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Der Sophienlust Bestseller darf als ein Höhepunkt dieser Erfolgsserie angesehen werden. Denise von Schoenecker ist eine Heldinnenfigur, die in diesen schönen Romanen so richtig zum Leben erwacht. Das Kinderheim Sophienlust erfreut sich einer großen Beliebtheit und weist in den verschiedenen Ausgaben der Serie auf einen langen Erfolgsweg zurück. Denise von Schoenecker verwaltet das Erbe ihres Sohnes Nick, dem später einmal, mit Erreichen seiner Volljährigkeit, das Kinderheim Sophienlust gehören wird. Es war ein Ostersonntag, wie man ihn sich nicht schöner wünschen konnte. In den Tälern und an den Hängen blühten weiß und rosa die Obstbäume. Die Wälder leuchteten hellgrün. Am Vormittag dieses zauberhaft schönen Frühlingstages tummelten sich die Kinder von Sophienlust im Park und auf der mit Frühlingsblumen übersäten Wiese, die sich vom Haus bis zum Forellenbach hinunterzog. Ihre fröhlichen Stimmen und ihr übermütiges Lachen vermischten sich mit dem Jubilieren der Vögel und dem Bellen der Hunde. Dominik von Wellentin-Schoenecker fühlte sich in dieser Kinderschar als Mittelpunkt. Das Ostereiersuchen war für ihn trotz seiner zwölf Jahre nach wie vor ein Heidenspaß. Selbstverständlich glaubte er schon lange nicht mehr an den Osterhasen. Er wusste genau, dass Carola und ihr Verlobter, Wolfgang Rennert, in aller Herrgottsfrühe aufgestanden waren, um die Ostereier für die Kinder zu verstecken. Als Dominik einen zufriedenen Blick in seinen Korb warf, der bis zum Rand mit bunten Eiern, Schokoladenhäschen und anderen Süßigkeiten gefüllt war, ahnte er nicht, dass ihm dieser Tag ein Erlebnis bringen sollte, an das er noch lange denken würde. Eigentlich könnte ich mit dem Suchen aufhören, überlegte er, als er zu Malu hinüberblickte, die ebenfalls einen gefüllten Korb trug. Pünktchen dagegen, das kleine Mädchen, das nach schrecklichen Erlebnissen in Sophienlust eine Heimat gefunden hatte, huschte auf der Suche nach den versteckten Herrlichkeiten noch immer umher. Dominiks Beschützerinstinkt für das niedliche Mädchen, mit der von Sommersprossen übersäten lustigen Stupsnase, war allgemein bekannt. Schließlich hatte er Pünktchen, deren richtiger Name Angelina Dommin war, unter recht verwirrenden Umständen sozusagen von der Straße aufgelesen und nach Sophienlust gebracht. Seitdem hatte er das Gefühl, für Pünktchen voll und ganz verantwortlich zu sein. »Pünktchen, komm mal her!«, rief er dem Kind jetzt zu. »Nick, ich kann keine Eier finden«, beklagte sich Pünktchen. Dabei schob sie enttäuscht die Unterlippe vor, während es in ihren großen blauen Augen verdächtig zu glitzern begann.
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Seitenzahl: 146
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Es war ein Ostersonntag, wie man ihn sich nicht schöner wünschen konnte. In den Tälern und an den Hängen blühten weiß und rosa die Obstbäume. Die Wälder leuchteten hellgrün.
Am Vormittag dieses zauberhaft schönen Frühlingstages tummelten sich die Kinder von Sophienlust im Park und auf der mit Frühlingsblumen übersäten Wiese, die sich vom Haus bis zum Forellenbach hinunterzog. Ihre fröhlichen Stimmen und ihr übermütiges Lachen vermischten sich mit dem Jubilieren der Vögel und dem Bellen der Hunde.
Dominik von Wellentin-Schoenecker fühlte sich in dieser Kinderschar als Mittelpunkt. Das Ostereiersuchen war für ihn trotz seiner zwölf Jahre nach wie vor ein Heidenspaß. Selbstverständlich glaubte er schon lange nicht mehr an den Osterhasen. Er wusste genau, dass Carola und ihr Verlobter, Wolfgang Rennert, in aller Herrgottsfrühe aufgestanden waren, um die Ostereier für die Kinder zu verstecken.
Als Dominik einen zufriedenen Blick in seinen Korb warf, der bis zum Rand mit bunten Eiern, Schokoladenhäschen und anderen Süßigkeiten gefüllt war, ahnte er nicht, dass ihm dieser Tag ein Erlebnis bringen sollte, an das er noch lange denken würde.
Eigentlich könnte ich mit dem Suchen aufhören, überlegte er, als er zu Malu hinüberblickte, die ebenfalls einen gefüllten Korb trug. Pünktchen dagegen, das kleine Mädchen, das nach schrecklichen Erlebnissen in Sophienlust eine Heimat gefunden hatte, huschte auf der Suche nach den versteckten Herrlichkeiten noch immer umher.
Dominiks Beschützerinstinkt für das niedliche Mädchen, mit der von Sommersprossen übersäten lustigen Stupsnase, war allgemein bekannt. Schließlich hatte er Pünktchen, deren richtiger Name Angelina Dommin war, unter recht verwirrenden Umständen sozusagen von der Straße aufgelesen und nach Sophienlust gebracht. Seitdem hatte er das Gefühl, für Pünktchen voll und ganz verantwortlich zu sein.
»Pünktchen, komm mal her!«, rief er dem Kind jetzt zu.
»Nick, ich kann keine Eier finden«, beklagte sich Pünktchen. Dabei schob sie enttäuscht die Unterlippe vor, während es in ihren großen blauen Augen verdächtig zu glitzern begann.
»Wein doch nicht!«, bat Nick erschrocken. »Ich werde dir beim Suchen helfen. Soll ich?«, fragte er und freute sich sehr, als sie mit einem süßen Lächeln, das wie ein Sonnenstrahl über ihr Gesichtchen glitt, eifrig nickte.
»Willst du das wirklich tun?«, fragte sie ihn glücklich.
»Klar mache ich das!«, erwiderte er burschikos. »Schau mal, ist da nicht was am Bach«, forderte er sie mit einem verschmitzten Lächeln auf.
Gehorsam richtete Pünktchen ihren Blick in die von ihrem großen Freund gewünschte Richtung. Mehr hatte Nick nicht gewollt. Geschwind legte er zwei große Eier, einen Osterhasen und ein Marzipanküken in ihren Korb.
»Ich sehe aber nichts«, seufzte Pünktchen.
»Wirklich nichts? Dafür habe ich den Osterhasen gesehen. Er war ganz nahe bei uns. Schau doch.« Nick lachte übermütig und deutete auf ihren Korb.
»Oh, Nick!«, rief die Kleine und griff selig nach den Süßigkeiten. »Wie kommen die denn hier in meinen Korb?«
»Rate mal, Pünktchen!«
»War das tatsächlich der Osterhase?«, fragte sie staunend.
»Ganz bestimmt, Pünktchen!«, flunkerte Nick.
»Dann hast du den Osterhasen gesehen! Warum hast du ihn mir nicht gezeigt, Nick? Wo ist denn der Hase so schnell hingelaufen?«
»In den Wald dort.«
Malu, die einen Teil der Unterhaltung der beiden mitangehört hatte, unterstützte Nicks Märchen: »Stimmt, er ist ganz schnell vorbeigehuscht. Er hat eine große Kiepe auf dem Rücken getragen.«
»Tatsächlich! Sah er genauso aus wie der Osterhase in dem Bilderbuch?«, wollte Pünktchen wissen.
»Ja, Pünktchen, genauso sah er aus«, bestätigte Nick und blinzelte Malu vergnügt zu.
Ein sehr nachdenklicher Blick trat in die strahlenden Kinderaugen. Pünktchen war in einem Alter, in dem ein Kind nicht mehr so ganz an den Osterhasen glaubte. Aber nach einem Blick auf Malu und Nick schwanden ihre Zweifel. »Schade, dass ich ihn nicht auch gesehen habe«, bedauerte sie.
Malu lächelte nachsichtig. Sie war bereits dreizehn und fühlte sich manchmal schon sehr erwachsen. Als ihr Liebling, der Wolfsspitz Benny, mit hechelnder Zunge angelaufen kam und sich an ihre Beine schmiegte, hockte sie sich nieder und streichelte ihm zärtlich über sein schwarzgraues Fell.
»Malu, bitte halte Benny fest!«, rief Pünktchen voller Sorge. »Vielleicht wittert er den Osterhasen und jagt ihm nach.«
»Keine Sorge, Pünktchen«, beruhigte Malu sie. »Er ist ein sehr kluger Hund und weiß, dass ein Osterhase kein gewöhnlicher Hase ist.«
»Gott sei Dank!« Pünktchen atmete erleichtert auf.
Inzwischen hatten auch die übrigen Kinder das Ostereiersuchen aufgegeben und sich zu ihnen gesellt. Hannelore, ein größeres Mädchen, das nur die Ferien in Sophienlust verbrachte, meinte: »Ich glaube, wir können jetzt ins Haus zurückgehen. Frau Rennert hat mir vorhin verraten, dass wir ein tolles zweites Frühstück bekommen.«
»Prima!«, meinte Dominik, der immer Appetit hatte: »Ich habe einen Mordshunger.«
»Sei nicht so entsetzlich gefräßig«, ermahnte ihn Malu.
»Ich bin dafür, dass wir noch zu der einen Scheune am Ackerrand laufen. Im vergangenen Jahr habe ich dort einen Korb mit bunten Hühnereiern gefunden, direkt im Stroh. Kommt, schauen wir mal nach!«, rief Nick und rannte los.
Die anderen folgten ihm sofort. Benny, Bim und Bam sprangen begeistert um die Kinder herum.
Nick erreichte die Scheune zuerst. »Erster!«, freute er sich. Und schon öffnete er das Scheunentor, das laut in seinen Angeln ächzte. Malu hielt vorsichtshalber Benny am Halsband fest, weil sie wusste, dass die Scheune ein wahres Eldorado für ihn war, in der er begeistert nach Mäusen und Ratten suchte.
»So, das Tor wäre offen«, erklärte Nick. »Kommt herein, damit wir …« Mitten im Satz stockte er. Auch die anderen Kinder schienen vor Schreck zu erstarren, als plötzlich ein seltsames Geräusch zu vernehmen war, das sich wie das Brausen eines Sturmes anhörte. Benny kniff den Schwanz ein und presste sich, am ganzen Körper zitternd, an seine junge Herrin.
»Was ist das?«, flüsterte die kleine Vicky und fasste voller Angst nach der Hand ihrer älteren Schwester Angelika.
»Schaut doch!«, rief Dominik aufgeregt, als er das Flugzeug entdeckte, das so merkwürdig torkelnde Bewegungen machte und schließlich ins Trudeln kam. »Ein Flugzeugabsturz!« Sein Herz schlug plötzlich ganz laut. »Geht in Deckung!«, schrie er außer sich. Fast gleichzeitig warfen sich die Kinder flach auf den Boden. Malu deckte ihren Benny halb mit ihrem Körper zu.
Das Flugzeug kam in immer schnellerem Tempo auf den großen Acker hinter der Scheune zu. Es fing sich jedoch im letzten Augenblick und landete ziemlich unsanft und so nahe bei den Kindern auf dem holprigen Ackerboden, dass sie den Luftzug spürten. Danach folgte eine schier unheimliche Stille.
Nick wagte es, als Erster aufzustehen. »Schaut doch«, flüsterte er, nachdem er seinen Schock überwunden hatte, »eine Notlandung! Der Pilot hat riesiges Glück gehabt. Es ist ein Privatflugzeug«, stellte er dann fest. »Es liegt ganz schief. Ja, es sieht so aus, als ob die eine Tragfläche abgebrochen wäre. Und was für ein tiefes Loch die Maschine in den Boden geschlagen hat!«
Die übrigen Kinder erholten sich nur langsam von dem Schrecken. Pünktchen und die kleine Vicky zitterten noch am ganzen Körper.
»Bleibt stehen! Geht nicht so dicht an das Flugzeug heran!«, warnte Malu. »Es kann explodieren. Noch weiter zurück!«, verlangte sie energisch. »Komm, Pünktchen«, wandte sie sich an das kleine Mädchen und nahm es liebevoll bei der Hand.
Nick interessierte sich natürlich brennend für das notgelandete Flugzeug und beglückwünschte sich zu seiner großartigen Idee, noch zur Scheune zu gehen. Wären sie ins Haus zurückgegangen, hätte er die Notlandung verpasst. Malus Mahnung ignorierend, näherte er sich der Maschine und erblickte ein dunkelhaariges Mädchen, das kerzengerade und mit weit aufgerissenen Augen neben dem Piloten saß, der offensichtlich das Bewusstsein verloren hatte.
»Malu, sieh nur!«, rief er. »Ein Kind ist im Flugzeug. Und der Pilot scheint tot zu sein.«
»Hoffentlich nicht!«, flüsterte Malu ergriffen. »Das wäre ja wirklich ganz entsetzlich.«
»Ja, das wäre es. Aber jemand muss zum Haus laufen, um Hilfe zu holen«, meinte Dominik. »Rolf, lauf du hin.«
»Gut, Nick«, erklärte sich der kleine Junge auf der Stelle einverstanden und flitzte davon.
Malu ließ Pünktchens Hand los und bat sie, sich nicht vom Fleck zu rühren. Dann folgte sie Dominik, der sich noch einige Schritte zum Flugzeug vorwagte.
»Wir müssen das kleine Mädchen aus der Maschine herausholen, Malu«, überlegte Nick. »Sollte das Flugzeug explodieren, muss es jämmerlich sterben. Das dürfen wir nicht zulassen. Komm, Malu, wir müssen es wagen.«
»Nick, tu das nicht. Bleib hier!«, flehte Malu entsetzt. »Wir müssen warten, bis jemand kommt, der weiß, wie man die Tür des Flugzeuges öffnet. Neulich habe ich mal gelesen, dass eine Explosion durch einen falschen Handgriff ausgelöst werden kann. Dann würden nicht nur der Pilot und das kleine Mädchen getötet werden, sondern auch du.«
Da Nick nicht die geringste Lust hatte schon so jung zu sterben, befolgte er Malus Warnung.
Jetzt näherten sich die ersten Leute aus dem Dorf der Unglücksstelle, aber auch sie wagten sich nicht an das Flugzeug heran. Umso lauter war ihre Debatte über das Unglück, sodass alle das Martinshorn des Funkstreifenwagens überhörten und ihn erst bemerkten, als er scharf neben ihnen abbremste.
Wenig später traf dann auch der Rettungswagen ein. Im gleichen Augenblick erschienen Denise und Alexander von Schoenecker. Nick stürmte auf seine Mutti zu und erzählte ihr, was geschehen war.
Mit großen Augen beobachteten die Kinder nun, wie die Polizeileute mit einiger Mühe die Tür des Privatflugzeuges öffneten und zuerst das kleine Mädchen herausholten, das alles widerstandslos mit sich geschehen ließ. Denise von Schoenecker nahm sich sogleich des Kindes an.
Danach bemühten sich zwei Männer von der Polizei um den bewusstlosen Piloten. Die Krankenwärter hatten inzwischen die Trage aus dem Rettungswagen gezogen und trugen sie bis zum Flugzeug.
»Ob er tot ist, Malu?«, fragte Nick beklommen, als er beobachtete, wie der leblose Körper des Piloten vorsichtig auf die Trage gebettet wurde.
»Ich weiß nicht«, erwiderte Malu mit feuchten Augen, denn sie musste an ihren Vater denken, dessen Tod sie noch immer nicht ganz überwunden hatte.
»Er ist nur bewusstlos«, beruhigte Alexander von Schoenecker die besorgten Kinder, deren Worte er vernommen hatte.
»Vati, ich habe das Flugzeug zuerst gesehen«, erzählte Nick. »Fast wäre es abgestürzt, aber dann landete es doch im Gleitflug. Stell dir vor, es wäre explodiert.«
»Der Pilot und das kleine Mädchen haben einen Schutzengel gehabt, mein Junge.«
»Ein Glück, dass das kleine Mädchen nicht verletzt wurde«, meinte Nick aufatmend, dann lief er zu seiner Mutter, die gerade mit einem Polizisten verhandelte.
Alexander von Schoenecker, der seinem Sohn gefolgt war, sagte zu seiner Frau: »Mir scheint, eine neue Aufgabe kommt auf dich zu.«
»Ich weiß, Alexander.« Denise warf wieder einen Blick auf das kleine Mädchen, das völlig erstarrt zu sein schien. »Das Kind hat einen entsetzlichen Schock erlitten.«
Was für ein bildhübsches Mädchen, dachte Alexander. Er erfuhr, dass es sich bei den beiden Insassen der Maschine um Vater und Tochter handelte. Aus den Papieren ging hervor, dass der Pilot Ingenieur war und Morgan Scott hieß. Seine Tochter hatte den Namen Jane.
»Ich würde das Kind gerne mit nach Sophienlust nehmen«, wandte Denise sich an den Polizeileutnant.
»Ich glaube, das kann ich verantworten«, entgegnete dieser. »Jeder Mensch in dieser Gegend kennt Sie und das tadellos geführte Heim für Kinder. Besser könnte die kleine Jane vorläufig gar nicht untergebracht sein.«
Denise lächelte. »Jane«, wandte sie sich an das Kind, »schau mich mal an!« Sie sagte es in englischer Sprache. Überzeugt davon, dass dies seine Muttersprache sei.
Aber die kleine Jane hob nicht einmal den Kopf. Verstört blickte sie starr geradeaus, und der leere Ausdruck in ihren dunklen Augen bereitete Denise Sorge.
»Denise, ich fahre dem Krankenwagen nach«, rief Alexander seiner Frau zu. »Ich kümmere mich um den Piloten.«
»Gut, Alexander!« Denise nahm Jane kurz entschlossen auf die Arme und kehrte mit ihr, gefolgt von den Kindern, ins Haus zurück, wo Frau Rennert und Magda bereits unter der Tür standen.
Nick lief voraus und berichtete, dass sie Zuwachs bekämen. »Eine kleine Engländerin«, sagte er wichtigtuerisch. »Vielleicht ist ihr Vater tot, und sie wird für immer bei uns bleiben. Sie heißt Jane, und …«
»Das arme Würstchen«, unterbrach Frau Rennert den Jungen und nahm Denise von Schoenecker das Kind ab. »Wir werden die Kleine in einem Einzelzimmer unterbringen.«
»Gut, Frau Rennert. Ich verständige inzwischen Doktor Wolfram. Auf alle Fälle soll er die kleine Jane erst einmal gründlich untersuchen. Sie macht mir Sorgen.«
»Ja, sie blickt so merkwürdig, als ob sie nichts hören und sehen würde«, mischte sich Dominik wieder ein. »Ich werde sie schon zum Sprechen bringen«, fügte er dann hinzu. »Ein bisschen Englisch kann ich ja schon.«
»Dann versuch’s«, nickte seine Mutti ihm aufmunternd zu und verschwand in ihrem Arbeitszimmer.
Frau Rennert hatte inzwischen nach Schwester Gretli gerufen. Im Handumdrehen war das Bett in dem lustigen, hübschen Zimmer bezogen.
»Sehr wohlhabend scheinen die Eltern des Kindes nicht zu sein«, stellte Magda fest, als sie die teilweise gestopfte Unterwäsche der Kleinen betrachtete. »Auch das Kleid sieht recht ärmlich aus.«
»Finden Sie das nicht auch eigenartig?«, fragte Schwester Gretli verwundert. »Jemand, der sich ein Privatflugzeug leisten kann, muss doch eine Menge Geld besitzen.«
»Darf ich herein?«, fragte Nick von der Tür her, denn er hatte wieder gelauscht. »So ein Mann muss doch stinkreich sein. Mindestens muss er so viel Geld haben wie ich.«
»Nick, drück dich etwas anständiger aus!«, ermahnte ihn Frau Rennert, während sie Jane ins Bett legte und zudeckte.
Geflissentlich überhörte Dominik Frau Rennerts Ermahnung. Sein Interesse galt im Augenblick nur dem kleinen Mädchen, das noch immer kein Wort gesprochen hatte.
»Mutti hat mir erlaubt, mit Jane zu sprechen«, erklärte er leise und trat ans Bett. »Jane, warum sagst du denn nichts?«, fragte er mit verhaltener Ungeduld.
Die Kleine blickte ihn aus großen Augen an und lächelte. Dann wurde sie wieder ernst und wandte ihren Blick ab.
»Tante Ma, sie hat mich angelächelt«, freute sich Nick. »Trotzdem ist sie so sonderbar, als ob sie niemanden verstehen könne. Natürlich, das wird es sein. Sie ist ja eine Engländerin. Mutti, gut, dass du kommst«, wandte er sich an seine Mutter, die ins Zimmer getreten war. »Vielleicht ist Jane stumm. Versuch’s doch noch mal. Du kannst doch englisch sprechen.«
Denises Augen richteten sich auf das kleine Mädchen, das jetzt die Augen geschlossen hatte. Die leicht gebogenen Wimpern warfen einen zarten Schatten auf die bleichen Wangen. »Es ist besser, wenn wir Jane jetzt in Ruhe lassen«, meinte sie. »Doktor Wolfram hat mir versprochen, so schnell wie möglich zu kommen.«
»Ja, Mutti«, seufzte Nick auf. »Dabei hätte ich so gern mehr über sie gewusst. Sie ist niedlich, Mutti«, konstatierte er. »Hoffentlich ist sie nicht stumm!«
»Das hoffe ich auch.«
»Mutti, ich höre Motorengeräusch. Bestimmt ist es Doktor Wolfram. Ich schau mal nach.« Wie ein Wirbelwind sauste er davon, während Denise sich Frau Rennert und Schwester Gretli zuwandte.
Dominik begrüßte Dr. Wolfram stürmisch und sprudelte die aufregenden Neuigkeiten hervor. »Sie scheint die Sprache verloren zu haben. Vielleicht ist sie auch stumm oder taubstumm. Viele Kinder werden doch mit einem solchen Gebrechen geboren«, meinte er altklug.
»So viele wiederum auch nicht«, antwortete Dr. Wolfram. »Vermutlich hat die kleine Jane einen so großen Schock bekommen, dass sie momentan wie gelähmt ist.«
»Dann wird sie also wieder sprechen können?«, fragte Nick, wobei sich seine großen dunklen Augen ernst auf den jungen Arzt richteten.
»Dessen bin ich mir ganz sicher, Nick.«
»Darf ich bei der Untersuchung dabei sein?«
»Lieber nicht, Nick«, wehrte Dr. Wolfram ab.
»Schade! Nun, dann werde ich zu den anderen Kindern gehen, die sicher mehr über die kleine Engländerin erfahren möchten. Wenn Jane nur englisch sprechen kann, beginnt für Mutti wieder eine harte Zeit. Dann muss sie sich um Jane genauso viel kümmern wie früher um den kleinen Franzosen Gaston, der jeden Sonntag bei uns in Schoeneich zum Mittagessen eingeladen war.«
»Ja, ich kann mich noch gut an Gaston erinnern. Siehst du ihn noch manchmal?«
»Ja, zweimal haben wir ihn in Bonn besucht. Er wohnt in einer tollen Villa. Auch der Esel ist noch da. Inzwischen habe ich so viel Französisch gelernt, dass wir uns gut unterhalten können. Aber Gaston spricht inzwischen schon sehr gut deutsch.« Dass sie sich fast nur in deutscher Sprache unterhielten, wollte Nick nicht zugeben.
»Jane hat das Eckzimmer bekommen, gleich neben Vickys und Angelikas Zimmer«, klärte Nick den Arzt noch auf.
»Dann weiß ich Bescheid, Nick.«
Dominik sah ihm noch einen Augenblick nach, um dann einen herzerweichenden Seufzer auszustoßen und zu den anderen Kindern zu gehen. Er fand sie alle in dem hellen Bastelraum, dessen großes Fenster zum Park hinausging. Sie saßen rund um den großen Tisch und unterhielten sich mit lauter Lebhaftigkeit. Wie nicht anders zu erwarten war, bildete das Hauptthema die Notlandung des Flugzeuges. Als sie Dominik erblickten, wandte sich ihr Interesse sofort ihm zu.
»Nick, endlich«, rief Malu. »Was ist los? Weißt du schon mehr über Jane und ihren Vater? Kann sie schon wieder sprechen?«
»Ja, erzähl doch!«, bat Angelika.
»O ja, Nick, erzähle uns alles«, meldete sich auch Pünktchen.
Nick lächelte selbstgefällig. Mittelpunkt zu sein, war eine seiner Schwächen. »Sie wird wohl taubstumm sein«, antwortete er, um den Fall noch interessanter zu machen.
»Taubstumm? Das wäre ja schrecklich! Dann bleibt Jane bestimmt nicht bei uns. Vielleicht doch!«, riefen die Kinder durcheinander.
»Das wird sich erst noch herausstellen. Doktor Wolfram ist ein guter Arzt«, meinte Malu. »Es wäre schade, wenn sie wieder fort müsste.«
»Da hast du recht«, stimmte Nick ihr zu.
Pünktchen schob die Unterlippe vor. Jedes Mal, wenn Nick so nett von einem anderen Mädchen sprach, war sie sehr unglücklich. Seit Nick sie gefunden hatte, glaubte sie, er gehöre nur ihr allein. Als er ihr damals sein Stück Kuchen so großzügig geschenkt hatte, war ihm ihr kleines Herz zugeflogen.
Dominik kannte Pünktchens Gefühle für sich und war auch sehr stolz darauf. Im Allgemeinen nahm er auch Rücksicht darauf. Doch heute war er viel zu aufgeregt, um an so etwas zu denken.
