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Ein Mordanschlag am hellichten Tag auf einem belebten Platz in Rom! Und dieses Verbrechen galt eigentlich ihm! In welche Intrige war der harmlose Tourist und ehemalige Kunstlehrer Hans Werner Schmiedeknecht nur geraten? Hatte es mit diesen merkwürdigen Papieren zu tun, die er zufällig in einer Trattoria gefunden hatte und die nur völlig nichtssagende Zitate aus bekannten Bühnenwerken enthielten? Beim Versuch, dieser Verschwörung zu entrinnen, zieht sich eine blutige Fährte von Rom durch mehrere Städte Deutschlands. Gibt es einen Ausweg aus der tödlichen Gefahr, die ihm selbst, aber auch einem prominenten Vertreter der Regierung droht?
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Seitenzahl: 292
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Die Mappe
Gute Menschen
Flucht
Das Rätsel
Konspirative Gespräche
Recherche
Osnabrück
In Erwartung großer Ereignisse
Berlin
Ötigheim
Das Attentat
Meisterhaft
Nachspielzeit
Der Kreis schließt sich
Er wurde, wie jeden Morgen, seit er in diesem Zimmer wohnte, sehr früh von dem enormen Lärm geweckt, der aus dem Corso Vittorio Emanuele II zu ihm durch die geöffneten Fenster hochdrang. Das drei Sterne G55 Design Hotel war zwar, wie er fand, mit den 320,- €, die er für jeden Tag bezahlen musste, deutlich überteuert, aber eben trotzdem bei weitem nicht das beste Haus am Platze. Schräg gegenüber gab es die Piazza del Gesù Luxury Suites, die sich ihren vierten Stern mit täglich etwa 100,- € mehr honorieren ließen. Da musste er dankend verzichten, zumal er keinen Blick in das Innere werfen konnte, um zu überprüfen, ob die noblen Preise gerechtfertigt waren. Rom blieb nun einmal ein teures Pflaster, vor allem in den Sommermonaten. Jetzt war die Stadt am Tiber voller Touristen, die Menschen freuten sich, nach den Corona bedingten Einschränkungen der vergangenen beiden Jahre endlich wieder reisen zu dürfen. In Deutschland waren die heftig umstrittenen Sonderbestimmungen gerade erst im April aufgehoben worden.
Dem Straßenlärm entfliehen zu wollen, indem er die Fenster schloss, war überhaupt keine Option, weil die Hitze in der Straße zwischen den Häuserreihen festklebte und von keinem Lufthauch durchmischt wurde. Er mühte sich etwas lustlos aus dem Bett, um sich für das Frühstück in der ersten Etage vorzubereiten, denn die dort angebotenen Panini entsprachen so gar nicht seinem Geschmack, und jeden Morgen nur Gelees und Streichkäse stellten ebenso wenig ein kulinarisches Erlebnis dar. Einmal erlag er der Versuchung, sich zusätzlich etwas Salami und Schinken zu bestellen, stellte dieses Vorgehen aber sogleich wieder ein, als ihm mitgeteilt wurde, dass für die wenigen Scheiben ein horrender Preis zu akzeptieren war. Da machte es viel mehr Sinn, sich im Laufe des Tages an einem der zahlreichen mobilen Verpflegungswagen ein belegtes Brot zu kaufen oder sogar für eine Pause in einer Cafeteria einzukehren.
Das frühe Aufstehen fiel ihm nicht schwer, er war es aus der Zeit seiner Berufstätigkeit, die gerade ein Jahr zurück lag, gewohnt. Abgesehen davon war an eine längere Nachtruhe bei dieser Hitze, dem Lärm und dem Abgasgestank der im Minutentakt unten auf dem Corso passierenden uralten Busse der römischen Verkehrsbetriebe nicht zu denken. Das war die Kehrseite der Tatsache, dass jeder Winkel der Stadt leicht und zeitnah mit den U-Bahnen, Bussen oder sogar Lokalbahnen der ATAC, der städtischen Betriebe, erreichbar war – ein dichter Smog lag über den Straßen, der, gepaart mit den Temperaturen und der Windstille, das Vergnügen am Aufenthalt in dieser Stadt schmälerte und die Atmung erheblich erschwerte.
Seine gute Laune wollte er sich trotz allem nicht nehmen lassen. Rom, eine wunderbare Stadt voller Erinnerungen, gespickt mit architektonischen Schmuckstücken, langer Geschichte und gesegnet mit zahlreichen Restaurants, in denen man vorzüglich essen konnte, wenn die überzogenen Preise nicht davon abhielten. Hans Werner Schmiedeknecht war nicht zum ersten Mal in der ewigen Stadt. Schon als junger Lehramtsanwärter eröffnete sich ihm die Möglichkeit, über einen Bekannten seiner Eltern, der die katholische Karriereleiter immerhin bis zum Monsignore hochgestiegen war, an der Studienfahrt einer Priestergruppe teilzunehmen, die damit das fünfzigjährige Jubiläum ihrer Weihe feierte. Was ihn an dieser Teilnahme besonders reizte waren die Unterkunft, ein sehr gut von Nonnen geführtes Haus in der Viale della Mura Aurelie in unmittelbarer Nähe zum Petersdom und außerordentlich kostengünstig, mehr aber noch der Umstand, dass die Gruppe zu einer Privataudienz beim Papst, damals noch Paul VI., eingeladen war. An der Audienz hatte er gerne teilgenommen, die restliche Zeit war er lieber durch die Stadt gestreift, um sich mit großen Augen die Stadt, insbesondere die Kirchen und deren Kunstwerke anzusehen, für ihn als angehendem Kunstlehrer von besonderem Reiz. Schon damals faszinierte ihn die Chiesa del Gesù, diese barocke Gründungskirche des Jesuitenordens, so konnte es nicht verwundern, dass die Wahl seiner jetzigen Unterkunft auf ein Hotel in deren unmittelbarer Nähe gefallen war. Nach diesem frühen Aufenthalt konnte er seine Frau Elisabeth mehrfach dazu überreden, mit ihm einige Tage in der Stadt am Tiber zu verbringen, was nicht schwergefallen war, weil sie wie er das Land, das Essen und die Kultur liebte, für beide hinreichender Anlass, in jahrelangen Volkshochschulkursen mit durchwachsenem Erfolg die Sprache zu erlernen. Neben der Landeshauptstadt konnten sie sich ihrer lückenhaften Kenntnisse auch schon in Mailand, Verona, Padua, Venedig, Ventimiglia und Florenz bedienen.
Elisabeth war vier Jahre jünger als er und noch berufstätig, daher konnte sie ihn dieses Mal nicht begleiten, bat ihn aber ausdrücklich, diese Reise zu unternehmen und ihr im Anschluss alles haarklein zu berichten. Deshalb führte er, ganz gegen seine sonstigen Gewohnheiten, Tagebuch. Oder besser: er trug in ein kleines Notizheft jeden Abend nach der Rückkehr ins Hotel stichpunktartig seine Erlebnisse ein. Heute wollte er sich die Chiesa di Santa Maria in Campo Marzio anschauen, die zwar nicht zu den architektonisch oder historisch bedeutendsten der Stadt gehörte, ihn jedoch interessierte, weil sie einer syrisch-antiochischen Gemeinde gehörte. Durch einen Aufenthalt in Jerusalem mit dem Besuch der Grabeskirche war er um die Erfahrung reicher, dass die Streitigkeiten zwischen den unzähligen christlichen Glaubensgemeinschaften geradezu lächerliche Blüten hervorbringen konnten. In der israelischen Stadt waren die Auseinandersetzungen so eskaliert, dass zwei Glaubensrichtungen auf dem Dach der Kirche kleine Kapellen errichteten, um an diesem heiligen Ort beten zu können, gerieten dann aber in Streit darüber, wie sie nun ihre Notdurft verrichten sollten. Hans Werner musste unwillkürlich lächeln, als er sich erinnerte, zu welchen übelriechenden Folgen dieser Zwist führte, den schließlich der Staat Israel lösen musste, indem er aus seinen Haushaltsmitteln eine Dachtoilette errichten ließ. Selbst damit war die Sache noch nicht zu einem friedlichen Ende gekommen, weil die beiden Parteien sich nun nicht einigen konnten, wer die Wasserrechnung bezahlen müsse, bis auch diese Summe schließlich aus dem Etat des jüdischen Staates bestritten wurde.
Das Frühstück war dürftig und überraschungsfrei, immerhin gab es heißen Kaffee in beliebiger Menge, und so gestärkt machte er sich auf den Weg, wie immer zu Fuß, denn alle Ziele, die er anstrebte, lagen im Umkreis von wenigen Kilometern in den Straßen der Quartiere Ponte, Regola, Parione und San Eustachio. Er ließ sich Zeit und schlenderte durch die engen Gassen, hin und wieder vor einem Schaufenster anhaltend, wenn ihn die Auslage ansprach, und erreichte die Kirche kurz nach zehn Uhr. Wie die meisten Sakralbauten war auch dieser geöffnet, er trat ein und freute sich, einen ruhigen, angenehm kühlen Raum vorzufinden. Verglichen mit den vielen anderen Gotteshäusern war dieses geradezu schmucklos, die wenigen Malereien wie das in der Apsis muteten fast naiv an, über dem Altar gab es ein einfaches Bild der Gottesmutter in einem Strahlenkranz, auch die Innenarchitektur gab wenig Anlass, sein Heft mit Notizen zu versehen. Aber er genoss die Atmosphäre und die Kühle und blieb deshalb einen Moment auf einer Kirchenbank sitzen, bevor er sich wieder in das Getümmel der Weltstadt stürzen wollte. Immerhin waren von der außerordentlich schlichten Außenfassade keine falschen Versprechungen in Bezug auf die Innenausstattung ausgegangen. Er seufzte kurz auf, als er diesen erholsamen Ort verließ. Beim Öffnen der Tür blendete ihn das Sonnenlicht und er beeilte sich, in den Schatten des angrenzenden Geschäftes zu gelangen. Ein Herrenausstatter, stellte er fest, mit dem wunderbar italienisch klingenden Namen ‚Doppelgängerʹ, aber er hatte keine Eile und für den heutigen Tag keine weiteren Pläne, außerdem konnte seine Garderobe gut einige Ergänzungen vertragen, also trat er ein.
„Bongiorno, Signore, kann ich helfen? Haben wir wunderbare neue Kollektion, ich zeige Ihnen gerne“, wurde er von einem eifrigen Verkäufer in gebrochenem Deutsch angesprochen.
„Grazie, Bongiorno. Sie sprechen sehr gut Deutsch. Wo haben Sie das gelernt?“, antwortete er in ebenso gebrochenem Italienisch.
„War ich viele Jahre Gastarbeiter in Colonia, in Autofabrika Ford erst, dann in eine Pizzeria, Il Golfo. Du kennst beste Pizzeria in Colonia?“
Nein, die kannte Hans Werner nicht, wunderte sich aber wieder einmal darüber, dass alle Italiener irgendwann einmal einige Jahre ihres Lebens in Deutschland verbracht zu haben schienen, vor allem aber darüber, warum er jedes Mal als Deutscher erkannt wurde. Immerhin entspann sich zwischen ihnen ein seltsames Gespräch, vom Italiener in nicht fehlerfreiem Deutsch, vom Deutschen in gleichermaßen unzulänglichem Italienisch geführt. Fabio, wie sich der Verkäufer vorstellte, entpuppte sich als Zierde seines Berufes, der seinen Kunden durch alle Abteilungen des Geschäftes führte und immer wieder Kleidungsstücke zum Anprobieren vorlegte, so dass der arme Herr Schmiedeknecht alle Kraft darauf verwenden musste, die vielen Angebote, allesamt natürlich ganz besondere Occasione, abzulehnen. Bis sein Blick auf eine ausgestellte Jacke aus sehr dünnem, weichem Leder fiel, in hellem Rot mit auffallenden weißen Streifen über den Schultern, die auf dem Rücken zusammenliefen. Fabio bemerkte seinen begehrlichen Blick sofort und nahm das Kleidungsstück vom Bügel, um es ihm anzureichen.
„Ah, Signore, wie gemacht fur dich, ist auch genau deine Große. Haben wir nur bekommen zwei Jacke von diese Sorte, ist besondere Occasione.“
„Kann ich die Jacke anprobieren, bitte?“
„Ma naturalmente, Signore. Haben wir wunderbare Salon gleich hinter die Ecke, aber weiß ich schon jetzt, dass diese Jacke fur sie passt“, er führte Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger geschlossen zum gespitzten Mund, um sie, begleitet von einem lauten: „Mmmmh, perfetto!“, wieder zu öffnen. „Nehmen noch mit diese feine Hose und zwei ganz besondere Hemde. Und naturlich passende cravatta.“
Fabio wies ihm vollbepackt mit den Kleidungsstücken den Weg zur Umkleidekabine, die sich tatsächlich eher als komfortabler Salon herausstellte mit zwei Stühlen, einem Tisch, auf dem Getränke bereitstanden, und mehreren Spiegeln. Auf einem der Stühle lagen bereits von einem anderen Kunden abgelegte Habseligkeiten, wohl um noch weiter im Angebot zu stöbern. Wie unvorsichtig das doch sei, dachte Hans Werner, bevor er sich die rote Lederjacke überzog, die ihm auf Anhieb so sehr gefallen hatte. Sie passte tatsächlich wie angegossen. In diesem Moment kehrte der unvorsichtige Zweitkunde in den Raum zurück, in der Hand hielt er die zweite rote Jacke, die einzige weitere in dieser Doppelgängerfiliale, wenn man Fabios Worten Glauben schenken durfte. Der Mann ging ohne aufzublicken zu einem der Spiegel, zog die Jacke an, drehte sich dann langsam um und stand Hans Werner nun direkt gegenüber. Die beiden Männer schauten sich fassungslos eine Weile an und schienen ihre Sprache verloren zu haben, bevor sie endlich gleichzeitig laut loslachten. Es war, als schauten sie in einen Spiegel.
„Das gibt es doch gar nicht!“ Der zweite Lederjackenkunde fand als erster seine Sprache wieder und benutzte unwillkürlich seine Muttersprache Deutsch. „Ein Doppelgänger im Doppelgänger!“
„Ich fasse es nicht, Sie sind ebenfalls Deutscher? Darf ich fragen, wie groß Sie sind?“
„Gestatten, Wolfram Willebrod aus Tuttlingen. Einhundertzweiundachtzig Zentimeter von den Füßen bis zum Schopf, und Sie?“
„Ein Meter dreiundachtzig. Und Ihr Gewicht, wenn die Frage gestattet ist?“ Hans Werner mochte es nicht so sehr, Fremden seinen Namen mitzuteilen oder gar das Du anzubieten.
„Dreiundneunzig Komma zwei Kilogramm, aber nicht mehr lange, wenn ich noch öfter in dieser Stadt essen gehe.“
„Ich habe vierundneunzig Komma eins! Aber Gott sei Dank haben wir verschiedene Augenfarben. Ich graublau, Sie hellbraun, sonst könnte man uns glatt für eineiige Zwillinge halten.“
„Allerdings. Auch noch beide kurze Haare, die wohl einmal blond waren und nun grau werden.“
„Sogar unsere Vollbärte sind nur wenig verschieden. Gibt es eventuell über Ihre Herkunft irgendwelche Zweifel, die für ein ähnliches Schicksal sprechen wie damals bei Erich Kästners doppeltem Lottchen?“
„Einmal Tuttlingen, immer Tuttlingen. Dort wurde ich geboren, übrigens am 28. April vor siebenundsechzig Jahren, und dort habe ich mein ganzes Leben verbracht.“
„Das spricht dagegen, dass wir Zwillinge sind, die als Säuglinge auseinandergerissen wurden. Ich bin deutlich jünger, nämlich sechsundsechzig Jahre, und habe am 12. Oktober Geburtstag.“
Wann trifft man schon einmal sein eigenes Spiegelbild, wenn man nicht einen Zwillingsbruder oder eine Zwillingsschwester hat, deshalb beschlossen die beiden Männer, den Nachmittag gemeinsam zu verbringen, bezahlten ihre Jacken und zogen weiter, um im schräg gegenüber gelegenen Restaurant PaStation Roma Campo Marzio einzukehren, einer einfachen Gastronomie mit bezahlbaren Speisen, in der sie ungestört plaudern konnten. Bei einem Glas Wein und einem Nudelgericht breitete Wolfram Willebrod alsbald sein gesamtes Leben vor den Ohren seines Gesprächspartners aus, während Hans Werner mit der Preisgabe seiner Vita deutlich zurückhaltender umging. Der Süddeutsche aus der kleinen Donaustadt war ein pensionierter Postbeamter, verheiratet und Vater zweier erwachsener Kinder, die ebenfalls ihren Heimatort nie verlassen hatten. Er war alleine nach Rom gekommen, weil seine Gattin Sieglinde Flugreisen einfach nicht vertrug und unter starken Migräneanfällen litt, lange Auto- oder Busreisen also erst recht nicht in Betracht kamen.
„Denken Sie sich nur, eine Kreuzfahrt will sie mit mir machen! Eine Kreuzfahrt! Gott, ach Gott, zwei Wochen auf einem Schiff! Wie schrecklich!“
Schon während Herr Willebrod sich so leutselig zeigte, wurde Schmiedeknecht klar, dass ihm nicht der Sinn danach stand, mit seinem Spiegelbild eine Freundschaft fürs Leben einzugehen und er nach diesem gemeinsamen Nachmittag eher keinen weiteren Kontakt wünschte. Daher sparte Hans Werner jegliche Informationen über sich aus, nannte seinen Namen nicht, weder Hotel- noch Heimatadresse und erst recht auch keine Handynummer. Mit einem weiteren Getränk meinte er, den Anforderungen eines höflichen Zuhörens Genüge getan zu haben. Er verabschiedete sich möglichst unauffällig, um nicht in die Verlegenheit zu kommen, neuerliche Verabredungen eingehen zu müssen. Ein wenig drückte ihn sein schlechtes Gewissen, weil seinem Zwilling kein Vorwurf zu machen war, er vielmehr ein freundlicher, offener Mensch zu sein schien, aber irgendwie passte die Chemie nicht, wie es zuweilen so ist, wenn man Menschen begegnet. Genauso kann es passieren, dass man sich von der ersten Sekunde an mag. Beides war ihm während seiner Tätigkeit als Lehrer mit seinen Schülerinnen und Schülern wiederholt passiert, und er hoffte inständig, trotzdem immer alle jungen Menschen gleich behandelt zu haben. Am deutlichsten jedoch blieb ihm die erste Begegnung vor nunmehr fast fünfundvierzig Jahren mit seiner Elisabeth in Erinnerung. Das war Liebe auf den ersten Blick, wenn auch zunächst nur von seiner Seite aus, er musste einige Mühen aufwenden, um sie davon zu überzeugen, dass er der Mann ihrer Träume war und sie schon immer nur auf ihn gewartet habe. Nun waren sie bald siebenunddreißig Jahre verheiratet, keine Sekunde davon zu viel, die Zeit war wie im Flug vergangen. Selbst während der wenigen Tage alleine hier in der wunderbaren Stadt Rom vermisste er sie bereits und freute sich auf das baldige Wiedersehen. Trotzdem telefonierten sie nicht täglich, sie beide nutzten diese Kommunikationsmöglichkeit nur sehr zurückhaltend und machten sich gerne darüber lustig, wie abhängig viele von diesen Geräten waren.
Diesen Abend beendete er an der Hotelbar mit einem kühlen Glas Bier und verfolgte dort wenig interessiert das seltsamerweise aus Montreal vom ATP-Tennisturnier übertragene nachmittägliche Match zwischen dem ihm völlig unbekannten italienischen Spieler Matteo Berrettini, der in der ersten Runde sang- und klanglos mit 8 : 3 und 6 : 2 gegen den Spanier Pablo Carreño Busta ausschied, dessen Name ihm bislang ebenfalls noch nie aufgefallen war. Danach ging er auf sein Zimmer, notierte in Kurzform die Erlebnisse des Tages und fiel alsbald ins Bett. Er überdachte noch kurz seine Pläne für den kommenden Tag – den wunderbaren Schildkrötenbrunnen an der Piazza Mattei wollte er besuchen, Fontana delle Tartarughe, seiner Meinung nach viel bemerkenswerter als der größte römische Brunnen, der Fontana di Trevi, dessen Bekanntheit zu einem nicht unwesentlichen Teil aus dem nächtlichen Bad Marcello Mastroiannis mit Anita Ekberg im Film ‚La Dolce Vitaʹ herrührte. Außerdem gab es an der Piazza Mattei das nette kleine Bistro Le Tartarughe, wo man gut und nicht zu teuer essen konnte, anschließend lag fußläufig erreichbar das Kapitolinische Museum und, wenn noch Zeit blieb, die Basilica di Santa Maria in Aracoeli mit ihren berühmten Fresken. Schon an dieses anstrengende Programm nur zu denken machte ihn so müde, dass ihn erst der morgendliche Straßenlärm in die Realität zurückholte.
In Bezug auf das Hotelfrühstück gab es auch an diesem Tag keine Verbesserung, so dass er in Vorfreude auf das Schildkrötenbistro gänzlich darauf verzichtete und lediglich zwei Tassen Kaffee trank, während er versuchte, in der Tageszeitung Il Messaggero zu lesen, was ihn bei seinen nicht lückenlosen Sprachkenntnissen zwar einige Mühen kostete, aber hinreichend über die wichtigsten weltpolitischen Neuigkeiten auf dem Laufenden hielt. Die unerträglichen Temperaturen der vergangenen Woche waren auf ein etwas angenehmeres Maß gesunken, er konnte sich auf einen schönen Tag und sein interessantes Programm freuen, daher machte er sich gegen zehn Uhr in bester Stimmung auf den Weg. Zwischen seinem Hotel und dem Brunnen lagen nur zwanzig Minuten Fußweg, selbst gemessen an seinem provozierend langsamen Tempo, und die Piazza Mattei bot, da ringsum bebaut, angenehmen Schatten. Er ließ das Ensemble aus Fontana und umliegender Architektur hinreichend auf sich wirken und trat anschließend in das Bistro ein, wo er sich an einen freien Tisch setzte. Es gab, obwohl das Lokal soeben erst geöffnet hatte, bereits zwei Gäste, die Hans Werner aber gar nicht zur Kenntnis nahm. Er bestellte sich einen Cappuccino, streckte behaglich seine Beine aus und genoss es, einfach nur seine Ruhe zu haben. So ließ es sich aushalten, das Kapitolinische Museum konnte warten. Er bekam nicht mit, dass die beiden Gäste am hintersten Tisch offenbar in ein wichtiges Gespräch vertieft waren, das wohl niemand mitbekommen sollte, weil sie sehr leise sprachen und sich wiederholt umschauten, ob niemand zuhörte. Ebenso wenig beobachtete er, dass einer von diesen beiden Männern das WC aufsuchte und dabei merkwürdigerweise seine Aktenmappen, von denen er gleich mehrere bei sich führte, mitnahm, kurz darauf zurückkehrte, am Tisch seines Gesprächspartners vorbeiging und durch den Hinterausgang des Bistros verschwand. Wenig später stand auch der zweite Mann auf, bezahlte bei der freundlichen Bedienung und verließ Le Tartarughe durch den Vorderausgang.
Hans Werner war viel zu sehr damit beschäftigt, seinen Cappuccino, den angenehmen Morgen, den schönen Platz und sein Leben im Allgemeinen zu genießen, als dass er von all dem etwas bemerkt hätte, sehr wohl aber stellte er fest, dass die beiden Tassen des Frühstückkaffees im Hotel sowie der Schildkrötencappuccino ihre Rechte beanspruchten und er dringend einer Toilette bedurfte, so dass auch für ihn ein Besuch der hinteren Räumlichkeiten zwingend erforderlich wurde. Beim Waschen der Hände fiel ihm sofort die dunkle Aktenmappe auf, die einem früheren Besucher der Sanitäranlagen unbemerkt in den Auffangkorb für die Papierhandtücher gerutscht sein musste. Er zog die Ledertasche vorsichtig hervor, um sie eventuell dem Besitzer oder der Bedienung zurückzugeben, aber dann fiel sein Blick auf ein kleines in die Mappe eingearbeitetes Fenster, in das der Besitzer seine Visitenkarte stecken konnte, und dort war zu lesen: Eigentum der Bundesregierung Deutschland! Schnell zurückgekehrt in den Gastraum stellte er fest, mittlerweile der einzige Gast zu sein. Nur vage erinnerte er sich, dass der hinterste Tisch besetzt gewesen war, aber mit Sicherheit konnte er noch nicht einmal sagen, ob es sich um Männer oder Frauen, jung oder alt gehandelt hatte. Was sollte er tun? Eigentum der Bundesrepublik Deutschland – das hörte sich so wichtig an, so geheimnisvoll, so gefährlich! Wäre es wohl Landesverrat, wenn er die Mappe einer italienischen Bedienung übergeben würde? Irgendwie schien das Futteral in seiner Hand immer schwerer zu werden. Er war pensionierter Lehrer und kein Diplomat oder gar Geheimagent, und daher mit solchen Situationen überfordert. Darüber musste er in Ruhe nachdenken, mit dem Verschwinden des Kapitolinischen Museums und der Basilica di Santa Maria in Aracoeli dürfte bis morgen nicht zu rechnen sein. Er bezahlte und verließ eiligst mit seinem Fundstück das Lokal, um zum Hotel zurückzukehren und direkt in seinem Zimmer zu verschwinden. Dort saß er dann vor der Ledertasche auf dem Tisch und starrte sie unverwandt an, unsicher, ob er überhaupt berechtigt war, sie zu öffnen. In Rom musste es doch eine Vertretung der Bundesrepublik geben, dort könnte er sie abgeben. Oder einfach in den Briefkasten werfen. Und wenn sie dann in die falschen Hände käme? Wenn zum Beispiel der Botschafter der BRD seinem Dienstherrn, also dem Außenminister, etwas Wichtiges mitteilen wollte, etwa das Treiben der italienischen Mafia betreffend, und diese Informationen durch sein vorschnelles Handeln dann in Palermo bekannt würden? Man müsste herausfinden, wem die Mappe gehörte, dann könnte sie der eigentliche Besitzer direkt zurückerhalten. Aber dafür müsste sie geöffnet werden! Und wenn vielleicht sogar eine Briefbombe enthalten war? Davon las man immer wieder in den Zeitungen. Oder in der Tasche lag ein wichtiger Vertrag zwischen der italienischen und der deutschen Regierung! Dann saßen die Präsidenten der beiden Länder bei einer Konferenz zusammen, wollten die Verträge ratifizieren und mussten erstaunt feststellen, dass die Papiere abhandengekommen waren.
Er stand auf und lief unentschlossen in seinem Zimmer auf und ab, um endlich doch wieder vor dem Tisch stehen zu bleiben. Es half nicht, er musste hineinschauen. Nicht aus Neugier, Gott bewahre! Lesen wollte er schon gar nichts, am besten die Augen verschließen und nur nach einem Namen oder einer Adresse suchen. Wie das mit geschlossenen Augen funktionieren sollte, war ihm selber nicht ganz klar, aber das würde sich schon ergeben. Endlich fasste er sich ein Herz, öffnete den Reißverschluss und nahm die wenigen Papiere heraus, die enthalten waren. Vier waren es insgesamt, zwei mit kleinen Buchstaben bedruckte, kleinformatige auf billigem Papier in deutscher Sprache, ein winziges, etwas zerdrücktes, wie nebenher gekritzeltes Blatt Pergamentpapier mit vielen Zahlen oder Ziffern, und schließlich noch eine Art Brief, tatsächlich mit der Hand geschrieben, ohne Anrede und ohne Unterschrift.
Hans Werner war einigermaßen enttäuscht. Einerseits, weil auf den Blättern weder ein Name, noch eine Adresse, geschweige denn ein genauer Absender zu erkennen waren, andererseits hatte er doch etwas Abenteuerlicheres erwartet. Ein Top-Secret-Dokument des BND oder des NATO-Hauptquartiers eventuell. Und wenn schon keine Schatzkarte, so doch mindestens wichtiges, geheimdienstlich relevantes Material, etwa technische Zeichnungen einer neu entwickelten Wunderwaffe oder eines Atom-U-Bootes.
Er nahm das erste Blatt in die Hand und schaute es sich etwas genauer an. Selbst das Papier war in keiner Weise bemerkenswert, noch nicht einmal mit Wasserzeichen versehen. Er fühlte vorsichtig über die beschriebene Fläche, konnte aber keinen in einem winzigen Punkt enthaltenen Mikrofilm ertasten. Was machte diese Zettel so besonders? Er war weder studierter Literaturwissenschaftler, noch Theaterkritiker, ebenso kein regelmäßiger Besucher von Vorstellungen des heimischen Schauspielhauses, aber das schienen doch nur Zitate aus irgendwelchen, wenn auch wohlbekannten Bühnenstücken zu sein.
Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten! Die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt. Versuch’ ich wohl euch diesmal fest zu halten? Fühl’ ich mein Herz noch jenem Wahn geneigt? Ihr drängt euch zu! nun gut, so mögt ihr walten, Wie ihr aus Dunst und Nebel um mich steigt; Mein Busen fühlt sich jugendlich erschüttert Vom Zauberhauch der euren Zug umwittert.
Franz
. Aber ist Euch auch wohl, Vater? Ihr seht so blaß.
D. a. Moor
. Ganz wohl, mein Sohn, – was hattest du mir zu sagen?
Franz
. Die Post ist angekommen – ein Brief von unserm Correspondenten in Leipzig –
D. a. Moor
(begierig). Nachrichten von meinem Sohne Karl?
Franz
. Hm! Hm! – So ist es. Aber ich fürchte – ich weiß nicht – ob ich – Eurer Gesundheit? – Ist Euch wirklich ganz wohl, mein Vater?
Licht
: Ei, was zum Henker, sagt, Gevatter Adam! Was ist mit Euch geschehen? Wie seht ihr aus?
Adam
: Ja, seht. Zum Straucheln brauchts doch nichts als Füße. Auf diesem glatten Boden, ist ein Strauch hier? Gestrauchelt bin ich hier; denn jeder trägt den leid`gen Stein zum Anstoß in sich selbst.
Licht
: Nein, sagt mir, Freund! Den Stein trüg jeglicher---?
Adam
: Ja, in sich selbst!
Theseus
: Nun rückt, Hippolyta, die Hochzeitsstunde Mit Eil heran; vier frohe Tage bringen Den neuen Mond; doch, o wie langsam nimmt Der alte ab! Er hält mein Sehnen hin Gleich einer Witwe, deren dürres Alter Von ihres Stiefsohns Renten lange zehrt.
Auf halbem Weg des Menschenlebens fand ich mich in einen finstern Wald verschlagen, Weil ich vom rechten Weg mich abgewandt. Wie schwer ist’s doch, von diesem Wald zu sagen, Wie wild, rauh, dicht er war, voll Angst und Not; Schon der Gedank’ erneuert noch mein Zagen.
Argan
Drei und zwei macht fünf, und fünf macht zehn, und zehn macht zwanzig. Drei und zwei macht fünf. »Des weiteren am vierundzwanzigsten ein kleines insinuatives präparatives lösendes Klistier, um die Eingeweide des Herrn Argan anzufeuchten, aufzuweichen und zu erfrischen.« – Was mir an meinem lieben Apotheker Herrn Fleurant so sehr gefällt, ist die immer gleich große Höflichkeit seiner Rechnungen.
Vielleicht konnte man dem zweiten Zettel, den er nun neben den ersten legte, mehr entnehmen.
Just.
Schurke von einem Wirte! Du, uns? – Frisch, Bruder! – Schlag zu, Bruder! (Er holt aus und erwacht durch die Bewegung.) Heda! schon wieder? Ich mache kein Auge zu, so schlage ich mich mit ihm herum. Hätte er nur erst die Hälfte von allen den Schlägen! – Doch sieh, es ist Tag! Ich muß nur bald meinen armen Herrn aufsuchen. Mit meinem Willen soll er keinen Fuß mehr in das vermaledeite Haus setzen. Wo wird er die Nacht zugebracht haben?
Gemeinsamschwesterliches! o Ismenes Haupt! Weißt du etwas, das nicht der Erde Vater Erfuhr, mit uns, die wir bis hieher leben, Ein Nennbares, seit Ödipus gehascht ward? Nicht eine traur'ge Arbeit, auch kein Irrsal, Und schändlich ist und ehrlos nirgend eines, Das ich in deinem, meinem Unglück nicht gesehn.
Estragon
: (gibt wieder auf) Nichts zu machen
Wladimir
: (kommt angestakst, breitbeinig, mit kurzen Schritten) Ich glaub es bald auch. (Er bleibt stehen.) Ich habe mich lange dagegen gewehrt. Ich sagte mir, Wladimir, sei vernünftig, du hast noch nicht alles versucht. Und ich nahm den Kampf wieder auf. (Er verharrt beim Gedanken an den Kampf. Zu Estragon) Da bist du also wieder.
Estragon
: Wirklich?
Wladimir
: Ich freue mich, dich wieder zu sehen. Ich dachte, du seist weg für immer.
Estragon
: Ich auch.
Barblin
: Wenn du nicht die ganze Zeit auf meine Waden gaffst, dann kannst du ja sehn, was ich mache. Ich weißle. Weil morgen Sanktgeorgstag ist, falls du das vergessen hast. Ich weißle das Haus meines Vaters. Und was macht ihr Soldaten? Ihr lungert in allen Gassen herum, eure Daumen im Gurt, und schielt uns in die Bluse, wenn eine sich bückt. (Der Soldat lacht.) Ich bin verlobt.
Soldat
: Verlobt!
Barblin
: Lach nicht immer wie ein Michelin-Männchen.
der erste
Die >Gudrun<, Hamburg-Neapel.
der zweite
Um elfuhrsiebenundzwanzig kommt der >Rasende Roland<, Venedig-Stockholm.
der dritte
Das einzige Vergnügen, das wir noch haben: Zügen nachschauen.
der vierte
Vor fünf Jahren hielten die >Gudrun< und der >Rasende Roland< in Güllen. Dazu noch der >Diplomat< und die >Lorelei<, alles Expreßzüge von Bedeutung.
der erste
Von Weltbedeutung. (Glockenton)
der zweite
Nun halten nicht einmal die Personenzüge. Nur zwei von Kaffigen und der Einuhrdreizehn von Kalberstadt.
Adam hieß der Dorfrichter im „Zerbrochenen Krug“, meinte er erkannt zu haben, wie er auch mit dem Namen Moor „Die Räuber“ von Friedrich Schiller verband.
Warum sollte so etwas das „Eigentum der Bundesrepublik Deutschland“ sein, was war daran so wertvoll? Selbst bei genauerem Studium blieben die kurzen Texte das, was sie waren: nichts weiter als Literatur. Er meinte, Goethes Faust identifizieren zu können, und vage erinnerte er sich daran, als Schüler Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ mit einer Theater-AG aufgeführt zu haben, aber verborgene Botschaften konnte er nicht erkennen.
Und erst der schmierige kleine pergamentene Zettel!
12 1 8 29 5 4 15
1 19 7 4 3 5 10 11
5 18 14 4 7 42 43 5 1 18 6 1 14
1 13 4 4 10 29
15 8 7 1 15 52 34 1 18
2 4 54 13 5 1
32 41 7 17 32 43 4 9
19 8 18 7 12 2 18 3 8 6 6 5
13 28 13 19 4 10 18 13 1
18 8 2 15 2 3 26 2 78 5
68 48 9 34 7 5 78 10 10 11 5 31 3 9
Was sollte das sein? Eine verschlüsselte Botschaft? Ein Code zur Erlangung der Weltherrschaft? Das war doch alles zu lächerlich und er begann, sich selbst seiner anfänglichen Nervosität zu schämen. Das Wertvollste an diesem Gesamtpaket schien einfach nur die lederne Mappe selbst zu sein, und die könnte er ohne alle Bedenken beim Pförtner der Botschaft abgeben. Nun scheute er sich auch in keiner Weise mehr, die handgeschriebenen Worte zu lesen, die genau so wenig aufschlussreich waren. Der Schreiber wünschte jemandem, der namentlich nicht genannt wurde, viel Erfolg bei seiner geplanten Aktion, die ebenfalls unbeschrieben blieb, und versicherte ihm, dass er nach erfolgreichem Abschluss mit sofortiger Unterstützung aller zur Verfügung stehenden Kräfte rechnen könne.
Sofort in den Papierkorb damit, oder doch alles zusammen zur Botschaft? Er überlegte kurz, wie er weiter vorgehen sollte, steckte dann aber doch die Papiere wieder sorgfältig zurück. Dabei fühlte er, dass sich im Innenfutter der Mappe noch ein etwas festeres, sehr kleines Stück Karton verbarg. Bei genauerem Hinschauen sah er, dass durch einen kleinen Riss im Stoff wohl unbeabsichtigt ein Visitenkärtchen hineingerutscht war. Er nahm es vorsichtig heraus und las:
Jens Salmpflug Brigadegeneral BND, Bereichsleiter Beschaffung
Das wirkte außerordentlich wichtig, aber immerhin gab es nun jemanden, an den er seinen Fund direkt weiterleiten konnte. Er schob das Kärtchen wieder in genau die Öffnung, aus der er es herausgeholt hatte, ging in die Lobby, um sich dort etwas Packpapier geben zu lassen, und bat um die Möglichkeit, sich eine Information aus dem Internet zu holen. So erfuhr er die Postanschrift des BND in Berlin-Mitte, Chausseestraße 96-99a, 10115 Berlin. Als er den fertig verpackten Großbrief zukleben wollte, kam ihm im letzten Moment eine Idee. Wie sollte er Elisabeth diese Geschichte erzählen? Ein viel plastischerer, spannenderer Bericht ergäbe sich doch, wenn er alles anhand der Papiere belegen könnte. Also ging er zu einem Kopiershop, der sich nur etwa einhundert Meter vom Hotel entfernt befand, und fertigte von dem Material Abzüge an, die zusammen auf zwei Blätter im Format DIN A4 passten. Damit kehrte er zum Hotel zurück, klebte den Brief zu, ohne ihn mit einem Absender zu versehen – man weiß ja nie! – und gab alles an der Rezeption ab, wo ihm versichert wurde, dass die Post des Tages in wenigen Minuten abgeholt werde, sein Brief also in zwei bis drei Tagen in Berlin ankäme.
Irgendwie fühlte er sich von einer schweren Last befreit, gleichzeitig auch sicher vor jeder weiteren Verfolgung, weil er anonym geblieben war. Man kannte solche Dinge schließlich hinlänglich aus zahlreichen aufregenden Agentenfilmen. Zufrieden machte er sich auf den Weg zu einem netten Restaurant, es wurde Zeit, sich um das leibliche Wohl zu kümmern. Für Museum und Basilika war es bereits zu spät, die sollten das Programm des nächsten Tages bereichern. Was er nicht mehr beobachtete war, wie der Herr an der Rezeption seinem Brief, bevor er ihn in den Korb mit der ausgehenden Tagespost warf, den Stempel des Hotels aufdrückte, so wie das mit jeglicher Post geschah, die das Haus verließ.
Kees mochte seine Dorfkirche St. Willibrord sehr, deshalb ließ er sich gerne überreden, als das Ehrenamt des Küsters zu vergeben war. Seitdem nannte er den schlichten, zwischen den ringsum liegenden Häusern fast verschwindenden, 1936 erbauten Backsteinbau auch ‚seineʹ Kirche, zu der er fast täglich ging, um nach dem Rechten zu sehen, die Kerzen zu richten, bei Bedarf etwas zu fegen oder die Weihwasserbecken aufzufüllen. Wenn besondere Festtage anstanden, war es ihm eine Selbstverständlichkeit, den geweihten Raum angemessen herzurichten, teilweise sogar auf eigene Kosten. Heute, nach der sonntäglichen Messe, gab es etwas mehr zu tun, viele Menschen tragen immer einigen Schmutz mit in die Bänke. Die große Zahl an Gemeindemitgliedern erklärte sich aus dem Umstand, dass St. Willibrord weit und breit das einzige katholische Gotteshaus war und daher in den überwiegend protestantischen Niederlanden die Gläubigen aus dem gesamten Umland anzog. Kees selber war zwar getauft, aber eigentlich kein frommer Mensch. Er mochte nur die Ruhe des einfachen Raumes und das Licht, das durch die mit buntem Glas versehenen Rundbogenfenster fiel. Außerdem erlaubte ihm sein Beruf, dass er seine Zeit fast vollständig selbst einteilen konnte. Nur ganz selten, wenn einer der weit entfernten Auftraggeber mit einem neuen Ansinnen an ihn herangetreten war, konnte es passieren, dass er für ein paar Tage seinen beschaulichen Wohnort Achter-Drempt verlassen musste. In diesem Dorf im Gelderland mit seinen 325 Einwohnern fühlte er sich wohl, insbesondere seit dem Erwerb eines Häuschens am Ortsrand im Molenweg vor einigen Jahren. Von hier aus konnte er den Flughafen in Amsterdam über Utrecht schnell erreichen. Wenn es nach Deutschland gehen sollte, fuhr er meistens über die Landstraße, passierte Winterswijk, Gescher und Coesfeld um von Münster aus seine Reise fortzusetzen.
Seine Frau Marijke arbeitete im nicht weit entfernten, ebenfalls sehr kleinen Ort Karper im Hotel-Café-Restaurant De Gouder, das direkt an einer Fahrradroute lag und daher während der Saison gut frequentiert wurde, oft sogar so sehr, dass der Familienbetrieb darauf angewiesen war, Marijke zu bitten, mit Überstunden im Hotel, in der Küche oder im Restaurant auszuhelfen. Das tat sie gerne, weil sie ihre Arbeit liebte und Kees und sie kinderlos geblieben waren, ihre Anwesenheit zu Hause also nicht erforderlich war. Wenn ihr Mann sich wieder einmal auf Auslandsreise begab, schlief sie sogar mitunter im Hotel, sie mochte es nicht, alleine im Haus in Achter-Drempt zu sein.
Es ging ihnen gut, beide Mitte vierzig, das Haus war abbezahlt und die Verdienste reichten für ein sorgenfreies Leben mit gelegentlichen Ausflügen, manchmal mit den Fahrrädern, in die Kinos beziehungsweise Theater der weiter entfernten größeren Städte, mitunter sogar Konzerte in Amsterdam oder Utrecht. Kulturelle Veranstaltungen spielten eine große Rolle in ihrem gemeinsamen Leben, sie liebten das klassische Theater und Veranstaltungen mit den Utrechter Philharmonikern, ebenso gerne besuchten sie alle größeren Pop- und Rockevents in der erreichbaren Umgebung.
Wenn man Marijke fragte, welcher Tätigkeit genau ihr Mann nachging, wurde sie unsicher, denn exakt konnte sie das nicht beschreiben. Das Haus befand sich bereits in seinem Besitz, bevor sie einander kennenlernten, und das lag noch nicht so lange zurück. Sie war froh, nach einer gescheiterten Beziehung mit neununddreißig Jahren noch diesen freundlichen, aufmerksamen und offenbar nicht unvermögenden Mann getroffen zu haben. Dieses Vermögen zu verwalten war wohl auch sein Beruf, er schien in mehreren Ländern Immobilien und andere Anlagen erworben zu haben, die seine gelegentliche Anwesenheit dort erforderlich machten. Ansonsten verbrachte er den größten Teil des Tages entweder mit den Ehrenämtern, neben der Küsterarbeit waren das noch der örtliche Fußballverein, in dem er sich als Platz- und Zeugwart verdient machte, der örtliche Männergesangsverein und die Bibliothek, in der er mit Engelsgeduld die zurückgegebenen Bücher auf Schäden untersuchte, bei Bedarf reparierte und in die Regale zurückstellte. Oder er saß vor seinem Rechner, in dem er aus der Ferne dieses winzigen Dorfes fast alle Geschäfte abwickeln konnte. Im Keller, über den das Haus im Gegensatz zu fast allen anderen Häusern der Straße verfügte, gab es noch einen außerordentlich gut ausgestatteten Hobbyraum mit unzähligen Werkzeugen, den Marijke sich nur zu betreten wagte, wenn sie ihn zum Essen rief. Das kam aber äußerst selten vor, weil im Allgemeinen Kees ihr schon ein fertig gekochtes Mahl vorsetzte, wenn sie von der Arbeit heimkam, freie Wochenenden gab es durch ihre Tätigkeit im Hotel nicht oft.
Kees gefiel dieses Arrangement außerordentlich, so konnte er in aller Ruhe verschleiern, wozu er den
