Ricardas Erbe - Christine Lawens - E-Book

Ricardas Erbe E-Book

Christine Lawens

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Beschreibung

In der endlosen, hitzeflirrenden Weite Andalusiens mit seinen großen Hazienden und seiner windumtosten Atlantikküste entfaltet sich die wechselhafte Geschichte der mächtigen Familie Alfaro-Sanchez von den späten 1930er Jahren bis in die Gegenwart. Es ist vor allem die Geschichte der Alfaro-Frauen, die die Geschicke der Familie und ihrer Heimat bestimmen. Graciana, die Urgroßmutter, die vor der Säkularisation das Land von Kartäusermönchen übertragen bekommt. Ricarda, die Großmutter, die sich 1938 gezwungen sieht, scheinbar mit dem Franco-Regime zu paktieren, um ihr Land für die Familie zu bewahren. Und schließlich Carmela, Ricardas Enkelin, die unter dramatischen Bedrohungen den Erhalt der Hazienda La Verdad sichert – und dabei auf ihr Herz hören muss. Es sind schöne, starke Frauen mit unbeugsamem Willen und tiefer Leidenschaft für das Land und die ihnen anvertrauten Menschen und Tiere. Alle haben sie die besondere Gabe, verletzte und traumatisierte Pferde heilen zu können. Und so ist das Schicksal der Alfaro-Frauen für immer aufs Engste mit den Pferden auf La Verdad verwoben...

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Seitenzahl: 407

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Copyright dieser Ausgabe © 2013 by Edel eBooks, einem Verlag der Edel Germany GmbH, Hamburg.
Copyright © 2013 by Christine Lawens
Dieses Werk wurde vermittelt durch die AVA international GmbH Autoren- und Verlagsagentur, München
Covergestaltung: Agentur bürosüd°, München
Konvertierung: Jouve
Inhaltsverzeichnis
TitelImpressumPrologKapitel 1 - La Verdad, März 1998Kapitel 2 - La Verdad, März 1998Kapitel 3 - La Verdad, April 1939Kapitel 4Kapitel 5 - La Verdad, Mai 1939Kapitel 6 - La Verdad, Juli 1998Kapitel 7 - La Verdad, Mai 1939Kapitel 8 - La Verdad, August 1998Kapitel 9 - August 1939Kapitel 10 - La Verdad, August 1998Kapitel 11 - September 1939Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15 - Juni 1940Kapitel 16 - September 1998Kapitel 17Kapitel 18 - Juni 1940Kapitel 19 - September 1998Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23 - La Verdad, 1940Kapitel 24Kapitel 25Kapitel 26Kapitel 27Kapitel 28Kapitel 29Kapitel 30Kapitel 31Kapitel 32Kapitel 33Kapitel 34Kapitel 35Kapitel 36Epilog
Prolog
Doña Graciana Alfaro!
Stat crux dum volvitur obis.
Das Kreuz steht fest, während die Welt sich dreht.
Gott hat mir den Weg zu Ihrer Familie gewiesen. Ich, Bonifacio Ladrón, verkünde hiermit Ihnen, Doña Graciana Alfaro, dass ich als Mönch Bonifacio, im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte, das heilige und geheiligte Gelöbnis mit meinen eigenen Worten zu wiederholen und zu erneuern wünsche, das zuerst von meinem Ordensbruder Lazaro Martínez bei Gelegenheit der Vollendung und Weihe der Mission von La Cartuja de las Fuentes abgelegt wurde.
Da nun die Zeit der Säkularisierung nicht mehr fern ist, bitte ich Sie, einen Eid abzulegen. Alles Land, das zu diesem Kloster gehöre und an Ihr Landgut grenze, soll von dem Orden an Ihre Familie übergehen. Es soll für immer im Besitz der Familie Alfaro bleiben, um es vor Plünderungen und vor der Zerstörung zu retten. Die Katakomben unter der Kapelle sowie diese selbst sollen dem Eid zufolge niemals entweiht werden.
Die Ländereien erstrecken sich, so weit das Auge reicht, von Horizont zu Horizont, bis zu dem Sand am Meer in westlicher Richtung, hin über den buckligen Felsen in nördlicher, den Korkeichenwäldern in östlicher und die Olivenreihen in südlicher Richtung. Drei Pferdeköpfe aus Stein weisen die Richtungen und wachen über das Land.
Kapitel 1
La Verdad, März 1998
Die Tierwelt erwachte in der morgendlichen Stille der Coto de Doñana, als sich die Sonne langsam über die Hügel erhob und mit goldenen Fingern einen Himmel abtastete, der sich innerhalb kürzester Zeit fast purpurrot färbte. Das Laub der Bäume rauschte leise, von einem Lüftchen bewegt, während Carmela reglos im Gras stand und zusah, wie der leuchtende Himmel in satter Farbenpracht zersprang. Einige Augenblicke schienen die Vögel zu verstummen, fast so, als empfänden sie Ehrfurcht vor der Schönheit dieses Anblicks. Üppiges Weideland, auf dem Vieh graste, erstreckte sich, so weit das Auge reichte. Die Finca der Familie Alfaro-Sánchez umfasste viertausend Hektar Land, auf dem Pferde- und Rinderzucht die Gewinne einbrachten. Der Landbesitz grenzte direkt an den Naturpark Coto de Doñana. Seit hundert Jahren warf die Finca La Verdad stattliche Erträge ab, doch Carmela liebte dieses Gut nicht aus diesem Grund. Sie liebte es, weil ihr ganzes Herz daran hing. Es war, als spräche sie wortlos mit den Geistern, von deren Vorhandensein sie allein wusste. Carmelas Blick verfing sich in den silberfarbigen Olivenzweigen, die sich sanft in der Morgenbrise wiegten, die Sonne schien warm auf Carmelas schwarzblaues Haar, und sie fing leise zu summen an. Sie lief zum Fluss, und ihre Füße versanken in einem Blumenteppich, und der betäubende Duft wilder Kräuter umhüllte sie. Carmela hockte sich auf einen glatten grauen Stein und ließ das eisige Wasser über ihre Füße laufen. Sie beobachtete, wie die Sonnenstrahlen sich immer näher an die Felsen heranschoben. Sie liebte es, den Sonnenaufgang zu erleben. Carmela genoss es, dazusitzen und in der Morgenstille zu meditieren.
Auf dem Landgut gab es Vorarbeiter, Unterverwalter, Hilfskräfte, Pferdepfleger und Stallburschen. Doch es gab niemanden, der das Land so innig liebte wie sie, ihre Tochter Laura und ihr Vater José Sánchez. Hier waren sie und ihre Tochter zur Welt gekommen, und eines Tages, wenn sie sehr alt sein würde, älter vielleicht, als ihr Vater jetzt war, würde sie hier sterben wollen. Sie liebte diese Finca und diese Landschaft von ganzem Herzen. Carmela ging zu ihren Lieblingen, stellte sich an die Koppel und erwärmte sich beim Anblick der anmutigen, lebensfrohen Tiere, indem sie den Pferden beim Grasen zusah. Ortega, Großmutters dreißigjähriger Hengst, erspähte sie und kam zu ihr herübergetrottet. Er streckte seinen Kopf über den Zaun, weil er gestreichelt werden wollte. Carmela kraulte Ortega hinter den Ohren und sprach mit leiser, singender Stimme auf ihn ein; doch mit den Gedanken war sie ganz woanders, ihre Worte kamen einfach automatisch. Ihm schien das nichts weiter auszumachen, seine Augen waren halb geschlossen, und er schnaubte selig. Carmela dachte an ihre verstorbene Großmutter Ricarda. Sie war eine Pferdeheilerin, und Carmela hatte ihre Gabe geerbt und führte dieses Vermächtnis fort. Sie musste lächeln, die Erinnerung war so präsent, als wäre es gestern gewesen. Carmela erzählte ganz aufgeregt ihrer Großmutter, sie war gerade erst vierzehn Jahre alt, wie sie die Hitze und ein Prickeln fühlte, wenn sie kranke Pferde berührte. Carmela spürte damals, wo die Pferde Schmerzen oder Energieblockaden hatten.
„Dann ist es jetzt so weit“, hörte Carmela ihre Großmutter sagen. Ricarda verfeinerte die Fähigkeiten ihrer Enkelin Tag für Tag. Sie lernte, durch Handauflegung Schmerzregionen aufzuspüren und zwischen emotionalen und körperlichen Blockaden zu unterscheiden. Ohne es zu ahnen, überschritt Carmela eines Tages eine weitere Grenze und konnte sich auf den Geist eines Pferdes einstimmen. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte sie in den Boxen und auf den Weiden mitten unter ihnen gelebt. Sie war ihrer Großmutter bis heute dankbar, dankbar für diese wunderbare Gabe. Oft musste Carmela an die Worte denken, die ihre Großmutter am Sterbebett zu allen Anwesenden gesagt hatte. „Carmela ist ein ungewöhnliches Kind.“
Sie hatte ihre Enkelin gebeten, näher zu kommen. „In dir setzt sich eine lange Tradition fort. Du trägst das alte Spanien in dir, aber auch das neue, wie immer es aussehen wird. Lebe wohl und sei so stark und mutig, wie ich es einmal war. Gib mir deine Hand …“ Carmela erinnerte sich, dass sie bei ihrer Großmutter bis zu ihrem letzten Atemzug gesessen hatte. Sie starb friedlich, ohne Kampf. Carmelas Mann Leon dagegen starb grausam. Er wurde während eines Stierkampfs von einem Stier getötet. Bereits vor ihrer Großmutter war Carmelas Mutter gestorben. Sie litt schon als Kind unter Asthma, ihr Herz war dadurch sehr geschwächt. Als dann zum dritten Mal ein Sarg in die oberirdische Grabkammer geschoben wurde, dachte Carmela, dass ein großer Teil ihrer Vergangenheit schon in dieser Gedenkstätte ruhte: ihre Mutter Elena, Großmutter Ricarda und dann ihr Mann Leon, ihre erste große Liebe. Das war die Vergangenheit. Jetzt blieben nur noch ihre Tochter Laura und ihr Vater.
Carmela öffnete die Augen, die sie kurz geschlossen hatte, und sah zu, wie die Sonne höher stieg. Es wurde Zeit, dass sie sich auf den Heimweg machte. In einer Stunde kam ein neuer Patient. Ein Wallach. Seine Besitzerin war eine Bankerin aus Sevilla, die von Carmelas psychokinetischer Begabung gehört hatte. Señora Vegas’ Pferd ließ kaum noch jemanden an sich heran. So war es Carmelas Aufgabe, dem Tier die Angst zu nehmen. Carmela musste daran denken, welche Skepsis man ihr und ihrer Arbeit jahrelang entgegengebracht hatte und wie viele Jahre es gebraucht hatte, bis man ihre Fähigkeiten ernst genommen hatte. Auch heute würde sie vermutlich wieder auf diese Vorbehalte stoßen, aber Carmela sah der Aufgabe gelassen entgegen. „Lassen wir uns überraschen“, murmelte sie.
Sie ging zurück, vorbei an den Stallungen, die unmittelbar in der Nähe des Haupthauses lagen. Mit gewohnter Routine ließ Carmela ihren Blick – oder ihre Handfläche – über jedes einzelne Pferd gleiten, um sich zu vergewissern, dass es ihnen gut ging. Dann ging sie die Kiesauffahrt hinauf zum Haus, blieb kurz stehen und sah zu ihrem Geburtshaus „La Verdad“ hinüber. Die Schichten der Zeit konnte man förmlich fühlen. Jeder einzelne Bewohner hatte ein wenig von sich zurückgelassen. Die klassische Fassade mit einem Säuleneingang und vielen Mauerbögen, Dachschrägen mit Tonziegeln und die vielen bunten Fliesen, die überall zu sehen waren.
Von Weitem konnte sie ihre elfjährige Tochter Laura auf der Terrasse erkennen, wie sie mit schlurfenden Schritten zum Frühstückstisch ging. Sie trug einen Schlafanzug, der ihr zwei Nummern zu klein war. Die strahlenden dunklen Augen eines Nachthimmels, das dichte schwarze Haar und die langgliedrige, anmutige Gestalt hatten sich in direkter Linie von Vater José über Carmela auf Laura vererbt. Ihre Tochter hatte nichts Gekünsteltes an sich, nicht die Andeutung von Koketterie, sie besaß nur eine umwerfende Schönheit, derer sie sich noch nicht bewusst war. Aber es würde nicht mehr lange dauern. Für Carmela würde ihre Tochter immer das kleine Mädchen bleiben.
„Hallo, Liebes.“
„Na, warst du wieder auf deiner Meditour?“
Carmela überhörte die Anspielung ihrer Tochter auf ihr morgendliches Ritual.
„Wo ist dein Großvater? Ich habe ihn noch gar nicht gesehen.“
Laura sah sie mit verschlafenen Augen über ihren Tassenrand hinweg an. Sie zuckte mit den Schultern.
„Ist er nicht im Stall?“, kam dann die Frage.
„Nein.“
„Na, irgendwo muss er ja sein“, meinte Laura und vertiefte sich in ihren Milchkaffee.
„Nur wo?“
„Bestimmt überprüft er, pingelig, wie er ist, ob die Sattelkammer aufgeräumt ist, ob die Strohballen richtig in einer Reihe liegen, die Boxen exakt ausgemistet sind, und raubt dabei den Pferdepflegern den letzten Nerv.“
„Laura“, rief Carmela mit gespielter Empörung.
„Da kommt er ja.“
„Ich sag es doch. Hier geht niemand verloren.“ Laura grinste ihre Mutter an, und Carmela verzog spöttisch ihr Gesicht.
José sah seinen beiden Frauen entgegen, als er die Stufen der Veranda erreichte. Seine Tochter und seine Enkelin frühstückten genüsslich unter Gelächter und Geplapper. Unwillkürlich wurde er an das frühere Familienleben der Alfaro-Sánchez erinnert, als seine Frau und Carmelas Schwester Savanna und ihr Bruder Marco hier an diesem Tisch gesessen hatten. Nach dem Tod seiner Frau hatte sich die Familie entzweit, und ihm war nur Carmela geblieben. Seine älteste Tochter und sein Sohn hatten ihm im Streit vorgeworfen, dass er schuld sei am Tod ihrer Mutter. José hatte es nie geschafft, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Er hatte seit dieser Zeit nichts mehr von ihnen gehört außer den üblichen Grußkarten zum Geburtstag und an Weihnachten. Jahrelang hatte er versucht, zu seinen beiden älteren Kindern Kontakt zu halten, und sich Mühe gegeben, gefühlsmäßig mehr Raum zu schaffen, und immer war es Carmela gewesen, die sein Herz erfreute. Carmela mit ihrer warmherzigen Art, mit ihrer ungezwungenen Anmut, mit der sie ihm überallhin folgte. Wie seine Enkelin. Sie drei lebten in ihrer vertrauten kleinen Welt. Nur José bemerkte langsam sein Alter, und er brauchte Hilfe. Er wollte nicht alles Carmela überlassen, und so hatte er sich nach einem neuen Verwalter umgeschaut. Er würde noch im Laufe des Tages mit seiner Tochter darüber sprechen müssen. Aber jetzt würden sie erst gemeinsam frühstücken. Er ging auf seine Enkelin zu und küsste ihre Wange. „Hübsch siehst du aus in deinem Designerschlafanzug.“
„Ja, ja. Mach dich nur lustig über mich“, sagte Laura und biss in ihr Schokocroissant. José sah seine Tochter an, die ihm zuzwinkerte.
Carmela ging zur Hofeinfahrt, um zu schauen, ob der Pferdetransporter mit ihrem Patienten schon eingetroffen war.
Da kommt er ja, dachte Carmela und freute sich.
Schwerfällig bog das Auto mit dem Anhänger von der Landstraße ein, rumpelte auf dem Zufahrtsweg in ihre Richtung.
Der Fahrer kletterte heraus, sprach kein Wort und machte sich daran, die Tür an der Rückwand zu öffnen.
„Alles gut gegangen?“
„Klar.“
Die Rampe klappte herunter, und da sah sie schon die Ohren des Wallachs über der Zwischenwand.
„Das ist also Opus.“
Das Ausladen war ein Kinderspiel. Carmela hatte darin das größte Problem gesehen. Es hatte wunderbar geklappt. Das Pferd wurde losgebunden, ein Stallbursche nahm den Wallach am Halfter, und er kam zuerst etwas zaghaft, dann entschlossener rückwärts die Rampe herunter. Da war er. Stand da und schaute sich um. Bog den schlanken Hals, reckte den Kopf und öffnete die Nüstern. Er schien immer noch aufgeregt zu sein, und alles war natürlich fremd und seltsam.
„Opus!“, sagte Carmela, streichelte seinen Hals, legte ihre Wange an das Seidenfell. „Du bist das schönste Pferd weit und breit, stolz, geradezu arrogant. Ich kenne jedenfalls niemanden, der so hochnäsige Nüstern machen kann wie du, wenn dir etwas nicht passt. Wir beide, Opus, wir verstehen uns. Ich mag dich sehr, und ich dachte, du magst mich auch ein wenig. Aber wie sich nun zeigt: Du hast noch kein richtiges Vertrauen zu mir.“ Sie tätschelte den Pferdekopf liebevoll. Carmela betrachtete den Wallach von allen Seiten, um sich einen ersten Eindruck zu verschaffen. Dann nahm sie das Pferd am Halfter und führte es direkt zur Therapiekoppel.
Wenn Opus so schlimm dran war, wie Carmela annahm, würde es nicht ausbleiben, dass er sich massiv wehrte, wenn Carmela ihn zuerst in eine Box gebracht hätte. Pferde waren hochempfindsam und sammelten, vor allem während eines Transportes, vielfältige Frustrationen an. Sie mussten ihr Gleichgewicht ausbalancieren. Sie waren eingesperrt und konnten nicht in die Ferne schauen und wurden von ihren Artgenossen getrennt. Deshalb ging Carmela nach dem Verlassen des Transporters mit dem Pferd sofort zur Koppel, damit das Tier seine angestauten Gefühle abbauen und sich frei bewegen konnte. Der Wallach galoppierte sofort los, quer durch die Koppel. Carmela stand am Ende des Corrals und beobachtete unterdessen, welche Störungen bei dem Patienten vorliegen könnten. Das war in der Anfangsphase einer Behandlung, während sie ein Gespür für das Pferd entwickeln musste, immer ein schwer einschätzbares Risiko: Wie weit ging die Bereitschaft des Pferdes, sich selbst zu verletzen, nur um von den Menschen fortzukommen? Sie hatte Pferde kennengelernt – und Opus gehörte möglicherweise dazu –, die eher bereit waren, sich sämtliche Knochen im Leibe zu zerschlagen, als sich noch einmal auf Menschen einzulassen; genau wie ein Fuchs in der Falle bereit ist, sein eigenes Bein abzubeißen. Sie hatte auch Pferde erlebt, die ausschlugen, Drohgebärden zeigten und Angst. Die meisten Menschen reagierten darauf mit Zwang und Brutalität. Natürlich wandten die Pferde, die sich weder artikulieren noch die Situation für sich verändern konnten, dies in ein stilles Leiden um. Diese Missstände führten dann zu Verhaltensauffälligkeiten und Krankheiten. Es dauerte seine Zeit, bis die Tiere Vertrauen fassten. Es war manchmal ein langwieriger Lernprozess; und es blieb nicht aus, dass es in der Anfangsphase zu massiven Reaktionen des Pferdes kommen konnte.
Opus war verkrampft, wenn Fremde in der Nähe waren, und stärker noch als Carmela spürte das Pferd, dass die Besitzerin, die sich der Koppel näherte, eine Spannung mitgebracht hatte. Als Carmela Opus zart über den Rücken strich, sah sie, dass der Wallach in seiner Haut kleiner zu werden schien.
„Ist das alles, was Sie mit meinem Pferd machen? Das wirkt auf mich wie Hokuspokus“, polterte die Besitzerin Señora Vegas plötzlich los, so ganz gegen ihre sonstige Art, wie Carmela sie beim ersten Telefongespräch kennengelernt hatte.
Die laute hohe Stimme war zu viel für Opus. Die Besitzerin streckte die Hand nach dem Halfter aus. Ihre Bewegung war fahrig, ein wenig grob, und das Pferd scheute. Der Wallach erhob sich mit einem wilden Schnauben auf die Hinterbeine. Mit starren Augen und weiten, roten Nüstern warf er sich herum, um zu fliehen. Der Schrecken ergriff wieder von ihm Besitz. Menschengesichter, wahrgenommen als helle Flecken, laute Stimmen, drängende Stimmen.
Carmela gestattete dem Wallach seinen freien Willen. Sie spürte, dass Opus ihr nichts tun würde. Nach ein paar Minuten blieb Opus einige Schritte vor Carmela stehen und blickte ihr gespannt entgegen. Carmela beruhigte das Tier mit ihrer Stimme und ging langsam auf es zu. Dann streckte sie langsam ihre Hände aus und wartete. Opus ließ es zu. Sie streichelte ganz sachte über sein seidiges Fell. Er blieb ganz ruhig. Carmela sah zur Besitzerin, die eine Pferdelänge von ihnen getrennt stand. Sie erkannte deren Ungeduld in den Augen. Carmela hielt den Zeigefinger an die Lippen und sagte dann: „Bitte bleiben Sie ruhig, und nur zuschauen.“
„Wenn ich nur am Zaun stehen bleibe und kein Wort sage, denken Sie, dass Sie dann mit ihm arbeiten können?“, flüsterte die Besitzerin leise.
Carmela nickte nur.
Sie schlug Opus leicht auf den Schenkel, damit er losgaloppierte, um sich auszutoben.
Opus stand nahe am Zaun und rupfte ein paar Grashalme. Er schien sehr entspannt zu sein. Carmela beobachtete ihn bei seinem ruhigen Grasen. Dann näherte sie sich dem Pferd Schritt für Schritt und sprach es an. Die aufmerksamen Ohren wendeten sich ihr zu. Carmela blieb stehen und wartete. Sie sah Opus dabei nicht an, sondern stand ein wenig abgewandt von ihm, ließ den Blick schweifen, um jegliche Spannung zwischen ihnen zu vermeiden. Opus hob schließlich den Kopf, während die Kiefer langsam weitermahlten. Der Wallach schien unschlüssig. Dann tat er einen kleinen Schritt vorwärts, verharrte; das Pferd atmete schwer, als sei es schnell gelaufen, und Carmela musste sich beherrschen, um ihr Lächeln zu verbergen. Dieser Moment hatte etwas Rührendes, wie der Wallach sich langsam näherte und dabei versuchte, ganz unbeteiligt zu tun. Da Carmela sich immer noch nicht rührte, nicht einmal in die Richtung sah, wurde sie vertrauensvoll und vorsichtig von Opus angestoßen. „Hallo, mein Junge“, sagte Carmela. Sie drehte sich spielerisch zu ihm um und hielt ihm die flachen gespreizten Hände entgegen, die der Wallach beschnupperte. Dann begann er, mit seiner rauen Zunge die Handflächen zu lecken. Carmela hielt still, obwohl das Kitzeln bis zu ihren Zehen hinunterkribbelte. „Und jetzt werde ich dich von deinen Energieblockaden befreien.“
Carmelas beherrschte Stimme war leise und weich. Opus stellte neugierig die Ohren nach vorn, als fragte er Carmela, was sie meinte. Carmela erzählte dem Wallach ein spanisches Märchen, nur um zu reden, und strich währenddessen über sein Gesicht, dann seinen Hals, seine Beine und lehnte sich schließlich gegen seinen Rumpf, die Arme locker auf seinem Hals liegend.
Carmela sprach jetzt nicht mehr. Es war nicht nötig. Sie lehnte ihre Wange an den seidigen Hals. Dann löste sie langsam die Umarmung. „Schön hier in der Sonne, nicht wahr?“, murmelte sie leise vor sich hin. Opus machte halb die Augen zu und senkte immer häufiger den Kopf. Carmela schloss die Augen, fing an sich zu konzentrieren, bis sie das Gefühl tiefer Trance empfand. Als sie ihre Handballen auf Opus’ Hals legte, fühlte sie Wellen der Traurigkeit und Angst. Sie konnte spüren, wie aufgewühlt das Pferd war. Carmela stellte sich vor, dass ihre Hand ein Zitronenfalter sei, der gerade sachte auf dem Fell von Opus landete. Er war die symbolische Verbindung zur Heilenergie, und Carmela musste sie mit dem Pferd verbinden. Sie öffnete ihren Geist und ließ die Energie einfach dorthin fließen, wo Opus sie brauchen würde. Dann begann die Ausleitungsphase. Augenblicke später strich Carmelas glatte Hand über das glänzende Fell. Sie hatte die negativen Energien gebündelt und von Opus wegbewegt. Sie wartete auf ein Zeichen, dass die heilende Energie bei Opus auch angekommen war. Carmela beobachtete sein Gesicht. Kein Flattern seiner Augen, keine angelegten Ohren. Der Wallach erschauerte wohlig, und Carmela lächelte zufrieden. Das Pferd stupste sie zart an. Carmela wusste, dass Opus ihr damit Freundschaft und Vertrauen entgegenbrachte. Sie nahm das Halfter und legte es Opus behutsam an, bestieg den Wallach langsam ohne Sattel und ließ sich leicht und unbeschwert über die Koppel tragen. „Das ist ja nicht zu glauben! Ich kann es nicht fassen!“
Señora Vegas war ganz außer sich vor Freude.
„Ja, das ist meine Tochter. Sie ist eine Heilerin“, sagte José mit stolzer Stimme. Er hatte eine Weile aus einer gewissen Entfernung zugesehen und sich dann erst zu Señora Vegas gesellt.
Carmela kam langsam mit Opus auf Señora Vegas zu. Sie streckte ihre Hand nach ihrem Wallach aus. Es gab kein Zurückweichen, keine Aggressionen, nur ein friedliches Pferd, das sich vertrauensvoll von seiner Besitzerin streicheln ließ.
Kapitel 2
La Verdad, März 1998
Tau glitzerte auf dem Gras wie Tausende von kleinen Diamanten. Von der Veranda sah Carmela ihn funkeln. Bald würde die Sonne genug Kraft haben, um ihn verschwinden zu lassen.
Unten bei den Ställen wurde mit den Pferden bereits gearbeitet, Boxen ausmisten, Auskratzen der Hufe, die Tiere zur Weide führen und was sonst jeden Morgen anfiel. Ein Pferdepfleger hatte sich krankgemeldet, und Carmela hatte sich bereit erklärt, für ihn einzuspringen. Ihre Morgentour musste sie deshalb auf den Vormittag verlegen.
Es war gegen zwölf Uhr, als sie sich auf den Rückweg machte.
Hufschlag ließ sie aufhorchen. Sie drehte sich um und blickte zurück über die Wiese, die sie soeben überquert hatte. Weiter hinten auf dem Hügel bemerkte sie einen Reiter. Sie kannte ihn nicht. Ohne es eigentlich bewusst zu wollen, blieb Carmela stehen und blickte ihm hinterher.
Das Pferd war kein Andalusier. Es war größer und wirkte schwerer, aber ebenso geschmeidig. Das Gesicht des Reiters konnte Carmela auf diese Entfernung nicht erkennen. Ihr Blick hing an dem grauen Pferd, das nun in raumgreifendem Galopp über die Wiesen preschte. Der gleichmäßige Dreiklang des Galopps drang zu ihr herüber, und Carmela war gefesselt von der Einheit, die Pferd und Reiter bildeten. Der Reiter stand in den Steigbügeln, den Oberkörper über den Hals des Tieres gebeugt, die Hände im Takt des Pferdekopfes bewegend, und ließ sich vom Rhythmus des Galopps tragen. Sie schienen ein einziges Wesen zu sein, die vollendete Harmonie.
Carmela ging durch die knarrende Hintertür direkt in die Küche.
„Antonia, wann gibt es heute Mittagessen? Weißt du, wo José ist?“
„Nein.“ Antonia lächelte. Die ganze Familie verließ sich auf sie. Antonia hier, Antonia dort.
„Aber er müsste bald kommen.“ Sie sah auf die Wanduhr über dem Küchenbord.
„Mir fällt gerade ein: Heute Morgen hat dein Vater erwähnt, dass er die Zäune nachsehen wollte.“
„Beim Essen werde ich ihn ja sehen“, sagte Carmela und wunderte sich, dass der Tisch für vier und nicht wie sonst für drei gedeckt war. Sie wollte gerade Antonia fragen. Doch die plapperte weiter. „Enrique Zafón wollte deinen Vater auf der Inspektionsrunde begleiten, falls er Hilfe braucht.“
„Wer ist Enrique Zafón?“, erkundige sich Carmela mehr aus Neugierde als aus Interesse.
„Richtig, du kennst ihn ja noch gar nicht. Er hatte eine Ranch in Argentinien geleitet und ist jetzt wieder zurückgekehrt, um sich eine eigene zu kaufen. Bis er die passende gefunden hat, möchte er hier arbeiten.“
„Aha, dann haben wir ja eine Kraft mehr. Nur dafür muss er ja nicht gleich bei uns am Mittagstisch sitzen.“
„Dein Vater wünscht es so.“
„Ja, ja. Padre hat gesprochen“, meinte Carmela.
„Dein Vater hat mir gesagt, dass Enrique nicht nur ein hervorragender Vorarbeiter, sondern auch ein sehr guter Geschäftsmann ist.“
„Das klingt ziemlich langweilig“, fand Carmela. „Willst du wissen, wie ich ihn mir vorstelle? Ein wettergegerbtes Gesicht, von stahlgrauem Haar umrahmt, dazu ein breiter Schnurrbart, überhängender Bauch …“
Antonia musste lachen. „Dieser Mann ist alles andere als langweilig. Als verheiratete Frau und Großmutter kann ich gefahrlos zugeben, dass er absolut hinreißend aussieht. Er ist bestimmt reich. Was ich aber mit absoluter Sicherheit weiß, ist, dass er alleinstehend ist.“
„Eine lohnende Beute, wie es scheint“, meinte Carmela trocken. „Würde meine Mutter noch leben, wäre sie vermutlich ganz begeistert von ihm“, sagte Carmela und zog eine Grimasse. „Keine Frage“, stimmte ihr die Haushälterin zu. „Was ich so gehört habe, hat er sich beharrlich geweigert, sich zu binden. Dein Vater meint aber, dieser Enrique genieße die Jagd selbst durchaus.“
„Er scheint nicht nur langweilig, sondern auch noch eingebildet zu sein. Vermutlich hält er sich für unwiderstehlich.“ Carmela kraulte Rambo am Bauch.
„Er ist Spanier, und man kann ihm doch nicht verübeln, wenn er nimmt, was man ihm anbietet“, verteidigte Antonia den Neuankömmling.
„Antonia, um deine Verkupplungsversuche zu stoppen.“ Sie strich über Rambos weiches Fell. Er schlief schon halb und interessierte sich nicht im Geringsten für Enrique Zafón. „In meinen unmittelbaren Zukunftsplänen kommen eigentlich weder argentinische Rancher noch Möchtegerncowboys vor, auch wenn sie noch so gut aussehen.“ Sie stand auf. „Komm, lass dir helfen. Ich nehme schon mal die Tapas.“
„Wenn du dich erst einmal wieder verliebt hast, bist du auch nicht mehr so zynisch, was dieses Thema angeht“, prophezeite Antonia mit der Weisheit der Erfahrung.
„Bestimmt nicht.“ Carmela lächelte nachsichtig. „Ja, ja, ich weiß. Dann läuten die Glocken und explodieren die Sternchen, und die Trompeten schmettern den Triumph in die Welt hinaus.“ Sie tätschelte der Haushälterin die Hand. „Die Englein singen, und himmlische Harfen erklingen.“
„Warte nur ab, du wirst schon sehen“, rief Antonia hinter ihr her.
Carmela stellte die Tonschüsselchen und kleinen Teller mit köstlichen Tapas auf den Tisch. Liebe, dachte sie abfällig. Sie hatte ihre große Liebe verloren. Seit dieser Zeit hatte nicht ein Mann einen Funken in ihr entfachen können, der nur annähernd etwas mit Liebe zu tun hatte. „Wo bleibt padre nur?“
Im selben Augenblick, als sei es Gedankenübertragung gewesen, sah Carmela aus dem Fenster zwei Reiter auf das Haus zukommen. Sie ging ins Freie.
Als José mit seinem Begleiter nahe genug war, winkte ihm Carmela grüßend zu. Selbst auf diese Entfernung hin war ihr aufgefallen, dass er einen besorgten Eindruck machte. Als er seine Tochter jetzt sah, lächelte er, und sein Gesichtsausdruck entspannte sich.
„Ist Laura schon aus der Schule zurück?“
„Ja. Sie ist bereits bei den Schulaufgaben, da sie heute noch ausreiten will.“
„Braves Mädchen.“
„Du kommst spät, padre. Das Essen wartet bereits.“ Carmela strich über die weiche Flanke von Josés Goldfuchs.
„Ich bringe nur schnell das Pferd in den Stall, dann bin ich sofort bei euch.“
„Lass das doch deinen Mann hier erledigen. Ich kann mich aber darum kümmern, wenn er keine Zeit hat.“
„Schon gut, Boss“, sagte der andere Reiter. Carmela streifte ihn mit einem flüchtigen Blick. „Ich sorge schon für das Pferd. Gehen Sie nur ruhig rein zu Ihrer Familie.“
José lachte und stieg vom Pferd. „Danke“, sagte er, als er dem Mann die Zügel übergab. Dann drehte er sich zu Carmela um. „Kommst du nicht mit?“
„Nein.“ Sie steckte die Hände in ihre Jeanstaschen. „Geh dich frisch machen, ich brauche noch etwas frische Luft.“
„Bis gleich, meine Kleine.“ José kniff ihr mit einer väterlichen Geste in die Wange und ging dann zum Haus.
Carmela wartete, bis er die Tür hinter sich geschlossen hatte. Dann ließ sie sich erschöpft auf den dicken Block sinken, der sonst zum Holzhacken diente, und lehnte sich an den Zaun dahinter. Sie atmete die noch kühle, klare Luft tief ein. Die Arbeit auf der Finca kostete manchmal mehr Kraft, als sie bewältigen konnte. Sie schloss die Augen. Es kommen auch wieder bessere Zeiten. Sie ließ den Kopf zurücksinken und den Wind über ihre Wangen streichen.
„Seltsamer Ort für eine Siesta.“
Carmela wachte mit einem Ruck auf und wusste im ersten Augenblick nicht, wo sie sich befand. Da entdeckte sie den Mann, der vor ihr stand, und ließ ihren Blick zu seinem Gesicht hinaufwandern.
Es war ein schmales, sonnengebräuntes Gesicht mit markanten kantigen Zügen. Die Augen lagen tief und waren von dichten Wimpern beschattet. Seine Augenbrauen waren dicht, kräftig und unregelmäßig. Selten hatte Carmela in so faszinierende Augen geblickt. Es war ihre Farbe, dieses tiefe Braun, das sie nicht mehr losließ. Von der Nase zu den Mundwinkeln herab gruben sich – nicht verdeckt vom Bart – zwei tiefe dünne Narben in seine Haut. Was mochte die Ursache sein dafür? Ein Reitunfall? Sie erkannte mit einem Blick in seinem Gesicht sowohl Eigensinn als auch Großzügigkeit. Trotz des alten, breitkrempigen Stetsons konnte sie erkennen, dass der Mann lockige schwarze Haare hatte. Er konnte nicht viel älter als vierzig sein.
„Buenos días, Señora.“
Obwohl er mit einer respektvollen Geste an seine Hutkrempe fasste, wirkten sein Blick und seine Haltung leicht spöttisch.
„Buenos días“, antwortete Carmela, bemüht, würdevoll auszusehen.
„Man kann sich leicht einen Sonnenbrand einfangen, wenn man sich um diese Tageszeit zu lange und ohne Schutz der Sonne aussetzt.“
Der Mann sprach langsam und gedehnt, mit einem starken amerikanischen Akzent. Er stand mit leicht gespreizten Beinen da und hatte die Hände tief in die Taschen gesteckt.
„Sie sollten wenigstens etwas auf dem Kopf tragen“, fuhr er fort.
„Ich bekomme keinen Sonnenbrand.“ Hoffentlich hatte sie nicht doch ein rötliches Gesicht.
„Ich … ich wollte nur etwas frische Luft schnappen.“
„Ja, Señora.“ Er nickte und sah an ihr vorbei in Richtung Horizont. „Genau die richtige Zeit, um den Verlauf der Sonne zu beobachten.“
Ihre Augen blitzten bei seinem spöttischen Ton auf. Es war ihr peinlich, dass er sie beim Schlafen überrascht hatte. Er lächelte leicht, und dabei vertieften sich die Grübchen in seinen Wangen. Ohne es zu wollen, erwiderte Carmela sein Lächeln.
„Also gut, ich gebe es zu. Ich bin eingeschlafen. Sie glauben mir wahrscheinlich doch nicht, wenn ich behaupte, ich hätte die Augen nur zugemacht, um ein bisschen abzuschalten.“
„Nein, Señora.“
„Nun, gut.“ Carmela stand auf und stellte fest, dass sie immer noch ein ganzes Stück nach oben schauen musste, wenn sie ihm in die Augen sehen wollte. „Wenn Sie mir versprechen, keinem etwas davon zu erzählen, bekommen Sie ein Stück von dem Orangenkuchen, den unsere Haushälterin gebacken hat.“
„Das ist ein verführerisches Angebot.“ Er strich sich mit langen schmalen Fingern nachdenklich übers Kinn. „Ich habe nämlich eine ausgesprochene Schwäche für Orangenkuchen. Es gibt nur ein, zwei Dinge, die mir noch lieber sind.“
Dabei ließ er seine Blicke gründlich und ausgiebig über ihre Figur wandern. Ungerührt von seinen unverschämten Blicken, sah sie ihm fest in die Augen. Chauvinistischen Arschlöchern wie ihm war sie schon öfter begegnet, so leicht ließ sie sich nicht aus der Fassung bringen. Dieser Mann ist eigenartig, dachte sie.
Jetzt schob er seinen Hut weiter in den Nacken zurück, und seine Locken kamen zum Vorschein.
„Abgemacht.“ Er hielt ihr seine Hand zur Bekräftigung hin, und Carmela schlug ein. „Danke.“
Ihre Stimme kam ihr selbst ganz fremd vor. Hastig zog sie ihre Hand zurück.
„Entschuldigen Sie, wenn ich vielleicht vorhin etwas unhöflich und kurz angebunden war“, erklärte sie kühl, denn ein Instinkt sagte ihr, dass es besser war, diesen Mann nicht merken zu lassen, wie sehr er sie verwirrte. Sie wusste nicht, wieso er sich überhaupt derart bemühte, wo doch jeder Mensch mit Augen im Kopf sehen konnte, dass sie nichts Besonderes war. Es gab halt Männer, die glaubten, hinter jedem Rockzipfel herschnüffeln zu müssen.
„Dazu besteht nicht der geringste Anlass“, sagte er. Die Wärme in seiner Stimme war wohltuend und irritierend zugleich.
„Ja, ich …“ Carmela fing an zu stammeln. Auf einmal hatte sie das Bedürfnis, möglichst schnell einen sicheren Abstand zwischen sich und diesen merkwürdigen Mann zu legen. „Ich gehe besser wieder hinein. Mein Vater und meine Tochter warten bestimmt mit dem Essen auf mich.“ Sie sah an dem Mann vorbei und bemerkte, dass sein Pferd immer noch gesattelt war. „Sie haben Ihr Pferd noch nicht in den Stall gebracht. Sind Sie denn mit der Arbeit noch nicht fertig?“
Überraschend stellte sie fest, dass echte Besorgnis aus ihrer Stimme klang. Ich muss verrückt geworden sein, dachte sie. Was geht mich dieser Mann an? „Doch, Señora, ich bin fertig.“
Es war eindeutig ein Lachen, das aus seiner Stimme hörbar wurde, aber Carmela ignorierte es vorsichtshalber. Ihre Aufmerksamkeit galt jetzt ganz seinem Pferd.
Es war ein wunderschönes Tier, mit einem schimmernden grauen Fell. Es hatte eine volle Mähne und einen starken, kurzen Hals, platziert auf einer kraftvollen Schulter. Ein echter Lusitano, mit viel Mut und Feuer. Sie erkannte das Pferd wieder, das sie heute Vormittag aus der Ferne galoppieren sah. Wie um alles in der Welt kam dieser Mann zu solch einem Pferd? Und wie kam es, ohne dass sie es bemerkt hatte, auf diese Finca? Obwohl, dachte sie, hier kamen so viele Pferdetransporter auf das Gut, dass sie viel zu tun hätte, wenn sie sich jeden merken würde.
„Das ist ein wunderschönes Tier.“
„Ja, Señora“, gab er ihr bereitwillig recht.
Carmelas Augen wurden schmal, als sie ihn misstrauisch ansah.
„Kein Vaquero besitzt ein Pferd, für das er mindestens einen halben Jahreslohn hinlegen müsste.“ Er erwiderte ihren Blick ungerührt. „Wer sind Sie?“
„Enrique Zafón, Señora.“ Wieder tauchte dieses Lächeln zuerst in seinen Mundwinkeln auf und breitete sich dann langsam über sein ganzes Gesicht aus. Er zog den Hut. „Ich freue mich, Sie kennenzulernen.“
Der Mann aus Argentinien, dem die Frauen zu Füßen lagen. Carmelas Augen wurden dunkel vor Zorn.
„Warum haben Sie das nicht gesagt?“
„Das habe ich doch gerade“, entgegnete er.
Sie schüttelte sich das Haar aus dem Gesicht. „Sie wissen sehr gut, wie ich das gemeint habe. Ich hielt Sie für einen von unseren neuen Saisonarbeitern.“
„Ja, Señora.“ Er nickte.
„Hören Sie auf, mich ständig, Señora zu nennen“, fuhr sie ihn an. „So ein gemeiner Trick. Sie hätten den Mund aufmachen und mir sagen müssen, wer Sie sind. Dann hätte ich das Pferd meines Vaters selbst in den Stall gebracht und abgesattelt.“
„Es hat mir nichts ausgemacht.“ Sein Gesichtsausdruck wurde ärgerlicherweise immer liebenswürdiger. „Es war kaum Arbeit, und Sie konnten sich in der Zwischenzeit ein bisschen ausruhen.“
„Nun, Señor Zafón, Sie haben sich auf meine Kosten offenbar recht gut amüsiert. Ich hoffe, es hat Ihnen Spaß gemacht“, sagte Carmela kühl.
„Ja, Señora.“ Er lachte. „Großen Spaß.“
„Ich habe gesagt, Sie sollen aufhören …“ Carmela unterbrach sich und biss sich verärgert auf die Unterlippe. „Ach, lassen wir das lieber.“ Sie wandte sich abrupt um und ging einmal zu ihm. „Ich stelle fest, dass Ihre Sprache sich verändert hat, Señor Zafón. Sie ist nicht mehr so gedehnt.“
Er gab ihr keine Antwort, sondern blieb einfach stehen. Immer noch hatte er die Hände in den Hosentaschen. Sein Gesicht lag jetzt im Schatten. Carmela drehte ihm mit einer heftigen Bewegung den Rücken zu. Mit einer Portion Unsicherheit, die sich in ihr breitmachte, und etwas pikiert stapfte sie zum Haus zurück.
„Hola!“, rief er ihr nach, und sie drehte sich gegen ihren Willen noch einmal um. „Bekomme ich trotzdem ein Stück Orangenkuchen?“
Als Antwort warf sie ihm einen ernsten Blick zu. Sein fröhliches Lachen verfolgte sie bis ins Haus.
Der Knall, mit dem Carmela die Tür ins Schloss warf, hallte im ganzen Haus wider. Wütend auf sich selbst und die Unsicherheit, die sich nicht verdrängen ließ, marschierte sie in die Küche.
Nach einem Blick auf ihre Tochter, die sie nur fragend ansah, kannte dagegen ihr Vater die Zeichen des Sturms in ihren Augen. Er lächelte sie an.
„Wo hast du denn Enrique gelassen?“ Er sah an ihr vorbei. „Sag nur nicht, du hast ihm nicht gesagt, dass er zum Essen eingeladen ist.“
„Er kann sich zum Teufel scheren und sein Mittagessen dort zu sich nehmen“, schimpfte Carmela.
„Ich wollte dir heute Morgen davon erzählen, aber …“ Josés Augen glänzten dabei verdächtig.
„Spiel nicht das Unschuldslamm, José Sánchez“, warnte Carmela und kam auf ihn zu. „Wie kannst du mich in dem Glauben lassen, dass er einer der Saisonarbeiter ist, von denen du mir ja gnädigerweise erzählt hast?“
Laura musste kichern.
„Ich freue mich, dass wenigstens du es lustig findest, wenn deine eigene Mutter zum Narren gehalten wird.“
„Ach, Carmela, ich habe es dir doch erzählt“, mischte sich jetzt Antonia ein. Sie fing an zu lachen, und Carmela wusste nicht, ob sie sich über die Warmherzigkeit ihrer Haushälterin freuen oder sich immer noch über den Streich ärgern sollte.
„Was, Antonia, soll so Besonderes an ihm dran sein?“, wollte sie wissen. „Er ist genauso angezogen wie alle anderen Arbeiter, die hier arbeiten. Sein Hut zum Beispiel macht auf mich den Eindruck, als ob er bald auseinanderfällt. Er könnte sich mal einen neuen leisten.“
Es war nichts Besonderes an ihm gewesen, eher etwas Sonderbares, dachte sie im Stillen. Sie hatte nur nicht fassen können, was es war. Sie musste heimlich lachen. Entschlossen schob sie den Gedanken daran beiseite.
„So eine Frechheit.“ Sie wandte sich wieder an ihren Vater. „Erst betitelt er dich als Boss“, nickte Carmela humorvoll, „dann spricht er mich in diesem übertrieben lang gezogenen Ton dauernd mit Señora an.“ Die Ironie in ihrer Stimme war nicht zu überhören.
„Er wollte wahrscheinlich einfach nur höflich sein“, behauptete José mit einem engelhaften liebenswürdigen Lächeln.
Carmela musterte ihn mit dem Blick, vor dem ihre Tochter gewöhnlich erzitterte. Doch dann überwog ihr Humor. Sie musste sich eingestehen, dass das wirklich ein Spaß war, den sie sich anstelle der drei sicher auch nicht hätte entgehen lassen.
„Männer!“ Sie schlug die Augen zur Decke auf, als könnte sie dort eine Antwort finden. „Ihr seid alle gleich und haltet wie Pech und Schwefel zusammen.“ Sie musste unwillkürlich grinsen.
Kapitel 3
La Verdad, April 1939
Man erinnerte sich zurück an den 17. Juli 1936, als sich General Francisco Franco an die Spitze der spanischen Truppen in Marokko stellte. Der Anfang des Spanischen Bürgerkrieges. Die Garnisonen in ganz Andalusien folgten dem marokkanischen Vorbild. Cádiz, Jerez und andere Orte wurden von der Armee besetzt. Sevilla war in den Händen von General Queipo de Llano.
Selbst der Tod konnte die tägliche Routine auf einer Finca nicht erschüttern, ganz gleich, ob es der Tod des Besitzers oder eines Pferdes war. Es war Ende März, und Morgendämmerung hieß Beginnen mit der Versorgung der Tiere, die Ställe mussten gesäubert und die Pferde bewegt werden. Obwohl man sich in den Boxen und auf den Koppeln über den Tod von Diego Alfaro eine Woche vor dem Ende des Krieges unterhielt, blieb der Tagesrhythmus wie immer.
Man musste sich um ein Fohlen mit einem bösen Ekzem kümmern, ein Dreijähriger duldete immer noch keinen Reiter im Sattel, und eine hoffnungsvolle Jungstute sollte erstmals bei einem Rennen starten. So trauerte man um Diego und tauschte Vermutungen aus, während Futterkrippen aufgefüllt und Pferde warm gemacht wurden.
Auf der Finca La Verdad wussten alle, es war nicht das Ende – es war vielmehr erst der Anfang. Wohl hatte die Armee, in der Diego Alfaro diente, in Andalusien gesiegt, doch seine Frau Ricarda mit ihrer vierjährigen Tochter Elena fühlte, dass ihnen ein langer Kampf bevorstehen würde, dessen Ausgang nicht abzusehen war.
Ricarda ging jeden Morgen hinunter zum Fluss, genoss einige Minuten der Stille, während sie das kalte Wasser über ihre Füße rinnen ließ. Sie saß auf einem glatten grauen Stein und ließ das kalte Wasser über ihre Füße laufen. Dabei beobachtete sie, wie die Sonnenstrahlen sich immer näher an die Felsen heranschoben. Sie liebte es, den Sonnenaufgang zu erleben, so wie sie es liebte, über die Ebene zu reiten, eins mit der Natur. Sie genoss es, dazusitzen und die Morgenstille in sich aufzunehmen, um Kraft zu tanken.
Danach machte sie ihren Rundgang auf der Finca. Sie sprach mit ihren Arbeitern, erkundigte sich nach deren Familie und begrüßte die Pferde.
Zum Abschluss besuchte Ricarda ihren Hengst Abanto. Er kam ihr entgegen, wenn sie auf die Koppel zuging, und rieb sein weiches Maul an ihrer Schulter, dabei neugierig nach ihrer Tasche witternd. Ricarda ließ ihn an ihren Händen schnuppern und legte dann ihre flache Hand an den Hals des Tieres.
„Geht es dir gut, mein Schöner?“ Der Andalusier pustete sie an und ließ sich von Ricarda seinen Hals streicheln. Sein Fell war glatt und warm, Ricarda genoss jeden Tag aufs Neue den vertrauten Pferdegeruch und lachte leise auf, als der Hengst ihr mit dem Maul ins Gesicht zu stupsen versuchte. Sie wusste, dass er es mochte, wenn sie vorsichtig seine Mähne kraulte.
„Ich muss jetzt gehen“, sagte sie sanft zu ihrem Pferd. „Ich verspreche dir, dass ich so schnell wie möglich wiederkomme, und dann werden wir ausreiten.“
Behutsam trat sie vom Zaun zurück und registrierte erfreut, dass sie wie jeden Tag Abantos Aufmerksamkeit besaß. Sie waren Seelenverwandte. Vor ihm musste sie nicht ihre Gabe des Pferdeheilens geheim halten. Ricarda dachte daran, wie vielen Pferden sie helfen könnte, wenn sie es hätte öffentlich machen können. Aber daran war überhaupt nicht zu denken, wenn sie nicht in Teufelsküche kommen wollte.
„Mach’s gut“, flüsterte sie und entfernte sich langsam von der Koppel. Als sie, an der Hofeinfahrt angekommen, noch einmal zurückblickte, sah sie den Andalusierhengst immer noch am gleichen Fleck stehen. Er schaute ihr hinterher.
Auf dem Weg zum Haupthaus traf Ricarda ihren Vorarbeiter Salvatore Díez und fragte ihn, ob er zum Mittagsessen käme, um den restlichen Tag zu besprechen. Sie war eine gute Köchin. Trotz des Krieges gab es auf der Finca keine Engpässe. Fleisch, Käse und Obst waren in der Speisekammer immer vorrätig, und Wein hatten sie auch genug. Ihre Frage klang daher fast wie ein Befehl, und Salvatore nickte zustimmend. „Ja, ich komme gern“, sagte er. „Wir müssen auch noch über etwas anderes sprechen.“
Ricarda hatte den Tisch mit Olivenzweigen dekoriert. Es sah hübsch aus und machte den Alltag etwas freudiger.
„Doña Ricarda“, sagte der Vorarbeiter Salvatore Díez während des Mittagessens, „Sie sollten außer Landes mit Ihrer kleinen Tochter. Sie müssen Spanien sofort verlassen.“
Ricarda Alfaro sah ihn ernst an. „Niemals!“
„Dieser Franco wird die Führung durch das rechte Militär an sich reißen. Glauben Sie mir.“
„Wie soll das denn passieren? Im Februar wurde durch eine demokratische Wahl die republikanische Regierung gewählt.“
„Durch einen Staatsstreich vielleicht. Nicht gleich, aber wenn der Bürgerkrieg zu Ende gehen sollte, kann es recht schnell gehen.“ Salvatore sah sie streng an.
„Wir bleiben hier. Ich werde mich von niemandem umstimmen lassen.“
„Es ist nur der Anfang“, beschwor Salvatore sie. „Deutschland und Italien werden Franco unterstützen. Es wird einen langen und blutigen Krieg geben, glauben Sie mir, Doña.“
„Uns allen hier auf der Finca kann nichts passieren. Mein Mann hat mir vor seinem Tod geschrieben, dass die Armee Andalusien hält.“
„Die Republikaner sind im Moment noch nicht einsatzbereit, aber sie haben die Massen hinter sich. Meinen Sie, sie werden über Nacht zu Falangisten, nur weil die Armee die Garnisonen in der Hand hat? Die Linken werden sich organisieren, sie schließen sich jetzt schon zu kleinen Verbänden zusammen, die schnell anwachsen werden, sobald sie genug Waffen erhalten. Die Deutschen haben schon Flugzeuge geschickt.“
„Ach, sollen sie schicken, wen und was sie wollen. Wir werden nicht von hier fortgehen. Wir bleiben!“
„Wie kann ich Sie nur umstimmen? Sie müssen doch einsehen, dass es höchste Zeit ist, das Land zu verlassen. Sie tragen die Verantwortung für Ihre Tochter.“
Ricarda hielt seinem Blick stand. „Soll ich den Kommunisten die Finca überlassen? Meine Mutter und Großmutter haben ihr Vertrauen in mich gesetzt, sie haben mir ihren Besitz zu treuen Händen gegeben. Und nun soll ich fortgehen und alles im Stich lassen? Das ist unmöglich.“
„Natürlich können Sie Ihr eigenes Leben und das Ihrer Tochter und Ihres Mannes aufs Spiel setzen für einen Besitz, den Sie vermutlich verlieren werden. Haben Sie je daran gedacht, dass man Sie töten könnte und Elena einer unsicheren Zukunft entgegensehen muss? Haben Sie sich das einmal klargemacht?“
„Ich habe eine Lösung bereits gefunden. Ich werde mich offiziell zur Franco-Sympathisantin machen. Alle, die hier auf der Finca arbeiten, stehen dadurch unter meinem Schutz. Meine Tochter kann spielen und mit mir am Meer spazieren gehen.“ Von ihrer Natur aus widerstrebte es Ricarda, ihre ablehnende Haltung zu diesem Regime nicht kundtun zu dürfen. Doch das Überleben allein zählte.
Salvatore Díez sah sie an. „Ich gratuliere Ihnen. Dann sind wir schon zu zweit.“
Als Ricarda in die kalte Nacht hinaustrat, waren alle Lichter gelöscht, und sie sah nichts bis auf ein Meer von Sternen. Sie legte ihren Kopf in den Nacken, blickte auf die Sternenbilder und fühlte sich unendlich klein und unbedeutend. Sie glaubte zu verstehen, was ihr verstorbener Mann gemeint hatte, wenn er behauptet hatte, es gebe keinen Anfang und kein Ende im Universum. Ihr wurde ganz schwindlig vom Hinaufschauen und von den Gedanken, die sie verfolgten.
Sie ging wieder zurück ins Haus. Fast widerwillig war sie dann die knarrende Treppe hinauf in ihr Schlafzimmer zurückgegangen.
Jetzt stand sie am Fenster, spürte die rauen Holzbretter unter ihren nackten Fußsohlen und blickte auf die geheimnisvoll beleuchtete Landschaft. Die Bäume in der Ferne waren ein undurchdringlicher lila Wall. Im bleichen Schein des Mondes schienen die Wände und Säulen rund um das Haus zu wabern. Etwas Dunkles flitzte durch den Garten und verschwand in der Schwärze des Waldes. Auf einmal sah sie etwas zwischen den Bäumen hervortreten. Dann war es plötzlich verschwunden, wie eine Täuschung. Da waren wieder diese Gedanken, Gedanken an den September in Rhonda vor einem Jahr. Der Ball ihrer Freundin, der Herzogin Luisa Isabel. Kein Verdrängen, kein schlechtes Gewissen, kein Vergessen. Sie ließ den Erinnerungen zum ersten Mal freien Lauf.
Es war ein herrlicher Septemberabend und lag nun acht Monate zurück. Ricarda und die Herzogin Luisa Isabel schritten die Treppe zum Ballsaal hinab. In dem riesigen Raum unter ihnen standen die Gäste in großen, bunt gemischten Gruppen herum, tranken Cava und unterhielten sich mit Freunden und Bekannten. Ricarda trug ihren Kopf hoch erhoben, aber als sie auf das Spektakel blickte, das sie erwartete, bemerkte sie, dass man sich nach ihr umdrehte, dass Damen und Herren zu ihr heraufstarrten, dass sich viele Augenpaare bei ihrem Anblick weiteten. Sie fühlte ein heiteres Lächeln auf ihrem Gesicht. Diese Nacht hatte etwas Magisches, und sie hätte in diesem Moment mit keinem Menschen auf der Welt tauschen mögen.
Ihre Freundin, die Herzogin, und sie hatten fast den Fuß der Treppe erreicht. Ricardas Blick fiel auf den großen, dunkelhaarigen Gentleman, und ihr Lächeln erlosch, sie riss die Augen auf. Sein Blick war so intensiv, dass seine Augen silbrig zu sprühen schienen.
Ricarda erkannte ihn sofort. Es war der berühmte Pianist Pablo Zafón, den sie aus dem Radio und aus der Zeitung kannte. Ihr Herz schlug so schnell und so laut, dass sie dachte, Luisa Isabel müsse es hören. Ricarda konnte den Blick nicht von ihm wenden, nicht einmal um zu sehen, ob ihre Freundin diese Reaktion auf einen Fremden bemerkt hatte.
Ricarda konnte kaum atmen. Es klingelte ihr in den Ohren. Ihr Herz raste. War dies Liebe auf den ersten Blick?
Da lächelte er, nur ganz leicht, und verbeugte sich tief vor ihr. Ricarda schnappte nach Luft, brachte ebenfalls ein Lächeln zustande und hätte sich dann dafür ohrfeigen mögen; sicher sah er deutlich, wie er sie, eine verheiratete Frau und Mutter, durcheinanderbrachte. Eine Frau, deren Mann im Krieg war. Eigentlich müsste sie sich zutiefst schämen. Tat sie aber nicht. Diese männliche Aufmerksamkeit gefiel ihr.
Sie gesellten sich zu den weiteren Gästen, die sich angeregt unterhielten und die Ricarda schon bei früheren Gelegenheiten kennengelernt hatte. Ricarda merkte sehr wohl, dass einige Frauen ihr den Rücken zukehrten, aber das kümmerte sie nicht. Sie wusste, dass manche sie verachteten, da sie bürgerlicher Herkunft war. Auch das kümmerte Ricarda herzlich wenig. Sie riskierte einen Blick über die Schulter. Er sah sie immer noch so gebannt an wie vorhin.
Ricarda schenkte ihm ein kurzes Lächeln. Verdammt! Sie flirtete mit ihm. Sie musste sich zur Ordnung rufen, bevor er sie am Ende verachtete.
Ricarda wandte sich an Luisa Isabel. „Ich gehe kurz in die Garderobe, meine Liebe.“
„Jetzt? Aber du bist doch eben erst gekommen.“ Die Herzogin sah besorgt aus. „Fühlst du dich nicht gut, Ricarda?“
„Wohl kaum“, erwiderte Ricarda. Sie hätte nichts lieber getan, als ihrer Freundin von dem Pianisten zu erzählen, aber irgendetwas hielt sie zurück. „Ich bin gleich wieder da. „ Sie drückte ihre Hand und sauste davon in einem Tempo, das weder vornehm noch damenhaft war.
Im Foyer blieb sie stehen, atmete ein paarmal tief durch und rang nach Fassung. „Kann ich Ihnen behilflich sein?“
Beim Klang der tiefen, kultivierten Stimme unmittelbar hinter ihr erstarrte Ricarda. Sie wusste, wer es war, obwohl sie noch nie ein Wort gewechselt hatten. Langsam drehte sie sich um.
Dabei blickte sie in das unglaublichste Paar bernsteinfarbene Augen, das sie je gesehen hatte. Sie wurden von langen Wimpern gesäumt. Keiner von ihnen beiden lächelte.
Ein langer, stiller, atemloser Augenblick verstrich.