Eine seltsame Geschichte - Sally Nicholls - E-Book

Eine seltsame Geschichte E-Book

Sally Nicholls

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Beschreibung

Clare fällt es nicht leicht, Vertrauen zu fassen. Solange sie sich erinnern kann, hat sie in Pflegefamilien gelebt. Umso überraschender ist ihre Begegnung mit Maddy. Maddy ist anders und seltsam gekleidet, aber sie ist da und sie ist Clares Freundin, die ihr zuhört und sie versteht. Doch Maddy hat ein Geheimnis … Eine anrührende Freundschaftsgeschichte mit überraschendem Ausgang.

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Seitenzahl: 52

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Sally Nicholls

Eine seltsame Geschichte

Aus dem Englischen von Birgitt Kollmann

Mit herzlichem Dank an Sarah Dodd

1 Bevor es losgeht

Also, pass auf.

Diese Geschichte wird dir seltsam vorkommen. Ich kann es nicht ändern. Ich kann dir nur erzählen, was passiert ist.

Es ist die Geschichte, wie ich mit vierzehn eine Frau getroffen habe, die mich schon seit zwanzig Jahren kannte.

Die Geschichte, wie ich eine Freundin verlor und eine andere fand.

Die Geschichte, wie ich ein Zuhause fand.

Bist du so weit?

Dann kann es losgehen.

2 Verloren

Die Geschichte beginnt mit einem Horrortag. Das war nichts Ungewöhnliches. Ich hasste die Schule. Seit zwei Monaten ging ich nun schon in diese neue Schule, und noch immer hasste ich sie. Alle anderen gingen seit Jahren hin, sie hatten jemanden, neben dem sie sitzen, mit dem sie Partnerarbeit machen, mit dem sie in der Pause abhängen konnten. Ich hatte niemanden.

Ich wusste, ich sollte mich bemühen, Freunde zu finden, aber ich konnte mich nicht aufraffen. Wozu auch, ich würde sowieso bald wieder umziehen. Ich war vierzehn, und dies war meine dritte weiterführende Schule. Ich lebte in Pflegeheimen und musste immer wieder umziehen. Bisher habe ich in fünf verschiedenen Heimen in vier verschiedenen Städten gelebt. Man sollte ja meinen, irgendwer würde mich mal behalten wollen, aber nein.

Es war also besser, keine Freundschaften zu schließen. Das würde es leichter machen, wenn ich wieder weg musste.

Was speziell diesen Tag zu einem Horrortag machte:

Catherine und Jade, die in Mathe und Französisch hinter mir saßen. Dumme Gänse, die es witzig fanden, sich über alles lustig zu machen, meine Schuhe, meine Tasche, meine Jacke, meine Haare und was ihnen sonst noch einfiel. Es war aber nicht witzig, es war einfach nur lächerlich.

Die Mittagspause. Genauer gesagt die Tatsache, dass ich niemanden hatte, mit dem ich zusammensitzen konnte. Es war so, als wäre ein Pfeil mit der Aufschrift VERSAGER direkt auf meinen Kopf gerichtet. Ich wünschte, ich wäre willensstark genug, um magersüchtig zu sein.

Hausaufgaben. Sie und ich, wir waren kein gutes Team. Die Hausaufgaben fanden, ich bemühte mich zu wenig um unsere Beziehung, und ich fand, die Hausaufgaben verlangten immer zu viel von mir. Vermutlich hatten wir beide recht. Hausaufgaben waren auch so etwas, wozu ich mich nicht aufraffen konnte. Deshalb musste ich ziemlich oft nachsitzen, aber das war mir egal. Ich hatte lieber Nachsitzen, als dass ich bei den anderen saß und keinen zum Reden hatte.

Der Schulbus. Der Schulbus war vom ganzen Tag das Schlimmste überhaupt. Ich hasste ihn. Er war voll mit lauten, dummen Jungs und lauten, dummen Mädchen. Ständig brüllte jemand was durch den Bus, schmiss irgendwas durch die Gegend, machte irgendwas kaputt. Der Busfahrer rührte sich nicht von seinem Platz und tat so, als hörte er nichts. Der hätte nicht mal angehalten, wenn einer umgebracht worden wäre. Er hätte einen nicht mal gezwungen, das Blut aufzuwischen.

Als ich an dem Tag in den Bus stieg, waren die Jungs total von der Rolle.

»Clare!«, johlten sie, sobald sie mich sahen.

»Hey, Clare, willst du meine Freundin sein?«

»Ist das der Mantel von deiner Oma, Clare?«

»Wer hat dir denn die Haare geschnitten, Clare – ein Werwolf?«

Kicher, kicher, kicher.

»Hast du einen Werwolf als Friseur, Clare?«

Sofort fingen alle Jungen an, Werwolfgeräusche zu machen. Der Busfahrer drehte sich nicht mal um.

»Cla-are! Ich rede mit dir!«

Kennst du das, wenn man ganz plötzlich ausrastet?

Mir ist das jedenfalls in dem Moment passiert.

»Haltet endlich die Klappe!«, sagte ich. Dann packte ich mir den kräftigsten Jungen und knallte ihn gegen die Buswand. »Oooooh!«, machten die anderen.

»Oooh, Clare!«

»Kämpfen!«

»Käm-pfen! Käm-pfen! Käm-pfen! Käm-pfen!«

Anscheinend hatte ich mich in dem Busfahrer getäuscht. Zwei Monate lang durften die Jungen mir alles Mögliche an den Kopf werfen, ohne dass er reagiert hätte. Aber das erste Mal, dass ich mich gewehrt habe?

Da hat er mich aus dem Bus geschmissen.

Ich hatte eine Mordswut. Okay, ich hätte ihn beschimpfen können, als er mir sagte, ich solle aussteigen. Ich hätte ihm sagen können, er sei dumm und lächerlich und sexistisch und hässlich. Und die anderen Kinder hätten so getan, als hätten sie noch nie so was Lustiges erlebt.

Mit großen Schritten stapfte ich die Straße hinunter. Ich hasste den Busfahrer. Ich hasste diese Jungen. Ich hasste alle.

Ich ging die Straße bis zum Ende durch, dann blieb ich stehen. Ich war noch nie von der Schule nach Hause gelaufen und konnte mich nicht erinnern, ob der Bus hier rechts oder links abbog.

Ich ging nach rechts und dann immer weiter.

Wieder endete die Straße. Links oder rechts? Ich ging nach links. Mehr Straßen. Mehr Häuser. Langweilige, gewöhnliche Straßen mit langweiligen, gewöhnlichen Häusern. Straßen, die ganz genauso aussahen wie jede andere Straße in der Gegend, wo ich wohnte.

Noch eine Abzweigung. Links? Rechts? Ich ging weiter. Links oder rechts? Ich bog nach links ein und ging immer weiter. Lief und lief und lief, obwohl ich wusste, dass es hoffnungslos war.

Ich hatte mich verlaufen.

3 Auf dem Heimweg

Ich blieb stehen. Langsam bekam ich Panik. Wie sollte ich bloß nach Hause kommen? Anrufen konnte ich Lyn, meine Pflegemutter, nicht; ich hatte kein Handy mehr. Jade und Catherine waren darauf herumgesprungen, nachdem ich die beiden als eklige Arschgesichter bezeichnet hatte. Lyn meinte, das hätte ich mir selbst zuzuschreiben, sie würde mir jedenfalls kein neues kaufen.

Am Ende der Straße war eine Telefonzelle, aber ich wusste Lyns Handynummer nicht auswendig, und bei der Arbeit konnte ich sie nicht anrufen. Als Redakteurin bei der Lokalzeitung war sie ständig unterwegs, um über Schulfeste oder Kleintierschauen zu berichten oder um Promis zu interviewen. Sie konnte sonst wo sein.

Was sollte ich tun?

Zuerst hatte ich einfach nur Angst. Dann wurde ich wütend. An allem waren nur diese Jungen schuld. Und der Busfahrer. Ich hatte Lust, laut zu schreien. Und genau das tat ich dann auch.

»Scheiße!«, brüllte ich. »Scheiße!«

Dann fiel mir etwas auf.

Jemand beobachtete mich.