die ältere Frau stand auf und nahm den Telefonhörer ab. »Pension Bartels«, meldete sie sich.
»Könnte ich Clara Veronika Bartels sprechen?« fragte eine leicht gehetzt klingende Stimme.
Clara Bartels holte tief Luft. Um sie herum schien es eiskalt zu werden. »Wer… wer sind Sie?« erkundigte sie sich und nannte ihren Namen. Ihre Tochter Claudia war als zwölfjähriges Mädchen vor fünfundzwanzig Jahren spurlos verschwunden. Es konnte nicht ihre Tochter sein, die sie anrief, denn die Stimme gehörte ganz sicher einer noch sehr, sehr jungen Frau, und dennoch schwang in ihr etwas mit, das sie an Claudia erinnerte.
»Ich spreche aus England. Bitte, erschrecken Sie nicht. Ich bin Mariam Ludin, Claudias Tochter«, erwiderte die junge Frau. »Mein Geld reicht nicht für ein längeres Gespräch. Darf ich mit einem R-Gespräch noch einmal anrufen?«
Clara fühlte, wie sich alles um sie herum zu drehen begann. Nur mit äußerster Kraft riß sie sich zusammen. »Ja, ruf an, Mariam«, antwortete sie zutiefst aufgewühlt. »Bitte, ruf gleich an.«
Dr. Baumann sah, wie Claras Hand zitterte, als sie den Hörer auflegte. Er sprang auf und legte spontan den Arm um sie. »Eine schlechte Nachricht?« fragte er. Ohne ihre Antwort abzuwarten, führte er sie zu ihrem Stuhl zurück.
In diesem Moment betrat Hans Bartels das Wohnzimmer. »Was hast du denn, Liebes?« erkundigte er sich erschrocken. »Du siehst aus, als sei dir ein Geist begegnet. Ist etwas passiert?« Er sah den Arzt an.
Clara Bartels schloß die Augen. Sie atmete mehrmals tief durch, bevor sie den beiden Männern erzählte, was Mariam Ludin gesagt hatte. »Sie ist unsere Enkelin, Hans«, fügte sie hinzu. »Gleich, als ich die Stimme hörte, erinnerte sie mich an Claudia.« Ihre Hände verkrampften sich ineinander. »Mein Gott, wir sind seit Jahren Großeltern und…«
»Es könnte auch ein schlechter Scherz sein«, fiel Hans Bartels seiner Frau ins Wort. Die ersten beiden Jahre nach dem Verschwinden seiner Tochter waren immer wieder Leute aufgetaucht, die behauptet hatten, Claudia gesehen zu haben. Und selbst jetzt kam es noch manchmal vor, daß jemand ihnen weiszumachen versuchte, er sei erst vor kurzem ihrer Tochter begegnet.
»Nein, es ist kein Scherz.« Clara hob ruckartig den Kopf. »Ich fühle es hier drinnen.« Sie legte eine Hand auf ihr Herz.
»Erlauben Sie, daß ich mithöre, wenn Mariam Ludin ein zweites Mal anruft?« fragte Eric. Er bemerkte, wie sich auf Claras Stirn kleine Schweißtröpfchen bildeten. »Soll ich Ihnen etwas zur Beruhigung geben?«
Sie schüttelte den Kopf. »Nein, ich brauche nichts zur Beruhigung«, widersprach sie. »Wenn…«
Das Telefon begann erneut zu läuten. Diesmal nahm Hans Bartels den Hörer ab. »Ja, wir nehmen das R-Gespräch an«, sagte er und drückte auf den Lautsprecherknopf.
Die Stimme der jungen Frau klang angenehm, gleichzeitig schwang in ihr jedoch ein Unterton mit, der darauf schließen ließ, daß sie total verängstigt war.
»Ich bin Hans Bartels, Claudias Vater«, erklärte der Pensionswirt. »Bitte erzählen Sie mir, weshalb Sie anrufen. Wenn Sie tatsächlich unsere Enkelin sind, frage ich mich natürlich, weshalb Sie bisher nichts von sich hören ließen.«
»Ich hatte keine Gelegenheit dazu«, erwiderte Mariam Ludin atemlos. »Bis vor zwei Tagen lebte ich völlig abgeschlossen von den meisten Menschen im Orden der Kinder des Universums.«
»Kinder des Universums?«
»Ja, das ist eine Glaubensgemeinschaft.« Mariam holte tief Luft. »Mir ist es gelungen, meine Papiere und etwas Geld an mich zu bringen und zu fliehen. Meine Mutter hat mir oft von ihren Eltern erzählt, mir alles ganz genau beschrieben. Sie hoffte immer darauf, eines Tages zu Ihnen zurückkehren zu können.«
»Was ist mit Claudia?« flüsterte Clara erregt. Sie umklammerte die Hand des Arztes.
»Meine Mutter ist vor einem Jahr gestorben.«
Clara Bartels stöhnte verzweifelt auf. »Was haben sie mit ihr gemacht?« schluchzte sie.
Hans Bartels zwang sich, ruhig zu bleiben und nicht die Nerven zu verlieren. »Gibt es etwas, womit Sie beweisen können, daß Sie meine Enkelin sind?« erkundigte er sich mühsam beherrscht.
»Meine Mutter hat mir einen kleinen Christopherus-Anhänger gegeben. Sie hat ihn von Ihnen zu ihrem zwölften Geburtstag bekommen. Auf der Rückseite steht: ›Sei immer behütet. In Liebe, deine Eltern‹.«
»Sie ist unsere Enkelin!« Clara sprang auf und riß ihrem Mann den Hörer aus der Hand. »Wie können wir dir helfen, Mariam? Wo bist du?«
»In London«, antwortete Mariam mit tränenerstickter Stimme. »Ich habe schreckliche Angst. Man wird mich schon überall suchen. Wenn sie mich finden…«
»Wir holen dich noch heute nach Deutschland«, entschied Hans Bartels. »Deine Großmutter und ich nehmen den nächsten Flug nach London. Ruf uns in einer halben Stunde noch einmal per R-Gespräch an. Dann wissen wir, wann wir bei dir sein können. Wo in London bist du?«
»In der Nähe des Regent’s Parks.«
Hans Bartels kannte sich in London ziemlich gut aus, weil er dort in seiner Jugend zwei Jahre als Koch gearbeitet hatte. »Du gehst am besten in das Wachsfigurenkabinett von Madame Tussaud und danach ins Planetarium. Reicht dein Geld noch für den Eintritt?«
»Bestimmt!«
»Gut. Mach dir keine Sorgen, mein Kind. Glaub mir, es wird alles wieder gut.«
»Danke«, flüsterte Mariam und legte auf.
»Ich bin auch überzeugt, daß Mariam unsere Enkelin ist.« Hans Bartels wandte sich um. »Und Sie, Doktor Baumann?«
»Es klingt glaubhaft, was Mariam gesagt hat«, meinte Eric. »Wenn…«
»Sie ist tot!« Clara Bartels blickte die beiden Männer starr an. »Claudia ist tot.«
Der Pensionswirt nahm seine Frau fest in die Arme. »Ja, Claudia ist tot«, sagte er, »doch im Moment müssen wir in erster Linie an Mariam denken. Sie braucht unsere Hilfe.« Er strich ihr liebevoll die angegrauten Haare zurück.
Clara nickte. »Ja, wichtig ist im Moment einzig und allein Mariam.« Entschlossen befreite sie sich aus den Armen ihres Mannes und griff nach dem Telefonbuch, das neben dem Apparat lag, um die Nummer des Münchener Flughafens herauszusuchen.
*
Mariam Ludin saß im Planetarium und schaute in die Unendlichkeit des Alls. Sie hörte kaum die Erklärungen des Vorführers. Die Show interessierte sie auch nicht. Seit ihrer Geburt hatte sie viele Nächte damit verbracht, den Sternenhimmel zu beobachten und den kosmischen Stimmen zu lauschen. Wenn sie eingeschlafen war, hatte man sie aufgeweckt und bestraft.»Du mußt der Göttin würdig werden«, hatte man ihr eingetrichtert. »Würdig… würdig… würdig«
Mariam hielt sich die Ohren zu. Es dauerte eine Weile, bis ihr bewußt wurde, daß sie nur in ihren Gedanken die Priester hatte sprechen hören. Sie lag nicht auf ihrer Matte im Tempel und beobachtete durch die riesige, gläserne Kuppel den nachtdunklen Himmel, sondern befand sich unter Menschen, die nicht ihresgleichen waren.
Und wenn man sie schon aufgespürt hatte? Wer sagte ihr, daß unter den Zuschauern im Planetarium nicht Anhänger »Der Kinder des Universums« saßen? Woher sollte sie wissen, ob man sie nicht doch verfolgt hatte?
»Wenn es dir jemals gelingen wird zu fliehen, vertrau niemanden«, hatte ihre Mutter ihr noch kurz vor ihrem Tod eingeschärft. »Jeder Mensch, den du auf der Straße triffst, könnte einer der Unseren sein.«
Mariam umschloß mit den Fingern den kleinen Christopherus-Anhänger. Irgendwie war es ihrer Mutter gelungen, ihn all die Jahre zu verstecken. Nachdem sie ihn ihr gegeben hatte, hatte sie den Anhänger im Saum ihres Kleides eingenäht. Jetzt trug sie ihn an einem Band um den Hals. »Verlier ihn nicht«, hatte ihre Mutter gesagt. »Wenn du ihn meinen Eltern zeigst, wissen sie, daß du nicht lügst.«
Wie langsam die Zeit verging! Mariam konnte es kaum mehr erwarten, ihre Großeltern zu sehen. Die Vorstellung dauerte bis um zwei. Sie sollte aber noch eine halbe Stunde im Planetarium warten. Als Erkennungszeichen wollten ihre Großeltern rote Nelken mitbringen. In der Eile war ihnen nichts anderes eingefallen.
Die junge Frau öffnete die Augen und dachte daran, was ihr die Priester über das Universum erzählt hatten. Sie war nur selten zusammen mit den anderen Kindern unterwiesen worden. Nur wenige waren wie sie dazu auserwählt, eines Tages unmittelbar der Göttin zu dienen. »Du bist ein göttliches Kind«, hatte man ihr von kleinauf eingehämmert. »Du bist unter den Auserwählten die Auserwählte.«
Allmählich verlöschten die Sterne. Während die Musik verklang, wurde es im Zuschauerraum allmählich heller. Automatisch richteten sich die Sessel auf.
Mariam blickte sich ängstlich um. Es sah nicht aus, als würde sich jemand besonders für sie interessieren. Langsam stand sie auf und ging mit den anderen zum Ausgang des Saals.
Als sie den Vorraum betrat, wurde ihr wieder einmal bewußt, wie unzulänglich sie gekleidet war. Im Ordenshaus hatte sie wie alle anderen eine nachtblaue Tunika und weite, ebenfalls blaue Hosen getragen. In der Eile ihrer Flucht hatte sie in der Kleiderkammer das erstbeste an sich gerissen, dessen sie habhaft werden konnte: ein dünnes, braunes Kleid und eine Wolljacke. Es graute ihr davor, in die Kälte hinauszugehen.
Noch war es nicht soweit. Mariam schloß sich auf der Toilette ein, um die nächste halbe Stunde abzuwarten. Da sie keine Uhr besaß, zählte sie mit geschlossenen Augen die Minuten. In langen, endlosen Meditationsstunden hatte sie es gelernt, sich zu konzentrieren.
Mariam gab sich einen Ruck und stand auf. Zögernd verließ sie die Toilette, nickte der Frau zu, die vor einem der Waschbecken stand und sich kämmte, und trat in den Vorraum hinaus.
Clara und Hans Bartels waren vor wenigen Minuten eingetroffen. Mit roten Nelken in den Händen standen sie vor dem Ausgang des Planetariums. Es war Clara, die Mariam zuerst sah. »Sie ist es«, flüsterte sie erregt.
Ja, es gab keinen Zweifel. Mariam ähnelte ihrer Mutter so sehr, daß man sie für die ältere Schwester der zwölfjährigen Claudia hätte halten können.
