Ein Notfall, Dr. Laurin! - Patricia Vandenberg - E-Book

Ein Notfall, Dr. Laurin! E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Dr. Laurin ist ein beliebter Allgemeinmediziner und Gynäkologe. Bereits in jungen Jahren besitzt er eine umfassende chirurgische Erfahrung. Darüber hinaus ist er auf ganz natürliche Weise ein Seelenarzt für seine Patienten. Die großartige Schriftstellerin Patricia Vandenberg, die schon den berühmten Dr. Norden verfasste, hat mit den 200 Romanen Dr. Laurin ihr Meisterstück geschaffen. Patricia Vandenberg ist die Begründerin von "Dr. Norden", der erfolgreichsten Arztromanserie deutscher Sprache, von "Dr. Laurin", "Sophienlust" und "Im Sonnenwinkel". Sie hat allein im Martin Kelter Verlag fast 1.300 Romane veröffentlicht, Hunderte Millionen Exemplare wurden bereits verkauft. In allen Romangenres ist sie zu Hause, ob es um Arzt, Adel, Familie oder auch Romantic Thriller geht. Ihre breitgefächerten, virtuosen Einfälle begeistern ihre Leser. Geniales Einfühlungsvermögen, der Blick in die Herzen der Menschen zeichnet Patricia Vandenberg aus. Sie kennt die Sorgen und Sehnsüchte ihrer Leser und beeindruckt immer wieder mit ihrer unnachahmlichen Erzählweise. Ohne ihre Pionierarbeit wäre der Roman nicht das geworden, was er heute ist. Besorgt betrachtete Dr. Laurin die junge Patientin, die vor einer Stunde eingeliefert worden war. Sie war noch immer bewusstlos. Ihren Namen hatte er gerade erst erfahren, denn sie hatte keine Papiere bei sich gehabt, als sie bewusstlos unweit der Klinik von einem Passanten gefunden worden war. Sie hieß Katrin Ostholt und war vorher noch nie bei ihm gewesen. Aber anscheinend hatte sie ihn aufsuchen wollen, denn vor zehn Minuten rief ihre Mutter an, um sich nach ihrer Tochter zu erkundigen. Sie war schrecklich besorgt, als ihr gesagt wurde, dass eine junge Frau eingeliefert worden sei, von der man aber noch keinen Namen kenne. Nach der Beschreibung musste es Katrin Ostholt sein, und ihre Mutter wollte auch sofort kommen. Katrin Ostholt war im vierten Monat schwanger, wie Dr. Laurin bei der Untersuchung mit Ultraschall festgestellt hatte. Äußerlich war ihr nichts anzusehen, obwohl sie eine zierliche Person war und eine sehr hübsche dazu. Woher diese Ohnmacht rührte, konnte er sich noch nicht erklären, denn Anzeichen einer Erkrankung waren nicht festzustellen. Er hatte ihr etwas Blut abgenommen und es sofort ins Labor gegeben. Jetzt wartete er auf ihre Mutter. Leise betrat Schwester Marie den Untersuchungsraum. »Frau Ostholt ist gekommen. Sie will ihre Tochter sehen«, sagte sie. »Ich werde erst mit ihr sprechen«, erwiderte Dr. Laurin. »Bleiben Sie bei der Patientin, und falls sie zu sich kommt, rufen Sie mich bitte sofort, Marie.« Sie nickte nur. Für sie war das selbstverständlich. Sie war schon so lange der gute Geist der Prof.-Kayser-Klinik, dass man ihr eigentlich gar nichts mehr aufzutragen brauchte. Dr. Laurin wusste

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Seitenzahl: 121

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Dr. Laurin – 130 –Ein Notfall, Dr. Laurin!

Patricia Vandenberg

Besorgt betrachtete Dr. Laurin die junge Patientin, die vor einer Stunde eingeliefert worden war. Sie war noch immer bewusstlos.

Ihren Namen hatte er gerade erst erfahren, denn sie hatte keine Papiere bei sich gehabt, als sie bewusstlos unweit der Klinik von einem Passanten gefunden worden war. Sie hieß Katrin Ostholt und war vorher noch nie bei ihm gewesen.

Aber anscheinend hatte sie ihn aufsuchen wollen, denn vor zehn Minuten rief ihre Mutter an, um sich nach ihrer Tochter zu erkundigen. Sie war schrecklich besorgt, als ihr gesagt wurde, dass eine junge Frau eingeliefert worden sei, von der man aber noch keinen Namen kenne.

Nach der Beschreibung musste es Katrin Ostholt sein, und ihre Mutter wollte auch sofort kommen.

Katrin Ostholt war im vierten Monat schwanger, wie Dr. Laurin bei der Untersuchung mit Ultraschall festgestellt hatte. Äußerlich war ihr nichts anzusehen, obwohl sie eine zierliche Person war und eine sehr hübsche dazu. Woher diese Ohnmacht rührte, konnte er sich noch nicht erklären, denn Anzeichen einer Erkrankung waren nicht festzustellen.

Er hatte ihr etwas Blut abgenommen und es sofort ins Labor gegeben. Jetzt wartete er auf ihre Mutter.

Leise betrat Schwester Marie den Untersuchungsraum. »Frau Ostholt ist gekommen. Sie will ihre Tochter sehen«, sagte sie.

»Ich werde erst mit ihr sprechen«, erwiderte Dr. Laurin. »Bleiben Sie bei der Patientin, und falls sie zu sich kommt, rufen Sie mich bitte sofort, Marie.«

Sie nickte nur. Für sie war das selbstverständlich. Sie war schon so lange der gute Geist der Prof.-Kayser-Klinik, dass man ihr eigentlich gar nichts mehr aufzutragen brauchte.

Dr. Laurin wusste das auch, aber aus purer Gewohnheit sagte er doch, was sein musste. Mit seinen Gedanken war er ohnehin schon bei der Mutter der Patientin.

Er sah eine elegante Frau vor sich, der man eine erwachsene Tochter nicht zutraute.

Gepflegt vom Scheitel bis zur Sohle, konnte man Lilo Ostholt als schöne Frau bezeichnen, ohne zu übertreiben.

Sie war sichtlich beeindruckt von Dr. Laurin, aber welche Frau war das nicht? Sie wahrte allerdings vornehme Zurückhaltung.

»Darf ich zuerst meine Tochter sehen? Es handelt sich doch um meine Tochter?«

»Ihre Beschreibung lässt kaum einen Zweifel zu. Ich habe nichts dagegen, dass Sie einen Blick auf sie werfen, aber sie ist noch nicht bei Bewusstsein.«

Immerhin war es gut, jeden Zweifel auszuräumen, denn auch bei dem Gespräch musste Diskretion den Vorrang haben.

Er ging mit ihr zum Untersuchungsraum. In Lilo Ostholts Gesicht zuckte es, als sie ihre Tochter betrachtete.

Eine gewisse Ähnlichkeit war zwischen den beiden Frauen vorhanden, das konnte man sogar erkennen, obwohl die Jüngere so regungslos war und keine Mimik zeigte.

»Wie konnte das nur passieren?«, murmelte Lilo Ostholt. »Wieso war sie zu Fuß unterwegs? Sie ist doch mit ihrem Wagen weggefahren.«

»Und sie hat gesagt, dass sie mich aufsuchen will?«

»Ja, ich habe sie dazu gedrängt.«

»Warum? Hatte sie irgendwelche Beschwerden?«

»Ja, mit ihrem Zyklus. Sie war auch immer so blass und nervös in letzter Zeit. Ich möchte betonen, dass zwischen uns ein absolutes Vertrauensverhältnis herrscht, nach dem Tod meines Mannes noch mehr als vorher.«

»Ihr Mann ist noch nicht lange tot?«

»Zwei Jahre, aber Katrin hing immer mehr an mir als an ihrem Vater.«

»Ist sie verlobt?«

»Nein, wie kommen Sie darauf?«

»Weil Ihre Tochter im vierten Monat schwanger ist.«

Lilos Augen weiteten sich vor Entsetzen.

»O Gott, wie ist das möglich? Sie hat nicht einmal einen festen Freund.«

Mit dem Vertrauensverhältnis scheint es doch nicht weither zu sein, dachte Leon Laurin, aber Lilo Ostholt machte einen durchaus guten Eindruck auf ihn.

Sie regte sich auch nicht so auf, wie er eigentlich erwartet hatte, denn für diese Frau mochte es kein beglückender Gedanke sein, Großmama zu werden.

»Warum hat Katrin nicht mit mir gesprochen?«, fragte sie immer wieder leise. »Aber vielleicht wusste sie es selbst nicht und wollte sich erst Gewissheit verschaffen. Jedoch erklärt es nicht diesen Zusammenbruch. Ist etwa eine Fehlgeburt zu befürchten?«

Sie sagte »befürchten«, und das machte sie Dr. Laurin sympathisch.

»Bisher gibt es dafür kein Anzeichen. Diese lange Ohnmacht ist mir unerklärlich. Es könnte sein, dass sie einen schweren Schock erlitten hat. Sie sagten, dass Ihre Tochter mit dem Wagen weggefahren ist?«

»Daran kann kein Zweifel bestehen, denn ich habe es selbst gesehen. Ich hatte sie zur Gartentür begleitet. Ich war froh, dass sie sich zu der Untersuchung entschlossen hatte, aber von einer Schwangerschaft ahnte ich nichts. Ich bin sehr überrascht, was aber nicht bedeutet, dass ich so schockiert bin, dass ich Katrin ihrem Schicksal überlassen würde. Sie muss einen triftigen Grund haben, mir von dieser Beziehung zu einem Mann, die ja vorhanden sein muss, nichts zu erzählen.«

Es klang vernünftig, was sie sagte, aber empfand sie auch wirklich so? Wollte sie nicht nur nach außen hin den Schein wahren, eine verständnisvolle Mutter zu sein?

»Wie alt ist Ihre Tochter?«, fragte Leon Laurin.

»Einundzwanzig, aber ich muss sagen, dass sie bestimmt noch keine länger dauernde intime Beziehung zu einem Mann hatte. Es wird doch nicht so sein, dass ihr Gewalt angetan wurde?«, fragte sie entsetzt.

»Das kann ich nach dieser langen Zeit nicht mehr feststellen, aber vielleicht werde ich sie zum Reden bringen.«

»Gehen Sie behutsam mit ihr um, sie ist sehr sensibel«, sagte Lilo Ostholt flehend.

»Sie können sich darauf verlassen, Frau Ostholt. Wir wollen hoffen, dass sie bald zu Bewusstsein kommt, aber vielleicht ist es besser, wenn Sie dann nicht sofort bei ihr sind. Ich werde Sie anrufen, wenn ich mit ihr sprechen konnte.«

»Das ist mir sehr willkommen. Ich bin etwas verwirrt, das werden Sie verstehen, aber ich bitte Sie, alles für mein Kind zu tun. Sie haben hoffentlich ein Einzelzimmer für Katrin frei?«

»Wir werden es einrichten. Lassen Sie mir bitte Ihre Telefonnummer hier, und meine Sekretärin möchte gern die genauen Personalien von Ihrer Tochter haben.«

»Ich werde alles erledigen«, erwiderte Lilo Ostholt geistesabwesend.

Etwas schien ihr durch den Sinn zu gehen. »Im vierten Monat ist sie, sagten Sie?«

»Ja, ganz genau kann ich es nicht sagen, aber ich werde mit Ihrer Tochter darüber sprechen.«

»Ich danke Ihnen für Ihr Verständnis, Herr Doktor«, sagte Lilo sehr leise.

»Das sollte ich eher auf Sie beziehen. Es ist beruhigend für mich, dass Sie so vernünftig reagieren.«

»Was bleibt mir übrig? Katrin braucht seelische Unterstützung. Ich bin ihre Mutter, und ich liebe meine Tochter über alles.«

Leon Laurin glaubte es ihr in diesem Augenblick, denn in ihren Augen schimmerten Tränen, und sie sah unendlich traurig aus.

*

Er ging zu Katrin zurück.

Schwester Marie erhob sich. »Sie wird jetzt bald zu sich kommen«, sagte sie leise. »Wie hat die Mutter reagiert?«

»Bewundernswert.«

»Eine sehr schöne Frau«, stellte Marie fest.

»Sie liebt ihre Tochter.«

»Lebt der Vater nicht mehr?«

»Nein.«

»Sie ist bestimmt auch noch jung«, meinte Marie.

»Es gibt eine zeitlose Schönheit, wenn Herz und Seele vorhanden sind. Ich muss jetzt mal bei der Polizei anrufen, ob sie ein herrenloses Auto gefunden haben.« Er schlug sich an die Stirn. »Ich sollte besser sehen, dass ich Frau Ostholt noch erwische.«

Und schon lief er im Eilschritt zum Empfang.

Er traf Lilo Ostholt noch an, denn sie hatte sich angeregt mit Moni unterhalten, die sehr angetan von ihr schien.

»Ich muss Sie noch etwas fragen, Frau Ostholt«, sagte Leon atemlos. »Ihre Tochter ist doch sicher auch nicht ohne Tasche und Papiere aus dem Haus gegangen?«

»Natürlich nicht. Hatte sie denn nichts bei sich?«

»Nein. Wir sollten die Polizei benachrichtigen, dass sie nach dem Auto und den Sachen sucht.«

»Das werde ich sofort erledigen. Gut, dass es Ihnen eingefallen ist, ich hätte jetzt nicht daran gedacht.«

Leon Laurin dachte jetzt auch noch etwas anderes, und er ging sofort zum Labor.

»Wie weit seid ihr mit Katrin Ostholts Blut?«, fragte er.

»Es könnte möglich sein, dass sie ein starkes Schlafmittel genommen hat«, wurde ihm erklärt. »Aber das müssten wir noch genauer untersuchen. Auf einen Infekt gibt es keine Hinweise.«

»Ein starkes Schlafmittel? Das nimmt man aber nicht, wenn man sich ans Steuer setzt, es sei denn, man hätte Selbstmordabsichten. Hatte sie solche gehabt, oder war da etwas anderes passiert? Wer war der Vater des Kindes?«

Darüber zerbrach sich Lilo Ostholt allerdings auch den Kopf, nachdem sie bei der Polizei gewesen war. Sie hatte auch die Straßen in der Nähe der Klinik abgefahren, aber Katrins Wagen nirgends gesehen.

Was kann da nur passiert sein?, überlegte sie. Katrin hatte doch immer Vertrauen zu mir, warum hat sie mir nichts gesagt?

Ein unbehaglicher Gedanke kam auf, als sie vier Monate zurückdachte, denn da war auch ihr eigenes Leben in Unruhe geraten.

Hatte sich Katrin deshalb zurückgesetzt gefühlt? Wenn sie genau darüber nachdachte, hatte sich Katrins Wesen seit dieser Zeit verändert. Sie selbst hatte es vielleicht nicht so deutlich zur Kenntnis genommen, weil sie mit sich und ihren eigenen Problemen zu sehr beschäftigt gewesen war.

Sie fuhr nach Hause und ging hinauf zu Katrins Räumen. Nach Bernhards Tod hatten sie Katrin eine eigene kleine Wohnung eingerichtet, mit Wohn- und Schlafraum, Bad und Küche. Es gab keine verschlossenen Türen, aber Lilo wäre früher auch nie auf den Gedanken gekommen, in Katrins Sachen zu kramen.

Doch jetzt tat sie es fast mechanisch, aber sie fand nichts, was auf einen Mann schließen ließ. Kein Foto, keinen Brief, keinen einzigen Hinweis auf die Existenz eines Partners, der doch keine ganz unwichtige Rolle im Leben der jungen Frau gespielt haben musste.

Mein Kind, in was hast du dich da verstrickt?, dachte Lilo, und plötzlich rannen Tränen über ihre Wangen. Sie konnte sie nicht zurückhalten.

*

Dr. Laurin wurde am Nachmittag zu Katrin gerufen. Er hatte zwei neue Patientinnen untersuchen müssen, und dann kam noch eine werdende Mutter. Sie würde auf ihr Baby jedoch noch einige Zeit warten müssen.

Er konnte sich nun um Katrin kümmern, die langsam zu sich kam.

Als er eintrat, drehte sie ihren Kopf zur Wand. Als er ihre Hand ergreifen wollte, zuckte sie zurück.

»Ich bin Dr. Laurin, Sie brauchen keine Angst zu haben. Sie sind in der Prof.-Kayser-Klinik, und dahin wollten Sie doch wohl auch, wie Ihre Mutter sagte.«

»Mami!«, stöhnte sie. »Sie haben mit ihr gesprochen?«

Ihre Stimme war rau, die Worte kamen abgehackt.

»Sie haben eine sehr vernünftige Mutter«, sagte Leon. »Und wir werden uns auch vertragen, wenn Sie mich erst besser kennen. Ich will Ihnen helfen.«

»Mir kann niemand mehr helfen.«

»So dürfen Sie gewiss nicht denken. Oder meinen Sie, die Welt geht unter, weil Sie schwanger sind?«

Sie schluchzte trocken auf.

»Ich habe es befürchtet, so sehr befürchtet! Was soll ich nur tun, Herr Doktor?«

»Zuerst werden wir uns unterhalten. Betrachten Sie mich als einen väterlichen Freund. Aber Sie sollen sich auch nicht zu sehr anstrengen. Vielleicht beantworten Sie mir erst ein paar Fragen. Ihre Mutter sagte, Sie wären mit dem Auto weggefahren. Aber Sie wurden bewusstlos im Park gefunden. Wo ist Ihr Wagen?«

»Ich weiß nicht. Er wird ihn genommen haben«, flüsterte sie.

»Wer?«, fragte Dr. Laurin.

»Das darf ich nicht sagen. Er wird Mami etwas Schreckliches antun.«

»Das kann verhindert werden, wenn Sie mir alles sagen. Jener Mann hat Sie also eingeschüchtert und sogar bedroht?«

Sie nickte ängstlich.

»Er ist an allem schuld«, schluchzte sie auf. »Ich kann nicht mehr sagen.«

»Das brauchen Sie jetzt auch nicht. Wollten Sie das Kind?«

»Nein, o nein! Ich will es auch jetzt nicht, aber ich muss es wohl bekommen.«

»Sie sind bereits im vierten Monat, aber wir wollen jetzt lieber über das Schlafmittel sprechen.«

»Welches Schlafmittel?«

»Das Ihre tiefe Bewusstlosigkeit hervorgerufen hat.«

»Ich habe nichts genommen.«

Voller Angst blickte sie Dr. Laurin an.

»War es im Tee? Hat er deshalb so bitter geschmeckt?«

»Wann haben Sie Tee getrunken?«

»Als ich mich mit ihm getroffen habe. Ich musste es tun. Ich musste es ihm sagen. Aber es war ein Fehler«, stammelte sie.

Dr. Laurin merkte schon, dass er nicht viel aus ihr herausbekommen würde, wenn er ihr nicht die Angst nahm. Sie war völlig verkrampft.

»Sehen Sie, Katrin, ich habe vier Kinder und dabei eine Tochter, die nur ein paar Jahre jünger ist als Sie. Wir sprechen über alles, und wie Ihre Mutter sagte, haben Sie auch ein sehr gutes Verhältnis zueinander.«

»Ja, so ist es. Ich habe sie sehr lieb.«

»Also könnten Sie ihr doch auch alles sagen.«

»Nein, nein, sie würde ihn umbringen. Und dann würde man sie einsperren. Sie wissen nicht, wie gemein er ist.«

»Ich sage es noch einmal, Katrin: Ich will Ihnen helfen. Wollten Sie mich aufsuchen, damit ich eine Schwangerschaftsunterbrechung vor­nehme? Sie können es mir ruhig sagen, es wird niemand sonst erfahren.«

»Ich wollte Sie um Rat bitten, ob das strafbar ist. Er hat gesagt, sein Vater würde das Kind wegmachen, wenn ich ihm zehntausend Euro gebe.«

»Und wollten Sie das tun?«

»Nein, sein Vater ist bestimmt genauso widerlich wie er.«

Plötzlich sah Leon Laurin ein anderes Mädchen vor sich. Es war schon lange Jahre her, und sie war damals jünger gewesen als Katrin heute. Sie war verpfuscht worden von einem Arzt bei einer Abtreibung. Er hatte sie nicht mehr retten können, aber er hatte diesen Arzt vor Gericht gebracht, und ihm war die Approbation entzogen worden.

»Ist sein Vater Arzt?«, fragte er betont beiläufig.

»Ich glaube schon.« Jetzt sah sie ihn flehend an. »Ich kann es nicht sagen, ich darf es nicht. Ich will nicht, dass Mami etwas passiert.«

»Was Sie mir sagen, erfährt niemand sonst, Katrin. Aber jetzt schlafen Sie erst einmal, später können wir uns wieder unterhalten.«

»Ich kann nicht schlafen, ich muss nachdenken. Mir geht so vieles durch den Sinn.«

»Sie sollten sich entspannen.«

Sie schloss die Augen, aber entspannt wirkte sie nicht.

Ihm ging auch vieles durch den Sinn. Katrin Ostholt hatte wieder ganz wach werden lassen, was er nicht vergessen konnte. Er konnte nicht begreifen, dass ein Arzt gewissenlos ein Menschenleben gefährdete.

Katrin schlief ganz tief und ruhig, als Leon Laurin die Klinik abends verließ. Es war ziemlich spät geworden, denn das zu erwartende Baby hatte sich Zeit gelassen. Zum Glück war es dann doch eine Geburt ohne Komplikationen geworden.

Antonia Laurin hatte schon auf ihn gewartet. Die Kinder hatten bereits gegessen und sich in ihre Zimmer zurückgezogen. Die Zwillinge mussten noch eine Facharbeit überarbeiten. Es wurden diesbezüglich beträchtliche Anforderungen von ihrem Lehrer gestellt. Kevin hörte Musik, und Kyra, die Leseratte, hatte ein spannendes Buch, das sie alles andere vergessen ließ.

Leon konnte also in Ruhe essen und sich mit seiner Frau unterhalten.

»Kannst du dich noch an manche Begebenheiten erinnern, die mir früher zu schaffen machten?«, fragte er.

»Vor unserer Ehe oder später?«, fragte Antonia mit einem Blinzeln zurück.

»Ganz allgemein, nicht etwa mit diesen Frauen, die mir das Leben schwer gemacht haben«, meinte er spitzbübisch lächelnd.