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Ein geheimnisvoller Geschichtenerzähler trifft am Lagerfeuer auf eine Schulklasse. Seine Geschichten haben ihren Ursprung in der realen Welt, aber gleiten dann hinüber in eine fantastische Welt, wo Kinder spurlos verschwinden, eine kleine Raupe sich zum Dämon entwickelt, oder riesige Blut saugende Fledermäuse Menschen angreifen. Ein rabenschwarzer Kieselstein ist der Schlüssel zu einer dieser Geschichten.
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Seitenzahl: 117
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Minimale Luftdruckschwankungen bringen eine Flüssigkeit in unserem Ohr zum Schwingen. Dadurch bewegen sich winzige Haare, die elektrische Impulse an das Gehirn abgeben. Unser Denkorgan macht daraus eine Symphonie von Beethoven. Elektromagnetische Wellen in einem sehr schmalen Frequenzbereich reizen lichtempfindliche Zellen in unserem Auge und der Computer in unserem Kopf erkennt einen bunten Blumenstrauß.
Aber wie weit können wir unserm Gehirn trauen? Wie wirklich ist das, was unsere kleinen grauen Zellen aus den Signalen, die unsere Sinne aufnehmen, erzeugt? Es wäre doch möglich, dass da draußen, jenseits der kleinen Welt unseres Gehirns, eine weit komplexere Welt existiert. Ein Universum, das sich unserem Verstand entzieht. Theoretische Physiker rechnen heute schon mit weit mehr als drei Dimensionen.
Liebe Leserin, lieber Leser, lassen sie sich mit diesem Buch entführen in eine Welt, in der sich hinter ganz alltäglichen Gegenständen und Lebewesen eine Geschichte verbirgt, die in spannende und manchmal gruselige Abgründe unserer Fantasie hinab reicht.
Ich wünsche Ihnen eine unterhaltsame und spannende Lektüre!
Ihr Reinhold Güthler.
Am Lagerfeuer
Der geheimnisvolle Fremde
Der kalte Fleck
Sage oder Wirklichkeit
Annemarie und der Weltenbaum
Pinkelpause
Uralte Wesen
Von der Fee zum schwarzen Stein
Ein rabenschwarzer Kieselstein
Der Deal
Die Ausreißerin und die Vampire
Ein nebulöser Abgang
Der Autor und seine Werke
Hell züngelten die Flammen des Lagerfeuers in den sternklaren Nachthimmel, welcher erst vor kurzer Zeit das malerische Abendrot abgelöst hatte. Das monotone Zirpen der Grillen und Heuschrecken auf den Wiesen rings umher bildete die typische Geräuschkulisse einer lauen Sommernacht. Unten im Tal schlängelte sich gemächlich ein Fluss durch die Landschaft. Den Hintergrund beherrschte ein Fichtenwald, aus dessen Tiefe die letzte Strophe vom Konzert einer Amsel tönte. Er wirkte wie ein dunkelgrauer Vorhang, dessen Spitzen an den silbern leuchtenden Sternen des nachtblauen Himmels aufgehängt waren. Im Buchenhain westlich vom Lagerplatz stimmte eine Nachtigall ihre Serenade an. Der würzige Duft von frischem Heu legte sich dezent über die idyllische Hochebene.
In einem Halbkreis saßen die Schüler und Schülerinnen einer sechsten Klasse auf Bänken, wie man sie von Bierzelten kennt, um das Feuer. Sie waren kurz vor den Sommerferien mit ihrem Klassenlehrer und dessen Ehefrau, ebenfalls eine Lehrerin, auf einer fünftägigen, naturkundlichen Exkursion. Als Zeltplatz hatten sie sich eine vor kurzem abgeerntete Wiese ausgesucht, die an drei Seiten von Wald begrenzt war. Nur nach Süden konnte man ungehindert in das weite Flusstal blicken.
Am vierten und letzten Abend am Lagerfeuer befand sich jedoch die Begeisterung bei den Schülern auf dem Tiefststand. Gegrillte Steaks und Würstchen hatten ihre Magie verloren, heiße Kartoffeln aus den glühenden Kohlen zu angeln, war langweilig geworden und das Repertoire an Liedern, das der Lehrer auf seiner Gitarre beherrschte, vermochte die Stimmung auch nicht mehr zu retten. Nach dem dritten Mal „Smoke on the water“ folgte kein frenetischer Applaus, sondern Friedhofsstille. Es war so still geworden, dass man das Knistern des brennenden Holzes hören konnte. Diese kleinen Wasserdampfexplosionen, die frisches Holz in großer Hitze erzeugte.
Wer genau lauschte, so wie der Lehrer das tat, vernahm sogar das Brechen von dürren Zweigen im nahen Fichtenwald. „Still!“, rief der Pädagoge in die Runde, ein Ohr horchend auf den Wald gerichtet, „hört ihr das auch?“ Alle Kinder lauschten gespannt in Richtung Wald. Man konnte ganz deutlich das Rascheln und das Knacken, welches beim Laufen auf trockenem Waldboden entsteht, hören. „Wenn wir ganz leise sind, dann kommt bestimmt bald ein Reh, oder gar eine ganze Reh Sippe, aus dem Wald spaziert“, flüsterte der Lehrer. „Wow, das ist sicherlich ein Rudel Wölfe oder gar ein Bär“, meinte der vorlaute Andi in der Absicht, die Mädchen zu erschrecken.
Die Schritte aus dem Wald wurden von Sekunde zu Sekunde lauter. Unbestreitbar näherte sich jemand oder etwas dem Lagerplatz. Plötzlich konnte man eine Gestalt am Waldesrand erkennen. Es war kein Reh. Im Mondlicht zeichneten sich die Umrisse eines Menschen ab. Dieser Zweibeiner ging weiter zielstrebig auf das Lagerfeuer zu, und das, was anfangs nur ein kleiner grauer Schatten in Menschengestalt war, entpuppte sich im Licht des Feuers als ein hochgewachsener, kräftiger Mann. Der Fremde blieb gegenüber dem Schülerhalbkreis, etwa drei Schritte vor der Feuerstelle, stehen. Er war fast zwei Meter groß und hatte einen muskulösen Oberkörper, wie Conan der Barbar. Auf dem Kopf trug er einen Hut, wie einst Indiana Jones und an seinem Gürtel steckte ein Messer, fast so lang, wie das von Crocodile Dundee.
Einige mutige Schüler hatten sich armdicke Stecken aus dem Feuerholzvorrat besorgt und waren in Verteidigungsstellung gegangen. Die Lehrerin hatte alle Mädchen hinter sich in Sicherheit gebracht. Der Lehrer behielt aber die Ruhe und versuchte, um jeden Preis eine Eskalation der Situation zu vermeiden. Er sagte zu den Jungs: „Habt ihr schon einmal von der guten alten Tugend gehört, die man Gastfreundschaft nennt? – Also werft die Stecken ins Feuer und setzt euch hin!“ An seine Frau gerichtet sagte er: „Das gilt auch für die Mädchen.“ Als alle Kinder wieder auf den Bänken Platz genommen hatten, sprach er den Fremden an, der immer noch stumm und regungslos am Feuer stand: „Fremder, setzt dich doch zu uns. – Wie ist dein Name?“ Der Fremde setzte sich auf die Bank gleich neben den Lehrer, ohne ein Wort zu sagen. Im Schein des Lagerfeuers konnte man jetzt gut sein Gesicht erkennen. Es war ein außergewöhnlich markantes Gesicht, mit Ecken und Kanten. Besonders auffallend war seine große Nase. Am Kinn trug er einen Dreitagebart. Aber er hatte gütige Augen, die sagen wollten: „Habt keine Angst, ich tue euch nichts Böses.“
Der Fremde starrte unentwegt auf den Grill mit den Steaks und den Würsten. „Was sind wir doch für schlechte Gastgeber“, sagte die Frau des Lehrers und fragte dann: „Wollen sie ein Steak, oder lieber eine Grillwurst?“ Der Fremde sagte immer noch nichts, stand nur auf, ging zum Grill und nahm sich ein fast schwarz gegrilltes Steak und eine Scheibe Brot. Dann setzte er sich wieder auf die Bank und begann zu essen. Er aß, als hätte er schon tagelang nichts mehr zu essen gehabt. Der Lehrer holte eine Flasche Limo unter seiner Bank hervor und reichte sie dem Fremden. Der aber deutete mit dem Finger auf den Träger mit dem Mineralwasser. Ein Mädchen brachte dem unerwarteten Gast eine Flasche Wasser. Dieser trank die Flasche in einem Zug leer, so als hätte er schon verdammt lange nichts mehr zu trinken gehabt.
Der Lehrer versuchte derweil nochmal, den Namen des unbekannten Mannes zu erfahren: „Wie dürfen wir dich nennen, Fremder?“ Jetzt endlich antwortete der geheimnisvolle Mann: „Nennt mich Geschichtenerzähler.“ „Na schön“, sagte der Lehrer, „das ist zwar ein ungewöhnlicher Name, aber dann kannst du uns sicher eine Geschichte erzählen.“ Der Fremde musterte den Fragenden mit einem durchdringenden Blick von Kopf bis Fuß. Anschließend schaute er hinauf zum Mond, so als wollte er Luna die Mondgöttin um Erlaubnis bitten, dann sagte er mit angenehm dunkler Stimme: „Deshalb bin ich gekommen. - Ich hoffe, ihr seid alle reif genug für meine Geschichten.“ Also fing der Fremde an zu erzählen und Lehrer als auch Schüler lauschten gespannt auf das, was er zu sagen hatte.
In einer ganz normalen Siedlung stand in einem kleinen Garten ein ganz normales Einfamilienhaus mit weißen Wänden, einem roten Ziegeldach und einer Garage. Darin wohnte ein ganz normaler Junge namens Leon mit seinen Eltern. Unter diesem Haus gab es einen ganz normalen Keller, wie ihn jedes Haus in dieser Siedlung hatte. Nun ja, vielleicht war dieser Keller doch nicht so ganz normal, denn in einem der Räume fühlte es sich stets etwas kälter an, als in den übrigen Kellerräumen. Die Ursache schien eine kreisrunde Stelle im Fußboden zu sein, die unerklärlicherweise jahraus, jahrein eine niedrigere Temperatur aufwies, als der restliche Kellerboden.
Leons Eltern wunderten sich zwar darüber, machten sich aber deswegen keine weiteren Gedanken. Sie sahen darin auch keinen Grund zur Beunruhigung. Selbst der Architekt und die Baufirma konnten dieses Phänomen nicht erklären. Bei keiner ihrer früheren Baustellen war je so ein seltsamer Effekt aufgetreten. Leons Interesse galt jetzt eher dem Dachboden. Das Untergeschoss war nicht sein bevorzugter Spielplatz, und so kam es, dass er von dem speziellen Fleck in ihrem Keller nichts wusste. Leons Eltern hingegen machten das Beste aus diesem kostenlosen Kühlaggregat und benutzen das Zimmer mit dem kalten Fleck als Vorratsraum.
Eines schönen Tages waren Vater und Mutter bei Freunden zum Essen eingeladen und Leon musste alleine zuhause bleiben. Sein Vater befand, dass sein Sohn inzwischen alt und vernünftig genug war, ohne Babysitter auszukommen. Er sagte: „Mein Sohn, für heute Abend bist du der Herr im Haus. Ich verlasse mich auf dich.“ Der junge Mann von elf Jahren war der gleichen Meinung, und so konnten sie die Bedenken der Mutter zerstreuen. Zudem war ihr Haus alarmgesichert und die Gastgeber wohnten nur zwei Straßen weiter. Leon konnte es kaum noch erwarten, einmal alleine Herr über das Haus zu sein. Niemand würde ihm an diesem Abend vorschreiben, welches Fernsehprogramm er sehen darf und wann er ins Bett gehen soll. Er musste natürlich seiner Mutter versprechen keine Horrorfilme zu schauen, keinen Alkohol zu trinken und spätestens um zehn im Bett zu sein. Auf gar keinen Fall durfte er fremde Personen ins Haus lassen.
Als nun seine Eltern gegangen waren, machte es sich Leon mit Cola und Chips auf dem Sofa im Wohnzimmer gemütlich. Er durchforschte am 50-Zoll-Flachbildfernseher Sender für Sender und blieb schließlich bei „Fluch der Karibik“ hängen. Diesen Piratenfilm hatte er zwar schon einmal gesehen, aber der war gut, den konnte man auch ein zweites Mal anschauen. Doch die ungestörte Filmfreude dauerte nicht lange. Leon hatte plötzlich das beunruhigende Gefühl, dass jemand um das Haus schlich. Er drehte den Ton am Fernseher leiser und lauschte. Dann hörte es sich so an, als würde dieser Unbekannte an den Rollladen der Terrassentür klopfen. Aber wer konnte das sein? Um diese Zeit? Leon beschloss, so zu tun, als wäre niemand zuhause. Da die Wohnzimmertür offen stand, hatte er freien Blick auf die Haustür. War da jemand an der Eingangstür? Er hätte schwören können, dass sich der Türgriff bewegt hatte.
Leon bekam es verständlicherweise mit der Angst zu tun, aber er war auf der anderen Seite auch überaus neugierig. Er kurbelte den Rollladen der Terrassentür einige Zentimeter nach oben und schaute durch einen der Spalte, die zwischen den Lamellen entstanden waren. Und für den Augenblick eines Wimpernschlages glaubte er unter der japanischen Zierkirsche, ein Mädchen in einem strahlend weißen Kleid gesehen zu haben. Leon schätzte sie ein bis zwei Jahre jünger als er selbst. Unerklärlicherweise war diese Gestalt von einem Augenblick auf den anderen verschwunden. Ebenso merkwürdig fand er, dass das Mädchen silbergraue Haare hatte, wie eine alte Frau. Er schaute noch einige Minuten durch diesen Spalt in den Garten, aber es war außer Dunkelheit nichts mehr zu sehen, und zu hören war außer dem Miau einer streunenden Katze ebenfalls nichts. Schlussendlich fragte sich Leon, ob er sich vielleicht dieses Mädchen nur eingebildet hatte. Er wollte nicht weiter darüber nachdenken und kehrte zu dem Piratenfilm im Fernsehen zurück.
Während der Werbepause brauchte Leon Nachschub an Chips und zudem musste er dringend seine Blase entleeren. Als er von der Toilette wieder ins Wohnzimmer gehen wollte, da vernahm er plötzlich ein leises Jammern, so als würde ein Kind schluchzen und weinen. Leon beachtete das seltsame Geräusch zuerst nicht weiter und widmete seine ganze Aufmerksamkeit dem Piratenabenteuer im Fernsehen. Doch auf einmal war dieses jammernde Geräusch wieder da. Leon drehte den Ton am Fernsehen lauter, aber dieses kindliche Weinen und Schluchzen mischte sich subtil mit dem Ton des Fernsehfilms. So ein penetrantes Störgeräusch konnte jeglichen Filmgenuss zerstören, weshalb Leon den Ton am Fernseher ausschaltete, um der Quelle dieses ungebetenen Lärms auf die Spur zu gehen. Es hörte sich ganz so an, als würde diese kindliche Geisterstimme aus dem Keller kommen.
Leon war nun entschlossen, dem Spuk auf den Grund zu gehen. Dennoch zögerte er vor dem Eingang zum Untergeschoss. Das Gefühl von Angst durchströmte seinen Körper und Gänsehaut bildete sich an den Armen und Beinen. Auch spürte er so ein komisches Kribbeln im Bauch. Aber warum sollte er denn Angst im eigenen Haus haben? Außer ihm war doch niemand da. Oder? Vorsichtig öffnete er die Tür zum Keller, schaltete das Licht ein und stieg mit etwas zittrigen Knien die Kellertreppe hinunter. Als er etwa die Hälfte der Stufen geschafft hatte, wurde es plötzlich stockfinster, sodass er absolut nichts mehr sehen konnte. Als ob das nicht beängstigend genug gewesen wäre, hörte er, wie oben die Kellertür ins Schloss fiel. Sofort tastete er sich Stufe für Stufe hinauf zum Eingang ins Untergeschoss, aber so sehr er sich auch gegen die Tür stemmte, sie blieb verschlossen. Das unheimliche Jammern war jetzt noch lauter geworden, doch Leon, der ein ungewöhnlich tapferer Junge war, fasste neuen Mut und den Entschluss, jetzt erst recht dem gespenstischen Treiben ein Ende zu setzen.
Er hoffte, dass der Lichtausfall eine ganz natürliche Ursache hätte und im Verteilerschrank der Elektroinstallation zu finden sei. Sein Vater, ein Elektro-Ingenieur, hatte ihm einiges über Hauselektrik beigebracht. Vorsichtig stieg er die zwölf Stufen der Kellertreppe in absoluter Dunkelheit, es war so finster, dass nicht einmal Minka, die Hauskatze, hätte etwas sehen können, hinunter und tastete sich Schritt für Schritt den Flur entlang zum Sicherungskasten. Er wusste, dass dort immer eine Taschenlampe für eben solche Fälle bereitlag. Leon ertastete die Lampe und endlich erhellte wieder etwas Licht den finsteren Kellerflur. Er öffnete die Tür des Verteilerkastens und überprüfte erst die Sicherungen. Die waren alle OK. Dann konnte es nur der Fehlerstromschutzschalter sein. Aber merkwürdigerweise war auch der eingeschaltet. „Megaseltsam“, dachte er bei sich, „vermutlich ist einfach die Birne der Lampe im Kellerflur hinüber.“
Diese kindliche Geisterstimme war immer noch zu hören. Das aller Schrägste war, dass sie jetzt sogar seinen Namen rief. „Leon“, rief sie, „Leon, komm zu mir!“ Er hörte es ganz deutlich. Diese Stimme kam eindeutig aus dem Vorratsraum, der sich genau am entgegengesetzten Ende des Ganges befand. Der Junge fragte sich, was in
