Eine Spionin für den Duke - Amalie Howard - E-Book

Eine Spionin für den Duke E-Book

Amalie Howard

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Beschreibung

Zwischen Lüge und Leidenschaft.

Lady Bronwyn Chase ist alles andere als eine mustergültige Dame der Gesellschaft. Auf der Flucht vor den strengen Regeln Londons begibt sie sich an Bord des Passagierschiffs ihres Bruders. Mit dabei hat sie brisante Briefen im Gepäck, die ihr gefährlich werden könnten.

Doch Valentine Medford, der gefürchtete Spion und Herzog von Thornbury, ist ihr bereits auf den Fersen, denn er hat den Auftrag, Bronwyn aufzuhalten. Doch je näher er ihr und ihren Geheimnissen kommt, desto schwerer fällt ihm die Entscheidung: Soll er seiner Pflicht folgen oder der faszinierenden Frau vertrauen, die sein Herz schneller schlagen lässt?


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Seitenzahl: 498

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Unsere Bücher suchen wir mit sehr viel Liebe, Leidenschaft und Begeisterung aus und hoffen, dass sie Ihnen ein Lächeln ins Gesicht zaubern und Freude im Herzen bringen.

Wir wünschen viel Vergnügen.

Ihr »more – Immer mit Liebe« –Team

Über das Buch

Zwischen Lüge und Leidenschaft.

Lady Bronwyn Chase ist alles andere als eine mustergültige Dame der Gesellschaft. Auf der Flucht vor den strengen Regeln Londons begibt sie sich an Bord des Passagierschiffs ihres Bruders. Mit dabei hat sie brisante Briefen im Gepäck, die ihr gefährlich werden könnten.

Doch Valentine Medford, der gefürchtete Spion und Herzog von Thornbury, ist ihr bereits auf den Fersen, denn er hat den Auftrag, Bronwyn aufzuhalten. Doch je näher er ihr und ihren Geheimnissen kommt, desto schwerer fällt ihm die Entscheidung: Soll er seiner Pflicht folgen oder der faszinierenden Frau vertrauen, die sein Herz schneller schlagen lässt?

Über Amalie Howard

Amalie Howard ist USA Today- und Publishers Weekly Bestsellerautorin. Ihre Wurzeln liegen in Westindien und ihre Artikel über multikulturelle Belletristik sind in The Portland Book Review und auf Diversity in YA erschienen. Derzeit lebt sie mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Colorado.

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Amalie Howard

Eine Spionin für den Duke

Aus dem Amerikanischen von Firouzeh Akhavan-Zandjani

Übersicht

Cover

Titel

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Titelinformationen

Grußwort

Informationen zum Buch

Newsletter

Widmung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Epilog

Anmerkungen der Autorin

Marlborough Pudding Pie

Danksagung

Impressum

Für Ally – Namensgeberin der Willingtons und Einhorn im echten Leben.

Kapitel 1

Die SS Valor, 1865

Lady Bronwyn Chase schnappte nach Luft, schob sich noch tiefer in die kleine Nische und wagte nicht einmal mehr zu atmen. Er war da. Auf dem Schiff ihres Bruders. Sie war dem Herzog von Thornbury bisher erst ein einziges Mal auf dem Hochzeitsball ihres Halbbruders in London begegnet, und das hatte gereicht, um einen bleibenden Eindruck bei ihr zu hinterlassen – ein scharfsinniger und intelligenter Mann, dessen durchdringendem Blick nichts entging.

Und der auch noch gut aussah, rief sie sich in Erinnerung.

Und die trog nicht. Sein atemberaubend gutes Aussehen hatte sich in dem einen Jahr, den sie ihn nicht gesehen hatte, nicht verändert. Es stach jetzt sogar noch mehr ins Auge. Vielleicht aber auch, weil sie ihn in ihren Träumen idealisiert hatte … eine Ausgeburt ihrer Fantasie, ein unerreichbarer Liebhaber mit hellbraunem Haar und bernsteinfarbenen Augen. Bronwyn atmete langsam aus, um ihr rasendes Herz zu beruhigen, das ihr aus mehreren Gründen bis zum Hals schlug – Angst, Erschöpfung … und weiblicher Faszination. Er sollte nicht hier sein.

Warum war er hier?

War sie einem Irrtum unterlegen? Vielleicht hatte sie ihn mit jemand anders verwechselt. Doch noch während sie das überlegte, verwarf sie den Gedanken auch schon wieder. Er war es. Daran bestand überhaupt kein Zweifel. Das volle, von der Sonne gebleichte, hellbraune Haar umrahmte das kantige Gesicht immer noch mit widerspenstigen Locken, und der durchdringende Blick zusammen mit der Adlernase ließ die meisten Leute auf der Hut sein, weil er zu sehr einem Jäger ähnelte. Der Herzog war ein attraktiver Mann, bei dem man einen trockenen Hals bekam und der eine gewisse Wildheit ausstrahlte. Alles an ihm brachte ihr dummes Herz dazu, ungebärdig zu schlagen. Selbst in förmlicher Abendgarderobe wirkte er wie ein mächtiger Baum auf einer Wiese voll hübscher Blumen.

Die meisten gingen ihm aus dem Weg.

Sie aber fühlte sich offensichtlich zu ihm hingezogen, da sie nur Stroh im Kopf hatte. Zu dumm, dass er vergeben war. Doch wie alle anderen Angehörigen des ton hatte auch sie von Entfremdung raunen hören, wenn man dem denn glauben durfte. Bronwyn hatte tatsächlich niemanden gesehen, der seiner Ehefrau ähnlich gesehen hätte, als sie aus dem Salon geflüchtet war. Andererseits war sie gleich, nachdem sie einen ersten Blick auf ihn erhascht hatte, davongelaufen. Die mädchenhafte Schwärmerei, die sie vor einem Jahr gewaltsam unterdrückt hatte, war mit aller Macht zurückgekehrt. Der Drang, zu ihm zu stürmen und in seine heißblütigen Augen zu schauen, um sich ihm dann wie eine überaus willige Andromeda anzubieten, war einfach zu verlockend gewesen.

Gütiger Himmel! Was für Gedanken gab sie sich da hin.

Aber sie hatte natürlich schon vorher davon geträumt, von einem Mann, der ihrem Verfolger sehr ähnelte, gepackt und schamlos verführt zu werden. Bronwyn verzog finster das Gesicht. Jetzt war nun wirklich nicht der Moment, um sich an Fantasien zu erinnern, die überhaupt nichts mit ihm zu tun hatten. Der verflixte Herzog war hier, um sie festzunehmen oder noch Schlimmeres mit ihr zu tun. Denn wie groß war die Wahrscheinlichkeit, dass er sich ausgerechnet auf diesem Schiff befand, während sie im Besitz von Dokumenten war, die sie ins Gefängnis bringen konnten?

Oder der Grund sein konnten, sie wegen Hochverrats hinzurichten?

Vielleicht hatte Thornbury sie aber auch nur im Speisesaal gesehen und in ihr die Schwester von Ashvale erkannt. Vielleicht wollte er sie nur begrüßen. Aber warum war sie dann so angespannt, als würde sie am Rande eines Abgrunds stehen? Ihr Instinkt brüllte förmlich, dass sie die Flucht ergreifen sollte. Allerdings war es eine eher abwegige Idee, über die Reling des riesigen Schiffes zu springen und sich schwimmend in Sicherheit bringen zu wollen. Sie würde ihm etwas vorspielen und so tun müssen, als wäre sie auf einer Vergnügungsreise oder ähnlichem. Sich außerhalb des Salons in einer Nische zu verstecken, ließ sie eher schuldig wirken.

Bronwyn atmete ein und presste Luft in ihre zusammengeschnürte Brust, ehe sie aus der Nische heraustrat und den Blick in beide Richtungen des Flurs schweifen ließ. Glücklicherweise war er ihr nicht gefolgt, obwohl sie seinen Blick deutlich gespürt und auch das Aufblitzen in seinen Augen gesehen hatte. Weil er sie erkannt hatte? Weil er einen Verdacht hegte? Sie ließ sich von ihrer Angst überwältigen, und das war nie gut.

Sie warf den Kopf in den Nacken, glättete ihre Röcke, hob das Kinn und ging den Flur entlang. Am liebsten wäre sie gelaufen, aber sie mahnte ihre zitternden Beine zu einem Tempo, das sie nicht verdächtig erscheinen ließ, sollte der Herzog sie beobachten. Die Nackenhaare stellten sich ihr bei dem Gedanken auf. Sie ging bis zu einer Tür, durch die man auf eines der Hauptdecks gelangte, und sofort füllte sich ihre Lunge mit salziger, kühler Meeresluft, und sie wurde von einem dunkler werdenden Himmel begrüßt, an dem die ersten Sterne zu funkeln begannen. Der endlose Horizont über dem dunklen Meer mit den Schaumspitzen besaß eine überwältigende Schönheit, bei der sie sich plötzlich ganz klein fühlte.

Unbedeutend.

Bronwyn wollte sich hervortun – in irgendeiner Weise. Sie wollte etwas Wertvolles tun, das daran erinnerte, dass sie mal gelebt hatte. Das war es vielleicht, was sie dazu gebracht hatte, sich auf die Sache einzulassen. Unter dem Tarnnamen ›der Turmfalke‹ hatte sie anfangs kleine Aufgaben in London übernommen. Ein Botengang hier, eine Nachricht dort, um den Unterdrückten zu helfen, das Joch der Knechtschaft abzuwerfen. Anfangs hatte sie mit den Suffragetten für Frauenrechte gekämpft, aber die Welt war so viel größer als England.

Ihr Bruder, Courtland, und seine Frau lebten auf Antigua.

Die beste Freundin seiner Herzogin stammte aus Indien.

Es gab so viel mehr, was sie tun könnte … um etwas zu verändern, indem sie sich engagierte und Zeit investierte. Trotz der strengen Regeln, an die sie sich als Engländerin halten musste, war sich Bronwyn ihrer eigenen Privilegien bewusst und auch im Klaren darüber, dass sie nicht ganz so machtlos war wie andere Frauen. Zwar durfte sie keinen Besitz ihr Eigen nennen oder wählen, hatte aber immer noch ein gewisses Selbstbestimmungsrecht. Kleine Dinge – wie unbedeutend sie auch erscheinen mochten – konnten viel bewirken. Und deshalb war sie jetzt hier an Bord eines Schiffes auf dem Weg nach Philadelphia, um heikle Dokumente zu überbringen.

Bronwyn hatte gewusst, worauf sie sich einließ, als sie sich bereit erklärt hatte, den Kurier zu spielen. Den Inhalt des Briefes kannte sie nicht, aber sie wusste, dass er wichtige, für die Nordstaaten bestimmte Informationen bezüglich des amerikanischen Bürgerkriegs enthielt. Nachdem sie erlebt hatte, mit welchen Widerständen ihr Bruder wegen der Herkunft seiner Mutter zu kämpfen hatte, obwohl er ein Angehöriger des Hochadels war, hatte sie den heftigen Wunsch verspürt, etwas zu tun.

Doch im Gegensatz zu ihrem Bruder, dem Herzog von Ashvale, besaß Bronwyn keinen Sitz im House of Lords. Sie war kein Mann. Die Macht, die ihm dadurch zur Verfügung stand, besaß sie deshalb nicht, doch sie war nicht völlig handlungsunfähig, und so hatte sie sich trotz der Risiken, die das für sie selbst bergen mochte, für ihren Ruf und den Namen der Familie bereiterklärt, die Papiere auszuliefern. Aber der Gedanke, von einem Mann gefasst und eingesperrt zu werden, von dem es hieß, er wäre der größte Spion Londons, ließ ihr kurz einen Schauer über den Rücken laufen.

Sollte sie ihren Auftrag nicht erfüllen können oder gerieten die Dokumente gar in die falschen Hände, würde das Menschen in Gefahr bringen, und man musste mit unzähligen Verlusten rechnen. Der Brief war glücklicherweise sicher verstaut in ihrer Kabine und an einer Stelle versteckt, wo keiner ihn finden würde. Nichtsdestotrotz lastete die Entscheidung, sich für den Auftrag zur Verfügung gestellt zu haben, schwer auf ihr. Bronwyn schluckte und legte die Finger auf die Metallreling.

Du tust das Richtige.

Das hoffte sie zumindest.

»Lady Bronwyn, ich dachte mir doch, dass Sie es sind«, sagte eine leise Stimme.

Bronwyn brauchte sich nicht umzudrehen, um zu erkennen, wer sie aufgespürt hatte. Der sonore Klang der männlichen Stimme ließ ihre Sinne erbeben, da sie wie Rohseide über nackte Haut strich. Es war nichts Ungehöriges dabei, wie er sie begrüßte, denn schließlich waren sie einander in der Stadt vorgestellt worden. Trotzdem schlug ihr das Herz plötzlich bis zum Hals. Allein nach draußen zu gehen, war ein Fehler gewesen, erkannte sie jetzt. Im Speisesaal wären zumindest noch andere Passagiere gewesen, und andere Hemmnisse, die den Kontakt abgemildert hätten.

Bronwyn schalt sich im Stillen für ihren Fehler und hob das Kinn. Sie konnte mit der Situation umgehen, schließlich war sie kein kleines Mädchen, das gerade dem Schulzimmer entronnen war. Sie war eine erwachsene Frau und durchaus in der Lage, mit einem Mann fertig zu werden. Ihre Überlegungen waren jedoch mit einem Fehler behaftet – der Herzog von Thornbury war nicht irgendein Mann. Nein, er war hochintelligent, geradezu unangenehm aufmerksam, und ließ sich bestimmt von niemandem zum Narren halten. Schon gar nicht von ihr.

Verhalt dich ganz natürlich, Bee.

Sie setzte ein sprödes Lächeln auf, drehte sich um und musterte ihn aus der Nähe. Die maßgeschneiderte Kleidung, seine enorme Größe – er überragte ihre kleinere Gestalt förmlich –, die hohen Wangenknochen, der verschleierte Blick aus goldenen Augen und der sinnliche Mund verbündeten sich, um ihr den Atem zu rauben. Seine helle Haut spiegelte den silbrigen Schein des Mondlichts wider und ließ ihn geheimnisvoller aussehen, als rechtens war … eine überaus sinnliche Ausgeburt ihrer Fantasie, die sie heimsuchte. Gegen diese Möglichkeit hatte sie nichts einzuwenden, würde es doch bedeuten, dass sie nicht mit ihm sprechen musste, aber leider war er tatsächlich ein Mensch aus Fleisch zu Blut.

»Euer Gnaden, was für eine Überraschung.«

Eine außerordentlich unwillkommene Überraschung.

Er lehnte sich an die Reling und musterte sie. »Ja, in der Tat, nicht wahr? Ich hatte nicht damit gerechnet, Sie hier zu sehen. Im Speisesaal dachte ich noch, mich getäuscht zu haben, aber Sie sind es tatsächlich. Sind Sie allein?«

»Meine Anstandsdame hatte Kopfschmerzen und ist deshalb bereits in ihre Kabine gegangen«, erwiderte sie und überlegte schnell. Ihre flatterhafte Zofe Cora, die häufig unter Magenproblemen litt und deshalb in den unpassendsten Momenten verschwand, konnte kaum als geeignete Anstandsdame bezeichnet werden, aber sie durfte nicht wählerisch sein, nachdem sie eine internationale Spionin geworden war. Obwohl … an sich war Bronwyn gar kein Spion, sondern eher eine Informantin. »Ist Ihre Frau auch an Bord?«

Er räusperte sich. »Ja, die Dame ist auch hier, aber wir sind nicht mehr miteinander verheiratet.«

Ach, du liebe Güte! Ihr Herz sollte bei seinen Worten nicht derart rasen, doch Bronwyn spürte, dass es flatterte, als wollte es gleich wie ein Vogel abheben. Ob er nun verheiratet war oder nicht, hatte nichts mit ihr zu tun. Er war der Freund ihres Bruders! Und ein früherer britischer Geheimagent. Ein Mann, der ihr, ohne mit der Wimper zu zucken, Handschellen anlegen würde. Ein ganz anderes Bild, bei dem auch Fesseln im Spiel waren – deutlich ungehöriger und mit viel weniger Kleidung –, kam ihr in den Sinn, und sie merkte, wie sie hochrot wurde. Hatte er Handschellen dabei?

Hör auf, hör auf, hör auf.

»Es tut mir leid, das zu hören«, gelang es ihr zu sagen.

Der Herzog nickte. »Wo reisen Sie hin?«, fragte er. Es war eine beiläufige Frage, und doch merkte Bronwyn, dass an diesem Mann nichts beiläufig war. Eine anscheinend unverfängliche Frage konnte Geheimnisse herauslocken und Hinweise aufspüren. Er war ein Meister des Verhörs und kannte alle Schliche … während sie eine Anfängerin war.

Sie gab sich schüchtern und flatterte mit den Augenlidern. »Hat der Herzog von Ashvale Sie mir hinterhergeschickt, Euer Gnaden? Nun gut … ich will eine Tante in Philadelphia besuchen.«

Ein nachdenklicher Ausdruck trat in seinen Blick. »Mir war gar nicht bewusst, dass Sie Familie in Amerika haben.«

Himmel, war er schnell. Bronwyn schüttelte den Kopf, und ihr Lächeln geriet nicht für eine Sekunde ins Wanken. »Mütterlicherseits. Meine Tante ist krank, und Mama dachte, ich könnte ihr vielleicht ein bisschen zur Seite stehen.«

Verflixt! Das war ein Fehler. Sie hätte sich am liebsten selbst einen Tritt verpasst, als seine Augen etwas schmaler wurden.

»Lady Borne schickt Sie also, eine kränkelnde Verwandte zu pflegen«, meinte er langsam. »Das ist eine überraschend freundliche Geste und setzt voraus, dass sich ihr Charakter grundlegend verändert hat.«

Bronwyn konnte sich gerade noch zur Raison rufen, nicht mit den Zähnen zu knirschen. Einem Mann wie Thornbury, der Experte für Körpersprache und menschliches Verhalten war, würde das nicht entgehen. Ihre Mutter war nicht dafür bekannt, eine besonders großzügige oder freundliche Dame zu sein. Tatsächlich war sie eine durch und durch schreckliche Person. Es verwunderte Bronwyn immer noch, dass ihre Mutter versucht hatte, Courtland seinen angestammten Platz streitig zu machen – dem rechtmäßigen Erben der Ländereien ihres verstorbenen Ehemannes – indem sie ihn aus England weggeschickt und versucht hatte, ihrem eigenen Sohn die Position zu verschaffen. Vielleicht war das ein weiterer Grund, warum Bronwyn sich zu ihrem Tun veranlasst sah … um das schwere Unrecht, das von ihrer Familie begangen worden war, wieder gutzumachen.

»Ob es nun überraschend ist oder nicht, Euer Gnaden, aber das ist der Anlass meiner Reise. Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen wollen – ich muss nach Cora sehen.« Sie wollte an ihm vorbeigehen, wurde aber daran gehindert, als sich seine Hand fest um ihren Ellbogen legte. Die Berührung ließ ihre Haut sofort heiß werden, obwohl er Handschuhe trug und ihr Kleid lange Ärmel hatte. Bronwyn konnte das Keuchen, das über ihre Lippen kam, nicht unterdrücken, und auch ihr Bauch zog sich sofort zusammen. Ihr stockte der Atem, und die Gefühle, die sein Griff in ihr auslösten, waren kaum von ihrem eigensinnigen Gehirn zu bewältigen. Sie schaute auf, und als ihre Blicke sich trafen, war das ein zutiefst emotionaler Moment.

»Weiß Ashvale, dass Sie hier sind?«, fragte er.

Nein, denn ihr Bruder würde es wohl kaum gutheißen, dass sie sich mit seinem Namen geschmückt hatte, um eine der Suiten des Besitzers in Beschlag zu nehmen. Sich in einer normalen Kabine zu verstecken, wäre nicht vorteilhaft gewesen und hätte einen seltsamen Eindruck hinterlassen, wäre sie erkannt worden. Deshalb hatte sie gar nicht erst versucht, sich unsichtbar zu machen. Eine laute, unangenehme Erbin beachtete man nicht. Sie zweifelte nicht daran, dass Courtland von dem Vorfall erfahren würde, aber sie hoffte, dass sie dann längst die Sendung abgegeben hätte und bereits wieder auf dem Heimweg wäre. Für alle Mitreisenden war Lady Bronwyn Chase nur eine langweilige Nervensäge, die sich die Beziehungen und den Reichtum ihres Bruders zunutze machte und ein kränkelndes Familienmitglied besuchte.

Es war eine dürftige Tarnung, aber die einzige, die ihr eingefallen war.

»Ashvale verfolgt nicht jeden meiner Schritte, Euer Gnaden«, erklärte sie schnippisch und warf einen bedeutungsvollen Blick auf die langen Finger, die sich immer noch in ihre Ellbogenbeuge drückten. Der verflixte Mann reagierte nicht auf den Wink, sondern sein unanständig sinnlicher Mund verzog sich nur leicht, als wüsste er genau, was er ihr mit seiner Berührung antat. Bronwyn setzte ein hochmütiges Lächeln auf. »Davon abgesehen weiß ja wohl jeder an Bord, wer ich bin. Schließlich gehört dieses Schiff meinem Bruder.«

Ein Ausdruck des Widerwillens huschte über sein Gesicht, und sie zuckte zusammen. Besser er hielt sie für eine hohle, leichtlebige Person, die den Titel und das Eigentum ihres Bruders nutzte, um sich Vorteile zu verschaffen, als dass er die Wahrheit herausfand. Trotzdem bäumte sich in ihrem Innern etwas auf. Sie wollte, dass er ihr Wertschätzung entgegenbrachte.

Aber natürlich siegte Pflichtbewusstsein über Stolz, und ihr kokettes Lächeln wurde breiter. »Sagen Sie es keinem, aber ich kann es gar nicht erwarten, Philadelphia zu sehen. Wussten Sie, dass man dort um Aristokraten förmlich herumscharwenzelt? Als wäre unser Blut so blau, dass es schon golden ist. Vielleicht ergattere ich ja einen unanständig reichen Ehemann. Deshalb hat Mama mir wahrscheinlich auch erlaubt, nach Philadelphia zu fahren … um wieder ein bisschen Geld reinzuholen.«

»In der Tat.« Seine Worte trieften vor Hohn.

Allmächtiger. In diesem Moment verabscheute sie sich beinahe selbst, doch der unverhüllte Abscheu, der sich im Gesicht des Herzogs abzeichnete, war wie ein Schlag. Sie ignorierte die Verachtung, die er nicht zu unterdrücken vermochte. Bronwyn spürte zwar, wie sie errötete, spielte ihre Rolle aber weiter. Ihr Blick glitt fast schon lüstern über ihn, während sie schamhaft die Lider senkte. »Ich hoffe, Sie halten mich nicht für dreist, Euer Gnaden, aber vielleicht sollten wir einmal gemeinsam zu Abend essen – um meines Bruders willen.«

Der plumpe Flirtversuch wirkte wie ein Zauberspruch.

Er ließ ihren Arm los, als bestünde er aus glühenden Kohlen, und verbeugte sich. Es war nur eine ganz leichte Neigung des Kopfes, als könnte er sich nicht zu mehr überwinden. Dabei zeigte er eine bewusst nichtssagende Miene. Er wirkte plötzlich kalt. Unnahbar.

»Vielleicht. Genießen Sie Ihre Reise, Mylady.«

Himmel, was für ein verwöhntes, abscheuliches Gör.

Valentine konnte nicht begreifen, wie sich das Mädchen, das dem Herzog von Ashvale und dessen Herzogin so mutig dabei geholfen hatte, sein Geburtsrecht zu erlangen, in dieses geldgierige hohle Geschöpf hatte verwandeln können. Sie hatte ihn angesehen wie eine Spinne, die sich auf ihr nächstes Mahl freute. Angesichts des habgierigen Ausdrucks in ihrem Gesicht, als sie ihre Heiratschancen in Philadelphia erwogen hatte, war ihm ganz schlecht geworden. Vielleicht war er mittlerweile einfach zu zynisch.

Er kniff sich so fest er konnte mit Daumen und Zeigefinger in den Nasenrücken, bis er Sternchen sah. Er hatte einen Auftrag zu erledigen, und sich um die jüngere Schwester seines Freundes zu kümmern, stand nicht auf dem Plan. Valentine hatte nicht damit gerechnet, dass sie auf dem Schiff sein würde, und Ashvale wäre bestimmt überrascht zu erfahren, dass sie seinen Namen benutzt hatte, um sich eine Überfahrt zu sichern.

Er fragte sich, ob die Geschichte mit der kränkelnden Tante stimmte oder nur ein Vorwand war, um dem Klammergriff ihrer Mutter zu entkommen. Er schüttelte den Kopf – diese Giftnatter von Frau würde ihr Kind nicht ziehen lassen, wenn das die Chance, eine hervorragende Verbindung einzugehen, gefährdete. Ihre junge, heiratsfähige Tochter war ein viel zu wertvolles Gut. Andererseits übte Geld dieser Tage einen genauso großen Reiz aus wie ein Titel.

Valentine war klar, was sein Interesse ausgelöst hatte. Lady Bronwyn war ein hübsches Mädchen. Daran bestand kein Zweifel. Das braune, von helleren Strähnen durchzogene Haar war zu einer kunstvollen Frisur hochgesteckt, die das ovale Gesicht perfekt einrahmte. Strahlend blaue Augen, die von dunklen Wimpern umgeben waren, leuchteten in einem Gesicht mit seidiger Haut, einem herzförmigen Mund und einer kecken Nase.

Sie war noch nicht einmal sein Typ. Er mochte es, wenn seine Frauen schüchtern, vollbusig und hirnlos waren.

Letzteres sprach zwar für sie, aber trotzdem konnte Valentine sich nicht den ärgerlichen Reiz erklären, den sie auf ihn ausübte. Glücklicherweise war das schnelle Aufflammen in dem Moment verflogen, als sie den Mund aufgemacht hatte. Außerdem hatte er Wichtigeres zu tun, als sich Gedanken um ein dummes Mädchen zu machen, obwohl er sich wegen seines Freundes, des Herzogs, schon irgendwie für sie verantwortlich fühlte. Ashvale würde ihn windelweich prügeln, wenn er erführe, dass Valentine seine jüngere Schwester in einer kompromittierenden Situation alleingelassen hatte.

Er runzelte die Stirn. Log sie also oder nicht?

Nein. Wahrscheinlich hatte sie die Verbindung zu Ashvale ausgenutzt, um die Räumlichkeiten des Besitzers an Bord nutzen zu können. Er seufzte und dachte wieder daran, dass sie ihm wie eine völlig hohle, oberflächliche Frau erschienen war. Wirklich eine Schande. Oder vielleicht doch ein Segen, denn er konnte es nicht gebrauchen, während er arbeitete, in Versuchung geführt zu werden. Er hatte einen Auftrag – er musste den skrupellosen Spion finden, von dem man nur den Decknamen kannte – Turmfalke.

Er wusste, dass sich seine Beute auf diesem Schiff befand.

Aufgrund jahrelanger Erfahrung aus verdeckten Ermittlungen war Valentine klar, dass sich unter diesem Decknamen jeder verbergen konnte. Bei dem Turmfalken konnte es sich um einen Mann oder auch eine Frau handeln, doch es gab Hinweise, dass der Spion wahrscheinlich ein Mann war. Er war zwar nie festgenommen worden, aber man hatte den Turmfalken gesehen und ein oder zwei Mal beschrieben. Es war ein schlanker Mann von durchschnittlicher Größe mit einem schmalen Gesicht und lichtem Bart – es gab eine leidlich gute Zeichnung von ihm.

Doch obwohl Valentine bereits die Hälfte der Reise hinter sich gebracht hatte, war er nicht in der Lage gewesen, mehr über den Mann herauszufinden und jemanden aufzuspüren, der ihm ähnelte. Er war die Liste der Passagiere durchgegangen, aber natürlich war ihm da kein Name ins Auge gefallen. Verbrecher waren dafür bekannt, sich unauffällig zu geben.

Er blinzelte. Wenn er genauer darüber nachdachte, hatte Lady Bronwyn Chase auch nicht auf der Passagierliste gestanden.

Was für eine unverschämte kleine Lügnerin! Er hatte sie nur durch Zufall im Speisesaal entdeckt, und obwohl sich ihre Blicke getroffen hatten, schien sie ihn anfangs nicht erkannt zu haben. Und dann war sie in Richtung Erfrischungsräume davongestürmt. Valentine ging die Liste im Geiste noch einmal durch und hielt bei einer Miss Bee Chase inne. Das war ein recht gewöhnlicher Nachname, aber er hätte ihm mehr Aufmerksamkeit schenken sollen. Tatsächlich hatte er sich mehr wegen der Männer an Bord Gedanken gemacht. Ein Fehler, den eigentlich nur Anfänger begingen. Jetzt würde er die Liste noch einmal genauer durchgehen müssen. Aber es war wohl ein Spitzname, sodass er ihr nicht vorwerfen konnte, eine absichtliche Täuschung begangen zu haben.

Lady Bronwyn war dafür viel zu direkt.

Ein gemeinsames Abendessen – also wirklich! Er würde sich so weit wie möglich von dem Frauenzimmer fernhalten, sonst würde er womöglich am Ende der Reise mit einer Fußfessel herumlaufen. Es war völlig klar, dass die habgierige Lady Borne nichts dagegen haben würde, wenn ihre Tochter den Titel einer Herzogin ergatterte.

Er ging wieder nach drinnen und hatte gerade den leeren Salon betreten, als er hörte, wie sich ihm auf dem polierten Holzboden Schritte näherten.

»Da bist du ja, mein Schatz. Ich dachte schon, ich hätte dich verloren.«

Seine frühere Scheingemahlin, als er noch ein Graf gewesen war, und ebenfalls Spionin trat neben ihn. Valentine hatte offiziell den Rückzug aus seiner früheren Tätigkeit angetreten – sie jedoch nicht. Tatsächlich war es sogar Lisbeth gewesen, die ihn gebeten hatte, den Auftrag zu übernehmen. Sie war davon überzeugt, dass es sich beim Turmfalken um einen Aristokraten handelte und man ihn nur enttarnen könnte, wenn man sich auch in diesen Kreisen bewegte.

Vor einem Jahr hatten sie angefangen, das Gerücht zu streuen, sie hätten sich entfremdet und nach einer Schein-Ehe hatte es eine Schein-Scheidung gegeben, die vom Innenministerium geregelt worden war. Doch jetzt brauchte sie ihn und seine Verbindungen. Das bedeutete kein Ungemach für ihn. Tatsächlich war ihm längst todlangweilig, nachdem er die letzten paar Monate nach dem plötzlichen Tod von Onkel Bucky den Herzog hatte spielen müssen. Ein Besuch der schottischen Ländereien stand immer noch aus, und Valentine hoffte, das so lange wie möglich hinausschieben zu können.

»Lisbeth, Liebes. Solltest du nicht Karten spielen?«

Sie verzog die Lippen, und ihre Augen blitzten vor Verdruss. »Es war ein Reinfall.«

Verdammt. Er merkte, wie seine Enttäuschung immer größer wurde. Sie waren beide sicher gewesen, dass der mysteriöse Turmfalke nach drei Tagen auf hoher See endlich sein Gesicht zeigen würde. Beim Abendessen, Tanzen oder bei einem Kartenspiel, aber nichts. Angehörige des Hochadels – selbst wenn sie Hochverräter waren – genossen diese Art von Unterhaltung.

»Jeder im Spielzimmer ist überprüft worden«, sagte sie. »Hast du deinen kleinen Zeitvertreib gefunden? Du bist ja wie der Blitz davongerannt, als du das Mädchen gesehen hast. Wer ist sie?«

»Es ist Ashvales Schwester«, erwiderte er mit unbewegter Stimme.

Überrascht zog sie die Augenbrauen hoch. »Lady Bornes Tochter?«

»Genau die, und es genügt zu sagen, dass der Apfel nicht weit vom Stamm fällt.«

»War sie nicht diejenige, die dem Herzog geholfen hat?« Lisbeth runzelte die Stirn. »Sie schien mir doch trotz ihrer Mutter einen klugen Kopf auf den Schultern zu tragen.«

»Ein Jahr ist lang, und da kann sich ein Mensch schon sehr ändern«, erwiderte er mit einem angewiderten Zug um die Lippen.

»So schlimm?«, hakte Lisbeth nach.

»Schlimmer, wenn du dir das denn vorstellen kannst.«

»Nein, kann ich nicht.«

Sie gingen an einem anderen Paar vorbei und nickten sich freundlich zu, ehe Lisbeth ihren Arm unter seinen schob und zu ihm aufschaute. Es war natürlich nur eine Farce, aber es fühlte sich an, als würde man alte, bequeme Schuhe tragen. Beiden fiel es leicht, wieder in die alten Rollen zu schlüpfen. Früher waren sie zwar mal ein Liebespaar gewesen, aber das war lange her. Valentine achtete bei Liebesbeziehungen darauf, dass diese nicht lange währten und unverbindlich blieben, und Lisbeth zog in letzter Zeit weibliche Gesellschaft vor. Trotzdem waren sie immer noch gute Freunde, und er nahm an, dass sich daran auch nie etwas ändern würde.

»Sie will, dass wir zusammen zu Abend essen«, sagte er.

Lisbeth grinste, als er sie zu ihren nebeneinanderliegenden Kabinen führte. »Wirst du es tun?«

»Eher lasse ich mich mit einem Hai ein. Vielen Dank.« Er schüttelte den Kopf und verzog wütend das Gesicht. »Nur wegen Ashvale ziehe ich es überhaupt in Erwägung. Sie behauptet, eine kranke Tante in Philadelphia besuchen zu wollen, aber ich vermute, dass mehr dahintersteckt. Es könnte sein, dass sie genau wie die Schwester des Herzogs von Embry versucht wegzulaufen.«

»Machst du ihr einen Vorwurf daraus?«, fragte Lisbeth, als sie vor ihrer Tür stehen blieben. »Bei so einer Mutter, bei der man Gefahr läuft, an den Höchstbietenden verschachert zu werden, würde ich an ihrer Stelle auch bei der ersten sich bietenden Gelegenheit weglaufen. Lass sie in Ruhe, Val. Du erinnerst dich doch noch daran, wie es war, jung zu sein, oder?«

»Sie wird sich um ihren Ruf bringen«, erwiderte er.

Lachend klopfte ihm seine Partnerin auf die Schulter. »Ich glaube, ihr Herren traut uns Frauen zu wenig zu. Wenn sie ihrem älteren Bruder nur ein bisschen ähnelt, wird sie schon auf ihren Ruf achten. Aber vielleicht legt sie ja auch keinen großen Wert auf ihren Ruf … Behalt sie im Auge, wenn es denn sein muss. Aber ich vermute mal, dass Lady Bronwyn aus härterem Holz geschnitzt ist, als wir ahnen.«

»Da gehe ich nicht von aus«, erwiderte er trocken. »Das Mädchen denkt nur ans Heiraten und hält sich für was ganz Besonderes.«

Seine Antwort brachte Lisbeth zum Lachen. »Das klingt entzückend, was du von ihr erzählst! Nach den letzten paar Tagen könnte ich gut ein bisschen Unterhaltung vertragen. Lade mich zu eurem kleinen Abendessen ein, und dann werde ich mir ein Urteil über sie bilden. Zwanzig Guineen, dass du überreagierst.«

Er trat in seine Kabine und nickte. »Die Wette nehme ich an. Aber mach mir keine Vorwürfe, wenn dir die Ohren anfangen zu dröhnen, und denk daran, dass du dir das selbst zuzuschreiben hast.« Dann zog er die Tür hinter sich zu.

Vor seinem geistigen Auge erschien das Gesicht eines Engels mit kristallblauen Augen. Sie besaß den Körper einer Sirene und den Verstand einer Fliege. Trotz ihres wohlgefälligen Äußeren verspürte Valentine Widerwillen. Er hatte sich seinen Lebtag nicht von niederen Instinkten leiten lassen. Und jetzt würde er damit auch nicht anfangen. Lady Bronwyn mochte zwar schön sein, aber sie war gleichzeitig eine Plage und eine genauso habgierige Speichelleckerin wie ihre Mutter.

Er verzog das Gesicht. Er würde sie einfach nicht in seine Gedanken einlassen … oder in seine Träume. Körperliche Ertüchtigung war jetzt angebracht, um hinterher so erschöpft zu sein, dass er sofort einschlief und nichts träumte. Nachdem er seinen Körper mit anstrengenden Übungen völlig ausgelaugt hatte, sodass seine Muskeln erschöpft zitterten, war er schließlich müde genug, um ins Bett zu gehen.

Er brauchte den Schlaf.

Hoffentlich wurde er darin nicht von einem blauäugigen Engel verfolgt, der unbedingt heiraten wollte.

Kapitel 2

Bronwyns Hände zitterten, während Cora letzte Hand an ihre Frisur legte. Als die Zofe fertig war, entließ Bronwyn sie und holte mühsam tief Luft. Warum nur, warum, hatte sie sich nicht dafür entschieden, inkognito auf Reisen zu gehen? Sie hätte sich doch auch ein Ticket für eine kleinere Kabine kaufen können – sich verkleiden können. Aber nein, sie hatte sich ja für die dreiste Variante entscheiden müssen. Denn das war das Problem daran, die Aufmerksamkeit eines Mannes wie des Herzogs von Thornbury auf sich zu ziehen – es ließ sich nicht ungeschehen machen.

Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. Während der letzten zwei Tage hatte sie jedes Mal seinen durchdringenden Blick gespürt, sobald sie einen der öffentlichen Räume des Schiffes betrat. Im Spielzimmer hatte er sie angeschaut, statt auf seine Karten zu achten. Im Ballsaal hatte sie deutlich seine Gegenwart gespürt, auch wenn er sich ihr nie genähert hatte, um sie zum Tanzen aufzufordern.

Bronwyn fühlte sich exponiert.

Da sie Angst hatte, einen Fehler zu machen und dadurch den wahren Grund ihrer Reise zu verraten, war sie förmlich erstarrt und vor Nervosität angespannt, statt weiter die Rolle der geistlosen Erbin zu spielen. Darüber hinaus hatte sie die Dokumente aus dem sehr klugen Versteck in ihrer Matratze geholt – wo ein so erfahrener Spion wie der Herzog von Thornbury sie wahrscheinlich doch gefunden hätte – und war jetzt auf der Suche nach einer anderen Stelle. Aber nichts schien ihr wirklich sicher.

Sie schaute den gefalteten Bogen an, der zuoberst auf ihrer Ankleidekommode lag. Das Siegel hatte sich fast gelöst, was wahrscheinlich an der feuchten, salzigen Meeresluft lag. Vielleicht sollte sie sich die Informationen einprägen und brauchte sich dann keine Gedanken mehr darüber zu machen, dass jemand die schriftlichen Aufzeichnungen fand.

Ihr Herz fing an zu rasen. Sollte sie das tun? Sie wusste, dass es sich um außerordentlich sensible Informationen handelte. Das Papier darunter enthielt einen Bericht Thornburys über Brent Sommers – ein Amerikaner, der von Thornbury festgenommen worden war, weil er sich des Schmuggels, des Hochverrats und anderer Verbrechen schuldig gemacht hatte.

Dieses Schriftstück hatte sie ohne Gewissensbisse gelesen.

Fasziniert von der sauberen, akkuraten Handschrift hatte sie die Informationen, die Brent Sommers ausgedehntes Netzwerk von Komplizen auf beiden Seiten des Atlantiks im Einzelnen aufführte, förmlich auswendig gelernt. Sie nahm das Papier in die Hand und musterte die Buchstaben. Was für eine saubere und schöne Handschrift der Herzog doch besaß. Ausgeprägt und kontrolliert. Genau wie er selbst. Sie strich mit den Fingerspitzen über die Initialen am Ende. V.A.M.

Valentine Alexander Medford.

Sogar sein Name klang fürchterlich geschwollen. Bronwyn unterdrückte ein Kichern. Ihrer war auch nicht gerade besser. Vielleicht waren ihre Eltern aus demselben Holz geschnitzt – überheblich und affektiert. Deshalb zog sie den viel schlichteren Spitznamen Bee vor, den sie von Rawley, Courtlands Cousin aus Antigua, bekommen hatte. Ihre Mutter verabscheute die Kurzform.

»Das klingt gewöhnlich, Bronwyn«, hatte die Marquise mit so viel Verachtung gesagt, dass Bronwyn sie fast körperlich gespürt hatte. »Du bist eine hochwohlgeborene Dame und wirst dich auch so verhalten. Keine blödsinnigen Spitznamen mehr. Und du wirst dich auch von Ashvales schändlichen Verwandten fernhalten. Diese Unverschämtheit, den guten Namen deines Vaters mit dem gemeinen Volk von den Inseln zu besudeln. Einfach entsetzlich.«

»Was macht sie für dich eigentlich so schändlich, Mama?«, hatte sie zurückgegeben, ohne vorher nachzudenken. »Dass sie kein Geld haben oder weil sie nicht weiß sind?«

»Wie kannst du es wagen, so mit mir zu sprechen, du unseliges Kind?«

Bronwyn hatte es gewagt, weil ihre Mutter unrecht hatte.

Sie mochte die Familie ihres Bruders und insbesondere Rawley, der sie mit seinem Humor, seiner Intelligenz und seiner unverbrüchlichen Treue zu ihrem Bruder für sich eingenommen hatte. Die Versuchung war so groß gewesen, sich selbst Bronnie zu nennen – nur um ihre Mutter zu ärgern. Doch die Strafe, die sie dann erwartete, war so eine Überschreitung nicht wert. Das letzte Mal, als Bronwyn es auf eine Konfrontation mit der Marquise hatte ankommen lassen, war das von ihrer Mutter als Treuebruch bezeichnet worden. Bronwyn hatte damals die Dokumente, die den Anspruch ihres Halbbruders auf das Erbe des Großvaters bewiesen, weitergeleitet, woraufhin die Marquise in einem plötzlichen Wutanfall die Saison abgebrochen und alle wieder aufs Land verfrachtet hatte.

Bronwyn und ihre jüngere Schwester Florence hatten wochenlang ein zurückgezogenes Leben führen müssen. Natürlich hatte Florence ihr dafür die Schuld gegeben, aber Bronwyn hätte, auch wenn sie gewusst hätte, was sie erwartete, nichts anders gemacht. Sie hatte richtig gehandelt. Courtland Chase war der rechtmäßige Erbe, und daran änderten auch die unrechtmäßigen Machenschaften ihrer Mutter nichts, den eigenen Sohn zum Herzog machen zu wollen. Bronwyn liebte Stinson, doch der war immer eine Marionette ihrer Mutter gewesen. Er hatte noch ein paar Dinge von ihrem Halbbruder Courtland zu lernen, der ein anständiger und ehrbarer Mann war.

Allerdings hatte sie sehr wohl das Gefühl, dass Courtland ihr jetziges Vorgehen nicht gutheißen würde.

Eine Erbin, die sich in eine internationale Spionin verwandelte, war an sich schon ein Skandal.

Als sie auf Kettering waren, hatte die Marquise jedoch eingelenkt, denn zu groß war ihr Wunsch, dass ihre Tochter eine hervorragende Partie machte. Sie hatten an einigen Festen auf dem Land teilgenommen; so auch an einem gewagten Maskenball, bei dem Bronwyn ihre Berufung gefunden hatte.

Wie immer war sie aufgrund ihrer Neugierde Zeugin einer unseligen Situation geworden, als sie eine ihrer Freundinnen aus dem Mädchenpensionat, Miss Sesily Pleasant, mit verrutschter Maske mit einem betuchten Gentleman in einer Ecke gesehen hatte. Sesily war eine schwarze Erbin aus San Francisco, deren geschäftstüchtige, sehr reiche Mutter ihre einzige Tochter mit einer riesigen Mitgift nach England geschickt hatte.

Wie die meisten reichen amerikanischen Erbinnen, die nach England kamen, um in den Adel einzuheiraten, war auch Sesily aus diesem Grund hierhergeschickt worden. Doch im Gegensatz zu vielen anderen jungen Damen aus dem gemeinsamen Bekanntenkreis war sie ein liebes, freundliches Mädchen und somit eine der wenigen, die Bronwyn im Pensionat als Freundin betrachtet hatte. Sesilys Mutter, eine Unternehmerin, hatte auch großen Einfluss auf Bronwyn genommen – dass eine freie, schwarze Frau aus eigener Kraft so ein Vermögen hatte anhäufen können, war ein Vorbild für alle Frauen.

Die gelangweilte Bronwyn hatte die Unterhaltung schamlos belauscht.

»Er wird nicht auf mich hören, Wentworth!«

Bronwyn kannte den geheimnisvollen Wentworth, der eine Maske trug, nicht, bemerkte jedoch, wie aufgewühlt er war, als er mit der flachen Hand auf die Täfelung schlug. »Das ist der einzige Moment, ehe Ashley nach London fährt. Finde eine Möglichkeit, ihm die Nachricht zukommen zu lassen, Sesily. Er darf diesen Zug nicht nehmen.« Bronwyn war von dem leisen, drängenden Ton des Mannes gebannt gewesen, doch viel mehr hatte sie der angespannte Ausdruck auf Sesilys Gesicht interessiert. Sie wirkte verzweifelt. »Es ist mir egal, wie du es machst«, hatte Wentworth dann noch schroff hervorgestoßen. »Tu es!« Dann war er gegangen.

Bronwyn hatte sich leise genähert und ihrer Freundin ein Taschentuch gereicht, als die stöhnend die Hände vors Gesicht geschlagen hatte. »Kann ich helfen?«

»Oh«, hatte Sesily gesagt und verblüfft aufgeschaut. Schwarze Löckchen fielen ihr in die Stirn. »Nein, kannst du nicht. Es ist … ach, lass gut sein.«

»Sag mir, was ich ihm sagen soll, und ich werde es tun.«

»Wem sagen?«

Bronwyn hatte den Kopf auf die Seite gelegt. »Ashley.«

Panik war in Sesilys Blick getreten, und ihre dunkelbraunen Augen waren groß geworden. Sie hatte angefangen, so schnell zu atmen, als würde sie gleich ohnmächtig werden. »O nein. Das darfst du nicht!«

»Wie lautet die Nachricht, Sesily? Ich werde sie überbringen«, hatte Bronwyn geflüstert. Sie war fest entschlossen zu helfen. »Ich trage eine Maske. Keiner wird mich erkennen. Das verspreche ich dir. Jetzt sag mir, was ich tun soll.«

Man hatte Sesily deutlich angemerkt, dass sie hin und her gerissen war. Sie hatte die Hände gerungen, sich dann aber aufgesetzt und geschluckt. Das hübsche Gesicht war angespannt. »Siehst du den Mann da drüben mit der grauen Maske? Das ist er. Man plant einen Überfall auf den Zug, mit dem er heute Abend nach London fahren will. Sag ihm, dass er nicht einsteigen soll.«

»Ein Überfall?« Bronwyn hatte sie verwirrt angeschaut. Damit hatte sie nicht gerechnet. Sie hatte gedacht, Sesilys Kummer hätte etwas mit irgendeiner Liebesbeziehung oder etwas ähnlichem zu tun. Wie dumm von ihr. »Steckst du in irgendwelchen Schwierigkeiten, Sesily?«

»Nein, das nicht. Ich helfe nur von Zeit zu Zeit, Nachrichten zu überbringen.« Ihr Gesicht hatte, wenn möglich, noch bedrückter gewirkt. »Aber ich habe einen Fehler gemacht. Ich dachte, Wentworth könnte mich Lord Cupid, äh, Pam vorstellen.«

»Pam?«, hatte Bronwyn gekeucht. Lord Cupid war der Spitzname, den die Times sich für den Premierminister ausgedacht hatte, und Pam wurde ebenfalls gelegentlich benutzt, wenn man ihn meinte. In was, um Himmels willen, waren Sesily und der geheimnisvolle Wentworth da verwickelt? Sie wollte doch bestimmt nicht andeuten, dass …

»Wenn Ashley in diesen Zug steigt, wird er sterben.« Eine Hand hatte nach ihrem Ellbogen gegriffen, während ihr Gehirn versuchte, alle Informationen zusammenzusetzen. Gütiger Himmel! Ashley war Palmerstons Privatsekretär. Die Intrige ging über alles hinaus, was Bronwyn sich hätte vorstellen können. Ihre Erregung hatte gefährliche Höhen erklommen.

»Ich werde es tun.«

Und das hatte sie dann auch … und es nie bedauert.

Sie hatte sich dem Ehrenwerten Anthony Evelyn Melburne Ashley mit ihrer Tanzkarte genähert und dabei angemessen schüchtern gewirkt.

»Ich glaube, das ist unser Tanz, Sir«, hatte sie leise gesagt. Als er sie verwirrt anschaute, hatte sie eine Hand auf den Mund gelegt und die Lider in gespielter Scham gesenkt. »Oh, ich bitte um Verzeihung. Ich habe mich geirrt. Ich habe wohl die Masken verwechselt.« Sie hatte verlegen gelacht. »Und beim Tanz scheine ich mich auch geirrt zu haben, denn auf meiner Tanzkarte steht eine Polka und kein Name daneben. Ich gehe nicht davon aus, dass Sie tanzen wollen?«

Sein schockierter Blick war fast schon komisch gewesen. »Das ist ein bisschen ungehörig, Miss … äh …«

Es war sogar sehr ungehörig, da sie einander noch nicht vorgestellt worden waren. Doch es handelte sich um einen Maskenball auf dem Lande, und man nahm es hier mit den Regeln nicht ganz so genau wie in London. Sie hatte mit den Fingern über die Federn gestrichen, die ihre Maske schmückten. »Miss Bee.«

»Ja, nun, ich …« Man sah dem Herrn deutlich an, wie unwohl er sich fühlte, als er an seinem Kragen zog und schließlich verstummte. Ashley war eindeutig kein Frauenheld. Über seinen viel älteren Arbeitgeber kursierten andere Geschichten.

»Keine Angst, Sir, ich werde Sie dann mal vom Haken lassen. Aber ich habe eine Nachricht für Sie.« Dann war sie so dicht an ihm vorbeigegangen, dass ihre Federn seinen Arm berührt hatten, und hatte leise geraunt: »Nehmen Sie heute Abend nicht den Zug nach London. Man hat mir gesagt, Ihnen das zu raten, weil man einen Überfall plant.«

Er hatte nur völlig perplex dagestanden, während sie in der Menge verschwand.

Der Ehrenwerte Anthony Evelyn Melbourne Ashley hatte an dem Abend den Zug nicht bestiegen, sodass er tatsächlich den nächsten Tag erleben konnte.

Der Vorfall hatte Bronwyn in einen unbeschreiblichen Rausch versetzt.

Von dem Tag an hatte Wentworth ihr den Namen Turmfalke gegeben, weil sie am Abend des Balls eine Maske mit braun gefleckten Federn getragen hatte. Und als Schwester eines Herzogs erlangte man durch ihre Beziehungen Zugang zu Kreisen des ton, den man vorher nicht gehabt hatte. Es hatte ähnlich wie bei Sesily angefangen … eine Nachricht hier, ein verschlüsselter Brief dort, und schon bald war der Turmfalke zu einem berüchtigten Informanten aufgestiegen. Glücklicherweise hatte Sesily die brillante Idee gehabt, eine männliche Personenbeschreibung des Turmfalken zur Polizei durchsickern zu lassen, wodurch Bronwyn ein bisschen mehr Bewegungsspielraum bekommen hatte.

Doch diese Reise nach Philadelphia war der größte und nervenaufreibendste Auftrag, den sie je angenommen hatte. Bronwyn berührte den versiegelten Brief. Das Siegel, das sich bereits zur Hälfte vom Pergament gelöst hatte, war nicht zerbrochen. Wenn sie ein bisschen nachhalf, würde es sich gänzlich lösen. Sie holte tief Luft. Wäre es nicht besser, wenn sie wusste, was in dem Brief stand? Dann konnte die Information nicht mehr verloren gehen.

Aber du wärest in Gefahr, du Närrin.

Das stimmte auch. Und Unwissenheit vorschützen zu können, war bei ihrer Art von Arbeit immer wichtig. Mit einem verärgerten Schnauben schob sie beide Schriftstücke in ihr Mieder und stand auf. Sie würde zu spät zum Abendessen kommen, wenn sie jetzt nicht endlich losging. Das Ganze war als Abschiedsfeier gedacht, ehe die SS Valor morgen in Amerika anlegte. Vielleicht würde ihr durch die Wärme ihres Busens die Entscheidung abgenommen werden und sich der Brief auf wundersame Weise öffnen.

Brüste … die waren nicht nur dekorativ, sondern hatten auch einen praktischen Nutzen.

Sie unterdrückte ein Lachen. Während ihre Mutter immer dafür gesorgt hatte, dass sie bestmöglich gekleidet war, hatte sich Bronwyn nie sonderlich für Mode interessiert. Doch ihre Wahl für den heutigen Abend wäre von der Marquise von Borne für gut befunden worden. Das von Silberfäden durchzogene blaue Kleid gehörte zu ihren neueren. Es hatte einen gewagten tiefen Ausschnitt und war von der zerstreuten Cora eingepackt worden, obwohl Bronwyn ihr eindeutig erklärt hatte, nur unauffällige Sachen mitzunehmen. Offensichtlich wusste ihre Zofe nicht, was das bedeutete, da sie auch das extravagante Kleid in den Koffer gelegt hatte. Doch jetzt war Bronwyn froh darüber.

Thornbury wird nicht wissen, wie ihm geschieht.

Der seltsame Gedanke ließ sie verwirrt blinzeln. Sie hatte sich doch nicht seinetwegen für dieses Kleid entschieden! Es war der letzte Abend auf dem Schiff, und sie musste so gut wie möglich aussehen. Die Schwester des Herzogs von Ashvale musste ganz besonders auf ihr Äußeres und ihr Auftreten achten. Als würde Courtland sich auch nur im Mindesten für so etwas interessieren. Sie biss sich auf die Unterlippe – die Vorwände, die sie fand, waren so dünn, dass selbst sie sie durchschaute – und warf den Kopf in den Nacken.

Sie hatte sich nicht für Thornbury so schön zurechtgemacht, und damit hatte es sich.

Valentine war verärgert.

Das war im Grunde nichts Neues, aber dass der verflixte Turmfalke sich nicht fassen ließ, machte ihn noch gereizter als gewöhnlich. Die Gelegenheit für einen Zugriff wurde immer geringer, sobald sie am nächsten Tag in Philadelphia von Bord gingen, und wer auch immer dieser Turmfalke war, hätte dann größere Chancen zu entkommen. Valentine hatte gehofft, den Mann längst in Gewahrsam und die fehlenden Seiten seines Berichts wieder an sich genommen zu haben, aber trotz aller Anstrengungen stand er mit leeren Händen da. Sogar Lisbeth war frustriert, und es brauchte schon einiges, um sie aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Dazu kam noch, dass eine gewisse junge Dame, deren Verhalten eine irritierende Mischung aus Schüchternheit und Koketterie zeigte, ihm wie ein zerfaserter Splitter unter die Haut gegangen war. Er hatte mit ansehen müssen, wie sie mit fast jedem Gentleman an Bord geflirtet und dabei ihr einfältiges Lächeln gezeigt hatte. Die allgemeine Vernarrtheit in sie war kaum zu ertragen. Ja, sie war eine Erbin. Ja, sie war schön. Aber sie hatte wirklich nichts außer Stroh im Kopf. Sahen die anderen Männer das denn nicht?

Er war über die Maßen froh, dass sie gerade nicht im Speisesaal der ersten Klasse zugegen war. Vielleicht war sie ja krank und verschonte ihn heute Abend mit ihrer schrecklich geistlosen Gegenwart, während sie gleichzeitig all die anbiedernden Speichellecker enttäuschte. Ach, wie glücklich er darüber war! Ein Hauch von Scham überkam ihn bei diesem lieblosen Gedanken. Gut, dass keiner sie lesen konnte, und normalerweise teilte er sie auch nicht. Tatsächlich bemitleidete er den armen Mann, der der jungen, geistlosen Lady ins Netz gehen würde.

»Geht’s dir gut, Val?«, fragte Lisbeth mit leiser Stimme, sodass die anderen Gäste am Tisch sie nicht hören konnten. Es waren nur zwei – ein älteres Ehepaar, weshalb noch zwei Stühle frei waren. »Denkst du an den Turmfalken?«

Er legte den Löffel ab, der zum ersten Gang gehörte, und griff nach seinem Whiskyglas, das ein Kellner glücklicherweise nachgefüllt hatte. »Ja, an den denke ich.«

»Glaubst du, er ist hier?«

Valentine schüttelte den Kopf und ließ den Blick durch den vollen Saal schweifen. Nein, er hielt nicht Ausschau nach einem Schopf aus haselnussfarbenen und aschbraunen Locken, während er sich fragte, was seiner hübschen Nemesis wohl widerfahren sein mochte. Erneut wurde er gereizt und verzog finster das Gesicht. Im Augenwinkel sah er ein Gesicht aufblitzen, und sein Kopf fuhr herum. Groß, dünn und mit einem schwarzen Zylinder. Er hätte schwören können, den Mann von der Zeichnung gesehen zu haben. Verflucht!

»Was ist?«, fragte Lisbeth.

»Ich glaube, er könnte hier sein«, zischte er leise, ohne die Lippen zu bewegen. »Aber ich bin mir nicht sicher.«

»Hast du ihn gesehen?«

»Ich glaube ja – aber nur ganz kurz.« Er war wütend auf sich selbst, weil er abgelenkt gewesen war, und zeigte zur linken Seite des Speisesaals. »Irgendwo da drüben.«

»Bist du dir sicher?«, fragte Lisbeth.

Valentine knirschte fast mit den Zähnen. »Nein, verflucht noch mal.«

Leicht überrascht sah sie ihn mit hochgezogenen Brauen an. Er war nicht dafür bekannt, sich Dinge nicht merken zu können oder irgendwie unsicher zu sein. »Ich gehe mich mal frischmachen und schaue mich dabei um. Ich bin gleich wieder da.«

Als sie sich anmutig erhob und zwischen den Tischen hindurchging, entspannte sich Valentine wieder ein bisschen. Seine Aufmerksamkeit war dahin. Und das war allein ihre Schuld. Seit er sie vor ein paar Tagen zufällig gesehen hatte, nahm Lady Bronwyn mehr Raum in seinem Kopf ein, als ihr zustand. Er war kein Mann, der sich von Leidenschaft leiten ließ, doch das hatte ihn nicht daran gehindert, sich von einem Schopf glänzenden braunen Haars und rosiger weicher haut faszinieren zu lassen. Doch seine Fantasie und die Wirklichkeit waren zwei völlig unterschiedliche Dinge. Bei der wahren Version war es erforderlich, sich die Ohren mit Watte zu verstopfen.

»Da wären wir, Mylady«, sagte der Diener und riss ihn damit aus seinen Gedanken.

»Oh, das ist mein Platz? Danke, Harry, Sie sind mein Held.« Er hörte das Lachen einer belegten Stimme, und bei dem Klang zog sich Valentines Haut zusammen, natürlich vor Entsetzen. »Ach du meine Güte, ich entschuldige mich, dass ich erst so spät dazukomme.« Der Diener errötete, und Valentine verdrehte die Augen, ehe er aufstand und den Blick auf Lady Bronwyn heftete. Das Schicksal war wirklich grausam. Er beobachtete, wie der Diener der Dame in dem atemberaubenden Kleid den Stuhl zurechtrückte. Er und der andere Herr am Tisch setzten sich wieder, nachdem Lady Bronwyn Platz genommen hatte. »Euer Gnaden, was für ein unerwartetes Vergnügen! Ich hatte tatsächlich allmählich angefangen zu glauben, Sie würden mir aus dem Weg gehen.«

Wie Pest und Cholera.

Valentine unterdrückte die schroffe Antwort. »Lady Bronwyn, Sie sehen …« Wundervoll. Elegant. Atemberaubend. Er schnaubte leise und war ärgerlich, wie genau sein Verstand jetzt jedes Detail wahrnahm, nachdem er vorhin bei dem Mann, bei dem es sich möglicherweise um den Turmfalken handelte, so kläglich versagt hatte. »… gut aus.«

»Danke, Sie Lieber«, erwiderte sie und senkte die dunklen Wimpern über strahlend blauen Augen. »Sie sehen auch gut aus.« Sie ließ es so klingen, als spräche sie über ein Dessert, über das sie gleich herfallen würde. Sie schenkte dem älteren Paar am Tisch ein herzliches Lächeln und neigte den Kopf. »Lord und Lady Willington, wie wundervoll Sie beide heute Abend aussehen, und wie froh ich bin, an Ihrem Tisch zu sitzen.«

Die beiden strahlten sie ob ihrer Freundlichkeit hingerissen an – er hätte am liebsten vor Abscheu gewürgt – und machten ihrerseits Lady Bronwyn Komplimente zu ihrem Kleid und Aussehen. Es war doch nur ein Kleid, Himmelherrgott noch mal! Das ihr zugegebenermaßen sehr gut stand. Nun, dasselbe galt für zahllose andere Damen, die im Saal zu Abend aßen. Alle waren makellos gekleidet.

Er riss den Blick von ihr los, damit sie nicht merkte, wie einfältig er sie musterte, und wandte sich dem zweiten Gang zu – geschmortes Rindfleisch mit Morcheln in Béchamelsauce zu Bratkartoffeln. Doch selbst der Geruch der würzigen Sauce konnte den Duft von Zimt und Bratapfel nicht überdecken, der von rechts in seine Richtung wehte. Warum duftete sie wie ein Dessert? Das gab’s doch nicht, dass jemand wie ein Dessert duftete!

Wo zum Teufel war Lisbeth?

»Stimmt irgendetwas nicht, euer Gnaden?«, fragte Lady Bronwyn mit einem glockenhellen Lachen, das ihn fast mit den Zähnen knirschen ließ. »Ist das Essen nicht nach Ihrem Geschmack? Sie haben eben so finster geschaut, dass ich schon fürchtete, Sie wollten, dass das Tischtuch in Flammen aufgeht.«

Nein, nur Sie.

Das war gemein. Eigentlich wollte er die Dame nicht in Brand stecken – sie sollte nur woanders hingehen. Weit weg. Wo er sie weder sah noch hörte oder ihren aufreizenden Duft einatmete. Valentine zerrte an seinem Kragen, als er am Hals zu schwitzen begann. »Doch, doch, Mylady. Mein Essen ist sehr gut. Wie ist Ihres?«

»Herrlich! Und noch schöner ist es, dass mein lieber Harry mit dem Wein da ist. Juhu!« Sie lächelte zu dem ihr förmlich aus der Hand fressenden Diener auf – wie kam es, dass sie überhaupt seinen Namen kannte? –, der ihr ein Glas Wein einschenkte. »Danke, Sie Lieber. Sie sind ein Schatz.« Sie hob das Glas, um einen Toast auszusprechen, und das ältere Paar folgte schnell ihrem Beispiel. Sein eigenes Glas hob er eher widerwillig. »Auf meine reizende Gesellschaft und natürlich auf den wundervollen Harry, der mich mehr als einmal gerettet hat.«

Valentine verspürte den überwältigenden Drang, den liebeskranken, völlig hingerissenen Harry über Bord zu werfen, als der knallrot anlief und sich stammelnd bedankte. Valentines Miene verfinsterte sich noch mehr. Zum Teufel noch mal, war denn kein Mann an Bord sicher vor ihren Flirtversuchen?

»Wie denn?«, stieß er hervor.

Ein Blick aus charmant strahlenden Augen richtete sich auf ihn. »Verzeihung, Euer Gnaden? Was meinen Sie?«

»Wie hat ein Diener Sie mehr als einmal retten können?« Wie er es wiederholte, klang es überhaupt nicht so, wie sie es gesagt hatte. Das war deutlich an Lady Willingtons missmutiger Miene zu erkennen. Doch Lady Bronwyn sah ihn weiter lächelnd an.

»Oh, der liebe Harry hat mich hierher begleitet! Ich war doch so spät dran.« Sie nahm einen großen Schluck Wein. »Ich konnte mich einfach nicht entscheiden, welches Kleid ich anziehen sollte. Und dann war da ja auch noch der Schmuck. Perlohrringe oder Diamanten? Ein Collier oder ein eng anliegendes Halsband? Immer diese Entscheidungen, die man treffen muss! Ich schwöre, dass ich davon immer Migräne bekomme.«

Gütiger Himmel! Sie war so oberflächlich, dass es ihn ganz nervös machte.

»Aber egal. Nach vielem Hin und Her haben wir schließlich eine Entscheidung getroffen, und jetzt bin ich hier, was ich natürlich Harry zu verdanken habe.« Sie hob wieder ihr Glas, obwohl der Diener längst verschwunden war. »Auf Harry!«

»Auf Harry!«, wiederholten die Willingtons mit liebevollem Lächeln.

Valentine hob sein Glas nicht, sondern sah nur zu und verfluchte sein Schicksal, sein Leben und sein Pech. Er würde sich gleich in seine Gabel stürzen, um sich aus seinem Elend zu befreien. Deshalb war es weiter keine Überraschung, dass ihn Erleichterung durchströmte, als Lisbeth zurückkam, obwohl er an ihrem Gesichtsausdruck erkannte, dass sie die Zielperson nicht gefunden hatte.

»Lady Bronwyn! Was für ein unerwartetes Vergnügen«, sagte sie mit sanfter Stimme und nahm wieder Platz.

»Mylady«, erwiderte Bronwyn. »Wie schön, Sie zu sehen. Es ist ja eine Ewigkeit her, nicht wahr?«

»Ja, das stimmt wohl, aber Thornbury hat Ihnen bestimmt bereits von unserer Trennung erzählt.« Gleich darauf winkte sie ab. »Alles natürlich ganz freundschaftlich. Wie sind nach wie vor liebe Freunde.«

»Es tat mir leid, als ich davon hörte«, erwiderte Bronwyn.

»Danke, aber es braucht Ihnen nicht leidzutun.« Lisbeth lächelte verschmitzt. »Meistens ist er brummig wie ein Bär, und das vermisse ich beileibe nicht. Ihn zu einem Lächeln zu bringen, war so schwierig, wie sich durch eine Dornenhecke zu schlagen, ohne gepiekt zu werden.«

»Welche Ironie, wenn man seinen Namen bedenkt«, erwiderte Bronwyn und runzelte dann die Stirn, als hätte sie es nicht sagen wollen. Valentine musste einen plötzlichen Lachreiz unterdrücken. Ihre Antwort war verblüffend klug, wenn man bedachte, dass sie wahrscheinlich noch nicht mal wusste, was Ironie war.

»Oh, wie lustig«, sagte Lisbeth, während er sich beherrschen musste, ihr nicht gegen das Schienbein zu treten. Sie tätschelte seine Schulter. »Ich konnte mich gar nicht daran erinnern, dass sie so geistreich ist. Du etwa, Val?«

Er hätte schwören können, dass Bronwyns Blick sich verdunkelte, als er zu Lisbeths Hand ging. Doch im nächsten Augenblick strahlten ihre Augen wieder so munter und fröhlich wie sonst auch. »Nein«, stieß er hervor. »Kein bisschen.«

»Weshalb wollen Sie nach Philadelphia, Mylady?«, fragte Lisbeth.

»Ich besuche eine kranke Verwandte«, erwiderte Bronwyn, ohne zu zögern.

»Oh, das tut mir leid. Ist es etwas Ernstes?«

»Nein, überhaupt nicht. Es ist auch nur eine kurze Reise. Deshalb werde ich schon in einer Woche wieder mit der Valor zurückfahren.«

Bronwyn schüttelte den Kopf, und das volle Haar fing das Licht in einer Weise ein, die Valentine versuchte zu ignorieren. Konzentrier dich auf dein Essen, mahnte er sich und versuchte, alles andere auszublenden. Ihr hübsches Gesicht. Den aufreizenden, lächelnden, irritierenden Schmollmund. Das Dekolletee, das bei jedem atemlosen Lachen leise zitterte. Diesen Duft, der in ihm eigentlich nicht den Wunsch auslösen sollte, von ihr zu kosten. Sie war ein Mensch und kein köstliches Dessert.

Reiß dich zusammen, du Narr.

Er umfasste seine Gabel fester, aber das brachte nichts. Von seiner berüchtigten eisernen Kontrolle war nichts mehr übrig. Statt sich dafür zu schelten, dass er so ein griesgrämiger Tischgeselle war, der alle finster anschaute und nur ein unverständliches Brummen von sich gab, tat Valentine das Einzige, zu dem er noch in der Lage war. Er räusperte sich mit einem leisen »Entschuldigen Sie mich«, stand auf und stürzte fast zum nächsten Ausgang.

Kapitel 3

Bronwyn holte zum ersten Mal wieder richtig Luft, seit sie zum Tisch geführt worden war.

»Habe ich irgendetwas Falsches gesagt?«, fragte sie und sah Lisbeth an, die kaum in der Lage war, ein amüsiertes Prusten zu unterdrücken, weil der Herzog den Tisch so schnell verlassen hatte.

»Vielleicht hat er etwas Falsches gegessen«, meinte Lord Willington. »Ich hatte den leisen Eindruck, dass die Sauce einen bitteren Beigeschmack hatte. Hattest du nicht auch das Gefühl, Liebes?«, fragte er seine Ehefrau.

Die Dame schaute auf ihren Teller, den sie bereits zur Hälfte geleert hatte. »Nein, mir schien eigentlich alles in Ordnung zu sein. Die Sauce hätte vielleicht ein bisschen mehr Salz vertragen.«

Thornburys Ex-Frau hatte sich wieder gefasst. »Machen Sie sich keine Gedanken. Es ist bestimmt nichts. Er hat sich die letzten paar Tage nicht wohlgefühlt. Wahrscheinlich ist er nur nach draußen gegangen, um etwas frische Luft zu schnappen. Er kommt gleich zurück.«

Oder nie, hoffte Bronwyn.

Nachdem sie sich in Gedanken verloren hatte und dadurch zu spät zum Essen erschienen war, hatte sie sich ihre Tischnachbarn nicht aussuchen können, und als Harry sie zu einem der leeren Plätze im vollen Speisesaal geführt hatte, war ihr das recht gewesen … bis sie ihre Tischnachbarn gesehen hatte – oder eher ihren Tischnachbarn. Glücklicherweise war sie den Willingtons bereits vorgestellt worden, und so wusste sie, dass es sich dabei um ausgesprochen freundliche Menschen handelte.

Aber der Herzog von Thornbury … ausgerechnet der! Sie hatte gehofft, während des Abendessens zumindest fünf Minuten lang nicht die plappernde, geistlose Lady Bronwyn spielen zu müssen, ehe sie im Ballsaal zum letzten Mal auf dieser Reise wieder in ihre Rolle schlüpfte. Eigentlich hätte sie auch in ihrer Kabine bleiben können.

Du wolltest ihn sehen. Gib es zu.

Halt den Mund.

Ja, vielleicht hätte sie sich im Ballsaal einfach in sicherer Entfernung von ihm halten können, sodass er sah, was er nicht haben konnte! Sie hatte ihm doch nicht direkt gegenübersitzen wollen, sodass sie nur den Fuß hätte heben müssen, um ihn unter dem Tisch zu berühren, wenn sie das wollte.

Ja! Nein!

Sie hatte ihren verräterischen Fuß fest auf den Boden drücken müssen, um einen internationalen Skandal zu verhindern. Die Atemlosigkeit, mit der sie gesprochen hatte, war nicht gespielt gewesen – in seiner unerwünschten Gegenwart konnte sie kaum zwei Wörter in einem Zug herausbringen.

Ein so mürrischer Mann dürfte von Rechts wegen nicht so gut aussehen. Aber selbst mit dem verdrießlich verzogenen Mund war Thornbury unanständig attraktiv. Zur Hölle mit ihm, wenn er auch noch Grübchen hätte! Doch wenn er diese Einkerbungen irgendwo haben sollte, würde sie das nicht erfahren, weil der Mann nie lächelte. Damit hatte seine Ex-Frau recht. Doch selbst durch seine verdrießliche Art konnte er nicht verbergen, wie gut er aussah. In das hervorragend geschnittene Jackett waren bestimmt Polster eingenäht. Anders konnte es gar nicht sein. Kein Mann war so … vollkommen.

Er ist nicht vollkommen, rief sie sich in Erinnerung. Er ist ein blöder Kerl.

Ja, der größte der blöden Kerle.

Nein, sogar der König der blöden Kerle.

»Dann fahren Sie also wirklich nach Philadelphia, um eine kranke Tante zu besuchen?«, unterbrach eine leise Stimme ihre innere Schimpftirade.

Bronwyn blinzelte kurz und nickte dann. »Ja.«

Die Fragestellerin nahm einen Bissen, kaute kurz und meinte dann: »Wissen Sie was … ich bin auch von zu Hause weggelaufen. Ich konnte die Langeweile einfach nicht mehr ertragen.«

»Wo sind Sie hin, Mylady?«

»Bitte nennen Sie mich Lisbeth.« Sie schenkte Bronwyn ein herzliches Lächeln. »Ich bin nach Süden gegangen – habe die Kutsche meines Vaters entwendet und bin damit bis nach Brighton gefahren.« Die Erinnerung ließ sie den Kopf schütteln. »Ich hatte kaum Geld, als ich dort ankam, habe aber schnell Arbeit als Gouvernante gefunden. Ich teilte mir mit drei Frauen von sehr fragwürdiger Moral eine Wohnung. Sie waren aber sehr nett, und als ich schließlich wieder nach Hause kam, war ich ein anderer Mensch. Ich hatte ein Stück von der Welt gesehen und wollte jetzt mehr.«