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Ein frühpensionierter Lehrer, dessen Scheidung kurz bevorsteht, wird aus der psychiatrischen Klinik entlassen. Was nun? - Eine Reise! Wohin? - Italien. Auf amüsante und zuweilen spitze Weise erzählt der Autor eine Geschichte einer Reisegruppe, die einzig aus psychisch Kranken besteht. Diese werden von dem ehrgeizigen Therapieprogramm der Reiseleitung erneut in den Wahnsinn getrieben.
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Seitenzahl: 170
Veröffentlichungsjahr: 2021
Timo Matys
Eine kleine verrückte Reise
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog – Ein Pizzabäcker schiebt sich nach vorne
Klinik
Die Abfahrt
Nach der Abfahrt
Nach der Abfahrt: Anhalt
Nach dem Anhalt: Abfahrt
Duisburg, ein Park - Teil I
Duisburg, ein Park - Teil II
Wieder im Bus
Die Schlacht bei Worringen
Überlands - Teil I
Überlands - Teil II
Überlands - Teil III
Überlands - Teil IV
Das Hotel Bayrische Höh‘
Ein Erlebnis – erzählt
Bayrische Höfe
Das Watternorn
Klaus, Poet
Italien, oh Italien
Ein Therapiegespräch – zwischengeschaltet
Museo d’Arte, Teil I
Museo d’Arte, Teil II
Museo d’Arte, Teil III
Museo d’Arte, Teil IV
Im Hotel
An einer Hotelbar, erneut
Durch die Po-Ebene
Ein Blassnicht
Verona, Teil I
Verona, Teil II
Verona, Teil III – Ein Zwischengekritzel
Verona, Teil IV
Ich in Italien
Bilder, wieder einmal
Endlich Venedig, Teil I
Endlich Venedig, Teil II
Bei der Polizei: Ein Sprachproblem
Endlich Venedig, Teil III
Fragmentarisches – Eine Art Anhang
Epilog – Eine zeitliche Verortung
Anhang - Figuren
Impressum neobooks
Auf Mario wirkten sie etwas merkwürdig, diese neuen Gäste.
Als sich die Tür der Pizzeria öffnete und eine Gruppe von Personen eine nach der anderen eintrat, fiel ihm auf, dass eine kleine, alte Frau, die sich unter den Eintreffenden befand, immerzu mit der Hand durch die Luft wedelte und dazu merkwürdige Gesten machte.
Er bat die Gäste, an den weißen Tischchen im Innenraum der Pizzeria Platz zu nehmen. Während er die Tür wieder schloss, bemerkte er, dass draußen noch ein dicker Mann mittleren Alters alleine in der Sonne stand. Schnell öffnete Mario die Tür und bat den Mann herein.
Der Mann sagte nichts, um Mario seinen Dank auszudrücken. Stattdessen fasste er sich mit seiner linken Hand an die Brust. Mario fragte sich, ob der Mann in bester Ordnung war, doch da er vermutete, dass er kein Italiener war, sprach er ihn nicht an, um ihn nach seinem Befinden zu fragen.
Von einem der weißen Tischchen kam jetzt eine Stimme: „Herr Stubenmann, kommen Sie doch zu uns hier an den Tisch.“
Gesprochen hatte ein junger Herr mit Brille und vornehmer Lederjacke, der neben einem älteren, leicht übergewichtigen Mann saß.
Der Mann, der zuletzt eingetreten war, zuckte zusammen und starrte Mario einige Sekunden lang an. Dann seufzte er und schlurfte langsam über den Holzboden der Pizzeria zu dem Tisch, an dem der junge Herr und der leicht übergewichtige Mann saßen.
Mario blickte ihm hinterher, bis er sich gesetzt hatte. Dann betrachtete er die anderen Reisenden.
Eine Frau wirkte sehr vornehm mit ihrer grünen Hose. Sie hörte einem anderen, älteren Herrn zu, der sehr wichtig wirkte und anscheinend Interessantes zu erzählen hatte. Um die beiden herum saßen mehrere weitere Gestalten, die der Erzählung des Herren lauschten.
Während er noch zuschaute, wurde Marios Aufmerksamkeit plötzlich von einer jungen Frau eingenommen, die alleine in einer Ecke des Raumes saß. Die junge Frau zitterte. Zuerst waren es ihre Hände, dann ging es über auf die Beine und schließlich wippte sie mit ihren Füßen auf dem Holzboden hin und her. Mario wollte ihr schon zu Hilfe eilen, da sah er, wie sie eine kleine Tablette aus ihrer schwarzen Rucksacktasche nahm, - und dann eine Plastikflasche mit Wasser, und die Tablette mit einem Schluck schnell herunterspülte.
Dieses Verhalten schien nun auf die anderen Anwesenden überzugehen. Mit Entsetzen nahm Mario wahr, dass eine weitere Frau eine ähnliche Plastikflasche hervorzog und eine Tablette schluckte.
Dann nahm Mario erst wirklich die Stimmen der Gäste auf. Es waren keine Italiener, so wie er die Sprache einordnete, es waren Leute aus dem deutschsprachigen Raum, Österreich, Schweiz oder von noch weiter nördlich.
Er kannte die deutsche Sprache nur bruchstückhaft von anderen Reisenden, die gelegentlich bei der Pizzeria vorbeikamen, und so verstand er nicht, was gesprochen wurde.
Die junge, zitternde Frau schien sich nun wieder beruhigt zu haben, doch sie saß weiterhin alleine an ihrem Tisch und starrte auf den Fußboden. Ein hysterisches Lachen kam hingegen von dem Tisch, an dem der wichtigtuende Herr saß.
„Kommen Sie doch, junger Mann“, sagte er und winkte mit der Hand durch die Luft. Schließlich verstand Mario, dass der Herr ihn meinte und ging langsam hinüber zum Tisch des Mannes.
"Italien, das ist Pizza", hörte er jemanden von irgendwoher sagen, ohne den Sinn der Äußerung zu verstehen.
Das Aufnehmen der Bestellungen erwies sich als große Schwierigkeit. Während der wichtige Herr weiter- und weiterredete und die umsitzenden Personen ihm zuhörten, sah ein Mann Mario böse an und unterbrach ihn mehrfach.
„Nein, Pizza… Pizza hätte ich gerne, eine große Pizza mit viel Gemüse und Käse.“
Die Frau mit der grünen Hose schien ihm beizustimmen, jedenfalls wiederholte sie einen Teil des Gesagten.
„Gemüse und Käse essen Sie? Ja sind Sie denn Vegetarier?“
Als Mario zu dem Tisch kam, an dem der zuletzt eingetretene Mann saß, bemerkte Mario, dass es hier wohl sehr lustig herging.
„Und was haben Sie gedacht, als ich ihnen sagte, es sei im Jahre 1288, nein 1388, ach egal…“, sagte der ältere der beiden Männer zu dem jungen Herrn mit der Brille, während der zuletzt eingetretene Mann schwieg und zu Boden blickte.
„Ja, da lagen Sie falsch“, antwortete der junge Herr.
Mario hörte von hinten, wie an dem anderen Tisch der sehr gewichtig tuende Herr damit beschäftigt war, etwas aufzuzählen, wohl einen Spruchvers oder so etwas.
„Gregoricci, Dürer, Raffael, Tizian…“
Es ging allem Anschein nach um Kunst.
„Und ich sage Ihnen, in Venedig werde ich es finden“, hörte Mario den Herrn sagen.
Mario reichte dem älteren Mann die Speisekarte und ließ sie, da er weder Englisch noch Deutsch sprach, die Speisen auf Italienisch studieren.
„Ahhh“, seufzte der Mann. „Italienisches Essen, jene Köstlichkeiten, die auch unsere größten Maler verspeiset haben.“
Mario verstand nur das Wort italiano, es musste wohl um das Essen gehen, das die Gäste bestellen wollten.
„Bringen Sie uns eine Pizza“, sagte der Mann, nachdem er die Speisekarte für mehr als zwei Minuten studiert hatte. „Eine pizza, eine für uns alle.“
Mario nickte, obwohl er nicht verstanden hatte, und entfernte sich in Richtung Küche, welche hinter einer Tür ganz am Ende des großen Raumes lag. Colombo, der Koch, wartete auf ihn.
„Komische Leute, nicht?“, sagte Mario zu ihm auf Italienisch.
„Warum?“, fragte der Koch.
„Sie wollen alle Pizza, keine Nudeln oder so etwas.“
„Alle Pizza, oh, das wird schwierig.“
Sie begannen mit dem Kneten und Rollen des Teigs.
„Eh, Mario, was macht deine Frau?“, fragte ihn der Koch.
„Es geht“, sagte Mario.
Sie kneteten weiter und schließlich schob Mario eine der Pizzen in den Ofen.
Plötzlich kam ein Mann in den Backraum. Es war einer der Gäste, es war der wichtigtuende Herr, der etwas mit Kunst zu tun zu haben schien. Mario erschrak und hätte beinahe eine der Pizzen fallenlassen.
„Excuse me, excuse me“, sagte der Herr, während er mit seiner dicken, rechten Hand winkte. „I wanted to have a look at your pizza baking procedure.“ Er lächelte breit.
Mario sah den Koch an, doch dieser blieb ruhig und sagte nichts.
Der wichtigtuende Herr sprach weiter: „Delightful pizza. I would like to eat them all by myself.“
Mario verstand nichts, doch der Koch erwiderte: „Please, we will bring the pizza to you in a moment.“
Der wichtigtuende Herr zog ein Handy aus der Tasche und fotografierte die beiden. Dann verließ er den Raum wieder.
Die Pizzen wurden der Reihe nach fertig, auch wenn es nur einen Ofen gab. Mario schwitzte von der Arbeit an dem heißen, großen, schwarzen Klotz.
Schließlich sagte Colombo: „Du kannst die ersten Pizzen rüberbringen.“
Mario schob die Pizzen auf die großen, weißen Teller. Dann trug er sie durch die Tür in den großen Gästeraum.
Der Herr, der sie fotografiert hatte, war wieder dabei, vor den anderen zu reden. Als Mario ihm die erste Pizza brachte, stieß er mit seiner Gabel wüst hinein und sagte: „Ahhh, spüren wir nun diese Konsistenz an unserem Gaumen!“
Der Tisch mit den drei Männern war indessen still. Der junge Mann mit Brille und der ältere Mann sahen den Zuletztgekommenen an. Mario kam der unsinnige Gedanke, dass sie sich womöglich gegen ihn verschworen hatten und ihn nun dazu zwangen, still und alleine auf den Boden zu starren.
Mario verteilte an diesem Tag noch lange weitere Pizzen in dem großen Gästeraum und nachdem die Gäste gegangen waren, fand er ein Blatt Papier auf dem Boden. Es war ein Abdruck eines Kunstwerks oder von etwas ähnlichem. Es zeigte einen alten Mann mit einer Pflanze. Mario fand dieses Bild sehr hässlich. Er würde diesen Tag lange in Erinnerung behalten.
Er saß in seinem Zimmer und starrte die Wand an. Die Wand war leer und weiß. Sie hatte keine Wölbungen oder Huckel, sie war glatt und unschön, - wie alle Wände in Krankenhäusern. Innerlich erschrak er bei dem Gedanken, dass dieses Weiß schon seit eineinhalb Monaten ein tagtäglicher Anblick war. Er bewegte seinen Arm zur Seite, drehte ihn langsam auf dem rauweichen Untergrund seines Bettlakens. Er fühlte seine Hand und das Blut in seiner Hand und fragte sich, was passieren würde, wenn seine Adern, überdehnt und mit Blut überfüllt, platzten. Der Gedanke machte ihm neuerlich Angst. Er drehte weiter an seinem Arm und rieb ihn am Untergrund hin und her. Das Gefühl ließ ihn lebendig werden, er fühlte sich lebendiger. Er hatte das so in der Therapie gelernt. Das bewusste Fühlen. Er hasste die Therapie.
Seit seiner Ankunft war er eingebunden in ein Todesnetz von Bewegungs-, Sport-, Musik-, Werk- und Ergotherapeuten, von denen er nur eines sagte, nämlich, dass er sich nicht entscheiden konnte, welche von ihnen am schlimmsten waren. In der Musiktherapie wurde auf Blechen herumgehämmert und mit windschief in einer scheibenartigen Box liegendem Sand herumgespielt. In der Ergotherapie, der „Ärgertherapie“, wie er sie für sich nannte, wurde wie im Kindergarten gebastelt, und die Bewegungstherapie, über die man außer ihrer Existenz nichts Abwertendes sagen konnte, war aufgrund ihres „gewichtigleichten“ Inhalts nichts für ihn. Es war, als dehnte sich ein riesiges, gebasteltes oder gemaltes, Poster in ihn hinein und versetzte ihm einen Schlag. Er hatte den behandelnden Ärzten wiederholt versichert, dass er diese Therapien nicht brauche, doch man hatte ihn darauf hingewiesen, dass dies in den Zuständigkeitsbereich des Pflegepersonals falle, welches ihm wiederum eine Nichtteilnahme an den Therapien, wohl wohlmeinend, untersagte. "Herr Stubenmann", hatten sie gesagt. "Die Therapien sind essentiell für ihre Gesundung."
Er rieb seinen Arm weiter auf dem Laken, tiefe Stille in sich. Und je mehr die Stille sich ausbreitete, desto mehr fühlte er – Nichts. Seine Gedanken kreisten weiter.
Das Leben im Krankenhaus bot wenig Abwechslung. Das morgendliche Wecken viel zu früh um 7. Das anschließende Frühstück mit den Stationsgenossen, anschließend erneut wahlweise Ober-, Chef- und Assistenzarztvisite, wenn nicht Therapien, dann Mittagessen (Mittagsruhe!) und wieder Therapien. Er ertrug es nicht, nicht mehr lange, so dachte er, aber er musste es ja auch nicht mehr lange ertragen.
Heute Morgen, in der Oberarztvisite, hatte ihm der Leitende Oberarzt des Krankenhauses und Leiter der Depressionsstation freudig ausladend mitgeteilt, dass er bald nach Hause dürfe.
"Es freut uns, dass Sie wieder gesund sind und dass es Ihnen besser geht."
Es ging ihm nicht besser als eineinhalb Monate zuvor, er war nun nur medikamentös ein-, oder besser, ruhiggestellt, er war nicht mehr ganz so traurig vielleicht, aber die Gedanken blieben dieselben. 'Welche Gedanken?', fragte ihn die Stimme in seinem Kopf, so wie ihn das die Ärzte jede Woche gefragt hatten. 'Alter, Einsamkeit trotz Ehe, Verfall'. Er war alleine, und in ihm war nur die Stille.
Seine Frau hatte ihm beim letzten Besuch einen Brief hinterlassen:
Lieber Rudolph,
ich habe dir lange und doch ziemlich treu zur Seite gestanden, aber dein Zustand lässt mich nicht los. Es ist nicht dasselbe wie früher (und ich habe Annahme dazu, dass es das nie wieder werden wird). Und deswegen habe ich beschlossen, dir diesen Brief da zu lassen, damit du über ihn nachdenken kannst. Rudolph, du lässt dich zu sehr gehen, du hängst in alten Gedankenmustern fest und ich weiß nicht, warum. Zum letzten Mal sage ich dir: das Leben ist nicht vorbei, nur weil du die 50 seit 6 Jahren überschritten hast. Also hör auf mit deinen Verfallspanoramen. Hör auf, in deinem Kopf zu malen.
Bitte
deine Frau
Er malte ja gar nicht. Es waren die Bilder, die ihn nicht losließen, die Bilder, die er sah, wenn er in den Spiegel sah, die Bilder, die er von seinem schlaffen Glied hatte, das er altersbedingt nur noch mit Viagra hochpuschen konnte (und selbst das, so fürchtete er, würde bald nicht mehr funktionieren), die Bilder von nahendem Alter und Tod, das Ende...
Er wand sich auf dem Bett und starrte wieder ins leere Weiße, in sich die Stille. Wenn nun die Welt die Wand war, stand er eindeutig außerhalb der Welt. Er konnte sie betrachten und formen. Er projizierte sein Leben auf die Wand. Seine Kindheit, sein Studium. Er war nach den Vorlesungen immer mit Freunden in die Bars gegangen, hatte etwas getanzt und sich mit Frauen unterhalten. Es ging natürlich nicht um die aktuelle Politik, ihre Herleitung aus der Geschichte und dann fachintern um Kunst, das gab es nur selten.
Er setzte sich auf, fühlte noch einmal das Bettlaken, dann saß er auf seinem Unterteil. Er strich mit seinem Finger langsam über die Wand, es war nichts in ihm, - die Wand erinnerte ihn bestenfalls an Kunst. Zur Kunst hatte er immer ein zwiegespaltenes Verhältnis gehabt, obgleich Lehrer für Kunstgeschichte. Er konnte nicht malen, zeichnen, er konnte stundenlang vor Bildern stehen und doch nichts ver-stehen. Bilder waren für ihn ein Rätsel, denn er hatte zwar Vorlesungen über Malweise und Bildinterpretation gehört, doch konnte er bei dem konkreten Bild nichts damit anfangen. Er war ein Amateur der Bildinterpretation, nur merkten das die wenigsten seiner Schüler (seiner ehemaligen Schüler), da ebenfalls Amateure.
Die Wand rückte nun ganz nahe, er fühlte die zuvor unsichtbaren, kleinen Muster der Wand mit sich verschmelzen.
Er sah auf die Uhr, die neben der Wand zu hängen schien, und bemerkte, dass die Zeit für die Ergotherapie schon beinahe verflossen war. Er schreckte auf! Würde er die Therapie nicht rechtzeitig aufsuchen, bliebe sein Therapieeintragsbuch für diese Stunde leer und die Kasse würde die Therapie nicht übernehmen, was zur Folge hatte, dass er gegen die Stationsregeln verstieß. Jeder Verstoß gegen die Stationsregeln wurde streng sanktioniert, so dachte er, und malte sich den Küchendienst aus.
Er sprang von seinem Bett, stürzte beinahe und ging schnell aus dem Zimmer. Draußen traf er Leon, der seine üblichen Runden in der Station drehte. Er hastete um eine Ecke, dann eine weitere, traf auf eine Pflegerin, die er nicht ausstehen konnte, und gelangte am Ende der Station an. Es zog sich in seinem Inneren zusammen, er schwitzte stark.
Der Ergotherapieraum befand sich am Ende einer langen, schmalen Treppe, die in die oberen Stockwerke führte. Warum hatte man nur die Therapieräume im Obergeschoss angelegt; doch sicher um die Patienten zu demütigen, speziell Patienten wie ihn, mit einem Dickbauch.
Er setzte einen Fuß auf die unterste Treppenstufe, lagerte seinen schweren Körper auf dem hochstehenden Bein und versuchte, sich zu bewegen. Er spürte, wie sein Puls raste. Er bewegte das andere Bein und fiel. Er wurde ohnmächtig. Es war ein Herzanfall, so dachte er. Dies war sein Ende. Er wusste es. Jemand hämmerte in seinem Kopf, sein Kopf drohte zu platzen. Alle EKGs, die sie seit seiner Aufnahme bei ihm gemacht hatten, hatten falsch gelegen, hatten in ihm ein Gefühl falscher Sicherheit erzeugt, welches nun dazu führte, dass er allein und unbehandelt starb.
Sein Puls raste, während er dort lag und litt. Er tastete seinen Arm ab und maß seinen Puls. Poch. Poch. Poch. Er lebte noch. Langsam stützte er sich mit seinen Armen auf, immer behutsam, damit sein Herz sich nicht überanstrengte. Es gelang ihm beinahe, aufzustehen. Doch da war es wieder! Der Puls raste - und er litt weiter. Er sackte in sich zusammen und fiel auf die Treppe. Sein Rückgrat brach, so fühlte er es. Er hechelte und schrie laut, aber niemand hörte ihn. Für einige Minuten lag er auf der Treppe und konnte sich nicht bewegen. In seinem Kopf hämmerte man gegen seine Ohrtrommel. Dann rührte sich zuerst sein rechter Arm, und dann sein linker. Er stand auf und atmete schwer. Langsam ging er wie benommen die Treppe hinauf.
Als er am Ergotherapieraum ankam, war dort alles dunkel. Er erkannte noch die Schale aus Holz, die er nun schon seit geraumer Zeit, seit einigen Wochen mindestens, zu vollenden versuchte, was ihm aber jede Woche stets aufs Neue misslang. Er sah die andere Schale, die, die Paul bearbeitete, die rote Schale, die weiter fortgeschritten war als seine eigene. Er hätte die rote Schale am liebsten genommen und auf dem Boden zerbrochen, aber Paul hätte das nicht gefallen. Und er selbst würde in die Geschlossene kommen. Dieser Gedanke erregte in ihm Unwohlsein und Angst. Die Geschlossene war ein Mythos unter den Patienten, und gleichzeitig stand sie für Wahnsinn - eigenen und fremden gleichermaßen. Still war es dort nie, vielleicht sollte er doch dorthin.
Langsam kam ihm zu Bewusstsein, dass andere Therapien auf die Ergotherapie folgten. Er griff nach seinem Therapieplan, der sich gefaltet in seiner Hosentasche befand. Als er darauf sah, fiel ihm ins Auge, dass er nun Musiktherapie hatte. Er sackte zusammen, in seinem Inneren spürte er Bewegung, eine Unruhe begann sich auszubreiten. Warum taten sie ihm das an?, warum quälten sie ihn so?, wie lange noch? Ja, wie lange noch?
Er hatte sich diese Frage schon öfters gestellt, er war aber nie zu einem Ergebnis gekommen. 22 Jahre blieben ihm rechnerisch. Er erinnerte sich, dass sie in der Gruppentherapie gelernt hatten, diese Gedanken nicht zu denken. Und so beschloss er, die Pfleger zu fragen, ob er noch ein EKG machen konnte. Er ging zurück zu seinem Zimmer und achtete auf den Schlag seines Herzens. Er kam an der Pflegestation vorbei, vorbei an Leon, der seine Runden drehte, vorbei am Nachbarzimmer, das sich bei offener Tür in einem Halbdunkel aus ausgeschalteter Beleuchtung und angeschaltetem Handylicht befand. Er öffnete die Tür zu seinem Zimmer und legte sich wieder aufs Bett. Er hatte vergessen, den Pflegern Bescheid zu sagen. Die Wand hatte freundlicherweise auf ihn gewartet, so dachte er. Die Stille auch.
… Er lag wieder auf seinem Bett, die Augen geschlossen. Er wusste nicht, dass er auf seinem Bett lag, er hatte es einmal gewusst, nun träumte er. Und erwachte.
"Guten Morgen!", kam es aus der Kehle einer der Unsäglichen, des sogenannten Pflegepersonals.
Er behielt die Augen geschlossen und rührte sich nicht, das Pflegepersonal sollte fortgehen, am liebsten wäre er ausgerastet, aber dann drohte die Geschlossene. Er streckte seinen rechten Arm langsam in Richtung seines Fußes und öffnete, ebenfalls langsam, seine Augen. Er lag in seinem Bett und schwitzte von der nächtlichen Unruhe, die durch seine Träume hervorgerufen war. Was hatte er geträumt, was hatte ihn derart in Unruhe versetzt? Er fühlte Schmerz in seinem Kopf aufkommen, seelischen Schmerz, der sich langsam auf seinen ganzen Körper ausweitete und ihn lähmte. Die Stille kam zurück, er konnte sie kommen hören. Er wollte liegen, schlafen und vergessen, doch die Pfleger erlaubten ihm das nicht.
"Herr Stubenmann, Sie müssen aufstehen."
Er wollte laut Nein! rufen. Nein!, das bin nicht ich, der hier liegt und von Pflegern tagtäglich um seinen Schlaf gebracht wird. Nein!, das bin nicht, der seit anderthalb Monaten hier liegt und verkümmert, innerlich wie äußerlich. Doch, das war er.
Er blieb unter der Decke und sagte: "Ich komme gleich."
Er drückte den Kopf in das Kissen und ließ es, zur Seite vorgedrängt, die Ohren bedecken, sodass er nichts hörte oder sich zumindest einbilden konnte, er hörte nichts. Die Stille blieb und mit ihr blieb der Schmerz. Er merkte, wie ihm die Kontrolle entglitt und er wieder einschlief, er merkte, wie langsam und immer rasch fortschreitender der Traum begann.
Er lief eine Straße entlang und lachte. Er wusste nicht, warum er lachte. Er musste verrückt geworden sein, denn wenn es nichts zu lachen gab, warum lachte er dann? Er war verrückt und lachte und langsam überkam ihn Angst wegen seines Lachens. Er würde auf die Geschlossene müssen, zu den wirklich Verrückten, denen, die nackt durch die Straßen liefen, denen, die nicht mehr wussten, wer sie waren. Tränen rannen ihm über sein Gesicht, er spürte, wie sein Herz aufhörte zu schlagen. Es würde sein Ende sein...
"Herr Stubenmann, das Essen ist schon abgeräumt!"
