Eine unerklärliche Angst … - Patricia Vandenberg - E-Book

Eine unerklärliche Angst … E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Dr. Laurin ist ein beliebter Allgemeinmediziner und Gynäkologe. Bereits in jungen Jahren besitzt er eine umfassende chirurgische Erfahrung. Darüber hinaus ist er auf ganz natürliche Weise ein Seelenarzt für seine Patienten. Die großartige Schriftstellerin Patricia Vandenberg, die schon den berühmten Dr. Norden verfasste, hat mit den 200 Romanen Dr. Laurin ihr Meisterstück geschaffen. Patricia Vandenberg ist die Begründerin von "Dr. Norden", der erfolgreichsten Arztromanserie deutscher Sprache, von "Dr. Laurin", "Sophienlust" und "Im Sonnenwinkel". Sie hat allein im Martin Kelter Verlag fast 1.300 Romane veröffentlicht, Hunderte Millionen Exemplare wurden bereits verkauft. In allen Romangenres ist sie zu Hause, ob es um Arzt, Adel, Familie oder auch Romantic Thriller geht. Ihre breitgefächerten, virtuosen Einfälle begeistern ihre Leser. Geniales Einfühlungsvermögen, der Blick in die Herzen der Menschen zeichnet Patricia Vandenberg aus. Sie kennt die Sorgen und Sehnsüchte ihrer Leser und beeindruckt immer wieder mit ihrer unnachahmlichen Erzählweise. Ohne ihre Pionierarbeit wäre der Roman nicht das geworden, was er heute ist. Wenn eine Patientin das erste Mal zu Dr. Leon Laurin kam, war sie ihm ein unbekanntes Wesen. Die meisten konnte er jedoch schnell in eine bestimmte Kategorie einordnen. Die einen waren die Schüchternen, Verklemmten, die von einer Verlegenheit in die andere fielen, weil der Gang zum Frauenarzt sie maßlose Überwindung kostete. Die anderen, die Ängstlichen, die wussten, dass gewisse Symptome eine schwere Erkrankung bedeuten konnten. Da gab es die ganz Forschen, die aus Illustriertenberichten Eigendiagnosen stellten und dann gar nicht so leicht zu überzeugen waren, wenn diese nicht zutrafen. Und nicht zu vergessen, die ganz unbefangenen jungen Frauen, die nur bestätigt haben wollten, dass sie schwanger waren. Vanessa Lauenstein konnte er keiner Kategorie zuordnen. Moni, seine Sekretärin, hatte die Personalien bereits aufgenommen. Die Patientin war sechsundzwanzig, verheiratet, wohnhaft in München. Dr. Laurin betrachtete sie. Sie war etwas mehr als mittelgroß, schlank, feingliedrig, hatte ein ovales, leicht gebräuntes Gesicht, aschblondes lockiges langes Haar und topasfarbene Augen, die von einem Kranz dichter dunkler Wimpern umrahmt waren. Die klassische Nase und der schöne Mund weckten in Dr. Laurin unwillkürlich das Gefühl, dass dieses Gesicht einen Bildhauer inspirieren müsste. Später sollte er zu einer ganz anderen Erkenntnis kommen, nämlich zu der, dass chirurgische Künstlerhände diesem Gesicht die makellose Schönheit gegeben hätten. Diese Ahnung kam ihm, als er einige feine, fast unsichtbare Narben am Haaransatz und am Hals entdeckt hatte. Seinem wachsamen Blick entging so schnell nichts, doch das Gesicht hatte er erst ganz genau betrachtet, als er bei der Untersuchung feststellte, dass der ebenfalls klassisch schön geformte Körper dieser Frau

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Seitenzahl: 142

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Dr. Laurin – 151 –Eine unerklärliche Angst …

Violetta hatte einen schweren Unfall und zweifelt an sich selbst

Patricia Vandenberg

Wenn eine Patientin das erste Mal zu Dr. Leon Laurin kam, war sie ihm ein unbekanntes Wesen. Die meisten konnte er jedoch schnell in eine bestimmte Kategorie einordnen. Die einen waren die Schüchternen, Verklemmten, die von einer Verlegenheit in die andere fielen, weil der Gang zum Frauenarzt sie maßlose Überwindung kostete.

Die anderen, die Ängstlichen, die wussten, dass gewisse Symptome eine schwere Erkrankung bedeuten konnten. Da gab es die ganz Forschen, die aus Illustriertenberichten Eigendiagnosen stellten und dann gar nicht so leicht zu überzeugen waren, wenn diese nicht zutrafen. Und nicht zu vergessen, die ganz unbefangenen jungen Frauen, die nur bestätigt haben wollten, dass sie schwanger waren.

Vanessa Lauenstein konnte er keiner Kategorie zuordnen. Moni, seine Sekretärin, hatte die Personalien bereits aufgenommen. Die Patientin war sechsundzwanzig, verheiratet, wohnhaft in München.

Dr. Laurin betrachtete sie. Sie war etwas mehr als mittelgroß, schlank, feingliedrig, hatte ein ovales, leicht gebräuntes Gesicht, aschblondes lockiges langes Haar und topasfarbene Augen, die von einem Kranz dichter dunkler Wimpern umrahmt waren.

Die klassische Nase und der schöne Mund weckten in Dr. Laurin unwillkürlich das Gefühl, dass dieses Gesicht einen Bildhauer inspirieren müsste.

Später sollte er zu einer ganz anderen Erkenntnis kommen, nämlich zu der, dass chirurgische Künstlerhände diesem Gesicht die makellose Schönheit gegeben hätten. Diese Ahnung kam ihm, als er einige feine, fast unsichtbare Narben am Haaransatz und am Hals entdeckt hatte.

Seinem wachsamen Blick entging so schnell nichts, doch das Gesicht hatte er erst ganz genau betrachtet, als er bei der Untersuchung feststellte, dass der ebenfalls klassisch schön geformte Körper dieser Frau mehrere Narben aufwies.

»Sie hatten einen Unfall?«, fragte er ganz beiläufig.

»Ja, könnte das der Grund sein, dass ich kein Kind mehr bekomme?«

Kein Kind mehr? Diese paar Worte versetzten ihn in maßloses Erstaunen, und die nächste Bemerkung raubte ihm fast den Atem.

»Unser Oliver soll nicht allein aufwachsen. Er ist jetzt vier Jahre. Ich will nicht, dass der Altersunterschied zwischen meinen Kindern zu groß wird.«

In diesem Augenblick zweifelte Dr. Laurin fast an seinem Können, seiner Erfahrung, denn für ihn hatte die gründliche Untersuchung ergeben, dass diese Frau noch kein Kind geboren hatte und dass es selbst für eine Fehlgeburt keine Anzeichen gab. Allerdings hatte er auch feststellen müssen, dass ein Myom vorhanden war. Kein großes, kein gefährliches. Es würde durch eine kleine Operation zu beseitigen sein.

Seine Gedanken arbeiteten blitzschnell, bevor er sich anschickte, ihr dies mit aller Behutsamkeit zu erklären. Vielleicht hatte sie einen Mann geheiratet, der ein Kind mit in die Ehe gebracht hatte, vielleicht hatten sie auch schon eines adoptiert.

Aber Vanessa Lauenstein sollte ihm noch mehr Überraschungen bereiten, als er ihr von dem Myom erzählt hatte.

»Könnte es möglich sein, dass etwas nach Olivers Geburt zurückgeblieben ist, was der Arzt übersehen hat?«, fragte sie. »Der Junge ist während eines Auslandsaufenthaltes zur Welt gekommen. Mein Mann hatte kein großes Vertrauen zu dem Arzt, und ich muss gestehen, dass ich daran kaum eine Erinnerung habe. Der Unfall, den ich ein Jahr später hatte, war ziemlich schwer. Ich möchte auch nicht darüber sprechen«, fügte sie mit erstickter Stimme hinzu. »Sie meinen also, dass ich nach der Operation noch Kinder bekommen werde?«

»Ja, gewiss, Frau Lauenstein«, erwiderte Dr. Laurin geistesabwesend. »Jedenfalls hat das Myom nichts mit einer erfolgten Geburt zu tun.«

»Oliver ist ja glücklicherweise auch ein ganz gesundes Kind«, sagte sie aufatmend. »Er wünscht sich so sehr Geschwister.«

»Er ist jetzt vier, sagten Sie?« Dr. Laurin musste sich räuspern, so heiser war seine Stimme.

Sie warf ihm einen schrägen Blick zu. »Trauen Sie mir etwa einen so großen Sohn nicht zu?«, fragte sie mit einem spöttischen Lächeln. »Immerhin bin ich schon sechsundzwanzig, und ich möchte, dass unsere Kinder junge Eltern haben.«

»Ihr Mann ist auch jung?«, fragte Dr. Laurin. Ungewollt war ihm das herausgerutscht.

»Neunundzwanzig«, erwiderte sie, und dann bekam ihr Blick einen träumerischen Ausdruck. »Aber er ist ein wundervoller Vater. Ich möchte unbedingt noch mindestens zwei Kinder haben, Herr Dr. Laurin, und ich hoffe, dass Sie mir dazu verhelfen können.«

Was war das für eine seltsame Frau?

Gewaltsam brachte er sich auf andere Gedanken. »Es wäre gut, wenn Sie sich dieser kleinen Operation bald unterziehen würden«, erklärte er.

Sie nickte. »Ich werde mit meinem Mann darüber sprechen. Ich muss gestehen, dass er eine Abneigung gegen Operationen hat. Er hat auch schon genug Sorgen mit mir gehabt. Ich melde mich wieder bei Ihnen, Herr Dr. Laurin.«

Würde sie das tun? Würde er sie hier nochmals sehen? In Dr. Laurins Kopf herrschte ein ziemlich wirres Durcheinander, als sie gegangen war, und er konnte es kaum erwarten, mit seiner Frau Antonia über diese Patientin zu sprechen.

Doch an diesem Abend sollte er wieder einmal spät nach Hause kommen, denn gegen fünf Uhr wurde Frau Kerscher eingeliefert, die mit einer Mehrlingsgeburt rechnen musste. Fünf Wochen vor der Zeit und in einem recht kritischen Stadium.

Lore Kerscher war vierunddreißig. Sie hatte sich einer langen Hormonkur unterziehen müssen, um Mutter werden zu können. Sie war bereits zehn Jahre verheiratet und wünschte sich brennend ein Kind. Nun stand es für Dr. Laurin schon fest, dass es mindestens drei werden würden, und er wollte alles daransetzen, dass ihr wenigstens die zwei, die er ihr schon mit Bestimmtheit voraussagen konnte, erhalten blieben.

Schwester Marie musste sich mal wieder um einen maßlos aufgeregten Mann kümmern, und Moni rief Antonia an, um ihr zu sagen, warum ihr Mann so lange in der Klinik festgehalten wurde.

Antonia kannte Frau Kerscher. Ihr Mann war Installateur und schon manches Mal im Hause Laurin und bei den Kaysers beschäftigt gewesen. Nette, fleißige Menschen, die sich alles geschaffen hatten, was ein sorgenfreies Leben garantierte, denen zum vollkommenen Glück nur Kinder fehlten.

»Nun, bist du auch wieder aufgeregt, Mami?«, fragte Kaja.

»Es geht um Frau Kerscher«, erwiderte Antonia. »Es ist nicht so einfach, Zwillinge oder gar Drillinge zu bekommen.«

»Du hast uns aber recht gut überstanden, Mama«, meinte Konstantin, Kajas Zwillingsbruder.

Dass diese Geburt nicht so ganz einfach gewesen war, brauchten die beiden nicht zu wissen. Aufregung hatten sie in der ganzen Familie genug verursacht.

»Mami war auch noch jünger als Frau Kerscher«, stellte Kaja fest. »Herr Kerscher wird sich ganz schön aufregen.«

An Anteilnahme fehlte es in der Familie Laurin nicht, während in der Prof.-Kayser-Klinik Alarmstufe eins herrschte.

Dr. Sternberg von der Chirurgischen Station war herbeigerufen worden. Dr. Lenz und Dr. Rasmus waren bereits im Operationssaal.

Dr. Laurin verschwendete keinen Gedanken mehr an Vanessa Lauenstein, als er das Skalpell zur Hand nahm.

*

Zur gleichen Stunde kam Vanessa nach Hause. Sie hatte noch einige Besorgungen gemacht. Oliver kam ihr entgegengestürmt, ein bildhübscher, springlebendiger Junge mit blondem Lockenkopf.

»Du warst aber lange fort, Mamichen«, sprudelte er hervor. »Papi ist schon lange da.«

Und da kam Heiko Lauenstein auch schon aus seinem Zimmer. Forschend ruhte sein Blick auf dem erhitzten Gesicht seiner Frau.

»Ich habe mir Sorgen gemacht, Vanessa«, sagte er mit leiser, angenehmer Stimme.

»Es war schrecklich viel Verkehr«, entschuldigte sie sich. »Nicht böse sein, Heiko.«

»Ich bin nicht böse. Ich bin froh, dass du wieder da bist«, erwiderte er. Er sah älter aus, als er an Jahren zählte, reif und gütig, wie Vanessa ihn Dr. Laurin gegenüber bezeichnet hatte.

Vanessa gab dem Jungen einige Päckchen. »Probier die Sachen an, Oliver. Wenn sie nicht passen, tauschen wir sie um.«

»Was du mir kaufst, passt immer, Mami«, erklärte er. »Liesl wartet schon mit dem Essen.«

»Ja, dann werde ich mir schnell die Hände waschen«, sagte Vanessa.

Der Tisch war gedeckt. Vanessa, die sich rasch erfrischt hatte, zündete die Kerzen an. Sie liebte eine stimmungsvolle Atmosphäre.

Doch an diesem Abend erinnerte sie sich unwillkürlich an jenen Abend, als sie nach langem Krankenhausaufenthalt nach Hause gekommen war. Es war ganz seltsam, und bei diesen Gedanken lief ein Kribbeln über ihren Körper.

Auch an jenem Abend war der Tisch gedeckt gewesen, aber der Kerzenständer hatte gefehlt.

»Wo ist der Kerzenständer?«, hatte sie gefragt.

»Welcher?«, fragte Heiko darauf.

»Der silberne.«

»Entschuldige, Liebes«, antwortete er, »aber ich kann es dir nicht sagen. Vielleicht hat Liesl ihn weggeräumt.«

»Es waren lange Monate«, hatte Vanessa darauf gesagt.

»Was denkst du?«, fragte Heiko jetzt, als sie in die flackernden Kerzen blickte.

»Manchmal kommen mir Erinnerungen«, erwiderte sie verhalten. Dann zwang sie sich zu einem Lächeln. »Guten Appetit, meine Lieben.«

Oliver warf ihr einen schelmischen Blick zu. »Du bist so feierlich, Mami«, sagte er. »Wie Weihnachten. Aber bei uns brennen jeden Abend Kerzen. Eins, zwei, drei, für jeden eine.«

»Ja, für jeden eine«, sagte sie sinnend. Wieso eigentlich nur drei?, ging es ihr dann durch den Sinn. Früher war es doch ein vierarmiger Leuchter. Sie griff sich an die Stirn. Was kamen ihr nur für Gedanken? Was bildete sie sich ein?

»Wo warst du eigentlich?«, fragte Heiko.

»Das erzähle ich dir nachher«, antwortete sie.

»Mami will es nicht verraten, weil du bald Geburtstag hast, Papi«, glaubte Oliver zu wissen. »Da darf man schon Geheimnisse haben. Und wenn ich das nächste Mal Geburtstag habe, wünsche ich mir ein Schwesterchen. Vielleicht auch schon zu Weihnachten, das ist früher als mein Geburtstag.«

Heiko blickte nicht auf. Sein Gesicht hatte sich verdüstert. Vanessa bekam Herzklopfen, als sie zu ihm hinüberschaute. Und wieder kam ihr ein eigenartiger Gedanke. Wieso saß sie ihm eigentlich immer gegenüber. Hatte sie früher nicht neben ihm gesessen?

Was ist nur mit mir los?, fragte sie sich. Was stimmt bei mir nicht? Warum war Dr. Laurin so seltsam bestürzt?

Ja, er wirkte irgendwie geistesabwesend, ungläubig.

Ist es schlimmer, als er mir sagen wollte?, ging es ihr durch den Sinn.

»Warum isst du nicht?«, fragte Heiko.

»Ich habe gar keinen Hunger.«

»Du solltest nicht allein Auto fahren«, mahnte er.

»Ich habe mehr Angst, wenn ich Beifahrerin bin, das weißt du doch«, erwiderte sie.

»Ja, ich weiß es«, gab er tonlos zurück.

Oliver wurde die Stimmung unheimlich. »Ich probiere jetzt die Sachen an«, sagte er. »Darf ich? Ich bin satt.«

»Ja, geh nur«, erwiderte Vanessa gedankenlos. Und als der Junge das Zimmer verlassen hatte, fuhr sie, zu ihrem Mann gewandt, fort: »Ich war heute bei Dr. Laurin und habe mich untersuchen lassen, Heiko. Wir sprechen nachher darüber.«

Nachher! Es dauerte mehr als eine Stunde, bis Oliver im Bett war, eine Ewigkeit für Heiko Lauenstein, in der er hin und her gerissen wurde von Zweifeln und widersprüchlichen Gefühlen, aber als sich Vanessa dann zu ihm setzte, machte sie einen völlig gelösten Eindruck.

»Ein kleines, winzig kleines Myom ist daran schuld, dass ich noch kein zweites Kind bekommen habe«, sagte sie. »Es ist nur eine kleine Operation nötig, doch die sollte bald geschehen, hat Dr. Laurin gesagt. Er ist übrigens sehr nett. Angela hat nicht übertrieben.«

»Du hast mir nicht gesagt, dass du zum Arzt gehst«, warf Heiko ihr vor.

»Ich wollte dich nicht beunruhigen, Liebster«, erwiderte Vanessa sanft. »Ich möchte jetzt wirklich bald ein zweites Kind haben, und du weißt doch, wie sehr Oliver sich ein Schwesterchen wünscht.«

»Du hast genug durchgemacht, Vanessa, und ich auch. Ich will nicht, dass du neuen Gefahren ausgesetzt wirst, mein Liebes.«

»Aber das ist doch Unsinn. Es ist drei Jahre her, Heiko. Ich bin gesund, ich liebe dich. Ich will mich einmal erinnern können, wie es ist, ein Kind zu bekommen von dem Mann, den ich über alles liebe.«

Er erhob sich und trat hinter sie, sodass sie sein Gesicht nicht sehen konnte.

»Ich liebe dich mehr als alles auf der Welt«, flüsterte er. »Ich könnte es nicht ertragen, wenn du wieder einer Gefahr ausgesetzt würdest.«

Sie hob den Kopf. »Ich will nicht mehr daran denken, dass Violetta sterben musste!«, stieß sie hervor. »Ich will nicht daran erinnert werden. Ich lebe. Ich will leben und glücklich sein. Mit dir glücklich sein, Heiko. Ich will das Gefühl haben, dass ich als Frau vollkommen bin. Ich wünsche mir ein Kind oder zwei, oder gar noch drei.«

Ihm schnürte es die Kehle zu. »Ein Kind ist genug«, hatte Vanessa nach der Geburt von Oliver gesagt. »Noch einmal mache ich das nicht mit.«

Sie drehte sich um und legte die Arme um seinen Hals. »Ich liebe dich, ich liebe dich so sehr, Heiko«, flüsterte sie, und wieder sah er sie anders vor sich, mit flammenden Augen, mit Händen, die ihn zurückstießen.

»Ich habe mir alles anders vorgestellt«, hatte sie da gesagt. »Ich wusste nicht, was Liebe ist, als ich dich geheiratet habe. Ich liebe Wolf, finde dich damit ab. Gib mich frei.«

Aber jetzt blickte er in zärtliche, sehnsüchtige Augen. Vanessa schmiegte sich an ihn. »Wir leben«, hauchte sie. »Wir lieben uns. Bist du nicht glücklich, Liebster?«

»Ich bin sehr glücklich, Vanessa«, sagte er nach einem langen Kuss.

*

Alois Kerscher presste die Stirn an die weiß getünchte Wand neben der Tür, die zum Operationssaal führte. Schwester Marie hatte ihn nicht mit den beschwörendsten Worten veranlassen können, diesen Platz zu verlassen.

Kein Laut drang nach draußen, aber hinter dieser Tür ertönte ein leises Quäken, und ein zweites gesellte sich dazu. Schwester Irma war in diesem Augenblick der fast tödlichen Stille überdrüssig.

»Eins, zwei …«, zählte sie,

»Nummer drei«, fuhr darauf Dr. Laurin aufatmend fort, »und da haben wir ja noch eins. Nun mal schnell, Herrschaften. Sie sollen alle ihre Chance bekommen.«

Drei Buben und ein Mädchen, das war schon eine Seltenheit. Dr. Lenz, der jüngste der Ärzte, konnte sich die Bemerkung nicht verkneifen, dass Buben doch schneller wären als Mädchen, denn der weibliche Vierling nahm sich neben den drei des männlichen Geschlechtes recht armselig aus. Aber das winzige Mädchen schrie dann am lautesten, als wolle es kundtun, dass es sich im Leben behaupten wolle.

Und diese Minuten, die Anni Kerscher so herbeigesehnt hatte, für die sie unendliche Geduld und Opfer aufbrachte, verschlief sie in der Narkose.

»Wir müssen sie durchbringen, alle vier«, beschwor Dr. Laurin seine Mitarbeiter.

Schwester Irma lief der Schweiß über das Gesicht, genauso wie den Ärzten. In die Inkubatoren mussten sie alle.

Dr. Laurins ganze Aufmerksamkeit galt jetzt der Mutter dieses Quartetts. Aber Helga Kerscher war physisch und psychisch ganz auf die Geburt eingestellt gewesen. Sie hatte ungeheure Willenskraft bewiesen während der Behandlung, während der Schwangerschaft und auch in der Stunde, in der ihr Mann sie in die Klinik gebracht hatte.

»Ist doch alles bestens«, stellte Dr. Rasmus fest, der Blutdruck und Puls kontrollierte, während Dr. Laurin den Schnitt selbst vernähte.

Es war siebzehn Minuten nach acht Uhr, als Schwester Marie zu Alois Kerscher sagte: »Jetzt setzen Sie sich aber erst mal, Herr Kerscher. Kommen Sie, trinken Sie ein Gläschen Sekt.«

»Sekt?«, ächzte er. »Mein Leben lang habe ich keinen getrunken.«

»Es ist ja auch ein ganz besonderer Tag«, sagte Schwester Marie. »Drei Söhne und eine Tochter kann man nicht nur mit Bier begießen.«

Er wankte neben ihr her und begriff gar nichts, plumpste in den Lehnstuhl und starrte sie blicklos an.

»Drei Söhne und eine Tochter, Herr Kerscher«, wiederholte Marie. »Herzlichen Glückwunsch.«

»Mein Hellimäuschen«, murmelte er, »wie geht es meiner Frau?«

Schwester Marie kamen die Tränen. Mütterlich strich sie über sein schütteres Haar.

»Gut geht’s ihr, Herr Kerscher. Und staunen wird sie, was sie da zustande gebracht hat.«

»Sagen Sie es noch mal, Schwester Marie«, murmelte er.

»Drei Buben und ein Mädchen. Da werden Sie ganz hübsch in Atem gehalten werden.«

Er nahm ihre Hände und küsste sie. »Wenn sie uns nur erhalten bleiben«, stammelte er. »Wir haben ja vorgesorgt. Ist doch alles da, wenn alles gut geht.« Und die Tränen rollten ihm über das hagere Gesicht, während er das Sektglas leerte, das Schwester Marie flink gefüllt hatte. »Mit den Namen werden wir uns halt harttun«, brummelte er vor sich hin.

»Damit können Sie sich ja noch Zeit lassen, Herr Kerscher«, sagte Schwester Marie.

»Ich muss doch mit ihnen reden. Ich kann nicht einfach sagen: ›Du da‹. Was sollen sie denn von ihrem Vater denken? Wir konnten doch nicht wissen, dass es drei Buben und ein Mädchen werden. Helli hat gesagt, dass der Bub heißen soll wie ich, und ich hab gesagt, dass das Dirndl Helga heißen soll wie sie. Seien Sie mir net böse, Schwester, aber es ist halt ein bisserl viel auf einmal.«

»Jetzt beruhigen Sie sich erst mal, Herr Kerscher«, sagte Schwester Marie. »Vierlinge bekommen wir auch nicht alle Tage. Ich möchte mal nachschauen, ob alles in Ordnung ist.«

»Es muss alles in Ordnung sein«, flüsterte er. »Keines wollen wir hergeben. So lange haben wir sie uns gewünscht, und wenn dann alle auf einmal kommen, wollen wir sie auch behalten. Alles gebe ich dafür, sagen Sie es dem Herrn Doktor.«

Und Schwester Marie war glücklich, als Dr. Laurin sie lachend umarmte.

»Die vier sind wie ihre Eltern, Marie«, sagte er. »Die behaupten sich. Schauen Sie sich nur die Kleine an, so winzig und so zäh.«

»Wie die Mutter«, nickte Marie.

»Winzig ist sie ja nicht gerade, die Mutter«, lachte Dr. Laurin. »Wie hat es der Vater überstanden?«

»Da bin ich nicht sicher«, meinte Schwester Marie lächelnd. »Schauen Sie mal nach ihm.«