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Ein Fahrradunfall hätte tödlich ausgehen können, wenn die Protagonistin nicht Glück gehabt hätte. Aber was ist Glück? Glück kann viele Formen annehmen. Die zwei Autorinnen, die Kusinen sind, sind auf die Suche nach einer von diesen Formen gegangen. Eine Reise in sich selbst und in die Vergangenheit.
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Seitenzahl: 54
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Barbara Barnini
Eine Hilfe vom Himmel
Ein Briefwechsel, eine Art Autobiographie
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Eine Hilfe vom Himmel
Impressum neobooks
Der Tod lauerte in meinem Herzen.
Er glaubte, dass ich zerbrechen würde.
Aber der Geist,
der mir innewohnt, wird bis zum letzten Tag schreien:
Ich werde rebellieren.
(Srečko Kosovel, slowenischer Dichter 1904-1926)
Was passiert, wenn man auf die Probe gestellt wird? Man kann zusammenbrechen oder man wird dadurch gestärkt. So sagt man immer.
Liebe Patrizia, hör mal, Du hast Oma G. erwähnt, ich wollte Dich fragen, ob Du Lust hast, einer Geschichte - sie ist vielleicht etwas unglaubwürdig – zuzuhören, die sowohl mich als auch sie betrifft.
Meine liebste Barbara, ich warte sehnsüchtig auf Deinen Brief, und ich kann kaum erwarten zu erfahren, was Du mir von Dir und von unserer Oma erzählen willst, dass es Dir so unglaubwürdig erscheint.
Liebe Patrizia, nach vier Jahren kann ich noch nicht glauben durchgemacht zu haben, was ich Dir erzählen werde, und vor allem, es überstanden zu haben. Ich kann meinen Augen nicht trauen und habe alles versucht, um mich damit abzufinden.
R. weiß es, weil er mit mir lebt und alles gesehen hat, S. und Tante I. wissen es; meine Eltern wissen von nichts, ich habe ihnen nichts gesagt. Zum ersten Mal aber rede ich offen darüber mit jemandem, mit Dir; ich vertraue mich Dir ganz an, wohlwissend dass ich mich mir selbst anvertraue.
Ich weiß nicht, aus welchem Grund ich dieses erleben sollte, natürlich haben auch wir nicht für alles eine Antwort, aber wenn ich weiterleben darf, ist es dank der Wunderhilfe unserer Oma. Ich bin davon überzeugt.
Am 12. Mai 2009, kurz vor 18.00 Uhr, auf dem Weg mit dem Rad in den Park in der Nähe von uns, wo jedes Jahr im Frühling ein Gymnastikkurs stattfindet und an dem ich teilnehme, habe ich einen Unfall gehabt. Ich bin von einem Auto angefahren worden. Das Auto hat mich auf dem Radweg voll erwischt und ich wurde in einen Verkehrsunfall verwickelt, der eine Massenkarambolage auslöste. Mehrere Autos sind ineinander gefahren. Dies ist an einer geregelten Kreuzung mit Ampelanlage passiert. Ich war gerade dabei anzuhalten, um auf das grüne Licht zu warten und die Straße zu überqueren. Zum Glück waren keine weiteren Radfahrer oder Fußgänger zusammen mit mir auf der Straße! Es hätte viel tragischer ausgehen können! Kreuzungen können sehr gefährlich sein.
Ich erinnere mich, wie das Auto mich erfasst hat, ich war ahnungslos, ich bin mit dem Kopf gegen die Motorhaube geprallt und auf den Asphalt zurückgeschleudert worden. Es folgten Momente der Panik, im Halbschatten. Mir war sehr wohl bewusst, was mir passiert war, ich habe den Atem angehalten, weil ich mir sicher war, dass meine letzte Stunde geschlagen hatte und dass mein Wille keine Rolle mehr spielte.
In diesem Moment des sicheren Todes war es mein einziger Trost, zu wissen, dass ich keine Kinder habe, die ohne ihre Mutter hätten weiterleben müssen. Dann habe ich an R. gedacht, der mit der Zeit ein neues Leben beginnen würde. Ich bemühte mich mit allen Kräften, die Trauer zu verdrängen, am Ende meines Lebens angekommen zu sein, mit vierundvierzig Jahren, auf diese ungerechte und bösartige Weise. Ich war mit dem Fahrrad auf dem Radweg, ich hatte ein Recht darauf, dort zu sein, der Autofahrer dagegen war völlig im Unrecht, weil er ein Verkehrssünder war.
Nach einigen Sekunden der Betäubung habe ich das Bewusstsein mit quälenden Kopfschmerzen und einem Gefühl brennender Hitze im Kopf wiedererlangt. Ich war fest davon überzeugt, dass mein Schädel in wenigen Augenblicken explodieren würde.
Das erste, was ich gesehen habe und das mich zutiefst beeindruckt hat, war die Blutlache, in der ich lag. Aus einer Wunde auf der linken Seite der Stirn war so viel Blut herausgespritzt, dass das weiße Hemd, das ich an dem Tag trug, komplett blutverschmiert war. Überall war Blut: An den Händen, an den Haaren, auf dem Bürgersteig ... mein Blut.
Wenn ich von Anfang an gewusst hätte, dass die Wunde nur ein kleiner Schnitt von wenigen Zentimetern war, hätte ich mir nicht so viele Sorgen gemacht, auch aus ästhetischen Gründen. Als ich später auf der Notstation war, auf die Toilette ging und mich im Spiegel anschaute, konnte ich den Schnitt nicht sehen, weil das geronnene Blut mein ganzes Gesicht bedeckte. Es war mir völlig unklar, wem ich gegenüberstand und ich wusste nicht, was mir am meisten wehtat: Der quälende Kopfschmerz wegen des erlittenen Aufpralls oder das Gefühl des Fremdseins in meiner eigenen Haut.
Ich musste sehr aufmerksam sein und versuchen zu verstehen, was mir von den Leuten, die sich auf der Straße um mich versammelt hatten, gesagt wurde; ich musste die Kontrolle bewahren, weil ich ganz allein war und ich fühlte mich wie gefangen in einem Alptraum. Etwas in mir aber leistete Widerstand und schien mir sagen zu wollen, dass es nicht möglich war und dass alles bald ein Ende haben würde, wie in einem schlechten Traum, und dass ich bald heimkehren würde.
Die Fußgänger haben prompt reagiert und die Ambulanz gerufen, die mich in die Notstation gebracht hat. Ich kann mich daran erinnern, dass ich aufstehen wollte um wegzugehen, aber ein Mann und eine Frau haben mich beim Anblick meines blutverschmierten Gesichts mehrmals gebeten, auf dem Boden liegen zu bleiben, auf dem Asphalt, wo ich gefallen war. Dann kam auch die Polizei. Der Polizist gab mir seine Visitenkarte. Ich sollte ihn am nächsten Tag anrufen, wenn ich in besserer Verfassung und in der Lage wäre, zu reden und die Anzeige zu unterschreiben, um den Täter strafrechtlich zu verfolgen. Er war sehr optimistisch zu denken, dass es überhaupt ein Morgen gibt; ich selbst war mir da überhaupt nicht sicher.
Als ich die Fragen der Krankenschwester am Empfang beantworten musste, habe ich Gott gedankt dafür, dass ich mich an meinen Namen, an meine Adresse, an meine Herkunft erinnern konnte. Die Schwester hat angefangen, vom Gardasee zu erzählen, wo sie im Urlaub gewesen war, und ich konnte mich auch daran erinnern, dass es den Gardasee gibt. Das war ein Versuch, meine Aufmerksamkeit vom Ernst der Lage abzulenken.
