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Das Buch macht deutlich, welch wichtiger Impuls von Martin Luthers Entschluss ausgegangen ist, Lieder zu dichten und zu komponieren, die von der gottesdienstlichen Gemeinde gesungen werden konnten. Es ging ihm in erster Linie darum, die Gemeinde an der Gestaltung des Gottesdienstes zu beteiligen. Dazu bot sich als musikalische Form das Volkslied an oder jedenfalls eine diesem angenäherte musikalische Form. Luthers Lieder und die seiner Gefährten in Wittenberg verbreiteten sich schnell und wurden bald sehr beliebt. Sie haben maßgeblich dazu beigetragen, die reformatorischen Gedanken in Deutschland zu verbreiten. Martin Luther hat die Musik seiner Zeit, also die Renaissance-Musik, sehr geschätzt und viele der damaligen Komponisten sehr gelobt. Für ihn enthielt die Musik heilende und versöhnende Kräfte. Darum war für ihn die Musik - nach der Predigt des Evangeliums - die wichtigste Kraft, die den Menschen von Gott geschenkt ist, mit der der Teufel und das Böse bekämpft werden kann. Es wird aber auch deutlich, wie sehr die Lieder Luthers im Kontext der musikalischen Entwicklung des 16. Jahrhunderts stehen. Martin Luthers Lieder haben weit über ihre Zeit hinaus gewirkt. Zum einen haben sie berühmte Komponisten nachhaltig beeinflusst und sind von ihnen aufgenommen worden, z. B. von Johann Sebastian Bach oder Felix Mendelssohn-Bartholdy. Zum anderen haben manche von ihnen Eingang in die deutschen Gesangbücher gefunden. Und auch vor Missbrauch, etwa für nationalistische Propaganda, waren sie nicht gefeit. Gerhard Rödding zeichnet diese spannende Geschichte kenntnisreich nach und bietet so einen Schlüssel zum besseren Verstehen der deutschen Kirchenmusik und Gesangbuchtradition.
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Seitenzahl: 345
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Inhaltsverzeichnis
Impressum
Vorwort
Teil I Martin Luther – Dichter und Musikant
Luthers Sekretär
Skulpturen und Bilder
Die Musik in der Renaissancezeit
Luthers Tafelrunde
Theologische Brocken
Musik im Gottesdienst
Die Litanei und die Bitte um Frieden
Musik und Wort
Dichter und Musikant
Die Psalmdichtungen
Hymnen
Sequenzen und Leisen
Nun bitten wir den heiligen Geist
Lehr- und Katechismuslieder
Die ersten Gesangbücher
Teil II Martin Luthers Lieder im Strom der Geschichte
Frühbarock
Pietismus und Aufklärung
Heinrich Schütz und Dietrich Buxtehude
Johann Sebastian Bach
Martin Luthers Werk in neuerer Zeit
Die zweifelhafte Karriere von „Ein feste Burg ist unser Gott“
Deutschland singt
Felix Mendelssohn Bartholdy
Alte Lieder - neue Lieder
Literatur (in Auswahl)
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© 2015
Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen-Vluyn
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Andreas Sonnhüter, Niederkrüchten
Lektorrat: Ekkehard Starke
DTP: Breklumer Print-Service, www.breklumer-print-service.com
Gesamtherstellung: Hubert & Co., Göttingen
Printed in Germany
ISBN 978–3–7887–2917–2 (Print)
ISBN 978–3–7887–2984–4 (E-Pub)
www.neukirchener-verlage.de
Vorwort
„Es gibt nicht Neues unter der Sonne“, schreibt der Prediger Salomo in der Bibel (Kap. 1,9). Das mag für die meisten Bereiche unseres Lebens zutreffen. Aber gelegentlich gibt es eine Ausnahme. Als Martin Luther in den Jahren 1523 und 1524 den Entschluss fasste, Psalmen und liturgische Überlieferungen in die Form zu gießen, die man später Volkslied nannte, bahnte sich etwas fundamental Neues an; denn fortan konnte das Volk in ganz anderer Weise am Gottesdienst teilnehmen, als das vorher der Fall war. War die Gemeinde in vorreformatorischer Zeit im wesenlichen nur Zuschauer dessen, was am Altar geschah, so konnte sie nun ihre Stimme erheben und in den Lobgesang des Volkes Gottes einstimmen. Die Lieder wurden schließlich so beliebt, dass es beim gottesdienstlichen Gebrauch nicht blieb, sondern dass sie in den Alltag hinauswanderten und bei der Arbeit im Hause und auf dem Acker, ja in den Gassen gesungen wurden.
Luthers Vorbild folgten viele nach, zunächst seine engeren Freunde, dann aber mancher Kollege, der sein Talent entdeckt hatte, und schließlich ein Heer von mehr oder auch weniger begabten Dichtern und Reimeschmieden. Man setzt die Zahl der Kirchenlieder, die geschaffen und für die Melodien gefunden wurden, auf etwa hunderttausend an, von denen die meisten dem Vergessen anheim gefallen sind. Aber die wichtigsten der siebenundreißig bekannten Lutherlieder stehen noch heute im Gesangbuch, ja, sie sind Maßstab für viele andere geworden, obwohl manche Neunmalkluge zu ihrer Zeit meinten, daran herumbasteln zu müssen.
Dieses Buch möchte den Leser ermuntern, mit ihm zusammen einen Weg durch die Geschichte zu gehen, um die kirchliche und geistesgeschichtliche Entwicklung kennenzulernen, die durch die Lutherlieder ausgelöst worden ist. Dabei ist es wichtig, die unterschiedliche Rezeption der Lieder in den Zusammenhang mit der jeweiligen musikalischen und geistesgeschichtlichen Situation zu stellen, in der sie sich behaupten mussten. In der Aufklärung des 18. wurden die Lieder eben anders gesehen als in der Romantik des 19. Jahrhunderts. In jedem Fall aber gehören sie wie Luthers Bibelübersetzung zum kulturellen und literarischen Erbe der deutschen Sprache.
Das Buch stellt also die Lieder in den jeweiligen geistesgeschichtlichen Zusammenhang, wobei es im Einzelnen nur um eine Auswahl gehen kann, die allerdings charakteristisch ist. Vollständigkeit ist nicht angestrebt.
In der Wirkungsgeschichte der Lutherlieder begegnen uns viele Personen, deren Lebensdaten hinter ihrem Namen angegeben sind, wenn sie zum ersten Mal erscheinen. In einigen wenigen Fällen sind die Daten allerdings nicht bekannt, weswegen sie hier fehlen.
Das Buch enthält viele Originaltexte, die in ihrer originalen Schreibweise und Orthographie zitiert werden. Diese Texte werden durch kusiven Druck kenntlich gemacht. In ihnen wird deutlich, dass wir uns in einer Zeit befinden, die fast fünfhundert Jahre zurückliegt, dessen man sich beim Lesen stets bewusst sein muss. Sie sind aber verständlich, auch wenn man sie im Einzelfall am besten laut liest. Einige markante Texte sind in Latein zitiert, worauf aber unmittelbar eine Übersetzung folgt.
In Deutschland gibt es viele Christen, die sich mit Kirchenmusik befassen. Noch gibt es in fast jeder Gemeinde eine Kantorei oder einen Jugendchor und ein Bläserensemble. Viele opfern als Chorsänger oder Posaunenbläser einen guten Teil ihrer Freizeit für diese Aufgabe. Mancher tut ehrenamtlich seinen Dienst auf der Orgelbank oder als Leiter eines Chores. Sie alle leben in ihrer musikalischen Arbeit von dem Werk, das mit Martin Luther begann und sich in der Geschichte bis auf den heutigen Tag fortpflanzt. Vielleicht wird die Freude an der Musik für den größer, der die Zusammenhänge durchschaut, von denen auch die heutige Arbeit abhängt. Für alle die Chorsänger und Bläser, Kirchenmusiker und Lehrer, die sich damit näher befassen möchten, ist dieses Buch bestimmt.
Aber auch hauptberufliche Kirchenmusiker und Pfarrer sollten ihre Freude daran haben; denn der Zugang zum Verständnis mancher historischer Texte wird nur dem gelingen, der die ursprünglichen Zusammenhänge und Intentionen kennt. Hier ist viel pädagogische Arbeit zu leisten, damit das historische Erbe verständlich wird und lebendig bleibt. Auch für die musikalische Fortentwicklung können die Maßstäbe wichtig sein, die Martin Luther einst setzte.
Bei allem geht es zwar in erster Linie um den Gottesdienst, für den Martin Luthers Werk gedacht und erarbeitet ist. Aber seine Texte und Melodien gehören auch zum großen kulturellen Erbe unseres Volkes, das zu bewahren auch die Aufgabe der heutigen Generation ist. Dem soll auch dieses Buch dienen.
Bielefeld, am 1. November 2015
Gerhard Rödding
Teil IMartin Luther – Dichter und Musikant
Luthers Sekretär
Wir schreiben das Jahr 1547. Martin Luther war vor mehr als einem Jahr gestorben; die Säulen unter den evangelischen Fürsten, Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen (1503-1554) und Landgraf Philipp von Hessen (1504-1567), waren in die Hand des Kaisers gefallen und harrten auf ihr Schicksal. Die Reformation schien verloren, Kaiser Karl triumphierte, Luthers Werk schien zerbrochen zu sein. Was würde die Zeiten überdauern von dem, was Martin Luther gesagt und getan hatte?
Martin Luthers einstiger Sekretär, Doktor der Theologie und Vertrauter des Reformators, Georg Rörer (1492-1557), der sich nach Humanistenart auch Rosarius nannte, blätterte in alten Papieren, deren Schrift kaum noch lesbar war. Vergilbte Texte galt es zu entziffern, in einer Kurzschrift flüchtig aufgeschrieben, während der Meister auf der Kanzel stand und der Wittenberger Gemeinde in der Stadtkirche Gottes Wort auslegte, oder was er bei Tisch gesagt hatte.
Als der damals gerade Dreißigjährige im Jahre 1522 in die Stadt kam, ging es dort drunter und drüber; denn Andreas von Bodenstein genannt Karlstadt (um 1486-1541) hatte die Leute aufgewiegelt: Eine neue Zeit sei gekommen, und das Alte solle endlich abgetan werden. Die Bilder müsse man aus den Kirchen entfernen, auch wenn sie der berühmte Lucas Cranach (um 1472-1553) gemalt habe, der seine Werkstatt in Wittenberg hatte und zu den reichsten und angesehensten Bürgern gehörte. Die Messe sei auszurotten mit Stumpf und Stiel, und nur einstimmig dürfe fortan in den Kirchen gesungen werden. Mönche und Priester hätten überdies die Stadt zu verlassen. Und wer nicht freiwillig gehe, solle mit Gewalt vertrieben werden. Und die Stadt folgte ihm, dem Verführer der frommen Leute, die einst den Thesen Martin Luthers wider den Ablass begeistert zugestimmt hatten.
Martin Luther hatte von den Unruhen Bericht erhalten, als er auf der Wartburg saß, wohin ihn sein Kurfürst hatte bringen lassen, um ihn vor den Häschern des Kaisers zu schützen; denn 1521 hatte der Reichstag zu Worms die Acht über ihn verhängt, nach der jeder berechtigt und sogar verpflichtet war, ihn zu fangen und auszuliefern. Nun aber war er voller Zorn und ohne Rücksicht auf seine Sicherheit zurückgekommen, um zurechtzurücken, was Karlstadt, sein einstiger Gefährte und Helfer, angerichtet hatte, stand doch sein Werk auf dem Spiel. Am Sonntag Invocavit stand Luther auf der Kanzel der Stadtkirche St. Marien und rügte das Volk mit donnernden Worten, wie Moses es getan hatte, als er vom Sinai kam und den Tanz um das goldene Kalb verdammte. Der Student Georg Rörer sah den Reformator zum ersten Mal, obwohl er doch von seiner bayrischen Heimat eigens nach Wittenberg gekommen war, um die neue Theologie bei ihm zu studieren, die auch im Süden des Deutschen Reiches Gelehrte und einfache Leute rühmten. Nun hörte er ihn predigen, und was er sagte, war ihm so wichtig, dass er mitschrieb, was er hörte.
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
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