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Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Auf sie kann er sich immer verlassen, wenn es darum geht zu helfen. Patricia Vandenberg ist die Begründerin von "Dr. Norden", der erfolgreichsten Arztromanserie deutscher Sprache, von "Dr. Laurin", "Sophienlust" und "Im Sonnenwinkel". Ohne ihre Pionierarbeit wäre der Roman nicht das geworden, was er heute ist. »Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll, Herr Dr. Norden.« Camilla Wildermut standen Tränen in den Augen, als sie beide Hände in Daniels Richtung ausstreckte. Er wusste diese Geste richtig zu deuten und drückte sie herzlich. »Das war doch selbstverständlich«, setzte er sich verlegen zur Wehr wie immer, wenn er für etwas gelobt wurde, was er für seine höchste Menschenpflicht hielt. Aber Camilla war anderer Meinung. »Wenn Sie nicht gewesen wären, würde Lukas heute nicht mehr leben. Sie waren der Einzige, der seine Ausfälle mit einem Gehirntumor in Zusammenhang brachte«, schluchzte sie und suchte sichtlich verlegen nach einem Taschentuch. »Man muss sehr feinfühlig sein, um bei Symptomen wie Übelkeit, Erbrechen und Kopfschmerzen einen Gehirntumor zu vermuten.« Langsam, aber sicher wurde der Junge neben Camilla ungeduldig. »Mensch, Mama, mach's nicht so dramatisch.« Wie für sein Alter üblich trug Lukas eine Baseballkappe, natürlich verkehrt herum. »Immerhin leb' ich ja noch.« Nichts an ihm war bemerkenswert. Außer vielleicht, dass er klein und schmal war. Und dass seine linke Gesichtshälfte nach der Operation noch nicht wieder am richtigen Platz saß. Aber das schien ihn nicht weiter zu stören, zumal die Ärzte ihm versichert hatten, dass dieser Makel verschwinden würde. Daniel Norden sah lächelnd zu ihm hinunter.
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Seitenzahl: 115
Veröffentlichungsjahr: 2025
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»Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll, Herr Dr. Norden.« Camilla Wildermut standen Tränen in den Augen, als sie beide Hände in Daniels Richtung ausstreckte.
Er wusste diese Geste richtig zu deuten und drückte sie herzlich.
»Das war doch selbstverständlich«, setzte er sich verlegen zur Wehr wie immer, wenn er für etwas gelobt wurde, was er für seine höchste Menschenpflicht hielt.
Aber Camilla war anderer Meinung.
»Wenn Sie nicht gewesen wären, würde Lukas heute nicht mehr leben. Sie waren der Einzige, der seine Ausfälle mit einem Gehirntumor in Zusammenhang brachte«, schluchzte sie und suchte sichtlich verlegen nach einem Taschentuch. »Man muss sehr feinfühlig sein, um bei Symptomen wie Übelkeit, Erbrechen und Kopfschmerzen einen Gehirntumor zu vermuten.«
Langsam, aber sicher wurde der Junge neben Camilla ungeduldig.
»Mensch, Mama, mach’s nicht so dramatisch.« Wie für sein Alter üblich trug Lukas eine Baseballkappe, natürlich verkehrt herum. »Immerhin leb’ ich ja noch.«
Nichts an ihm war bemerkenswert. Außer vielleicht, dass er klein und schmal war. Und dass seine linke Gesichtshälfte nach der Operation noch nicht wieder am richtigen Platz saß. Aber das schien ihn nicht weiter zu stören, zumal die Ärzte ihm versichert hatten, dass dieser Makel verschwinden würde.
Daniel Norden sah lächelnd zu ihm hinunter. »Na ja, ein bisschen dramatisch war das alles schon, oder?«, erkundigte er sich freundlich. Dabei dachte er an die Diagnose in der Behnisch-Klinik und die Notoperation.
Doch Lukas zuckte nur mit den Schultern.
»Wenn man bedenkt, dass die Gehirntumoren mit 20 Prozent die größte Tumorgruppe im Kindesalter darstellen, relativiert sich mein Schicksal«, erwiderte er erstaunlich erwachsen.
Camilla verdrehte hinter seinem Rücken die Augen und auch Daniel stutzte kurz, während Lukas ungerührt fortfuhr.
»Die Krebs-Überlebensrate bei Kindern liegt bei etwa 60%. Da ich schon elf bin, habe ich im Übrigen bessere Chancen als wesentlich jüngere Patienten. Das ist doch ein Grund, zufrieden zu sein.«
Von seinem Schwager Mario Cornelius hatte Daniel bereits von dem erstaunlichen Jungen gehört. Deshalb hielt sich seine Überraschung in Grenzen.
»Nicht jeder kann mit dieser Krankheit so gelassen umgehen wie du«, stellte der Arzt anerkennend fest. »Ich kann dir nur wünschen, dass das so bleibt.«
Camillas tiefes Seufzen lenkte Daniels Aufmerksamkeit von Lukas ab.
»Ehrlich gesagt mache ich mir schon ein bisschen Sorgen, wie es wird, wenn Lukas wieder in die Schule geht«, gestand sie offen.
»Kommst du in deine alte Klasse?«
»Nein.«
Lukas schüttelte unwillig den Kopf. Ihm war anzusehen, wie wenig ihm diese Tatsache gefiel. »Nachdem ich gleich am Anfang drei Monate gefehlt habe, meint die Lehrerin, dass ich keine Chance mehr habe. Deshalb wiederhole ich die fünfte Klasse. Ich komm in die 5b.«
»Das ist eine gemeinsame Entscheidung. Wir wollen auf jeden Fall vermeiden, dass sich Lukas überfordert«, erklärte Camilla.
Ein unwilliges Schnauben verriet, was der Junge davon hielt.
Tröstend legte Daniel eine Hand auf seine Schulter.
»Glaub mir, Gas geben kannst du später immer noch. Im Augenblick steht deine Gesundheit im Vordergrund«, versicherte er ernsthaft.
»Leider kennt Lukas in der neuen Klasse noch niemanden. Und wir wissen ja alle, wie grausam Kinder sein können.« Camillas besorgter Blick ruhte auf dem schiefen Gesicht ihres Sohnes.
Lukas teilte die Bedenken seiner Mutter offenbar nicht.
»Natürlich kann ich keinen davon abhalten, gemein zu mir zu sein. Aber ich habe Mittel und Wege, um mich zur Wehr zu setzen. Ich würde mich umgehend mit den entsprechenden Autoritäten in Verbindung setzen: Meine Klassenlehrerin, dem Schulleiter und meinen Eltern natürlich«, informierte er die beiden Erwachsenen ernsthaft.
»Du bist wirklich ein ganz erstaunlicher junger Mann«, kommentierte Daniel Norden die Worte des Jungen verdutzt. Über die Erzählungen seines Schwagers hatte er noch gelächelt. Langsam aber sicher ging ihm jedoch ein Licht auf, wovon Mario wirklich gesprochen hatte. »Du bist dir also ganz sicher, dass du keine Angst vor deinen Klassenkameraden hast?«
Lukas nickte energisch.
»Vollkommen. Das ist ja das Gute an dem Tumor.« Er nahm die Kappe ab und schob die Haare über seiner linken Schläfe fort. Über seinem Ohr wurde eine lange, ovale Narbe sichtbar. »Schon in der Klinik habe ich gemerkt, dass was anders ist mit mir.«
Daniel wurde mulmig zumute.
»Was ist denn anders?«
Lukas grinste breit.
»Ich habe keine Angst mehr. Vor nichts und niemandem. Dabei war ich früher nicht gerade der Mutigste.«
Wieder verdrehte Camilla die Augen.
»Das erzählt er meinem Mann und mir auch schon die ganze Zeit.«
Unwillig wandte sich Lukas zu seiner Mutter um.
»Papa glaubt mir. Es wäre schön, wenn du es auch tun würdest.« In seiner Stimme lag deutlicher Tadel.
Camillas Überforderung mit diesem Ausnahmekind war offensichtlich. Doch darum konnte sich Daniel im Augenblick nicht kümmern. Eine Frage brannte ihm auf der Seele.
»Wie und vor allen Dingen wann hast du herausgefunden, dass du keine Angst mehr hast?«, erkundigte er sich interessiert.
Lukas setzte die Mütze wieder auf und nutzte die Gelegenheit, kurz über eine Antwort nachzudenken.
»Das war schon in der Klinik. Eigentlich fürchte ich mich vor Spritzen. Noch vor der Operation habe ich gezittert und gebibbert wegen der Beruhigungsspritze und den Infusionen und so.«
Er sprach ein wenig schwerfällig, sein Mundwinkel behinderte ihn sichtlich.
»Doch die Thrombosespritzen und der ganze andere Kram hinterher waren gar kein Problem mehr.«
Daniel Norden warf Camilla einen fragenden Blick zu. Sie bestätigte die Worte ihres Sohnes.
»Das stimmt. Lukas hatte immer Angst vor dem Nachbarshund und hat einen großen Bogen um den Zaun gemacht. Seit der Operation ist das anders. Da geht er direkt dran vorbei und kümmert sich einfach nicht mehr darum.«
»Erstaunlich.«
Mehr konnte Daniel zu diesem Phänomen nicht sagen und nahm sich vor, Mario danach zu fragen. Irgendeine Erklärung musste es dafür geben.
»Das ist es allerdings«, seufzte Camilla. Ihr Anliegen – der Dank bei Dr. Norden – war erledigt, und sie rüstete sich zum Aufbruch. »Erstaunlich wie das ganze Kind.« Sie lächelte auf Lukas hinab und streichelte ihm über die Wange. »Aber das war er schon immer.«
»Mama sagt, dass ich das von Papa habe. Er ist Professor für Literatur- und Kulturwissenschaft«, berichtete der Junge. »Wir unterhalten uns viel. Er gibt mir Sachen zu lesen, die er interessant findet, und dann diskutieren wir darüber.«
Daniel lachte belustigt auf.
»Na, das erklärt einiges. Ich habe tatsächlich noch nie einen Jungen in deinem Alter erlebt, der sich so gewählt ausdrücken konnte.«
»Ach, das ist nicht weiter schwer. Ich bring’s Ihnen bei, wenn Sie wollen«, lächelte Lukas hilfsbereit. Bei jedem anderen Kind in seinem Alter hätte diese Antwort frech geklungen. Bei Lukas war das anders. Er meinte wirklich jedes Wort, wie er es sagte. Ganz ohne Hintergedanken.
Seine Mutter hingegen verging beinahe vor Scham.
»Bitte nehmen Sie es ihm nicht übel«, flüsterte Camilla beim Abschied.
Aber Daniel Norden lächelte nur. Er wusste, dass er sich um dieses Kind keine Sorgen machen musste. Lukas würde seinen Weg gehen, auch wenn er noch so steinig werden mochte.
*
»Schade, dass Papi nicht wenigstens zu deinem Geburtstag da ist.« Obwohl Jannik Konradi erst elf Jahre alt war, thronte er auf dem Beifahrersitz des komfortablen Geländewagens und beobachtete von seiner erhöhten Sitzposition den dichten Verkehr. Seine Mutter Tamara saß am Steuer.
»Nicht so schlimm, mein Schatz. Ich hab ja dich. Und wir zwei machen uns heute einen schönen Abend. Wie wär’s mit Kino?«, bemühte Tamara sich um einen unbeschwerten Tonfall. »Ich muss nur noch schnell zum Geldautomaten, ja?«
Sie zwinkerte dem blonden Kind an ihrer Seite scheinbar gut gelaunt zu. Das verdächtige Glitzern in ihren Augen konnte bei diesen Lichtverhältnissen ohne Weiteres als Vorfreude auf den unterhaltsamen Abend durchgehen. Tamara blickte in den Rückspiegel und setzte den Blinker. Wenig später parkte sie vor ihrer Bank.
»Ich bin gleich wieder da!«, versprach sie ihrem Sohn und hastete in das Gebäude. Sie schob die Karte in den Schlitz und gab die Geheimzahl ein.
»Kein verfügbarer Betrag.« Tamara stockte der Atem. »Das gibts doch nicht.« In ihren Ohren klingelten leise Alarmglocken. Sie drehte sich kurz nach Jannik um, den sie durch die großen Scheiben der Bank im Wagen sitzen sehen konnte. Es hatte geregnet und im Straßenpflaster spiegelte sich das Licht der Laternen.
»Ich bin gleich da, mein Schatz!«, rief Tamara, obwohl Jannik sie nicht hören konnte. Sie hob die Hand und winkte. Jannik winkte zurück. Erneut wandte sie sich dem Geldautomaten zu. »Dann eben eine andere Karte. Ich hab ja genug davon.«
Kurz entschlossen steckte sie die nächste Plastikkarte in den Schlitz. Dann die Nächste. Und schließlich die letzte. Inzwischen glühten ihre Wangen.
»Kein Betrag verfügbar.« Immer wieder dasselbe. Wieder winkte sie Jannik, der langsam, aber sicher ungeduldig zu werden schien. So schön konnte ein Auto gar nicht sein, dass er freiwillig länger als unbedingt nötig darin warten wollte.
Tamara nestelte das Mobiltelefon aus der Tasche und wählte die Nummer ihres Mannes. Hannes steckte irgendwo in Südamerika, um irgendwelche erfolgversprechenden Geschäfte zu machen. Trotz der Zeitverschiebung meldete er sich überraschend schnell.
»Prinzessin!«, rief er begeistert in den Hörer. »Alles Gute zum Geburtstag. Ich wollte dich gerade anrufen!«
Aber Tamara war nicht nach Geplänkel zumute.
»Was ist mit unseren Konten?«, fragte sie barsch und ohne Umschweife.
Hannes zögerte kurz. Es konnte aber auch an der Verbindung liegen.
»Schätzchen, ich bin hier gerade in einer wahnsinnig wichtigen Besprechung«, wollte er sich herausreden. Dieser Trick funktionierte normalerweise perfekt, denn Tamara war eine außerordentlich verständnisvolle Frau. Doch diesmal war es dringend.
»Ich stehe hier in der Bank und bekomme kein Geld«, erklärte sie ungeduldig. »Das ist doch völlig unmöglich.«
Wieder dieses Zögern.
»Hab ich dir nicht gesagt, dass ich kurzfristig Geld gebraucht habe? Ich musste in ein todsicheres Geschäft investieren«, sagte Hannes dann.
Tamara war den Tränen nahe.
»Aber ich habe heute Geburtstag und wollte mit Jannik ins Kino gehen.«
»Eine tolle Idee. Wie gehts dem Kleinen?«
Tamara konnte es nicht fassen. Warum nahm er immer alles auf die leichte Schulter?
»Gut. Und die Idee ist wirklich ausgezeichnet. Aber ich habe kein Geld. Und wie es aussieht, bekomme ich auch keines«, keuchte sie in den Hörer.
»Dabei hatten wir auf den Konten letzte Woche noch insgesamt fast eine Million Euro. Ich hab selbst den Abschluss gemacht«, erinnerte sie sich an ihr Hochgefühl, das sie immer bekam, wenn sie die Zahlen vor Augen hatte.
»Die kann doch unmöglich komplett weg sein.« Dieser Gedanke ließ den Boden unter ihren Füßen schwanken und Tamara musste sich an der Wand abstützen, um nicht zu taumeln.
»Mach dir keine Sorgen. Das Geld ist in Sicherheit«, bemühte sich Hannes, seine Frau zu beschwichtigen.
Sie wusste nicht, dass das für lange Zeit die letzten Worte waren, die er zu ihr sagte.
»Ich glaub dir ja. Aber was mach ich denn jetzt? Ich hab kein Geld.«
»Jannik müsste doch noch was auf seinem Sparbuch haben. Den kannst du heute fragen. Und morgen überweise ich dir einen Notgroschen. Ich verspreche es.«
»Aber …«, wollte Tamara widersprechen. Der Gedanke daran, sich Geld bei ihrem Sohn zu leihen, widerstrebte ihr zutiefst.
»Das Meeting, mein Schatz, ich muss los«, erinnerte Hannes sie, und gleich darauf klickte es in der Leitung. Das Gespräch war beendet.
»Können wir jetzt endlich ins Kino?«, fragte Jannik, als Tamara endlich wieder neben ihm im Wagen saß.
Verzweifelt fuhr sie sich mit der Hand über die Augen. Das war der schrecklichste Geburtstag, den sie je erlebt hatte. Dass ihr Mann nicht da war, erschien ihr jetzt wie eine Lappalie. Langsam schüttelte sie den Kopf.
»Ich habe kein Geld. Der Automat ist kaputt«, schwindelte sie. Zu ihrer Überraschung lachte Jannik und zog nach kurzer Suche einen Fünfzigeuroschein aus der Tasche.
»Dann nimm inzwischen den hier.« Gut gelaunt hielt er ihr das Geld hin.
»Aber das geht doch nicht«, setzte sich Tamara zur Wehr.
»Du hast doch heute Geburtstag«, erklärte Jannik und wedelte mit dem Schein vor ihrer Nase herum. Er verschwamm vor ihren Augen.
»So hab ich mir das nicht vorgestellt«, rief sie, ehe sie in Tränen ausbrach.
*
»Mama! Mama, wach auf. Ich muss zur Schule. Wir haben verschlafen.« Verzweifelt rüttelte Jannik Konradi an der Schulter seiner Mutter, die wieder einmal im Schlaf weinte.
Es dauerte einen Moment, bis Tamara in die Wirklichkeit zurückkehrte. In eine Wirklichkeit, die schrecklicher war als dieser seit Monaten wiederkehrende Traum.
»Wie? Was? Wie spät ist es?« Sie setzte sich auf der Couch auf, rieb sich verschlafen die Augen und sah auf die Uhr. Es war halb acht.
»Ach du liebe Zeit. Los, zieh dich an und putz dir die Zähne. Hast du deine Tasche schon gepackt? Was ist mit deiner Brotzeit?«
»Ruhig Blut, Mama, alles schon fertig. Ich dachte nur, dass du auch zur Arbeit musst«, beruhigte Jannik seine Mutter.
Erst jetzt betrachtete Tamara ihren Sohn genauer. Tatsächlich: Er war fix und fertig angezogen und wartete nur auf sie.
»Gott sei Dank!« Die Anspannung fiel ein wenig von ihr ab. Erst jetzt bemerkte sie die nassen Wangen und erinnerte sich. »Ich hatte schon wieder diesen Traum«, seufzte sie und stand auf. Barfuß ging sie hinüber in das kleine Bad und versuchte nicht an das marmorne Badezimmer zu denken, dass einst ihr ganzer Stolz gewesen war.
»Dein Geburtstag ist doch schon fast ein halbes Jahr her«, bemerkte Jannik. Auch wenn sich für ihn genauso viel verändert hatte wie für seine Mutter, schien er mit seinem Schicksal besser zurechtzukommen. Einzig die neue Schule bereitete ihm sichtlich Kopfzerbrechen. »Ich hab viel mehr Angst vor den neuen Mitschülern als vor allem anderen.«
Mit der Zahnbürste im Mund kam Tamara aus dem Bad.
»Ich bewundere dich zutiefst«, nuschelte sie mit Schaum vorm Mund. »Wir haben alles verloren, was möglich war. Das Geschäft, die Autos, unser Zuhause, beinahe unsere Existenz. Und du hast nur Angst vor der neuen Schule.«
Während sie im Bad den Mund ausspülte, beschwerte sich Jannik lautstark. »Ich wäre schon lieber in der Privatschule geblieben.«
