Ein neues Leben mit Dorothee - Patricia Vandenberg - E-Book

Ein neues Leben mit Dorothee E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Im Sonnenwinkel ist eine Familienroman-Serie, bestehend aus 75 in sich abgeschlossenen Romanen. Schauplätze sind der am Sternsee gelegene Sonnenwinkel und die Felsenburg, eine beachtliche Ruine von geschichtlicher Bedeutung. Wundervolle, Familienromane die die Herzen aller höherschlagen lassen. Wie schon oft während der letzten Wochen studierte Dorothee Kilian aufmerksam die Stellenangebote in der großen Tageszeitung. Ab und zu kam ein Seufzer über ihre Lippen. Ja, Angebote gab es zur Genüge, aber immer wurden besondere Fachkenntnisse verlangt, die sie nicht besaß. Sie war gar nicht dazu gekommen, etwas zu lernen. Mit knapp zwanzig Jahren hatte sie den Piloten Peter Kilian geheiratet, ein Jahr später war Beate geboren worden, und nach fünfjähriger glücklicher Ehe wurde sie Witwe. Ein Jahr war sie nun schon allein mit ihrem Kind. Es war ein entsetzlicher Schicksalsschlag gewesen, als Peter mit seiner Maschine auf einem Transportflug nach Afrika abstürzte. Ein weiterer folgte, als seine Mutter, Beates geliebte Omi, durch einen Schlaganfall halbseitig gelähmt wurde. Der Krankenhausaufenthalt hatte einen beträchtlichen Teil der Lebensversicherung verschlungen, die Dorothee ausbezahlt bekam, aber die junge Frau hatte von ihrer Schwiegermutter so viel Liebe erfahren, dass sie zu jedem Opfer bereit war. Nun hatte Frau Kilian vor zwei Wochen ihre Augen für immer geschlossen, und was Dorothee von dem Geld noch geblieben war, wollte sie für ihr Töchterchen Beate anlegen. Sie musste einfach eine Stellung finden, um über die Runden zu kommen. Deprimiert schlug sie die letzte Seite der Zeitung auf. Zwei Kinder, ein und vier Jahre alt, suchen eine liebevolle, gewissenhafte und heitere Betreuerin, der es nichts ausmachen würde, in einer abgeschiedenen Gegend zu leben. Der Vater, Kunstmaler und Werbegraphiker, legt Wert auf eine gepflegte Häuslichkeit. Heirat jedoch ausgeschlossen. Beste Honorierung wird zugesichert. Das klang recht vielversprechend. Mit Kindern konnte sie umgehen, einen Haushalt ordentlich zu führen, hatte sie gelernt. Heiter? Ihr Gesicht überschattete sich.

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Seitenzahl: 147

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Im Sonnenwinkel – 4 –Ein neues Leben mit Dorothee

… doch ihr Herz weint

Patricia Vandenberg

Wie schon oft während der letzten Wochen studierte Dorothee Kilian aufmerksam die Stellenangebote in der großen Tageszeitung. Ab und zu kam ein Seufzer über ihre Lippen. Ja, Angebote gab es zur Genüge, aber immer wurden besondere Fachkenntnisse verlangt, die sie nicht besaß.

Sie war gar nicht dazu gekommen, etwas zu lernen. Mit knapp zwanzig Jahren hatte sie den Piloten Peter Kilian geheiratet, ein Jahr später war Beate geboren worden, und nach fünfjähriger glücklicher Ehe wurde sie Witwe. Ein Jahr war sie nun schon allein mit ihrem Kind.

Es war ein entsetzlicher Schicksalsschlag gewesen, als Peter mit seiner Maschine auf einem Transportflug nach Afrika abstürzte. Ein weiterer folgte, als seine Mutter, Beates geliebte Omi, durch einen Schlaganfall halbseitig gelähmt wurde. Der Krankenhausaufenthalt hatte einen beträchtlichen Teil der Lebensversicherung verschlungen, die Dorothee ausbezahlt bekam, aber die junge Frau hatte von ihrer Schwiegermutter so viel Liebe erfahren, dass sie zu jedem Opfer bereit war. Nun hatte Frau Kilian vor zwei Wochen ihre Augen für immer geschlossen, und was Dorothee von dem Geld noch geblieben war, wollte sie für ihr Töchterchen Beate anlegen.

Sie musste einfach eine Stellung finden, um über die Runden zu kommen. Deprimiert schlug sie die letzte Seite der Zeitung auf. Da fiel ihr Blick auf eine fettgedruckte Annonce:

Zwei Kinder, ein und vier Jahre alt, suchen eine liebevolle, gewissenhafte und heitere Betreuerin, der es nichts ausmachen würde, in einer abgeschiedenen Gegend zu leben. Der Vater, Kunstmaler und Werbegraphiker, legt Wert auf eine gepflegte Häuslichkeit. Heirat jedoch ausgeschlossen. Beste Honorierung wird zugesichert.

Das klang recht vielversprechend. Mit Kindern konnte sie umgehen, einen Haushalt ordentlich zu führen, hatte sie gelernt. Heiter? Ihr Gesicht überschattete sich. Nein, heiter war sie jetzt nicht mehr, und der Gedanke, was mit Beate geschehen sollte, bedrückte sie augenblicklich sehr.

Der Gedanke, dass ein alleinstehender Vater mit zwei Kindern auch noch ein drittes unter seinem Dach dulden würde, war absurd. Trennung von Beate? Sie durfte gar nicht daran denken. Aber auch in jeder anderen Stellung hätte sie kaum eine Möglichkeit, ihr Kind um sich zu haben.

Beate war mit ihren fünf Jahren ein vernünftiges Kind. Sie wirkte etwas zu ernst für ihr Alter, aber ihr kleines Herz hatte ja schon so viel Schmerz ertragen müssen. Sie konnte noch immer nicht begreifen, dass ihr geliebter Papi nicht mehr zurückkam und dass nun auch noch die gute Großmama für immer von ihnen gegangen war.

»Beate«, rief Dorothee leise. Das Kind kam sofort. »Ja, Mami?«, tönte es fragend an Dorothees Ohr.

Liebevoll zog sie das Kind an sich. Zart streichelte sie das seidige Blondhaar. »Du bist doch mein verständiges kleines Mädchen«, sagte sie leise.

Beate nickte eifrig. Zärtlich schmiegte sie sich an ihre Mutter. »Ich habe dich so lieb, Mami«, flüsterte sie. »Ich bin froh, dass ich dich noch habe.«

Aller Kummer dieser kindlichen Seele klang zwischen den Worten, und Dorothee musste mühsam die Tränen unterdrücken.

»Deswegen würde es mir auch sehr, sehr schwerfallen, wenn wir uns für eine Zeit trennen müssten«, begann sie stockend. »Aber ich muss mir eine Arbeit suchen, Liebling. Ich kann die hohe Miete nicht mehr bezahlen.«

Beate schluckte ein paarmal. »Es ist schlimm«, flüsterte sie. »Muss ich in ein Heim?«

»Wir wollen es gemeinsam überlegen. Ich würde dich nur in ein sehr schönes Heim geben, wo es dir gefällt. Wenn ich die Wohnung aufgebe und Geld verdiene, ist das möglich. Und natürlich müsstest du ganz in der Nähe sein, damit ich dich besuchen kann. Freilich muss ich erst mal eine Stellung finden«, fügte sie mit schmerzlichem Lächeln hinzu.

»Aber vor Weihnachten muss ich nicht weg?«, fragte Beate mit bebendem Stimmchen.

»Nein, mein Kleines«, versprach Dorothee. Weihnachten sollte für das Kind ein schönes Fest werden. Ihr junges Leben sollte nicht nur von Wehmut überschattet sein.

Am Abend, nachdem Beate eingeschlafen war, schrieb sie das erste Bewerbungsschreiben ihres Lebens. Ihr Kind erwähnte sie darin nicht, wenngleich ihr das Herz wehtat.

*

Im Sonnenwinkel weihnachtete es.

Inge Auerbach buk Christstollen. Bambi sah ihr dabei zu. Natürlich durfte sie auch von dem Teig kosten, was sie ausgiebig genoss.

»Schmeckt prima, Mami«, meinte sie anerkennend. »Omi wird staunen, dass du es genauso gut kannst wie sie.«

»Beschrei es nicht, Bambi, noch sind sie nicht gebacken«, meinte Inge skeptisch. »Und wie ich Omi kenne, wird sie auch auf meine Backkunst nicht vertrauen und selbst gebackene Stollen mitbringen.«

»Wir sind ja auch genug Esser«, meinte die fünfjährige Bambi etwas altklug. »Ricky und Hannes kommen«, rief sie dann aus.

»Dann sind sie heute aber früh«, meinte Inge.

»War ja auch der letzte Schultag«, stellte Bambi fest. »Hannes freut sich.«

Er kam schon zur Tür hereingepoltert. »Große Neuigkeit«, verkündete er. »Anfang Januar kommen Neue. Ein Kunstmaler. Was sagt ihr nun?«

»In welches Haus denn?«, erkundigte sich Bambi sogleich.

»In Nummer drei, wo noch keiner war. Stella hat es uns erzählt. Ein Mann und zwei Kinder. Ohne Frau.« Sein Tonfall drückte gelinde Empörung aus.

Ricky, die ihren Wagen erst in die Garage gefahren hatte, kam nun auch. »Unser wandelndes Tagesblatt kann die Neuigkeit wohl nicht schnell genug anbringen«, meinte sie. »Was kann denn der arme Mann dafür, dass seine Frau gestorben ist.«

»Ich meine doch nur – was will er denn mit zwei kleinen Kindern hier allein«, überlegte Hannes.

»Ich kann ja mit ihnen spielen«, erklärte Bambi sofort.

»Dass ihr euch immer anderer Leute Köpfe zerbrechen müsst«, warf Inge ein. »Er wird schon eine Haushälterin haben.«

»Er ist ein ganz bekannter Maler«, fuhr Ricky fort. »Rolf Lindemann.«

»Rolf Lindemann?«, wiederholte Inge Auerbach überrascht. »Das wird Papi interessieren. Er wollte schon mal ein Bild von ihm kaufen. Die Seelandschaft im Herbst. Damals war es unerschwinglich für uns – heute wird es nicht mehr zu haben sein.«

»Hier kann der Maler ja viele Seebilder malen«, ließ Bambi sich vernehmen. »Ricky kann auch schön malen. Kann man damit viel Geld verdienen?«

»Ich kann’s ja mal probieren«, lachte Ricky. »Ich fürchte nur, dass meine Bilder nicht jedermanns Geschmack sind.«

»Man weiß ja nie, was es sein soll«, äußerte sich Hannes.

»Das ist eben Expressionismus«, wurde er von seiner Schwester belehrt.

»Blödes Zeug«, knurrte der dreizehnjährige. »Kriegen wir heute eigentlich nichts zu essen?«

Inge Auerbach war durch das Backen ein wenig ins Gedränge gekommen, aber eine Viertelstunde später konnte sie ihre hungrige Familie zufriedenstellen. Inzwischen hatten Ricky und Hannes auch ihrem Vater, dem Professor, haarklein berichtet, was sie über Rolf Lindemann von Stella erfahren hatten.

Stellas Vater, Dr. Rückert, der in weniger als einem Jahr auch Rickys Schwiegervater werden sollte, Rechtsanwalt und Notar in Hohenborn und selbst Besitzer eines Hauses im Sonnenwinkel, in dem später einmal Ricky und Fabian wohnen würden, hatte die Verwaltung dieser Häuser unter sich. Er erfuhr immer als Erster, wenn der Besitzer wechselte oder ein Haus vermietet wurde. Also konnte man überzeugt sein, dass diese Nachricht den Tatsachen entsprach.

Hannes war recht zufrieden darüber. Bis die neue Siedlung Erlenried unter der Felsenburg einzugsbereit war, würden doch noch ein paar Monate vergehen, und darum freute man sich, wenn sich sonst etwas tat.

Bambi stellte tiefsinnige Betrachtungen über die armen kleinen Kinder an, die keine Mami mehr hatten. Ihr mitleidvolles Herzchen bedauerte das zutiefst. Sie wusste ja nicht, dass sie selbst einmal ein bedauernswertes Waisenkind gewesen war. Bereits seit ihrem ersten Lebensjahr war sie das geliebte Nesthäkchen im Haus Auerbach und war aus der Familie nicht mehr wegzudenken. Bambi war ein bezauberndes Kind, das nicht nur einen umwerfenden Charme besaß, sondern auch überaus gescheit war und unglaublich verträglich dazu.

»Warum tut der liebe Gott das, Mami?«, fragte sie, »dass er kleinen Kindern die Mutter wegnimmt? Teta sagt, was Gott tut, ist wohlgefallen, aber so was kann ich nicht verstehen.«

»Man sagt auch: Nach Gottes unerforschlichem Ratschluss«, bemerkte Inge gedankenvoll. »Aber man kann vieles nicht verstehen, Bambilein. Wir wollen nicht über traurige Dinge reden, wenn Omi und Opi kommen.«

»Bestimmt nicht, Mamilein. Ich bin ja so froh, dass ich sie endlich wiedersehen kann«, versicherte Bambi.

Sie war auch die Erste, die den Wagen kommen hörte, und sie flitzte schon hinaus, bevor ihr Jubelruf die andern erreichte.

Fast siebzig Jahre alt war Magnus von Roth, Inges Vater, und seine Frau Theresa war fünfundsechzig. Aber man konnte es nicht glauben, wenn man sie so sah, wie sie frisch und munter nach der langen Fahrt dem Auto entstiegen. Ihre Augenpaare lachten, als Bambi hereingestürmt kam.

»Omilein, Opileinchen«, sie wusste gar nicht, wie zärtlich sie sich ausdrücken sollte.

»Gut schaut unser Schätzchen aus«, sagte Theresa von Roth, »und da sind ja schon alle unsere Lieben.«

Nun wurden ihre Augen doch feucht, als sie ihre Tochter in die Arme schloss, und es dauerte lange, bis die herzliche Begrüßung mit allen anderen vorüber war.

Hannes und Ricky trugen das Gepäck ins Haus. Werner Auerbach hatte schon einen Willkommenstrunk eingeschenkt. Er verstand sich prächtig mit seinen Schwiegereltern, die nun das wunderschöne Haus bestaunten.

»Uns ist es ja vorgekommen, als kämen wir ans Ende der Welt, aber ich muss schon sagen, hier könnte es mir auch gefallen«, meinte Magnus von Roth.

»Uns ist es auch mal so vorgekommen, Opi«, versicherte Ricky, »aber jetzt möchten wir hier nicht mehr weg.«

»Du schon gar nicht«, lächelte Theresa von Roth, »wo du doch gleich dein Herz verlieren musstest. Nun, wir werden uns den Zukünftigen aber ganz genau anschauen.«

»Ihr werdet bestimmt nichts an Fabian auszusetzen finden«, meinte Ricky stolz.

»Wollt ihr euch nicht erst ein wenig ausruhen?«, erkundigte sich Inge besorgt. Aber davon wollten sie gar nichts wissen. Jetzt waren sie wieder ganz munter. Die lange Fahrt durch Matsch, Schneeschauer und Regen war vergessen. Die lang vermissten Enkelkinder hatten so viel zu fragen und zu erzählen, und Inge wurde prüfend gemustert. Doch sie konnten nur wohlwollend feststellen, dass sie ebenfalls jung und frisch aussah und Werner ebenfalls.

Nun fehlte nur noch Jörg, der Älteste, der aber morgen ebenfalls kommen würde. »Semesterferien sind doch schon lange«, stellte Magnus von Roth fest. »Was macht er denn noch in München?«

»Er hat einen Job«, erklärte Ricky rasch. »Was meint ihr wohl, was ein Student nebenbei alles verdienen kann.«

»Aber wird ihm das nicht zu viel?«, erkundigte sich die besorgte Großmutter. »Er muss doch auch an sein Studium denken. Was macht er denn?«

»Auf dem Fernamt ist er Telefonist«, warf Hannes ein. »Und wenn man nur telefonieren muss, strapaziert er sich ja nicht.«

»Nachwerfen tun sie ihm das Geld auch nicht«, verteidigte Ricky ihren großen Bruder. »Ich finde es toll, dass Jörg das macht.«

»Was die jungen Leute heutzutage alles anstellen«, meinte Terese von Roth kopfschüttelnd.

»Nun mach aber ’nen Punkt, Tresi«, brummte Magnus von Roth. »Denk mal dran, was wir nach dem Krieg alles gemacht haben, und wir waren nicht mehr jung. Steineklopfen, Schutt wegräumen und so weiter, das war Schwerstarbeit.«

»Warum musstet ihr das selber machen?«, fragte Bambi staunend.

»Was blieb uns übrig. Geld hatten wir keins, und verhungern wollten wir auch nicht.«

»Arme Omi, armer Opi«, flüsterte Bambi bedauernd.

»Wir leben noch«, scherzte er, »und wie ihr seht, ist es uns ganz gut bekommen. Aber nun mal was anderes. Warum sind eigentlich diese anderen Häuser hier nicht bewohnt?«

»Das neben uns gehört den Ulrichs, die kommen nur in den Ferien, und jetzt können sie leider gar nicht kommen, weil Tante Georgia wieder ein Baby bekommt«, erklärte Hannes.

»Das erste gehört Rückerts«, warf Bambi rasch ein. »Da wohnt Ricky, wenn sie verheiratet ist, und in das zweite kommen Jerry und seine Eltern. Sie haben nämlich erst geheiratet, und der Dr. Riedel wird Arzt.«

»Er ist Arzt«, berichtigte Hannes.

»Ich meine doch, er wird hier bei uns Arzt«, meinte Bambi in nachsichtigem Ton.

»Und Nummer drei wird Anfang Januar bezogen«, bemerkte Werner Auerbach.

»Vom Kunstmaler Lindemann«, riefen Ricky und Hannes gleichzeitig. »Es ist gar nicht so einsam, wie du meinst, Mutti«, stellte nun auch Inge fest. »Wir haben einen regen nachbarlichen Verkehr mit dem Herrenhaus. Es ist halt ganz anders als in der Großstadt. Man kommt sich viel schneller näher und versteht sich auch besser.«

»Bisher«, räumte Werner Auerbach skeptisch ein. »Warten wir mal ab, wenn Erlenried fertig ist.«

»Wir reden eben nur mit den netten Leuten«, erklärte Hannes. »Schön wär’s natürlich, wenn Omi und Opi auch hier wohnen würden.«

Er musste gleich mit der Tür ins Haus fallen. Inge kannte ihre Eltern. Sie waren sehr kritisch, und noch nie waren sie zu bewegen gewesen, ihren Wohnsitz zu wechseln. Die besten Angebote hatte der frühere Universitätsprofessor von Roth abgelehnt, um sein Haus nicht aufzugeben. Sie erwartete auch sogleich einen energischen Widerspruch, aber zu ihrer und auch ihres Mannes Überraschung blieb er aus.

»Wir werden uns alles genau ansehen«, brummte Magnus von Roth.

Bambis Augen begannen schon zu blitzen. Sie kletterte gleich auf sein Knie und begann zu schmeicheln.

»Du Schmusekatze«, schmunzelte er. »Du wirst uns schon weichmachen.«

*

Rolf Lindemann umschloss mit seinen schmalen, ausdrucksvollen Künstlerhänden die Fotografie seiner Frau, die in silbernem Rahmen auf seinem Schreibtisch stand.

Die schwermütigen Augen suchten auf dem schmalen Madonnengesicht. »Warum musstest du uns allein lassen, Sibylle«, flüsterte er gequält. »Was bin ich denn ohne dich?«

Wie oft hatte er diese Frage sich und dem Schicksal, das so unerbittlich gewesen war, gestellt.

Ganz leise wurde die Tür geöffnet. Er hatte es nicht bemerkt. »Papi«, tönte es leise durch den Raum, »darf ich mal reinkommen?«

»Komm nur, Flori«, erwiderte der Mann heiser, »wo drückt denn der Schuh?«

»Der drückt gar nicht. Tante Heli ist gekommen. Sie hat was für dich.«

»Warum kommt sie nicht herein?«, fragte Rolf Lindemann.

»Sie ist jetzt bei Billi. Die hat nämlich geweint«, erklärte der Kleine. »Sie hatte Hunger.«

In Rolf Lindemanns Ohren tönte es wie ein Vorwurf. Er hatte sein Töchterchen über der geliebten Toten vergessen. Schuldbewusst sah er Florian an.

»Du hättest mich doch rufen können, Flori«, sagte er gepresst.

»Ist ja nicht so schlimm«, meinte der Kleine. »Tante Heli ist ja gleich gekommen. Bist du wieder traurig, Papi?«

Natürlich hatte Florian seine Mutti auch zuerst vermisst, aber während dieser langen Monate hatte sich in seinem jungen Dasein die Erinnerung schon verwischt. Er vermisste vor allem, dass sein Papi nicht mehr lachte und keinen Spaß mit ihm trieb. Das Haus und jedes Stück in ihm erinnerte Rolf Lindemann dagegen an seine Frau, und dies war der Grund, dass er sich von seiner Schwester Heli hatte überreden lassen, das Sommerhaus ihrer Schwiegereltern im Sonnenwinkel zu mieten. Weit weg von allem hoffte er, diesen peinigenden Schmerz verwinden zu können.

Viele weiße Strähnen zogen sich durch sein dichtes braunes Haar. Seine Haltung war gebeugt und drückte tiefste Resignation aus. Heli Hallinger musste sich sehr zusammennehmen, um ihr Erschrecken nicht zu zeigen. Sie hatte alles versucht, ihren Bruder aus der Lethargie aufzurütteln. Es war ihr nicht gelungen.

Sie hätte die beiden Kinder gern zu ihren drei Kindern genommen, aber Rolf wollte sich nicht von ihnen trennen. Er hing mit abgöttischer Liebe an seinen Kindern. Zu Helis Erstaunen auch an der kleinen Sibylle, die ihrer Mutter doch das Leben gekostet hatte. Er hatte ihr den Namen der geliebten Frau gegeben und bemühte sich aufopfernd, ihr Vater und Mutter zugleich zu sein.

So geht es nicht mehr weiter, dachte Heli. Er muss wieder ins Leben zurückfinden.

»Ich habe einige Zuschriften auf das Inserat bekommen«, sagte sie. »Möchtest du dich selbst entscheiden, Rolf?«

»Mach du das nur«, murmelte er. »Du triffst sicher die richtige Wahl.«

»Aber sympathisch sollte sie dir schon sein«, bemerkte sie vorsichtig.

»Die Kinder müssen sie mögen«, stellte er fest.

»Nun, Flori, dann schau dir einmal die Bilder an«, meinte Heli. »Welches gefällt dir am besten?«

Florian betrachtete die fünf Bilder der Reihe nach kritisch. »Die schaut lieb aus«, sagte er auf das Bild von Dorothee Kilian deutend. »Aber mir gefällt es gar nicht so, dass wir so weit von euch fort sind, Tante Heli.«

So ganz gefiel es ihr auch nicht, aber sie wusste, dass ihr Bruder vor allen Dingen Abstand brauchte, eine völlig neue Umgebung und Ruhe. Hier kam alle Nase lang jemand, der es gut meinte, aber gerade das ließ ihn nicht zur Ruhe kommen. Zu viel Anteilnahme war in seinem Fall gefährlich.

»Sie heißt Dorothee Kilian und ist auch verwitwet«, sagte sie zu Rolf.

»Hoffentlich sucht sie auf diese Weise nicht einen neuen Mann«, brummte er.

»Ihr Schreiben macht nicht den Eindruck. Ich lasse es dir hier. Vielleicht schaust du es doch an. Sie wohnt in der Nähe von Hohenborn. Ich werde ihr also mitteilen, dass sie am fünften Januar im Sonnenwinkel sein soll.«

»Ja, danke. Du hast dich sehr bemüht, Heli. Hoffentlich ist es da noch immer so ruhig, wie du meinst.«

»Den Schwiegereltern war es auf die Dauer zu einsam«, erwiderte sie mit einem flüchtigen Lächeln. »Und das will schon etwas heißen.« Unschlüssig blickte sie ihn an. »Ich werde wohl doch lieber Dr. Rückert bitten, Referenzen über die junge Frau einzuholen und sie sich anzuschauen. Sie hatte noch keine ähnliche Stellung. Oder soll ich sie hierherkommen lassen?«

Er machte eine abwehrende Handbewegung. »Ich werde schon zurechtkommen, wenn sie Flori gefällt«, meinte er.

Ein Bild kann täuschen, dachte Heli nun doch. Die Handschrift war allerdings genauso klar und sympathisch wie dieses Gesicht. Sie hätte sich auch für diese Bewerberin entschieden.

»Ich bin ja schon groß«, meinte Florian. »Die Hauptsache ist, dass sie lieb zu Billi ist. Papi und ich kommen allein zurecht, nicht wahr, Papi?«

Er streckte sich, um größer und gewichtiger zu erscheinen. »Papi hat in dir eine große Stütze«, meinte Heli anerkennend. »Nun sei recht lieb, und am Heiligen Abend kommt ihr nicht zu spät. Erinnere den Papi, Flori.«

»Findet uns das Christkindlein auch?«, fragte er zaghaft.

»Aber ganz sicher. Es findet alle lieben Kinder.« Hoffentlich denkt Rolf wenigstens an diesem Tag mehr an die Kleinen als an Sibylle, ging es ihr durch den Sinn.

*