Eine Braut zu Weihnachten - Victoria Alexander - E-Book
Beschreibung

Sir Sebastian Hadley-Attwater will bis Weihnachten unbedingt heiraten - und hat schon die perfekte Kandidatin gefunden: Lady Veronica Smithson. Die will allerdings nie wieder heiraten und hat ganz eigene Pläne für Sebastian: Er soll ihr Geliebter werden. So entspinnt sich ein sinnliches Verwirrspiel, denn während Veronica alles daran setzt, Sebastian zu verführen, ist dieser entschlossen, ihr vorher das Jawort zu entlocken. Als sich dann noch die Familien der beiden einmischen, ist das Chaos perfekt - pünktlich zum Weihnachtsfest!

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:467


Inhalt

Cover

Über die Autorin

Titel

Impressum

Kapitel Eins

Kapitel Zwei

Kapitel Drei

Kapitel Vier

Kapitel Fünf

Kapitel Sechs

Kapitel Sieben

Kapitel Acht

Kapitel Neun

Kapitel Zehn

Kapitel Elf

Kapitel Zwölf

Kapitel Dreizehn

Kapitel Vierzehn

Kapitel Fünfzehn

Kapitel Sechzehn

Kapitel Siebzehn

Kapitel Achtzehn

Kapitel Neunzehn

Kapitel Zwanzig

Kapitel Einundzwanzig

Kapitel Zweiundzwanzig

Kapitel Dreiundzwanzig

Über die Autorin

Bevor sich Victoria Alexander dem Schreiben widmete, war sie eine erfolgreiche Journalistin. Sie hat bereits zahlreiche Romane verfasst, wurde mehrfach für ihre Arbeit ausgezeichnet und schaffte mit einem ihrer Bücher sogar den Sprung auf den ersten Platz der NEW-YORK-TIMES-Bestsellerliste. Sie hat zwei erwachsene Kinder und lebt mit ihrem Mann in Omaha, Nebraska.

Victoria Alexander

EINEBRAUT ZUWEIHNACHTEN

Roman

Aus dem amerikanischen Englischvon Ulrike Moreno

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Deutsche Erstausgabe

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2011 by Cheryl Griffin

Titel der amerikanischen Originalausgabe: »His Mistress By Christmas«

Originalverlag: Kensington Books

Published by Arrangement with Cheryl Griffin

Dieses Werk wurde im Auftrag der Jane Rotrosen Agency LLC vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH,

30827 Garbsen

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2013 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Gerhild Gerlich

Titelillustration: © Ian Ayers Studio

Umschlaggestaltung: Tanja Østlyngen

Datenkonvertierung E-Book: Urban SatzKonzept, Düsseldorf

ISBN 978-3-8387-4617-3

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Kapitel Eins

30. November 1885

Er ist es«, sagte Lady Veronica Smithson, mehr zu sich selbst als zu der Frau neben ihr, und lächelte zufrieden. Sie liebte es, wenn alles nach Plan verlief.

Mit einem »Pst!« brachte Lady Portia Redwell sie zum Schweigen und blickte voller Stolz zu dem Sprecher hinter dem Rednerpult auf dem Podium am anderen Ende des Raums hinüber.

»… und obwohl es zugegebenermaßen ein bisschen mehr Abenteuer war, als wir erwartet hatten, war es im Nachhinein betrachtet nicht nur aufregend, sondern sogar sehr bemerkenswert.« Sir Sebastian Hadley-Attwater pausierte in der ausgefeilten Manier eines erfahrenen Redners und blickte zu seinem Publikum im Hörsaal des Explorers Club herab.

Ein wissendes Lächeln ließ Grübchen sichtbar werden in einem Gesicht, das geradezu zu gut aussehend gewesen wäre, wenn es nicht etwas zu braun gebrannt für die derzeitige Mode wäre. Eine interessante Narbe zog sich oberhalb der rechten Augenbraue über seine Stirn, und seine blauen Augen unter dem dunkelblonden, schon fast braunen Haar, funkelten vor Humor und Intelligenz. Langsam ließ er den Blick über den Raum gleiten, und eine Frau hätte schon lange unter der Erde liegen müssen, um sich nicht zu fragen, wie es wohl wäre, wenn diese Augen sie und nur sie ganz allein anschauten.

Veronica bemerkte den Moment, in dem ihm seine Cousine ins Auge fiel, die neben ihr hinten im Saal saß. Seine Augen leuchteten auf und Portia strahlte. Portias Eltern waren gestorben, als sie noch sehr jung gewesen war, und da ihr Onkel und ihre Tante sie bei sich aufgenommen hatten, war sie mit Sebastian und seinen sechs Geschwistern aufgewachsen. Er nickte ihr fast unmerklich grüßend zu und setzte dann die Betrachtung seines Publikums fort. Für einen Moment richtete sich sein Blick auf Veronica, obwohl er vermutlich ihren Hut anstarrte, eine ihrer ausgefallensten Kopfbedeckungen, dann sprach er weiter.

»Erlauben Sie mir, zum Abschluss noch zu sagen, dass es nur eins im Leben gibt, das bewegender ist, als einen Fuß auf unbekanntes Land zu setzen oder mit eigenen Augen Dinge zu erblicken, die nur eine Handvoll Ihrer Mitmenschen je gesehen haben.«

Er richtete den Blick wieder auf Veronica, und dieses Mal erwiderte sie ihn. Sie hob ein wenig das Kinn und schenkte ihm ein leises Lächeln. Ein anerkennendes, ermutigendes Lächeln, obwohl dieser berühmte Abenteurer nach allem, was sie über ihn gehört hatte, wohl kaum Ermutigung benötigte. Seine Eskapaden mit Frauen waren ebenso zahlreich wie seine Abenteuer in fremden Ländern, zumindest den kursierenden Gerüchten und Portias Erzählungen zufolge.

»Und das« – sein Lächeln wurde breiter, und seine Grübchen vertieften sich – »ist, endlich heimzukehren!«

Ein köstliches Gefühl der Erwartung durchrieselte Veronica. Oh ja, dieser Mann war genau der Richtige.

Beifall brauste aus der Menge auf, die sich versammelt hatte, um den Abend in Gegenwart dieses berühmten Abenteurers zu verbringen und seinen Schilderungen unzivilisierter Länder und fremder Menschen zu lauschen. Es war ein aufregender Abend voller faszinierender Geschichten eines meisterhaften Erzählers gewesen. Das Publikum hatte ganz und gar in Sir Sebastians Bann gestanden.

Veronica beugte sich zu ihrer Freundin hinüber und flüsterte ihr zu: »Er ist es.«

»Das hast du schon einmal gesagt«, erwiderte Portia zerstreut, während sie mit einem für sie sehr unüblichen Enthusiasmus klatschte. Ein stolzes Lächeln spielte um ihren Mund. »Er ist was?«

»Der Mann, den ich will.«

»Den du für was willst?« Portias Aufmerksamkeit richtete sich weiter auf Sir Sebastian, der jetzt auf bescheidene und unprätentiöse Art das Lob und die anerkennenden Worte seiner Zuhörerschaft entgegennahm. Und obgleich Veronica den Verdacht hatte, dass dieser Abenteurer absolut nichts Bescheidenes und Unprätentiöses an sich hatte, trug sein Auftreten zu seiner Anziehungskraft bei. Ja, er war in der Tat genau der Richtige.

»Wie mir sicher jeder bestätigen wird, der mich schon einmal gehört hat, war ich heute Abend um einiges effizienter als gewöhnlich.«

Ein amüsiertes Lachen ging durch das Auditorium.

»Und deswegen haben wir jetzt noch Zeit für ein paar Fragen.« Wieder suchte sein Blick Veronica. Seine Augen funkelten, als forderte er sie heraus, mehr zu tun, als nur seinen Blick zu erwidern. Veronica hatte tatsächlich eine Frage, aber keine, die sie zu stellen bereit war. Zumindest jetzt noch nicht. Aber ein Dutzend anderer Hände fuhren in die Höhe, und Sir Sebastian nickte einem Herrn vorn zu.

»Sir«, begann der Mann höflich, »in Ihrem dritten Buch berichten Sie von einer Begegnung mit einem Indianerstamm während Ihrer Expedition den Amazonas hinunter, und mich würde interessieren, ob …«

»Oh ja, er ist perfekt«, murmelte Veronica.

Portia schnaubte auf gar nicht damenhafte Art und Weise. »Unsinn. Ich bin mit ihm aufgewachsen und kann dir alles Mögliche erzählen, worin er alles andere als perfekt ist. Du liebe Güte, ich erinnere mich …« Portia warf Veronica einen Blick zu. »Was sagtest du, wofür du ihn willst? Wovon redest du überhaupt?« Sie kniff ihre Augen zusammen. »Was hast du vor, Veronica?«

»Sir Sebastian.« Auf Veronicas anderer Seite erhob sich ihre Tante Lotte. »Angesichts Ihres hohen Ansehens als Forschungsreisender und Abenteurer und Ihrer fortschrittlichen Denkweise, von der man mir erzählte, wüsste ich gern …«

»Halt sie auf!« Portia ergriff Veronicas Arm.

»Ha! Wenn das doch nur so einfach wäre.« Veronica drückte ihrer Freundin beruhigend die Hand und verkniff sich ein Grinsen. Sie hätte damit rechnen müssen. Miss Charlotte Bramhall hatte schließlich ihre eigene Kampagne zu führen.

»Danke, Ma’am. Ich gebe mir alle Mühe, fortschrittlich zu sein.« Sir Sebastian bedachte Tante Lotte mit seinem unwiderstehlichsten Lächeln. Einem Lächeln, das zweifellos jeden anderen Mann im Saal wünschen ließ, wie er zu sein, und jede Frau, mit ihm zusammen zu sein. Bei ihrer Tante hingegen war Veronica sich gar nicht sicher, ob die auch nur im Mindesten beeindruckt war.

Offensichtlich nicht, denn Tante Lottes Gesicht blieb völlig unbewegt.

»Ausgezeichnet«, sagte sie und nickte. »Dann würde ich gern Ihre Meinung zu der Aufnahme von Frauen in den Explorers Club hören.«

Ein Stöhnen ging durch die Menge, und Portias Hand schloss sich noch fester um Veronicas Arm.

Sir Sebastians Augenbrauen zogen sich zusammen. »Ich fürchte, ich verstehe Ihre Frage nicht ganz, Ma’am.«

»Die ist ganz einfach, junger Mann. Befürworten Sie die Vollmitgliedschaft von Frauen oder nicht?«

Sir Sebastian schien seine Worte jetzt sehr sorgfältig zu wählen. »Da Sie heute Abend hier sind und die Vorträge der Gesellschaft öffentlich sind, glaube ich nicht, dass die Notwendigkeit besteht, dem schöneren Geschlecht die Mitgliedschaft mit allen Rechten und Pflichten zu gewähren, da es für die Damen gewissermaßen …«, er überlegte kurz, »nur eine unnötige Belastung wäre.« Wieder setzte er ein charmantes Lächeln auf, das Tante Lotte allerdings auch gut als ein herablassendes deuten könnte. Der arme Mann. In den fernen Dschungeln der Welt mochte er sich unzivilisierten Eingeborenen gegenüber gesehen haben, aber er hatte sich noch nie mit Miss Charlotte Bramhall auseinandersetzen müssen. Ohne auch nur etwas von der unmittelbaren Gefahr für ihn zu ahnen, fuhr Sir Sebastian fort. »Soweit ich weiß, wird von allen Vollmitgliedern, die in London wohnen, verlangt, sich uneingeschränkt in der Verwaltung der Gesellschaft zu engagieren.«

Veronica zuckte zusammen.

»Und das halten Sie für eine Belastung?« Tante Lotte straffte die Schultern. »Papperlapapp. So fortschrittlich Sie vielleicht auch sein mögen, Sir Sebastian, sind Sie sich doch vermutlich nicht der bedeutenden Entwicklungen bewusst, die in den letzten zwanzig Jahren von Frauen durch unabhängiges Reisen und eiserne Entschlossenheit erreicht wurden. Frauen, die imstande sind, den Flusslauf des Nil zu erforschen, können mit Sicherheit auch die geringfügige Belastung der Verwaltung eines kleinen Vereins bewältigen.«

»Das bezweifle ich nicht.« Er lachte leise. »Aber wir dürfen auch die Tradition nicht außer Acht lassen, gnädige Frau. Wir können den Fortschritt nicht einfach Traditionen hinwegfegen lassen, die über Jahre hinweg gepflegt worden sind.«

»Tradition, Sir, ist nur eine männliche Rechtfertigung für …«

»Miss Bramhall!« Sir Hugo Tolliver, der Vorsitzende des Explorers Club, sprang auf, schubste Sir Sebastian vom Rednerpult weg und fixierte Lotte mit einem gereizten Blick. »Dies ist weder der richtige Moment noch Ort für eine Debatte über Mitgliedschaftsansprüche.«

»Dann sagen Sie mir doch bitte«, versetzte Lotte mit nicht weniger gereizter Miene, »wann Ihrer Meinung nach der richtige Zeitpunkt …«

»Und nun, meine Damen und Herren …« Sir Hugo wandte sich demonstrativ an das Auditorium, »werden Erfrischungen im Foyer gereicht, und wie es bei uns Tradition ist, wird Sir Sebastian uns dort Gesellschaft leisten.« Und damit führte er Sir Sebastian vom Podium und in Richtung Tür und Foyer.

Die Leute erhoben sich und strömten auf das Foyer zu, wo sie vermutlich kaum mehr als ein Glas lauwarme Limonade erwartete – und die Gelegenheit, die Bekanntschaft des Abenteurers Sir Sebastian zu machen.

Lotte starrte ihnen nach. »Was für ein roher, ungezogener Mensch!«

Veronica erhob sich. »Ich nehme an, dass du Sir Hugo meinst. Sir Sebastian erschien mir nämlich ausgesprochen charmant.«

Tante Lotte lachte spöttisch. »Und zweifelsohne aus demselben Holz geschnitzt.«

»Er ist ein Mann, Tante«, sagte Veronica lächelnd. »Das müssen wir berücksichtigen.«

»Ha.« Lottes Augenbrauen zogen sich zusammen. »Frauen haben Männer jahrhundertelang mit dieser Art von Blödsinn durchkommen lassen. Es wird höchste Zeit, dass wir den uns zustehenden Platz in der Gesellschaft einnehmen.« Sie sah Portia an, die noch immer saß und sich alle Mühe gab, so zu tun, als wären ihr Lotte und sogar Veronica noch nie begegnet. »Kommst du?«

»Natürlich.« Portia erhob sich widerstrebend. »Schließlich ist er mein Cousin.«

»Dann solltest du ihn unter deine Fittiche nehmen.«

»Geh schon vor, Tante Lotte. Wir treffen uns dann draußen«, sagte Veronica schnell.

»Na schön.« Lotte straffte die Schultern und machte sich entschlossen und schwungvoll auf den Weg Richtung Foyer.

»Was ist nur in dich gefahren, sie heute Abend mitzubringen?«, fragte Portia und strafte sie mit einem ärgerlichen Blick.

»Ich habe sie nicht mitgebracht. Es war purer Zufall, dass sie schon beschlossen hatte herzukommen. Ein erfreulicher Zufall.«

»Das ist nicht das Wort, das mir auf Anhieb dazu einfällt«, gab Portia schmollend zurück. »Ich hatte schon befürchtet, dass so etwas passieren würde.«

»Was meinst du mit so etwas?«

»Dass sie sich unmöglich aufführen würde, was denn sonst?«

»Das ja wohl kaum, meine Liebe. Sie hat nur eine Frage gestellt.« Veronica nahm Portias Arm, und sie folgten der dem Ausgang zuströmenden Menge.

»Aber was für eine Frage! Frauen als Mitglieder des Explorers Club – also wirklich!«

»Sie hat völlig recht, und ich stimme ihr darin zu, wie du sehr wohl weißt«, entgegnete Veronica ruhig. »Und hätte sie die Frage nicht gestellt, hätte ich’s vielleicht getan.«

Portia stieß einen tiefen Seufzer aus. »Ich weiß nicht, warum die Frauen in deiner Familie so … so …«

»Eigenständig sind in ihrem Denken? So intelligent und ohne Angst, es auch zu zeigen?«

»Ja«, fauchte Portia. »Das geziemt sich nicht für eine Lady.«

»Und wenn schon.«

»Du wirst nie einen neuen Ehemann finden, wenn du nicht lernst, zurückhaltender zu sein«, sagte Portia warnend. »Männer wollen keine übermäßig intelligenten Frauen.«

»Und ich will keinen Mann, der von mir erwarten würde, etwas zu sein, was ich nicht bin«, entgegnete Veronica in herablassendem Ton. »Außerdem habe ich eh nicht vor, wieder zu heiraten.«

Portia blieb abrupt stehen und starrte ihre Freundin an. »Mein Gott, Veronica, mach dich doch nicht lächerlich! Natürlich wirst du wieder heiraten. Genau, wie ich es tun werde. Auch wenn ich mir lieber selbst einen Ehemann aussuchen würde«, fügte sie im Flüsterton hinzu. In den letzten Monaten hatte ihre wohlmeinende Familie eine gemeinsame und nicht gerade sehr diskrete Kampagne begonnen, um einen neuen Ehemann für Portia zu finden, und ihr einen ›passenden‹ Junggesellen nach dem anderen vorgestellt. »Wir sind Frauen, und heiraten ist nun mal das, was von uns erwartet wird.«

Veronica warf ihr ein freundliches Lächeln zu. »Ich ziehe es vor, nicht zu tun, was von mir erwartet wird.«

»Ja, das weiß ich.« Portia verdrehte die Augen.

»Außerdem sehe ich nicht ein, warum von Frauen in unserer Position erwartet wird, dass sie heiraten.«

»Und welche Position ist das?«

»Die Ehe gibt Frauen finanzielle Sicherheit. Selbst in der heutigen Zeit haben Frauen kaum Möglichkeiten, sich ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen.« Veronica zuckte mit den Schultern. »Du und ich dagegen sind unabhängig, weil wir eigenes Vermögen haben. Unsere finanzielle Zukunft ist gesichert. Deshalb haben wir es gar nicht nötig zu heiraten.«

»Wir haben es nicht nötig?« Portias Augen weiteten sich bei dieser frevlerischen Äußerung.

»Absolut nicht.« Veronica hakte sich bei Portia unter und zog sie wieder auf die Tür zu.

»Aber du hast doch gewiss nicht vor, den Rest deines Lebens allein zu bleiben?«

»Nein, das nicht.« Veronica schüttelte den Kopf. »Obwohl es erst etwas über drei Jahre her ist, dass ich Charles verloren habe, bin ich es schon leid, allein zu sein. Und ich bin nicht der Typ Frau, die den Gedanken, vom Bett eines Mannes in das des nächsten zu hüpfen, besonders reizvoll findet.«

»Na, Gott sei Dank«, sagte Portia erleichtert.

Veronica lächelte. Sie hatte sich noch nicht entschieden, ob sie Portia in ihren Plan einweihen sollte. Aber es war sehr gut möglich, dass sie die Hilfe ihrer Freundin brauchen würde, auch wenn Portia mit ihrer tugendhaften Natur womöglich zu schockiert sein würde, um ihr echte Hilfe zu leisten.

Veronica ließ den Blick über die Menge vor ihnen gleiten. Eine unbezähmbare Tante Lotte bahnte sich gerade ihren Weg Richtung Foyer. Durch die offene Tür konnte Veronica Sir Sebastian sehen, umringt von Bewunderern, die größtenteils weiblichen Geschlechts waren. Er plauderte mit jedem, der ihn ansprach, in einer Art und Weise, die Veronica selbst aus der Entfernung als sehr liebenswürdig und charmant empfand. Es war höchst bewundernswert, mit wie viel Geduld er seinen Anhängern begegnete.

»Erzähl mir mehr über deinen Cousin.«

»Ich weiß nicht, was es da noch zu erzählen gibt.« Portia dachte einen Moment lang nach. »Du hast eins seiner Bücher gelesen.«

»Zwei sogar.«

»Dann weißt du ja von seiner lächerlichen Jagd nach Abenteuern, getarnt als Bemühen um die Erkenntnis des Unbekannten. Ich persönlich schaffe es nicht, seine Bücher zu lesen. Sie sind recht aufregend, finde ich.«

»Aber er versteht es, eine Geschichte zu erzählen«, murmelte Veronica. Sie hatte seine Prosa aufrüttelnd und sogar sinnlich gefunden.

»Die Familie hatte gehofft, er würde Kaufmann werden oder Jura studieren. Stattdessen jedoch verbrachte er die letzten zwölf Jahre oder so mit Reisen an jene fernen Orte dieser Welt, die bisher nur wenige zivilisierte Menschen zu betreten gewagt haben. Das ist sehr bedauerlich, wie wir alle finden.«

»Nun ja, Jura ist es nicht.« Veronica verkniff sich ein Grinsen.

»Er war schon immer ein Rebell. Schon als Kind tat er ständig Dinge, die er nicht tun sollte, und folgte keinen anderen Regeln als seinen eigenen. Und trotzdem …« Portia seufzte resigniert. »Er ist immer mein Lieblingscousin gewesen.«

»Irgendwo tief in deinem Innersten, Portia, sehnst du dich wahrscheinlich auch nach Abenteuern.«

»Mein Leben ist ziemlich langweilig«, gestand ihr Portia im Flüsterton und merkte dann, was sie gesagt hatte. »Nicht langweilig. Wie absurd! Ich weiß nicht, warum ich das gesagt habe.«

»Die, die sich scheinbar am wenigsten beugen …«

»Knicken scheinbar am ehesten ein. Ja, ja, das hast du schon des Öfteren gesagt, aber es ist kompletter Unsinn.« Portia verzog spöttisch das Gesicht. »Ich habe weder die Absicht, mich zu beugen noch einzuknicken.«

»Natürlich nicht«, sagte Veronica. »Du bist ja auch ganz zufrieden mit deinem ereignislosen Leben.«

Portia nickte. »Das bin ich allerdings.«

Aber Veronica wusste es besser. Manchmal erschien es ihr ebenso merkwürdig wie bemerkenswert, dass sie, Portia und Lady Julia Winterset so gut befreundet waren, wenn man bedachte, dass sie sich erst vor ein paar Jahren kennengelernt hatten. Ihr Zusammentreffen im Buchladen von Fenwick and Sons war ein Zufall gewesen, aber zweifelsohne war es Schicksal, dass sie solch enge Freundinnen geworden waren. Alle hatten vor etwa drei Jahren ihren Ehemann verloren, durch Unfall, Krankheit und Missgeschick, und waren sich zu einer Zeit begegnet, in der jede eine Freundin brauchte, die sie nicht an ihren Verlust erinnerte. Und obwohl Veronica keineswegs zur Frömmigkeit neigte, dankte sie Gott oft dafür, dass sie diese Freundinnen gefunden hatte, die eigentlich viel mehr die Schwestern waren, die sie nie gehabt und nie vermisst hatte. Und trotzdem konnte sie sich heute ihr Leben nicht mehr ohne sie vorstellen.

»Abgesehen von Sebastian sind wir eine ziemlich konservative, auf Anstand bedachte Familie«, erklärte Portia, während Veronica sich fragte, wie eine konservative, wohlerzogene Familie einen Mann hervorbringen konnte, der in den fernsten Winkeln der Welt herumvagabundierte. Oder vielleicht war es ja genau umgekehrt, und nur eine sehr konservative, auf Anstand bedachte Familie konnte das?

»Er sieht jedenfalls nicht im Geringsten konservativ aus.« Mit seinen markanten Gesichtszügen sah Sir Sebastian viel eher wie ein Romanheld aus. »Man sieht ihm an, dass er ein Mann ist, der sich kopfüber in Abenteuer stürzt.«

»Das ist die Narbe.« Portia musterte ihren Cousin. »Sie lässt ihn aussehen wie … na ja, wie das eben, was er ist.«

»Wahrscheinlich ein Andenken an eine seiner Expeditionen.«

»Ich glaube, es gefällt ihm, dass die Leute das denken«, sagte Portia kichernd. »Aber die Wahrheit ist, dass er als Junge von einem Baum herunterfiel.« Je näher sie Sir Sebastian kamen, desto zäher und langsamer bewegte sich die Menge. Die beiden Freundinnen kamen schon fast gar nicht mehr voran. Portia klopfte ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden.

»Ich schätze, es ist schon eine Weile her, seit du ihn zuletzt gesehen hast.«

»Dem Rest der Familie zufolge ist er offenbar schon seit mehreren Monaten wieder in England. Aber er muss erst noch zu einem der Familientreffen erscheinen, die ich in letzter Zeit über mich habe ergehen lassen müssen. Da allerdings in knapp einem Monat Weihnachten ist, werden diese Treffen sogar zahlreicher werden, und Sebastian wird ganz bestimmt teilnehmen.« Portia verrenkte sich den Hals, um über die Leute hinwegzublicken. »Wie ich hörte, hat er sich ein Landgut zugelegt.«

»Ach?« Veronica bemühte sich, nicht allzu interessiert zu klingen. »Glaubst du, dass er vorhat, jetzt mal für eine Weile an einem Ort zu bleiben?«

»Ich habe keine Ahnung, was er vorhat, aber ich werde ihn auf jeden Fall danach fragen, falls wir überhaupt je nah genug an ihn herankommen. Aber warum stellst du mir so viele Fragen über Sebastian?« Portia kniff die Augen zusammen. »Und beantwortest meine nie. Was meintest du, als du sagtest, er sei es, den du willst? Und wofür willst du ihn, Veronica?«

»Das weiß ich noch nicht genau.«

Eine Lücke öffnete sich in der Menge vor ihnen, und Veronica drängte Portia voran.

Aber ihre Freundin rührte sich nicht von der Stelle. »Veronica Smithson, soweit ich weiß, hast du mich noch nie belogen«, sagte sie streng.

»Unsinn, Portia.« Veronica zuckte mit den Schultern. »Ich habe dich schon oft belogen.«

»Und ich habe dich noch nie in irgendetwas unschlüssig erlebt.«

»Tja, meine Liebe, es gibt für alles ein erstes Mal.«

»Was hast du vor?«

Veronica blickte an Portia vorbei. »Hinter dir öffnet sich ein Durchgang in der Menge.«

»Das ist mir egal!« Portia starrte sie aus großen Augen an. »Falls du es auf Sebastian abgesehen hast, sollte ich dich warnen, er will nicht heiraten.«

»Ich auch nicht, wie wir bereits klargestellt haben, glaube ich.« Veronica griff nach Portias Arm, drehte sie herum und begann, sie auf Sebastian zuzusteuern.

»Was willst du denn dann?« Wieder blieb sie stehen und weigerte sich weiterzugehen.

»Das wird dir nicht gefallen.«

»Bestimmt nicht.«

»Und es geht dich eigentlich auch gar nichts an.«

»Er ist mein Cousin, und du bist meine Freundin, also geht es mich sehr wohl was an!«

»Dann kannst du ja unbesorgt sein, denn ich habe nicht den Wunsch, die Ehefrau deines Cousins zu werden.«

Veronica richtete den Blick auf Sebastian und lächelte. »Ich will seine Geliebte werden.«

Kapitel Zwei

Portia starrte sie ungläubig an. »Du willst was?«

»Du hast mich schon verstanden.«

»Ja, aber ich hoffte, mich verhört zu haben. Oder das Gehör verloren zu haben. Denn diese Art Gerede würde jeden anständigen Menschen mit Taubheit schlagen! Das kann nämlich passieren, heißt es«, sagte Portia und runzelte die Stirn. »Du kannst das unmöglich ernst gemeint haben.«

»Mir war noch nie im Leben etwas ernster«, erwiderte Veronica, ohne den Blick von Sir Sebastian zu lösen. Er war ein Prachtexemplar von einem Mann.

»Aber das werde ich nicht zulassen! Ich kann nicht glauben, dass du so etwas auch nur andeutest, Veronica. Ich weiß, dass du solchen Sachen keine Beachtung schenkst, aber was du da vorhast, das ist … unmoralisch!«, ereiferte sich Portia. »Mehr als unmoralisch.« Sie straffte die Schultern und maß ihre Freundin mit einem empörten Blick. »Es ist skandalös! Und ich werde es nicht dulden, hörst du?« Sie war laut geworden. Und mehrere Leute drehten sich nach ihnen um.

»Du hast darüber nicht zu bestimmen, meine Liebe. Aber …« Veronica beugte sich zu ihrer Freundin hinüber. »Es wäre weit weniger skandalös, wenn du aufhören würdest, es der ganzen Welt zu verkünden.«

»Das ist mir egal!« Da gerade Portia Skandale jedoch mehr fürchtete als jeder andere, den Veronica kannte, senkte sie die Stimme. »Ich weiß, dass du immer nur tust, was dir gefällt, aber was du da vorhast, ist wahrhaftig zu viel, sogar für dich. Es ist völlig abwegig, Veronica. Und es ist …« Portia suchte nach dem richtigen Wort. »Selbstsüchtig. Genau das ist es. Egoistisch!«

Veronica zog belustigt eine Augenbraue hoch. »Wie in aller Welt ist das egoistisch?«

»Weil du dabei nur an dich denkst. Denk an den Skandal. Wie deine Freunde und deine Familie darunter leiden werden. Dein Vater, deine Großmutter und deine Tante.« Portia warf einen vorwurfsvollen Blick auf Lotte, die noch immer versuchte, sich zu Sir Sebastian vorzudrängen. »Na ja, deine Tante vielleicht nicht, aber … Harrison.« Portia zog scharf die Luft ein bei dem Gedanken an den geradezu überkorrekten Bruder von Veronicas verstorbenem Mann. »Harrison wäre entsetzt!«

»Harrison macht sich weit weniger Sorgen um Skandale, als er es früher tat. Außerdem ist er jetzt mit Julia verheiratet, und es war gerade ein Skandal, was sie zusammenbrachte. Deshalb wage ich zu behaupten, dass mein lieber Schwager heute den Nutzen eines gewissen Quantums an Skandal versteht.«

»Aber ich nicht!«, fauchte Portia.

»Ich gebe dir ein Versprechen, liebe Portia. Ich werde wunderbar diskret sein in allem, was das« – sie räusperte sich – »Arrangement angeht, das ich mit deinem Cousin vielleicht treffen werde. Was übrigens die ganze Zeit schon meine Absicht war. Wenn du mir nur eine kleine, unbedeutende Gefälligkeit erweisen würdest …«

»Hm.« Portia starrte Veronica argwöhnisch an. »Und was für eine Gefälligkeit wäre das?«

»Mich ihm vorzustellen, natürlich.«

»Genau!« Portias Miene hellte sich auf. »Du kennst ihn ja noch nicht mal. Es wäre also durchaus möglich, dass er überhaupt nicht an dir interessiert sein wird.«

»Das kann ich mir nicht vorstellen.« Veronica runzelte die Stirn. »Und du auch nicht, glaube ich.«

»Na schön, ich gebe zu, dass du nicht unattraktiv bist.« Portia musterte ihre Freundin kritisch. »Wenn auch keineswegs so hübsch wie Julia.«

»Tja, dann werde ich mich eben mehr anstrengen müssen«, sagte Veronica entschieden. Sie war klug genug, ihrer Freundin solche Bemerkungen nicht krummzunehmen, denn obschon Portia nie bewusst unfreundlich war, hatte sie doch einen beunruhigenden Hang dazu, ohne nachzudenken mit allen möglichen, teilweise auch beleidigenden Feststellungen herauszuplatzen.

Portia hatte nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass Julia in ihren Augen die Hübsche, Veronica die Intelligente und sie selbst die Wohlerzogenste der drei Freundinnen war. Es war absurd. Es wäre sehr unbescheiden, es zuzugeben, aber Veronica fand sich mindestens ebenso hübsch wie Julia, wenn nicht sogar noch hübscher.

Während Julia der Inbegriff blonder englischer Schönheit war, brauchte man Veronica nur anzusehen, um zu wissen, dass sie keine alltägliche Erscheinung war. Und wenn die Männer ihr nicht zu Füßen lagen, hatte das nichts mit ihrem Aussehen, sondern mit ihrem Wesen zu tun. Sie war stets sehr unabhängig gewesen und hatte aus ihrer Meinung oder ihrer Intelligenz nie einen Hehl gemacht, doch leider waren all das Eigenschaften, von denen sie schon lange wusste, dass sie auf Männer nicht besonders reizvoll wirkten. Aber bestätigte ihr nicht ihr Spiegel, dass sie mit ihrem dunkelroten Haar, der hochgewachsenen Gestalt und den tiefbraunen Augen, die fast immer vor Belustigung oder Scharfsinn funkelten, auffallend schön und schon beinahe einmalig war? Aber Julia war die Hübscheste von ihnen dreien, oh ja.

»Warum siehst du mich so finster an?«, fragte Portia in argwöhnischem Ton.

»Tu ich das?« Veronica schenkte ihrer Freundin ein liebevolles Lächeln. »Dann entschuldige bitte, meine Liebe. Ich war nur abgelenkt von einem Gedanken, der mir kam. Aber es war nichts Wichtiges.«

»Auch mir kam gerade ein Gedanke«, gab Portia kühl zurück. »Ich kann nicht billigen, dass du etwas so Lasterhaftes tust, wie zu versuchen …«

Veronica lachte.

Portia ignorierte sie. »… meinen Cousin zu verführen, auch wenn Sebastian zweifellos empfänglich wäre für die Idee. Er hat immerhin einen gewissen Ruf, wie dir bekannt sein dürfte.«

»Der einer der vielen Gründe ist, warum ich mich für ihn entschieden habe.«

»Aber …«

»Und ich glaube nicht, dass ich von Verführung gesprochen habe.«

Portia funkelte sie an. »Du willst seine Geliebte werden. Da darf ich doch wohl annehmen, dass eine gewisse Verführung mit im Spiel sein wird.«

»So hatte ich das noch nicht betrachtet, aber du hast recht.« Veronica verkniff sich ein Grinsen. »Und ich möchte wetten, dass es noch viele andere Dinge gibt, die ich noch nicht bedacht habe.«

»Vielleicht hast du dir dein Vorhaben nur nicht reiflich genug überlegt.«

»Ich dachte, das hätte ich, aber vielleicht habe ich mich ja geirrt. Falls du also noch andere … Vorschläge oder Empfehlungen hast oder irgendwelche Schwierigkeiten siehst, an die ich nicht gedacht habe – mal abgesehen von der Frage des Skandals oder des Anstands –, würde ich sie sehr gern hören. Also fahr doch bitte fort, Portia.«

Ihre Freundin betrachtete sie prüfend. »Wie ich bereits sagte, während Verführung auf gar keinen Fall meine Zustimmung fände …«

Veronica musste sich ein weiteres Lachen verkneifen.

»… würde ich alle nur erdenklichen Versuche, Sebastian zu einer Heirat zu bewegen, gutheißen und unterstützen.«

»Heirat?« Veronicas Augenbrauen schossen hoch, obwohl sie eigentlich nicht überrascht sein dürfte über Portias Worte. »Meine liebe Portia, was für ein reizendes und aufmerksames Angebot! Ich fürchte nur, dass dein Cousin damit nicht einverstanden wäre.«

»Du liebe Güte, nein. Sebastian hat absolut kein Interesse am Ehestand.« Portia warf einen resignierten Blick auf ihren Cousin, der noch immer von Bewunderern umgeben war, die meisten von ihnen waren natürlich Frauen. »Er ist viel zu sehr mit seinen Reisen, Büchern und Vorträgen beschäftigt, um an Heiraten zu denken. Falls ihn jedoch jemand zum Altar schleppen könnte, würde ich jede Wette eingehen, dass du es bist.«

»Das ist das Netteste, was du je zu mir gesagt hast, glaube ich. Und denk nur ja nicht, ich wüsste dein Vertrauen in mich und deine angebotene Hilfe nicht zu schätzen.« Sie unterbrach sich kurz und legte eine Hand auf Portias Arm. »Aber versuch jetzt bitte nicht, schockiert zu sein. Ich will einen Mann, meine Liebe, und keinen Ehemann. Einen Ehemann habe ich schon gehabt, und obwohl ich nichts bereue, was das angeht, habe ich doch wirklich kein Verlangen nach einem weiteren. Was ich will, sind Abenteuer und keine Routine. Ich glaube, das hatte ich schon klargestellt.«

»Aber …«

»Allerdings will ich länger einen Mann in meinem Leben als für die übliche Dauer einer affaire de cœur. Ich bin nicht interessiert an einem flüchtigen Abenteuer.«

Portia zuckte zusammen.

»Ich wäre eine ausgezeichnete Geliebte, da ich sehr loyal bin, wie du weißt.«

Portia starrte sie nur an.

»Ich bin fest entschlossen, treu zu sein, und würde im Gegenzug natürlich auch Treue erwarten.«

Portia öffnete den Mund, war aber viel zu entgeistert, um etwas erwidern zu können.

»Ich bin eine erfahrene Gastgeberin«, fuhr Veronica fort, »bin gebildet und verstehe, Konversation zu machen, was zweifellos von großem Nutzen wäre für einen ehrgeizigen Mann.« Unwillkürlich glitt ihr Blick wieder zu Sebastian zurück.

Portias Augen waren ganz glasig geworden vor Schock.

»Ich bin so etwas wie eine gute Partie, Portia. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein intelligenter Mann sich dessen nicht bewusst ist. Vielleicht sollte ich noch hinzufügen, dass ich, was intimere Wünsche anbelangt, nicht leicht zu schockieren bin. Charles konnte äußerst … einfallsreich sein.«

Portia gab einen erstickten Laut von sich.

»Und ich gestehe auch gern, dass ich die Vorstellung, die Geliebte eines Mannes zu werden, ausgesprochen … reizvoll finde«, fügte Veronica in unschuldigem Ton hinzu.

Portia starrte sie aus großen Augen an. »Was du willst, Veronica Smithson, sind alle Vorteile einer Ehe, ohne die mit ihr verbundenen Einschränkungen.«

Veronica sah ihre Freundin für einen Moment nachdenklich an. »Aber ja, Portia«, sagte sie dann, »ich glaube, in so mancher Hinsicht ist es so. Was für eine ausgezeichnete Idee!«

»Sie ist alles andere als das. Sie ist erbärmlich. Schamlos. Sie ist …«

»Genial! Absolut genial.« Veronica strahlte ihre Freundin an. »Und wie klug von dir, daran zu denken.«

»Ich habe nicht daran gedacht! Ich würde nie an so etwas denken.«

»Doch, doch, die ganze Anerkennung gebührt dir.«

»Die will ich nicht!« Portia kniff die Augen zusammen. »Machst du dich etwa lustig über mich?«

Veronica grinste. »Nur, weil es so viel Spaß macht.«

»Wie schön für dich«, fauchte Portia und tat dann einen tiefen, beruhigenden Atemzug. »Kann ich denn überhaupt nichts tun, um dir das auszureden?«

»Du liebe Güte, Portia, du brauchst gar nicht so bekümmert dreinzuschauen. Es ist ja schließlich nicht so, als suchte dein Cousin per Inserat eine Geliebte und als würde ich mich um die Position bewerben.«

»Das wäre absurd.«

»Ich sage doch nur, dass genau das meine Absicht ist. Aber vielleicht tut sich letztlich gar nichts zwischen uns. Wer weiß das schon? Zumal wir uns bisher ja nicht mal kennen.«

»Stimmt.« Portia nickte. »Und vielleicht gefällst du ihm ja auch nicht.«

»Ich wünschte, du würdest aufhören, das zu sagen.« Veronica seufzte. »Viel entscheidender wäre doch, wenn er mir vielleicht nicht gefällt.«

Was jedoch äußerst unwahrscheinlich war. Schließlich hatte sie Sir Sebastian sehr sorgfältig ausgewählt. Veronica hatte nicht nur seine Bücher gelesen, sondern auch diskrete Nachforschungen hinsichtlich seiner finanziellen Stabilität und seines Charakters angestellt. Sie mochte für Portia zwar sehr leichtfertig klingen, aber sie nahm die Sache durchaus ernst.

Sir Sebastian war der Mann, den sie wollte – und den sie auch bekommen würde, wenn alles gut ging.

»Noch eins.«

Portia schüttelte störrisch den Kopf. »Ich habe mich bereit erklärt, dich ihm vorzustellen, mehr werde ich nicht tun.«

»Oh, du wirst.« Veronica erwiderte ruhig Portias Blick. »Versprich mir, weder Sebastian noch irgendjemand sonst etwas von unserer Unterhaltung zu erzählen. Und falls Sebastian und ich … nun ja …«

Portia zog eine Augenbraue hoch. »Was?«

»… zu irgendeiner Art Vereinbarung gelangen sollten, würde ich es vorziehen, Schweigen darüber zu bewahren.«

»Es geheim zu halten, meinst du?«

Veronica zuckte mit den Schultern. »Das erscheint mir klüger.«

»Na, so was, Veronica Smithson! Du machst dir ja doch Sorgen um einen Skandal.«

»Ich wäre egoistisch, wenn ich es nicht täte«, erwiderte sie spöttisch.

»Ich konnte noch nie sehr gut Geheimnisse für mich behalten«, sagte Portia achselzuckend.

»Dann wirst du dir eben Mühe geben müssen, meine Liebe.«

»Da ich es jedoch vorziehen würde, dass niemand etwas von deinem Plan erfährt, egal, was daraus wird, verspreche ich dir, dass ich schweigen werde.« Portia dachte einen Moment nach. »Und wie du schon sagtest, man kann nie wissen. Vielleicht kommt ja wirklich nichts dabei heraus.«

»Du kannst gern dafür beten, falls es dich beruhigt. Aber jetzt komm erst mal.« Veronica nahm wieder Portias Arm und setzte sich Richtung Foyer in Bewegung. »Es wird Zeit, dass ich meinen Abenteurer kennenlerne.«

Kapitel Drei

»… und dann, gleich auf der nächsten Seite, als Sie von Eingeborenen umzingelt wurden …« Die dunkelhaarige junge Frau blickte mit schwärmerischem Gesichtsausdruck zu Sebastian auf. Es war nicht das erste Mal, dass er diese Art von Ausdruck sah. »Mein Gott, das Herz schlug mir bis zum Hals, und mir war, als stünde ich dort neben Ihnen.«

»Es gibt kein größeres Kompliment für einen Schriftsteller«, antwortete Sebastian. »Es freut mich sehr, dass Ihnen meine Schilderung dieses Zwischenfalls gefallen hat.«

Sebastian schenkte ihr sein routiniertestes Sir-Sebastian-Hadley-Attwater-Lächeln, das er sich für Momente wie diesen antrainiert hatte. Das Lächeln, das jungen Frauen deutlich machte, dass er zwar erfreut war über ihre Bewunderung und sich von ihrer Schwärmerei geschmeichelt fühlte, aber keine Möglichkeit für mehr als ein freundliches Gespräch zwischen ihnen bestand. Und obwohl diese Frau sehr hübsch war, war sie auch viel zu jung. Junge Frauen waren nicht weniger gefährlich als alles, dem man in der Wildnis eines noch unerforschten Dschungels begegnen konnte.

»Wenn ich nicht wüsste, dass Sie überlebt haben, hätte ich um Ihr Leben gefürchtet. Und wenn Sie gestorben wären …« Sie seufzte aus tiefster Seele. »Das wäre furchtbar gewesen. Einfach furchtbar.«

»Da stimme ich Ihnen zu«, sagte er lachend. »›Furchtbar‹ wäre das Allermindeste gewesen, wie ich meinen Tod empfunden hätte. Ich bin froh, dass ich ihn gerade noch vermeiden konnte.«

»Wie wir alle, Sir Sebastian. Ich wäre am Boden zerstört gewesen«, versicherte sie ihm mit einem koketten Augenaufschlag.

Es war sowohl ein Vorteil als auch ein Fluch der Berühmtheit, dass Frauen, besonders junge Frauen, die Berichte über seine Reisen und Abenteuer gelesen hatten, ihn für einen Helden hielten. Und oft sogar für ihren eigenen Helden. Mit den Jahren hatte er gelernt, sich auf dem schmalen Grat zwischen Ermutigung und Abweisung zu bewegen; schließlich wollte er, dass junge Frauen auch weiterhin seine Bücher kauften und seine Vorträge besuchten. Was er aber nicht wollte, war ihre Annahme einer persönlichen Beziehung, die nur in ihren Köpfen existierte. Das führte zu nichts anderem als der Art von Ärger, den er bisher hatte vermeiden können. Ältere, erfahrene Frauen waren da natürlich eine völlig andere Sache.

»Sir Sebastian?« Ein Herr trat vor.

Sebastian schenkte der jungen Frau ein Lächeln, das gerade genug Bedauern enthielt, um sie glauben zu lassen, dass er nicht erleichtert und dankbar war, seine Aufmerksamkeit jemand anders zuwenden zu können. »Ja?«

»Wenn man die vielen Abschnitte des Nil befährt«, begann der Herr, »ist es meines Wissens nach …«

Sebastian nahm eine aufmerksame Haltung an, aber seine Gedanken schweiften ab. Es handelte sich um eine Frage, die ihm schon so oft gestellt worden war, dass er sie im Schlaf beantworten könnte.

Wo blieb Portia? Und wichtiger noch, wo war die Frau, die neben ihr gesessen hatte? Es hatte etwas Faszinierendes gehabt, wie direkt, ja kühn sie seinen Blick erwidert hatte. Er hatte schon viele kühne Frauen getroffen, aber von einer Freundin Portias hätte er eine solche Kühnheit nicht erwartet. Eine Frau, die einen derartigen Hut trug – groß, mit Federn, Blumen und Bändern zweifellos modisch sogar bei seinem Übermaß –, war eine Frau, die wusste, was sie wollte. Natürlich waren solche Frauen sehr oft enervierend, aber sie waren auch interessanter als andere und neigten sehr viel weniger dazu, seine Berühmtheit statt ihn selbst zu sehen. Ja, diese Freundin Portias war eine Lady, die er sehr gern kennenlernen würde.

»Sie müssen bedenken, dass der Nil und seine Umgebung einzigartige Schwierigkeiten aufweisen …«, begann er.

Natürlich freute er sich auch, seine Cousine oder überhaupt ein Familienmitglied zu treffen. Es war wirklich schon viel zu lange her, seit sie sich gesehen hatten, und es war ganz und gar seine Schuld, wie seine Brüder sagten und er auch unumwunden zugegeben hatte, als er mit ihnen in ihrem Club dinierte. Und wie auch seine Mutter es ihm vorgeworfen hatte, als er sie kurz nach seiner Rückkehr nach England besucht hatte, und es ihm seither bei jedem seiner obligatorischen Besuche vorhielt. Auch seine ältere Schwester hatte ihm eine Strafpredigt gehalten, als eine zufällige Begegnung mit ihrem Ehemann ihn dazu veranlasste, bei ihr vorbeizuschauen. Und diese Strafpredigt fand ihre schriftliche Fortsetzung, wann immer er eine Einladung zu einer ihrer Soireen ablehnte. Sogar seine beiden jüngeren Schwestern, die ihm immer mit großer Hochachtung begegnet waren, hatten ein paar wohlgesetzte Worte zu sagen gehabt, als er auch ihnen rein zufällig begegnet war. London war wesentlich kleiner, als den meisten Leuten bewusst war. Er hatte wirklich die feste Absicht gehabt, sie alle zu besuchen, und natürlich auch Portia, aber irgendwie war er noch nicht dazu gekommen. Er war erst seit ein paar Monaten wieder in England, und zwischen Schreiben, Vorträgen und anderen öffentlichen Auftritten sowie seinem Hauskauf hatte er kaum Zeit gehabt.

»Aber da der Mensch diesen Teil der Welt schon seit Jahrhunderten bewohnt, ist es nicht so schwierig …«

Sein Zeitmangel war eine faule Ausrede, die, so argumentierte er sich selbst gegenüber, besser war als gar keine und dem Eingeständnis vorzuziehen war, dass er seine Familie mied, wann immer möglich. Denn die Wahrheit war, dass die Familie, obgleich der Rest der Welt ihn als erfolgreichen Mann betrachtete, nie etwas anderes in ihm gesehen hatte als den verantwortungslosen Racker, der er in seiner Jugend gewesen war. Für seine Leserschaft war er Sir Sebastian, Abenteurer, Weltreisender und ein Mann, der bemerkenswerte Leistungen vollbracht hatte. Für seine Familie dagegen war er nach wie vor der Sohn, der ihren Erwartungen nie hatte gerecht werden können.

»Und tatsächlich«, fuhr er fort, »haben die Machenschaften von Regierung und Bürokratie in dieser Region die Tendenz …«

Er war jedoch fest entschlossen, diese Einstellung seiner Familie zu ändern. Und er hatte sich ja auch geändert, war gereift, wenn man so wollte. Sein dreiunddreißigster Geburtstag, der zwei Tage nach Weihnachten war, nahte, und dann würde er in den Besitz der Erbschaft kommen, die sein Vater ihm hinterlassen hatte. Allerdings nur, wenn seine älteren Brüder ihn als dessen würdig erachteten. Es war jedoch nicht nur das Erbe, das er wollte, es war die Akzeptanz seiner Familie, das es repräsentierte. Sein erster Schritt, um zumindest einen Anschein von Verantwortungsbewusstsein zu erlangen, war, ein Haus zu kaufen und sich einen ständigen, respektablen Wohnsitz zuzulegen. Er hatte unter anderem auch schon beschlossen, für längere Zeitspannen in England zu bleiben und seine Reisen abzukürzen.

Ehrlich gesagt, hatte er genug davon, nie länger als eine Saison oder zwei an einem Ort zu bleiben. Genug davon, ständig seine Reisekoffer hin und her schicken zu müssen. Genug von zugegebenermaßen reizenden Frauen, die gekommen und gegangen waren in seinem Leben und sich mit der gleichen Leichtigkeit von ihm getrennt hatten wie er sich von ihnen. Während er früher einmal seine Rastlosigkeit mit Reisen, Abenteuern und Frauen geheilt hatte, fragte er sich seit einigen Jahren immer öfter, ob diese Rastlosigkeit in ihm nicht vielleicht nur mit Beständigkeit, einer Familie und einem Zuhause kuriert werden könnte. Vielleicht war es an der Zeit, eine neue Art von Abenteuer zu beginnen.

»Verstehe«, sagte der Fragesteller. »Das erklärt natürlich …«

»Sir Sebastian.« Mit der unaufhaltsamen Rasanz eines Schiffes unter vollen Segeln und dicht gefolgt von Sir Hugo hielt Miss Bramhall auf ihn zu.

Sebastian zuckte innerlich zusammen, setzte aber schnell ein zuvorkommendes Lächeln auf. »Miss Bramhall. Ich nehme an, Sie möchten unsere Diskussion fortsetzen?«

»Das möchte ich allerdings«, gab sie mit einem unfreundlichen Blick zurück. Vielleicht sollte ihr mal jemand von dem alten Sprichwort, dass man mehr Fliegen mit Honig fängt, erzählen.

»Aber vielleicht darf ich kurz erwähnen, bevor Sie fortfahren, dass ich annehme, dass sie ein exzellentes Argument haben.«

»Ach ja?«, fragte sie mit unüberhörbarem Argwohn in der Stimme. »Natürlich habe ich das.«

Das könnte leichter werden als gedacht. »Frauen machen heute in der Tat sehr große Fortschritte.«

Sie nickte heftig. »Oh ja, das tun wir.«

»Das Thema Mitgliedschaft ist auf jeden Fall eine Diskussion wert.«

Die Lady sah ihn prüfend an. »Dann darf ich also mit Ihrer Unterstützung rechnen?«

»Ganz sicher nicht!«, dröhnte Sir Hugos Stimme hinter ihr.

Miss Bramhall schnaubte ärgerlich und drehte sich zu dem Vorsitzenden um. »Ich glaube nicht, dass dieses Gespräch Sie etwas angeht.«

»Mich geht alles etwas an, was mit dem Funktionieren dieser Gesellschaft zu tun hat.«

Sebastian bemerkte, dass sich die Leute um ihn zerstreut hatten. Offensichtlich wollte niemand etwas mit dieser Auseinandersetzung zu tun haben. Und er auch nicht. Er trat klugerweise einen Schritt zurück.

»Sir Sebastian hat mit dieser Diskussion nichts zu tun«, bellte Sir Hugo. »Großer Gott, er ist ja nicht einmal ein Vorstandsmitglied!«

»Und er will auch gar keins sein«, murmelte Sebastian.

Miss Bramhall straffte sich wie ein Krieger vor dem Kampf. »Ist er ein angesehenes Mitglied dieser Gesellschaft, oder nicht?«

Sir Hugo schnaubte. »Sie wissen sehr gut, dass er es ist.«

»Und ist er nicht eines Ihrer am meisten geachteten und bekanntesten Mitglieder?«

»Wir haben andere Mitglieder, die weit mehr geleistet haben.«

»Das hört man doch immer gern«, murmelte Sebastian und trat einen weiteren diskreten Schritt zurück. Mit etwas Glück würde er gleich unbemerkt verschwinden können.

»Ungeachtet dessen sollte sowohl seine Meinung als auch die aller anderen Mitglieder respektiert werden.« Miss Bramhalls kniff die Augen zusammen. »Sind sie nicht auch dieser Meinung?«

»Bei uns ist die Meinung eines jeden Mitglieds hoch geschätzt«, sagte Sir Hugo von oben herab. »Jedes Mitglied, ungeachtet seiner Leistungen, hat ein Mitspracherecht bei allen Belangen dieser Gesellschaft. Und würde ich über dieses Thema abstimmen lassen …« Sein Blick ließ Miss Bramhall nicht los. »Würden Sie verlieren.«

»Aha!«, rief sie und zeigte anklagend mit dem Finger auf ihn. »Weil es ein Verein ist, der ausschließlich aus Feiglingen besteht! Aus engstirnigen, ichbezogenen Männern, die in dem Sumpf und der Sicherheit der Traditionen von vor fünfzig Jahren feststecken!«

Sir Hugo holte hörbar Luft. »Mitnichten! Wir sind sehr fortschrittlich und bekannt für unsere zeitgemäßen Ansichten zu allen möglichen Themen!«

»Ha!«, schnaubte sie. »Sie, Hugo Tolliver, sind nicht mehr mit der Zeit gegangen, seit Sie aufrecht gehen lernten!«

Wieder schnappte er nach Luft. »Sie gehen zu weit, Charlotte Bramhall! Aber das haben Sie ja immer schon getan.«

»Und Sie sind nie weit genug gegangen!« Mit wutblitzenden Augen beugte sie sich zu Sir Hugo vor, um mit gedämpfter Stimme fortzufahren. Sebastian konnte nicht hören, was sie sagte, da ihre Stimme jetzt zu leise war, aber Sir Hugos Gesichtsausdruck war deutlich zu entnehmen, dass dies eine Unterhaltung war, die sich von ihrem ursprünglichen Thema weit entfernt hatte. Offenbar steckte erheblich mehr hinter der Feindseligkeit zwischen Miss Bramhall und Sir Hugo, als die Clubmitgliedschaft von Frauen.

Sebastian war schon oft genug in schwierigen Situationen gewesen, um zu erkennen, dass sich hier die perfekte Gelegenheit zu fliehen bot. Er trat schnell noch einen Schritt zurück, drehte sich auf dem Absatz um … und stieß fast mit der Frau in dem Hut zusammen. Oder vielmehr sein Gesicht mit ihrem Hut.

Sie trat einen Schritt zurück und blickte lächelnd zu ihm auf. »Suchen Sie Ihr Heil in der Flucht, Sir Sebastian?«

Er schaute in ihre dunkelbraunen, vor Belustigung glitzernden Augen und grinste. »Nicht sehr mutig von mir, fürchte ich.«

Unter dem Hut rahmten schöne, dunkelrote Locken ihr Gesicht. »Sie?«, fragte sie mit hochgezogener Augenbraue. »Der furchtlose Sir Sebastian Hadley-Attwater? Was sollen wir denn nun Ihren Bewunderern sagen?«

Er blickte sich rasch um. »Dann sollte das vielleicht besser unter uns bleiben. Es wäre mir sehr unangenehm, die Illusionen meiner Leser zu zerstören.«

»Oh, die meinen haben Sie auf jeden Fall zerstört«, gab sie mit einem betrübten Kopfschütteln zurück. »Ihren Büchern nach zu urteilen, glaubte ich, nichts könnte Ihnen Angst einjagen. Soweit ich mich erinnere, wurden sie in den Dschungeln Indiens sogar einmal von einem Tiger in die Enge getrieben, nicht wahr?«

»Das war nicht halb so beängstigend«, gab er mit einem vielsagenden Blick auf Miss Bramhall und Sir Hugo zurück, die noch immer stritten, obwohl sie sich in einem vergeblichen Versuch, diskret zu sein, aus der Menge zurückgezogen hatten. Sebastian schüttelte den Kopf. »Und weit weniger gefährlich.«

Sie antwortete mit einem herrlich ungenierten Lachen, das die Federn an ihrem Hut auf wunderbare Weise in Bewegung brachte. Vielleicht hatten ausgefallene Hüte ja doch etwas für sich.

»Ich fürchte, ich bin Ihnen gegenüber im Nachteil, Ma’am.«

»Oh, das hoffe ich doch.« Ihre Augen funkelten immer noch vor Lachen.

»Sie kennen meinen Namen, aber ich habe keine Ahnung, wer Sie sind.« Er schüttelte den Kopf. »Das erscheint mir ganz und gar nicht fair.«

»Wahrscheinlich ist es das auch nicht.« Sie schaute ihm so ruhig und offen in die Augen, wie sie es von der anderen Seite des Saals getan hatte, doch jetzt konnte er etwas Herausforderndes in ihren dunklen Augen sehen. Oder Einladendes? »Ich mache mir kaum jemals Gedanken, ob etwas fair ist oder nicht.«

Er lachte. »Aber wie soll ich Ihnen meine Aufwartung machen, wenn ich Ihren Namen nicht kenne?«

»Also gedenken Sie, mir Ihre Aufwartung zu machen?«

Er beugte sich zu ihr vor und sagte so leise, dass nur sie ihn hören konnte: »Ich habe das Gefühl, dass Sie das wünschen.«

Sie wandte leicht den Kopf, um ihm in die Augen sehen zu können. Ihr Gesicht war nur noch ein paar Zentimeter von seinem entfernt, ihr Mund zum Küssen nahe. »Und wenn dem nicht so ist?«

Sein Blick glitt zu ihren Lippen, dann wieder zurück zu ihren Augen. »Dann wäre ich zerstört. Mein Herz wäre zermalmt, gleich Staub unter ihren Füßen.«

»Oh, das können wir natürlich nicht zulassen.« Ihre Augen weiteten sich zu einem Ausdruck der Unschuld, die er ihr keinen Moment lang abnahm. »Ich hasse Staub.«

»Ihr Name ist Lady Veronica Smithson«, ertönte eine indignierte Stimme seitlich hinter ihm. »Und ich bin Lady Portia Redwell, deine Cousine. Aber anscheinend hast du mich ja schon vergessen.«

Er straffte sich, trat von Lady Smithson zurück und wandte sich seiner Cousine zu. »Portia!« Erfreut ergriff er ihre Hände und küsste sie auf die Wange. »Ich wollte mich gerade auf die Suche nach dir machen.«

»Hm.« Portia rümpfte die Nase. »Das bezweifle ich.«

»Also wirklich, Portia! Das solltest du nicht, und das weißt du. Ich war sehr erfreut, dich heute Abend im Auditorium zu sehen.« Er schenkte ihr ein liebevolles Lächeln. »Wie geht es dir, Cousinchen? Du bist so hübsch wie eh und je.«

»Versuch das gar nicht erst bei mir, Sebastian«, sagte Portia, aber eine entzückende Röte stieg in ihre Wangen. Er hatte sie schon immer erröten lassen können. »Ich bin sehr ärgerlich auf dich.«

Er ignorierte die Bemerkung. »Nein, ich habe mich geirrt. Du bist sogar noch hübscher geworden, glaube ich.«

»Das wird nicht funktionieren«, warnte Portia.

Er betrachtete sie nachdenklich. »Darf ich zu hoffen wagen, dass dein Erröten und das Funkeln in deinen Augen auf einen neuen Mann in deinem Leben hinweist?«

»Sebastian!«

Lady Smithson unterdrückte ein Lachen, und er wandte sich ihr zu und senkte verschwörerisch die Stimme. »Meine Mutter sagt, die ganze Familie hielte es für an der Zeit.«

Lady Smithsons Ton war ebenso verschwörerisch wie der seine. »Soviel ich weiß, tun sie, was sie können, um Portia in dieser Hinsicht zu ermutigen.«

»Ich stehe noch hier, falls ihr das vergessen haben solltet«, sagte Portia eingeschnappt und straffte die Schultern. »Ja, Sebastian, ich mag hübscher aussehen denn je, wozu auch immer das gut sein mag, aber alle Komplimente dieser Welt sind keine Wiedergutmachung dafür, dass du schon seit einiger Zeit in London bist und mich nicht besucht hast.«

»Ich bitte vielmals um Verzeihung, Portia. Ich hatte es vor. Und ich habe es noch immer vor. Aber wie das so ist … Und du?«, fragte er mit zusammengezogenen Brauen. »Warum hast du mich nicht besucht?«

»Ich?« Portia riss verblüfft die Augen auf. »Aber das könnte ich doch nicht tun! Ich …«

»Sag jetzt bloß nicht, es gehörte sich nicht.« Er warf Lady Smithson einen vielsagenden Blick zu. »Portia war schon immer übertrieben besorgt um Schicklichkeit und Anstand, wissen Sie.«

»Tatsächlich? Das war mir noch gar nicht aufgefallen«, sagte Lady Smithson, deren ironisches Lächeln ihre Worte jedoch Lügen strafte.

»Du bist meine Cousine und stehst mir so nahe wie eine meiner Schwestern«, sagte Sir Sebastian mit einem strafenden Blick zu Portia. »Du musst doch gewusst haben, dass ich wieder in London war? Ich habe kein Geheimnis aus meiner Anwesenheit gemacht.«

»Ja, natürlich wusste ich das …«

»Und du weißt auch, dass ich stets bei Mr. Sinclair wohne, wenn ich in der Stadt bin.«

»Der nicht besser ist als du«, versetzte Portia scharf. »Wahrscheinlich hat auch er seine Verwandten bislang noch nicht besucht.«

»Da die meisten von ihnen in Amerika sind, wage ich zu behaupten, dass das stimmt. Ich gebe zu, dass es nachlässig von mir war, dich nicht zu besuchen, aber das war ja auch nicht anders von mir zu erwarten, nicht?« Er warf Lady Smithson einen Blick zu. »Ich bin nämlich bekannt dafür, dass ich mich meinen familiären Verpflichtungen zugunsten von Spiel und Spaß entziehe. Portia kann das bestätigen.«

Portia biss die Zähne zusammen.

Lady Smithson sah aus, als könnte sie kaum noch ein Lachen unterdrücken.

»Aber von Portia erwarten wir Besseres.« Er seufzte theatralisch. »Ich hätte nie gedacht, dass sie mich einmal so behandeln würde. Immerhin bin ich ihr Lieblingscousin.«

»Du bist ganz gewiss nicht …« Portia verdrehte die Augen und kapitulierte seufzend. »Du bist es immer gewesen, obwohl ich selbst nicht weiß, warum.«

»Weil wir uns ausgleichen.« Nun wandte er seine Aufmerksamkeit wieder Lady Smithson zu. »Portia ist immerzu auf Schicklichkeit bedacht, während ich nur selten daran denke.«

»Ihr zwei habt viel gemeinsam«, murmelte Portia.

»Ist das so, Lady Smithson?« Er schaute ihr in die Augen und lächelte charmant. »Wie reizend.«

»Das Reizende daran muss sich erst noch zeigen, Sir Sebastian.« Lady Smithsons Stimme war kühl, aber ihre Augen funkelten.

»Vielleicht könnten wir unsere gemeinsame Missachtung der Anstandsregeln noch ausführlicher erörtern.« Er blickte zu Miss Bramhall und Sir Hugo hinüber, die keine Anzeichen einer Einigung erkennen ließen. Wenn überhaupt, schien ihre Debatte noch hitziger als vorher zu sein. »Nachdem mir nun die Flucht gelungen ist.«

Lady Smithson sah ebenfalls zu Miss Bramhall und Sir Hugo hinüber und musterte Sebastian dann nachdenklich. »Sagen Sie, Sir Sebastian – finden Sie wirklich, dass sie ein ›exzellentes Argument‹ hat?«

»Allerdings«, erwiderte er entschieden. »Einer Organisation, die sich rühmt, an der Spitze des Fortschritts zu stehen, liegt daran, neue Ideen zu diskutieren, egal, wie ungeheuerlich sie auch erscheinen mögen.«

»Dann halten Sie die Vollmitgliedschaft von Frauen also für eine ungeheuerliche Vorstellung?«

Portia stöhnte leise.

»Man muss alle Aspekte dieses Antrags berücksichtigen«, sagte er gedehnt und wählte seine nächsten Worte mit Bedacht. »Der Explorers Club befindet sich mit der Royal Geographic Society in einem ewigen Kampf um Anerkennung und Prestige. Ungeachtet der Exzellenz dieses Arguments würden wir, bis die Society weibliche Mitglieder aufnimmt, im Nachteil sein, wenn wir die Mitgliedschaft auf Frauen ausdehnten.«

»Aha. Das heißt also, bis ein Affe von einem Felsen springt, wird keiner der anderen Affen es tun?«

Sir Sebastian runzelte die Stirn. »Es ist ein sehr steiler Felsen und ein weiter Weg bis unten. Da springt man nun einmal nicht gern allein.«

Portias Blick glitt von Sebastian zu Lady Smithson. »Ist das vielleicht nicht etwas, was …«

Lady Smithson winkte unbekümmert ab. »Dann ist also all das Gerede darüber, an der Spitze des Fortschritts zu stehen, nichts weiter als eine leere Behauptung? Bloß ein Motto, das sich auf dem Briefpapier des Clubs schön macht?«

»Keineswegs«, entgegnete er ungehalten. »Wir haben immer eine Führungsposition gehabt.«

»Aber Sie wären lieber der Affe, der folgt, als der Affe, der führt?«

»Zumindest hat dieser Affe einen anderen, der den Aufprall dämpft«, sagte er scharf und dachte: Großer Gott, ich hatte recht! Sie ist enervierend. Er tat einen tiefen Atemzug. »Wir haben auf allen möglichen Gebieten große Fortschritte gemacht.«

»Aber nicht auf diesem speziellen Gebiet.«

»Das Wetter ist ungewöhnlich kühl für diese Jahreszeit, findet ihr nicht auch?«, sagte Portia mit einem Anflug von Panik in der Stimme. Die beiden ignorierten den Einwurf.

»Dieses spezielle Gebiet«, sagte er entschieden, »ist ziemlich umstritten.«

Lady Smithson zuckte mit den Schultern. »Das wird wohl daran liegen, dass die meisten Mitglieder des Explorers Club auch Mitglieder der Geographic Society sind. Deswegen ist es nicht überraschend, dass beide Gesellschaften dieses Thema auf genau die gleiche Weise sehen.«

»Dann sind wir uns darin also einig?«

Sie nickte. »Ja. Aber Sie haben meine Frage nicht beantwortet.«

Portia fuhr dazwischen. »Unsinn. Natürlich hat er …«

»Und welche Frage war das, Lady Smithson?«

»Ich fragte, ob Sie die Mitgliedschaft von Frauen für eine ungeheuerliche Idee halten. Und?« Ihre Stimme hätte nicht kühler sein können. »Tun Sie das?«

»Lady Smithson.« Er machte eine kleine Pause. So gern er diese Frau auch kennenlernen wollte, hatte er doch nicht die Absicht, ihr etwas vorzumachen. Andererseits jedoch war es auch nicht nötig, völlig offen und ehrlich zu sein. »Ich beschreite einen schmalen Pfad zwischen diesen beiden Gesellschaften, weil beide meine Expeditionen, Reisen und anderen Unternehmungen finanzieren und unterstützen.«

»Und deshalb wollen Sie keine der beiden verärgern.«

Er atmete erleichtert auf. »Selbstverständlich nicht.«

»Und sich für eine Mitgliedschaft von Frauen auszusprechen, würde Sie bei keinem der beiden Vereine beliebt machen.«

»Dann verstehen Sie ja.«

»Absolut.« Sie lächelte freundlich. »Aber da ich weder ein Mitglied der einen noch der anderen Gesellschaft bin, wäre Ihre Antwort – oder Ihr Geheimnis – bei mir sicher.« Sie beugte sich ein wenig vor und sah ihm in die Augen. »Also verraten Sie mir doch bitte, Sir Sebastian, ob Sie der Meinung sind, dass auch Frauen die Mitgliedschaft in Ihrem Club oder in der Geographic Society offen stehen sollte?«

Er erwiderte ihren Blick und starrte in ihre dunklen, unergründlichen und faszinierenden Augen. Verdammt, dachte er und stieß die angehaltene Luft aus. »Nein, der Meinung bin ich nicht.«

Sie straffte sich. »Verstehe.«

»Tun Sie das?«, fragte er.

»Wirklich ungewöhnlich, dieses Wetter«, sagte Portia schnell. »Überraschend kalt und recht …«

»Es erstaunt mich nicht«, antwortete Veronica. »Ihre Meinung ist weitgehend dieselbe wie die der meisten Männer und, wie ich mir vorstellen könnte, auch der meisten Mitglieder des Explorers Club. Sie glauben, Frauen hätten ihren ganz bestimmten Platz in der Gesellschaft. Ich denke, Frauen sollten tun, was immer sie wollen, solange sie die Fähigkeit besitzen, es zu tun«, sagte Lady Smithson ruhig. »Ob das nun die Mitgliedschaft in einem Verein ist oder das Erforschen unentdeckter Länder oder das Verwalten ihrer eigenen Finanzen.«

Er zog die Brauen zusammen. »Dann, fürchte ich, werden wir uns darauf einigen müssen, dass wir uns uneinig sind.«

Sie bedachte ihn mit einem breiten Lächeln. »Für mich ist das kein größeres Problem.«

Einen Moment lang starrte er sie an. »Sie sind der Typ Frau, der Freude an einer leidenschaftlichen Debatte hat, nicht wahr?«

»Großer Gott«, murmelte Portia.

Lady Smithson lachte. »Es hat doch Spaß gemacht, nicht wahr? Es geht nichts über eine gute Diskussion, um das Blut in Wallung zu bringen.«

»Dann meinen Sie also nicht, dass Frauen die Mitgliedschaft offen stehen sollte«, sagte er langsam.

»Unsinn. Natürlich meine ich das.« Sie zuckte mit den Schultern. »Diese spezielle Frage ist nur nicht eine meiner Leidenschaften.«

»Und was sind Ihre Leidenschaften, Lady Smithson?«

»Hüte«, sagte Portia etwas nachdrücklicher, als nötig war. »Sie liebt Hüte. Hüte sind ihre Leidenschaft. Ihre große Leidenschaft.«

»Allerdings. Hüte gehören zweifellos zu meinen vielen …« Sir Sebastian stockte der Atem, als sie ihm direkt in die Augen blickte. »Leidenschaften. Wie Debatten.«

»Also werden Sie versuchen, mich in dieser Sache umzustimmen?«, fragte er mit einem kleinen Lächeln. »Mich zu Ihrer Denkweise zu bekehren?«