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Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Auf sie kann er sich immer verlassen, wenn es darum geht zu helfen. Patricia Vandenberg ist die Begründerin von "Dr. Norden", der erfolgreichsten Arztromanserie deutscher Sprache, von "Dr. Laurin", "Sophienlust" und "Im Sonnenwinkel". Ohne ihre Pionierarbeit wäre der Roman nicht das geworden, was er heute ist. Fasziniert starrte Dr. Kaja Becker auf den Monitor, der die Bilder der Mikrokamera übertrug. Die kleine Zange, die ihr Kollege Dominik Stahl führte, löste mit sicherem Schnitt die Gallenblase aus dem Leberbett des Patienten. Auf dem Gebiet dieser modernen Operationstechnik verfügte Dr. Stahl über viel Erfahrung, die tiefe Bewunderung in seiner Kollegin weckte. »Unglaublich!«, hauchte Kaja ergriffen, nachdem Dominik die Gallenblase abgetragen hatte. Sie beobachtete, wie er das Gewebesäckchen geschickt faltete und in einen winzigen Behälter drückte, den er schließlich aus der schmalen Röhre aus dem Bauchraum zog. »Das werde ich nie lernen.« »Natürlich lernst du das«, versicherte Dominik zuversichtlich. Mund und Nase waren von einer Maske bedeckt. »Du bist eine der talentiertesten Ärztinnen hier.« An den Fältchen um seine Augen erkannte Kaja, dass er lächelte. Wie immer, wenn er sie auf diese Weise ansah, schoss eine heiße Welle durch ihren Körper. In diesen Momenten vergaß sie ihre Probleme und Sorgen. Sie vergaß sogar, dass sie verheiratet und Mutter einer kleinen Tochter war. »Dein Vertrauen ehrt mich. Aber ich kenne mich noch nicht gut genug mit dieser minimalinvasiven Methode aus.« »Ich kann dir alles erklären, was du wissen musst«
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Seitenzahl: 116
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Fasziniert starrte Dr. Kaja Becker auf den Monitor, der die Bilder der Mikrokamera übertrug. Die kleine Zange, die ihr Kollege Dominik Stahl führte, löste mit sicherem Schnitt die Gallenblase aus dem Leberbett des Patienten. Auf dem Gebiet dieser modernen Operationstechnik verfügte Dr. Stahl über viel Erfahrung, die tiefe Bewunderung in seiner Kollegin weckte.
»Unglaublich!«, hauchte Kaja ergriffen, nachdem Dominik die Gallenblase abgetragen hatte. Sie beobachtete, wie er das Gewebesäckchen geschickt faltete und in einen winzigen Behälter drückte, den er schließlich aus der schmalen Röhre aus dem Bauchraum zog. »Das werde ich nie lernen.«
»Natürlich lernst du das«, versicherte Dominik zuversichtlich. Mund und Nase waren von einer Maske bedeckt. »Du bist eine der talentiertesten Ärztinnen hier.«
An den Fältchen um seine Augen erkannte Kaja, dass er lächelte. Wie immer, wenn er sie auf diese Weise ansah, schoss eine heiße Welle durch ihren Körper. In diesen Momenten vergaß sie ihre Probleme und Sorgen. Sie vergaß sogar, dass sie verheiratet und Mutter einer kleinen Tochter war.
»Dein Vertrauen ehrt mich. Aber ich kenne mich noch nicht gut genug mit dieser minimalinvasiven Methode aus.«
»Ich kann dir alles erklären, was du wissen musst«, erklärte Dr. Stahl und nickte ihr auffordernd zu. »Verschließt du bitte die Wunde?« Während sich Kaja mit glühenden Wangen an die Arbeit machte, fuhr er fort. »Die hohe Absorption des Lasers erlaubt kontaktloses Schneiden und das narbenlose Verdampfen winziger Strukturen. Das gewährt eine blutarme Resektion von Organen, was eine schnelle Wundheilung gewährleistet. Überdies ist die Schmerzreaktion im Operationsgebiet minimal.«
Kaja hatte die kleinen Schnitte mit wenigen Stichen genäht. Sie beendete ihre Arbeit, indem sie den schwarzen Faden geschickt mit einer kleinen Schere durchtrennte. Dominik betrachtete das Ergebnis und nickte zufrieden. »Der Patient wird sich rasch erholen und kann die Klinik schon bald wieder verlassen.«
Er schickte dem Anästhesisten einen fragenden Blick. Der nickte und gab damit grünes Licht, dass die Ärzte den Operationssaal verlassen konnten.
Nachdem sie die Hände gewaschen und desinfiziert hatten, traten sie Seite an Seite hinaus auf den Klinikflur, wo Dr. Daniel Norden eben des Wegs kam.
Seit seine schwer an dem Marburg-Virus erkrankte Freundin und Kollegin Jenny Behnisch ihn gebeten hatte, vorübergehend die medizinische Leitung der Klinik zu übernehmen, pendelte der Allgemeinmediziner zwischen seiner Praxis und dem Krankenhaus hin und her. Das war zeitaufwändig und anstrengend und obwohl sich Jennys Gesundheitszustand wie durch ein Wunder langsam aber sicher besserte, war noch kein Ende dieser Situation abzusehen. Nichtsdestotrotz tat Dr. Norden seinen Dienst gewissenhaft, zumal die Klinik durch eine Aneinanderreihung unglücklicher Vorfälle und eines handfesten Skandals gefährlich in Verruf geraten war.
»Sie sehen sehr zufrieden aus«, stellte er nach einem Blick auf die neue Kollegin – Jenny hatte Dr. Kaja Becker erst kurz vor ihrer Erkrankung eingestellt – erleichtert fest. Die Stimmung in der Belegschaft war gerade in diesen schweren Zeiten überaus wichtig. Nur zufriedenes Personal konnte gute Arbeit leisten und somit weitere Skandale erfolgreich verhindern helfen. »Gefällt Ihnen die Arbeit in der Behnisch-Klinik?«
»Ich habe es noch keine Sekunde bereut, diesen Schritt gewagt zu haben«, versicherte Kaja nach einem kurzen Blick auf Dominik, der versonnen lächelnd neben ihr stand. »An der städtischen Klinik, an der ich vorher gearbeitet habe, war es ganz anders, viel anonymer. Ich kannte nur die Kollegen von der Station, und die Patienten habe ich oft erst nach der Operation bei der Visite zu Gesicht bekommen.«
»Wie das?«, fragte Daniel erstaunt.
Kaja lachte.
»Die Krankenschwestern haben die Patienten meist fertig abgedeckt mit Operationstüchern in den Operationssaal gebracht. Manchmal musste man wirklich aufpassen, nicht den Bezug zum Menschen zu verlieren.«
Obwohl Daniel Norden selbst praktizierender Allgemeinmediziner war, wusste er natürlich, wovon Kaja Berger sprach.
»In großen Kliniken, in denen viele Patienten behandelt werden, ist eine klare Struktur unverzichtbar. Wie die Zahnräder in einer Maschine greifen die einzelnen Arbeitsschritte ineinander«, sagte er ernst. »Allerdings ist es nicht nur der reibungslose Ablauf und die perfekte Technik, die den Kranken wieder gesund macht«, fuhr er nachdenklich fort. »Die Behnisch-Klinik ist der beste Beweis dafür, dass ein fürsorglicher menschlicher Umgang genauso viel zur Heilung beiträgt wie ausgefeilte Mechanismen.«
Während er neben den Kollegen her ging, dachte er voller Wärme an seine Kollegin Jenny Behnisch, die die Klinik gemeinsam mit ihrem Mann Dieter Behnisch über lange Jahre geleitet hatte. Nach seinem Tod vor vielen Jahren war es ihr sogar gelungen, das Haus mit Hilfe eines überaus qualifizierten Mitarbeiterstabs nicht nur wirtschaftlich sondern auch noch gewinnbringend weiterzuführen.
Dr. Stahl schickte Daniel einen forschenden Blick. Er schien seine Gedanken lesen zu können.
»Diese Erkenntnis haben wir nicht zuletzt dem umsichtigen Handeln von Frau Dr. Behnisch zu verdanken«, erklärte er innig. »Kaum einer hätte den Mut gehabt, das Risiko einzugehen und auf Qualität statt auf Quantität zu setzen.« Er machte keinen Hehl aus seiner Verehrung für die Chefin, die er mit vielen anderen Kollegen teilte. »Ich glaube, jeder Arzt mit Leidenschaft träumt davon, so eine Klinik aufzubauen. So ein Werk zu vollbringen.« Seine Augen bekamen einen träumerischen Glanz.
»Hoffentlich wird Frau Dr. Behnisch wieder ganz gesund«, brachte Kaja ihre tiefe Hoffnung zum Ausdruck.
Die schwere Erkrankung der Chefin und die Skandale, der die Klinik seither ausgesetzt war, waren auch an ihr nicht spurlos vorüber gegangen. Zumal ihr Leben ohnehin alles andere als einfach war.
In ihre Gedanken hinein verabschiedete sich Dr. Norden und kehrte zurück in Jenny Behnischs Büro, das er in der Zeit ihrer Abwesenheit nutzte.
Als er eintrat, hob Juliane Fiedler, Jennys zuverlässige und freundliche Assistentin, erwartungsvoll den Kopf.
»Möchten Sie einen Kaffee?«, erriet sie seine Gedanken.
»Sehr gerne«, stimmte Daniel ohne Zögern zu. »Gibt es Neuigkeiten?«, fragte er dann bangen Herzens.
Obwohl seit der Verhaftung des Verräters Marc Möwius – er war verantwortlich für Jenny Behnischs Infektion mit dem gefährliche Virus und darüber hinaus für die anderen Vorkommnisse in der Klinik – war nichts Beunruhigendes mehr geschehen. Trotzdem war Daniel Norden ständig auf der Hut. Er traute dem Frieden nicht, zumal die aparte Verwaltungschefin Alexandra Kimminus seit der Verhaftung wie ausgewechselt war. Im Zuge der Vernehmungen durch die Polizei hatte sich herausgestellt, dass sie ein Liebesverhältnis zu Möwius pflegte. Nicht genug damit, fürchtete Dr. Norden nach wie vor einen Racheakt der Komplizen des Bürgermeisters, der als Drahtzieher hinter den Aktionen stand.
»Haben Sie schon gehört, dass der Bau des ambulanten Operationszentrums ein für alle Mal vom Tisch ist?«, unterbrach Juliane Fiedler seine kreisenden Gedanken und schwenkte zufrieden lächelnd die Tageszeitung hin und her. »Die üblen Machenschaften des Bürgermeisters sind in jeder Partei auf heftige Ablehnung gestoßen.«
Obwohl Daniel diese Nachricht erwartet hatte, freute er sich dennoch darüber.
»Das zeigt, dass die Menschen doch noch Anstand im Leib haben.« Dankbar nahm er die Zeitung aus Julianes Hand, um den Artikel in einer freien Minute zu überfliegen. »War sonst noch was?«
Juliane warf einen Blick auf die Telefonnotizen, die vor ihr auf dem Schreibtisch lagen.
»Ihre Frau hat angerufen und bittet um Rückruf.«
Sofort war Daniel beunruhigt. Die Krise in der Klinik hatte auch seine Frau nicht verschont.
»Klang sie besorgt?«
Glücklicherweise lächelte Juliane amüsiert.
»Keine Angst! Es geht um die Tischtennisplatte. Sie will sie für die Kinder aufstellen und hat eine Frage zum Klappmechanismus.«
Erleichtert lachte Daniel auf und ging kopfschüttelnd in Jennys Büro. Langsam aber sicher musste er wirklich aufpassen, dass er nicht paranoid wurde. Immer noch lächelnd wählte er die Nummer von zu Hause und freute sich, als er Fees geliebte Stimme hörte.
Bibiana Landini hatte ihre Limousine direkt am Straßenrand geparkt und starrte unverwandt auf den Eingang der Behnisch-Klinik. Hinter diesen Mauern arbeitete der Mann, nach dem sie sich mit jeder Faser ihres Herzens sehnte, seit er ihr in einer Notoperation vor vielen Monaten das Leben gerettet hatte.
»Ich wäre die glücklichste Frau der Welt, wenn Dominik mich wenigstens zum Essen einladen würde«, seufzte sie, während sie die breiten Schiebetüren nicht aus den Augen ließ. Warum nur wollte er ihre Gefühle nicht erwidern? Schlimmer noch, warum interessierte er sich offensichtlich mehr für diese nichtssagende Kollegin denn für sie, die aufsehenerregende Schönheit? »Dieser Schuft!« Wieder einmal brodelte die Wut in Bibiana Landini, als sie mit ansehen musste, wie Dominik Stahl Seite an Seite mit der jungen Kollegin die Klinik verließ. Offenbar hatte er einen Witz gemacht, denn die Ärztin warf den Kopf in den Nacken und lachte laut heraus. Gut gelaunt stimmte Dominik in das Lachen mit ein.
»Das reicht!« Ein weiteres Mal siegte die Rachelust über Bibianas überbordende Liebe. Mit vor Wut zitternden Fingern ließ sie den Motor an und gab Gas. Die Reifen quietschten, als sie an dem fröhlichen Paar vorbei fuhr. Doch die beiden waren so sehr in ihr Gespräch vertieft, dass sie selbst das nicht bemerkten.
Fast blind vor Tränen raste Bibiana zurück in die Bank, in der sie in der Chefetage arbeitete. Sie kehrte an ihren Schreibtisch zurück und holte die Mappe mit den Fotos, die ein Detektiv für sie geschossen hatte, aus der Schublade. Eigentlich hatte sie vorgehabt, die Bilder zu zerreißen. Als sie sie aber in Händen hielt, brachte sie es nicht fertig. Wieder einmal!
»So was ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht passiert«, beschwor sie ihr Lieblingsfoto, das Dr. Dominik Stahl gestochen scharf und in all seiner Pracht zeigte. Ohne den Fotografen bemerkt zu haben, blickte er direkt in die Kamera, ein angedeutetes Lächeln auf den geschwungenen Lippen. Bei seinem Anblick schmolz Bibiana dahin. »Ich dachte immer, so eine Liebe gibt es nur im Kitschroman«, sagte sie dem Foto. »Aber das stimmt nicht. Es gibt sie wahrhaftig, diese alles verbrennende Liebe, die sich nicht löschen lässt.« Sie seufzte tief. »Einen Versuch mache ich noch, dich umzustimmen«, erklärte sie ihm leise und lächelte fein bei dem Gedanken an das Geld, das sie seit Monaten unbehelligt von verschiedenen Bankkonten abzweigte. »Bald ist es genug, um dir nicht nur leere Versprechungen zu machen.« Ihre Stimme wurde kämpferisch. »Bald schenke ich dir die Behnisch-Klinik. Dann wirst du mich einfach lieben müssen.«
In ihre Gedanken hinein klopfte es.
»Herein«, murrte Bibiana Landini verstimmt über die Störung und steckte die Fotos in die Mappe zurück. Sie verstaute sie gerade noch rechtzeitig in der Schublade, bevor ihr Besucher eintrat.
»Bibiana!« Adrian Baumann freute sich sichtlich. »Wie schön, dass du da bist.«
Nachdenklich betrachtete Bibiana ihren Verehrer. Er war groß und stattlich und wie sie Mitglied des Stadtrats. Nach den Stadtratssitzungen lud er sie oft auf ein Glas Wein ein, besorgte Theater- und Konzertkarten und war immer dann zur Stelle, wenn sie einen richtigen Mann an ihrer Seite brauchte. Aber wenn sie ihn sah, war da nichts. Nicht der Hauch einer Gefühlsregung. Kein Prickeln, kein Knistern, einfach nichts. War das Leben nicht ungerecht? Adrian liebte sie, aber sie liebte ihn nicht. Sie liebte Dr. Stahl, doch der wollte sie nicht. Oder vielleicht doch? Wenn sie ihm ihre Liebe erst genug bewiesen hatte?
»Was kann ich für dich tun, Adrian?«, wandte sich Bibiana endlich an ihren Besucher, der vergeblich versucht hatte, in ihrem wechselvollen Mienenspiel zu lesen.
»Ich war gerade in der Gegend und fragte mich, ob du mit mir zu Mittag essen möchtest.«
»Ist es dafür nicht noch ein bisschen früh?«, fragte Bibiana mit einem amüsierten Blick auf ihre diamantbesetzte Armbanduhr, als ihre Assistentin hinter Adrian Baumann in der Tür erschien.
»Frau Landini, am Schalter gibt es Schwierigkeiten mit einem Kunden. Herr Becker will schon wieder Geld haben. Allerdings ist der Dispokredit ausgeschöpft. Der Kollege kann ihm nichts mehr geben, was der Kunde aber nicht einsehen will.«
Bibiana dachte kurz nach. Adrians Gesellschaft war ihr nicht unangenehm. Sie wollte, dass er blieb.
»Wenn du mich einen Augenblick entschuldigst? Ich bin gleich zurück, und dann reden wir über dein Angebot.« Sie zwinkerte ihm zu, und augenblicklich schöpfte Adrian Baumann neue Hoffnung.
Er nahm in der Besucherecke Platz und ließ sich einen Kaffee servieren, während sich Bibiana auf den Weg in die Schalterhalle machte.
Der Kunde Hannes Becker erwartete sie bereits. Nervös trat er von einem Bein auf das andere. Er trug einen Anzug, wirkte aber trotzdem ungepflegt und übernächtigt.
»Bitte kommen Sie ins Besprechungszimmer«, erklärte Bibiana Landini, nachdem sie einen Blick in den Computer geworfen hatte.
Seine finanzielle Lage war mehr als prekär. Sie wies ihm den Weg, und der Ingenieur folgte ihr mit gesenktem Kopf.
»Ihr Kollege am Schalter aber meinte …«, begann Hannes Becker, nachdem er sich umständlich gesetzt und die Beine übereinander geschlagen hatte.
»Mein Kollege hat völlig recht«, unterbrach ihn Bibiana sanft aber bestimmt. »Er kann Ihnen kein Geld mehr geben, ohne selbst in erhebliche Schwierigkeiten zu geraten.«
Hannes starrte auf seine Hände, knetete die schmalen Finger.
»Ich weiß«, seufzte er leise.
Was für ein jämmerlicher Anblick!, dachte Bibiana bei sich. Seine Frau konnte einem nur leidtun.
»Und was soll ich Ihrer Ansicht nach jetzt tun? Warum bringen Sie nicht endlich Ihre Finanzen in Ordnung? In letzter Zeit geht es nur noch bergab. Obwohl Sie mir schon mehrfach versprochen haben, dass es endlich besser wird. Ist Ihnen klar, dass Sie hoffnungslos überschuldet sind?« Aus Erfahrung wusste Bibiana Landini, dass man mit Kunden wie diesem Klartext sprechen und jede Zurückhaltung fallen lassen musste. Sonst würden sie nie begreifen, in welcher aussichtslosen Lage sie sich befanden.
Hannes Becker schluckte.
»Wie Sie das sagen …« Er wagte es nicht, den Blick zu heben. »Ich hatte einfach Pech in letzter Zeit. Unsere Waschmaschine ist kaputt gegangen, wir brauchten dringend neue Reifen für das Auto und das Finanzamt hat den Steuerbescheid geschickt«, versuchte er, Verständnis in Bibiana zu wecken.
Unwillig hob sie die linke Augenbraue.
»Und was war das letzte Mal?«
»Da wurde meiner Frau die Tasche mit jeder Menge Bargeld gestohlen.«
»Und davor?«
»Ist die Wohnung meiner Schwiegereltern in Flammen aufgegangen, und wir mussten sie unterstützen«, kam eine Ausrede nach der anderen wie aus der Pistole geschossen.
Ungläubig schüttelte Bibiana Landini den Kopf.
»So viel Pech auf einmal kann kein Mensch haben.«
Dieser Kommentar schien Hannes Becker Mut zu machen. Er hob den Kopf und sah Bibiana direkt in die Augen.
»Haben Sie schon einmal was von Murphys Gesetz gehört?«
