Eisblumenwinter - Anne Barns - E-Book

Eisblumenwinter E-Book

Anne Barns

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8,99 €

Beschreibung

Eine Winterliebe zwischen Nord- und Ostsee Mit ihrer Karamellwerkstatt auf Rügen lebt Pia erfolgreich ihren Traum. Und doch ist sie nicht glücklich. Denn Paul, der Mann, den sie liebt, lebt gut fünfhundert Kilometer entfernt auf der Insel Juist. Als ihre Großmutter sie bittet, sie auf eine Reise zu den Orten ihrer Kindheit zu begleiten, sagt Pia zu. Eine Auszeit mit ihrer Oma ist genau das, was sie jetzt braucht. Gemeinsam begeben sie sich auf Spurensuche in die Vergangenheit. Dabei entdecken sie eine Liebesgeschichte, die Zeit und Grenzen überdauert hat – und bis heute nachwirkt. »Ein Muss für jede Belletristikabteilung. Gern empfohlen.« (ekz.bibliotheksservice, 46/2020)

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Seitenzahl: 367

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Zum Buch:

Es ist nur ein Paar roter Stiefel, das Anni in ihren Händen hält, und doch bedeutet es ihr so viel mehr. Es birgt nicht nur die Erinnerung an Georg, ihre erste große Liebe, sondern auch die an ihre Tante Hedwig. Jahrzehntelang war Anni überzeugt, dass Hedwig längst gestorben ist, doch die Stiefel sind der Beweis, dass sie noch lebt. Doch warum hat sie sich nie wieder bei Anni gemeldet, sondern ist einfach aus ihrem Leben verschwunden? Anni spürt, dass hier ein Familiengeheimnis verborgen liegt, dem sie unbedingt auf den Grund gehen möchte, und so macht sie sich gemeinsam mit ihrer Enkelin Pia auf den Weg an den Schönberger Strand – den Ort, an dem Anni geboren wurde und den sie doch noch nie besucht hat.

Zur Autorin:

Anne Barns ist ein Pseudonym der Autorin Andrea Russo. Sie hat vor einigen Jahren ihren Beruf als Lehrerin aufgegeben, um sich ganz auf ihre Bücher konzentrieren zu können. Sie liebt Lesen, Kuchen und das Meer. Zum Schreiben zieht sie sich am liebsten auf eine Insel zurück, wenn möglich in die Nähe einer guten Bäckerei.

Lieferbare Titel:

Apfelkuchen am Meer Drei Schwestern am Meer Honigduft und Meeresbrise

HarperCollins®

Auch wenn einige Schauplätze real existieren, sind alle handelnden Personen und die Handlung in dieser Ausgabe frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig. Copyright © 2020 by HarperCollins in der HarperCollins Germany GmbH, Hamburg Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover

Covergestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur AG, Zürich Coverabbildung: nadezhda F, Niko28, Hintergrund: greoli / Shutterstock Lektorat: Christiane Branscheid E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN E-Book 9783959675789

www.harpercollins.de

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Gedicht

Morgensonne im Winter

Auf den eisbedeckten Scheiben

fängt im Morgensonnenlichte

Blum und Scholle an zu treiben …

Löst in diamantnen Tränen

ihren Frost und ihre Dichte,

rinnt herab in Perlensträhnen …

Herz, o Herz, nach langem Wähnen

laß auch deines Glücks Geschichte

diamantne Tränen schreiben!

Christian Morgenstern

1. Kapitel

Ich würde die Ostsee vermissen, denke ich, und ziehe mir die Wollmütze etwas tiefer ins Gesicht. Heute ist das Thermometer unter fünf Grad minus gefallen, aber die Temperatur fühlt sich wesentlich kühler an. Der eisige Wind sucht sich nicht nur seinen Weg durch die Kleidungsstücke, er peitscht auch das Wasser gegen die Küste.

Zum Rauschen des Meeres gesellt sich das Klackern der Kiesel und Feuersteine, die von den Wellen an Land gespült werden. Mit viel Glück kann man sich heute über ganz besondere Fundstücke freuen. Die stürmischen Herbst- und Wintermonate sind die beste Zeit, um Bernstein, Hühnergötter, Donnerkeile und schöne Treibholzstücke zu sammeln. Mein Rucksack ist bereits voller Kostbarkeiten, obwohl ich gerade mal zwanzig Minuten unterwegs bin. Aber meine Augen wandern automatisch immer wieder nach unten und suchen den Boden ab.

Ich bücke mich und hebe einen besonders schönen Kieselstein auf, der mich an die Form eines Herzens erinnert. Er fühlt sich glatt an – und kalt. Wie mein Herz, denke ich, und lasse ihn schnell in meiner Jackentasche verschwinden.

Rügen hat viele schöne Strände, aber diesen naturbelassenen Steinstrand unterhalb des Buchenhains mag ich immer noch am liebsten. Das Ufer ist um diese Jahreszeit menschenleer. Ende November verschlägt es nicht viele Touristen zu uns auf die Insel, und wenn, sind sie in der Regel an den feinsandigen Strandabschnitten unterwegs.

Ich richte den Blick nach oben. Unzählige kleine Wolken haben sich wie ein dichter Schleier über den Himmel gelegt. Nun wird es nicht mehr lange dauern, bis die ersten Schneeflocken fallen. Es ist zwar sehr kalt, aber die Luft ist dennoch feucht. Vielleicht noch ein, zwei Tage, dann wird eine dicke Schneeschicht die Strände bedecken. Ich liebe die Stille und die Muße, die der Winter mit sich bringt. Aber auch die anderen Jahreszeiten haben für mich ihre Reize. Im Frühling und im Sommer leuchtet die Insel in satten Grüntönen. Das Weiß der Kreidefelsen und die Blätter der Buchen spiegeln sich dann im Wasser und lassen es in einem leuchtenden Türkis erstrahlen. Im Spätsommer und Herbst tauscht die Natur die Farben, und Gelb-, Rot- und Brauntöne hüllen die Insel in warmes Licht.

Die farbigen Monate sind jedoch vorbei, die Bäume haben längst ihr Laub abgeworfen. Ich schaue zum Hügel, auf dem die kahlen Äste der Buchen im Wind gegeneinander krachen, und atme tief die salzhaltige Luft ein. Eine Bö bläst eisigen Wind in mein Gesicht und treibt mir die Tränen in die Augen. Es wird Zeit, hoch zum Haus zu gehen.

Da reißt plötzlich der Himmel auf, die Sonne bahnt sich ihren Weg durch das milchige Weiß der Wolken und lässt das trübe Wasser der Ostsee silbern glitzern. Der Anblick ist unbeschreiblich schön. Einen Moment noch gebe ich mich ganz dem gewaltigen Naturschauspiel hin, das sich direkt vor meinen Augen entfaltet. Und mir wird wieder einmal bewusst, wie verbunden ich mich mit dem Meer, Rügen, aber auch mit den Menschen hier fühle.

»Es geht nicht«, sage ich leise zu mir selbst. »Ich kann hier unmöglich weg.« Halt suchend schiebe ich meine Hände in die Jackentaschen und umschließe den immer noch kalten Herzkiesel mit meinen Fingern.

Der Stein ist warm, als mein Handy klingelt. Katharina oder Jana, denke ich, sie warten sicher schon. Eilig hole ich das Smartphone aus der kleinen Seitentasche meines Rucksacks.

»War ja klar«, murmele ich vor mich hin, weil das Klingeln natürlich genau dann aufhört, als ich das Gespräch annehmen möchte. Doch nur ein paar Sekunden später geht es von vorne los, und ich weiß, wer da anruft, bevor ich auf das Display schaue. Das kann nur Jana sein. Katharina hätte es nicht zweimal so kurz hintereinander versucht. Sie hätte gewartet, bis ich mich zurückmelde. Jana war schon immer die ungeduldigste von uns Schwestern.

»Ich stehe noch unten am Wasser, in zehn Minuten bin ich da«, sage ich.

»Okay, aber nicht trödeln, weil du irgendein besonders großes Stück Treibholz bergen und nach Hause schleppen musst.« Meine kleine Schwester legt eine bedeutungsvolle Pause ein. »Thea ist nämlich auch da. Und sie hat den angeblich besten Rührkuchen der Welt mitgebracht. Wenn du dich nicht beeilst, fangen wir ohne dich an und essen alles auf.«

Bei dem Gedanken an die lieben Menschen, die bei Oma auf mich warten, geht es mir sofort ein bisschen besser. »Zehn Minuten, länger brauch ich nicht.«

Ich lege auf und lasse das Handy in die Tasche meiner dicken Daunenjacke gleiten.

Große graue Schaumkronen zieren den Spülsaum, Steine und kleine Muscheln knirschen unter meinen Füßen. Ich gehe direkt am Wasser entlang, bis ich die Stelle erreiche, von der die schmale Treppe durch den Hain hinaufführt bis zum Garten meiner Oma, der hinter dem Haus liegt.

Die in die Erde eingearbeiteten Holzstufen habe ich gemeinsam mit meinen Schwestern im Sommer instand gesetzt. Das war längst überfällig gewesen, so wie viele weitere kleinere Ausbesserungsarbeiten im und am Haus. Oma hat uns allen einen gewaltigen Schrecken eingejagt, als sie vor zweieinhalb Jahren wegen eines Herzstillstandes ein paar Tage in einem künstlichen Koma lag. Und es hat uns bewusst gemacht, dass wir uns viel mehr um sie kümmern müssen. Sie ist zwar für ihre nun fünfundsiebzig Jahre sehr fit, schafft aber nicht mehr alles allein. Und das muss sie auch nicht, denn sie hat Katharina, Jana und mich.

Die Daunenjacke hält zwar Kälte und Wind hervorragend ab, aber bei Anstrengung heizt sie ordentlich auf. Ich gehe also langsam Stufe für Stufe nach oben. Gerade als ich am Gartentor ankomme, piept mein Handy und kündigt eine Nachricht an. Ich zögere einen Moment, bin jedoch zu neugierig, um sie nicht zu öffnen.

Jana hat mir ein Foto von der gedeckten Kaffeetafel geschickt, die mich gleich erwartet. In der Mitte des massiven Eichentisches zähle ich fünf verschiedene Kuchen. Meinen eigenen, den ich vor meinem Spaziergang schon bei Oma abgegeben habe, und vier weitere Backkunstwerke, die uns den Nachmittag versüßen werden. Für jede von uns einen Kuchen, denke ich schmunzelnd, das wird eine Schlemmerei. Da bemerke ich, dass Oma für sechs Personen gedeckt hat. Thea ist da, Omas Nachbarin und Freundin, das hat Jana eben schon erwähnt. Aber für wen ist der sechste Teller?

Vielleicht ist Opa Georg aus Kalifornien zurück, überlege ich, während ich durch den Garten gehe. Er ist zwar ein Mann und würde deswegen eigentlich nicht zu unserem jährlichen Ersten-Advents-Frauenkaffeeklatsch passen, aber für ihn würde ich freudig eine Ausnahme machen.

Dass meine Annahme falsch ist, stelle ich nur wenig später fest, als ich gegen die Terrassentür klopfe. Der ominöse Gast ist Omas Schwester, die winkend durch das Wohnzimmer herüberläuft und mich reinlässt.

»Pia, da bist du ja.«

»Hallo, Erika. Schön, dass du auch hier bist.« Ich drücke sie und deute mit dem Kopf auf den Tisch. »Wo sind sie denn alle?«

Erika lacht. »Wo schon? In der Küche natürlich. Deine Schwestern hocken vor dem Ofen und passen auf, dass die Haselnüsse beim Karamellisieren nicht verbrennen. Meine Schwester schlägt Sahne. Und Thea unterhält alle mit dem neuesten Tratsch der Insel.«

»Kommt mir irgendwie bekannt vor.«

»Ja, ist das nicht schön? Wie immer, wenn ihr alle zusammen seid.« Erika lächelt sanft. Sie hat einen Sohn und zwei Enkelsöhne, die sie sehr liebt, doch insgeheim hatte sie sich immer ein Mädchen gewünscht, wie sie uns mal augenzwinkernd erzählt hat. »Ich sag Bescheid, dass du da bist.«

»Ach was, ich komm direkt mit«, erwidere ich, doch Erika ist bereits auf dem Weg in die Küche.

Hier drinnen ist es muckelig warm. Im alten Kamin prasselt das Feuer, und es duftet nach harzigen Wacholderzweigen, die darin knisternd verbrennen. Ich stelle meinen Rucksack auf den Boden, ziehe Stiefel und Jacke aus, gehe ein paar Schritte durch das Wohnzimmer und halte meine Hände ganz nah an die türkisfarbenen Kaminkacheln, die schon über siebzig Jahre alt sind.

Da höre ich das Lachen meiner Schwestern und schließlich Jana rufen: »Karamellisieren im Backofen funktioniert, Pia! Komm mal gucken.«

Ein Lächeln huscht über mein Gesicht. »Ja, gleich!«, rufe ich zurück. Erst einmal muss ich mich wenigstens für einen klitzekleinen Moment aufwärmen und den unbeschreiblich schönen Ausblick genießen, den man von hier hat.

Ich gehe zum Fenster, bringe mit meinen Fingern sanft das Windspiel zum Klingen, das vom Fenstersturz baumelt. Dann lasse ich meinen Blick zwischen den kahlen Buchen hindurch bis zum Meer schweifen, das heute stürmischer als sonst im steten Rhythmus auf das Ufer zurollt und sich wieder zurückzieht. Auch wenn ich es bei geschlossenem Fenster nicht hören kann, habe ich noch immer das beinahe musikalische Klickern der Steine in den Ohren, die in der Brandung tanzen.

Es dauert nicht lang, da höre ich Schritte und ein weiches »Pia …«. Katharina ist ins Wohnzimmer gekommen.

Ich drehe mich zu ihr um. »Hey.«

Schon steht sie neben mir und streicht mit der Hand über meinen Rücken. »Und, hat Paul sich gemeldet?«

»Ich habe ihn darum gebeten, es bleiben zu lassen. Diesmal hält er sich daran. Wir kommen sonst nie voneinander los.«

Meine Schwester legt ihren Arm um mich. »Sehr schlimm?«

»Ja.« Ich deute mit dem Kopf in Richtung des Fensters. »Weißt du, was verrückt ist? Wenn ich Paul von hier aus mit dem Boot auf Juist besuchen wollen würde, müsste ich einmal um Dänemark segeln.«

Warum musste ich mich auch ausgerechnet in einen Mann verlieben, der auf Juist lebt? Von Anfang an hatte ich gewusst, dass die Beziehung aufgrund der Entfernung zum Scheitern verurteilt ist. Aber mein Herz wollte es anders. Und jetzt tut es einfach nur unbeschreiblich weh, weil ich recht behalten habe. Weil wir es wirklich nicht geschafft haben. Beide sind wir zu verwurzelt mit unseren Inseln, unseren Familien und den Freunden. Paul will nicht nach Rügen, ich nicht nach Juist.

»Von der Ostsee in die Nordsee«, sagt Katharina, und ich nicke. Aus der Küche ertönt ein Poltern, und kurz darauf hören wir unsere kleine Schwester fluchen.

»Das waren bestimmt die Nüsse.« Katharina lächelt. »Da lässt man das Nesthäkchen einmal allein.«

»Das mit dem Karamellisieren im Ofen könnt ihr sowieso vergessen«, sage ich. »Das klappt zwar, aber aus der Pfanne schmecken sie viel besser.« Ich schnappe mir meine Jacke und die Schuhe. »Lass uns nachschauen, was in der Küche los ist.«

»War nicht meine Idee mit dem Ofen«, erklärt Katharina, »sondern Erikas. Sie meinte, das ginge schneller. Wusstest du, dass sie heute auch kommt?«

Ich schüttele den Kopf. »Dass Thea dabei ist, hat Jana mir vorhin erzählt, aber Erika hat sie nicht erwähnt.«

Katharina bleibt im Türrahmen stehen und sieht freudig zur Kaffeetafel. »Sie hat von unserem kleinen Wettbacken erfahren und auch einen Kuchen mitgebracht.«

»Vielleicht ist sie deswegen heute gekommen«, überlege ich laut. »Sie steht ja auch gerne in der Küche und zaubert Leckereien.«

Doch Katharina winkt ab. »Da ist irgendwas anderes im Busch. Sie ist verdammt gut gelaunt, so kenne ich sie gar nicht. Das hat Oma auch schon festgestellt und direkt gefragt, was los sei. Aber Erika tut ganz geheimnisvoll. Sie will es uns erst nach dem Kaffeetrinken sagen, wenn wir alle gemütlich beisammensitzen.«

»Vielleicht hat sie den Jackpot im Lotto geknackt, einundzwanzig Millionen«, witzele ich. »Ich habe heute Morgen erst im Radio gehört, dass der Gewinner aus Mecklenburg-Vorpommern kommt.«

»Spielt Erika denn Lotto?«, fragt Katharina. »Kann ich mir nicht vorstellen.«

»Hast du auch wieder recht, dafür ist sie viel zu realistisch.« Ich zucke mit den Schultern. »Wäre ja auch zu schön gewesen.«

Lächelnd gehen wir durch den Flur in Richtung Küche. »Ich schalte eben noch mein Handy aus«, erkläre ich. Als wir an der Garderobe vorbeikommen, hänge ich meine Jacke auf und stelle die Schuhe darunter. »Dann komm ich gar nicht erst in Versuchung nachzuschauen, ob Paul sich vielleicht doch meldet.«

»Guter Plan, meins mache ich auch gleich aus«, sagt Katharina. »Lass uns den Tag einfach genießen.«

In der Küche krabbelt Jana auf allen vieren unter dem Küchentisch herum. »Ist ja nicht das erste Mal, dass sich die Nüsse über den ganzen Fußboden verteilen«, mault sie. »Ich habe nur einmal kurz weggeschaut, schon waren die blöden Dinger im Ofen fast verkohlt. Und beim Rausziehen ist mir natürlich das heiße Blech aus den Händen gefallen.«

»Hast du dich verbrannt?«, fragt Katharina.

»Ja, aber nur ein bisschen, ist nicht schlimm. Ich habe es gleich unter kühles Wasser gehalten.«

»Zeig!«

Ich muss lachen, als ich sehe, wie Jana mit den Augen rollt und »Zu Befehl, Frau Doktor« sagt.

Kurz darauf steht Jana vor uns, streckt Katharina die linke Hand hin und drückt mir dabei einen Kuss auf die Wange. »Hallo, Pia.«

»Hi.« Ich wuschele der Jüngsten in unserem Dreierbunde durch das rote lockige Haar, das sie sich letzte Woche von Thea hat kurz schneiden lassen. Omas Freundin war früher Friseurin und setzt bei Gelegenheit noch immer leidenschaftlich gern die Schere an.

»Steht deiner Schwester gut«, sagt Erika. »Der Kurzhaarschnitt betont ihr schönes Gesicht. Und da sie die Rundungen an den richtigen Stellen hat, wirkt sie trotzdem noch weiblich.«

»Was bedeutet, dass ich zu fett geworden bin«, erklärt Jana.

Erika schüttelt entrüstet den Kopf. »Ach was! Wer sagt denn so was?«

»Du!«, erwidert Jana. »Außerdem hast du mir zur Begrüßung in die Wange gekniffen und gesagt, ich würde gut aussehen – so richtig schön gesund. Das ist ein Zeichen dafür, dass dir aufgefallen ist, dass ich zugenommen habe.«

»Papperlapapp!«, ruft Oma quer durch die Küche. »Hör auf rumzujammern, Jana. Wenn du dich nicht wohlfühlst in deinem Körper, iss weniger Kuchen.«

»Meiner ist ganz ohne Butter«, meldet sich Thea zu Wort. »Den kannst du ohne schlechtes Gewissen genießen.«

Meiner auch, und ich habe sogar auf die Eigelbe verzichtet. Aber das behalte ich vorerst für mich.

»Hab ich jetzt auch verstanden, Thea«, grummelt Jana vor sich hin.

Ich muss lachen. Und auch Katharina stimmt mit ein.

Dann wird sie wieder ernst und deutet auf Janas Hand. »Lass uns ins Bad gehen, Jana. Ich möchte deine Wunde gern mit einer Brandsalbe versorgen.«

»Okay.«

Die beiden sind schon im Flur, als Jana noch mal zurückkommt. »Apropos Kuchen. Ich bin mir sicher, dass meiner heute gewinnt!« Sie grinst. »Es stecken nämlich jede Menge Butter und Kokosöl darin. Und Fett ist ja bekanntlich ein Geschmacksträger.«

»Na, dann habe ich ja auch noch Chancen.« Oma linst stolz zur Arbeitsplatte, auf der ein verführerisch aussehender Kastenkuchen steht. »In meinem sind Sahne und Butter.«

»So viele leckere Köstlichkeiten. Ich kann es kaum abwarten! Aber jetzt kommt erst mal her …« Ich drücke Thea und schließe danach Oma ganz fest in die Arme. Dabei fällt mir wieder einmal auf, dass auch sie glücklicherweise zugenommen hat. Bei ihr trifft der Spruch zu, den ich jetzt mit einem breiten Grinsen auf den Lippen unbedingt wiederholen muss: »Gut siehst du aus, Oma – und so richtig schön gesund.«

»Genau sechseinhalb Kilo seit meinem unfreiwilligen Krankenhausaufenthalt«, sagt sie zufrieden. »So schwer war ich noch nie.«

Thea greift nach der Platte mit dem Kastenkuchen. »Steht dir sehr gut, Anni. Schaust viel jünger aus. Kuchen macht nicht dick, er bügelt nur die Falten glatt.« Sie sieht uns auffordernd an. »Und jetzt will ich wissen, welcher am besten schmeckt. Also, worauf warten wir?«

2. Kapitel

Als Katharina mit Jana zurück in die Küche kommt, hat sie unsere Schwester nicht nur mit Brandsalbe versorgt, sondern ihr auch die Hand verbunden.

»Zum Glück ist es die linke«, sagt Jana, setzt sich neben Oma und lässt ihren Kopf für einen Moment auf deren Schulter sinken. »Machen wir nachher noch mal gemeinsam ein paar karamellisierte Nüsse?«

»Ja, Schatz«, sagt Oma – und mein Herz schmilzt beim Anblick der beiden.

Wir alle stehen unserer Oma sehr nah. Das Verhältnis zwischen Jana und ihr ist jedoch besonders innig, da Oma sozusagen die Mutterrolle für sie übernommen hat. Jana war erst fünf, als unsere Eltern bei einem Verkehrsunfall ums Leben kamen und wir zu meinen Großeltern nach Rügen gezogen sind. Ich war dreizehn, Katharina schon fünfzehn. Jetzt ist Jana dreiundzwanzig, aber sie kommt mir manchmal noch vor wie das kleine Mädchen von damals, das ständig Blödsinn im Kopf hatte.

Katharina, die neben mir sitzt, sieht das anscheinend ähnlich.

»Unser Nesthäkchen und Oma … Süß, die beiden«, sagt sie leise.

Da fragt Erika: »Hast du den Adventskranz gemacht, Pia? Er ist wunderschön.«

»Ja. Freut mich, dass er dir gefällt.« Dieses Jahr habe ich ihn sehr schlicht gehalten und einfach vier schöne große weiße Kerzen auf eine dicke Baumstammscheibe gestellt, die mir ein Förster bei einem Spaziergang durch den Wald geschenkt hat. Dazu habe ich einige Eukalyptuszweige aus dem Garten gelegt und ein paar kleine Lärchenzapfen, mehr nicht. Normalerweise prangt der Kranz mitten auf dem Tisch, doch da ist heute kein Platz. Deswegen hat Oma ihn auf die Kommode hinter ihrem Lesesessel gestellt und die erste Kerze angezündet, bevor wir uns alle um den großen Esstisch gesetzt haben.

»Schöne Idee.« Erika lächelt mir zu. »Weniger ist manchmal eben doch mehr.«

»Das war auch mein Gedanke«, erkläre ich.

Da klopft Oma vorsichtig mit ihrem Kaffeelöffel gegen ein Glas, in dem einige Zehneuroscheine stecken.

»So, die Damen«, sagt sie. »Dann schauen wir doch mal, was wir letztes Jahr zu dieser Zeit schriftlich festgehalten haben.« Sie nimmt den Zettel, der neben ihrem Teller liegt und liest mit feierlicher Stimme vor: »Am nächsten ersten Advent Kaffeetrinken bei Oma, dazu Kuchenwettbewerb, Einsatz: zehn Euro. Aufgabe: ein schlichter Rührkuchen, hell, ohne Schnickschnack. Erlaubt: Mehl, Eier, Fett, Zucker, Milch, Sahne, Backpulver, Vanille. Jede hat eine Stimme, darf aber nicht den eigenen Kuchen wählen. Die Wahl findet geheim statt. Die Gewinnerin bekommt den Wetteinsatz und eine Urkunde.« Oma lässt den Blick durch die Runde schweifen. »Ich denke, es ist in Ordnung, dass ich Teilnehmerinnen hinzugefügt habe. Erika und Thea haben ihren Einsatz schon gezahlt. Der Pott ist somit auf sechzig Euro gewachsen.«

Katharina, Jana und ich nicken einträchtig. Dass die spontane Idee, die wir letztes Jahr am ersten Advent hatten, so einen Spaß machen würde, hätte ich nicht gedacht. Den anderen scheint es ähnlich zu gehen. Alle haben wir ein breites Lächeln oder Grinsen auf dem Gesicht. Nur Oma zieht die Sache mit gespielt ernster Miene durch. »Gut«, sagt sie. »Dann verkünde ich den ersten Nachtrag: Katharina, Pia und Jana verpflichten sich, für den nächsten Tag Urlaub zu nehmen, damit sie die Siegerin am Abend ordentlich feiern und dann bei Oma schlafen können. Außerdem: Die Gewinnerin darf bestimmen, welcher Kuchen zum nächsten Adventswettbewerb gebacken werden muss. Und zu guter Letzt: Nach dem Kaffeetrinken wird das Weihnachtswichteln ausgelost.« Noch einmal sieht Oma uns reihum an. »Da Erika und Thea mitmachen, würde ich die Bescherung dann auf den zweiten Weihnachtstag verlegen, wenn wir uns alle zum Gänseessen hier treffen. Irgendwelche Einwände?«

»Nein!«, platzt Jana in leicht ungeduldigem Ton heraus. »Jetzt mach schon, schneid an!«

Oma lächelt und greift zum Messer. »Dann mal los! Wie sieht’s aus? Schafft ihr ein ganzes Stück von jedem? Soll ich halbieren, vierteln?«

»Halbieren«, schlage ich vor. »Jeweils ein ganzes schaffe ich nicht, und ein Viertel ist zu wenig, um es beurteilen zu können. Ich schenke uns schon mal Kaffee ein.«

Oma legt los – und Jana assistiert. Sie steckt Zahnstocher mit kleinen beschrifteten Fähnchen in die Kuchenstückchen. Aber das ist noch nicht alles – die beiden haben sich wirklich Mühe mit der Vorbereitung des Wettbewerbs gegeben. Wir bekommen auch einen Zettel, auf dem die verschiedenen Kuchen aufgelistet sind. Daneben befinden sich kleine Kästchen zum Ankreuzen.

»Damit es auch wirklich eine geheime Wahl ist«, erklärt Jana. »Sonst erkennt man an der Schrift, wer welchen Kuchen ausgesucht hat.«

»Die sehen alle gut aus!« Katharina hebt den Teller hoch und betrachtet die Stückchen, die Oma wie eine Sonne darauf angeordnet hat.

»Pias Angel Cake«, liest Thea vor, »Katharinas Hot Milk Cake, habt ihr keine normalen Rezepte gefunden?«

»Theas Obersgugelhupf«, kontere ich. »Du hast dich doch offensichtlich auch nicht an die lokalen Rezeptbücher gehalten. Sag mal – von wegen keine Butter –, Obers ist Sahne. Wie viel davon steckt in deinem Kuchen?«

»Ein halber Liter«, erklärt Thea. »Das sind allerdings nur knapp tausend Kalorien, zweihundertfünfzig Gramm Butter haben tausendachthundert, also fast das Doppelte. Aber deswegen habe ich ihn nicht gebacken, sondern weil er schmeckt!«

»Sieht auf jeden Fall gut aus.« Ich schaue mir die weiteren Fähnchen an. »Erikas Rührkuchen, Annis Rührkuchen und … Janas weltbester Kalorienbombenrührkuchen. Womit soll ich nur anfangen?«

»Egal womit, schmecken ganz sicher alle«, sagt Katharina da neben mir. Sie hat nicht lang gewartet und schon probiert. »Deiner hat übrigens eine spannende Konsistenz.« Sie grinst. »Wie eine Mischung aus Zuckerwatte und Gummi.«

»Findest du?« Ich breche ein Stück meines Kuchens ab und teste ihn zuerst auf seine Biegsamkeit. »Stimmt. Aber schmeckt trotzdem ungemein gut, oder? Ist mal was anderes.«

»Dein Engelskuchen schmeckt aber interessant«, meldet sich Erika prompt zu Wort.

»Interessant«, wiederhole ich. »Hast du das gehört, Katharina? Ich schätze mal, damit bin ich aus dem Rennen.«

Sie nickt, sagt »glaub ich auch« und zeigt auf Theas Sahnekuchen. »Probier den mal. Der ist echt gut.«

»Stimmt, sehr lecker, schön locker, aber nicht zu trocken.« Ich nasche mich durch die verschiedenen Kuchenstückchen, stelle fest, dass Omas und Erikas fast gleich schmecken, und kann mich am Ende nicht zwischen Katharinas und Janas entscheiden.

»Darf ich auch zwei Kreuze machen?«, frage ich.

»Nein«, antwortet Oma schlicht.

Da mir die Wahl wirklich schwerfällt, Jana aber immer noch den Kükenbonus hat, wähle ich ihr kalorienreiches Backkunstwerk und schiele rüber auf Katharinas Zettel.

»Habe ich auch gewählt«, sagt sie und schmunzelt.

So viel zum Thema geheime Wahl. Aber Spaß macht es allemal, so viel, dass ich den Teller leer putze und am Ende nur der Rest meines Angel Cakes vor mir liegt.

Ich drücke ihn mit Daumen und Zeigefinger zusammen. »Schmeckt dir mein Kuchen echt nicht, Katharina?«, frage ich.

Sie lacht und verschluckt sich fast, da sie noch kaut.

Da klopft Oma wieder gegen das Glas. Sie hält lächelnd unsere Stimmzettel hoch, wedelt sich damit Luft zu und verkündet: »Das Ergebnis ist recht eindeutig. Ein Kuchen mit vier Punkten, einer mit zwei. Den Gewinnerkuchen hat …« Mein Blick geht zu Jana, aber ich liege falsch. »… Katharina gebacken. Dein heißer Milchkuchen hat am besten abgeschnitten. Ich hoffe, du verrätst uns allen das Rezept.« Sie sieht zu ihrer Schwester. »Kann es sein, dass wir nach dem gleichen Rezept gebacken haben?«

»Wenn du das unserer Mutter genommen hast, ja«, antwortet Erika.

Oma nickt. »Der gute alte Pfundkuchen.«

»Der Klassiker, den wollte ich auch erst backen«, erklärt Thea. »Wer hat denn den zweiten Platz belegt?«

»Jana«, antworten Katharina und ich gleichzeitig.

»Deiner ist aber auch echt super, Katharina. Und deinen Engelskuchen fand ich eigentlich gar nicht so schlecht, Pia.« Jana grinst frech. »Hat mich ein bisschen an das viskoelastische Schaumstoffkissen erinnert, das ich mir letztens gekauft habe. Wie hast du ihn so hinbekommen?«

»Eiweiß, Mehl, Zucker, meiner ist also komplett fettfrei – aber ich mag ihn!«, erkläre ich.

Und dann reden alle durcheinander. Am Ende sind wir uns einig. Alle Kuchen schmecken lecker, sogar meiner. Und doch war Katharinas der beste.

Oma überreicht ihr lächelnd eine hübsch gestaltete Urkunde und das Glas mit den Geldscheinen. »Was soll es nächstes Jahr werden?«

Ich rechne felsenfest mit Schokokuchen, aber da habe ich mich getäuscht.

»Stollen!«, verkündet meine Schwester – und ein kleiner Stich fährt mir durchs Herz.

Seit wir hier beisammensitzen, habe ich nicht mehr an Paul gedacht. Doch jetzt sehe ich ihn in Gedanken sehr klar vor mir. Seine blonden zerzausten Haare, seine sanften braunen Augen mit den bernsteinfarbenen Sprenkeln, die an diesem Abend so fröhlich gefunkelt haben. Was hatten wir für einen Spaß! Über hundert kleine Stollen haben wir für Merle, eine Freundin von Paul, gebacken, gemeinsam mit anderen Freunden, die auch geholfen haben. Im Teig steckte eine ordentliche Portion Rum – und auch im Grog, den wir dabei getrunken haben. Die Backaktion ist jetzt sechs Wochen her. Es war das letzte Mal, das ich auf Juist war. Merle hat die kleinen Stollen in Gläsern gebacken und sie somit haltbar gemacht. Am nächsten Tag habe ich geholfen, die Gläser zu beschriften. Da mir die dafür vorgesehenen Etiketten zu langweilig vorkamen, habe ich vorgeschlagen, eine dünne Kordel mit einer kleinen Muschel und einem Pappschildchen darumzubinden. So ist der »Inselstollen im Glas« entstanden, den Merle in ihrem Juister Café und über ihren Onlineshop verkauft. Drei davon hat sie mir geschickt. Sie sind mittlerweile leer. Aber die Gläser stehen immer noch in meinem Atelier. Ich habe sie mit Sand gefüllt und jeweils ein kleines Teelicht hineingestellt.

»Pia?« Katharinas Stimme dringt wie durch Watte zu mir. »Alles in Ordnung?«

Ich schüttle den Kopf, als wollte ich so die Gedanken vertreiben, bevor ich antworte: »Ja, alles gut.« Ich setze mich aufrecht hin, straffe die Schultern und lächle. Heute ist ein schöner Tag, den ich genießen möchte.

Katharina reicht mir eine hohe schmale Keramikdose. »Zieh ein Los.«

»Ach, ja …« Ich greife hinein, falte den Zettel auseinander, lese den Namen darauf und lasse das Stück Papier grinsend in meiner Hosentasche verschwinden.

»Eine sehr schöne Idee«, sagt Erika, nachdem auch sie ihren Zettel auseinandergefaltet hat. Doch schon kurz darauf räuspert sie sich. »Und jetzt? Ich habe mich selbst gezogen.«

»Dann alles noch mal zurück in den Topf«, bestimmt Oma. »Wir losen neu aus.«

»Schade«, sage ich zu Katharina. »Ich hatte dich.«

»Und ich Oma.« Sie senkt ihre Stimme. »Hoffentlich bekomme ich jetzt nicht Erika. Ich habe nämlich keine Ahnung, was ich ihr schenken könnte.«

»Aber schön, dass sie dabei ist.« Ich grinse. »Das macht es spannender.«

Im letzten Jahr hatte Jana die Idee, das klassische Vorweihnachtswichteln etwas abzuwandeln. Anstatt für jeden ein kleines Weihnachtsgeschenk zu kaufen, wollte sie lieber für eine von uns ein richtig schönes aussuchen und auch etwas mehr dafür ausgeben wollen. Wir waren alle begeistert und sind es noch. Jede von uns wartet gespannt darauf, zu erfahren, wen sie beschenken darf.

Die Dose geht zum zweiten Mal rum, ich ziehe – und habe Erika erwischt.

»Dein Gesicht spricht Bände«, flüstert Katharina und faltet ihren Zettel, sichtlich gut gelaunt, wieder zusammen.

»Ach was, ich liebe Herausforderungen«, entgegne ich und schaue unauffällig rüber zu Omas Schwester, die sich angeregt mit Thea unterhält.

So richtig gut verstanden haben sich Oma und Erika früher nicht. Das hat sich erst geändert, nachdem wir alle mehrere Tage um Oma bangen mussten. Besonders Erika hat die Nachricht damals schwer getroffen. Eine Weile vor Omas Krankenhausaufenthalt hatten die Schwestern sich gestritten und seitdem kein Wort mehr miteinander geredet. Doch der Vorfall hatte sie beide aufgerüttelt und dafür gesorgt, dass sie sich, sobald es Oma besser ging, ausgesprochen und die Missverständnisse aus dem Weg geräumt hatten. Seitdem kommt Erika noch häufiger vorbei als vorher, um Oma zu besuchen.

Katharina hängt, genau wie ich, ihren Gedanken nach. Ihre Augen sind kleiner als sonst, und darunter entdecke ich leichte Schatten. Wahrscheinlich hat sie wieder mal zu viel gearbeitet. Sie nippt an ihrem Kaffee, ihren Blick auf Oma und Jana gerichtet, die gedämpft miteinander sprechen.

»Ist mit Jana alles in Ordnung?«, frage ich so leise, dass nur Katharina mich verstehen kann.

»Wieso?« Sie sieht mich überrascht an. »Sie hatte den ganzen Tag gute Laune.«

»Dann ist ja gut. Ich hatte nur so das Gefühl. Und du? Was ist mit dir? Du wirkst müde. Hattest du wieder Nachtschichten in der Klinik?«

»Auch. Den Rest erzähle ich dir später in Ruhe. Wir haben ja noch genug Zeit.«

Katharina ist Ärztin. Sie hat vor zwei Jahren ihren Job in Berlin aufgegeben, hat sich von ihrem Freund getrennt und ist zu unserer Freude zurück nach Rügen gekommen, um wieder in Omas Nähe sein zu können. Seitdem arbeitet sie in der Bergener Klinik. Ursprünglich hatte sie vor, Omas Haus umzubauen und hier mit einzuziehen, aber dann kam alles ganz anders.

Unser Opa, den Oma jahrzehntelang für tot gehalten hatte und von dessen Existenz wir bis dahin nichts wussten, ist plötzlich aufgetaucht und weicht seitdem nicht mehr von Omas Seite – es sei denn, er ist für ein paar Tage oder auch mal Wochen in den USA, wo er lange Zeit gelebt hat.

Auch in Katharinas Leben spielt wieder ein Mann eine Rolle. Sie hat sich verliebt und ist letztes Jahr zu Miro nach Sagard gezogen, wo Miro seine Arztpraxis hat. Jana studiert immer noch Psychologie in Greifswald, kommt aber sooft sie kann nach Rügen. Und ich? Ich liebe einen Mann, der auf Juist lebt, aber auch die Insel, auf der ich lebe, meine Schwestern, meine Karamellwerkstatt, dieses Haus hier, die Ostsee – und natürlich Oma.

»Warum muss eigentlich immer alles so kompliziert sein?«, frage ich.

Katharina seufzt auf und zuckt mit den Schultern. »Wem sagst du das?«

Im nächsten Moment steht Erika auf und klatscht in die Hände. »So, meine Lieben«, sagt sie und strahlt über das ganze Gesicht. »Ich muss eben zum Auto, um etwas zu holen. Ich bin gleich wieder da.«

»Da bin ich ja mal gespannt«, sagt Oma.

Ich nutze die Zeit, um mich mit Thea zu unterhalten. »Wie geht es Ludwig?«

Thea schaut auf die Standuhr. »Gleich halb fünf. Noch geht es meinem Mann gut. Wenn ich um sechs nicht zu Hause bin, wird er unruhig. Spätestens um halb sieben bekommt er schlechte Laune, weil er befürchtet, dass er sich sein Brot selbst schmieren muss.« Sie lächelt schelmisch. »Ein bisschen Bewegung wird ihm guttun.«

»Geht er denn regelmäßig auf das Ergometer?«, fragt Katharina.

Thea hebt die linke Augenbraue. »Du meinst das Ding, das er als Kleiderständer benutzt?«

»Also nicht …« Katharina runzelt die Stirn. »Schade, das wäre so gut für ihn.«

»Wem sagst du das! Aber Ludwig war schon immer bequem. Ich dachte, ich könnte ihn vielleicht dazu überreden, auf ein echtes Rad zu steigen, jetzt, wo er den Führerschein abgegeben hat. Doch der Herr fährt lieber Taxi.«

»Du gibst aber schon Bescheid, wenn ihr was braucht, Thea, ja?«, biete ich an. Thea wohnt drei Minuten von Omas Haus entfernt. Sie ist ihre einzige Nachbarin in unmittelbarer Nähe. Den Hügel hinauf fährt kein Bus. Wenn man kein Auto hat, kann es ganz schön anstrengend sein, die Einkäufe bis nach oben zu bringen.

Thea schüttelt den Kopf. »Das ist lieb von dir. Aber ich habe mir letzte Woche ein E-Bike geleistet. Das rollt fast ganz von allein den Hang rauf.« Sie sieht zu Oma. »Überleg es dir noch mal, Anni. So ein schickes Gefährt würde dir auch gut zu Gesicht stehen.«

»Ach was! Solang meine Beine noch wollen, wird gestrampelt«, erwidert Oma. »Zu Fuß bin ich auch noch ganz gut unterwegs, und wenn …«

Oma kommt nicht dazu, den Satz zu Ende zu führen, sie bricht mittendrin ab und schaut mit großen Augen auf Erika, die gerade wieder ins Wohnzimmer kommt.

»Ich hab da was für dich, Anni!« Erika wirkt auf einmal ganz ernst. »Eigentlich sollte es dein Weihnachtsgeschenk werden. Aber ich konnte einfach nicht mehr warten.«

3. Kapitel

Es ist mucksmäuschenstill im Raum. Alle beobachten Oma, die völlig perplex die roten Lederstiefel anstarrt, die Erika ihr entgegenhält.

Aber schließlich greift Oma doch zu. »Das ist ja ein Ding«, platzt es dabei aus ihr heraus. »Also hast du sie doch gehabt!«

Erika schnalzt mit der Zunge und stemmt ihre Hände in die Hüften. »Das glaubst du nicht wirklich, du alter Sturkopf. Tante Hedwig hat sie gehabt! Entweder hat sie sie abgeholt, oder Mutti hat sie ihr gegeben. Wie auch immer, auf jeden Fall hast du sie jetzt endlich zurück.« Erika setzt sich lächelnd auf ihren Stuhl und sieht zu Oma. »Da staunst du, was, Anni?«

Oma staunt wirklich. Sie hält die Lederstiefel in der Hand und ist sprachlos.

»Sind das etwa die verschwundenen roten Stiefel, wegen denen ihr euch als Mädchen zerstritten habt?«, fragt Jana da.

Oma fährt mit ihrer Hand über das zerschlissene Leder. »Wir waren keine Mädchen mehr, sondern junge Frauen. Ich war siebzehn, Erika neunzehn.« Sie schüttelt unmerklich den Kopf. »Die Schuhe hatten schon ein paar Jahre hinter sich, bevor ich sie von meiner Tante geschenkt bekommen habe. Sie sind bestimmt um die siebzig Jahre alt.« Oma stutzt und sieht zu Erika. »Wo hast du sie her? Sag bloß, Tante Hedwig lebt noch!«

Erika nickt. »Ich habe dir doch erzählt, dass ich angefangen habe, unsere Familiengeschichte zu erforschen. Dabei ist mir eingefallen, dass Hedwig eines Tages einfach aus unserem Leben verschwunden war. Du erinnerst dich wahrscheinlich nicht, da du zu der Zeit viel zu sehr mit deinen eigenen Problemen beschäftigt warst. Ich habe mich allerdings mal bei Mutti nach ihr erkundigt. Und da hat sie mir sehr eindringlich zu verstehen gegeben, dass ich nie wieder nach Hedwig fragen soll, denn sie würde nicht mehr zu unserer Familie gehören.«

»Doch, natürlich erinnere ich mich«, sagt Oma. »Ich mochte Hedwig, und habe mich auch gewundert, als sie uns plötzlich nicht mehr besuchen kam. Mir hat Mutti gesagt, Hedwig würde nichts mehr von uns wissen wollen. So richtig geglaubt habe ich das aber nie.«

Erika zuckt mit den Schultern. »Du weißt ja, die Wahrheit hat viele Gesichter. Aber du kannst Tante Hedwig selbst danach fragen. Trotz ihrer vierundneunzig Jahre scheint sie noch bei recht guter Gesundheit zu sein, wenn man von ihrer Schwerhörigkeit einmal absieht.« Sie legt eine bedeutungsvolle Pause ein. »Sie lebt am Schönberger Strand.«

Oma stellt die Stiefel auf den Tisch. Die Schäfte knicken zur Seite und landen auf ihrem Rührkuchen. Aber das bemerkt Oma gar nicht. Sie schüttelt wieder den Kopf. »Das kann doch alles nicht wahr sein.«

Diesmal bin ich es, die nachhakt. »Schönberger Strand?«

»Annis Geburtsort«, erklärt Erika.

»Das wusste ich gar nicht«, sagt Katharina und hält Jana eine Flasche Wasser hin. »Schenkst du Oma bitte mal ein Glas ein? Sie ist etwas blass um die Nase und sollte besser mal etwas trinken.«

»Ach, was! Mir geht es gut!« Oma steht auf. »Aber Trinken ist eine gute Idee. Ich brauch jetzt allerdings ein Likörchen. Oder, noch besser, einen Schnaps!« Sie sieht in die Runde. »Wer noch?«

Thea springt sofort auf. »Ich helf dir.« Und schon verschwinden die beiden alten Damen in der Küche. Wir hören Geschirr klappern, leises Murmeln, und schließlich kommt Oma mit einer geöffneten Flasche zurück, Thea bringt die Gläser. Beide haben rosige Wangen.

So sah Theas Hilfe also aus, denke ich.

Katharina hat die Lage offenbar ebenfalls durchschaut. »Habt ihr in der Küche schon einen gezwitschert?«, fragt sie.

Thea grinst schelmisch. »Ich lass mein E-Bike stehen. Ich hab es ja nicht weit bis nach Hause.«

»Außerdem mussten wir erst einmal probieren, ob das Zeug genießbar ist. Ich habe den Schnaps erst vor drei Tagen mit Kräutern angesetzt. Die Zeit kam mir etwas zu kurz vor.« Oma schwenkt die Flasche leicht. »Das Ergebnis ist erstaunlich gut. Was ist mit dir, Erika, stößt du mit uns an?«

»Ich trinke nie, wenn ich noch fahren muss«, antwortet Erika. »Das weißt du doch.«

»Gut, dann lässt du dein Auto eben stehen und übernachtest hier«, erklärt Oma. »In meinem Bett ist noch ein Platz frei.«

Erika überlegt einen Moment, doch schließlich schmunzelt sie und sagt: »Wie in alten Zeiten.«

»Das freut mich.« Oma macht das erste Glas voll. »Das Tröpfchen ist genau richtig nach dem Schreck und dem vielen Kuchen, es ist gut für die Verdauung.«

»Sieht aus wie flüssige Kastanien«, sage ich. »Ist das ein Kräuterlikör?«

»Ein Badewannengin«, korrigiert Oma mich. »Nach Hausrezept.«

»Cool, trinkt man den aus der Wanne oder in der Wanne?«, feixt Jana.

»Aus der Wanne«, erklärt Oma todernst. »Probiert erst mal. Aber passt auf, es ist ein hochprozentiger Schnaps, kein Likör, ich habe ihn ohne Zucker angesetzt.«

Thea reicht die Gläschen rum. Ich schnuppere daran und weiß augenblicklich, dass mir Omas neueste Kreation schmecken wird. Der Gin duftet nach aromatischen Wachholderbeeren, Kardamom, und ich rieche auch etwas Frisches heraus, wahrscheinlich Zitrone.

»Schön, dass ihr alle hier seid, meine Lieben. Das bedeutet mir unbeschreiblich viel.« Oma sieht uns nacheinander an und hebt das Glas. »Meine Schwester, meine Freundin und meine drei Enkeltöchter, alle an einem Tisch. Auf euch, die wichtigsten Menschen in meinem Leben.«

»Und auf dich, Oma«, sagt Jana und kippt den Inhalt auf ex hinunter. Gleich darauf hustet sie und fasst sich an die Brust. »Huh, das Zeug ist ja heftig.«

Oma lächelt. »Ein paar Pfefferkörner hatte ich auch im Ansatz.«

Ich nehme einen kleinen Schluck, schmecke einen Hauch Zimt und verteile die Flüssigkeit mit der Zunge im ganzen Mund, um alle Aromen herauszufiltern.

»Wacholder, Zimt und Ingwer«, sagt Katharina neben mir. »Sehr lecker.«

»Kardamom«, ergänze ich – und genieße den Rest.

»Und was hat es mit der Badewanne auf sich?«, fragt Jana.

»Das kommt aus der Zeit der Prohibition«, erklärt Oma. »In den Zwanzigern war die Einfuhr von Gin nach Amerika verboten. Also hat man ihn zu Hause selbst produziert, aus neutralem Alkohol, Kräutern und Gewürzen. Und eben gerne auch mal in der Badewanne, weil man damit gleich größere Mengen herstellen konnte.«

»Hast du das von Opa Georg?«, fragt Jana.

Oma lächelt. »Ja, er hat mir von seiner letzten Reise eine Flasche Bathtub-Gin mitgebracht, allerdings aus Südengland. Mir gefiel die Geschichte, die er mir dazu erzählt hat, und ich habe gleich meine eigenen Varianten ausprobiert.« Oma lächelt schelmisch. »Insgesamt drei.«

Neben mir seufzt Katharina. »Das wird ein verdammt langer Abend.«

Ich lächle breit. »Das denke ich auch.«

Da fuchtelt Thea mit der Hand in der Luft herum: »So, ihr Lieben, jetzt, wo sich alle wieder ein bisschen beruhigt haben, könntet ihr mich doch eigentlich darüber aufklären, was es mit diesen Stiefeln auf sich hat. Es sei denn, ihr wollt, dass ich demnächst vor Neugierde platze.«

Uns Enkeltöchtern hat Oma die Geschichte schon erzählt. Aber die verschwundene Tante Hedwig hat sie dabei nicht erwähnt. Auch dass sie in Schönberg geboren wurde, ist mir neu. Ich lehne mich gespannt zurück, als Oma die alten Stiefel hochhebt und dabei versonnen lächelt, bevor sie sagt:

»Es ist schon verrückt. Im Alter vergisst man die einfachsten Dinge. Es gibt Tage, da stehe ich vor dem Kühlschrank und weiß nicht, was ich dort herausholen wollte. Ich kann mich nicht an den Namen der neuen Sprechstundenhilfe beim Arzt erinnern, oder ich rufe Thea an, weil ich sie etwas fragen will, und vergesse es in dem Moment, in dem sie das Gespräch annimmt. Aber ich weiß heute noch, dass ich ein dunkelbraunes Kleid mit einem kleinen weißen Kragen trug, als Tante Hedwig mir die Stiefel geschenkt hat. Am Tag davor, es war ein Samstag, das weiß ich auch noch ganz genau, hatte ich ihr erzählt, dass ich mich unsterblich verliebt habe, in einen jungen Mann, der jeden Tag ein paar Sahnebonbons bei mir kauft.«

»Opa Georg«, sagt Jana.

Oma lächelt über das ganze Gesicht. »Ja, euer Opa Georg. Damals habe ich eine Ausbildung in einem Lebensmittelgeschäft gemacht. Es war ein kleiner Laden, und wir kannten die Kundschaft. Aber nicht nur deswegen ist er mir sofort aufgefallen, als er zum ersten Mal den Laden betreten hat: groß, störrisches blondes Haar, aufrechte Haltung, sehr sprechende grüne Augen.« Ihr Blick ist plötzlich ganz verträumt. »Obwohl ich selbst klein bin, stand ich seit jeher auf große Männer. Ich war siebzehn Jahre alt und habe für Curd Jürgens geschwärmt. Und plötzlich stand da ein junger Mann vor mir, der ihm nicht nur ähnelte, sondern sogar noch besser aussah. Meine Chefin hat allerdings mitbekommen, wie ich ›ihn angeschmachtet habe‹, so hat sie das damals zumindest formuliert. Sie hat mir gesagt, er sei mit seiner Familie umgesiedelt worden, angeblich, weil sie irgendetwas ausgefressen hätten. Und dass ich mich tunlichst von ihm fernhalten solle, weil solche Verwicklungen nur Ärger bringen würden. Aber ich war fasziniert von Georg. Er kam jeden Tag, lächelte mich an und kaufte eine Tüte Bonbons. Tante Hedwig hat damals zu mir gesagt, ich soll nicht auf das Geschwätz irgendwelcher Leute hören und meinem Gefühl vertrauen. Am nächsten Tag kam sie wieder, klopfte an meine Zimmertür und drückte mir ein paar rote Stiefel in die Hand. ›Hier, die müssten dir passen‹, hat sie zu mir gesagt. ›Du ziehst sie morgen an und sprichst mit ihm. Und dann bildest du dir dein eigenes Urteil.‹ Und genau das habe ich gemacht. Die Stiefel waren wunderschön, ich habe mich damit gefühlt wie eine Königin. Trotzdem habe ich die ganze Nacht wach gelegen und mich gefragt, was ich zu eurem Opa sagen soll.« Oma schmunzelt. »Aber den Teil der Geschichte kennt ihr ja schon.«

»Ich nicht!«, meldet sich Erika zu Wort.

Oma schaut überrascht auf. »Wirklich nicht?«

»Du hast anscheinend lieber mit deiner Tante über Männerangelegenheiten gesprochen als mit deiner großen Schwester«, erwidert Erika und klingt dabei fast ein bisschen vorwurfsvoll. Aber in ihren Augen sehe ich ein amüsiertes Funkeln. »Also, rück raus mit der Sprache. Was hast du gesagt?«

Oma hat sichtlich Spaß. Ihre Wangen sind gerötet, ihre Augen glänzen. »Meine selbst gemachten Sahnekaramellen schmecken tausendmal besser. Und sie sind auch keine Plombenzieher, so wie die Dinger, die du hier jeden Tag kaufst«, verkündet sie.

Jana räuspert sich ein paarmal laut. »Ich esse sie nicht«, sagt sie mit tiefer Stimme. »Ich kaufe sie nur, damit ich dich jeden Tag sehen kann.«

Oma wuschelt ihr liebevoll durchs Haar. »Ihr seid euch verdammt ähnlich, dein Opa und du, er hat auch hin und wieder mal einen Clown gefrühstückt.«

»Ach, was schön!« Thea seufzt wohlig auf.