Elektrisiert - IV - Michael Valentine-Urbschat - E-Book

Elektrisiert - IV E-Book

Michael Valentine-Urbschat

0,0

Beschreibung

Der Kampf um die letzten, noch unerschlossenen Ölreserven hat begonnen. In aller Härte. Ohne Rücksicht auf Mensch und Natur. Eric Brinneau, Experte der International Energy Agency für die Reduzierung der CO2- Emissionen im Straßenverkehr, erhält einen heiklen Auftrag von seinem Chef. Er soll ein Geheimtreffen mit der deutschen Kanzlerin vorbereiten. Unwetter in Deutschland und eine schleppende Energiewende zwingen sie zum Handeln. Der Klimawandel muss aufgehalten werden. Eric und sein Team sollen eine Lösung entwickeln. Eine Aufgabe, die nicht nur sein Leben verändern wird. Da kristallisiert sich überraschend ein Ausweg heraus. Doch mächtige Gegner aus Industrie und Politik schrecken vor nichts zurück. Zu hoch sind die Einsätze. TEIL IV: Eric und sein Team machen endlich Fortschritte. Eine Lösung für die so dringend notwendige Energiewende zeichnet sich ab. Das erkennen auch ihre Gegner - und entscheiden sich für drastische Gegenmaßnahmen. Nur Eric´s neuer Verbündeter erkennt das Ausmaß des Komplotts. Ein brutales Rennen gegen die Zeit beginnt, doch Mutter Natur spielt nicht mit. >>So spannend hat noch niemand über die Energiewende geschrieben. Michael Valentine-Urbschat schreibt, wie nur ein Insider es kann.<< >>Fiktion oder Insider-Bericht? Wahrscheinlich beides. Das macht das Buch zu einem einmaligen Leseerlebnis.<<

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 248

Veröffentlichungsjahr: 2016

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.


Ähnliche


ELEKTRISIERT - TEIL IV -

Michael und Nancy Valentine-Urbschat

Für Katharina und Nicholas – als Zeichen dafür,dass die Generation ihrer Eltern nicht tatenlos zusieht,obwohl sie es besser weiß.

Vorbemerkung

Die Brennstoffe – vornehmlich Öl, Kohle und Gas – stellen keine nachhaltige Energieversorgung dar, auch wenn bis heute unser weltweiter, wirtschaftlicher Erfolg in großen Teilen darauf basiert. Das wissen wir alle. Seit Jahren.

Allein diese fehlende Nachhaltigkeit zwingt uns dazu, erneuerbare Energiequellen als attraktive Alternativen auf den Weg zu bringen. Ohne besonderen Zeitdruck, nachdem die Rohstoffkonzerne bisher eine ausreichende Versorgung mit fossilen Brennstoffen sicherstellen. Auch wenn unklar ist, wie lange unsere Öl-, Gas- und Kohlereserven tatsächlich noch reichen.

Wir wissen aber auch – und das nicht erst seit dem diesjährigen, fünften Bericht des Weltklimarates –, dass die dadurch verursachten CO2-Emissionen maßgeblich zur Klimaveränderung beitragen. Experten gehen von einer Erwärmung der Erdoberfläche von mindestens 3-4 Grad Celsius im Laufe dieses Jahrhunderts aus, wenn wir es nicht schaffen, in wenigen Jahren unsere Abhängigkeit von diesen fossilen Brennstoffen massiv zu reduzieren.

Die Folgen dieser einsetzenden Klimaveränderung sind heute bereits spürbar und werden aller Voraussicht nach besonders für die nachfolgenden Generationen zu einem gigantischen Problem werden.

Diese unumkehrbaren Langzeitfolgen erhöhen den Zeitdruck massiv. Zwingen uns, jetzt die Alternativen auf den Weg zu bringen. Hier können und wollen wir nicht tatenlos zusehen. Nicht nur, weil wir selber zwei Kinder haben.

Dabei stellt die umfassende Abkehr von Verbrennungskraftmaschinen im weltweit wachsenden Straßenverkehr eine besondere Herausforderung dar. Bisher haben wir keinen Weg gefunden, diese Technologiewende in der notwendigen Breite und Geschwindigkeit auf den Weg zu bringen. Der Verkehrssektor ist weltweit der einzige Verbrauchersektor, der immer noch ein ungebrochenes Wachstum bei den CO2-Emissionen aufweist.

Mit dem vorliegenden Roman hoffen wir, zur Diskussion und Lösung dieses Themas beitragen zu können, indem wir einer breiteren Leserschaft die prekäre Ausgangssituation, die sehr unterschiedlichen Sichtweisen und Zwänge der beteiligten Spieler, aber auch mögliche Lösungsansätze vor Augen führe.

Das alles haben wir versucht, in eine möglichst spannende Geschichte zu packen – wir wollen Sie als interessierten Leser ja auf keinen Fall verlieren, auf diesem etwas umfangreicheren Exkurs.

Die Geschichte selbst ist völlig frei erfunden, genauso wie auch alle handelnden Personen frei erfunden sind.

Dennoch spielt der Roman mitten in unserer heutigen Welt und baut auf vielen, aktuellen Fakten auf, die von uns nach bestem Wissen und Gewissen recherchiert wurden. Ein Verzeichnis der wichtigsten Quellen findet sich im Anhang, in dem wir auch einige Hintergründe und Details erläutert haben.

Die öffentlichen Ämter, Organisationen, Firmen und Produkte, die den meisten bekannt sein dürften, sind rein zufällig gewählt und dienen nur dazu, den Bezug zur realen Welt noch mal zu verdeutlichen. Die konkreten Aktivitäten dieser Einrichtungen und ihrer handelnden Personen sind aber natürlich ebenfalls frei erfunden.

Dagegen existieren die beschriebenen Technologien zum größten Teil heute schon oder stehen kurz vor der Fertigentwicklung – und können damit tatsächlich einen nennenswerten Beitrag zur Lösung unseres Verkehrsproblems liefern.

Jetzt aber genug der Vorrede – wir wünschen Ihnen eine spannende Unterhaltung. Und anschließend natürlich möglichst intensive Diskussionen. Denn nur so kommen wir in diesem so essentiellen Thema für die Menschheit endlich voran. Hoffentlich.

München, im Oktober 2014

Michael und Nancy Valentine-Urbschat

Teil IV

Mehr als ein Jahr später – Houston, Texas

Die Stimmung war gereizt. Mehr als zwanzig Personen saßen um den langen Mahagoni Tisch des voll klimatisierten Konferenzraums, der sich in der obersten Etage ihrer Firmenzentrale befand. Jeff Simson hatte die besondere Ehre, seine Chefin begleiten zu dürfen. Der Status zur Erschließung neuer Ölquellen war der letzte, aber wichtigste Punkt auf der Agenda der heutigen Vorstandssitzung. Der alleinige Verantwortungsbereich seiner Chefin. Da er fast alle Feld-Aktivitäten persönlich kannte, hatte sie ihn gebeten mitzukommen. Jeff hätte sehr gut auf eine Teilnahme in so erlauchtem Kreise verzichten können. Ist nichts für mich. Jetzt weiß ich auch wieder, wieso! Das Schlammwerfen fing gerade an.

Sid, der Vorstandsvorsitzende, schnaubte wild in ihre Richtung. „Das kann echt nicht wahr sein, Carol! Wofür geben wir eigentlich mehr als fünf Milliarden Dollar jedes Jahr aus, wenn unsere Fördermengen keinen Deut nach oben gehen? Was haben wir diesem korrupten Werftbesitzer in Aserbaidschan noch mal bezahlt für seine vergoldete, aber leider halb versenkte Bohrplattform?“

Sid sah Carol, die direkt neben Jeff saß, böse an. Ja, jeder wusste, dass der Preis deutlich überhöht gewesen war. Dennoch hatte man dem Deal, den Jeff letztes Jahr in Baku so geschickt auf den Weg gebracht hatte, unisono zugestimmt. Zeit ist Geld, sehr viel Geld wert! Das war damals klar gewesen und auch heute noch so.

Es konnte ja keiner ahnen, dass die Iraner die Dreistigkeit haben würden, das Ding halb in die Luft zu sprengen. Der Kampf um die Ausbeutung der riesigen Ölfunde unter dem Kaspischen Meer nahm damit neue Dimensionen an. Gut für das amerikanische Militär und seine Rüstungspartner. Aber höchst riskant für die beteiligten Ölfirmen. Mit Mühe konnten die Spezialisten des aserbaidschanischen Unternehmers die Plattform vor dem Kentern retten und in die Werft bei Baku zurückschleppen. Dort lag sie nun bereits seit mehr als einem Jahr und wurde wieder mühevoll instandgesetzt. Doch alles dauerte länger als geplant. Und die Reparatur kostete Jeff´s Arbeitgeber fast noch mal so viel wie die ursprüngliche Anschaffung.

„Und wann ist das Ding endlich wieder einsatzbereit?“, hakte Sid schmallippig nach.

„Wir hoffen, in spätestens drei Monaten“, antwortete Carol vorsichtig, die die immer wieder verpassten Zusagen der Aserbaidschaner aktuell hautnah miterleben musste.

„Carol, wir müssen unsere wenigen, neuen Quellen einfach schneller hochfahren, egal wie! Nicht, weil wir nicht genügend Umsatz oder Profit machen. Das ist nicht der Punkt! Ich mache mir massiv Sorgen, dass der Ölpreis zu weit steigt! Und dann den Markt zum Kippen bringt! Das wäre der Supergau für uns!“

Sid spielte auf die zunehmende Abhängigkeit der Ölnachfrage vom weltweiten Straßenverkehr an. Einer der Top-Strategen des Konzerns hatte es zu Beginn der Sitzung in aller Deutlichkeit dargelegt. Alle anderen Ölabnehmer waren seit Jahren rückläufig oder stagnierend. Immer mehr Kraftwerke und lokale Heizungssysteme verabschiedeten sich von dem teuren Brennstoff, und auch die Industrie arbeitete intensiv an alternativen Grundstoffen für ihre chemischen Produkte. Nur der weltweite Bedarf an Benzin und Diesel eilte von Rekord zu Rekord. So sehr, dass das Angebot kaum Schritt halten konnte und damit die Preise weiter in die Höhe trieb. Aktuell stand das Barrel bei deutlich über 150 Dollar.

„Wir dürfen das Thema einfach nicht überreizen“, fuhr Sid mit bösem Blick in die Runde fort, „irgendwann realisiert auch der döfste Autofahrer, dass die immer höheren Benzinkosten keinen Spaß mehr machen! Und denkt dann ernsthaft über Alternativen nach. Besonders, wenn die Werbetrommel für EVs so massiv gerührt wird, wie aktuell in Kalifornien.“

Bud, ihr Raffineriechef in LA, hatte vor wenigen Minuten ausführlich über die neuesten Aktivitäten des kalifornischen Gouverneurs zusammen mit dem LA Bürgermeister und diesem neuen GREEN ELECTRIC INSTITUTE berichtet. „Wenn täglich so ein blöder Zeppelin über der Stadt kreist und in fetten Buchstaben GO ELECTRIC anpreist, kommt irgendwann jeder ins Grübeln“, ergänzte er in Unterstützung.

„Und meine Befürchtung ist“, schob Sid etwas ruhiger nach, „dass die Trendwende, wenn sie denn erst einmal einsetzt, erdrutschartig stattfinden wird. Nach dem Motto, jetzt will jeder ein solches EV, gerade als Zweit- oder Drittwagen. So wie jeder plötzlich ein iPhone oder iPad brauchte, weil er ja sonst nicht mehr ‘in’ war. Und wenn die täglichen Kurzstrecken fast ausschließlich mit EVs zurückgelegt werden und das benzinbetriebene Fahrzeug nur noch für die wirklichen Langstrecken herhalten muss, dann geht der Benzinverbrauch richtig in die Knie.“

Ihr Top-Stratege hatte auch dazu eine beeindruckende Szenario-Rechnung aufgelegt, die den Anwesenden die Augen geöffnet hatte. Er konnte das Ziel des Bürgermeisters von LA, bis 2030 den Benzinverbrauch in der Metropole um ein Drittel zu reduzieren, nur bestätigen. Es war tatsächlich denkbar! Wenn alle mitspielten, zuerst die vermögenderen Haushalte mit mehr als drei Fahrzeugen im Fuhrpark und dann sukzessive auch die anderen, bis hin zum city-internen Lieferverkehr. Für Jeff waren diese Ausführungen absolutes Neuland. Bisher hatte er EVs immer in die Golfcart-Ecke abgetan oder zumindest als technisch unreif empfunden. Das klang von diesen Leuten plötzlich ganz anders. Wenn dieser Umschwung auf EVs tatsächlich einsetzt, sind unsere Anstrengungen zur Erschließung neuer und höchst riskanter Ölquellen ja eigentlich völlig überflüssig!Der Bedarf wäre plötzlich gar nicht mehr gegeben. Und bei einem dann fallenden Ölpreis auch nicht mehr kostendeckend zu bedienen.Das wäre eigentlich auch das Ende für meinen Job, dachte Jeff in einem Anfall von Erleuchtung. Doch der Gedanke machte ihm irgendwie keine Angst. Ganz im Gegenteil. Dann wären auch die Medikamente nicht mehr notwendig.

Währenddessen redete sich ihr Oberboss wieder in Rage. „Das wäre wahrlich der Supergau für uns! Eine massive Reduzierung des Absatzes bei gleichzeitig sinkenden Preisen. Und Investitionen in Milliardenhöhe in der Erschließung von neuen Quellen, die wir dann aufgrund mangelnder Profitabilität abschreiben müssten. Carol, meine Herren, das wird unter meiner Führung nicht passieren! Ist das klar?“

Breites Nicken in der Runde. Hier wollte keiner widersprechen. Jeff sah angewidert in die Gesichter dieser Topmanager. Er hasste dieses unterwürfige Getue. Nur nicht gegen den Mainstream denken oder handeln. Immer schön nicken, wenn der Boss was sagt. Eine solche Einstellung konnte er sich draußen in seinem Job nicht leisten. Wenn Verhandlungen ins Stocken gerieten, musste man oft gegen den Strom schwimmen. Wichtigen Leuten auch mal einen Schuss vor den Bug geben. Nur so kommt wieder Bewegung ins Spiel! Aber dabei ging es natürlich auch nicht direkt um den eigenen Job, gestand er sich ein. Hier in diesem Raum war das etwas anderes. Eine falsche Bemerkung, eine falsche Widerrede konnte auch mal den Kopf kosten, wie ihm seine Chefin schon ein paar Mal genüsslich berichtet hatte.

Also ging Carol auf Wunsch ihres Vorstandsvorsitzenden noch mal im Detail durch den Status ihrer aussichtsreichsten Explorations-Aktivitäten. Aserbaidschan stand immer noch ganz oben auf der Liste. Im Kaspischen Meer mit seinen fünf Anrainerstaaten bestand die Möglichkeit auf eine Gesamtförderquote von bis zu fünf Millionen Barrels pro Tag. Das wären mehr als fünf Prozent der aktuellen Gesamtförderung weltweit. Hier mussten sie dranbleiben, gerade weil sie mit dem US-Militär seit einiger Zeit eine besondere Trumpfkarte im Ärmel hatten.

Auch Nigeria stand immer noch hoch im Kurs, nicht nur wegen der zusätzlichen Quellen im Nigerdelta. Vor der westafrikanischen Küste war weiteres Potential entdeckt worden, das die Fördermengen auf über drei Millionen Barrels pro Tag in der Region hochtreiben konnte. Kombiniert mit ihrer bereits gut funktionierenden Produktionsbasis in dem Land waren sie aussichtsreich positioniert. Wenn nicht Bürgerkrieg und massive Korruption der Vergabe neuer Konzessionen immer wieder einen Strich durch die Rechnung machten.

Daher gehörten Kanada mit seinen Ölsanden und das arktische Öl nördlich Alaskas zu Sid´s Lieblingsthemen. Hier musste man, da hatte er Recht, ja nur mit anspruchsvollen Umweltschutzauflagen und harter Konkurrenz kämpfen, aber kaum mit korrupten Regierungsvertretern oder blutigen Bürgerkriegen.

„Wenn nicht gerade amoklaufende Selbstmord-Attentäter die Stimmung zum Kippen bringen“, schob er bissig ein, sah dann aber Carol in einem Anflug von Mitgefühl länger an.

Die Nachricht hatte damals alle schockiert. Jeff sah an Carols blasser werdender Gesichtsfarbe, dass auch sie noch immer nicht ganz darüber hinweg war. Sie warf ihm einen kurzen Blick zu, der Bände sprach. Doch dann wischte sie die Gefühle mit einem Ruck zur Seite und war wieder ganz die harte Konzernmanagerin. Der Job musste getan werden. Punkt. Aus.

Die Toten in Fort McMurray hatten die kanadische Regierung dazu gezwungen, eine Untersuchungskommission einzusetzen und solange alle weiteren Vergaben von Ölsand-Konzessionen auf Eis zu legen. Und der Endbericht lag immer noch nicht vor. Der Frust war in den Augen aller Beteiligten gut zu erkennen.

„Können wir denn wenigstens in der Arktis noch etwas beschleunigen?“, fragte Sid und blickte auf die riesige Weltkarte an der Wand, „wir sind doch jetzt seit mehr als zwei Jahren mit der Plattform dort draußen und machen Probebohrungen. Das kann doch nicht ewig dauern!“

Carol nickte vorsichtig. Sie kannte die Schwierigkeiten in der arktischen Kälte mit seinem unberechenbaren Wetter. Die Berichte ihrer Leute vor Ort waren nicht wirklich ermutigend. Dennoch versprach sie Sid, sich das Thema noch mal persönlich anzusehen. Und meinte damit natürlich Jeff. Was aber nur dieser wusste, als ihn wieder der Blick seiner Chefin traf. Seit dem Vorfall in Kanada war Carol nicht mehr draußen gewesen. Und Baku hatte sie nur noch darin bestärkt, das Geschäft lieber von ihrem sicheren Schreibtisch aus zu steuern.

Kurz danach beendete Sid die Sitzung. Eine kleine Gruppe von Topmanagern blieb noch im Raum, als die Assistentin einen bullig wirkenden Mann hereinbrachte. Im Vorbeigehen hörte Jeff den Beginn des Gespräches und verlangsamte instinktiv seine Schritte.

„Darf ich vorstellen“, sagte Sid mit einem kalten Lächeln zu der kleinen Gruppe, „Pit, mein Mann für besondere Fälle!“ Erstaunte Blicke. Nur ein, zwei Leute nickten wissentlich. Komisch.

„Meine Herren, ich brauche unbedingt noch ein paar gute Vorschläge, wie wir diese nervigen Aktivitäten zur Einführung von EVs endlich einbremsen können. Ich habe ja nichts gegen diese Dinger auf einem Golfplatz oder in einem Seniorenheim! Aber einen richtigen V10 Pickup kann man doch nicht durch solche Gurken ersetzen. Da würde ja jede scharfe Braut wegrennen, bevor du nur in die Nähe kommst.“

Kurzes Gelächter in der kleinen Runde. „Elektroautos sind was für Warmduscher! Basta! Also, ich will Vorschläge, und zwar alle denkbaren Optionen“, sagte Sid grimmig und sah dabei den Mann an, der direkt neben ihm stand.

Merkwürdiger Typ, dachte Jeff und musterte den Kerl genauer. Gedrungener, breiter Oberkörper. Mit weißem Hemd und Krawatte, die aber beide deplatziert wirkten. Ganz sicher kein Manager! Eher ex-Militär! Sehr merkwürdig. Jeff verließ den Raum, während die Gruppe im Konferenzraum zurückblieb. Er hörte erneutes Lachen hinter sich, während er versuchte, zu Carol aufzuschließen.

„Wer war der Typ?“, fragte er leise, als er seine Chefin am Lift erreichte. Die schüttelte nur abwesend den Kopf. Mit den Gedanken bereits ganz woanders. Sie spürte, dass der Druck auf ihre Abteilung und sie persönlich enorm zunahmen. Diese Runde war nur der Anfang. Der steigende Ölpreis bringt die Gemüter in Aufruhr. Mit Recht! Aber sie konnte nicht zaubern.

„Carol, was macht so ein Typ bei unserem Vorstandsvorsitzenden?“, hakte Jeff bei seiner Chefin noch mal nach, als sie alleine im Aufzug standen.

„Was weiß ich! Will ich auch nicht wissen. Wir machen unseren Job, das ist schon schwer genug, wie du ja gerade mitbekommen hast. Ich will, dass du dir ein persönliches Bild von unseren Fortschritten in Alaska machst. Und zwar schnell.“

Jeff nickte. Seine Chefin stieg kurz danach wortlos aus, während er noch bis in die Lobby hinunter fuhr. Läuft gar nicht gut! Er war mit Peter Larson verabredet, der etwas zu ihrem neuesten Stand in Nigeria besprechen wollte. Er mochte den ruhigen und mit einem scharfen Verstand ausgerüsteten Ex-Marine, auch wenn sie nicht immer einer Meinung waren. Peter sagte, was er dachte, unabhängig davon ob es seinem Gegenüber gefiel oder nicht. Und das war gut so.

„Hallo, Peter.“

„Hi, Jeff.“

Die beiden nahmen in einer der Lounge-Ecken des großzügigen Eingangsbereichs ihrer Konzernzentrale Platz. Es herrschte ein reges Kommen und Gehen. In leisem Ton gingen sie gemeinsam durch die von Peter mitgebrachten Unterlagen. Nach einer Weile lehnte sich Jeff in dem bequemen Polstermöbel zurück und beobachtete das Treiben um sie herum.

„Kennst du einen Pit?“, fragte er unvermittelt, „arbeitet scheinbar für unseren Oberboss.“ Peter sah ihn an und schüttelte den Kopf. „Mein Instinkt sagt mir, dass er eine militärische Vergangenheit hat, so wie du.“

„Und?“

„Mach´ dich einfach mal schlau zu dem Typen.“

„Was stört dich denn?“

„Kann ich noch nicht genau sagen. Ich hab´ einfach ein ungutes Gefühl. Wenn ich es richtig verstanden habe, dann soll er alle denkbaren Vorschläge für die Eindämmung von EV-Vermarktungsaktivitäten in Kalifornien zusammentragen. Dabei wurde so eine komische Betonung auf alle denkbaren gesetzt.“

Peter sah ihn verständnislos an, nickte aber. „Ok! Mach´ ich.“

Los Angeles, ein warmer Sommertag

Eric lehnte an dem langen, ganz in weiß gehaltenen Bartresen und genoss sein Glas frischgepressten Orangensaft. Endlich mal ein paar Minuten ausruhen. Das Sitzen tat gut. Er hatte das Gefühl, dass sie seit mehr als 12 Monaten nonstop auf Achse waren. Ein Termin jagte den anderen. Aber er hatte es ja nicht anders gewollt, es war seine Entscheidung gewesen. Und er bereute es nicht.

Er ließ den Blick über die auf Hochglanz polierten Karosserien der ELECTRION-Fahrzeuge schweifen, die auf dem großzügigen Stand bestens zur Geltung kamen. Das erste allradgetriebene EV mit italienischem Design wurde aktuell mit Lob überschüttet. Und dazu noch: Engineered in Germany. Das ließ die Herzen vieler Amerikaner und der Presse höher schlagen. Und dann gab es tatsächlich auch sofort eine Targa-Version, die gerade bei den frischluftbegeisterten Kaliforniern heiß ersehnt wurde. Die Besucher drängten auf den Stand von ELECTRION und wollten das Fahrzeug endlich mit eigenen Augen sehen. Und anfassen. Die rein elektrische Autoshow in Los Angeles, die ein neuer und wichtiger Bestandteil des diesjährigen Electric Vehicle Symposiums war, bot dazu eine ideale Gelegenheit.

„Ich kann es immer noch nicht glauben“, sagte Jack, der neben ihm an der Bar saß, grinste und die Menschenmenge bewunderte, „wir haben dieses Auto tatsächlich auf die Reihe gekriegt. Und jetzt steht es hier und jeder kann es bestellen. Die Fertigung bei unseren österreichischen Partnern läuft seit gut drei Monaten fast problemlos und jetzt kontinuierlich hoch.“

Samantha saß gerade mit dem Rücken zu Eric und lachte laut. Sie war im Gespräch mit Bob Henderson, der sich diese Show natürlich nicht entgehen ließ. Ja, alle waren erleichtert, dass das Auto endlich auf dem Markt war und ihr öffentlicher Auftritt in LA so gut ankam.

Die Pressechefin kam mit einem Herrn auf Jack und Eric zu.

„Das ist der Journalist von Bloomberg, glaube ich“, sagte der Engländer noch schnell, bevor er von seinem Hocker rutschte.

Die beiden hatten in den letzten Tagen bereits eine Handvoll Interviews gegeben. Und die Anfragen rissen nicht ab. Nach einer fulminanten Rede des Bürgermeisters von LA zur Eröffnung des Electric Vehicle Symposiums war allen klar geworden, dass es nun ernst wurde mit der angekündigten Trendwende im kalifornischen Straßenverkehr. Und, dass das GREEN ELECTRIC INSTITUTE dabei eine Schlüsselrolle spielte. Elektrofahrzeuge rückten in den Mittelpunkt der Diskussion.

ELECTRION hatte mit einer organisierten Testfahrt auf einem schneebedeckten Kurs in Kanada vor wenigen Tagen einen medienwirksamen Coup gelandet. Die Journalisten waren von der Fahrdynamik und Sicherheit dieses neuen EVs im Vergleich zur konventionell motorisierten Konkurrenz begeistert. Auch der allradgetriebene X-Type von Tesla, der bereits viel Aufsehen erregte, konnte hier nicht mithalten.

Seitdem rückte ELECTRION in den Mittelpunkt des Interesses der internationalen Autopresse. Endlich ein zweiter, neuer Player, der den Markt aufmischte. Und sich berechtigte Hoffnungen auf Erfolg machen konnte.

Eric und Jack reichten dem Journalisten die Hand.

„Wir können gerne hier am Tresen bleiben“, schlug Jack vor, „und dann bei Bedarf gemeinsam über den Stand gehen. Die Technik-Exponate können ja vielleicht ganz hilfreich sein.“

Ja, die ELECTRION-Leute hatten sich extrem viel Mühe gegeben, die technischen Highlights ihres Autos maximal anschaulich in Szene zu setzen.

Der Journalist nickte, legte seinen Notizblock auf den Tresen und kam sofort zur Sache. „Wieso ist Ihr erstes Elektrofahrzeug, das Sie auf den Markt bringen, eigentlich ein SUV, oder genauer gesagt ein Sports-Activity-Vehicle? Tesla hat mit einem Roadster angefangen, alle anderen mit kleinen City-EVs. Sehen Sie den Markt anders?“

„Nein, das glaube ich nicht“, antwortete Jack nach einer kurzen Pause, „viele sehen, wie wir, den Hauptmarkt für EVs in den modernen Metropolen dieser Welt. Dort lebt ein Großteil unserer gutsituierten Bürger, für die individuelle Mobilität ein extrem wichtiger Bestandteil ihres Lebens ist. Wenn wir diese Leute aus ihren konventionell angetriebenen Zweit- und Drittfahrzeugen herauslocken wollen, dann müssen wir ihnen ein super attraktives EV als Alternative bieten. Das Sports-Activity-Vehicle Konzept unseres Elec-1 erfüllt diese Anforderungen, unserer Meinung nach, ganz besonders gut. Gepaart mit einem Heimladesystem, das den sauberen Strom direkt vor Ort erzeugt, wird das ganze für unsere Zielgruppe zu einem hochattraktiven Gesamtpaket.“

„Darauf würde ich gerne zurückkommen. Aber noch mal zu Ihrem Elec-1. Wieso ist der Allradantrieb so viel besser als bei der Konkurrenz mit Benzinmotor? Was machen Sie anders?“

Die Vergleichsfahrt hat bei der Presse ganz offensichtlich einen bleibenden Eindruck hinterlassen! Eric musste schmunzeln. Jack stand auf und bat den Journalisten mit hinüber zu ihrem Exponat, das die ausgebaute Vorder- und Hinterachse ihres Fahrzeugs zeigte. Eine bionisch wirkende Struktur aus Aluminiumstreben formte den Grundträger, in den der gesamte Antrieb integriert war: Der Elektromotor mit dazugehöriger Leistungselektronik, sowie Achsgetriebe und Abtriebswellen.

„Wie Sie sehen, haben wir es geschafft, eine extrem kompakte Einheit zu schaffen. Und jede Achse wird völlig unabhängig von der anderen angetrieben. Zusammen mit dem deutlich niedrigeren Schwerpunkt des Gesamtfahrzeuges schlagen wir damit jeden konventionellen Allrad. Die Testfahrt in Kanada hat das, glaube ich, ausreichend demonstriert.“

„Aber ist Ihr Fahrzeug aufgrund der großen Batterie nicht deutlich schwerer als die konventionelle Konkurrenz?“, hakte der Journalist skeptisch nach und ging zu dem gleich daneben stehenden Exponat des Batteriepaketes.

„Würde man meinen. Aber nein, ganz im Gegenteil! Zum einen bringt das Batteriepaket weniger als 300 kg auf die Waage, und zum anderen haben wir über konsequenten, aber konventionellen Leichtbau ein Gesamt-Fahrzeuggewicht unterhalb der Konkurrenz erreicht. Beispielsweise gut 100 kg unter dem konventionellen X4 von BMW.“

„Trotz Verzicht auf Karbon?“

„Ja, eine karbonbasierte Rohkarosserie hätte uns wahrscheinlich noch mal knapp 100 kg gebracht, aber das Kosten-Nutzen-Verhältnis ist nicht wirklich günstig. Wir haben schlussendlich darauf verzichtet. Dafür aber, wie gesagt, auf allen anderen Gebieten konsequent auf Leichtbau geachtet.“

„Oder haben Sie die Batterie einfach kleiner dimensioniert und damit auf Reichweite verzichtet? Zum Nachteil für die Kunden?“ Der Journalist ließ nicht locker. Eric bewunderte die Ruhe und Überzeugung von Jack.

„Natürlich hätten wir die Batterie noch größer auslegen können, da haben Sie völlig Recht. Aber das wäre nachteilig für die Fahrdynamik gewesen. Mit jetzt gut 100 Meilen Reichweite, und kaum weniger im Winter aufgrund der neuartigen Isolierung der Batterie, bieten wir unseren Kunden genau den richtigen Kompromiss. Und sind parallel mit unserem Batteriepartner daran, die Energiedichte in den nächsten Jahren noch mal um 50 Prozent zu steigern. Das heißt auch entsprechend mehr Reichweite.“

„Zum Skifahren in die Rocky Mountains komme ich damit aber immer noch nicht“, warf der Journalist ein, während er sich ein paar Notizen machte.

„Dafür ist das Auto auch nicht gedacht. Noch nicht! Primärfokus in den nächsten Jahren ist, wie gesagt, die Umstellung der Zweit- und Drittwagenbesitzer in Metropolregionen wie LA. Unser Elec-1 wird das bevorzugte Auto für die täglichen Erledigungsfahrten. Mit der Familie übers Wochenende in die Berge fahren Sie auch weiterhin mit ihrem großen, konventionell angetriebenen Wagen“, erwiderte Jack ruhig.

„Und wie stark geht die Reichweite Ihres Wagens ´runter, wenn die Klimaanlage auf voller Leistung läuft, so wie an einem heutigen Tag in LA?“, fragte der Journalist. Er schien kein überzeugter EV-Fan zu sein.

Auch hierzu hatte Jack ein Exponat aufbauen lassen. Das zeigte zum einen die kleine elektrisch betriebene Wärmepumpe, die höchst effizient Kälte, als auch Wärme produzierte, und zum anderen ihre neuartige Doppelverglasung mit deutlich höheren Isolationswerten.

„Weniger als fünf Prozent! Wir können die Kühle im Innenraum einfach deutlich besser halten. Und bei abgestelltem Fahrzeug und Sonnenschein liefern die im Glasdach integrierten Solarmodule genügend Strom, um dieses Temperaturniveau über einen langen Zeitraum zu konservieren. Ohne Belastung für die Batterie!“

Eric war immer wieder beeindruckt von dem technischen Gesamtpaket des ersten EVs von ELECTRION. Damit waren sie auf Anhieb zum technologischen Vorreiter am Markt geworden. Ob es reichen würde, sich als bisher völlig unbekannte Marke auch tatsächlich durchzusetzen, stand auf einem anderen Blatt. Auf jeden Fall erhöhte es massiv den Druck auf die anderen Hersteller.

„Und wie schaffen Sie es, bei all diesen technischen Neuerungen ihren Verkaufspreis unter dem des Tesla X-Type zu halten?“

Ja, das ist eine berechtigte Frage, dachte Eric. Er kannte natürlich die Antwort, nachdem er intensiv an der Diskussion beteiligt gewesen war. Zum einen waren sie mit Richard und Ron als Co-Investoren bei ELECTRION übereingekommen, dass ein hohes Marktvolumen klar vor erzielter Marge ging. Gerade in der Startphase der neuen Company. Und zum anderen hatten sie entschieden, ähnlich wie Tesla eine Rückkaufgarantie für ihre Fahrzeuge abzugeben, was den Banken umgekehrt ermöglichte, deutlich attraktivere Leasingraten anzubieten. Dabei half ihnen ihr Gesamtangebot inklusive Heimladesystem. Auf diesem Wege boten sie den teuren Autobatterien nach Ablauf ihres ersten Lebens sofort eine zweite Einsatzmöglichkeit als zusätzlicher Zwischenspeicher für Zuhause. Gerade in den USA mit ihrem fragileren Stromnetz und der Sorge seiner Bewohner ein höchst willkommenes Angebot, wie sich bereits herausstellte.

Etwas ausweichend führte Jack den Journalisten zur Mitte ihres Standes und erklärte. „Ein wichtiger Baustein hierfür ist unser umfangreiches Heimladesystem.“

Samantha hatte mit Eric´s Hilfe den Veranstalter überredet, den ELECTRION-Stand mit einer eigenen, völlig unabhängigen Stromversorgung auszustatten. Über eine auf dem Hallendach temporär installierte PV-Anlage. Das hieß, der gesamte am Stand benötigte Strom wurde selber erzeugt und bei Bedarf in den auf dem Stand stehenden EVs zwischengespeichert. Mitten auf ihrem Stand hatten sie dafür einen großen Touchscreen installiert, der Systemfunktion und aktuellen Status übersichtlich darstellte. Das Thema kam bei der Presse extrem gut an.

„Wir gehen davon aus, dass viele unserer Kunden dieses Heimladesystem annehmen werden. Samt extra Zwischenspeicher im Keller. Damit ergibt sich ein hoch attraktives Zweitleben für unsere Autobatterien, was die Leasingkosten für diese so teure Komponente deutlich nach unten treibt.“

„Liegen Sie damit nicht in direkter Konkurrenz zu Tesla und Solarcity?“

„Ich würde es anders ausdrücken. Wir liegen hier auf der gleichen Wellenlänge. Wir sind beide von der Notwendigkeit einer komfortablen und sauberen Stromerzeugung im eigenen Haus überzeugt. Der Wettbewerb kann nur gut für die Kunden sein.“

Der Journalist griff den Gedankengang auf und kam zu einer seiner Kernfragen. „Und wie sieht es dann mit den tatsächlichen Vorbestellungen hier in den USA aus? Noch sind Sie ja ein völlig unbeschriebenes Blatt als Autobauer. Und ohne etablierten Vertrieb, den Sie gerade mühsam aufbauen.“

Der Wirtschaftsjournalist wusste natürlich genauso wie Eric und Jack, wie schwer es war, in diesem Markt als Newcomer zu überleben. Die technischen und finanziellen Anforderungen waren enorm. Jeder größere Managementfehler konnte das Unterfangen zum Scheitern bringen.

„Das Interesse ist riesig, wie Sie ja selbst sehen“, antwortete Jack mit Blick über ihren Stand, „konkrete Absatzzahlen können wir aber noch nicht nennen, dafür ist es noch zu früh. Aber wir sind optimistisch.“

Der Journalist bedankte sich bei Jack, blätterte in seinem Notizblock und wandte sich dann an Eric.

„Herr Brinneau, das bringt mich auf mein zweites Thema. Ich habe gestern die Eröffnungsrede von unserem Bürgermeister gehört. Ja, wir wissen alle, dass der mit Abstand größte CO2-Emittent in LA der Straßenverkehr ist. Und seit Jahrzehnten steigt. Und jetzt wollen wir das plötzlich umdrehen. Eine Reduzierung der Emissionen um ein ganzes Drittel bis 2030. Damit müsste fast jeder Zweit- oder Drittwagen in LA zum EV werden. Zwei Millionen EVs, nach ihren eigenen Berechnungen! Bei einem aktuellen Absatz von kaum mehr als 20.000 EVs pro Jahr im Großraum LA bräuchte man rechnerisch fast hundert Jahre dafür, oder? Klingt alles ein bisschen, äh, wie soll ich sagen, naiv?“

Du Depp! Eric mochte den Typen nicht. Jetzt, nachdem er sich nun direkt an ihn wandte, war seine Aversion noch größer. Du meinst wohl, du hast die Weisheit mit Löffeln gefressen! Der Journalist war mit Eric und Jack wieder zurück an den Tresen gegangen. Jack bot ihm, äußerlich immer noch völlig ruhig, einen Kaffee an. Eric atmete tief durch und zwang sich ein Lächeln ab.

„Ja, Sie haben natürlich Recht. Bei den aktuellen Absatzzahlen darf es nicht bleiben. Auf keinen Fall! Unsere Analysen zeigen aber eindeutig, dass es dort draußen viel mehr Haushalte gibt, die mehr als zwei Autos besitzen und sich problemlos ein oder zwei EVs anschaffen könnten. Die müssen jetzt einfach stärker angegangen werden. Dann sollte unsere Zielvision auch nicht mehr so, ähh, wie sagten Sie doch, naiv sein. Dazu ist unsere umfangreiche, auf mehrere Jahre angelegte Marketing-Kampagne inklusive Democenter und täglich fliegendem Zeppelin gedacht.“

Der Journalist sah ihn immer noch skeptisch an.

„Und das soll reichen? Ist die Hauptursache nicht in dem mangelnden Angebot zu suchen? Ganz unabhängig von dem neuen, tollen Elec-1 hier auf dem Stand. Schauen Sie sich doch in der Halle um, wer alles und mit was für EVs da ist! Das ist doch immer noch sehr, sehr bescheiden im Vergleich zu dem was an konventionellen Neufahrzeugen in ein paar Wochen auf der großen Los Angeles Autoshow zu sehen sein wird. Wie wollen Sie das bitte in der nächsten Zeit ändern?“

Der Mann lag natürlich auch hier nicht ganz falsch. Aber der arrogante Ton nervt! Immerhin hatte Eric es durch massives Sponsoring vom GREEN ELECTRIC INSTITUTE geschafft, dass das jährlich stattfindende Electric Vehicle Symposium wieder aus seiner Lethargie erwacht war. Und sich jetzt zusammen mit einer großen Fahrzeugausstellung an die Spitze der weltweiten Veranstaltungen zur Elektromobilität gesetzt hatte. Zum ersten Mal waren nahezu alle namhaften EV-Hersteller mit ihren Produkten in einer Halle vertreten. Nicht hinter den konventionell angetriebenen Boliden versteckt, wie es auf den meisten Automobil-Ausstellungen immer noch der Fall war, sondern alleine und im Zentrum der Aufmerksamkeit. Nur, wenn man genau nachzählte, waren es trotzdem kaum mehr als zehn wirklich attraktive Serien-Modelle. Mit Tesla und Nissan als den beiden führenden Anbietern. Das ist einfach immer noch verdammt mager! Nur BMW schien aktuell bereit, sein Angebot auszubauen und damit zu den beiden führenden Herstellern aufzuschließen. Alle anderen beobachteten mehr oder weniger den Markt. Immer noch!

„Der Druck muss von den Endkunden kommen. Unserer Einschätzung nach fehlt nicht mehr viel, bis die kritische Masse erreicht ist. Und sobald die wenigen Anbieter richtig Spaß mit ihren Absatzzahlen haben, können es sich die anderen nicht mehr leisten, dahinter zurückzubleiben. Zu groß wäre der Imageschaden.“

„Aber müsste dazu nicht der Preis pro Gallone weit über die aktuell gut vier Dollar steigen? Alles andere holt die Leute doch nicht hinterm Ofen hervor?“ Und schob sogleich mit süffisantem Unterton nach.

„Aber das wird die Öllobby natürlich nicht zulassen. Die ist ja nicht doof! Die achtet schon darauf, dass der Preis nicht ins utopische abdriftet. Alternativ darauf zu hoffen, dass die Leute in der Breite ihre Umweltverantwortung wahrnehmen, halte ich ebenfalls für ziemlich naiv. Dafür sind die Menschen einfach zu egoistisch! Und zu träge. Und finden immer wieder genügend Ausreden.“