Fünf Tage bis Nikolaus - Reinhold A. Güthler - E-Book

Fünf Tage bis Nikolaus E-Book

Reinhold A. Güthler

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Beschreibung

Das Werk umfasst sechs kleine Erzählungen rund um Weihnachten. In zum Teil amüsanten, aber auch abenteuerlichen Geschichten vom verlorenen Bart des Nikolaus, der wilden Jagd nach einem Rentierschlitten, sprechenden Tieren in der Heiligen Nacht, einem jungen Kater in der kalten Winternacht, einem Waisenjungen beim Christbaumstehlen und von einem alten Knecht im Schneesturm, wird durch mitreißende Erzählkunst eine weihnachtliche Stimmung erzeugt.

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Seitenzahl: 94

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Hallo liebe Leser, wenn sie dieses Buch zur Hand nehmen ist vermutlich der Vorweihnachtsstress schon in vollem Gange. Nehmen sie sich doch einfach etwas Zeit, entschleunigen sie ihren Alltag und genießen sie die besinnliche Adventszeit. Es gibt schließlich im Jahr nur ein Weihnachten und selbst in einem Menschenleben sind es zu wenige um vergeudet zu werden.

Ihr Reinhold Güthler.

Inhaltsverzeichnis

Fünf Tage bis Nikolaus

Kater Siegfrieds unheimliche Begegnung

Der Rentierschlitten

Und sie sprechen doch

Daniel sucht den Christbaum

Knecht Ruprecht und der Brotkaspar

Fünf Tage bis Nikolaus

Wie ein in Stein gemeißeltes Denkmal saß er auf dem alten Küchenstuhl und starrte auf das Fenster zum Hof. Es war ein kalter, lebloser Blick. Wäre jetzt noch jemand im Zimmer gewesen und hätte Nikolai so sitzen sehen, dann dächte diese Person mit Sicherheit, Nikolais Seele sei seinem Körper entflogen und befände sich an einem weit, weit entfernten Ort. Aber da war kein Mensch außer ihm in der Altstadtwohnung im ersten Stock. Die Kinder waren längst schon aus dem Haus und die Frau starb vor fünf Jahren nach kurzer schwerer Krankheit. Im Grunde genommen war die Wohnung für Nikolai Clausinsky viel zu groß, aber er hatte ein halbes Leben darin verbracht und viele Erinnerungen, schöne und traurige, steckten in dieser Wohnung. Herr Clausinsky kam einst aus Polen in unsere kleine Stadt, die ihm zur neuen Heimat wurde. Ein tragischer Arbeitsunfall vor acht Jahren verurteilte den aktiven und arbeitsfreudigen Mann zu einem Frührentnerdasein. Clausinsky saß schon seit dem Frühstück auf diesem Stuhl in jener Küche, deren Design aus den achtziger Jahren des Zwanzigsten Jahrhunderts stammte, und starrte aus dem Fenster. Aber nicht weil die Aussicht so atemberaubend schön gewesen wäre, ganz im Gegenteil, da draußen wartete nur ein kalter grauer Wintertag. Eine Warmfront hatte rechtzeitig zum ersten Advent die glitzernd weiße Schneelandschaft hinweggerafft. Übrig geblieben waren Matsch und Moder. Der trübe Himmel, der von hellgrau wie trockener Sand bis hin zu dunkelgrau wie nasser Asphalt täglich variierte, ließ eisig kalten Nieselregen auf die Erde fallen. Das perfekte Wetter für Depressive. Im Grunde war Nikolai Clausinsky ein fröhlicher Mensch, einer der in der ganzen Nachbarschaft ob seiner Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft beliebt war. Aber seit Tagen drückte eine Ungewissheit auf sein Gemüt. Wie schon gestern und vorgestern verbrachte er auch diesen Vormittag auf seinem Küchenstuhl und beobachtete das Treiben auf der Straße. Es war der Postbote, auf den er so sehnsüchtig wartete. Genau genommen war es ein Brief, den der Zusteller bringen sollte. In der Küche herrschte absolute Ruhe, nur das Ticktack der alten Küchenuhr überlagerte die Stille in monotoner Weise. Manchmal unterbrach Straßenlärm, der durch das Küchenfenster drang, die bedrückende Eintönigkeit. Endlich sah er den Postboten die Straße entlang kommen. Jetzt noch wenige Minuten und die Ungewissheit würde hoffentlich ein Ende haben. Clausinsky erhob sich von dem Küchenstuhl, immer noch in Pyjama und Morgenmantel, und humpelte dem Briefkasten entgegen. Seit seinem Arbeitsunfall hatte er ein steifes Knie. Sichtlich enttäuscht kam er mit einem Packen Werbeprospekte in die Küche zurück, den er dann leicht verärgert auf den Küchentisch warf, worauf ein dumpfer Knall durch Küche und Diele hallte. Der erhoffte Brief war wieder nicht dabei. So langsam wurde Nikolai nervös, denn man zählte nur noch fünf Tage bis Nikolaus. Seit sechs Jahren bekleidete er das Amt des offiziellen Nikolaus der Stadt. Damals, als die Stadtverwaltung einen Nikolausdarsteller für ihre Weihnachtsveranstaltungen suchte, hatte er alle Konkurrenten hinter sich gelassen. Mit seiner stattlichen Figur, seinem lockigen weißen Haar, den voluminösen roten Backen und der leicht angedeuteten Knollennase. Trotz seiner Behinderung, oder vielleicht auch gerade wegen seiner Behinderung, man weiß es nicht, hatte sich die Stadtverwaltung damals für ihn entschieden. Eventuell war es auch der leicht slawische Akzent, der den Ausschlag gab. Seit dem wurde er regelmäßig jedes Jahr von der Stadt beauftragt, von Sankt Nikolaus bis Heiligabend bei den städtischen Veranstaltungen als Weihnachtsmann aufzutreten. Nur in diesem Jahr kam kein Brief von der Stadtverwaltung. Clausinsky nahm dieses Ehrenamt sehr ernst. Er investierte damals selbst viel Geld in eine professionelle Nikolaus Ausrüstung, da ihm die von der Stadt gestellten Utensilien nicht würdig genug erschienen. Nikolai verkörperte den heiligen Nikolaus mit Respekt und Stolz. Jedenfalls gab es in all den Jahren keine einzige Beschwerde. Deshalb konnte er auch nicht verstehen, weshalb er dieses Jahr noch überhaupt kein Jota von der Stadtverwaltung gehört oder gelesen hatte. Immerhin waren es nur noch fünf Tage bis Nikolaus. Seit Mai regierte ein neuer Bürgermeister in der Stadt und vielleicht, so reimte sich Nikolai Gründe für seine Nichtbestellung zusammen, hatte das neue Stadtoberhaupt einen Bekannten, der einen kennt, der selbst gern Nikolaus wäre. Oder womöglich ist die Stelle dem Sparzwang zum Opfer gefallen, denn die öffentlichen Kassen waren, wie in vielen anderen Gemeinden, leer. Doch wenn das so wäre, dann hätte er darüber bestimmt in der lokalen Zeitung gelesen. Ob sich vielleicht doch jemand über ihn beschwert hatte? Gelegentlich hatte er unartige Kinder schon recht forsch zurechtgewiesen. Abgesehen davon, dass er die Rolle als Sankt Nikolaus mit großer Freude spielte, brachte ihm das Ganze auch einen bescheidenen Zusatzverdienst ein, den er ungern missen mochte. Seine Rente reichte so gerade für das Nötigste und mit dem Honorar als Nikolaus wurden die Weihnachtsgeschenke für seine Enkelkinder finanziert und einen kleinen Teil investierte er in ein eigenes Geschenk. Schließlich blieb die Ungewissheit auch fünf Tage vor Nikolaus. Herr Clausinsky verrichtete wie immer seine täglichen Routinearbeiten und grübelte weiter über mögliche Gründe seiner Abwahl.

Am nächsten Morgen, es waren nur noch vier Tage bis Nikolaus, saß Nikolai Clausinsky wieder auf seinem Küchenstuhl und wartete auf die Post. Aber auch an diesem jungen Tag war kein Brief von der Stadtverwaltung dabei. Neben der üblichen Werbung befand sich diesmal wenigstens eine Rechnung im Briefkasten. Die Ungewissheit wuchs und wuchs und Herr Clausinsky litt sichtlich darunter. „Ich kann nicht länger warten, ich muss jetzt was unternehmen!“, sagte Clausinsky zu sich selbst und kramte in der obersten Schublade des Küchenschrankes neben dem Herd nach einem kleinen Notizbüchlein mit blauem Einband. Darin hatte sich Familie Clausinsky die wichtigsten Telefonnummern und Adressen notiert, darunter auch die Nummer von Frau Schwab, die in der Stadtverwaltung neben anderem auch für den Nikolaus zuständig war. Herr Clausinsky humpelte, das blaue Büchlein in der Hand, auf den Flur, wo auf einem kleinen Tischlein das Telefon stand. Es war noch ein Model, wie es seinerzeit von der Bundesfernmeldeanstalt verteilt wurde, aber nicht mehr mit Wählscheibe, sondern schon mit Zifferntasten. Frau Clausinsky häkelte einst einen Mantel für das gute Teil, und obwohl er diese Schutzhülle schon damals nicht besonders schön fand, konnte er sich bis heute nicht überwinden, das Telefon zu entkleiden. Nikolai nahm den Hörer ans Ohr und wählte die Nummer von Frau Schwab. Er hörte das Freizeichen am anderen Ende der Leitung, aber dann wurde er mit Wartemusik beschallt. Als er gerade den Hörer wieder auflegen wollte, vernahm er eine menschliche Stimme, es war die Stimme von Frau Schwab. Herr Clausinsky schilderte ihr sein Anliegen in wenigen knappen Sätzen, denn lange Monologe am Telefon waren nicht sein Ding. In anklägerischem Ton entgegnete die Verwaltungsangestellte: „Das war höchste Zeit, dass sie sich endlich melden. Ich habe ihnen doch schon letzte Woche die E-Mail mit der Beauftragung geschickt und sie gebeten mir umgehend Bescheid zu sagen“. Clausinsky war ein wenig beleidigt über die vorwurfsvolle Art von Frau Schwab, aber dann zögerte er nicht, telefonisch seine Zustimmung zu dem Spezialauftrag zu geben. Er entschuldigte sich noch einmal und bedankte sich für das Vertrauen, das die Stadt ihm entgegen brachte, und verabschiedete sich höflich. Nikolai Clausinsky war so froh, dass diese lähmende Ungewissheit nun endlich Vergangenheit war. Auf der einen Seite könnte er vor Glück einen Purzelbaum schlagen, auf der anderen Seite hätte er sich auch eine Ohrfeige geben können, weil er nicht daran gedacht hatte, seine elektronische Post zu lesen. Er war halt doch noch einer vom alten Schlag, einer der zuerst in den realen Briefkasten schaut und dann erst in den elektronischen. Die Aufgaben des offiziellen städtischen Weihnachtsmanns begannen am Abend des 6. Dezember, dem Sankt Nikolaus Tag, mit dem festlichen Einzug auf dem Rathausplatz. Der Nikolaus fuhr mit seinem Schlitten, gezogen von sechs Rappen, aus dem Dunkel der Nacht auf den hell erleuchteten und weihnachtlich geschmückten Platz vor dem Rathaus. Die Stadtkapelle spiele dazu „Jingle Bells“ und die versammelten Bürgerinnen und Bürger, darunter viele Kinder, klatschten Beifall. Auf der Rathaustreppe übergab dann der Bürgermeister den silbernen Stern der Weihnacht. Immer am zweiten Einkaufswochenende im Advent musste er den ganzen Nachmittag im Einkaufszentrum die Kinder der Kunden unterhalten. Diesen Auftritt mochte Clausinsky nicht so gerne, aber damit verdiente er wahrscheinlich das Honorar, welches die Stadt an ihn zahlte. Dafür entschädigten ihn die Besuche im Kindergarten und in der Grundschule um ein Vielfaches. Den Abschluss bildete der Auftritt im Dom zusammen mit dem Christkind, bei dem er symbolisch den Weihnachtsstern übergab und anschließend mit seinem Schlitten in der dunklen Winternacht verschwand, wie er achtzehn Tage zuvor gekommen war.