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Das Ehepaar Dr. Daniel Norden und Fee sehen den Beruf nicht als Job, sondern als wirkliche Berufung an. Aber ihr wahres Glück finden sie in der Familie. Fünf Kinder erblicken das Licht der Welt. Die Familie bleibt für Daniel Norden der wichtige Hintergrund, aus dem er Kraft schöpft für seinen verantwortungsvollen Beruf und der ihm immer Halt gibt. So ist es ihm möglich, Nöte, Sorgen und Ängste der Patienten zu erkennen und darauf einfühlsam einzugehen. Familie Dr. Norden ist der Schlüssel dieser erfolgreichsten Arztserie Deutschlands und Europas. »Könntest du mir ausnahmsweise bei der Betreuung von Vicky einspringen?« fragte die Lehrerin Margot Ansbach ihre Schwester Mathilda sorgenvoll. »Ich weiß ja, daß du immer furchtbar viel Streß hast, aber ich habe heute Elternabend wegen des bevorstehenden Ausflugs, und meine sämtlichen Babysitter sind entweder krank oder haben schon andere Verpflichtungen.« Mathilda hatte den Hörer des Telefons zwischen Schulter und Kinn eingeklemmt und unterschrieb einen Untersuchungsbericht, während sie dem Anliegen ihrer Schwester mit halbem Ohr lauschte. »Heute abend? Das ist ganz schlecht. Leopold dirigiert ein Konzert, und danach wollten wir auf eine Premierenfeier«, erklärte sie gedankenlos, und dann zu ihrer Sekretärin gewandt: »Bitte rufen Sie den Kollegen Norden an. Ich muß ihn dringend sprechen wegen der Diagnose von Frau Schill. Er soll den neuen Doktor mitbringen, damit er gleich was lernt. Leppmann heißt er, nicht wahr?« Die Sekretärin Luise Tremmel klappte die Unterschriftenmappe zu und nickte beflissen, während Mathilda ihre Aufmerksamkeit wieder ihrer verzweifelten Schwester zuwandte. »Entschuldige, Liebes, was hast du gesagt?« »Daß du Vicky ruhig mit in das Konzert nehmen kannst. Sie ist ein wahrer Engel, das weißt du doch«, bat Margot flehentlich. »Warum sind nur alle Mütter so blind, wenn es um ihr eigene Brut geht?« fragte Mathilda verständnislos und zündete sich eine Zigarette an. Sie stieß den Rauch durch die gespitzten Lippen und blickte ihm sinnend nach, wie er in die Höhe stieg und sich schließlich verflüchtigte. »Wann immer deine Tochter bei mir war, hat sie sich wie der reinste Teufel benommen.
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Seitenzahl: 118
Veröffentlichungsjahr: 2022
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»Könntest du mir ausnahmsweise bei der Betreuung von Vicky einspringen?« fragte die Lehrerin Margot Ansbach ihre Schwester Mathilda sorgenvoll. »Ich weiß ja, daß du immer furchtbar viel Streß hast, aber ich habe heute Elternabend wegen des bevorstehenden Ausflugs, und meine sämtlichen Babysitter sind entweder krank oder haben schon andere Verpflichtungen.«
Mathilda hatte den Hörer des Telefons zwischen Schulter und Kinn eingeklemmt und unterschrieb einen Untersuchungsbericht, während sie dem Anliegen ihrer Schwester mit halbem Ohr lauschte.
»Heute abend? Das ist ganz schlecht. Leopold dirigiert ein Konzert, und danach wollten wir auf eine Premierenfeier«, erklärte sie gedankenlos, und dann zu ihrer Sekretärin gewandt: »Bitte rufen Sie den Kollegen Norden an. Ich muß ihn dringend sprechen wegen der Diagnose von Frau Schill. Er soll den neuen Doktor mitbringen, damit er gleich was lernt. Leppmann heißt er, nicht wahr?«
Die Sekretärin Luise Tremmel klappte die Unterschriftenmappe zu und nickte beflissen, während Mathilda ihre Aufmerksamkeit wieder ihrer verzweifelten Schwester zuwandte.
»Entschuldige, Liebes, was hast du gesagt?«
»Daß du Vicky ruhig mit in das Konzert nehmen kannst. Sie ist ein wahrer Engel, das weißt du doch«, bat Margot flehentlich.
»Warum sind nur alle Mütter so blind, wenn es um ihr eigene Brut geht?« fragte Mathilda verständnislos und zündete sich eine Zigarette an. Sie stieß den Rauch durch die gespitzten Lippen und blickte ihm sinnend nach, wie er in die Höhe stieg und sich schließlich verflüchtigte. »Wann immer deine Tochter bei mir war, hat sie sich wie der reinste Teufel benommen. Ich wage gar nicht mehr an den Abend zu denken, als sie Zahnpasta unter meine sämtlichen Türklinken geschmiert hat. Meine Gäste waren empört. Wenn ich Kinder hätte, würde ich alles ganz anders machen.«
»Das meint man immer, solange es noch nicht soweit ist«, wußte Margot aus eigener Erfahrung zu berichten. »Das mit dem Chaos, das Vicky veranstaltet hat, tut mir unendlich leid. Es war eine Verkettung unglücklicher Umstände. Darüber haben wir schon so oft gesprochen. Außerdem war Vicky damals noch viel jünger. Inzwischen ist sie groß und vernünftig«, beteuerte Margot, die den Widerstand ihrer um ein Jahr älteren Schwester, die trotz des geringen Altersunterschiedes ganz anders war als sie, bröckeln spürte.
Mathilda lachte ein rauhes Lachen.
»So vernünftig ein achtjähriges Kind eben sein kann.« In diesem Augenblick klopfte es schon wieder an die Bürotür der Oberärztin, und der zweite Apparat auf ihrem Schreibtisch klingelte aufdringlich. »Hier ist die Hölle los, Schwesterherz. Können wir die Entscheidung auf später verschieben?«
»Unmöglich.«
»Also schön, dann bring mir dein Gör. Aber nur, wenn du sie nach dem Konzert wieder abholst«, erklärte sich Mathilda seufzend einverstanden. Was Kinder anbetraf, schlugen zwei Herzen in ihrer Brust.
Das war für Margot in diesem Augenblick jedoch völlig unwichtig.
»Du bist ein Schatz, Mathilda. Das vergesse ich dir nie«, bedankte sie sich erleichtert. »Wenn du selbst einmal Kinder hast, springe ich auch ein.«
»Ob ich mich jemals dazu durchringen kann?« fragte Mathilda noch, ehe sie auflegte.
Auch Margot hängte den Hörer ein und lächelte ihre Tochter an. Vicky saß gegenüber ihrer Mutter am Tisch der kleinen, aber gemütlich eingerichteten Küche und sah sie mit großen Augen an.
»Und? Was sagt sie?«
»Stell dir vor! Leo spielt heute abend ein klassisches Konzert, und du darfst mitgehen. Wie findest du das?« versuchte Margot, Begeisterung in ihrem Kind zu wecken.
Erwartungsgemäß fand Vicky dieses Vorhaben wenig aufregend. Trotzdem fügte sie sich einsich- tig.
»Na ja, immer noch besser, als neben ihr auf der Couch zu sitzen und den sterbenslangweiligen Gesprächen zuzuhören«, seufzte sie, weil sie wußte, daß es keine andere Lösung gab, wollte sie den Abend nicht alleine in der Wohnung verbringen. Dieser Gedanke versetzte sie noch mehr in Angst und Schrecken, als mit Mathilda und ihren elitären Freundinnen auszugehen.
Margot lächelte ihrer kleinen Tochter aufmunternd zu.
»Ich wußte, daß du ein braver Schatz bist. Dafür bekommst du auch eine Belohnung von mir. Was hältst du davon, wenn wir am Wochenende auf das Frühlingsfest gehen?«
»Au ja. Dafür bleibe ich sogar über Nacht bei Tante Mathilda«, scherzte Vicky begeistert.
»Gar nicht nötig«, lachte auch Margot, unendlich erleichtert darüber, wieder einmal ein Problem gelöst zu haben. Als alleinerziehende, berufstätige Mutter war das nicht immer ganz einfach. Aber bisher hatte sie ihre Aufgabe mit Bravour gemeistert und tat alles, damit das auch so blieb.
Es dämmerte schon, als Manuel Leppmann mit einem Jungen an der Hand vor einem renovierten Altbau stand und fragend auf die Türschilder blickte. Endlich erhellte sich seine Miene.
»Hier steckt er also tatsächlich, mein lieber Bruder. Willst du klingeln?«
»Ich weiß nicht«, stellte der Junge mit einem skeptischen Blick auf das imposante Haus fest. »Wir hätten doch vorher anrufen sollen. Was, wenn er mich nicht gebrauchen kann?«
»Was redest du da für einen Unsinn? Benedict war schon immer ein Kindernarr. Erinnerst du dich nicht an deine Geburtstage?«
»Nein, keine Ahnung«, schüttelte Henri den Kopf, und Manuel nickte einsichtig.
»Hast recht, ist wohl schon zu lange her.«
»Warum ist Benedict damals eigentlich einfach so verschwunden?«
»Das weiß nur er selbst. Wer weiß, vielleicht verrät er es uns ja«, stellte Manuel unbeschwert fest und drückte entschlossen auf den Klingelknopf. Nichts geschah.
»Er ist nicht zu Hause. Wir hätten doch erst mit ihm sprechen sollen«, sah Henri seine Befürchtungen schon bestätigt.
Doch Manuel ließ sich nicht so leicht entmutigen. Er klingelte noch zweimal, ehe die Gegensprechanlage endlich knackste und rauschte und eine männliche Stimme nach dem Begehr der Besucher fragte. Manuel schenkte seinem Neffen ein triumphierendes Lächeln, ehe er antwortete.
»Hey, altes Haus, haben wir dich endlich gefunden!« rief er übermütig. »Du hast dich wirklich gut versteckt.«
»Manuel, bist du das?« fragte Dr. Benedict Leppmann nach einem Moment ungläubigen Schweigens. »Ist das möglich?«
»Es geschehen noch Zeichen und Wunder, was? Aber bitte laß uns rein. Wir würden dir gerne in die Augen schauen.«
»Wer ist wir?«
»Das wirst du schon sehen.«
In der Tat staunte Benedict Leppmann nicht schlecht, als wenig später sein Bruder Manuel in Begleitung des elfjährigen Henri vor seiner Wohnungstür stand. Er musterte den Jungen mit einem freundlichen Blick, in den deutliche Skepsis gemischt war.
»Du bist wirklich gewachsen, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Und du siehst deiner Mutter unglaublich ähnlich.« Ein Schatten huschte über Benedicts Gesicht. »Aber kommt erst einmal herein. Und zieht bitte die Schuhe aus. Meine gute Fee hat heute erst geputzt«, wies er seine Gäste beinahe streng an und ging durch den hohen Flur voraus ins Wohnzimmer. Nachdem Henri rasch der Aufforderung des Onkels nachgekommen war, folgte er ihm mit staunenden Augen.
»Das ist aber toll hier«, murmelte er, beeindruckt von den auch für Kinderaugen kostbaren Möbeln und Teppichen.
»Es freut mich, daß es dir gefällt. Immerhin hat es viel Mühe und Geld gekostet, das alles hier zusammenzutragen.«
Manuel, der das Zimmer ebenfalls betrat, stieß einen anerkennenden Pfiff durch die Zähne.
»Nicht schlecht. Du hast dich also nicht verändert und bist deinem Stil treu geblieben«, erklärte er und wandte sich an Henri. »Du mußt wissen, daß dein Onkel Benedict mit Abstand der stilvollste Mensch ist, den ich kenne. Niemals siehst du ihn in einer alten Jeans. Stets ist er makellos gekleidet, mit akkurat geschnittenem Haar und perfekt rasiertem Kinn.« Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, strich er sich selbst mit der Hand über die Stoppel, die seine untere Gesichtshälfte bedeckten.
Benedict lachte, nicht im mindesten gekränkt.
»Es muß ja nicht jeder wie ein Gammler herumlaufen. So wie du.«
»Was heißt hier Gammler? Ich bin Archäologe und verbringe beinahe das ganze Jahr im Vorderen Orient. Dort zählen andere Dinge als schicke Klamotten und ein schniekes Äußeres«, verteidigte er sich unbeschwert.
»Jedem das Seine. Aber nun sag schon, was führt euch her?« erkundigte sich Benedict, nachdem er seinen Gästen einen Platz und Getränke angeboten hatte. Schüchtern setzte sich Henri auf die äußerste Kante des antiken Sofas und traute sich kaum, von seinem Saft zu nippen, um nur ja nichts zu verschütten.
Als sein Bruder diese Frage stellte, verfinsterte sich indes Manuels so fröhliche Miene.
»Du hast es also nicht gehört?« fragte er mit tonloser Stimme.
»Was soll ich gehört haben?«
»Niclas und Birgit… sie sind vor ein paar Wochen mit dem Wagen verunglückt.«
»Was ist passiert? Sind sie verletzt?« fragte Benedict mit plötzlich klopfendem Herzen.
Manuel suchte nach den richtigen Worten, und Henri schluckte, während er dem Onkel tapfer in die Augen blickte. Schließlich erklärte der Junge leise:
»Mama und Papa waren auf dem Heimweg von einem Fest. Ein Lastwagen hat ihnen die Vorfahrt genommen. Sie waren sofort tot.«
»Oh mein Gott!« stieß Benedict durch die Lippen. Mit einem Schlag war er leichenblaß geworden. »Birgit ist tot?«
»Und Niclas«, bestätigte Manuel heiser. »Wir wollten dich informieren, aber wir konnten dich nirgendwo finden. Du warst wie vom Erdboden verschluckt. Erst als ich die Wohnung auflöste, fand ich in Birgits Unterlagen deine Adres-se.«
»Sie hatte meine Anschrift aufbewahrt?« Es kostete Benedict sichtliche Mühe, die Tränen zu verbergen, die ihm in die Augen gestiegen waren. »Ich habe seit Jahren nichts von ihr gehört.« Er räusperte sich, um die Fassung zurückzugewinnen.
»Ich kann mir das auch nicht erklären. Wie oft haben wir über dein Verschwinden gesprochen. Doch kein einziges Mal hat sie die Adresse erwähnt.«
»Vielleicht hat sie sie vergessen«, erklärte Benedict ausweichend.
Manuel nickte nachdenklich.
»Mag sein.«
»Wo war Henri in letzter Zeit?« wechselte Benedict das Thema.
»Zuerst war er bei Großmutter. Aber sie ist zu alt und müde, als daß sie sich noch um einen aufgeweckten Elfjährigen kümmern könnte.«
»Außerdem geht Oma bald ins Heim. Sie hat eine schöne Wohnung dort bekommen. Manuel hat sie eingerichtet mit den Möbeln aus ihrem Haus«, erklärte Henri eifrig. Offenbar war er gut begleitet worden. Zwar stand die Trauer über den Verlust seiner Eltern unverkennbar in seinen Augen. Doch er schien diese unabänderliche Tatsache akzeptiert und weitgehend verarbeitet zu haben und blickte mit einer gewissen Neugier und Spannung in die Zukunft.
Benedict nickte dankbar.
»Ich wußte, daß ich mich auf euch verlassen kann, was Mutter angeht. Deshalb konnte ich sie euch auch sorglos anvertrauen.«
Manuel maß seinen Bruder mit einem forschenden Blick.
»Mutter hat sehr unter deinem Verschwinden gelitten. Immer wieder hat sie sich gefragt, was sie falsch gemacht hat. Willst du uns den Grund nicht endlich sagen?« fragte er eindringlich.
Aber Benedict schüttelte unwillig den Kopf.
»Richte Mama bitte aus, daß es nichts mit euch zu tun hatte. Ich war derjenige, der Abstand brauchte. Viel mehr kann ich dazu nicht sagen.«
»Na schön, wie du willst. Ich hoffe, du hast dein Einsiedlertum genossen«, antwortete Manuel hart. »Diese Zeiten sind nämlich jetzt vorbei.«
»Was willst du damit sagen?« fragte Benedict mit einem irritierten Blick von einem zum anderen.
»Ganz einfach. Mutter geht ins Heim, und ich fliege übermorgen zurück in den Nahen Osten, um meine Arbeit fortzusetzen. Ein kleiner Junge wie Henri kann mich unmöglich dabei begleiten. Das ist auch der Grund, warum wir hier sind. Henri bleibt bei dir.«
»Wie bitte? Das habt ihr einfach so über meinen Kopf hinweg beschlossen?« fragte Benedict und schnappte fassungslos nach Luft. »So geht das doch nicht.«
Manuel, der mit dieser Reaktion gerechnet hatte, schluckte die harte Bemerkung, die ihm auf den Lippen lag, hinunter. Alles hing davon ab, ob es ihm gelang, seinen Bruder zu überzeugen. Deshalb setzte er eine geduldige Miene auf.
»Wir brauchen dich, Bruderherz, begreife das doch. Du bist unsere einzige Hoffnung. Henri braucht ein Zuhause. Niemand anderer kann ihm das geben als du. Du hast doch alle Möglichkeiten.«
»Wie stellst du dir das vor? Ich habe meine Stellung als Arzt in einer Privatklinik. Nebenher nehme ich an einem Forschungsprojekt teil, in das ich meine gesamte Freizeit stecke. Und sieh dich hier um. Ist das eine Wohnung für ein Kind?« zählte Benedict atemlos sämtliche Hinderungsgründe auf, die ihm spontan in den Sinn kamen.
Unterdessen rutsche Henri unruhig auf der Sofakante herum und schickte seinem Onkel Manuel einen resignierten Blick. Hab ich’s dir nicht gesagt!, sollte der bedeuten.
Manuel wurde wütend.
»Herrgott noch mal, du bist Arzt und es gewohnt, anderen Menschen zu helfen. Jetzt braucht deine Familie dich, und was ist? Du kneifst feige. Ist das die feine englische Art? Das hier ist der Sohn unseres Bruders Niclas und unserer Schwägerin Birgit. Wir haben sie alle geschätzt und geliebt. Wenn du auch nur einen Funken Ehre im Leib hast, tust du das einzig richtige, was zu tun ist.«
Diese unerwarteten Vorwürfe aus dem Mund seines Bruders überforderte Benedicts Widerstand. Seufzend gab er sich schließlich geschlagen und hielt sich die Ohren zu.
»Hör schon auf damit! Es ist gut! Henri kann bleiben.« Und leiser fügte er hinzu: »Vorerst!« Doch diese Bemerkung ging in dem Freudengeheul des Jungen unter, der aufsprang und seinem Onkel Benedict spontan um den Hals fiel.
Manuel atmete erleichtert auf. Zufrieden beobachtete er die Szene. Er hatte sein Ziel erreicht, seinen Bruder gefunden und offenbar zur Vernunft gebracht. Das war mehr, als er im Grunde erwartet hatte.
Nachdenklich und sichtlich unzufrieden saß Hannelore Ansbach am Tisch und schob kleine Zettelchen auf der blanken Tischplatte hin und her. Dabei murmelte sie Unverständliches, änderte, verwarf und legte um.
»Warum machst du eigentlich keine Stehparty? Dann ersparst du dir die lästige Tischordnung«, scherzte ihr Mann Gregor, als er wieder einmal an der offenstehenden Tür zum Eßzimmer vorbeikam und seine Frau selbst nach Stunden noch planend am Tisch vorfand.
Hannelore konnte indes nicht über diesen Witz lachen.
»Das ist ja wieder mal typisch. Schließlich ist es ja nicht dein Wiegenfest sondern lediglich meines«, keifte sie erregt.
»Was soll das heißen? Wirfst du mir schon wieder vor, ich würde dich nicht wichtig genug nehmen?«
»Es klingt zumindest so. Als wir deinen Siebzigsten gefeiert haben, konntest du nicht lange genug mit Planungen verbringen, hast mich malträtiert mit Einkaufslisten, Sitzordnungen, Einladungen und solchen Dingen mehr.«
»Du übertreibst wie immer schamlos«, widersprach Gregor schnaubend und zog es vor, das Weite zu suchen, ehe ein ernsthafter ehelicher Krach entbrennen konnte.
Kopfschüttelnd blickte Hannelore ihm nach und schimpfte leise vor sich hin, um sich schließlich wieder ihrer Tischordnung zuzuwenden. Doch die Ruhe war nicht von langer Dauer, denn wenig später klingelte das Telefon.
