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Das Werk umfasst eine kleine Sammlung von Kurzgeschichten, die alle etwas mit kriminellen Handlungen zu tun haben. In der ersten Geschichte hat Rinaldo, der kleine Italiener aus München, panische Angst vor einer einsamen Unterführungen. Um bei einem Rendezvous nicht unpünktlich zu sein, wagt er doch den Durchgang. Erzählung zwei handelt von einem Mann, der beschuldigt wird, die vierzehnjährige Tochter seiner Lebensgefährtin vergewaltigt zu haben. Die dritte Geschichte ist ein Kurzkrimi, in dem Hauptkommissar Kleinholz den Mord an einem Landwirt aufklären muss.
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Seitenzahl: 45
Veröffentlichungsjahr: 2014
„Eine Autobahn mit drei Spuren in jeder Fahrtrichtung und hineinreichend bis kurz vor die Stadtmitte ist eine feine Sache – für Autofahrer“, dachte sich Rinaldo. Er selbst hatte leider kein Auto, aber das Bedürfnis auf die andere Seite der Autobahn zu gelangen. Für alle anderen Fußgänger wäre das das geringste Problem gewesen, denn unmittelbar vor ihm befand sich eine Fußgängerunterführung. Jedoch Rinaldo hatte panische Angst vor Räumen, die sich unter der Erde befinden. Das wäre jetzt auch noch kein Beinbruch gewesen, denn ungefähr einen Kilometer in Richtung Innenstadt hatte die Autobahndirektion damals eine Fußgängerüberführung bauen lassen. Diese Alternative kam aber an diesem Tag auch nicht in Frage, da er in zehn Minuten mit seiner Freundin, der süßen aber ungeduldigen Roswitha, auf der gegenüberliegenden Seite verabredet war. So blieb dem armen Rinaldo keine andere Möglichkeit, als all seinen Mut zusammen zu kratzen und seine Angst vor Tunneln für dieses eine Mal zu überwinden. Rinaldo war nicht gerade groß, ja eher klein, und er war auch nicht besonders stark, eigentlich eher etwas schwächlich. Er war aber trotzdem überzeugt, von seiner geistigen und moralischen Größe und von Muskelmännern hielt er sowieso nichts. Kurzum er war mit sich zufrieden, so wie Gott ihn geschaffen hatte.
Er stand nun auf der ersten Stufe jener Treppe, die hinab führt bis an den Eingang zur Hölle. Er holte noch einmal tief Luft und lief zügig die Stufen hinunter. Bevor er aber den Schlund des Grauens betrat, tankte er nochmal Mut, indem er sich vorstellte, wie schön es nachher beim Rendezvous mit Roswitha sein wird, und dass wohl kaum viel mehr als hundert Schritte nötig sind, um auf die andere Seite zu gelangen. Erschwerend war der Umstand, dass die Unterführung nicht geradlinig von einer Straßenseite auf die andere führte, sondern das verfluchte Ding war gebogen, so sehr, dass man keine 20 Meter einsehen konnte. Am Beginn des Tunnels, also an Rinaldos aktuellem Standort, drang noch Tageslicht in die Röhre. Rinaldo ging also los, einen verzagten Schritt nach dem andern. Dort wo die leicht gewölbte Decke die, mit riesigen quadratischen Fließen verkleideten, Wänden berührte, waren Leuchtstoffröhren montiert, von denen jedoch nur jede zweite leuchtete. Aber von diesen, die eigentlich Licht spenden sollten, waren auch noch einige defekt. „Schön, dass die Stadt ausgerechnet hier sparen muss“, dachte sich Rinaldo. Das schummerige Licht machte sein Vorhaben nicht einfacher, und das Nerv tötende Klicken und kurze Aufflackern der defekten Lampen brachte ihn an den Rand des Wahnsinns. Er sah nach vorn und sah nur einen endlosen Tunnel, er drehte sich kurz um und erblickte ebenfalls nur eine endlose Röhre. Rinaldo spürte so langsam die Angst in sich wachsen. Sein Puls wurde schneller und schneller und Schweißperlen zierten seine Stirn. Der Zeitpunkt für Angst einflößende Gedanken war gekommen, und er konnte sich nicht dagegen wehren.
„Hinter der nächsten Biegung wartet bestimmt schon der Ripper von München“, dachte er. „Er hat sein scharfes, ellenlanges Küchenmesser schon gezückt, nur darauf wartend, dass ein unglückseliger Fußgänger vorbeikommt“, fantasierte er weiter. „Dann wird dieser gnadenlose Psychopath erst meinen Hals von einem Ohr zum anderen aufschneiden und schließlich meinen Bauch aufschlitzen um die Eingeweide im Tunnel zu verteilen“, redete sich Rinaldo ein, sodass ihm schlecht wurde vor Angst. Er blieb kurz stehen, hielt den Atem an und lauschte, aber es war nichts zu hören, außer den dumpfen Lärm der Autobahn und dem Klicken der kaputten Lampen. Also beschloss er vorsichtig weiter zu gehen. Plötzlich durchbrach ein Geräusch die akustische Monotonie der Unterführung. Es war als würde eine leere Flasche den harten Beton des Tunnelbodens berühren. Rinaldo drückte seinen zitternden Körper an die Tunnelwand und ging lautlos auf Zehenspitzen weiter.
„Das ist bestimmt eine Jugendbande, die ihren Drogenkonsum mittels Beraubens von harmlosen Passanten bestreitet“, folgerte er und stellte sich weiter vor, wie er von zwei brutalen Bandenmitgliedern festgehalten wird, während ein Dritter seine Taschen durchwühlt. Schließlich werden sie noch aus Spaß auf ihn einschlagen, bis er halb tot und blutverschmiert auf dem Tunnelboden liegt. Rinaldo wollte umkehren, aber er wusste nicht auf welcher Seite des Tunnels die Bande wartete und außerdem hatte er schätzungsweise schon mehr als die Hälfte der Strecke geschafft.
Doch was war das, ihm war als hätte er Schritte gehört. Zwar ganz leise noch, aber real. Und ihm fuhr blitzschnell der Gedanke vom besessenen Sexualmörder, dem ein kleiner Italiener genauso willkommen war, wie eine Jungfrau, in den Kopf. Ein riesiger Kerl, mit fliehender Stirn, großen eng zusammen liegenden schwarzen Augen und unter der Knollennase ein großer Mund mit aufgeschwollenen Lippen, aus dem fauliger Atem strömt. Und in seiner Fantasie erlebte Rinaldo, wie ihn der Unhold von hinten packte und würgte, dann musste er sich splitternackt ausziehen, worauf der Sexualmörder mit ihm Sachen machte, die er sich nicht vorstellen wollte. Als der Riese seinen Spaß hatte, würgte er den armen Rinaldo mit seinen kräftigen Händen zu Tode. Zum Glück spielte sich das alles nur in seinem Kopf ab.
