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IM SONNENWINKEL ist eine Familienroman-Serie, bestehend aus 75 in sich abgeschlossenen Romanen. Schauplatz ist der am Sternsee verträumt gelegene SONNENWINKEL. Als weitere Kulisse dient die FELSENBURG, eine beachtliche Ruine von geschichtlicher Bedeutung. Der Sonnenwinkel ist eine Zusammenfassung der kleinen Orte Erlenried und Hohenborn, in denen die Akteure der Serie beheimatet sind. Die einzelnen Folgen behandeln Familienschicksale, deren Personen wechseln, wenn eine Handlung abgeschlossen ist. Im Mittelpunkt, jedoch als Rahmenhandlung, stehen die immer wiederkehrenden Hauptpersonen, die sich langsam weiterentwickeln. So trennt den ersten und letzten Roman in etwa ein Jahrzehnt. Der Bus kam angefahren. Bambi, die Jüngste der Auerbachs, beobachtete es vom Küchenfenster aus. »Beeil dich, Hannes!«, sagte sie zu dem großen Bruder. »Hab ja noch fünf Minuten Zeit«, erwiderte dieser kauend. Jonny, der Collie, stand an der Tür und bellte. »Willst wohl hinaus?«, fragte Bambi und öffnete ihm die Tür. Jonny war schon sehr manierlich. Er stürmte nicht mehr los, sondern wartete ab, bis Bambi selbst vor das Haus ging. Es war noch dämmerig. Der Himmel war wolkenverhangen. Am Vortag hatte es getaut, aber heute war es wieder sehr kalt. Der Atem des Kindes wurde als Hauchfahne sichtbar. »Puh!«, machte Bambi, lief aber doch noch ein paar Schritte durch den Garten. Und schon lag sie auf dem Bauch. Der Boden war ihr förmlich unter den Füßen weggeglitten. Es tat weh, aber Bambi verbiss sich den Schmerz.
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Seitenzahl: 142
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Der Bus kam angefahren. Bambi, die Jüngste der Auerbachs, beobachtete es vom Küchenfenster aus.
»Beeil dich, Hannes!«, sagte sie zu dem großen Bruder.
»Hab ja noch fünf Minuten Zeit«, erwiderte dieser kauend.
Jonny, der Collie, stand an der Tür und bellte. »Willst wohl hinaus?«, fragte Bambi und öffnete ihm die Tür.
Jonny war schon sehr manierlich. Er stürmte nicht mehr los, sondern wartete ab, bis Bambi selbst vor das Haus ging.
Es war noch dämmerig. Der Himmel war wolkenverhangen. Am Vortag hatte es getaut, aber heute war es wieder sehr kalt. Der Atem des Kindes wurde als Hauchfahne sichtbar.
»Puh!«, machte Bambi, lief aber doch noch ein paar Schritte durch den Garten. Und schon lag sie auf dem Bauch. Der Boden war ihr förmlich unter den Füßen weggeglitten.
Es tat weh, aber Bambi verbiss sich den Schmerz. Jonny leckte ihr die Wange, was wohl Ausdruck seines Mitgefühls bedeuten sollte.
»Bambi!«, schrie Hannes, der in der offenen Tür stand.
»Geh bloß langsam, es ist so glatt!«, sagte Bambi warnend, um sich dann aufzurappeln.
Aber Hannes wollte ihr zu Hilfe eilen, und auch er rutschte. Aber er konnte sich fangen und streckte ihr hilfreich die Hände entgegen.
»Hast du dir wehgetan?«, fragte er besorgt.
»Bloß ein bisschen«, erwiderte Bambi tapfer. »Hoffentlich rutscht der Bus nicht auch.«
Für Hannes war es höchste Zeit. Auf ihn wartete der Bus nicht extra, und er musste ja zur Schule, während die Kleine daheim bleiben konnte.
Als Hannes winkend verschwunden war, kullerten ihr doch ein paar Tränen über die Wangen. Inge Auerbach war erschrocken und hob Bambi empor.
»Du hast dir doch wehgetan!«, sagte sie bekümmert.
»Ist nicht so schlimm, Mami, aber wir müssen gleich streuen, sonst fallen noch mehr hin.«
Inge Auerbach meinte, dass es mit dem Streuen noch ein bisschen Zeit hätte.
Sie schaute sich erst Bambis Arme und Beine an, salbte diese gleich mit einem Universalmittel ein und verordnete ihr Ruhe.
»Wenn bloß nichts passiert bei dem Glatteis«, äußerte Bambi besorgt. »Auf der Straße ist es bestimmt auch so glatt.«
»Der Bus fährt schon vorsichtig«, tröstete Inge,
»Ruf Omi lieber gleich an, dass sie nicht auch rausgeht und ausrutscht«, erklärte Bambi fürsorglich.
Und das tat Inge Auerbach denn auch. Danach streute sie Sand auf den Gartenweg.
Ihr Vater tat im Nebenhaus das Gleiche. Auf der Straße trafen sie sich und warfen den Sand auf die Fahrbahn.
»Da wird heute wieder allerhand passieren«, sagte Magnus von Roth zu seiner Tochter. »Wohl dem, der nicht aus dem Haus braucht.«
*
So dachten die sechsundzwanzig Schulkinder nicht, die zur gleichen Zeit, zwanzig Kilometer von Hohenborn, in einen Bus stiegen, um ihren Schulausflug zu machen. In Schwarzenberg war allerdings auch kein Glatteis.
Hanna Ebel, die junge Lehrerin, hatte ihre Mühe, die lebhaften Trabanten in Zaum zu halten, denn alle freuten sich sehr auf den Ausflug und waren kaum zu bändigen.
Eine schlanke dunkelhaarige Frau unterhielt sich mit Hanna Ebel. An ihrer Hand hielt sie ein zierliches Mädchen.
Es war Annette Werlin mit ihrer Tochter Renate.
Sie waren wohl die angesehenste Familie in Schwarzenberg, denn der Fabrikant Werlin hatte ungemein viel für die kleine Gemeinde getan.
Renate war das einzige Kind des Ehepaars und trotz des Reichtums ihrer Eltern ein liebenswertes Geschöpf.
»Sie werden doch ein Auge auf Renate haben«, sagte Annette Werlin bittend zu Hanna Ebel.
»Sie können ganz beruhigt sein«, kam die Erwiderung. »Christine und Renate sind sehr lieb und umsichtig.«
Christine war die Tochter von Hanna Ebel und im gleichen Alter wie die kleine Fabrikantentochter, mit der sie befreundet war. Auch sie war zierlich und ein besonders anmutiges Kind.
»Ich passe auch auf Renate auf, Frau Werlin«, versicherte Christine eifrig. »Wir bleiben ja immer zusammen.« Annette Werlin drückte Hanna Ebel die Hand.
»Ich bin so froh, dass unsere Kinder sich so gut verstehen, Frau Ebel«, erklärte sie herzlich. »Es würde mich freuen, wenn Sie mich auch öfter einmal besuchten.«
Das allerdings würde Hanna Ebel in eine Zwickmühe bringen, denn in einem kleinen Ort, in dem jeder den anderen kannte, konnte ihr als Lehrerin das leicht falsch ausgelegt werden.
Man würde schnell sagen, dass sie Renate bevorzugte, weil diese eben eine Fabrikantentochter war, und einfach hatte es die geschiedene Hanna Ebel ohnehin nicht; denn in Schwarzenberg war man noch sehr konservativ, und eine geschiedene Lehrerin war manchen ein Dorn im Auge.
»Nun steigt ein«, sagte sie zu den beiden kleinen Mädchen.
Annette Werlin drückte ihr Töchterchen noch einmal an sich.
Komm gesund zurück, dachte sie, aber sie sprach es nicht aus. Das Kind freute sich so sehr, dass es mit den anderen fahren durfte, und sie wollte Renate nicht das Herz schwer machen.
Die Kinder lachten und tobten noch, aber Hanna Ebel brachte sie mit ein paar energischen Worten zur Räson.
»Herr Naumann muss fahren und hat eine große Verantwortung«, sagte sie. »Also macht ihn nicht konfus.«
Heinrich Naumann war ein biederer Mann in mittleren Jahren. Auch seine drei Kinder nahmen an diesem Ausflug teil, obgleich Georg, der Älteste, schon in eine höhere Klasse ging.
Aber Heinrich Naumann war alleinstehend und musste die drei Kinder versorgen. Weil der Ausflug den ganzen Tag dauern sollte, hatte Hanna Ebel die Erlaubnis des Rektors erwirkt, Georg, der Schorsch gerufen wurde, daran teilnehmen zu lassen.
Heinrich Naumann hatte sein gutes Auskommen mit seinem Bus, dem einzigen in der Gemeinde, mit dem er die Arbeiter und Angestellten zu ihren Arbeitsplätzen beförderte, Ausflüge machte und auch die Kinder zur Schule brachte und von dort abholte.
Er hatte alles gut eingeteilt, war zuverlässig und auf die Minute pünktlich. Seine Kinder waren überall beliebt, und obgleich ihnen die mütterliche Fürsorge fehlte, waren sie immer ordentlich beisammen.
Schorsch passte auf die kleineren Geschwister Frieder und Marilli auf, wenn der Vater unterwegs war. Er war es auch, der Hanna Ebel jetzt unterstützte, als ein paar besonders Lebhafte keine Ruhe geben wollten.
Als Erstes wollten sie die Felsenburg besichtigen, über die nun auch im weiten Umkreis von Erlenried viel gesprochen wurde.
Hanna Ebel hatte sich eingehend informiert über die Geschichte dieser Burg, die zum Besitz der Riedings gehörte, und ihren Schulkindern auch schon davon erzählt.
Eine alte Ritterburg interessierte alle, und so wurden sie in der spannungsvollen Erwartung auf dieses Erlebnis ruhiger.
*
Dr. Nicolas Allard, neben der jungen Gräfin Sabine von Jostin Erbe des Besitzes der verstorbenen Josette von Jostin, hatte für diesen Morgen eine Verabredung mit dem Notar Dr. Rückert in Hohenborn getroffen.
Als er seinen Wagen aus der Garage holte, kam der Verwalter Leo Thewald aus seinem Haus.
»Es ist verflixt glatt heute, Herr Doktor«, warnte er den Arzt. »Fahren Sie bloß vorsichtig!«
»Es ist ja nur ein kleines Stück«, bemerkte Dr. Allard. »Hat Ihre Frau aufgeschrieben, was ich mitbringen soll?«
Leo Thewald reichte ihm einen Zettel.
»Wenn Sie so freundlich sein wollen?«, sagte er höflich.
»Ist doch selbstverständlich, Herr Thewald.«
Nicolas Allard drehte sich um und sah Sabine von Jostin kommen.
»Guten Morgen«, erwiderte sie seinen Gruß verlegen. »Würde es Ihnen etwas ausmachen, mich mitzunehmen, wenn Sie in die Stadt fahren, Nicolas?
Was will sie bei diesem Wetter in der Stadt, dachte er, aber eine diesbezügliche Frage hätte er nicht gestellt.
Es war immer noch eine unterschwellige Spannung zwischen ihnen, die aber mehr durch Sabines Unsicherheit als durch ihn hervorgerufen wurde.
Obgleich ihre Verlobung mit Hasso von Sillberg gelöst war, der so üble Intrigen gegen Dr. Allard gesponnen hatte, fühlte sie sich schuldbewusst, es überhaupt geduldet zu haben, dass Hasso widerwärtige falsche Anschuldigungen gegen Nicolas vorgebracht und dazu Vorurteile gegen den Miterben in ihr geweckt hatte.
Nicolas war alles andere als ein Erbschleicher. Sabine wusste längst, dass er selbst sehr vermögend war und nur das Vermächtnis Josette von Jostins erfüllen wollte, die er sehr verehrt hatte.
Nicolas war ein interessanter, kluger Mann mit nobler Gesinnung, die auch darin deutlich zum Ausdruck kam, wie freundlich er mit den Thewalds sprach.
Aber etwas beunruhigte Sabine ungemein. Es bezog sich auf jenes Mädchen, das jetzt aus dem Haus der Thewalds gelaufen kam.
Das Mädchen war blond und zierlich, bildhübsch, mit großen, ausdrucksvollen violetten Augen. Lisa Thewald! Sie war stumm. Kein Laut kam über ihre schönen, weichen Lippen, aber ihre sprechenden Gebärden drückten alles aus, was sie fühlte.
Jetzt hatte sie Angst, und diese Angst galt Nicolas. Selbst Sabine, die Lisa bisher nur selten gesehen hatte, spürte es, und ein eigentümliches Gefühl schnürte ihr die Kehle zusammen.
»Ich fahre schon vorsichtig, Lisa«, sagte Nicolas mit seiner warmen, dunklen Stimme. »Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Mittags bin ich zurück.«
Scheu blickte Lisa zu Sabine. Dann aber umklammerte sie doch des Mannes Hände, als wollte sie ihn zurückhalten.
Leicht strich Nicolas ihr über die Wange, und da spürte Sabine, dass das Gefühl, das sie so einengte, Eifersucht war. Eifersucht auf dieses stumme Mädchen, die Tochter des Verwalters, die Nicolas mit solcher Selbstverständlichkeit mit Du anredete.
»Sie können ihr die Worte von den Lippen ablesen«, bemerkte Sabine, als sie aus dem großen schmiedeeisernen Tor hinausfuhren, das Leo Thewald hinter ihnen sorgfältig wieder verschloss.
»Ich kann in ihren Augen lesen«, entgegnete er ruhig. »Sie wollte mir zu verstehen geben, dass heute etwas Schreckliches passiert. Also werden wir doppelt vorsichtig sein.«
»Sie geben etwas darauf?«, fragte Sabine unwillig.
»Lisa hat einen unglaublichen Instinkt. Da sie nicht sprechen kann, sind ihre Sinne besonders ausgeprägt. Sie hat eine Antenne für Dinge, die wir nicht mit dem Verstand erfassen können.«
»Sie haben sich viel mit ihr beschäftigt«, meinte Sabine.
»Ich möchte ihr gern helfen, dass sie wieder sprechen kann«, erwiderte er.
Ein stechender Schmerz durchzuckte Sabine. Aber sie bemühte sich, ihrer Stimme einen ruhigen Klang zu verleihen, als sie fragte: »Ist sie denn nicht von Geburt aus stumm?«
»Nein«, entgegnete er nur kurz.
Dann war Schweigen zwischen ihnen.
Er konzentrierte sich ganz auf die Straße, und das war gut so, denn eine meterlange Eisfläche war vor ihnen. »Zurück fahren wir die andere Straße«, erklärte er. »Sie kommen doch mit zurück?«
Wenn sie nicht so sehr mit Lisa beschäftigt gewesen wäre, hätte sie wohl den eigentümlichen Unterton vernommen. Aber sie dachte unentwegt, dass er Lisa sehr lieben müsse, wenn er sogar ihr Gebrechen in Kauf nahm. Und Lisa betete ihn förmlich an, das war vorhin ihrem Mienenspiel deutlich zu entnehmen gewesen.
»Ich wollte Sie bitten, mich im Gasthof Seeblick abzusetzen«, sagte sie. »Ich möchte Carla besuchen.«
»Carla?«
»Frau Richter. Ich verstehe mich sehr gut mit ihr. Man muss ab und zu mit jemandem sprechen können.«
»Können Sie mit mir nicht sprechen?«, fragte er betroffen, da er den Trotz aus ihren Worten hörte. »Ich denke, wir wollten Freunde werden, Sabine?«
»Sie sind doch hier schon viel heimischer als ich«, murmelte sie.
»Liegt das nicht auch ein wenig an Ihnen? Die Thewalds sind durchaus nicht primitiv. Man kann sich sehr gut mit ihnen unterhalten. Sie sollten einmal den Versuch machen, sie besser kennenzulernen. Von sich aus werden sie es nicht versuchen.«
Es klang gar nicht schulmeisterlich, obgleich sie es so auffassen wollte. Die Thewalds, das bedeutete auch Lisa, und sie stand zwischen ihr und Nicolas.
Sabine erschrak. Was waren das für Gedanken! Hatte sie nicht eben erst die böse Erfahrung mit Hasso gemacht? Konnte sie schon wieder an einen anderen Mann denken?
Aber Nicolas und Hasso konnte man nicht miteinander vergleichen. Zwischen ihnen war ein Unterschied wie Tag und Nacht.
Sie waren schon beim »Seeblick« angelangt. Nicolas schaute auf die Uhr.
»Auf einen Kaffee kann ich noch mitkommen«, sagte er. »Das heißt, wenn es Ihnen nichts ausmacht, Sabine?«
Sie schüttelte befangen den Kopf. Nicolas half ihr aus dem Wagen, und dennoch wäre sie fast ausgerutscht. Er fing sie auf, und ein paar Sekunden lag sie an seiner Brust.
Ganz schwindlig wurde es ihr, als sie in seine dunklen Augen blickte, die dicht über ihr waren.
»Wirklich verflixt glatt ist es heute«, stellte er fest.
Carla Richter stand an der Tür.
»Wir müssen der Glätte mit Salz zu Leibe gehen«, bemerkte sie. »Der Sand hilft nicht. Warten Sie bitte einen Augenblick, bis Sepp gestreut hat.«
Sabine hatte sich wieder gefangen.
Nicolas hielt sie zwar noch immer am Arm, aber sie hatte sich aus seinem Blick lösen können, der ihr so heftiges Herzklopfen verursacht hatte.
Sepp, das unentbehrlich gewordene Faktotum des »Seeblick«, streute eifrig Salz, und so gelangten sie schließlich sicher in das warme, freundliche Gastzimmer.
Carla hatte sie herzlich begrüßt. Sie kannte Dr. Allard, denn er hatte ein paarmal im »Seeblick« gegessen. Allerdings war er immer sehr zurückhaltend gewesen, und jetzt wunderte er sich, wie vertraut Sabine mit der jungen Gastwirtin war.
»Wie geht es Toni?«, erkundigte sie sich.
»Blendend, ich bringe ihn gleich«, erwiderte Carla Richter. »Aber setzen Sie sich bitte besser ins Kaminzimmer, wir erwarten heute noch eine Schulklasse als Mittagsgäste. Da wird es lebhaft zugehen.«
Sie versprach, dass der Kaffee gleich kommen würde, und verschwand.
»Richters haben vor Kurzem einen kleinen Buben adoptiert«, erzählte Sabine, um das eingetretene Schweigen zu überbrücken. »Toni ist ein goldiges Kerlchen.«
»Mögen Sie Kinder?«, fragte Nicolas Allard nach einer kurzen Pause.
»Sehr«, erwiderte sie.
Dann kam auch schon Carla, um mit mütterlichem Stolz ihren kleinen Toni zu präsentieren.
*
Der Bus mit den Kindern war inzwischen in Erlenried eingetroffen.
Hanna Ebel ermahnte alle noch einmal, beisammenzubleiben. Dann wurden sie von Magnus von Roth zur Felsenburg geführt.
Bambi hätte ihren Großpapa sehr gern begleiten wollen, aber das war ihr diesmal nicht erlaubt worden.
»Mit dem aufgeschlagenen Knie läufst du bei der Kälte nicht herum!«, erklärte Inge Auerbach energisch.
»Tut doch gar nicht mehr weh«, meinte Bambi, die den Schmerz schon vergessen hatte.
»Wenn du bergan gehen musst, tut es doch weh. Und wenn du noch mal ausrutschst, wird es schlimmer.«
Eigentlich tat es ja auch noch weh, aber sie wollte es nicht wahrhaben, weil andere Kinder sie immer interessierten. Und heute war mal eine ganze Schulklasse da. Zum ersten Mal! Und das musste sie nun versäumen!
Schmollend saß sie am Fenster und blickte den Kindern nach.
»Ich könnte ihnen so viel erzählen«, sagte sie.
»Das kann Opi noch besser«, bemerkte Inge.
Dem konnte Bambi nicht widersprechen, und Widerspruch lag ihr auch gar nicht. Sie war ein sehr nachgiebiges Kind, und keinesfalls tat sie etwas, was ihre heißgeliebte Mami betrüben könnte.
»Lehrerin ist auch ein schöner Beruf«, meinte sie gedankenvoll. »Die Dame sieht sehr nett aus, wenn sie auch nicht so jung und hübsch ist wie Fritzi.«
Fritzi Frerichs, die junge Frau des Pfarrers, Lehrerin in der modernen Schule in Erlenried, war wohl das Ideal einer Lehrerin. Sie war nicht nur jung und hübsch, sondern auch eine ausgezeichnete Pädagogin. Eine bessere hätte man hier gar nicht finden können.
Aber Bambi konnte nun feststellen, dass es auch andere nette Lehrerinnen gab, wenngleich Hannes behauptet hatte, dass die meisten schrullig wären und man bei Männern überhaupt mehr lernen könnte.
Nachdem Bambi sich wieder einmal darüber ausgelassen hatte, dass sie auch endlich zur Schule gehen wolle, erklärte sie, dass sie Ricky nun mal besuchen würde.
»Aber du gehst nicht zur Felsenburg!«, sagte Inge mahnend.
»Wenn du was nicht erlaubst, tue ich es auch nicht«, erwiderte Bambi. »Das weißt du doch, Mami.«
Diesmal ging sie ganz vorsichtig, obgleich nun auch die Straße dick gestreut war. Mit hängendem Kopf trottete Jonny neben ihr her.
»Dir passt es wohl auch nicht, dass wir nicht mit zur Felsenburg durften?«, fragte Bambi ihren Collie. »Oder was passt dir sonst nicht? Du machst ein Gesicht, als wenn etwas in der Luft liegt.«
Bambi liebte es, sich so mit Jonny zu unterhalten. Er konnte zwar keine Antwort geben, aber sie entnahm seiner Haltung manches. Sie kannte ihn schon sehr genau, und tatsächlich machte Jonny heute einen etwas merkwürdigen Eindruck.
»Hast du dich erschreckt, weil ich hingeflogen bin?«, fragte Bambi. »Das ist nicht schlimm gewesen. Freust du dich denn nicht, dass du zu deinem Vater kommst?«
Der Colly Charly, schon Jahre im Besitz von Fabian Rückert, begrüßte seinen Sohn Jonny zwar schwanzwedelnd, aber irgendwie war er heute auch nicht so lebhaft wie sonst.
Ricky, eine bezaubernde junge Frau, nahm ihre kleine Schwester in die Arme.
»Na, mein Schatz, wie geht es dir denn?«, erkundigte sie sich zärtlich.
»Ganz gut. Bin heute morgen bloß hingeflogen.«
»Hast du dir wehgetan?«, fragte Ricky erschrocken.
»Ein bisschen. Ist nicht schlimm, aber Jonny tut ganz wehleidig.«
»Charly ist heute auch nicht gerade fröhlich gestimmt«, meinte Ricky. »Ihnen missfällt das Glatteis. Es ist aber lieb, dass du doch kommst.«
»Muss ich doch, sonst ist es kein richtiger Vormittag«, versicherte Bambi. »Es ist ja so schön, dass du so dicht bei uns wohnst, Ricky, und dass ich Henrik jeden Tag sehen kann. Ist er schon wieder ein bisschen gewachsen?«
So oft, wie Bambi das fragte, konnte der kleine Henrik, etwas mehr als ein Vierteljahr alt, gar nicht wachsen. Aber dennoch gab es an ihm für Bambi immer etwas Neues zu entdecken.
Von grenzenlosem Stolz erfüllt, in so jungen Jahren schon Tante zu sein, war Klein-Henrik für sie ein Wunderkind. Sie konnte stundenlang an seinem Bettchen sitzen und ihn nur anschauen, wenn er schlief, und das tat er noch häufig.
