Einander wahrnehmen - Ralf K. Wüstenberg - E-Book

Einander wahrnehmen E-Book

Ralf K. Wüstenberg

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Beschreibung

Ein neues Modell für das Gespräch mit dem Islam

Dieses Buch ist eine Einladung: Es ermutigt Christ*innen darin, das Gespräch mit gläubigen Muslimen zu suchen und zwar so, dass sie am Wahrheitsanspruch der eigenen Überzeugung festhalten und doch mit Offenheit und Neugier auf die Anhänger des Islam zugehen können. Dies gelingt, indem Ralf Wüstenberg ein strukturiertes Modell des Dialogs – die „Dialogpyramide“ – einführt, einen Stufenweg, auf dem das Gespräch zwischen Gläubigen gestaltet werden kann. Vom kognitiven Dialog, der die äußere Gestalt der Religion verhandelt, führt der Weg über den empathischen Dialog, der die Frömmigkeit des Anderen wahrnimmt, zum spirituellen Dialog, der im Idealfall ein Verständnis der gemeinsamen Verwurzelung im gleichen Urgrund offenlegt. Die Perspektive dieses Buches ist dabei immer eine christliche und der Fluchtpunkt der Argumentation konkret: Die christliche Lehre von Jesus bietet den Inhalt, an dem der Autor die Möglichkeiten der „Dialogpyramide“ darlegt.

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Seitenzahl: 219

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Alles wirkliche Leben ist Begegnung

»Der Islam gehört zu Deutschland« – dieser umstrittene Satz vom ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff gibt die Lebensrealität in der Bundesrepublik wider und führt uns zugleich die damit verbundene Herausforderung vor Augen: Wie können wir miteinander und nicht aneinander vorbei leben? Die Antwort ist: Indem wir einander begegnen, indem wir miteinander reden.

Wie ein solcher interreligiöser Dialog vor Ort gelingen kann, zeigt Ralf K. Wüstenberg. Seine Prämisse: Dialog bedeutet nicht Selbstaufgabe, sondern einen offenen Austausch darüber, was uns religiös wichtig ist. Das hier vorgestellte Konzept der Dialogpyramide zeigt, wie dieser Austausch in einer offenen und pluralen Gesellschaft wirklich funktionieren kann.

Dr. Ralf K. Wüstenberg ist Professor für Evangelische Theologie an der Europa-Universität Flensburg und Senior Research Associate des von-Hügel-Institute der Universität Cambridge (UK). Er ist Sprecher der Abteilung Dialog der Religionen an der Europa-Universität und des trilateralen Graduiertenkollegs »European Wasatia Graduate School for Peace and Conflict Resolution«. Seit 2018 ist er Botschafter des »House of One Berlin« in Berlin.

Ralf K. Wüstenberg

Einander wahrnehmen

Ein Dialogmodell für die christlich-islamische Begegnung

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Copyright © 2021 Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln

Umschlagmotiv: © AegeanBlue – iStockphoto.com

ISBN 978-3-641-27977-6V001

www.gtvh.de

Für meine Töchter

Inhalt

Prolog

Prologue (English)

I. Einführung: Von der Freiheit im Gespräch mit Muslimen

II. Die Dialogpyramide als Modell für die christlich-islamische Begegnung

1. Die Dialogvoraussetzungen – oder: Kein Dialog der Religionen ohne die Anerkennung der Realitäten und die Entdeckung des eigenen Dialogpotenzials

1.1 Charakterisierung der Realitäten: Der Islam gehört zu Deutschland, oder nicht?

1.2 Benennung von Ängsten: Islamisierung des Abendlandes?

1.3 Bedingungen und beiderseitige Hindernisse im Dialog

1.4 Folgerungen: Warum Dialog mit dem Islam?

2. Der kognitive Dialog – oder: Kein Dialog der Religionen ohne Kenntnis der anderen und der eigenen Religion

2.1 Charakterisierung der Dialogebene

2.2 Bedingungen für den kognitiven Dialog: Kenntnisse über die Schlüsselfiguren in Christentum und Islam

2.2.1 Jesus und Muhammad – Mittler oder Verweis auf Gott?

2.2.2 Muhammad – ein Prophet wie Amos, Jesaja oder Jeremia?

2.2.3 Muslimische Sicht auf Jesus: ʿĪsā im Islam

2.2.4 Jesus als Prophet im Islam

2.3 Entfaltung: Wie nahe kommt uns Gott? Jesus in Bibel und Koran

2.3.1 Gott lässt sich ganz auf den Menschen ein – die christliche Soteriologie

2.3.2 Und im Islam? Der muslimische Jesus im Themenfeld der Soteriologie

2.3.3 Ist Gott in Jesus Christus Mensch geworden oder repräsentiert Jesus nur Gott?

2.3.4 Islamische Christologie im Themenfeld der Trinität

2.4 Folgerungen: Das islamische Jesus-Bild und das dogmatische Verständnis von Jesus Christus

3. Der empathische Dialog – oder: Kein Dialog der Religionen ohne Wahrnehmen der Innenperspektiven des eigenen und des fremden Glaubens

3.1 Charakterisierung der Dialogebene

3.1.1 Beispiele für den empathischen Dialog und Problemanzeigen

3.1.2 Problemanzeige: Kirchliche Stellungnahmen zum Islam von 2006 und 2015

3.1.3 Ermutigendes und weiterführendes Beispiel der EKD aus dem Jahr 2016

3.2 Bedingungen für den empathischen Dialog: Toleranz aus Glauben

3.2.1 Glaube als Geschenk Gottes

3.2.2 Ansatzpunkt des empathischen Dialogs ist die konkrete Gestalt der Religionen, nicht die vermeintliche Rückkehr in die Zeit des historischen Jesus

3.3 Entfaltung: Von der Nähe Gottes und seiner Anteilnahme am Leid der Menschen

3.3.1 Jesus und Muhammad – warum die Bekenntnisse wichtig sind

3.3.2 Wer überbietet wen? Jesus und Muhammad als Propheten

3.3.3 Überbietungsparadigma im empathischen Dialog überwinden

3.3.4 Kann Gott im Islam leiden? Kreuzestheologie und islamisches Bild von Jesus

3.4 Folgerungen: Jesus Christus, Muhammad und der Glaube an denselben Gott

3.4.1 Übertreiben es die Christen mit der Rede von Jesus Christus als Gottessohn?

3.4.2 Ein Gott? Derselbe Gott? Fragen nach der Reichweite des Monotheismus

4. Der spirituelle Dialog – oder: Kein Dialog der Religionen ohne Ausloten der Grenzen und Andeuten der Horizonte

4.1 Charakterisierung der Dialogebene

4.1.1 Ansatzpunkt des spirituellen Dialogs

4.1.2 Was meint »spirituell« und was nicht?

4.2 Bedingungen für den spirituellen Dialog: Glauben aus der Geistkraft

4.3 Entfaltung: Spirituelles Jesus-Bild auch im Islam?

4.3.1 Jesus im »Muslim Gospel«

4.3.2 Geist und Liebe

4.3.3 Muhammad als angekündigter Tröster?

4.4. Folgerungen: Gemeinsames Beten, Transreligiosität, Mystik

4.4.1 Gemeinsames Beten

4.4.2 Transreligiöse Identität

4.4.3 Mystik

III. Schlussbemerkung Vom Erahnen des einen und desselben Gottes

Dialogpyramide

Anmerkungen

Literaturverzeichnis

Dankeswort

Prolog1

Al-Ġazālī, einer der in der Geschichte des Islams maßgeblichen muslimischen Theologen, bemerkte einmal, dass jeder von uns in eine religiöse Identität hineingeboren ist, die vom Glauben unserer Eltern bestimmt wird. Wenn wir geboren werden, werden wir nicht gefragt, welchen Namen wir gerne hätten, welcher Religion wir uns gerne zuordnen möchten oder ob wir gerne Muslim, Christ, Jude oder Agnostiker sein wollen. Man sucht sich seine Religion ebenso wenig aus, wie die Familie, in die man hineingeboren wird. Gemeinhin ist es nun so, dass wir auf dem Hintergrund unseres Glaubens, unserer ethnischen Zugehörigkeit oder Hautfarbe bestimmte Vorurteile pflegen. Dazu kommt, dass häufig gesellschaftliche Traditionen sehr wirkmächtig sind, sodass es äußerst schwierig ist, Kultur und Religion auseinanderzuhalten. Die Pluralität der Religionen und Kulturen sollten wir aber als Segen begreifen, zumal es gute Gründe für die Annahme gibt, dass diese Pluralität den Lehren des Korans nicht nur nicht widerspricht, sondern sogar von Gott gewollt ist, damit Menschen untereinander ins Gespräch kommen. In Sure 11 [Hūd] (11:118) heißt es:

(Übersetzung bei Bobzin: »Hätte Gott gewollt, hätte er die Menschen zu einer einzigen Gemeinde gemacht; doch sind sie immer noch untereinander uneins.«)

Ich halte es für dringend geboten, dass sich Muslime in Deutschland und in der ganzen Welt auf einen sorgfältigen und tiefgehenden Dialog einlassen – wann und wo immer es geht. Das Ziel besteht nicht darin, andere Menschen zum Islam zu bekehren, sondern einen Raum zu schaffen, in dem wir gemeinsame Werte miteinander teilen und uns untereinander wertschätzen können. Unwissenheit führt zu Stereotypisierung und Fanatismus, und wenn wir solche falschen Wahrnehmungen übereinander aufrechterhalten, anstatt miteinander in den Dialog zu gehen, sind Hass und Feindschaft die Folge. Unsere Wahrnehmung bleibt dann gefesselt in den Ketten der Engstirnigkeit. Dann gelingt es uns nicht, einen interreligiösen Dialog zu führen und uns gegenseitig unsere Geschichte zu erzählen. Wenn wir aber unseren Geist und unser Herz öffnen, uns empathisch aufeinander einlassen und einander in Offenheit begegnen, dann beginnen wir, zu verstehen und die Gaben zu schätzen, die Gott uns mitgegeben hat.

In den zurückliegenden Jahrzehnten ist der religiöse Extremismus weltweit massiv angewachsen und hat sich zu einem Phänomen entwickelt, das das Leben vieler Christen, Muslime, Juden und Angehörige anderer Religionen dominiert. Daher ist der Dialog zwischen verschiedenen Glaubensrichtungen wichtiger denn je.

Vor diesem Hintergrund ist das neue Buch von Ralf Wüstenberg ein Meilenstein in der Förderung des Interreligiösen Dialogs: Es ist mit Empathie geschrieben, bietet praktische Anregungen und zeichnet sich durch große theologische und intellektuelle Tiefe aus. Der Autor lässt die Frage, ob wir alle an denselben Gott glauben, offen. Er verifiziert aber die Annahme, dass wir alle an einen Gott glauben als eine ausreichende Grundlage für die interreligiöse Begegnung. Zwischen dem Glauben an denselben und dem Glauben an den einen Gott öffnet Wüstenberg einen spirituellen Raum des Wissens, Suchens, Fragens und Ahnens. Er lenkt unsere Aufmerksamkeit insgesamt auf drei Ebenen des Dialogs, mit denen wir extremistische Sichtweisen überwinden können: Erstens, durch kognitiven Dialog (faktisches Wissen, das wir uns aneignen können); zweitens, und an zentraler Stelle, durch den emphatischen Dialog, der darin besteht, einander offen und einfühlend gegenüberzutreten in der Annahme, dass Gott absolut ist und nicht der Mensch oder seine Religion. Denn Gott allein schenkt uns den Glauben; drittens, durch spirituelle Praxis (in der jeder seine Religion lebt, etwa im Gebet). Wüstenberg nennt diese Ebene den spirituellen Dialog. Leitend ist die Erkenntnis, dass jeder interreligiöse Dialog austrocknen wird, wenn man kein spirituelles Interesse am Glauben der anderen Person hat.

In der Tat gilt: Wenn man nicht ernsthaft am Anderen interessiert ist, wird ein Dialog zwischen unterschiedlichen Glaubensrichtungen nicht wirklich in Gang kommen. Das ist eine wichtige Erkenntnis. Gleichermaßen gilt: Wenn jemand nicht an Frieden und Versöhnung glaubt, werden Friedensverhandlungen vergeblich sein. Das erklärt, warum der Frieden im Nahen Osten, zwischen Israelis und Palästinensern, so unerreichbar scheint. Die Kluft, die durch Dekaden von Furcht und Gewalt, durch mangelndes Vertrauen und Feindschaft zwischen den Menschen entstanden ist und die sich durch fehlenden Austausch untereinander weiter vertieft, kann nur mühsam überwunden werden. Gerade in diesem Umfeld wird der interreligiöse Dialog den Weg zu mehr Toleranz und Empathie füreinander ebnen und Möglichkeiten für Diversität und friedliche Koexistenz öffnen. Allerdings sollten der religiöse Dialog und die Bemühungen um einen politischen Frieden nicht verwechselt werden.

Extremisten – ob Muslime, Juden oder Christen – bestehen darauf, dass ihr Glaube dem der anderen überlegen ist. Durch den interreligiösen Dialog sollen neue Wege eröffnet werden, die zu wechselseitigem Vertrauen führen und es ermöglichen, sich aufeinander einzulassen und eine gemeinsame Basis zu finden, die beide Seiten verbindet und alle Beteiligten in die Werte einbindet, die sie gemeinsam teilen und in Ehren halten.

Ich möchte die Muslime in Deutschland ermutigen, sich auf den empathischen Dialog einzulassen, um ein gesundes Umfeld für beide Gemeinschaften zu schaffen und um die Mauern der Teilung niederzureißen und Trennungen zu beenden. Ich selbst bin als muslimische Frau in Jerusalem, einem Hotspot sowohl für interreligiöse Toleranz als auch für den Streit zwischen den drei monotheistischen Weltreligionen, aufgewachsen und kann auf dem Hintergrund dieser Erfahrung sagen, dass es keine Toleranz zwischen den gesellschaftlichen Gruppen geben wird, wenn es keine Toleranz zwischen den Religionen gibt. Wir müssen uns vor Augen führen, dass wir zu einem neuen und besseren Verständnis unserer gemeinsamen Werte finden, wenn wir uns auf die Begegnung mit und das Kennenlernen von anderen Religionen einlassen. Das aber ist die Basis für Empathie, für ein friedvolles Miteinander und für Toleranz zwischen den Religionen. Daher hoffe ich sehr, dass wir einander einen Schritt näherkommen, um Hass und Feindschaft zu überwinden und dass unsere Antwort auf Verschiedenheit ein positiver Dialog und ehrliches Verständnis sein möge. Ich bin überzeugt, dass Ralf Wüstenbergs praktisches und tief reflektiertes Buch hierzu einen wichtigen Beitrag leisten wird.

Dr. Zeina M. Barakat, Jerusalem, Ostern 2021

Prologue (English)

The authoritative Muslim Theologian al-Ġazālī once remarked that each of us is born into his religious identity according to our parents’ faith. We are not asked at birth what name we would like to have, which religion we would like to hold, or whether we would like to be Muslim, Christian, Jew, or agnostic. No one chooses his faith or to whom one is born. People tend to make general assumptions based on which belief one holds, one’s ethnic background, or skin color. Traditions in most cultures dominate, making it extremely difficult to distinguish between religion and culture. Therefore, we should accept this blessing. Moreover, there is evidence that plurality of religions and cultures do not contradict Quranic teaching or even is willed by God. Sura Hūd (11:118) states accordingly:

{»And if your Lord had willed, He could have made mankind one community; but they will not cease to differ.«}

Islamic teachings should encourage interreligious dialogue. I see a need for Muslims in Germany and worldwide to engage in a thorough dialogue of faiths wherever and whenever possible. The goal is not to convert to Islam, but to move to a middle ground where shared values can be exchanged and cherished. Ignorance, on the other hand, results in stereotyping or even in fanaticism. Maintaining misperceptions about others without engaging in dialogue with them leads to hatred and enmity, and keeps the mind chained bigotry. It deters us from having an interreligious dialogue and hearing one another’s story. Opening the mind and heart to engage empathetically and to learn about the other paves the way to accepting and appreciating why God created us in the first place.

In modern times, religious extremism has been growing worldwide. This phenomenon dominates our lives; whether Christians, Muslims, Jews, and others. Thus, interfaith dialogue is more essential than ever. It is a vast field covering different aspects and sometimes far removed from practical endeavors.

In light of what has been said, Ralf Wüstenberg’s latest book is a landmark in promoting interfaith dialogue because of its empathetic nature, practical guidance, and theological depth in thought and commitment. He leaves the question open whether we all believe in the same God, allowing for spiritual room to assume that common ground is integrated in the belief in the oneness of God. Wüstenberg directs our attention to three different stages of dialogue to overcome extremist views: first, through cognitive dialogue (factual knowledge one acquires); second, and in the center, empathetic dialogue which consists of openness and sympathy that God is absolute and a conviction that faith is always given by God and not made by mankind; third, interreligious practices (that each religion or each human observes in his/her way), or what Wüstenberg calls spiritual dialogue. For any interreligious dialogue will run dry if one does not have a spiritual interest in the other persons’ faith.

Indeed, if one does not believe in learning about the other and respect what others think, any form of interfaith dialogue will never take off. This is another important lesson to learn. Similarly, if one does not believe in reconciliation and peace, peace negotiations will be futile. That explains why peace in the Middle East between Israelis and Palestinians remains deadlocked. What makes people of various faiths skeptical about dialogue with the other is the wide gap between them caused by decades of fear, lack of trust, and hostility fueled by ignorance of the other. Here, the interreligious dialogue will smooth the way to tolerance and empathetic feeling towards the other, paving the road to diversity and peaceful coexistence. One should never undermine religious dialogue for purposes of political peace.

Extremists, whether Muslims, Jews, and Christians insist their faith is superior to other faiths. However, through interreligious dialogue one may find new ways to engagement and to common ground that connects both sides and engages all in the values – and the common values – they may cherish.

To conclude, Muslims in Germany need to engage in an empathetic dialogue to build a healthy environment for both communities in order to break down the walls of division that stands between them. In my view as a young female Muslim growing up in Jerusalem, which is the hotspot of both interreligious tolerance and competition between the three monotheistic religions, there will be no tolerance among communities unless there is tolerance among religions. We must bear in mind that engaging and encountering other religions provides us with a greater understanding of our common values and is a foundation that will promote empathy, coexistence, and tolerance among religions. Thus, we may come a step closer to overcoming hatred, enmity and allow us to response to diversity through positive dialogue and engagement. Ralf Wüstenberg’s both practical and deeply reflective book will contribute to achieving such goals.

Dr. Zeina M. Barakat, Jerusalem in Easter 2021

I. Einführung: Von der Freiheit im Gespräch mit Muslimen

Wer sich aus christlicher Perspektive mit dem Islam beschäftigt, leistet einen gesellschaftlichen Beitrag dazu, Fehleinschätzungen und unreflektierte Vorurteile gegenüber Muslimen abzubauen. Offen stellt man sich der Frage: Wie fremd oder auch wie vertraut ist eine Religion, die Glaube als radikale Gotteshingabe oder gar als Unterwerfung unter Gott versteht? Und welches Gottesbild drückt sich hier aus? Das eines finsteren Allherrschers, der die Menschen mit seiner allumfassenden Vorhersehung niederhält und absoluten Gehorsam fordert? Oder das eines barmherzigen Beschützers, dem das unbedingte Vertrauen der Menschen gelten kann?

Im Spannungsfeld von religiöser Toleranz gegenüber der Glaubensüberzeugung anderer und dem Festhalten am eigenen Wahrheitsanspruch soll das Modell eines Dialogs vorgestellt werden, das mehr will als die bloße Thematisierung eines Nebeneinanders von Glaubenswahrheiten und zugleich weniger, als vorschnell zu behaupten, dass wir an ein und denselben Gott glauben. Vor allem auf der Stufe des »empathischen Dialogs« wird es uns um ein Wahrnehmen der wirksamen Glaubensinhalte des Anderen gehen.

In der Dialogpyramide, für die ich werbe und deren Begriff ich in verschiedenen Vorträgen, zuletzt im House of One in Berlin, einbrachte, markiert der »empathische Dialog« die mittlere Stufe zwischen dem bloßen Austausch von religiösen Kenntnissen auf Sachebene (»kognitiver Dialog«) und Fragen gemeinsamer interreligiöser Praxis, wie z.B. des gemeinsamen Gebets (»spiritueller Dialog«). Es geht auf der Ebene des »empathischen Dialogs« um echte Anteilnahme, die eine Offenheit gegenüber dem tatsächlich oder vermeintlich Andersglaubenden voraussetzt und es wagt, in einen Prozess einzutreten, der darum weiß, dass die Absolutheit Gottes kategorial verschieden ist vom Absolutheitsanspruch einer Religion. Dialogvoraussetzung für alle drei Stufen oder Ebenen des Dialogs ist – neben der Bereitschaft zur interreligiösen Begegnung, die entweder selbst schon von spiritueller Neugierde oder von der redlichen Einsicht, dass Muslime zu Deutschland gehören, motiviert ist – die Kenntnis über das in der eigenen Religion bereitliegende Toleranzpotenzial. Es ist, wie wir sehen werden, in der Freiheit des christlichen Glaubens begründet (Kapitel 1).

Das interreligiöse Stufen-Modell, oder eben die Dialogpyramide, soll ein methodisch überschaubares Angebot in einem insgesamt eher komplexen Dialog der Religionen unterbreiten (Grafik hier). Inhaltlich möchte ich Christen dazu ermutigen, jenseits von Schreckgespenstern, die im Hinblick auf den Islam an die Wand gemalt werden, seine Schönheiten für den christlichen Glauben zu entdecken und konstruktiv Berührungspunkte zwischen christlichem und islamischem Glauben aufzuspüren. Ziel ist es, durch ein Differenzieren von Ebenen oder Stufen zur Sprachfähigkeit im interreligiösen Dialog beizutragen: vom kognitiven über den empathischen zum spirituellen Dialog.

Im »kognitiven Dialog« (Kapitel 2) werden wir von außen an die Religion Islam herantreten. Auch Agnostikern oder Atheisten ist diese Perspektive zuzumuten; denn sich kundig zu machen – wenn auch aus skeptischer Distanz –, das macht zugleich sprachfähig und gehört gegenwärtig zur gebotenen Allgemeinbildung. Der »kognitive Dialog« ist Sache des Verstandes, man könnte auch vom »Dialog des Kopfes« sprechen. Es geht um das Wahrnehmen, Denken, Erkennen der fremden Religion und ihrer äußeren Gestalt, etwa in Form von Ritualen. Das kann zu wechselseitigen Rückfragen führen: von Muslimen an Christen und umgekehrt.

Im »empathischen Dialog« (Kapitel 3) kommen die Innenperspektiven des Glaubens miteinander ins Gespräch; metaphorisch gesprochen, schreiten wir vom »Dialog des Kopfes« zum »Dialog der Herzen«. Dabei wird der eigene Anspruch auf die Gültigkeit von Glaubensüberzeugungen oder Weltanschauungen nicht relativiert; aus der Perspektive des christlichen Glaubens und spirituell-religiösen Fragens interessieren wir uns für die Inhalte der Religion Islam. In der Dialogpyramide kommt der »empathische Dialog« daher in der Mitte zu stehen; vorausgegangen ist der »kognitive Dialog«, der es mit der Außenperspektive des Glaubens zu tun hat, und nachfolgen kann der »spirituelle Dialog«.

Im »spirituellen Dialog« (Kapitel 4) werden die Innenperspektiven verdichtet und eine Dimension freigelegt, die zum Teil rational in einer Theologie der Religionen nicht eingefangen werden kann und in den Stichworten ›gemeinsames Gebet‹, ›Mystik‹ und ›transreligiöse Identität‹1 ausbuchstabiert werden soll. Die spirituelle Ebene wird weitgehend beim verantwortlich Aussagbaren bleiben. Wichtig erscheint mir nämlich, dass wir auch beim »spirituellen Dialog« nicht die Bodenhaftung verlieren. Es geht nicht um metaphysische Spekulationen, die an menschlichen Begegnungen vorbei angestellt würden; vielmehr bleibt auch der spirituelle Dialog auf der Ebene der Begegnung und des Gesprächs. Orientierung soll weiter dort gefunden werden, wo wir aus der eigenen Religion heraus in den Dialog eintreten.

Die Stufen des Dialogs, unser im Folgenden vorgeschlagenes Gesamtmodell, möchte einen Weg anzeigen, in dem die christlich-islamische Begegnung gestaltet werden kann: vom kognitiven über den empathischen zum spirituellen Dialog, wobei wir sehen werden, dass der Schritt hin zur spirituellen Dimension des Dialogs, metaphorisch gesprochen: zum »Dialog des Geistes«, nicht nahtlos verläuft.

Durch die Stufen der Dialogpyramide hindurch zieht sich inhaltlich die zentrale Frage des christlichen Glaubens, nämlich »wer Christus heute für uns eigentlich ist« (Dietrich Bonhoeffer).2 »Für uns heute« – das meint: für uns, die wir heute mitten im religiösen Pluralismus stehen! Sowohl von den Fragen nach dem Personengeheimnis Jesu als auch von denen nach seinem Werk kann ein interreligiöser Dialog in christlicher Perspektive nicht absehen. Daher wird die christliche Lehre von Jesus in die inhaltliche Füllung unserer Dialogpyramide eingehen. Nacheinander gehen wir Fragen und Themen durch, zuerst im Rahmen des kognitiven, dann des empathischen und schließlich des spirituellen Dialogs, wie

das Verständnis Jesu im Islam, die Frage, ob Jesus im Islam nur Prophet ist oder mehr, das Verständnis Muhammads im Koran unddie Frage, ob Muhammad ein Prophet wie Jesaja oder Jeremia ist,ob Gott auch im Islam am Leiden der Menschen partizipiert,das Problem der schroffen Zurückweisung der Rede vom »Sohn Gottes« im Koran,die Bedeutung der Rezitation des Korans für die Mitteilung Gottes und überhaupt,die Frage, wie Gott mit den Menschen kommuniziert und wie Glaubensgewissheit entsteht,und schließlich die Kernfrage, ob derselbe Gott aus Koran und Bibel zu uns spricht.

All diese Fragen werden ihrerseits Rückfragen zur kirchlichen Lehre von Jesus Christus aufwerfen, denen wir ebenso Raum geben: Überinterpretieren wir Jesus, wenn wir in ihm den Gottessohn und Versöhner der Welt sehen? Sollten wir zum historischen Jesus von Nazareth, dem Verkünder des Reiches Gottes und Propheten, zurückkehren? Haben wir uns als Christen gar dogmatisch verirrt?

Beim Abfassen der nachfolgenden Zeilen dachte ich nicht nur an die Fachwelt, sondern auch an die zahlreichen Begegnungen mit Muslimen in England, in der arabischen Welt und in Deutschland. Zusätzlich zur Bezugnahme auf den internationalen Fachdiskurs und vor allem auf die geschätzten Kollegen und Kolleginnen Gavin D’Costa, David Ford, Philip McCosker, Stephen Plant, Timothy Winter, Christoph Schwöbel, Klaus von Stosch, Anja Middelbeck-Varwick und Reinhold Bernhardt sollen diesmal eigene Gedanken beim praktischen Erleben der vielfältigen Ebenen des Dialogs mit Muslimen in den Vordergrund treten und in ein auch für die Praxis tragfähiges Dialogmodell münden. Es verbindet sich damit die Hoffnung, über die Grenzen des fachtheologischen Diskurses hinaus verständlich zu sein.

Lesen Sie das Nachfolgende daher als Beitrag eines feinfühlig beobachtenden und theologisch reflektierenden Christen, der auf dem Weg zu einer Theologie der Religionen3 das vorliegende Dialogmodell in die Diskussion bringen möchte.

II. Die Dialogpyramide als Modell für die christlich-islamische Begegnung

1. Die Dialogvoraussetzungen – oder: Kein Dialog der Religionen ohne die Anerkennung der Realitäten und die Entdeckung des eigenen Dialogpotenzials

1.1 Charakterisierung der Realitäten: Der Islam gehört zu Deutschland, oder nicht?

Dass die Reminiszenz an die vom ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff angestoßene Debatte rhetorischer Art ist, dürfte sich inzwischen von selbst verstehen. Wenn der Islam nicht zu Deutschland gehörte, warum sollte man dann hierzulande in den Dialog mit Muslimen eintreten? Die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehöre, zumal in ihrer damals durch Horst Seehofer pointiert vorgetragenen Verneinung,1 trägt wenig zum gesellschaftlich-interreligiösen Diskurs bei. Der Religionssoziologe Detlef Pollak2 kommt in einer ländervergleichenden Studie zu dem erschreckenden Ergebnis: »Die Unterschiede zwischen Deutschland und den anderen Ländern sind geradezu dramatisch, wenn es um die persönliche Haltung gegenüber Muslimen geht [...]. Während Niederländer, Franzosen und Dänen mehrheitlich positiv über Muslime denken (zu 62 %, 56 % und 55 %), gilt das in Deutschland nur für eine Minderheit von 34 % (West) und 26 % (Ost). [...] Je öfter man Muslime trifft, desto eher sieht man sie generell positiv [...]. So geben im Westen etwa 40 % an, zumindest einige Kontakte zu Muslimen zu haben, im Osten nur 16 %.«

Die Studie zeigt einerseits, dass sich die persönliche Haltung gegenüber Muslimen dann ändert, wenn Kenntnis über den Islam oder gar persönlicher Kontakt besteht; das werte ich als gute Nachricht, insofern die Bedeutung von Bildung und Empathie für das Gespräch der Religionen deutlich wird. Andererseits bestätigt die ländervergleichende Umfrage die jahrzehntealte Abwehrhaltung gegenüber dem Islam in Deutschland. Bereits 1984 bemerkte der bekannte Tübinger Religionswissenschaftler Josef van Ess beiläufig: »Das Interesse am Islam ist alt. Aber es wird nicht von verlässlicher Information getragen. Was man in den Medien über den Islam hören oder lesen kann und was Intellektuelle überhaupt über ihn sagen, ist erschreckend. Erschreckend im doppelten Sinne: zum ersten wegen der Schiefheiten und Vorurteile, die sich in diesem Urteil verraten, und zum zweiten wegen des dämonisierenden Tones, in dem sie vorgetragen werden. Kein Mensch hat Angst vor dem Buddhismus oder dem Hinduismus; gegenüber dem Islam ist Angst hingegen die normale Haltung.«3

Immer noch wirken die Zeilen erschreckend aktuell. Neun Jahre nach der ländervergleichenden Studie von Detlef Pollak veröffentlichte die Bertelsmann-Stiftung4 im Juli 2019 folgendes Umfrageergebnis: »Insgesamt empfindet rund die Hälfte der Befragten den Islam als Bedrohung.« Und die Studie setzt nach: »Diese im Frühjahr 2019 erhobenen Daten unterscheiden sich kaum von den Ergebnissen der vorangegangenen Befragungen des Religionsmonitors aus den Jahren 2017, 2015 und 2013.«

1.2 Benennung von Ängsten: Islamisierung des Abendlandes?

Ein Grundproblem des öffentlichen Islamdiskurses liegt sicher darin, dass in der Regel undifferenziert von dem Islam gesprochen wird, und das in doppelter Hinsicht: sowohl im Blick auf die in Wirklichkeit z.T. sehr unterschiedlichen Ausprägungen islamischer Vorstellungen, Rechtsschulen oder vielfältigen Zweige und länderspezifischen Prägungen; aber auch und vor allem im Blick auf den Unterschied zwischen Islam als Religion und Islam als Glaubenshaltung. Bereits der Religionswissenschaftler und Historiker Wilfred Cantell Smith hatte in seinem epochalen Werk The meaning and end of religion5 auf den simplen Sachverhalt hingewiesen: Islam als Bezeichnung für die Religionsgemeinschaft von Muslimen ist jung. Erst seit dem 19. Jahrhundert wird die Rede vom Islam als Religion geläufig, ähnlich wie vom Christentum oder vom Judentum gesprochen wird (oder heute von den drei monotheistischen Weltreligionen). Zuvor galt als Islam das, was das Wort dem arabischen Wortstamm nach immer schon bedeutet hat: Hingabe, Ergebung, Friedensstiftung. Islam beschreibt eben die existenzielle Haltung des Glaubenden, nicht zuerst die soziologische Gestalt einer Gemeinschaft.

Dagegen wird Islam hierzulande eher als ein in sich geschlossenes Glaubenssystem verstanden, ja, als monolithischer Block an religiösen Wahrheiten, die zu glauben oder nicht zu glauben sind. Nur selten – und meist als Ergebnis persönlicher Begegnung mit Muslimen – wird Islam als lebendige Religion entdeckt, ja, als religiöse Bewegung, die sich über die Jahrhunderte ständig verändert hat und eine große innere Vielfalt entwickelte. Türkischer Islam ist anders als Islam in Palästina; dieser wieder anders als in Saudi-Arabien oder im Iran; britischer Islam unterscheidet sich von dem in Pakistan; Islam in Albanien ist wieder anders, weil weitgehend frei von Glaubenssätzen und möglicherweise in manchem sogar Beispiel für einen europäischen Islam.6