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Ein Sommer voller Wunder Ein Sommer voller Wunder ist eine herzergreifende Geschichte der preisgekrönten Schriftstellerin Caryl Lewis über die Kraft von Hoffnung, Freundschaft und Fantasie. Ideal für Fans von R. J. Palacio, Mark Haddon, Anna Woltz und Ross Welford ab 9 Jahren. Mit wunderschönen Schwarz-Weiß-Illustrationen von George Ermos. Ein turbulentes Abenteuer mit ganz besonderen Held:innen Marty hat nicht viel. Im Gegensatz zu seiner Mutter, die Milliarden von Dingen besitzt: Zeitungen, löchrige Schuhe, rostige Rasenmäher, kaputte Bilderrahmen – sie hebt einfach ALLES auf! Marty tut sein Bestes, um sich um sie zu kümmern und fragt sich, ob sich jemals etwas ändern wird. Doch an Martys Geburtstag macht sein Großvater ihm ein außergewöhnliches Geschenk: Einen magischen Kürbissamen! Die Kürbispflanze, die daraus erwächst, wird immer größer und bringt Marty, seinen Opa und seine beste Freundin Gracie auf eine unmögliche, wundervolle Idee. Und schon sind die drei mittendrin in einem wilden Abenteuer voller Hoffnung, Träume und Wunder! - Wichtige Themen: Eine warmherzige Geschichte über Freundschaft, Selbstwertgefühl und den Mut, an seine Träume zu glauben – lebensklug, tiefsinnig und wunderbar witzig - Ab 9 Jahren: Das turbulente Abenteuer ist das perfekte Geschenk für Mädchen und Jungen ab der 3. Klasse - So macht Lesen Spaß: Kurze Kapitel, klare Sprache und leicht lesbare Schrift - Durchgehend illustriert: Mit wunderschönen Schwarz-Weiß-Illustrationen von George Ermos - Extra-Motivation: Zu diesem Buch gibt es ein Quiz bei Antolin "Manche Bücher handeln von Magie. Andere Bücher sind magisch. Ein Sommer voller Wunder wird euch in seinen Bann ziehen." – Frank Cottrell-Boyce ("Der unvergessene Mantel", "Millionen")
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
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Vollständige eBook-Ausgabe der Hardcoverausgabe München 2023
Text copyright © Caryl Lewis, 2022
Illustrations copyright © George Ermos, 2002
Titel der Originalausgabe: Seed
Die Originalausgabe ist 2022 bei Macmillan Children’s Books, einem Imprint von Pan Macmillan, London, erschienen.
© 2023 arsEdition GmbH, Friedrichstraße 9, D-80801 München
Alle Rechte vorbehalten
© Text: Caryl Lewis
Innenillustrationen: George Ermos
Übersetzung: Diana Steinbrede
Covergestaltung: Grafisches Atelier arsEdition unter Verwendung einer Illustration von Frauke Schneider
ISBN eBook 978-3-8458-5217-1
ISBN Printausgabe 978-3-8458-5216-4
www.arsedition.de
Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.
Cover
Titel
Impressum
Widmung
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Über die Autorin
Über den Illustrator
Für meinen Mann Aled und unsere Kinder
Hedd, Gwenno und Guto.
Liebe und Fantasie ist alles, was man braucht.
Dies ist eine Liste von allem, was Martys Großvater hatte:
1 Brille (ein Bügel kaputt)
7 Zähne
1 Ein-Zimmer-Apartment über dem Wirtshaus Krone und Anker
1 kaputter Außenbordmotor
457 Teebeutel
1 Bottich Milchpulver
Viel Zeit
1 Schrebergarten mit Schuppen (in dem eine riesige Weltkarte an die Wand genagelt ist)
1 quietschender Campingstuhl, der versucht, einen zu verschlucken, wenn man nicht richtig draufsitzt
2 sehr funkelnde blaue Augen
1 alter Filzhut
1 Saatenkatalog von Hodgkins & Taylor & Söhne
1 leere Keksdose
Das hört sich vielleicht nach viel an, ist es aber eigentlich nicht. Nicht im Vergleich zu Martys Mutter. Martys Mutter hatte Milliarden von Dingen. Milliarden und Abermilliarden, einfach unendlich viele. Ich könnte eine Liste schreiben, aber selbst wenn du hundert Jahre alt würdest, glaube ich nicht, dass du sie jemals zu Ende lesen könntest. Denn Martys Mutter bewahrte alles auf. Alte Zeitungen und löchrige Schuhe und rostige Rasenmäher und ungelesene Bücher und kaputte Bilderrahmen und … nun, ALLES. Als sie noch das Haus verlassen konnte, schaffte sie es nie, an einem Müllcontainer am Straßenrand vorbeizugehen, ohne hineinzulangen und etwas »Nützliches« mit nach Hause zu nehmen. Und sie begann wirklich zu toben und bekam Angst, wenn man versuchte, irgendetwas wegzuschmeißen.
Martys Haus war das am Ende der Straße, mit dem verwilderten Garten, in dem das ganze Zeug herumstand. Da gab es Waschmaschinen, die nicht mehr liefen, und stapelweise Teppiche, aufgerollt wie labberige Zigarren. Da gab es Kabelrollen und alte, aufeinandergetürmte Sofas. Das Haus war von Anfang an nicht besonders groß gewesen. Ein Bungalow mit vier kleinen Zimmern und einer schmalen Küche und einem quadratischen Raum nach hinten raus. Doch seit Martys Geburt hatte es angefangen zu schrumpfen. Natürlich war es nicht wirklich geschrumpft, also mit Magie oder so, doch es wurde auf jeden Fall kleiner.
Marty konnte sich kaum mehr daran erinnern, wie das Wohnzimmer eigentlich aussah. Es war immer vollgestopft gewesen. Doch er erinnerte sich dunkel daran, wie er sich als kleines Kind in Mums und Dads Schlafzimmer geschlichen hatte, als sein Vater noch da gewesen war, und mitten in der Nacht zum Kuscheln in ihr Bett gekrochen war. Jetzt konnte man nicht mal mehr die Tür öffnen, weil so viele Stapel aus Krimskrams sie blockierten.
Nach einer Weile hatten sich die Flure nach und nach an beiden Seiten gefüllt, sodass nur noch ein schmaler Durchgang von der engen Küche zu seinem Zimmer blieb. Man konnte nur noch einen Küchenschrank und das Spülbecken erreichen, und das war immer voll. Seine Mutter schlief jetzt hinten in der Küche, auf einem Polstersessel neben der Hintertür, und sie ging nur noch nach draußen, um auf der Schwelle zu sitzen und zu rauchen. Im Badezimmer war die Badewanne mit alten Briefen und Taschen voller Kleidung gefüllt, sodass er sich nur im Stehen mit einem Waschlappen, etwas Seife und lauwarmem Wasser am halb vollen Waschbecken waschen konnte.
Bis jetzt hatte Marty sein Zimmer noch retten können. Jedes Mal, wenn eine vollgestopfte Tasche hineingestellt wurde, schob er sie wieder hinaus. Es war etwa so, als würde man am Strand stehen und die Wellen mit bloßen Händen aufhalten wollen. Darum besuchte er jeden Abend nach der Schule seinen Großvater im Schrebergarten. Obwohl sie nicht wirklich viel machten, außer vor dem Gartenschuppen zu sitzen und zusammen Tee aus Emaillebechern zu trinken, war es eine Pause von der Enge zu Hause und dem Gefühl, dass man jeden Moment von einer Welle aus Krempel hinweggespült werden könnte.
»Alles okay, mein Junge?« Großvater grinste und reichte ihm einen Becher voll Tee, der so süß war, dass einem fast der Mund zusammenklebte.
Marty setzte sich schweigend und zuckte mit den Schultern. Großvater hatte immer ein gewisses Funkeln in seinen Augen, doch heute brodelte irgendetwas in seinem Inneren. Das war nicht ganz ungewöhnlich, denn Großvater hatte die Gewohnheit, sich für die seltsamsten Dinge zu begeistern. Zum Beispiel, als er dachte, er hätte ein neues Wunderbenzin aus Rhabarberblättern gebraut, und die NASA anrufen wollte. Oder als er einen automatischen Schneckenzerquetscher aus sechs Paar alten Stiefeln und einem uralten Staubsauger gebaut hatte, oh, und als er den Popokratzer 2000 gebaut hatte. Und den automatischen Teerührer 250, der so gut funktionierte, dass er in Martys Teetasse rührte und rührte, bis der Tee immer stärker und rabiater am Rand hochschwappte, plötzlich siedend heiß heausspritzte und sie sich beide auf den Boden werfen mussten, um sich nicht zu verbrühen. Doch heute merkte Marty, dass es um etwas anderes ging.
»Ich hab was für dich.« Großvater lächelte. »Habe schon seit Wochen darauf gewartet, dass es endlich ankommt!«
Er zog einen kleinen, braunen Umschlag aus der Tasche und hielt ihn Marty hin.
»Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Marty, mein Junge.«
Marty wurde rot. Er hatte geglaubt, alle hätten es vergessen. Seine Mutter hatte heute Morgen nichts gesagt. Selbst er hatte versucht, nicht daran zu denken.
»Ich hatte nicht viel Geld, aber ich wollte dir etwas Besonderes schenken …«
Marty bekam nicht viele Geschenke, und da das Haus immer voller wurde, machte er sich sowieso nicht viel aus »Kram«, doch es war nett, dass Großvater daran gedacht hatte.
»Nun mach schon auf«, sagte dieser eifrig und beschwor Marty mit seinem Blick, den Umschlag zu öffnen. Obwohl er kein kleines Kind mehr war, war es Marty immer noch peinlich, wenn er beim Auspacken eines Geschenks beobachtet wurde.
Marty nahm sich Zeit. Er stellte seine Teetasse ab und schob den Finger unter die Lasche des Umschlags. Er war klein, braun und quadratisch, wie diejenigen, in die sie immer den Lohn seiner Mutter hineingetan hatten, als sie noch im Laden arbeitete. Sein Großvater lächelte ihn immer noch an. Um ehrlich zu sein, war der Umschlag so leicht, als wäre überhaupt nichts drin. Also stellte er ihn auf den Kopf und schüttelte ihn über seiner Handfläche – und ein Samen fiel heraus. Marty war etwas enttäuscht.
»Wow!«, sagte er. »Ein Samen!«
»Einer der besten von Hodgkins & Taylor & Söhne, damit du’s weißt!«
Immer noch lächelte Großvater ihn an. Marty wusste nicht genau, was er erwartet hatte, aber das auf jeden Fall nicht. Er schluckte seine Enttäuschung hinunter.
»Das ist wirklich toll …«, hörte er sich sagen.
Marty hielt den Samen zwischen den Fingern. Es war ein außergewöhnlich großer Samen. Glatt, mit einem dicken Bauch, und er war hell gestreift, als würde er einen Schlafanzug tragen. Marty schaute ihn sich genau an: Er war zu groß für eine Sonnenblume, überhaupt zu kernförmig für eine Blume …
»Was ist das für ein Samen?«
Großvater grinste aufgeregt.
»Das, mein Junge, ist eine Überraschung! Ich konnte mir nur einen leisten, also lass uns hoffen, dass es ein guter ist!«
Martys Lächeln verschwand.
»Hör zu«, sagte Großvater. »Es tut mir leid, dass ich dir nicht diese Computerspiele und Dinge schenken kann, die Kinder heute so haben. Ich würde dir die ganze Welt zu Füßen legen, wenn ich könnte. Das weißt du, nicht wahr?«
»Ich weiß«, sagte Marty leise.
»Und man kann nie wissen, was dieses kleine Mordsding für uns in petto hat.« Großvater nahm den Samen aus Martys Hand. »In Samen steckt Magie, verstehst du?« Er zwinkerte. »Man weiß nie, welche Wunder sie bereithalten.«
Marty schaute seinen Großvater mit der üblichen Mischung aus Liebe und Verwirrung an.
»Es ist ein wunderschöner Samen«, sagte er schließlich.
Großvater hielt ihn hoch und betrachtete ihn im letzten Licht des Tages, sein ganzer Körper bebte vor Aufregung.
»Du hast recht, mein Junge – er ist eine Schönheit! Er ist eine strahlende Schönheit!«
Dies ist eine Liste von allem, was Marty hatte:
1 altes BMX-Rad
2 Pullis, die ihm passen: ein roter, ein blauer
So viele Bücher, wie er aus dem Krempel im Haus befreien konnte
1 Mutter, die das Haus nicht verlässt
1 fünf Zentimeter großes Modell vom Eiffelturm, das sein Vater – den er, seit er vier war, nicht mehr gesehen hat – ihm geschenkt hat, als er ganz klein war, und das er immer in der Tasche trägt
1 Uniform, die die Schule ihm gespendet hat, dazu gehörten:
1 Hose, in die der Name Harry Thomas eingestickt war
1 Schul-T-Shirt, bei dem mit Tinte der Name Nathan Sharp auf den Kragen geschrieben war
1 Schulpulli, bei dem Lee Smith auf das Schildchen mit der Waschanleitung geschrieben war (Es machte Marty nichts aus, dass er keine eigene Schuluniform hatte, außer wenn er ein Kleidungsstück in der Pause oder nach dem Sport vergaß, dann musste er sich nämlich vier Namen merken – seinen eigenen und alle anderen –, um seine Klamotten zurückzubekommen.)
1 halbes Paket Karamell-Kaubonbons
1 Einzelbett mit Mickey-Mouse-Bettwäsche, für die er viel zu alt war
»Ich bin zu Hause!«, rief Marty, doch seine Stimme klang wie erstickt.
So war das in ihrem Zuhause. Hier drin war so viel Gerümpel, dass jeder Laut abgedämpft wurde. Das Gerümpel stülpte einem die Stille über. Marty schloss die Haustür hinter sich. Er war im Laden gewesen, um das Abendessen und etwas Milch einzukaufen, und hatte die dünne Plastiktasche auf dem Rückweg an die Lenkstange seines BMX-Rads gehängt. Meistens aßen sie Pasteten, weil man die direkt in der Form backen konnte, und Marty hatte herausgefunden, dass sie, wenn man sie hinterher mit Wasser ausspülte und auf den Stapel alter Pastetenformen stellte, gut ineinanderpassten und nicht so viel Platz einnahmen.
»Hast du deine Tabletten genommen?«, rief er.
»Ja!«, erwiderte die gedämpfte Stimme seiner Mutter. Marty hörte, wie sie Krempel herumschob.
»Was machst du?«, rief Marty.
»Wirst du schon sehen!«
Seine Mutter schlief viel und war trotzdem immer sehr müde, darum war es komisch zu hören, wie sie herumwuselte. Marty begann, den Pastetendeckel mit einem Dosenöffner aufzumachen, und schob schmutziges Geschirr beiseite, damit er den Wasserkocher unter den Hahn stellen und Wasser einlassen konnte, um seiner Mutter einen Tee zu kochen.
Er fischte zwei schmutzige Teller aus dem Waschbecken und spülte sie ab. Dann stellte er den Backofen-Timer auf zwanzig Minuten.
Als er in das Hinterzimmer trat, traute er seinen Augen kaum. Seine Mutter hatte eine Ecke des Zimmers frei geräumt. Sie stand da, verschwitzt und in einem schlabberigen T-Shirt, das Haar auf ihrem Kopf zu einem Knoten gebunden, und blickte entschlossen drein. Sie hatte ein paar Zeitungen in eine Tüte gestopft. Sie hatte ein paar Mülltüten gefunden und mindestens zwei davon gefüllt. Sie war ganz außer Puste.
»Ich kann das«, sagte sie mit einem stolzen Lächeln auf den Lippen.
Marty sank das Herz in die Hose. Nicht schon wieder, dachte er.
»Ich habe hier schon fast aufgeräumt.«
Marty schaute sich um. Ja, da war ein kleiner, aufgeräumter Fleck, aber alles andere war noch genau so wie zuvor.
Seine Mutter machte das hin und wieder. Es war, als würde sie dann ein bisschen lebendig werden. Als wachte sie auf, schaute sich um und dachte: Das ist verrückt, und fing an aufzuräumen. Ja, das tat sie. Manchmal dauerte es einen Tag und manchmal eine ganze Woche, aber meistens nicht länger. Nach einer Weile war es, als würde der Nebel zurückkehren, ihr Körper wurde träger, und langsam, aber sicher kam das ganze Gerümpel zurück, manchmal sogar schlimmer als vorher.
»Was hältst du davon?«, fragte seine Mutter grinsend.
»Das ist toll«, log Marty.
»Ja, nicht wahr?« Sie schaute sich um, stemmte die Hände in die Hüften. »Dieses Mal werde ich alles in Ordnung bringen …«
Marty spürte, wie sich sein Magen zusammenkrampfte.
»Na klar«, antwortete er, nicht zum ersten Mal. »Übrigens, das Essen ist im Ofen.«
Seine Mutter nickte.
»Ich rufe dich, wenn es fertig ist.«
»Okay!«, sagte sie und machte sich mit leuchtenden Augen wieder ans Aufräumen.
Marty sah nach der Pastete. Er hatte sich früher über die ganze Sache sehr geärgert. Die Peinlichkeit, der Frust, der Wunsch, dass seine Mutter einfach nur normal war. Nur eine normale, langweilige Mutter, die herumnörgelte, dass er endlich sein Zimmer aufräumen sollte. Doch im Laufe der Jahre hatte Marty in seinem Kopf eine Art Raum geschaffen. Und er hatte alle Entschuldigungen wie »Sorry, du kannst nicht mit zu mir – meine Mutter ist nicht zu Hause« und »Entschuldigen Sie, ich habe mein neues Buch in der Bücherei vergessen« und »Ja, wir sind auch über den Sommer weggefahren« hineingestopft. Er hatte sie hineingestoßen und die Tür zugedrückt und war richtig gut darin geworden, nicht zu viel darüber nachzudenken.
Großvater hatte vor Jahren versucht, ihr zu helfen. Er war mit ein paar Freunden herübergekommen. Sie hatten einen Container gemietet, so ein großes, gelbes Behälter-Teil, und ein LKW-Kran-Dingsbums, um es in den Garten zu stellen. Sie hatten die Hintertür geöffnet und angefangen, Sachen herauszutragen. Seine Mutter war ihnen den ganzen Tag hinterhergelaufen, hatte die Hände gerungen und gesagt: »Nicht das! Nicht das!« und »Dafür habe ich noch Verwendung! Das ist total praktisch!« Marty konnte ja irgendwie verstehen, dass sie Bücher und solche Sachen behalten wollte. Aber wer um Himmels willen hatte Verwendung für sechs kaputte Heizstrahler oder einen Stapel Fensterrahmen, die nicht zusammenpassten? Er erinnerte sich, wie sie und Großvater sich angeschrien hatten. Lauter und lauter, bis alle Freunde von Großvater sich in ihre Lieferwagen gesetzt hatten. Damals hatten sie zum letzten Mal miteinander gesprochen. Großvater war seitdem nicht mehr im Haus gewesen und er fragte auch kaum noch nach Martys Mutter.
Der Timer klingelte. Marty fischte die Pastete mit einer Gabel heraus und verteilte sie auf zwei Tellern, dann lief er seitwärts den hinteren Flur entlang, wo seine Mutter sich nun erschöpft in ihrem alten Sessel niedergelassen hatte. Marty reichte ihr ihren Teller. Sie blies die Backen auf …
»Meine Güte, was würde ich ohne dich machen? Hm?«
Marty zuckte die Achseln und setzte sich auf den Stapel Zeitungen, auf dem er immer saß.
»Du bist wirklich ein Engel.«
Marty sah zu, wie sie zu essen begann, und sein Lächeln wurde immer schmaler.
Es waren immer die Kinder mit den neuen Turnschuhen, die damit anfingen. Sie waren die größten Unruhestifter der Schule und hatten eine Art Superspürsinn, wenn es um mögliche Opfer ging, da war Marty sich sicher. Sie spürten Kinder wie Marty im Unterholz herumkriechen und schlugen zu, wenn die es am wenigsten erwarteten. In der Essensschlange: »Ey, Stinker!« In der Pause: »Da ist Oskar aus der Mülltonne!« Und als Marty sein BMX-Rad vom Zaun losschloss, bevor er zum Schrebergarten radelte: »He, he! Funktioniert das Ding überhaupt? Da wärst du ja zu Fuß schneller, Kumpel!«
Die Lehrer sagten zu Marty, er solle sie ignorieren. Mr Garraway, der Beratungslehrer, hatte ihm empfohlen, keine »Aufmerksamkeit zu erregen«. Seine Mutter hatte gesagt, er solle einfach weggehen. Doch es war sein Großvater, der ihm den besten Rat gegeben hatte. Er hatte ihm beigebracht, sie im Flüsterton zu beschimpfen. Mit schrecklichen, haarsträubenden, beschämenden, üblen, grausamen, furchtbaren Schimpfwörtern. Wörter, die man NIEMALS laut sagen sollte. Wörter, die einem MÄCHTIG Ärger einbringen würden. Doch lustigerweise funktionierte es irgendwie. Ein bisschen so, als würde man seine Hände in eiskaltes Wasser halten, konnte man Sachen länger ertragen, wenn man einfach nur ganz leise für sich loslegte. Genau so, wie er es jetzt tat.
»Du weißt schon, dass du solche Wörter nicht benutzen solltest.«
Marty zuckte heftig zusammen.
»Woah!«, rief er. »Was fällt dir ein, dich einfach so anzuschleichen?«
Das Mädchen lächelte. Marty löste endlich mit einem Klappern das Vorhängeschloss von seinem Fahrrad.
»Das solltest du mal ölen«, sagte sie.
Sie hatte recht. Sie stand da und lächelte ihn einfach nur an, und plötzlich fand Marty sie ganz schön nervig.
»Woher wusstest du überhaupt, was ich sage?«, fragte er.
»Ich kann Lippenlesen.«
»Wie bitte? Hast du Superkräfte, oder was?«, erwiderte er ungeduldig.
»Also, wenn du gehörlos zu sein als Superkraft bezeichnest, dann ja.«
Martys Gereiztheit zerschmolz zu Mitleid.
»Oh«, murmelte er. »Tut mir leid.«
»Was tut dir leid?«, fragte sie. »Dass ich gehörlos bin? Oder dass du die Sozialkompetenz einer Bohne hast?«
Marty musste lachen. Sie schmunzelte, dann blickte sie ihn etwas strenger an.
