Ein Sommer mit Kira - Christine Lawens - E-Book

Ein Sommer mit Kira E-Book

Christine Lawens

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Beschreibung

Sekundenbruchteile haben Laras Leben aus den Angeln gehoben. Völlig verstockt und traumatisiert kommt Lara nach dem tödlichen Autounfall ihrer Eltern zur ihrer Patentante und deren Familie aufs Land. Sie wird dort sehr herzlich aufgenommen, doch die Elfjährige ist ein echtes Stadtmädchen. So kann sie selbst die wunderschöne Landschaft nicht begeistern und sie kann sich nur schwer einleben. Sie soll Lukas, der im Rollstuhl sitzt, zu seinen Reitstunden begleiten. Lara hat für Pferde nichts übrig. Als Lara Lukas Therapiepferd Estrella kennenlernt, beginnt sie langsam aufzutauen. Dabei entdeckt sie zu ihrem eigenen Erstaunen, dass sie schnell Zugang zu diesem Tier findet. Speziell ein Pferd hat es ihr angetan: die Stute Kira, die genauso verstört zu sein scheint wie Lara selbst. Behutsam versucht sie, das Pferd aus seiner Isolation zu befreien - und das Gleiche gilt für sie selbst. Kira gibt Lara neuen Lebensmut und spornt sie an, wieder nach vorne zu schauen. Doch dann überschlagen sich die Ereignisse.

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Seitenzahl: 144

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel

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Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

1.Kapitel

„Du wirst sehen, es wird dir bei uns gefallen.“ Kerstin, Laras Patentante, hatte sich auf der Fahrerseite nach hinten zu ihr umgedreht. Sie lächelte Lara aufmunternd an.

Lara starrte auf ihre Hände und hätte am liebsten losgeheult. Was sollte sie hier, auf dem Land, in diesem verschlafenen Dorf?

Hier gab es ja nicht einmal H&M oder NewYorker. Kein Café, keine Eisdiele, kein Kino, geschweige denn ein Fechtverein. Wo sollte sie jetzt eigentlich trainieren? Darüber ist noch gar nicht gesprochen worden. Nach den Ferien musste sie wieder anfangen, sonst konnte sie die Herbstmeisterschaften vergessen. Sie hatte bereits einige Turniere gewonnen und diese Meisterschaftn war wichtig um weiterzukommen. Darüber musste sie unbedingt mit Kerstin und Alexander sprechen. Sie ließ die Landschaft an sich vorbeiziehen. Felder, Kühe, Backsteinschornsteine. Wie langweilig. Sie dachte an ihre Freundin Nora. Sie beide waren seit der Kindergartenzeit beste Freundinnen. Manchmal hatten sie nach ihrem Powershopping beim Eis essen so viel gelacht, das ihr am Abend die Wangen wehtaten. Jetzt lachte Lara nicht mehr.

„Ach komm, Lara. Lukas freut sich doch so, dich wiederzusehen.“

Heute war der erste Tag der großen Ferien. Aber anstatt mit ihren Eltern nach Mallorca zu fliegen, war sie jetzt hier. Es war wie im Nichts, genauso wie dort, wo sie sich ihre Eltern vorstellte. Ohne Mama und Papa. Sie waren seit einer Woche tot. Ein Autounfall. Lara hatte diesen schrecklichen Unfall überlebt, konnte die Sekunden nicht vergessen. Immer wenn sie die Augen schloss, sah sie den hellen Blitz, hörte sie die schrecklichen Geräusche. Die ganze Fahrt über hatte sie nachgedacht. Was wäre gewesen, wenn? Wenn dieser Unfall nicht passiert wäre? Wenn ihre Mutter und ihr Vater nicht gestorben wären? Dann wäre sie jetzt mit ihnen auf Mallorca. Im Meer schwimmen, jeden Tag ein großes Eis essen und viel Zeit mit den beiden verbringen. Und am wichtigsten, ihre Eltern wären noch am Leben.

Was sollte sie hier in dieser Öde? Sie mochte ihre Patin Kerstin sehr gern und auch deren Mann Alexander. Der war Architekt und hatte sein Büro zu Hause eingerichtet. Nur Lukas, der Sohn der beiden und ein Jahr älter als sie, den konnte sie nicht leiden. Blöder Typ! Er tat ihr zwar ein bisschen leid, da er wegen einer Muskelkrankheit an Krücken gehen musste, aber er zankte gerne. Und ein Klugscheißer war er noch dazu. Sie hatten sich zuletzt zu Weihnachten gesehen.

„Lara?“

Von weitem hörte sie Kerstins Stimme. „Ja!“

„Komm, lass uns aussteigen.“

Lara seufzte, öffnete die Autotür, nahm ihren Rucksack und schlich mutlos neben Kerstin zum Haus. Sie kannte das Anwesen, seit sie auf der Welt war. Es war ein ehemaliger Bauernhof, den Alexander schön renoviert hatte. Außerhalb eines kleinen Dorfes. Es war ein aus rotem Sandstein errichtetes Gebäude mit mehreren Erker, Dachgauben und einem kopfsteingepflasterten Hof. Einige Bäume ragten fast bis an die Fenster des oberen Stockes heran, und hinter dem Haus befanden sich der Garten und mehrere Schuppen, aus dem gerade ein schwarzer Kater herausstolzierte. Alle Zimmer befanden sich im Erdgeschoss und das große Büro von Alexander nahm den ganzen ersten Stock ein. Das zweite Stockwerk stand leer und sollte später mal für Lukas ausgebaut werden. Laras Zuhause war mit feinen und edlen Antiquitäten eingerichtet. Ihre Eltern hatten ein Faible dafür. Lara gefiel Kerstins Einrichtungsgeschmack besser. Alles war mit neuen modernen Möbeln eingerichtet. Das Haus war von außen alt und von innen super cool. Und ihr eigenes Zimmer durfte sie sich dann so einrichten, wie Lara es wollte. Das war der einzige Lichtblick.

Im Flur empfing sie eine angenehme Kühle.

„Du bekommst das Zimmer, das du immer hattest, wenn du bei uns zu Besuch warst.“ Kerstin zeigte mit dem ausgestreckten Finger den Gang entlang. Sie gingen an der Küche vorbei ins Wohnzimmer. Die Terrassentür stand weit offen. Warmer Wind strich herein und brachte den Geruch von frisch gemähtem Gras mit. Sie mochte das, warum? Keine Ahnung. Sie hatte in einem Apartmenthaus mit einer riesigen Terrasse gewohnt mit Blick über die Stadt. Wenn sie über das Gelände schaute, sah sie ein quadratisches Stück Rasen. Das war alles. Und hier schaute sie auf Bäume, Blumen, Sträucher und Gras. Natur pur. Na ja, dachte Lara, wenn sie es auch nie sagen würde, es fühlte sich eigentlich gut an, einen echten großen Garten mit einem Trampolin zu haben. Sowie schönen Gartenmöbeln in denen man gut chillen konnte.

Plötzlich schreckte Lara aus ihren grüblerischen Gedanken hoch. Ein schwarzweiß gescheckter Hund kam bellend und mit enormem Tempo auf Lara zu gerannt. Sie erstarrte vor Schreck. Sie wollte sich gerade ängstlich zur Seite drehen, als der Hund kurz vor ihr abbremste, zum Sitzen kam und sie neugierig aus großen Augen ansah. Ihr rutschte vor Angst das Herz in die Hose.

„Silas!“, rief Kerstin. „Musst du die Leute immer so erschrecken?“

„Lara, dass ist Silas, Lukas‘ Hund. Er tut niemanden etwas, er ist nur sehr temperamentvoll.“

„Seit wann habt ihr einen Hund?“, fragte Lara erstaunt.

„Seit Ostern“, sagte Kerstin und sah sich im Garten um.

Dann entdeckte Lara Lukas. Sie hielt kurz die Luft an. Er saß in einem Rollstuhl. Das hatte sie nicht gewusst. Ihre Blicke schweiften zu Kerstin, die sofort verstand.

„Ja, er schafft es nicht mehr, auf den Krücken. Mit dem Rollstuhl kommt er besser zurecht. Er kann zwar ein paar Schritte gehen, aber seine Muskelerkrankung lässt ihn schnell müde werden.“

Lara sah Lukas auf sich zu rollen. „Hallo, Lara, schön, dass du da bist!“

„Hallo, Lukas.“

„Silas hast du ja bereits kennengelernt. Wenn du anfängst, mit ihm Ball zu spielen, wirst du ihn nicht mehr los.“ Er lachte und streichelte dem Hund wild über den Kopf. „Nicht wahr, mein Lieber?“

„Ich habe nicht vor, mit ihm Ball zu spielen“, sagte Lara, drehte sich abrupt um und ging auf ihr Zimmer. Sie legte sich auf ihr Bett und starrte die Decke an. Warum musste sie ausgerechnet hierher kommen? Gut, Kerstin und Alexander hatten ein großes Landhaus, viel Platz und einen riesigen Garten. Aber Silas machte ihr Angst. Eine Schulfreundin hatte einen kleinen Hund, den sie nur streicheln wollte. Er schnappte nach ihr und hätte sie fast in die Hand gebissen. Seitdem machte sie um Hunde einen großen Bogen. Aber Lara musste sich auch eingestehen, dass sie es schon schön fand, dass Lukas in Silas einen treuen Freund hatte. So war er nie allein. Wie sie.

Lara hielt es in ihrem Zimmer nicht mehr aus. Sie wusste nicht, was sie machen sollte. Immer noch war sie tief traurig und hatte keine Ahnung, wie es weitergehen würde. Sie nahm ihr Handy und schickte ihrer Freundin Nora eine SMS. Die war mit ihren Eltern in Amerika und hatte noch am Flughafen zu ihr gesagt: „Ich kann nicht glauben, das unsere coole Zeit vorbei ist.“ Ihre Stimme hatte traurig geklungen und Tränen standen in ihren Augen. Lara hatte ihre Freundin umarmt. „Ich werde dich vermissen.“

„Melde dich, wenn du dort angekommen bist.“

„Logo“, hatte Lara versprochen.

„Tschüss!“, rief Nora.

„Bis bald.“ Lara fiel auf, dass sie in den Osterferien das gleiche zu Nora gesagt hatte. Aber da wussten beide, dass sie sich in weniger als zwei Wochen in der Schule wiedersehen würden. Doch das war jetzt vorbei.

Kerstin, Lukas und Alexander saßen beim Essen, als Lara mit gesenktem Blick an der Küche vorbeikam.

„Lara?“, rief Kerstin.

Sie hatte keine Lust, Alexander zu begrüßen und sich zu ihnen zu setzen.

Lara hörte, wie Stühle in der Küche geschoben wurden und sich Schritte näherten. Sie verschwand im Wohnzimmer. Abwesend streifte sie ihre Turnschuhe ab und setzte sich auf die Couch. Kerstin und Alexander standen mitten im Raum und sahen sich ratlos an. Silas hatte neugierig neben dem Sofa Platz genommen und Blacky, der Kater der Familie legte sich neben Lara. Sie stieß ihn mit einer Hand weg. „Verschwinde!“ Miauend sprang er hinunter und legte sich Silas vor die Pfoten.

„Lara! Jetzt ist aber gut“, schalt Kerstin sie. „Was ist mit dir los? Seit wann hast du was gegen den Kater? Blacky will nur mit dir spielen und du bist grob zu ihm.“

„Ich will nicht mit ihm spielen. Er geht mir auf die Nerven.“ Lara zog ihre Knie an und starrte vor sich hin.

„Das gibt dir aber noch kein Recht, ihn zu boxen.“

Alexander setzte sich neben sie und legte ihr behutsam die Hand auf die Schulter. „So schlimm?“

Er bekam keine Antwort. Stattdessen brach Lara in Tränen aus.

„Heute wären wir nach Mallorca geflogen“, stieß sie hervor. „Und sie sind tot und kommen nie mehr wieder.“ Lara zitterte und schlang weinend ihre Arme um die Knie. „Ich bin ganz allein“, flüsterte sie mit erstickter Stimme.

„Ach, Liebes.“ Kerstin nahm sie fest in die Arme und drückte sie sanft an sich. „Du bist nicht allein. Du hast jetzt uns und wir lieben dich, mein Schatz. Das weißt du doch, oder?“

Lara schluchzte auf und fuhr stockend fort: „Ich möchte hier nicht bleiben.“ Sie sah trotzig zu den beiden Erwachsenen hin. Die würden sie nie verstehen.

„Bleib doch wenigstens für die Ferien hier, vielleicht gefällt es dir ja doch bei uns. Versuch es wenigstens. Dann kannst du immer noch entscheiden, wo du hin willst“, sagte Lukas, der mittlerweile dazugekommen war.

Kerstin und Alexander sahen sich erstaunt an und nickten dann.

„Genau“, sagte Alexander, „Lukas hat absolut recht.“

2. Kapitel

Ganz langsam fing Lara an, sich bei Kerstin, Alexander und Lukas aufgehoben zu fühlen. Einen nicht unerheblichen Anteil daran besaß Blacky. Der schwarze Kater hatte sie mit seiner Beharrlichkeit um den Finger gewickelt. Gern brachte er ihr Geschenke und legte sie ihr neben das Bett, dass Lara ständig einen Schreianfall bekam. Mal war es eine Maus, dann ein Vogel oder eine Heuschrecke – und alle waren sie tot.

„Der soll aufhören damit!“ Lara schrie nun fast. Ihr Herz klopfte wild, und sie blickte sich panisch um. In dem Moment kamen die quälenden Erinnerungen an den Unfall und ihre tote Eltern zurück. Dieser Kater hatte seinen eigenen Willen. Jedes Mal wenn sie versuchte ihm aus dem Weg zu gehen, bewegte sich Blacky auch. Er ließ sie überhaupt nicht in Ruhe. Sie erschrak auch immer wieder, wenn sie nachts wach wurde und sie seine grünen starren Augen auf sich gerichtet sah.

Lara war nach wie vor in sich gekehrt und kapselte sich ab. Sie merkte, dass ihre neue Familie Rücksicht auf sie und ihren Kummer nahm. Es reizte sie eher, als dass es ihr guttat. Sie wollte nicht behandelt werden wie ein armes krankes Mädchen, die man schonen musste. Aber einfach so weiterzumachen wie vorher, das schaffte sie auch nicht.

Sie nahm ihr Handy und rief ihre Freundin Nora an. Nora war zwar in Amerika und das Gespräch würde ihre Handyrechnung etwas überstrapazieren, aber das war ihr gleichgültig. Sie musste mit ihrer Freundin reden. Als Nora sich meldete, erzählte Lara ihr sofort von Blacky und den toten Tieren.

„Meine Katze hat das auch am Anfang gemacht“, sagte Nora.

Das war Lara neu. „Seit wann hast du eine Katze?“

Nora seufzte. „Schon ewig. Du hast dich ja nie für meinen Liebling interessiert. Du magst doch keine Tiere.“

Lara verdrehte die Augen und es schien ihr als sei ihre Freundin ein wenig eingeschnappt.

„Und was hast du gemacht, das deine Katze damit aufhört, dir totes Getier zu bringen?“

„Ganz einfach. Ich habe ihr mehr Aufmerksamkeit geschenkt, mit ihr geschmust und sie viel gestreichelt. Dann hat sie plötzlich die tierischen Geschenke im Garten liegen lassen.“ Nora kicherte.

Lara fragte sich, ob das bei Blacky auch funktionieren würde. Natürlich nur vorübergehend. Und Lara fühlte sich seltsamerweise erleichtert, dass der Kater es nicht auf sie abgesehen hatte, um sie zu ärgern. Sie plauderten noch eine Weile miteinander und versprachen sich bis zum nächsten Wiedersehen per SMS in Kontakt zu bleiben.

Lara war so in ihren Gedanken an das Gespräch mit Nora versunken, dass sie nicht merkte, wie sie Blacky neben sich streichelte. Erst als sie die feuchte Zunge an ihren Fingern spürte, schreckte sie hoch, und der Kater ebenso.

Sie atmete langsam aus, um sich zu beruhigen. Als Lara auf diesen niedlichen Fellball hinunterblickte, wurde ihr Herz ganz weich. Sie wollte eigentlich nicht, dass das passierte. Trotzdem bemühte sie sich standhaft zu bleiben. Obwohl dieser Pelz darauf brannte, dass man ihn streichelte. Der Kater bettelte um Aufmerksamkeit, aber Lara weigerte sich nachzugeben. Dabei merkte sie, dass ihre Hand sich wieder in Richtung Katzenfell bewegte. In diesem Moment wurde sie sich bewusst, dass sie Blacky wirklich gern hatte. Und er dankte es mit ausgelassenen Schnurrgeräuschen.

Nach etwa zwei Wochen schlug Lukas ihr vor, ihn doch am nächsten Tag zu seiner Reittherapie zu begleiten. „Aber denk bloß nicht, dass ich mich auf ein Pferd setze“, stimmte sie zu. Sie langweilte sich. Kerstin und Alexander mussten arbeiten und außer Lukas kannte sie hier niemanden. In der Stadt hätte sie sich mit ihren Freundinnen getroffen oder wäre zum Fechttraining gegangen. Aber diese Zeit war jetzt vorbei, das hatte sie verstanden.

Am nächsten Morgen war Lara ein wenig aufgeregt. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie Lukas überhaupt auf ein Pferd hinaufkam, geschweige denn, wie er darauf sitzen bleiben konnte.

Sie kam gerade aus ihrem Zimmer als Lukas vor sie rollte. „Komm in die Hufe, Lara!“, feuerte er sie an und lachte über sein supertolles Wortspiel. „Estrella wartet nicht gern.“

„Los, schieb ab“, konterte Lara zurück. Lukas drehte sich, in seinem Rollstuhl sitzend, leicht zu ihr um. Er lachte noch immer. „Silas kommt mit“.

„Das glaub ich jetzt nicht“, stöhnte Lara vor sich hin.

Kaum waren sie auf dem Reiterhof eingetroffen, kam ihnen eine lächelnde junge Frau entgegen. Sie begrüßte erst Lukas und dann sah sie Lara an.

„Du bist Lara, richtig? Ich bin Diana.“

Lara hatte ihre Hände tief in ihre Jeans gesteckt und blickte etwas verlegen zu Diana auf. Dann nickte sie und guckte sich nach allen Seiten neugierig um. „Kannst du reiten, Lara?“

„Nee“, mischte sich Lukas ein und schaute zu Lara auf. „Sie mag Pferde nicht besonders. Auch keine Hunde und Katzen.“ Er grinste.

Diana schüttelte verwundert den Kopf. „Wie kommt das denn?“

„Sie ist ein Stadtmensch“, plapperte Lukas weiter.

„Du checkst das nicht so ganz, wie?“ Lara verschränkte die Arme und schaute Lukas finster an.

„Es gibt doch nichts Schöneres als Pferde“, sagte Diana und legte den Arm freundschaftlich um Laras Schulter. Diese Diana ging ihr gewaltig auf den Keks. Pferde hier, reiten dort, ach ist das alles toll, bla, bla, bla.

„Na, dann würde ich sagen, du schaust Lukas, mir und Estrella einfach mal zu.“

Lara nickte gelangweilt. Für sie zog sich die Zeit jetzt schon unerträglich in die Länge. Sie setzte sich auf eine Bank und lehnte sich gegen die Mauer. Silas sah das als Einladung an, zu ihr zu kommen und sie zu beschnuppern.

„Silas, nein“, sagte Lara mit normaler Stimme. Sie musste selbst zugeben, dass es nicht wirklich überzeugend klang.

„Silas, hör auf!“, wiederholte sie diesmal lauter, nichts tat sich.

„Silas, aus!“, rief Lukas. Und wie ein Wunder, ließ der Hund von Lara ab und machte artig Platz. Lara schaute ob weder Lukas noch Diana in ihre Richtung sahen und streichelte Silas Fell. Es war so weich und seidig, dass verwundert über sich selbst Lara am liebsten beide Hände genommen hätte.

Lukas pfiff durch die Finger. Lara erschrak, zog ihre Hand weg und schlug ihre Arme um ihre Knie und tat so, als würde sie das alles nicht interessieren.

„Hierher.“ Silas war mit einem Satz neben Lukas, der ihn dann festband.

„Ich geh Estrella holen“, sagte Diana und ging zu den Stallboxen.

Einige Minuten später erschien Diana mit einem rotbraunen Pferd mit heller Mähne. Neugierig beäugte die Haflingerstute Lara. Die ging einige Schritte rückwärts. „Ach du liebe Zeit“, flüsterte sie, was für ein großes Pferd, oder kam es ihr nur so vor?

Lukas sah sie an und lächelte. „Schade, dass du dich nicht für Pferde interessierst. Dann hätten wir was gemeinsam.“

„Das kannst du knicken“, sagte sie und verzog das Gesicht zu einer Grimasse. Ihr wurde unbehaglich zumute. „Na und“, antwortete sie schnell. „Man muss ja nicht alles gut finden. Meiner Meinung nach sind Pferde dumm, unberechenbar und zu groß. Ich traue eher meinem Mountainbike über den Weg.“ Kaum hatte sie das ausgesprochen, bereute sie diesen blöden Satz.

Diana kraulte Estrella an den Ohren. „Hast du gehört, meine Liebe, Lara findet Pferde dumm und unberechenbar. Was sagst du dazu? Beweisen wir ihr mal das Gegenteil.“ Ihr Blick wanderte in Richtung Lukas, der seinen Helm auf dem Schoß liegen hatte. Er nickte und sah kopfschüttelnd zu Lara. Die spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss. Lukas rollte vor Estrella und streckte seine Hände aus. Estrella neigte den Kopf nach unten und Lukas schlang zur Begrüßung seine Arme um ihren Hals.

Lara lehnte an der Wand des Stalls und beobachtete die beiden stumm. Dieses Pferd strahlte Ruhe aus. Estrellas Fell glänzte in der Sonne. Und diese samtigen dunklen Augen! Wie es wohl wäre, diese herrliche weiße Mähne zu kämmen? Ob das dem Pferd gefiel?