Ein Tag wie im Märchen - Patricia Vandenberg - E-Book

Ein Tag wie im Märchen E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Dr. Laurin ist ein beliebter Allgemeinmediziner und Gynäkologe. Bereits in jungen Jahren besitzt er eine umfassende chirurgische Erfahrung. Darüber hinaus ist er auf ganz natürliche Weise ein Seelenarzt für seine Patienten. Die großartige Schriftstellerin Patricia Vandenberg, die schon den berühmten Dr. Norden verfasste, hat mit den 200 Romanen Dr. Laurin ihr Meisterstück geschaffen. Patricia Vandenberg ist die Begründerin von "Dr. Norden", der erfolgreichsten Arztromanserie deutscher Sprache, von "Dr. Laurin", "Sophienlust" und "Im Sonnenwinkel". Sie hat allein im Martin Kelter Verlag fast 1.300 Romane veröffentlicht, Hunderte Millionen Exemplare wurden bereits verkauft. In allen Romangenres ist sie zu Hause, ob es um Arzt, Adel, Familie oder auch Romantic Thriller geht. Ihre breitgefächerten, virtuosen Einfälle begeistern ihre Leser. Geniales Einfühlungsvermögen, der Blick in die Herzen der Menschen zeichnet Patricia Vandenberg aus. Sie kennt die Sorgen und Sehnsüchte ihrer Leser und beeindruckt immer wieder mit ihrer unnachahmlichen Erzählweise. Ohne ihre Pionierarbeit wäre der Roman nicht das geworden, was er heute ist. Es goss in Strömen an diesem Aprilmorgen, und deshalb hatte Antonia Laurin ihre Jüngste zur Schule gebracht. Kyra hatte gerade erst eine Erkältung überstanden, aber sie hatte Angst, etwas zu versäumen und dann schlechte Benotungen zu bekommen. Nun war es kurz vor acht Uhr, und auf den Straßen wurde es langsam ruhiger. Antonia beschloss, gleich noch ein paar Einkäufe zu tätigen, allerdings nicht in dem Supermarkt, an dem sie nun vorbeiging. Nicht etwa, weil das unter ihrem Niveau gewesen wäre, sondern darum, weil sie den Geschäftsführer nicht ausstehen konnte. Drexler hieß er und war ein unangenehmer Zeitgenosse. Kons­tantin bezeichnete ihn als »Lackaffen«. Und nun erlebte Antonia Laurin etwas, was das Blut in ihren Adern kochen ließ. Dieser Drexler hatte ein junges Mädchen gepackt. »Scher dich zum Teufel, du freches Luder!«, schrie er. »Das brauche ich mir doch nicht bieten zu lassen.« Antonia Laurin kannte das Mädchen, und nur aus diesem Grund ließ sie sich nicht auf eine Auseinandersetzung mit Fritz Drexler ein. Ihr war es jetzt wichtiger, diesem zierlichen Geschöpf zu helfen, und das war gut so. Hätte Antonia das Mädchen nicht schnell zurückgerissen, wäre es geradewegs in ein Auto hineingelaufen. Drexler war schnell in seinem Laden verschwunden, und Antonia wurde sich gar nicht bewusst, dass sie die einzige Zeugin dieses Zwischenfalls geworden war, wollte man von denen absehen, die am Fenster gestanden hatten und sich wohl nicht einmischen wollten. »Komm, Mona, beruhige dich erst einmal«, sagte Antonia Laurin mütterlich, und da erst wurde sich das Mädchen bewusst, wer ihr zu Hilfe gekommen war. »Frau Dr. Laurin«,

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Seitenzahl: 131

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Dr. Laurin – 171 –Ein Tag wie im Märchen

Einsamkeit und Kummer sind für Mona plötzlich vorbei ...

Patricia Vandenberg

Es goss in Strömen an diesem Aprilmorgen, und deshalb hatte Antonia Laurin ihre Jüngste zur Schule gebracht. Kyra hatte gerade erst eine Erkältung überstanden, aber sie hatte Angst, etwas zu versäumen und dann schlechte Benotungen zu bekommen. Nun war es kurz vor acht Uhr, und auf den Straßen wurde es langsam ruhiger.

Antonia beschloss, gleich noch ein paar Einkäufe zu tätigen, allerdings nicht in dem Supermarkt, an dem sie nun vorbeiging. Nicht etwa, weil das unter ihrem Niveau gewesen wäre, sondern darum, weil sie den Geschäftsführer nicht ausstehen konnte. Drexler hieß er und war ein unangenehmer Zeitgenosse. Kons­tantin bezeichnete ihn als »Lackaffen«.

Und nun erlebte Antonia Laurin etwas, was das Blut in ihren Adern kochen ließ. Dieser Drexler hatte ein junges Mädchen gepackt.

»Scher dich zum Teufel, du freches Luder!«, schrie er. »Das brauche ich mir doch nicht bieten zu lassen.«

Antonia Laurin kannte das Mädchen, und nur aus diesem Grund ließ sie sich nicht auf eine Auseinandersetzung mit Fritz Drexler ein. Ihr war es jetzt wichtiger, diesem zierlichen Geschöpf zu helfen, und das war gut so. Hätte Antonia das Mädchen nicht schnell zurückgerissen, wäre es geradewegs in ein Auto hineingelaufen.

Drexler war schnell in seinem Laden verschwunden, und Antonia wurde sich gar nicht bewusst, dass sie die einzige Zeugin dieses Zwischenfalls geworden war, wollte man von denen absehen, die am Fenster gestanden hatten und sich wohl nicht einmischen wollten.

»Komm, Mona, beruhige dich erst einmal«, sagte Antonia Laurin mütterlich, und da erst wurde sich das Mädchen bewusst, wer ihr zu Hilfe gekommen war.

»Frau Dr. Laurin«, flüsterte es verschämt.

Antonia hatte ganz fest den dünnen Arm umschlossen. Guter Gott, sie ist ja unterernährt, dachte sie.

»Ich möchte zu Papa Lauterberg«, flüsterte Mona. »Er liegt in der Klinik. Er hat nach mir rufen lassen, aber Drexler wollte mich nicht gehen lassen. Und dann hat er mir auch noch vorgeworfen, dass ich dreihundert Euro aus der Kasse genommen hätte.« Sie brach in Schluchzen aus.

»Ruhe, Kleines«, sagte Antonia mütterlich. »Du kannst mir alles später erzählen.«

An ihre Einkäufe dachte Antonia jetzt nicht mehr, und Karin schaute erstaunt, als sie mit dem Mädchen daherkam.

»Karin, wir brauchen ein paar Sachen von Kaja«, bat Antonia. »Das Mädel ist patschnass.«

Mona, die eigentlich Ramona hieß, sagte zitternd: »Ich muss zu Herrn Lauterberg, Frau Doktor.«

»Gut, du ziehst dich um, und dann bringe ich dich zur Klinik«, sagte Antonia. »Auf dem Weg dahin kannst du mir erzählen, was passiert ist.«

*

In der Jeans von Kaja und der blauen Bluse sah Mona ganz verändert aus. Antonia betrachtete das Mädchen nachdenklich, ihr feines Gesicht, das zwar blass und schmal war, die Augen, die so traurig schauten. Irgendwie hat sie Rasse, ging es Antonia durch den Sinn.

»Wie alt bist du eigentlich, Mona?«, fragte sie.

»Neunzehn«, erwiderte Mona leise.

»Da muss ich ja Sie sagen«, entfuhr es Antonia. Sie war richtig erschrocken. Das Mädchen sah wie fünfzehn aus.

»I wo«, wehrte Mona ab, »zu mir sagt keiner Sie.« Scheu blickte sie zu Boden. »Jetzt wird Tante Sonja es wieder ausbaden müssen«, fuhr sie flüsternd fort. »Aber ich musste mich doch wehren. Ich halte es dort einfach nicht mehr aus.«

»Uns wird schon etwas einfallen«, meinte Antonia. »Jetzt bringe ich dich zur Klinik, damit Herr Lauterberg nicht zu warten braucht, und nachher unterhalten wir uns.«

Dass es Herrn Lauterberg gar nicht gut ging, wollte Antonia jetzt nicht sagen. Er hatte die zweite Magenoperation innerhalb von achtzehn Monaten hinter sich, und es bestand kaum noch Hoffnung für ihn. Warum der Kranke allerdings ausgerechnet Mona sprechen wollte, konnte Antonia nicht ahnen.

Dass »Tante Sonja« Frau Drexler war, erfuhr die Arztfrau zwar, aber mehr vorerst noch nicht.

Mona hatte mit ihrer Vermutung allerdings recht, dass Fritz Drexler seine ganze Wut an seiner Frau ausließ, weil diese es gewagt hatte, ihm Vorwürfe wegen dieses Zwischenfalls zu machen.

Sonja Drexler wagte das nicht oft, aber sie schämte sich an diesem Morgen für ihren Mann in Grund und Boden.

»Was sollen nur die Leute denken?«, sagte sie zornig.

»Was gehen mich denn die Leute an? Dieses Luder wird immer frecher.«

»Das ist nicht wahr«, widersprach Sonja. »Du wirst immer unbeherrschter, das ist es.«

»Dieses Gör fühlt sich wie eine Prinzessin, genauso wie deine Schwester, und sie wird ebenso in der Gosse landen wie sie.«

»Franca ist nicht in der Gosse gelandet!«, stieß Sonja zornbebend hervor. »Und wenn tatsächlich Geld aus der Kasse verschwunden ist, solltest du besser deinem Liebchen auf die Finger schauen.«

Nun hatte sie ausgesprochen, was schon lange in ihr gärte. Fritz Drexler kniff die Augen zusammen, sekundenlang war er aus der Fassung gebracht.

»Ich bin nicht blind und auch nicht taub«, zischte Sonja, ging hinaus und schlug die Tür hinter sich zu. Fritz Drexler war ein jähzorniger Mann, aber da es noch nie passiert war, dass ihm seine Frau solche Worte ins Gesicht sagte, wurde er unsicher. Wen Sonja mit »Liebchen« meinte, wusste er nur zu gut.

Die Blondine saß an der Kasse, zurechtgemacht, als wolle sie auf ein Fest gehen. Das Geschäft war leer, nur in der Brotabteilung kauften ein paar ältere Frauen ein.

Fritz Drexler ging zur Kasse. »So aufzutakeln brauchst du dich auch nicht, Kitty«, sagte er gereizt.

»Und du brauchst dich nicht gleich so aufzuführen«, konterte sie schnippisch. »Das schadet dem Geschäft.«

»Wenn jemand dauernd in die Kasse greift, schadet das auch dem Geschäft«, bemerkte er anzüglich. »Da verstehe ich keinen Spaß. Gib mal deine Handtasche her.«

»Du spinnst wohl«, zischte sie, aber ihre Stimme bebte, und hektische rote Flecken erschienen auf ihren Wangen.

Er beugte sich hinab, griff unter den Tresen, und schon hatte er ihre Tasche in der Hand. »Du kriegst sie nachher wieder«, sagte er drohend. »Und jetzt halt den Mund, vielleicht bringt es das kleine Luder fertig und schickt mir die Polizei auf den Hals.«

*

Auf solchen Gedanken wäre Mona allerdings nicht gekommen. Sie hatte jetzt ganz andere Sorgen. Sie wurde von Antonia Laurin zur Chirurgischen Abteilung der Prof.-Kayser-Klinik geführt.

»Hallo, Antonia«, wurde sie von Dr. Sternberg erstaunt begrüßt. »Was führt dich her so früh am Morgen?«

»Mona wird von Herrn Lauterberg erwartet«, erwiderte Antonia.

»Ach, das ist Frau Calmas«, sagte Dr. Sternberg.

Antonia hatte bis zu diesem Augenblick Monas Nachnamen nicht gekannt. Mona Calmas klingt hübsch, ging es ihr durch den Sinn. Irgendwie fremdländisch, und das passt zu ihr.

Aber sie wollte sich jetzt nicht aufhalten, denn sie vernahm das Martinshorn, und das bedeutete, dass mal wieder ein Unfallopfer oder ein in Lebensgefahr Schwebender in die Prof.-Kayser-Klinik eingeliefert wurde.

»Du kommst nachher zu uns, Mona«, sagte sie. »Den Weg kennst du ja.«

»Danke, Frau Doktor«, gab Mona leise zurück.

Dr. Sternberg sah Antonia fragend an. »Wir sprechen uns noch«, sagte sie. »Ihr habt zu tun.«

Schwester Greta führte Mona dann zum Zimmer von Herrn Lauterberg. »Er ist sehr schwach und darf nicht lange sprechen«, sagte sie mahnend. Mona nickte scheu. Auf Zehenspitzen ging sie zu dem Bett.

»Ich bin da, Papa Lauterberg«, sagte sie leise.

Der Kranke schlug die Augen auf. »Das ist gut«, flüsterte er. »Zu dir habe ich Vertrauen, Kleine. Im Kasten liegt ein Umschlag. Nimm ihn an dich und bewahre ihn auf, damit er nicht in falsche Hände kommt, wenn ich sterbe.«

»Sie dürfen nicht sterben, Papa Lauterberg«, flüsterte Mona.

»Hätte auch noch manches tun müssen«, murmelte er, »aber die Uhr ist abgelaufen, Mona. Zu meinem Anwalt habe ich kein Vertrauen mehr. Bewahre das gut auf.«

Es war ein dicker Umschlag. Mona wusste nicht, wohin mit ihm, denn sie hatte keine Tasche bei sich. Die abgemagerten Finger des alten Mannes umschlossen ihre kalte, bebende Hand.

»Du bist auch so ein armes Tschapperl, aber ein gutes«, flüsterte er, und dann schlief er ein.

Aus diesem Schlaf sollte er nicht mehr erwachen, aber das wusste Mona noch nicht. Sie saß da, den Umschlag auf dem Schoß und darüber die Hände gefaltet.

*

Antonia Laurin war zu Moni Hillenberg gegangen, die wieder einmal hinter einem ganzen Berg von Arbeit saß. Auch sie war überrascht, Antonia in der Klinik zu sehen, aber ebenso erfreut.

»Sie könnten wirklich eine Hilfe brauchen, Moni«, meinte die Chefarzt-Gattin.

»Ach, da gibt es nur Durcheinander. Es geht ja nicht immer so hektisch zu«, erwiderte Moni. »Wenn Michael Spätdienst hat, kann ich auch mal länger bleiben.«

Dr. Michael Hillenberg, Monis junger Ehemann, war Assistenzarzt auf der Chirurgischen.

»Was hatte das Martinshorn zu bedeuten, Moni?«, erkundigte sich Antonia.

»Ein böser Unfall, zwei Schwerverletzte. Zum Glück kann der Notarzt mithelfen. Es ist Volker Traut. Michael kennt ihn. Diese Kurve im Wald ist teuflisch. Was da alles passiert.«

»Ja, schlimm, aber manche Leute rasen auch, dass es einem schlecht werden kann«, meinte Antonia. »Mein Göttergatte ist wohl auch beschäftigt, wie?«

»Gerade ist er im Kreißsaal, aber das ist eine erfreuliche Arbeit«, sagte Moni lächelnd.

»Nun, ich muss mich jetzt beeilen, um die Besorgungen fürs Mittagessen zu machen. Heute gibt es Fisch, der muss frisch sein.«

Es war gut, dass sie sich doch so lange aufgehalten hatte, denn nun kam Mona schon daher, langsam, mit gesenktem Kopf. Den Umschlag presste sie an sich.

Traurig blickte sie Antonia an. »Sie haben mich weggeschickt«, flüsterte sie. »Herrn Lauterberg geht es sehr schlecht.«

»Dann kannst du ja gleich mitkommen«, meinte Antonia aufmunternd. »Ich muss noch einkaufen.«

»Aber nicht im Supermarkt«, murmelte Mona.

»Nur keine Sorge, da bin ich doch nur manchmal hingegangen, um nach dir zu schauen.«

Kennengelernt hatte Antonia Laurin das Mädchen in der S-Bahn, als sie schwer bepackt von Einkäufen zurückkam. Mona hatte ihr sofort ihren Platz eingeräumt und ihr dann später auch geholfen, die Pakete zum Wagen zu tragen. Antonia hatte sie dann heimgefahren, aber Mona war sehr schweigsam gewesen. Und da hatte Antonia zum ersten Mal erlebt, wie Mona von Drexler behandelt wurde.

Wo sie sich so lange herumgetrieben hätte, wurde sie wütend empfangen, und Antonia hatte dann den angstvollen Blick, den das Mädchen ihr zugeworfen hatte, nicht mehr vergessen können.

Aber bis zum heutigen Tag hatte sie nicht viel mehr als den Vornamen von Mona gewusst, und nun war sie doch gespannt, was sie erfahren würde. Sie bemerkte, wie krampfhaft Mona den Umschlag an sich drückte.

»Herr Lauterberg hat mir das anvertraut«, erzählte das Mädchen ungefragt. »Es muss wichtig sein. Er denkt, dass er sterben muss.«

»Woher kennst du ihn?«, fragte Antonia.

»Ich habe ihm immer Lebensmittel gebracht, und dann habe ich auch seine Wohnung ein bisschen in Ordnung gehalten, aber das hätte Drexler nicht wissen dürfen. Herr Lauterberg war immer sehr nett zu mir. Er hat mir auch Geld gegeben. Das habe ich gespart, aber Drexler hat es mir weggenommen und gesagt, dass ich es gestohlen hätte. Das ist aber nicht wahr.«

»Wir werden das in Ordnung bringen, Mona«, versicherte Antonia ruhig. »Du wirst mir dann alles erzählen.«

»Ich will aber nicht mehr zurück.«

»Das brauchst du auch nicht. Du bist mündig. Aber du hast von einer Tante Sonja gesprochen.«

»Sie ist die Schwester meiner Mutter. Aber zu ihm sage ich nicht Onkel, und er behandelt mich ja auch, als wäre ich eine Fremde.«

»Wie lange bist du schon bei den Drexlers?«

»Drei Jahre. Seit Mama tot ist.«

»Und dein Vater?«

»Ich habe keinen Vater«, erwiderte Mona mit tränenerstickter Stimme.

*

Die Einkäufe waren schnell getätigt. Die Vorbereitungen für das Mittagessen besorgte Karin, und so hatte Antonia noch gut zwei Stunden Zeit, sich mit Mona zu unterhalten.

Antonia war erstaunt zu hören, dass Mona in einem Internat aufgewachsen war.

»Mama habe ich nur in den Ferien gesehen. Sie war so lieb und so schön, aber sie musste arbeiten. Sie war sehr viel unterwegs als Vertreterin für eine Arzneimittelfirma. Es ist gemeine Verleumdung, wenn Drexler sagt, dass sie ein Flittchen gewesen sei. Er hat sie immer schlecht gemacht, bloß weil sie nicht geheiratet hat. Aber mir hat sie gesagt, dass sie meinen Vater sehr lieb hatte, dass er aber schon eine andere Frau gehabt hätte, von der er sich nicht trennen konnte. Und deshalb hatte sie ihm auch nicht gestanden, dass sie ein Kind bekommen würde. Ist das denn so schlecht?«

»Nein, Mona, das ist nicht schlecht«, erwiderte Antonia mitfühlend. »Aber man braucht nicht auf das zu hören, was Menschen wie dieser Drexler sagen.«

»Tante Sonja hat es ja auch bereut, ihn geheiratet zu haben. Aber was soll sie jetzt machen? Sie hat ja kein Geld. Sie bekommt gerade das Nötigste. Wenn Großvater länger gelebt hätte, wäre alles ganz anders gekommen, sagt sie.«

»Ihr stammt dem Namen nach nicht aus Deutschland«, bemerkte Antonia nachdenklich.

»Aus der französischen Schweiz«, erwiderte Mona leise. »Dort hat Drexler früher gearbeitet und Tante Sonja kennengelernt. Und ich bin dort auch in einem guten Internat gewesen. Nicht in einem allzu teuren, aber ich habe viel gelernt und war sehr traurig, dass ich nicht bleiben durfte. Als ich herkam, durfte ich nicht mehr zur Schule gehen. Ich musste die Schmutzarbeiten machen im Supermarkt, weil Drexler dafür keinen fand. Ich hatte auch niemanden, wohin ich gehen konnte, nur Papa Lauterberg, und als ich ihm alles erzählt hatte, hat er gesagt, dass er dafür sorgen wolle, dass alles anders wird. Dann musste er aber wieder in die Klinik, und wenn er wirklich stirbt, habe ich niemanden mehr, mit dem ich sprechen kann«, schluchzte sie auf.

»Jetzt hast du uns«, sagte Antonia. »Du wirst dich mit meinen Kindern gut verstehen.«

»Aber Drexler wird das nicht zulassen. Schon deshalb nicht, weil die Leute dann reden würden. Es schadet ja dem Geschäft. Es kommen sowieso schon viel weniger Kunden, auch wegen der Kitty Frey.«

»Du bist mündig und kannst über dich selbst entscheiden«, sagte Antonia.

»Aber ich muss doch Geld verdienen und habe nichts Ordentliches gelernt.«

»Du wirst schon eine Stelle bekommen, darüber mach dir jetzt mal keine Sorgen, Mona.«

Antonia wusste, dass dieser Tag einen noch viel größeren Schmerz für Mona bringen würde.

»Soll ich den Umschlag für dich aufbewahren?«, fragte sie sanft.

»Ja, bitte, es ist sehr wichtig. Ich weiß aber gar nicht, was ich damit anfangen soll.«

»Auch darüber werden wir zu gegebener Zeit sprechen«, antwortete Antonia Laurin gütig.

*

In der Prof.-Kayser-Klinik konnte man wieder einmal von einem hochdramatischen Tag sprechen. Auf beiden Stationen hatte man alle Hände voll zu tun. Moni musste Antonia anrufen und ihr sagen, dass Dr. Laurin mittags nicht heimkommen könne.

Eine Geburt war kaum beendet, da kam die zweite in Gang, und da war ein Kaiserschnitt nötig.

Weitaus schlimmer war es jedoch auf der Chirurgischen, denn bei den Schwerverletzten ging es um Leben und Tod. Es handelte sich um einen Mann und eine Frau, beide noch jung, durch entsetzliche Kopfverletzungen aber vorerst nicht zu erkennen.

Dass Dr. Volker Traut den Ärzten der Prof.-Kayser-Klinik im OP helfen konnte, war ein großes Glück, aber plötzlich schien es so, als wäre der junge Arzt auch überfordert.

Was hat er nur?, dachte Dr. Hillenberg, als Dr. Traut plötzlich aufstöhnte, nachdem die junge Frau von den zerfetzten Kleidern befreit und vom Blut gereinigt worden war.

»Es ist Carry«, stieß Dr. Traut zwischen blassen Lippen hervor. »O Gott!«

»Du kennst sie?«, fragte Michael. Er hatte mit Volker studiert, aber privat hatten sie sich lange nicht getroffen.

»Ja«, erwiderte Volker tonlos. Dann ging er ganz automatisch zu dem verletzten Mann hinüber. Aber den kannte er nicht.

»Wir dürfen keine Zeit verlieren, Herrschaften«, mahnte Dr. Sternberg.

»Dr. Braun ist eingetroffen«, verkündete Schwester Gudrun.

»Wenigstens etwas«, sagte Dr. Sternberg. Allein konnten sie nicht zurande kommen, aber in ein anderes Krankenhaus hätten sie die Schwerverletzten auch nicht transportieren können. Jetzt war jede Minute kostbar. Und das wusste Volker auch.

»Schlapp machen darfst du nicht«, raunte ihm Michael zu.

»Ich bin wieder okay«, gab der andere leise zurück.