Ein Platz in der Welt - Gilbert R. Pawel - E-Book

Ein Platz in der Welt E-Book

Gilbert R. Pawel

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Beschreibung

Nach den Ereignissen aus „Der Preis der Freiheit“ (Junge Liebe Band 86) befinden sich Jonas und Mike zusammen mit Alexander und Lisa noch immer auf der Flucht. Die Reise ins Ausland gelingt, doch damit sind die Schwierigkeiten noch nicht überwunden. Denn das Geld ist knapp und die Aussichten für die junge Familie sind düster. Während Mike damit kämpft, seine kriminelle Ader hinter sich zu lassen und seine homosexuelle Natur zu akzeptieren, tut Jonas alles, um seinen Traum von einer heilen Welt und einem besseren Leben zu bewahren. Doch als die Not immer größer wird, sieht auch er Verbrechen als einzigen Ausweg aus der Klemme. Und als etwas schiefgeht und Jonas verhaftet wird, droht nicht nur sein großer Traum zu sterben – auch die endgültige Trennung von Mike scheint gewiss! Nachdem Jonas und Mike in „Der Preis der Freiheit“ (Junge Liebe Band 86) nach vielen Abenteuern endlich zueinander gefunden haben, befinden sie sich gemeinsam mit Jonas' Bruder Alexander und dessen Freundin Lisa noch immer auf der Flucht ins Ausland. Als die Grenzüberquerung gelingt, scheint ihr Traum von einem besseren Leben zum Greifen nah zu sein. Doch es dauert nicht lang, bis die junge Familie von der Vergangenheit eingeholt wird. Denn Mike, der noch immer Schwierigkeiten hat zu seiner Homosexualität und seinem Freund zu stehen, kann seine kriminelle Natur nicht einfach hinter sich lassen. Als er Geld stiehlt, um die notleidende Gruppe zu unterstützen, kommt es zu ersten Streitereien zwischen Jonas und seinem Bruder. Und als die Wohnung, von der aus sie sich ein neues Leben aufbauen wollten, sich als schäbige Unterkunft für wenige Tage entpuppt, gibt Alexander Mike die Schuld an ihrer Situation. Im verzweifelten Versuch, seine Familie und seine Träume zusammen zu halten, entschließt Jonas sich, selbst aktiv zu werden und Verantwortung zu übernehmen. Im Glauben, dass es keinen anderen Ausweg aus ihrer Not gibt, als sich selbst auf Verbrechen einzulassen, begegnet Jonas schnell seinen eigenen, inneren Dämonen. Und als eine unüberlegte Aktion zu seiner Verhaftung führt, geraten seine Zukunft, seine Familie und auch seine Beziehung mit Mike in große Gefahr! Wird das Schicksal die Liebenden doch noch trennen? Oder wird es Jonas und Mike gelingen, alle Widrigkeiten zu überwinden und ihren Platz in der Welt zu finden?

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Seitenzahl: 156

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Gilbert R. Pawel

Ein Platz in der Welt

Jonas & Mike 2

Von Gilbert R. Pawel bisher erschienen:

Der Preis der Freihet, Frühjahr 2018, ISBN 978-3-86361-690-8

Auch als E-book

 

 

Himmelstürmer Verlag, part of Production House, Hamburg

www.himmelstuermer.de

E-Mail: [email protected]

Originalausgabe, Frühjahr 2019

© Production House GmbH

Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlages.

Zuwiderhandeln wird strafrechtlich verfolgt

Rechtschreibung nach Duden, 24. Auflage

Coverfoto: https://fotolia.com 

Umschlaggestaltung: Olaf Welling, Grafik-Designer AGD, Hamburg. www.olafwelling.de

E-Book-Konvertierung: Satzweiss.com Print Web Software GmbH

 

ISBN print 978-3-86361-744-8

ISBN e-pub 978-3-86361-745-5

ISBN pdf 978-3-86361-746-2

 

 

Alle hier beschriebenen Personen und alle Begebenheiten sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist nicht beabsichtigt.

Bis an die Grenze

„Jonas?“

Der Gerufene schloss die Tür hinter sich und betrat die geräumige Wohnung. Er streifte seine Arbeitsschuhe ab und versuchte vergeblich, seine abstehenden Ohren hinter seinen verwuschelten, dunkelblonden Haaren zu verbergen. Am Küchentisch sah er seinen älteren Bruder Alexander und dessen Freundin Lisa sitzen, die bei einer Pizza über den Tag sprachen.

„Hey, Leute“, grüßte er und schnappte sich ein Stück. „Wie war die Arbeit?“

Lisa brummte schmunzelnd. „Wie Arbeit eben so is, oder?“

„Ja, klar“, lachte Jonas und sah sich um. „Is Mike schon da?“

Alex guckte verwundert. „Sicher, wo sollte er sonst sein? Gehört ja schließlich zur Familie.“

„Du kannst ihn inzwischen echt gut leiden, was?“, fragte er glücklich.

„Warum auch nich? Er is ‘n toller Kerl!“

„Hast ‘n guten Fang gemacht!“, zwinkerte Lisa.

„Ich weiß!“, zwinkerte Jonas zurück und machte sich auf in sein Schlafzimmer.

Zwischen den weißen Decken und Kissen eines breiten Bettes fand er seinen Freund, einen hochgewachsenen jungen Mann. „Sein nackter Körper war muskulös, Narben zeichneten sich überall auf seiner Haut ab und sein Gesicht wirkte merkwürdig schief, mit tiefsitzenden Augen und ungleichen Ohren.

„Ach?“, brummte Mike. „Du kommst auch mal nachhause?“

„Ich musste länger arbeiten.“ Jonas strich ihm durch die ascheschwarzen Haare. „Hast du mich vermisst?“

„Klar, Mann“, lächelte er und packte seinen Arm. „Los, komm her!“

Verspielt zog er Jonas auf die Matratze. Er streifte ihm die Kleidung ab und innig fielen sie übereinander her, während seine rauen Lippen die Worte hauchten, die sein Freund schon so lange Zeit von ihm hören wollte.

„Ich liebe dich!“

Jonas spürte grenzenlose Freude in sich aufsteigen. Er streichelte über die stramme Brust und beugte sich vor, um ihn zu küssen. Doch ehe er den Mund erreicht hatte, bemerkte er den schmerzverzerrten Ausdruck in Mikes Gesicht.

Erschrocken richtete er sich auf und sah seine Hände an der Kehle seines Freundes liegen. Außerhalb seiner Kontrolle pressten sie den Hals zusammen und ließen Mike hilflos nach Luft schnappen. Aus den Augenwinkeln machte Jonas eine Gestalt neben sich aus und erkannte sich selbst, mit einer schweren Pistole in der Hand und grenzenloser Angst in der Miene.

„Hörn Sie auf damit!“, schrie der bewaffnete Junge. „Stopp!“

 

Und mit dem Knall des Schusses schreckte Jonas aus dem Traum.

Er fasste sich an die schweißnasse Stirn und versuchte, sich zu orientieren. Der abgedunkelte Raum um ihn herum schwankte und er riss einen Vorhang vor dem Fenster zur Seite. Jonas drückte sein Gesicht an eine schmale Öffnung der Scheibe und sog die kühle Fahrtluft ein, während er den Rand der Straße, Bäume und Felder an sich vorbeirauschen sah.

Das Sonnenlicht erhellte den Innenraum des rostigen alten Kleinbusses und fiel auf einen nackten jungen Mann unter einer Wolldecke. Mike schnarchte friedlich vor sich hin. Jonas ließ sich von der Gleichmäßigkeit seiner Atmung beruhigen, griff sich einen Rucksack und wühlte sich durch die Kleidungsstücke, bis er ein ganz bestimmtes fand.

Es war ein einfaches T-Shirt, besprenkelt mit getrocknetem Blut. Jonas erinnerte sich zurück an den grauenvollen Moment. Er sah Mikes Vater seinen Sohn würgen und sich selbst mit der Waffe in der Hand. Verzweifelt drückte er ab, das Blut spritzte durch den Raum und der Mann stürzte leblos zu Boden. Jonas ließ all das immer und immer wieder an sich vorüberziehen, bis er plötzlich Mikes verschlafene Stimme hinter sich hörte.

„Was machst du da?“

Erschrocken stopfte er das grausige Shirt zurück in den Rucksack. „Nichts! Nichts, ich … hab nur was nachgesehen …“

Sein Freund räkelte sich. „Wie lange habn wir gepennt?“

„Nich lange“, stellte er mit einem Blick auf eine Uhr fest. „Nich mal ‘ne halbe Stunde.“

„Sind immer noch unterwegs, häh?“

„Ja.” Jonas sah auf die vorbeirauschenden Bäume. „Keine Ahnung, wie lange das noch dauert.“

„Na dann komm wieder her!“, forderte Mike ihn auf und zog dabei, wie er es oft tat, Lippen und Augenlider in Richtung seiner Nase.

„Was denn?“, schmunzelte sein Freund. „Schon wieder?“

„Ich dachte, das magst du an mir.“

„Ja schon, nur … Ich weiß nich, wie lange ich da noch mithalten kann …“

Mike schnaubte und verdrehte die Augen. „Du Schlappschwanz …“

„Schlappschwanz!?“

„Wenn du nich mehr ficken kannst, bist du ‘n Schlappschwanz.“

Jonas versetzte ihm einen Schlag. „Hey, ich bin kein Schlappschwanz!“

Mikes Grinsen wurde breiter. Er schlug die Decke zurück, entblößte seinen nackten Körper und reckte sich seinem Freund auffordernd entgegen.

„Na, dann komm her und beweis es mir!“

Jonas kroch zu ihm. Er schlug seine Arme um Mike und näherte sich seinen Lippen. Für einen Moment fürchtete er, sein Freund würde seinen Kuss abwehren, wie er es früher immer getan hatte. Doch als ihre Münder sich berührten, kehrte die Freude über den Beginn ihres neuen Lebens zurück und das Glück vertrieb die grausigen Erinnerungen.

Eng umschlungen liebkosten sie sich, bis der rostige Wagen langsamer wurde und auf einen Parkplatz einbog. Jonas hörte, wie die vorderen Türen geöffnet wurden, und eilig streiften er und Mike sich ein paar Kleidungsstücke über.

„Seid ihr angezogen?“, dröhnte eine Stimme durch das alte Blech.

Die beiden lachten. „Äh … größtenteils …“

„Dann mach ich jez die Tür auf!“

Ein schmerzendes Quietschen später sah Jonas das gestresste Gesicht seines Bruders. An ihm vorbei erkannte er Lisa, die mit vor dem Mund gehaltener Hand zwischen einigen Büschen verschwand.

„Na?“ Alexander zog missmutig die Augenbrauen hoch. „Spaß gehabt?“

„Ja …“, murmelte sein Bruder und errötete.

„Schön für euch. Hier drin riechts wie … Ach, egal.“ Alex kletterte in den Wagen, öffnete eine Kühlbox mit Getränken und suchte nach etwas. „Habt ihr echt das ganze Bier weggesoffen?“

Er kramte sich durch die Getränke, bis er eine Flasche mit einer eigenartig aussehenden Flüssigkeit in den Händen hielt.

„Äh, da hab ich vorhin reingepisst“, warnte Mike ihn.

Alex’ angeekelter Blick wanderte in seine Richtung.

Mike zuckte. „Nach all dem Bier musste ich dringend und du hast ja gesagt, du willst erst mal nich anhalten.“

„Dann stell sie aber nich wieder zu den anderen!“, knurrte Alexander, schleuderte die Flasche aus dem Wagen und wischte sich die Hände ab.

„Werd’s mir merken“, zwinkerte Mike.

Jonas erkannte den Ärger im Gesicht seines Bruders und lenkte eilig auf ein anderes Thema. „Sind wir da?“

Alex nahm einen Schluck Limonade und schüttelte den Kopf. „Noch lange nich. Aber da vorne um die Kurve is die Grenzkontrolle.“

„Und?“

„Und das heißt, hier trennen sich unsere Wege.“

„Wie jez?“, fragte Mike verwirrt. „Schmeißt du mich raus?“

„Nein, du bleibst. Jonas und Lisa fliegen raus. Die Sache is auch so schon riskant genug, ich will euch beide nich in Gefahr bringen.“

Jonas verstand nicht. „Wo is denn das Problem?“

„Wo das Problem is? Tja, mal überlegen …“ Alexander kratzte sich theatralisch am Kinn. „Mein Führerschein is gefälscht, die Nummernschilder vom Wagen sind geklaut, genauso wie einige Teile von ihm, er is also nich angemeldet und … ach ja, fast hätt ich’s vergessen!“ Er beugte sich zu Mike. „Wir haben einen entflohenen Mörder an Bord!“

„Ich hab meinen Alten nich umgebracht!“

„Erzähl das den Bullen, wenn die uns an der Grenze festnehmen …“

Brummend sah er sich nach seiner Freundin um, die grade aus den Büschen hervorkam. Sie steckte sich wankend einige Haarsträhnen hinter die Ohren und hielt sich den Bauch.

„Geht’s dir besser?“, fragte er besorgt.

Lisa nickte kraftlos. „Ja, ich … mir war einfach nur schlecht.“

„Ja, mir wird auch übel, wenn ich an diesen Tag denke. Glaubst du, du kommst klar?“

„Wird schon gehen.“

„Okay.“ Alexander küsste ihre bleiche Wange und wandte sich an seinen Bruder. „Also Jonas, du steigst aus und gehst mit Lisa zu Fuß über die Grenze. Ihr beide solltet keine Probleme bekommen. Ich und Mike fahren mit dem Wagen. Wenn wir erwischt werden, dann kann man euch wenigstens nichts anhängen.“

Protestierend stellte Jonas sich vor seinen Freund. „Nein, so läuft das nich!“

„Das war kein Vorschlag, Jonas!“, knurrte sein Bruder.

„Ich hab dir gesagt, wo Mike is, da werd ich auch sein! Wenn die ihn wieder in den Knast stecken, dann geh ich da auch hin!“

Alexander schnaubte fassungslos. „Also ich finde, dass du für heute schon genug Schwachsinn angestellt hast!“

„Alex, ich …“

Ehe Jonas ausreden konnte, griff Mike seine Hand. „Lass mal gut sein!“

„Aber ich …“

„Es is besser so, er hat recht. Ich will dich nich in Gefahr bringen.“

Verzweifelt sah Jonas ihm in die dunklen Augen. „Hey, ich hab dich da nich rausgeholt, um wieder von dir getrennt zu sein!“

„Und ich hab keinen Mord gestanden, um dich dann trotzdem in den Knast zu bringen. Das wird schon klappen! Vertrau mir einfach mal!“

Er legte seine Hände an Jonas’ Schultern und fing an, sie kaum merklich zu streicheln. Dann sah Mike ängstlich zu Alex und Lisa, beugte sich vor und gab seinem Freund einen Kuss.

Jonas stand wie gebannt vor ihm. Er schaute tief in das schiefe, bebende Gesicht und spürte die Glückseligkeit, nach der er sich so viele Jahre gesehnt hatte.

„Na schön“, stimmte er schließlich zu. „Aber hey, sei bitte vorsichtig!“

„Bin ich.“

„Gut“, nickte Alex. „Bei dir alles klar, Schatz?“

Lisa schniefte, während die Farbe langsam auf ihre Haut zurückkehrte. „Ja, mir geht’s schon besser.“

„Okay. Wartet, bis wir hinter der Grenze sind, und kommt erst dann hinterher. Ich liebe dich.“

„Ich dich auch.“

Sie küssten sich. Dann verteilte Alex die Pässe und seine Arme schwenkten zur Beifahrertür.

„Matt Schikowski!“ Er konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. „Hoffen wir mal, dass deine neue Identität die Zweitausend wert war!“

Mike folgte der Aufforderung, verwirrt von den grinsenden Mündern. Als er den Türgriff in der Hand hielt, traf ihn die Erkenntnis und er fuhr herum.

„Moment mal … Matt Schikowski? Matschkopf?“ Er fluchte. „Ey, so haben mich doch die Wichser im Viertel immer hinter meinem Rücken genannt!“

„Was für ein eigenartiger Zufall …“, murmelte Alexander, während Jonas und Lisa sich vor Lachen gegen den Wagen lehnen mussten.

„Zufall, heh?“, fauchte Mike.

Jonas machte abwehrende Gesten. „Hey, das war nich meine Idee!“

„Na, is mir jez auch egal …“, brummte er und schwang sich auf den Beifahrersitz. „Haut rein!“

Jonas und Lisa blickten ihren Geliebten hoffnungsvoll nach, während Alex den Wagen vom Parkplatz lenkte. Hinter der Kurve sahen sie die Kontrollstation, in der Beamte die Papiere überprüften. Alexander schielte düster zu Mike hinüber und schluckte.

Dann gab er Gas und brachte den alten Wagen seines Vaters bis an die Grenze.

Eine Chance

Jonas beobachtete, wie der bunt-rostige Kleinbus sich in eine Autoschlange einreihte, die vor einer breiten Schranke endete. Mit jedem Wagen, der die Grenze passierte, schien sein Herz ein kleines bisschen langsamer zu schlagen. Panisch wandte er sich an Lisa, die fröstelnd neben ihm lief, und bemerkte ihren wankenden Gang.

„Geht’s dir wirklich gut? Du siehst immer noch ziemlich blass aus.“

„Ja, es wird besser.“ Sie zündete sich eine Zigarette an. „Is vielleicht so ‘ne Art Reisekrankheit. Ich war noch nie so lange unterwegs. Und die alte Karre wackelt ganz schön.“

„Stimmt auch wieder …“ Jonas bat um einen Zug und sog den Rauch tief in seine Lungen. „Glaubst du, die schaffen’s?“

„Hoffentlich. Sonst is Lex nämlich auch am Arsch. Wir haben nur die eine Chance!“

„Ja …“, seufzte er. „Das is alles meine Schuld …“

Lisa schüttelte den Kopf. „Das is nich deine Schuld, das is einfach alles scheiße gelaufen.“

„Ich wollte unbedingt mit Mike ‘ne Nacht in ‘nem Bett verbringen. Wir waren nur deswegen bei ihm. Nur deswegen hat sein Vater uns erwischt und ich hab ihn …“ Ihm blieben die Worte im Hals stecken.

„Das is Schwachsinn, Jonas!“, bekräftigte sie überzeugt. „Du hast getan, was du tun musstest! Und jez müssen wir halt das Beste draus machen. Nur noch ein paar Meter und dann …“ Sie pustete den Qualm in die Luft. „Ist alles vorbei.“

Jonas stimmte zu und schaute wieder nach vorn. Mike und Alexander waren inzwischen am Kopf der Schlange angelangt. Seine Knie wurden weich, als die Beamten sich die Pässe reichen ließen. Einer der Männer setzte sich an einen Computer und tippte auf der Tastatur herum, während Jonas den Atem anhielt.

„Das mit dem Kuss grade …“, versuchte Lisa, sich und ihn von der Anspannung abzulenken. „Das hat ihn echt was gekostet, häh?“

„Ja …“, nickte Jonas abwesend. „Ich hätte nich gedacht, dass er sich das vor anderen traut. Hoffen wir mal, dass das kein Abschiedskuss war …“

Weiter vorn auf der Straße kehrte der Wachposten langsam zu dem Kleinbus zurück. Sie sahen, wie er sich in das offene Fenster lehnte und ein paar Worte mit den Insassen wechselte. Die Sekunden dehnten sich in unendliche Längen. Und als die Schranke sich endlich öffnete, holte Jonas’ Herz ihn mit einem befreienden Schlag aus der Starre.

Lisa sprang in die Höhe und erleichtert fielen die beide sich in die Arme. Ein kühler Wind streichelte ihre Gesichter und erfüllte sie mit ungeahnter Energie. Lachend neckten sie sich und setzten ihren Weg fort, hinein in ihr neues Leben.

„Also …“, begann Lisa, als ihre Freudenstimmung den Höhepunkt erreicht hatte. „Jez erklär mir das doch noch mal ganz in Ruhe.“

„Erklären, was denn?“

„Du und Mike. Ich meine … ich versteh’s einfach nich!“

„Was verstehst du da denn nich?“

„Du bist der netteste Junge, den ich kenne. Und Mike ist … Naja …“

Jonas zog eine Augenbraue hoch. „Der größte Abschaum, den du kennst?“

„Das hast du jez gesagt!“, entgegnete sie, ehe sie den Kopf hin und her wog. „Aber … ja, das trifft es ganz gut.“

„Ich weiß, er … er is nich grad der beste Mensch der Welt, er sieht auch nich gut aus oder is super intelligent oder reich oder so was, aber …“

„Er is gut im Bett?“, fragte Lisa schmunzelnd.

„Ja, das is er allerdings …“ Jonas errötete. „Aber das is nich der Grund, ich … So, wie ihr ihn kennt, wie alle ihn kennen, so ist er nicht! Ich hab das auch lange gedacht, aber dann …“ Mit überschwänglichen Gesten redete er auf sie ein. „Ich kann dahinter sehen, verstehst du? Ich kann sehen, wie er ist. Und das, was ich sehe, das … das ist liebenswert!“

„Die Verpackung ist es aber nich grade.“

„Für mich schon. Du liebst doch meinen Bruder, oder?“

„Natürlich tue ich das!“

„Ist er dann für dich nich auch der hübscheste Mensch der Welt? Der Süßeste? Der Heißeste?“

Sie lachte. „Hey, auch wenn man ihn nich liebt, ist dein Bruder eigentlich ein attraktiver Kerl.“

„Kann sein, aber … Wenn du jemanden wirklich liebst, dann is er für dich der Schönste auf der Welt. Da können dann selbst solche Typen wie George Clooney oder Brad Pitt nich mithalten.“

„Geht’s vielleicht etwas jünger?“, fragte sie stirnrunzelnd.

Jonas überlegte. „Justin Bieber?“

Lisa bekam einen so starken Lachanfall, dass sie sich am Zigarettenrauch verschluckte. „Also dazu sag ich jez gar nichts!“ Hustend schüttelte sie den Kopf. „Aber ich weiß, was du meinst. Und du hast recht, nur … Mike …“ Angeekelt verzog sie die Lippen. „Ich kann das halt einfach nich nachvollziehen.“

„Gib ihm ‘ne Chance!“

„Tu ich ja … Es ist eigenartig! Gib mir wenigstens damit recht.“

„Ja, es ist eigenartig. Aber das is ja so schön daran. Mit Mike hat man das Gefühl, als würde man jeden Tag ein Abenteuer erleben. Und damit mein ich nich die Situation, in der wir jez sind, ich mein das ganz allgemein. Selbst wenn wir nur so da liegen, is es einfach aufregend. Und wenn ich mir die Zukunft vorstelle, fünfzig oder sechzig Jahre, wenn’s auf das Ende zugeht und ich in einem Bett liege … Wenn ich mich dann zur Seite drehe und Mike neben mir liegt, das würde mich glücklich machen.“ Jonas schloss für einen Moment die Augen. „Er macht mich glücklich.“

„Du liebst ihn wirklich, was?“

„Ja. Mehr als irgendwas sonst.“

„Na schön“, seufzte sie. „Ich werd schon mit ihm auskommen.“

„Danke.“

Jonas gab ihr einen Kuss auf die Wange. Während sie ihren Weg über die Grenze fortsetzten, lenkte Alexander den Wagen ein Stück hinter der Kontrollstation an den Straßenrand. Obwohl der letzte Schritt ihrer Flucht geglückt war, stand die Sorge noch immer in seiner Miene. Er stellte den Motor ab und schaute zu Mike hinüber, der die ärgerlichen Blicke nur langsam bemerkte.

„Was starrst du mich so an?“

„Ich weiß, dass du stärker bist als ich“, antwortete Alex.

Mike guckte verwirrt. „Willst du jez gegen mich kämpfen?“

„Du hast aber keine Ahnung, wie stark ich werden kann, um meine Familie zu beschützen!“

Ratlos zuckte er. „Kein Plan, was das heißen soll.“

„Es gefällt mir nich, dass du hier bist. Es gefällt mir auch nich, dass Jonas dich aus dem Gericht geholt hat.“

„Warum hast du ihm dann geholfen?“

„Weil ich ihn nich davon abbringen konnte. Ganz ehrlich? Ich hätte nich gedacht, dass er da wieder rauskommt, schon gar nich zusammen mit dir! Aber falls doch, wusste ich, dass er ohne mich nich weit kommen würde. So is es mir immer noch lieber, als wenn er im Knast landet. Für mich bist du so eine Art notwendiges Übel, aber wenn du meinem kleinen Bruder nochmal irgendwie wehtust, dann kriegst du’s mit mir zu tun, verstanden?!“

Mike wehrte ab. „Ich hab nich vor, ihm wehzutun. Hey, ich weiß, du kannst mich nich leiden …“

„Stimmt, kann ich nich!“

Nachdenklich nickte er vor sich hin. „Hab dir wohl auch ‘ne Menge Gründe dafür gegeben.“

„Ja, hast du!“

„So bin ich aber nich mehr, ich …“

„Ja, ich weiß!“, unterbrach Alex ihn zustimmend. „Ich weiß, dass du jez anders bist. Ich weiß nur noch nich, was genau du jez bist!“

„Ja, ich auch nich …“, seufzte Mike. „Aber ich schwör dir, dass ich Jonas nich verletzen will. Hab ich wohl ‘n paar Mal, wollte ich aber nie. Und …“ Er brauchte einen Moment, um sich zu überwinden. „Das hier is eigentlich nich mein Ding, aber da ich mich ändern will: Gib mir ‘ne Chance, dir zu zeigen, dass ich nich mehr der Alte bin!“

„Kriegst du!“, entgegnete Alex streng. „Aber nich für dich, sondern für Jonas! Weil ich ihn nämlich nur noch mit dir haben kann. Also müssen wir wohl ‘n Weg finden, miteinander klar zu kommen.“ Mit Feindseligkeit in den Augen reichte er ihm die Hand. „Okay?“

„Okay!“, schlug Mike ein.

Sekunden später wurde die Seitentür aufgerissen und zwei freudige Gestalten stürmten hinein.

Jonas sprang sofort nach vorne in den Fahrerraum. „Gab’s bei euch irgendwelche Probleme?“

„Nein, alles in Ordnung“, antwortete Alex und drehte sich zu seiner Freundin. „Bei euch auch?“

„Ja, alles gut.“