Elektrisiert - Teil II - Michael Valentine-Urbschat - E-Book

Elektrisiert - Teil II E-Book

Michael Valentine-Urbschat

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Beschreibung

Der Kampf um die letzten, noch unerschlossenen Ölreserven hat begonnen. In aller Härte. Ohne Rücksicht auf Mensch und Natur. Eric Brinneau, Experte der International Energy Agency für die Reduzierung der CO2- Emissionen im Straßenverkehr, erhält einen heiklen Auftrag von seinem Chef. Er soll ein Geheimtreffen mit der deutschen Kanzlerin vorbereiten. Unwetter in Deutschland und eine schleppende Energiewende zwingen sie zum Handeln. Der Klimawandel muss aufgehalten werden. Eric und sein Team sollen eine Lösung entwickeln. Eine Aufgabe, die nicht nur sein Leben verändern wird. Da kristallisiert sich überraschend ein Ausweg heraus. Doch mächtige Gegner aus Industrie und Politik schrecken vor nichts zurück. Zu hoch sind die Einsätze. TEIL II: Eric zerrinnt die Zeit zwischen den Fingern. Zwar hat die Kanzlerin eine Taskforce aufgesetzt, aber tatsächlich geht nichts voran. Zwei unerwartete Treffen bringen den erhofften Aufschwung. Fieberhaft arbeiten Eric und Lisa an einer möglichen Lösung für ihr CO2 Problem. Das Ziel scheint greifbar nahe, als ohne Vorwarnung eine Katastrophe über sie hereinbricht. >>So spannend hat noch niemand über die Energiewende geschrieben. Michael Valentine-Urbschat schreibt, wie nur ein Insider es kann.<< >>Fiktion oder Insider-Bericht? Wahrscheinlich beides. Das macht das Buch zu einem einmaligen Leseerlebnis.<<

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Veröffentlichungsjahr: 2016

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ELEKTRISIERT - Teil II -

Michael und Nancy Valentine-Urbschat

Für Katharina und Nicholas – als Zeichen dafür,dass die Generation ihrer Eltern nicht tatenlos zusieht,obwohl sie es besser weiß.

Vorbemerkung

Die Brennstoffe – vornehmlich Öl, Kohle und Gas – stellen keine nachhaltige Energieversorgung dar, auch wenn bis heute unser weltweiter, wirtschaftlicher Erfolg in großen Teilen darauf basiert. Das wissen wir alle. Seit Jahren.

Allein diese fehlende Nachhaltigkeit zwingt uns dazu, erneuerbare Energiequellen als attraktive Alternativen auf den Weg zu bringen. Ohne besonderen Zeitdruck, nachdem die Rohstoffkonzerne bisher eine ausreichende Versorgung mit fossilen Brennstoffen sicherstellen. Auch wenn unklar ist, wie lange unsere Öl-, Gas- und Kohlereserven tatsächlich noch reichen.

Wir wissen aber auch – und das nicht erst seit dem diesjährigen, fünften Bericht des Weltklimarates –, dass die dadurch verursachten CO2-Emissionen maßgeblich zur Klimaveränderung beitragen. Experten gehen von einer Erwärmung der Erdoberfläche von mindestens 3-4 Grad Celsius im Laufe dieses Jahrhunderts aus, wenn wir es nicht schaffen, in wenigen Jahren unsere Abhängigkeit von diesen fossilen Brennstoffen massiv zu reduzieren.

Die Folgen dieser einsetzenden Klimaveränderung sind heute bereits spürbar und werden aller Voraussicht nach besonders für die nachfolgenden Generationen zu einem gigantischen Problem werden.

Diese unumkehrbaren Langzeitfolgen erhöhen den Zeitdruck massiv. Zwingen uns, jetzt die Alternativen auf den Weg zu bringen. Hier können und wollen wir nicht tatenlos zusehen. Nicht nur, weil wir selber zwei Kinder haben.

Dabei stellt die umfassende Abkehr von Verbrennungskraftmaschinen im weltweit wachsenden Straßenverkehr eine besondere Herausforderung dar. Bisher haben wir keinen Weg gefunden, diese Technologiewende in der notwendigen Breite und Geschwindigkeit auf den Weg zu bringen. Der Verkehrssektor ist weltweit der einzige Verbrauchersektor, der immer noch ein ungebrochenes Wachstum bei den CO2-Emissionen aufweist.

Mit dem vorliegenden Roman hoffen wir, zur Diskussion und Lösung dieses Themas beitragen zu können, indem wir einer breiteren Leserschaft die prekäre Ausgangssituation, die sehr unterschiedlichen Sichtweisen und Zwänge der beteiligten Spieler, aber auch mögliche Lösungsansätze vor Augen führe.

Das alles haben wir versucht, in eine möglichst spannende Geschichte zu packen – wir wollen Sie als interessierten Leser ja auf keinen Fall verlieren, auf diesem etwas umfangreicheren Exkurs.

Die Geschichte selbst ist völlig frei erfunden, genauso wie auch alle handelnden Personen frei erfunden sind.

Dennoch spielt der Roman mitten in unserer heutigen Welt und baut auf vielen, aktuellen Fakten auf, die von uns nach bestem Wissen und Gewissen recherchiert wurden. Ein Verzeichnis der wichtigsten Quellen findet sich im Anhang, in dem wir auch einige Hintergründe und Details erläutert haben.

Die öffentlichen Ämter, Organisationen, Firmen und Produkte, die den meisten bekannt sein dürften, sind rein zufällig gewählt und dienen nur dazu, den Bezug zur realen Welt noch mal zu verdeutlichen. Die konkreten Aktivitäten dieser Einrichtungen und ihrer handelnden Personen sind aber natürlich ebenfalls frei erfunden.

Dagegen existieren die beschriebenen Technologien zum größten Teil heute schon oder stehen kurz vor der Fertigentwicklung – und können damit tatsächlich einen nennenswerten Beitrag zur Lösung unseres Verkehrsproblems liefern.

Jetzt aber genug der Vorrede – wir wünschen Ihnen eine spannende Unterhaltung. Und anschließend natürlich möglichst intensive Diskussionen. Denn nur so kommen wir in diesem so essentiellen Thema für die Menschheit endlich voran. Hoffentlich.

München, im Oktober 2014

Michael und Nancy Valentine-Urbschat

Teil II

Sechs Monate später – Fort McMurray, Provinz Alberta, Kanada, Spätherbst

Seine Chefin hatte Jeff für fast vier Monate aus dem Verkehr gezogen, um ihn zu schonen. Der Anschlag in Nigeria hatte ihn mitgenommen. Das konnte man sehen. Sogar seine Chefin sah es, die sonst auf nichts und niemanden Rücksicht nahm.

Die Hintergründe des Anschlags waren noch nicht ganz aufgeklärt. Sein Mittelsmann Petrov war zwar fast unverletzt davongekommen, aber immer noch wutentbrannt. Er hatte bereits vor ihrem Besuch beträchtliche Summen ausgegeben, um zumindest den Zugang in das potentielle, neue Öl-Fördergebiet zu sichern. Aber ganz offensichtlich nicht genug. Eine verfeindete Widerstandsgruppe in der Region hatte irgendwie von dem Deal Wind bekommen. Und ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht. Sie konnten von Glück reden, dass sowohl das von ihrer Firma bezahlte, private Rettungsteam, als auch Regierungstruppen aus einem nahen Standort so schnell vor Ort waren. Sonst wären sie wahrscheinlich nicht mit dem Leben davon gekommen.

Petrov war hart im Nehmen. Für ihn war der Deal noch nicht geplatzt. Aber bis jetzt waren sie keinen Schritt weiter gekommen. Und Jeff´s Erholung zog sich länger hin als geplant. Seine Chefin aber wollte niemand anderen aus ihrem Team hinunterschicken. Also musste Petrov warten.

Nachdem Jeff wieder im Büro war, ließ man ihn zwei Monate lang Schreibtischarbeit erledigen. Man wollte ganz sichergehen, dass einer ihrer erfahrensten Dealmaker auch wirklich voll genesen war. Denn es gab nur wenige, die diesen Job machen wollten. Und auch konnten.

Doch jetzt war Jeff wieder im Flieger. Diesmal zusammen mit seiner Chefin, und kurz vor der Landung auf dem Flughafen von Fort McMurray, im Norden der Provinz Alberta in Kanada. Er beugte sich vor und sah zum Fenster hinaus. Ihr Firmenflugzeug zog gerade in niedriger Höhe an dem Flughafengelände vorbei, um dann in einem letzten großen Bogen den Landeanflug einzuleiten.

„Wow, das letzte Mal, als ich hier oben war“, sagte Jeff und beugte sich noch ein Stückchen weiter vor, „sah der Flughafen aber noch ganz anders aus! Was ist denn das riesige Gebäude dort hinten?“

„Das neue Terminal. Wurde erst vor kurzem eröffnet“, antwortete seine Chefin ohne den Blick von ihren Unterlagen zu lassen, „Fort McMurray ist jetzt eine richtige Boomtown. Der am schnellsten wachsende Flughafen in Kanada, soviel ich weiß. Deswegen müssen wir ja auch hin.“

Der Flughafen glitt schnell aus Jeff´s Blickfeld, als der Jet weiter ausholte. Und dann sah er sie. Die riesigen Ölsand-Abbaugebiete, die Fort McMurray auf die Landkarte vieler, teuer eingerichteter Büros brachten und Kanada in die Top-Riege der ölexportierenden Länder aufsteigen ließen.

Der Blick von oben war brutal. Sogar für Jeff Simson, der fast alle Ölfördergebiete dieser Welt gesehen hatte. Gigantische Flächen ursprünglicher Taiga-Wälder wurden in diesem fast unbewohnten Gebiet Nord-Albertas gerodet, um an die meist direkt unter der Erdoberfläche befindlichen Ölsande heranzukommen. Eine teerähnliche Masse, die auf riesigen Lastern aus den fast 30 Meter tiefen Gruben in die nahe gelegenen Separationsanlagen transportiert wurde. Und dann sah er auch die großen, künstlich angelegten Seen, die die nach der Separation rückständigen Wasser- und Schlammmassen auffingen. Der verführerische Goldton ihrer in der Sonne schimmernden Oberflächen passt so gar nicht zu den hochgiftigen Inhalten, dachte Jeff, der sich in den letzten beiden Monaten intensiver mit der Materie befasst hatte. Denn eigentlich war er nicht der Experte für die Ölgewinnung aus solchen Teersanden. Aber seine Chefin wollte ihn unbedingt dabei haben. Hat sie immer noch ein schlechtes Gewissen wegen der Geschichte in Afrika? Konnte Jeff fast nicht glauben. Für kurze Zeit dachte er ganz ans Aufhören. Er hasste den Job immer noch. Gerade solche Anblicke wie jetzt aus dem Flugzeug waren nicht dazu angetan, ihn zu motivieren. Was tue ich hier eigentlich? Verträge abschließen, die es meiner Firma erlauben, unter dem Mantel der Legalität die Umweltverschmutzung, ja sogar Zerstörung, auf der Erde in großem Stile voranzutreiben? Wofür? Damit wir noch mehr Benzin in unseren Autos verbrennen können? Wo soll das auf Dauer noch hinführen? Gibt es keine besseren Lösungen als weiter und weiter zu bohren und die letzten Ölreserven aus Mutter Erde herauszuquetschen? Mit immer höherem Risiko für Mensch und Umwelt! Aber irgendwie kam er nicht davon los. Fast wie eine Droge. Und die Bezahlung war fantastisch. Zumindest solange sie Erfolge vorweisen konnten.

Also war er wieder unterwegs und versuchte, seiner Firma die Rechte an einem weiteren, bisher nicht genutzten Abbaugebiet zu sicheren. Jede noch so schwierige Möglichkeit kam nun auf den Tisch. Der immer höhere Ölpreis, der den unaufhörlich wachsenden Hunger der Verbraucher widerspiegelte, trieb die Gier der Produzenten geradezu ins Unermessliche. Und die Konkurrenz schlief nicht. Ein Spiel mit harten Bandagen, bei dem nur die Schnellsten und Gewieftesten gewannen.

Ab einem Ölpreis von 75 Dollar pro Barrel konnte auch die sehr aufwendige Trennung und Aufbereitung des stark verunreinigten Öls aus dieser teerartigen Masse hier in Kanada erfolgreich betrieben werden. Vorausgesetzt, die Umweltauflagen verschlangen nicht zu große Summen.

An diesem Punkt war ihr, sein Verhandlungsgeschick gefragt. Je größer die Zugeständnisse an die lokalen Behörden bei der Reinigung der in riesigen Mengen auftretenden, giftigen Abfallprodukte und der Wiederherstellung der natürlichen Vegetation, desto größer die Wahrscheinlichkeit, den Zuschlag zu bekommen. Auf der anderen Seite nahmen dann die finanziellen Risiken enorm zu und machten das Projekt für die Konzerne eher unattraktiv. Also suchte man immer nach Wegen, sich bei den Umweltthemen nicht zu weit aus dem Fenster zu legen, ohne gegenüber der zahlreichen Konkurrenz gleich ins Hintertreffen zu geraten.

Und jetzt kamen auch noch die chinesischen Ölkonzerne dazu, die das Potential ebenfalls erkannten und eine Chance sahen, die etwas zögerlich auftretenden Amerikaner auszustechen. In den USA formierte sich nämlich ein überraschend starker Widerstand in der Bevölkerung gegen diese Ölsande. Zum einen machten sich die betroffenen US-Bundesstaaten Sorgen bezüglich der notwendigen, neuen Pipeline von Kanada bis hinunter nach Texas, wo die geeigneten Raffinerien standen. Und zum anderen hatte es sich herumgesprochen, dass die Umweltschäden in Kanada gewaltig und der Energieaufwand zur Gewinnung und Aufbereitung dieses so schmutzigen Rohöls enorm waren. Da machte sich plötzlich ein gewisses, ökologisches Gewissen in der amerikanischen Bevölkerung breit, was den Kanadiern gar nicht gefiel.

Die US Regierung aber wusste genau, dass sie, solange sie ihren Ölverbrauch, gerade im Verkehrssektor, nicht massiv reduzierten, auf jede neue Versorgungsquelle angewiesen waren. Und Kanada war eine der attraktivsten Quellen, die man sich aus US Sicht nur vorstellen konnte. In so enger und freundschaftlicher Nachbarschaft.

Sollten sich doch die Kanadier selbst um das Thema Umwelt kümmern, kriegen ja schließlich auch einen Großteil der Einnahmen. Der Widerstand in der kanadischen Bevölkerung war dagegen sehr gering. Ganz zur Überraschung auch von Jeff und seiner Chefin. Die vielen Dollars wirkten scheinbar auch hier wie eine Droge.

Aktuell wurden die Konzessionen für mehrere neue, ´zigtausend Quadratkilometer große Abbaugebiete ausgeschrieben. Insgesamt stand eine Fläche von der Größe Floridas zur Disposition, fast ein Viertel der Provinz Alberta. Die wenigen Einheimischen wehrten sich zwar massiv, waren aber gegenüber der stetig wachsenden Zahl an kanadischen Neueinwohnern, die von der Ostküste kommend der Neuzeit-Goldgräberstimmung folgten, zunehmend in der Minderheit. Und die konservative Regierung hatte nur das wirtschaftliche Wohl des Landes im Fokus.

Aktuelle Schätzungen gingen von einer möglichen Verdreifachung der Ölfördermengen aus Ölsanden auf bis zu vier Millionen Barrels pro Tag aus. Fast fünf Prozent der Weltproduktion. Damit konnte Kanada hinter Russland, Saudi Arabien und den USA zum viertgrößten Ölproduzenten der Welt aufsteigen. Bei immer weiter steigenden Preisen. Rosige Aussichten, zumindest auf der Einnahmenseite.

Dass das Land damit seine im Kyoto-Protokoll zugesagten CO2-Reduzierungsziele bis 2012 klar verpasste, da der enorme Energieeinsatz für die Ölgewinnung riesige Mengen an Gas verbrauchte, wurde, so weit es ging, totgeschwiegen. Und, wenn notwendig, verwies man auf zukünftige Chancen einer möglichen CO2-Abscheidung und Speicherung bei der Verbrennung der fossilen Rohstoffe. Eine Technik, die zwar erst noch entwickelt werden musste und, nach Aussage einiger Experten, vielleicht niemals zum Erfolg führen würde. Aber was soll´s, dachte Jeff grimmig und schnallte sich für die Landung wieder an. So laufen die Geschäfte halt.

Sie hatten ein Konzept ausgearbeitet, das die aktuell vorgegebenen Umweltauflagen alle erfüllte. Zumindest auf dem Papier. Heute Nachmittag war ihr angesetzter Termin vor der Kommission, die am Schluss auch die Konzessionsvergabe entschied. Und er hatte es mal wieder geschafft, einen Mittelsmann für sich zu gewinnen, der sie im Vorfeld mit wichtigen Informationen versorgte. Aber wir müssen verdammt vorsichtig vorgehen, schließlich war Kanada nicht Afrika.

Die Gulfstream V fuhr mit einem leichten Ruck das Fahrwerk aus und setzte zur Landung an. Deal time, dachte Jeff, und freute sich irgendwie auf das anstehende Treffen. Das war sicherlich der angenehmere Teil seines Jobs. Besonders wenn danach auch für ihn die Kasse klingelte. Die Vorarbeiten dagegen hasste er. Die menschlichen Schwächen auszunutzen, um an das gewünschte Ziel zu kommen. Er war gut darin. Oder kannte genügend Leute, die gut darin waren.

Aber sein Bauch sagte ihm immer wieder, dass er etwas Falsches machte. Und meldete sich entsprechend. Er war deswegen schon mehrmals beim Arzt gewesen. Aber der hatte immer nur zwei Ratschläge: Jobwechsel oder Medikamente. Also nahm er Medikamente.

Im Westen von München, auf einem ehemaligen Militärflugplatz

Jack hatte den Sprung gewagt. Vor gut 4 Monaten hatte er zusammen mit Samantha und einer Rumpfmannschaft in der neuen Firma angefangen. Von seinem provisorischen Büro aus konnte er fast täglich den Baufortschritt ihres neuen Zuhauses verfolgen. Der moderne, vierstöckige Werkstatt- und Bürokomplex war jetzt fast fertig. Ein mächtiger, kubischer Block mit großen Glasfronten und einer hellen Fassade. Dennoch wirkte er ein wenig deplatziert zwischen den vielen, niedrigen Gebäuden, die hier alle kurz nach dem Krieg entstanden waren. Der Umzug war für Anfang nächsten Jahres geplant.

Bis dahin waren die Büros ihrer neu gegründeten Autofirma mit dem vielsagenden Namen ELECTRION auf die alten Gebäude gegenüber verteilt. So lange müssen wir hier noch aushalten! Aber er konnte sich nicht beschweren! Sie hatten es warm und gemütlich in den alten Räumen. Und bereits einiges in dieser provisorischen Umgebung auf die Beine gestellt.

„Jack, du weißt, das Meeting fängt in zehn Minuten an.“ Seine Assistentin hatte den Kopf zur Tür hinein gesteckt und ihn ein wenig aus seinen Gedanken gerissen. Er nickte kurz, blieb aber noch am Fenster stehen.

Nur sechs Monate! Doch soviel war in diesen sechs Monaten passiert, seitdem Jack den englischen Landsitz verlassen hatte. Zurück bei Lotus Engineering hatte er sich ein paar Tage frei genommen. Er brauchte die Zeit zum Nachdenken. Endlich ein Auto machen, so wie ich es mir vorstelle.Was für ein Angebot! Nach all den Projekten und seinen enormen Erfahrungen auf dem Gebiet elektrischer Antriebe. Keinen Prototypen mehr, sondern ein richtiges Serienfahrzeug! Das den Endkunden die Möglichkeit gab, dieses Auto tatsächlich zu erwerben und selbst essentieller Bestandteil der automobilen Zukunft zu werden.

Er hatte das Für und Wider dieses Jobwechsels ausführlich mit seiner Frau diskutiert und dann den Headhunter angerufen, der immer noch skeptisch war. Doch Jack folgte seinem Bauchgefühl. Hör auf zu zaudern, ich mache das jetzt!. Danach war die Hölle los, im positiven Sinne.

Allein die Gespräche zu den Details der Geschäftsplanung für die ersten drei Jahre des neuen Unternehmens hatten noch einiges an Zeit in Anspruch genommen. Er hatte sich dazu mehrmals in kurzen Abständen mit Samantha und Bob in London getroffen. Am Schluss stand auch sein neuer Anstellungsvertrag. Er leitete zusammen mit Samantha die Firma, wobei sie offiziell nach außen die CEO Funktion bekleidete, während er die technische Leitung übernahm.

Damitkonnteerleben. Sein Bauchgefühl hatte ihn seit ihrem ersten positiven Zusammentreffen auf dem englischen Landsitz nicht getrogen. Samantha Perry und er dachten in sehr ähnlichen Bildern, wenn es um die Zukunft dieses Unternehmens ging, und ergänzten sich in ihren Fähigkeiten ausgezeichnet. Und sie überließ ihm auf der technischen Seite ganz klar die Führung.

Wie bereits ganz zu Beginn besprochen, wollten sie den Hauptsitz ihrer Firma nach Deutschland legen. Das Mutterland des Automobils. Und wurden im Münchner Westen auf einem ehemaligen Militärflugplatz, der nach dem Ende des kalten Krieges ausgedient hatte, fündig. Die mehr als drei Kilometer lange Landebahn und die zahlreichen Taxiways boten eine hervorragende Basis für die Fahrerprobung ihrer Prototypen. Und Gebäude und Werkstätten waren ausreichend vorhanden, auch wenn die Qualität der Büros etwas zu wünschen übrig lässt.

Mit einem leichten Schmunzeln fuhr er über das raue Fensterbrett, bei dem die Farbe an einigen Stellen leicht abblätterte. Aber dafür hatte ja ein lokaler Investor auf dem riesigen Gelände bereits in einen ersten, neuen Bürokomplex investiert, der ihr endgültiges Zuhause werden sollte.

Jack hatte es außerdem geschafft, von seinem ehemaligen Arbeitgeber, ohne zu großen Ärger, mehrere Schlüsselmitarbeiter kurzfristig abzuwerben. Darüber hinaus bedienten sie sich massiv bei den lokalen Engineering-Dienstleistern und einer stetig wachsenden Zahl an kompetenten Zulieferern, die selbst schlagkräftige Entwicklungsabteilungen hatten und die eigenen Zukunftschancen in Elektroautos erkannten. Dass die Geldmittel so zur Verfügung standen, wie Bob Henderson es versprochen hatte und in ihrem Geschäftsplan dargelegt war, half natürlich.

Auf der Batterieseite konnte er seine bewährten Partner aus der Lotus-Zeit gewinnen. Tim Wilken und Huo Song waren begeistert, als sie hörten, dass Jack nun endlich an einem eigenen Serienprojekt arbeitete. Sie sagten ihre Unterstützung sofort zu.

Auch die neuen, kompakten E-Maschinen mit dem integrierten Ein-Stufen-Getriebe und der passenden Leistungselektronik kamen wieder von dem innovativen Schweizer Partner, den er bereits bei Lotus zu schätzen gelernt hatte. Auch hier wurde eine sofortige Bereitschaft zur Zusammenarbeit bekundet. Jack musste nur aufpassen, dass dieses immer noch kleine Unternehmen den Sprung in die Großserienfertigung schaffte. Denn diesmal brauchte er große Stückzahlen. Zu attraktiven Preisen. Nicht nur ein paar Prototypen. Die vielen Herausforderungen weckten immer wieder Zweifel in ihm. Können wir tatsächlich ein zweiter Tesla werden? Haben wir ausreichende Mittel dafür? Nicht nur die finanziellen? Bin ich, ganzpersönlich, dieser Herausforderung wirklich gewachsen? Immer wieder spürte er die schwere Last auf seinen Schultern.

Jack drehte sich vom Fenster weg. Hör´ auf mit den Zweifeln! Macht dich nur verrückt. Sein Blick blieb an dem kleinen 1:10 Fahrzeugmodell auf seinem Besprechungstisch hängen, das ihm seine Mitarbeiter gestern auf Basis der neuesten Design-Daten von Pininfarina in ihrem 3D-Printer angefertigt hatten. Schon in diesem kleinen Maßstab konnte man die Eleganz des Entwurfs erkennen. Und hob seine Stimmung merklich. Große Räder, betont dynamische Kotflügel, weicher Übergang vom Dach in den sich verjüngenden Heckbereich.

Er war froh, dass die Entscheidung für ihren Design-Partner vor drei Monaten auf die Italiener fiel. Auch wenn es dem traditionsreichen Unternehmen in den letzten Jahren nicht sehr gut ging, waren sie doch immer noch eine der weltführenden Designschmieden. Mit einem Super-Händchen für scharfe Kurven. Eben typisch Italiener. Jack musste grinsen. Er nahm das Modell unter den Arm und machte sich auf den Weg hinüber in ihre Prototypenwerkstatt.

Vor dem Gebäude traf er auf Samantha, die ebenfalls zum Meeting wollte.

„Morning, Jack. Hey, lass mich noch mal das Modell sehen. Der Entwurf ist wirklich gelungen. Muskulös, aber doch elegant. Eine tolle Mischung! Ich kann es kaum erwarten, bis wir den ersten 1:1 Prototypen von Pinin bekommen.“

Jack konnte ihr nur zustimmen. In Originalgröße würde die Wirkung sicherlich noch mal ganz anders sein. Die Italiener arbeiteten mit Hochdruck daran, die erste von Hand gefertigte Außenhaut aus Aluminium für ihren fahrbaren Prototypen bis nächste Woche fertigzustellen. Und dann wollte man sich in Turin treffen.

Es war nasskalt, als die beiden über die alten Pflastersteine des gewundenen Weges liefen, der zwischen den niedrigen Gebäuden hindurchführte. Sie hatten ihre Prototypenwerkstatt etwas entfernt in einem der ehemaligen, bombensicheren Hangars für die Militärjets untergebracht. Was für eine neue, viel friedlichere Verwendung, dachte Jack. Hätten sich die Erbauer damals wohl auch nicht gedacht. Die riesigen Tore unter dem grasbewachsenen, halbrunden Stahlbetondach waren geschlossenen. Sie gingen daher auf den kleinen Seiteneingang zu.

Jack war jedes Mal wieder begeistert, wenn er in das Innere des Gebäudes kam. In kürzester Zeit hatten es seine Mitarbeiter geschafft, eine hochmoderne Prototypen-Werkstatt einzurichten. Noch besser als alles, was wir bisher bei Lotus hatten.

Eines der Herzstücke stand in der Mitte der riesigen Halle. Ein 3D-Printer neuester Technologie, mit gigantischen Ausmaßen. Die Bezeichnung wird der Maschine nicht gerecht, dachte Jack zum wiederholten Male. Das Gerät ist ein Wunderwerk der Technik! Fast alles, was sie auf ihren Rechnern konstruierten, konnte diese Maschine in wenigen Stunden aus Kunststoff oder verschiedenen Sinter-Metallen herstellen. Schicht um Schicht wurde das gewünschte Prototypen-Bauteil wie von magischer Hand aufgebaut. Die wochenlange Anfertigung von Werkzeugen und Formen gehörte hiermit der Vergangenheit an.

Das aktuelle Ergebnis stand vor ihnen in der Halle. Ihr erster rollender Prototyp im Maßstab 1:1, aber noch ohne die Außenhaut. Seit heute Morgen waren Antrieb und Elektrik komplett eingebaut, sodass sich der Prototyp, wenn alles gut ging, erstmals aus eigener Kraft fortbewegen sollte. Dies sollte als erste Bestätigung für die grundsätzliche Funktionsfähigkeit ihrer wichtigsten Komponenten dienen. Daher das angesetzte Treffen.

„Sehr beeindruckend“, kam es von Samantha, als sie um das Fahrzeug andächtig herum ging, „der Wagen wirkt noch höher, als ich dachte.“

Nachdem jetzt auch die Räder montiert waren und das Fahrzeug somit auf eigenen Füßen stand, konnte man erstmals seine wahre Größe erkennen. Ja, der Wagen ist ziemlich groß. Das war eine der Designvorgaben, die besonders Samantha als Verantwortliche für die Gesamtkonzeption immer wieder betont hatte. Die EVs mussten ihrer Meinung nach unbedingt aus der Kleinwagen-Ecke heraus. Unabhängig davon, wie groß ihre Reichweite war. Die großen und breiten Räder betonten diese Gesamterscheinung ihres Entwurfs noch. Die Geländewagen-ähnliche Bodenfreiheit tat ein Übriges dazu.

Ihr Rohbau-Partner hatte vor einigen Wochen die erste, rein aus Aluminium gefertigte Rohkarosserie geliefert. Ein zusammengeschweißter Käfig aus Profilen und Alublechteilen, der den Raum für die Passagiere umschloss und die tragende Struktur für alle Anbauteile lieferte. Der Gesamtaufbau war deutlich einfacher, als man das von konventionellen Fahrzeugen gewohnt war. Das konnte jeder im Automobilbau erfahrene Ingenieur auf Anhieb erkennen. Die komplexe Unterbringung eines großen Verbrennungsmotors mit Getriebe und allen notwendigen Peripherie-Komponenten, wie Ansaugluftführung und Abgasanlage, fiel komplett weg.

Stattdessen wurde die große, kastenförmige Batterie crashsicher in den doppelten Unterboden integriert. Und der komplette E-Antrieb war aufgrund seiner geringen Größe nun integrativer Bestandteil der Achskonstruktion, die, wie üblich, erst im Nachhinein an die Struktur der Rohkarosserie angeschraubt wurde.

Insgesamt wurde so die Montage des Gesamtfahrzeugs deutlich vereinfacht. Die sonst übliche, große „Hochzeit“ zwischen Fahrzeug und konventionellem Antrieb wurde bei EVs zum Kinderspiel. Und hatte dabei noch den angenehmen Nebeneffekt, dass Karosserievarianten viel leichter umzusetzen waren. Denn eine Cabrio-Variante ihres ersten Serienfahrzeuges war für Samantha und Jack ein absolutes Muss. Wir wollen ja unseren Kunden maximale Freude bereiten.

„Morgen, Jack“, begann sein für den Antrieb verantwortlicher Ingenieur, „wie du hier unten sehen kannst, haben wir endlich, nach einer kleinen Modifikation, auch die beiden E-Maschinen samt Getriebe in den Achsträgern untergebracht.“

Jack und Samantha knieten sich hinter dem Prototypen auf den Boden und blickten von unten auf den aufwendig verstrebten Hinterachsträger. Die E-Maschine mit den beiden Abtriebswellen hin zu den Rädern war gut zu erkennen.

Nach langer Diskussion hatten sie sich gegen die Vier-Motoren-Variante entschieden. Zumindest für ihr erstes Auto. Das Risiko für eine schnelle Serienzulassung ist einfach noch zu groß. Dennoch hatten sie einen performanten Allrad konzipiert, bei dem die beiden Achsen unabhängig voneinander jeweils mit einem E-Motor angetrieben wurden. So konnte ihre Steuerelektronik je nach Fahrsituation die Kraft optimal und blitzschnell zwischen Vorder- und Hinterachse hin und her verteilen. Aber eben nicht mehr zwischen allen vier Rädern, so wie sie es mit ihrem X1 Prototypen so brilliant demonstriert hatten. DaswürdeineinemzweitenSchrittkommen, hatte Jack entschieden.

„Und diese Achsteile kommen alle aus dem 3D-Drucker?“, fragte Samantha noch mal nach, nachdem sie es immer noch nicht glauben konnte.

„Ja“, antwortete Jack stolz, „das Ding ist echt ein Wunderwerk der Technik. Wir können damit fast alle mechanischen Teile unseres Fahrzeugs selber herstellen. Ohne lange auf die ersten, handgefertigten Teile von unseren Zulieferern zu warten. Direkt aus unseren Computern rein in den Drucker. Und wenige Stunden später sind sie fertig!“

„Echt unglaublich. Aber sind die Teile auch gut genug, um damit herumzufahren?“

„Theoretisch ja, aber praktisch?“

Die Frage hing für einige Sekunden im Raum. Konnten sie mit dieser Technik tatsächlich die Bauzeiten für ihre ersten Prototypen so gewaltig beschleunigen? Und dann auch alle notwendigen Erprobungen auf der Teststrecke durchführen? Samantha hatte immer noch ihre Zweifel. Aber ich bin ja nicht für die Technik verantwortlich.

Und?“, fragte Jack mit einem Augenzwinkern in die Runde, „bewegt sich nun unser Fahrzeug? Oder ist es nur ein schöner und teurer Staubfänger? Direkt aus dem Drucker?“

Breites Grinsen bei den beteiligten Ingenieuren. Ja, das war die Frage, die seit Wochen im Raum stand. Waren die Prototypenteile gut genug, um wirklich einen ersten, fahrbaren Wagen herzustellen? Sie wollten ihren Chef nicht enttäuschen. Daher hatten sie die letzten Tage und Nächte geopfert, bis endlich die komplette Elektrik und Elektronik eingebaut und angeschlossen war. Und auch tatsächlich funktionierte. Der Spirit im Team war beeindruckend. Nur so konnten sie auf Dauer erfolgreich sein, das war schon immer Jack´s Credo gewesen.

Der für den Antrieb verantwortliche Ingenieur setzte sich vorsichtig hinters Steuer und schaltete die Elektronik ein. Leises Summen war zu hören. Und dann bewegte sich der Wagen plötzlich lautlos und wie von Geisterhand ein paar Meter vorwärts, in der riesigen Halle. Was für ein erhebendes Gefühl. Alle im Raum spürten es und klatschten spontan Beifall.

Samantha ergriff Jack am Arm.

„Jungs, ihr seid echt gigantisch“, sagte sie stolz in die Runde, „ich hatte, ehrlich gesagt, größere Zweifel, als wir bei Projektbeginn den knappen Zeitplan fixierten. Und jetzt steht das verdammte Ding vor uns und bewegt sich tatsächlich! Noch ein bisschen hässlich ohne die Außenhaut, aber dafür umso beeindruckender. Echt großes, großes Lob an alle.“

Nach Monaten harter Arbeit konnte man die Erleichterung im Team spüren. Ein wichtiger erster Schritt zu ihrem Serienfahrzeug war getan.

„Ich habe gestern Abend sogar noch eine erste, kleine Runde gedreht“, sagte der Ingenieur mit einem breiten Grinsen aus dem Prototypen heraus, „musste ja sicherstellen, dass das heute Morgen nicht in die Hose geht! Der Antrieb scheint ausreichend Leistung von der Batterie zu bekommen. Und die Steuerungssoftware scheint auch zu wissen, was sie tut. Das heißt, ab morgen starten wir unser erstes, kleines Erprobungsprogramm, soweit es der Prototyp in seiner jetzigen Form zulässt. Dabei passen wir natürlich gut auf ihn auf, Jack. Wir wollen ihn ja nicht gleich schrotten, richtig?“

Wieder breites Grinsen in der Gruppe. Die Geschichten aus den alten Lotuszeiten hatten wohl schon die Runde gemacht.

„Und was macht unsere dazu passende Ladestation?“, fragte Samantha, die wusste, dass ein so beeindruckendes Fahrzeug wahrscheinlich nur der halbe Weg zum Erfolg sein würde. Nach allen bisherigen Erfahrungen und Frustrationen der Wettbewerber im Markt.

Der verantwortliche Entwickler führte die beiden ein paar Meter weiter in den hinteren Teil des ehemaligen Flugzeughangars. Auch hier hatten sie, zusammen mit einem PV-Anlagenbauer und dem Hersteller der Ladestation, extrem viel Hirnschmalz hineingesteckt.

„Wie ihr wisst“, begann er seine Ausführungen, „hat unser erster Prototyp einer Heim-Schnellladestation bereits ansprechende 11 kW Leistung. Damit kriegen wir die Batterie unseres Wagens in gut zwei Stunden komplett voll. Den benötigten Strom erzeugen wir natürlich mit einer eigenen, auf dem Hallendach installierten PV-Anlage. Ganz sauber! Und dazu gibt es noch eine Batterie als Zwischenspeicher für den Fall, dass es gerade keinen anderen Strom-Abnehmer gibt. Und ganz nebenbei ist diese Batterie absolut identisch mit der in unserem Auto verbauten. Was ja langfristig ganz interessante, zusätzliche Geschäftsmöglichkeiten ergeben sollte.“

Zustimmendes Nicken von Samantha, die besonderen Fokus auf diesen Teil ihres Produktangebotes legte. Eine sinnvolle Zweitverwendung der Batterie erleichterte die Amortisierung der hohen Anschaffungskosten.

Der Entwickler fuhr fort. „Aktuell haben wir noch gut 15 Kilowattstunden im Speicher, wie ihr hier seht. Dies entspricht mehr als der Hälfte unserer Batteriekapazität im Auto. Und bei normaler Fahrweise fast 100 Kilometer Reichweite.“

Er deutete auf die große Anzeige an der Wand über der Ladestation. Natürlich konnten sie ihr Fahrzeug auch an einer ganz normalen Steckdose aufladen, aber dann brauchte es mehr als acht Stunden. Über Nacht war das kein Problem für die Endkunden. Wenn das Auto aber tagsüber intensiver im Einsatz war, sprich drei oder vier längere Erledigungs-Fahrten hinter sich bringen musste, dann war eine schnellere Zwischenaufladung ein willkommenes Angebot.

Ihre PV-Anlage lieferte bei vollem Sonnenschein mehr als 10 Kilowattstunden Energie. Jede Stunde. Über Mittag konnte somit ihre Batterie problemlos direkt geladen werden. Danach ging der überschüssige Strom wieder in die Zwischenspeicherbatterie, die sie in der Nähe der Ladestation platziert hatten. Bei Bedarf konnte dieser Puffer bei der nächsten Ladung der Autobatterie unterstützen oder sogar, wenn die PV-Anlage gerade überhaupt keine Leistung brachte, den Ladevorgang komplett übernehmen.

Und nur, wenn auch die Zwischenspeicherbatterie leer war, griff die Ladesäule automatisch auf den Strom des lokalen Netzanbieters zurück, bei dem sie einen Liefer-Vertrag aus 100 Prozent Wasserkraft hatten, zum entsprechenden Preis. Deutlich teurer, aber wenigstens sauber.

Die kommenden Wochen würden zeigen, ob ihr Konzept aufging. Der tägliche Erprobungsbetrieb des Fahrzeugs mit vielen Kurzstrecken auf ihrem neuen Testgelände und permanenter Rückkehr an die Heimladestation war ein absoluter Härtetest für das System. Kaum ein Endkunde wird wohl jemals so viele Erledigungsfahrten pro Tag schaffen oder ähnlich viele Zwischenaufladungen benötigen!

Das hieß, ihr System war aller Wahrscheinlichkeit nach völlig überdimensioniert, aber die sichere Funktion stand erst einmal im Vordergrund. Danach, so hatten Jack und Samantha entschieden, mussten in einem zweiten Schritt Komplexität und Kosten noch mal deutlich reduziert werden. Das Ladesystem sollte ja essentieller Bestandteil ihres attraktiven Gesamtangebotes werden. Kein leichtes Unterfangen!

Jack sah nachdenklich auf die Anzeige. Aber bisher eben auch die Achillesferse aller EV-Angebote am Markt. Die Hersteller lassen die Kunden beim Thema Zuhause-Laden quasi im Stich. Ja, eine designmäßig passende Wallbox bietet jeder an. Aber auch nicht mehr. Hier wollten und mussten sie eine deutlich überzeugendere Lösung finden.

Nachdem der verantwortliche Entwickler noch die Schnellladung ihres Prototypen direkt aus der Zwischenbatterie demonstriert hatte, sah Jack seine Kollegin an. „Sam, das heißt, wir haben jetzt noch genau eine Woche Zeit für Erprobung und eventuelle Behebung von ersten Wehwehchen. Danach muss der Wagen zu Pininfarina nach Italien. Und wird dort dann innen und außen komplettiert.“

Samantha nickte. Auch sie war sich der zeitkritischen Situation voll bewusst. Aber Bob Henderson und die anderen Investoren hatten ein Recht auf einen ersten, umfassenden Zwischenbericht über die Verwendung der bereitgestellten Mittel. Und das ist beileibe kein kleiner Betrag! Doch mit dem ersten Prototyp werden wir alle überzeugen, ja, begeistern! Samantha war zuversichtlich.

Er muss nur rechtzeitig fertig werden. Und bei Italienern weiß man ja nie, dachte die Amerikanerin an alte Erfahrungen. Aber sie konnte sich auf Jack verlassen. Das hatten die letzten Monate bereits gezeigt. Der wird schon allen in seiner charmanten Art richtig Feuer unterm Hintern machen! Dabei huschte ihr ein Lächeln übers Gesicht.

Jack beendete das Statusmeeting und ging mit Samantha zurück ins Büro. Der Regen war sogar noch etwas stärker geworden. Fast wie zuhause in England, dachte er, während er seiner amerikanischen Kollegin einen Platz unter seinem mitgebrachten Schirm anbot, den diese dankend annahm.

Zeitgleich in der BMW-Zentrale, München

Auf Nachfragen des Vorstandsvorsitzenden der BMW AG hatte der Strategiechef zu einer entsprechenden Sondersitzung in den „Vierzylinder“ eingeladen, der mit seiner einzigartigen Hochhaus-Architektur immer noch die Zentrale des weltbekannten Unternehmens war.

Die Stimmung im Meeting war von Anfang an nicht gut. Alle hatten das Gefühl, dass die Strategieleute einen Schuldigen suchten. Und das nicht bei sich! Wer hätte bereits etwas über diese neue Autofirma ganz in ihrer Nähe wissen müssen? Und hatte es dabei verpasst, entsprechend Bericht zu erstatten?

Fritz Niklas, der Leiter der BMW Technikschmiede, war ebenfalls eingeladen, nachdem die Strategieabteilung auf Umwegen herausgefunden hatte, dass es eine persönliche Verbindung zwischen Jack und ihm gab. Daher richtete der Strategiechef auch gleich die erste Frage an ihn.

„Sie hatten doch mit diesem Jack Summerfield eines Ihrer letzten Projekte gemacht, als er noch bei Lotus war, richtig? Damit müssen Sie uns doch etwas mehr zu seinem Hintergrund erzählen können?“

Fritz Niklas hatte bisher nur ganz am Rande mitbekommen, dass Jack das Unternehmen gewechselt hatte, nachdem ihr gemeinsames Projekt tatsächlich auf Eis gelegt worden war. Jack hatte ihm zwar vor einiger Zeit eine kurze Mail geschrieben, ohne aber auf seinen neuen Arbeitgeber direkter einzugehen.

„So viel nun auch wieder nicht“, fing Niklas daher vorsichtig an, „Jack ist ein ganz hervorragender Ingenieur, gerade wenn es um Elektrofahrzeuge geht. Der X1 Prototyp auf unserem Testgelände war ja ein ausgezeichnetes Beispiel.“

„Wissen wir doch! Aber was können Sie uns zu seinem neuen Arbeitgeber erzählen?“

„Nichts“, antwortete Niklas kurz und wahrheitsgemäß. Er konnte den arroganten Strategiechef nicht wirklich leiden. Und die Auseinandersetzung damals auf dem Testgelände hatte seine Abneigung nur noch bestärkt.

Leichtes Erstaunen in der Runde. Und eine gewisse Unruhe. Jeder wusste, dass dies ganz und gar nicht die Antwort war, die der Strategiechef hören wollte.

„Das heißt, obwohl Sie diesen Herrn bereits seit Jahren kennen, können Sie uns nichts sagen? Nicht, an was für einem Auto seine neue Firma gerade arbeitet? Oder woher sie ihr Geld dafür bekommen? Es ist ja nicht gerade billig, ein komplettes Auto zu entwickeln, wie wir alle fast täglich feststellen müssen“, hakte der Strategiechef bissig nach, „oder wieso zum Beispiel diese Firma ausgerechnet München als Standort gewählt hat?“

Fritz Niklas schüttelte erneut den Kopf. Jeder konnte merken, dass der Strategiemann langsam auf hundertachtzig war. Besonders, nachdem er wusste, dass der BMW-Chef ihn in der nächsten Rücksprache mit großer Sicherheit wieder auf diese Firma und ihre Absichten ansprechen würde. Doch bis jetzt tappten sie fast völlig im Dunkeln.

Was den Strategiechef aber besonders nervte, war die Tatsache, dass sie als BMW in ihrem dichten Netzwerk an Kontakten offensichtlich bisher an keiner Stelle zu möglichen Kooperationen mit dieser Firma angesprochen wurden. Normalerweise waren sie immer die erste Anlaufadresse, wenn irgendwo in München eine neue Idee zu einem neuen Fahrzeugkonzept oder dem Thema Elektromobilität aufkam. Und dann meist viel Geld und technische Kompetenz gefragt waren. Damit wussten sie als BMW eigentlich immer Bescheid, was gerade wo lief. Und konnten gegebenenfalls die Richtung der Aktivität direkt beeinflussen. Ganz nach dem alten Sprichwort: Wer zahlt, schafft an. Funktioniert eigentlich immer. Nur in diesem Fall nicht? Wieso?

Der Strategiechef kochte und blickte seine eigenen Mitarbeiter grimmig an. „Dann wird es jetzt wohl höchste Zeit, dass wir selber unsere Fühler etwas weiter ausfahren. Ich muss wissen, was diese Leute planen! Und woher sie ihr Geld bekommen!“

Und noch mal an Fritz Niklas gewandt. „Können Sie dann vielleicht probieren, diesen Entwicklungsleiter, wie hieß er gleich noch mal, Summerfield, direkt zu kontaktieren? Um ein paar Details zur seiner neuen Firma herauszubekommen?“

„Kann ich gerne probieren“, antwortete Fritz Niklas reserviert und schob bissig nach, „obwohl ich die Chancen dafür eher gering einschätze, nachdem er das letzte Treffen bei uns ganz sicher nicht in bester Erinnerung behalten hat. Wir haben das gemeinsame Projekt ja, wie mit Ihnen damals abgesprochen, eingestellt. Ohne jede Begründung für die Lotus-Leute.“

Den Seitenhieb konnte er sich nicht verkneifen. Hätte er vielleicht sollen. Aber er hasste es, wenn sinnvolle Aktivitäten nur, weil sie gerade nicht in die politische Landschaft passten, abgewürgt wurden. Und sein Prototyp hätte der BMW Elektrofahrzeug-Entwicklung insgesamt gut getan. Richtig gut getan, da war er sich sicher. Stattdessen war der i3 immer noch kein wirklicher Erfolg. Mit Stückzahlen weit unter eigentlich vergleichbaren Modellen wie ihrem so erfolgreichen Mini. Die Ursachenforschung ging intern in alle möglichen Richtungen. Nur das Thema Performance und Spaß beim Fahrzeug selber wurde kaum betrachtet, obwohl es in zahlreichen User-Foren im Internet immer wieder auftauchte. Ein Mini Cooper S war im Vergleich zum i3 einfach ganz was anderes. Auch das Design des i3 kam nicht wirklich gut an. Von einer fehlenden Cabriovariante gar nicht zu sprechen. Die geringe Reifenbreite war für viele der Inbegriff von Spaßverderben. Stattdessen diskutierte man in epischer Breite die schlechten Markt-Rahmenbedingungen und das Reichweiten-Thema.

Dieser mangelnde Erfolg beim eigenen EV trug natürlich zur schlechten Stimmung im Meeting bei. Viele hatten ein ungutes Gefühl in der Magengegend. Was konnte einen Investor bei all den Negativ-Beispielen und zahlreichen Pleiten dazu motivieren, Geld in eine weitere Autofirma für EVs zu stecken? Hatten die etwas gefunden, was sie bei BMW bisher übersehen hatten? Oder übersehen wollten, weil ihnen ihre konventionellen Antriebe und Fahrzeuge so sehr am Herzen lagen? Ihr Vorstandsvorsitzender hatte nicht ohne Grund nachgefragt. Das war allen klar.

Nach knapp einer Stunde war das so unbefriedigend verlaufene Treffen beendet. Die Beteiligten waren froh, dass sie ungeschoren davongekommen waren und wieder zum Tagesgeschäft übergehen konnten.

Auf dem Rückweg in sein Büro kochte der Strategiechef immer noch. Und rief spontan den Verbandspräsidenten von seinem Handy aus an. Vielleicht weiß der ja was, dachte er grimmig. Oder konnte bei der Informationsbeschaffung helfen. Wofür bezahlen wir ihn eigentlich sonst! Er soll schließlich aufpassen, dass nichts aus dem Ruder läuft. Aber dafür musste man erstmal wissen, was überhaupt lief. Karl Röhmer ging ran, als er die Nummer des BMW Mannes auf seinem Smartphone erkannte. Hätte er nicht tun sollen. Das Gespräch war wenig erfreulich.

Berlin, Bundeskanzleramt, am selben Tag

Eric kochte. Wenn ich mir noch drei Minuten länger diesen Schwachsinn anhören muss, dann platze ich! Das hält doch kein Mensch aus! Die rechte Seite seines Notizblatts war bereits wild bestückt mit kleinen, kubischen Mustern, die er langsam aber sicher mit seinem Stift in böse Monster umformte. Und zuckende Blitze. Die drei Finger seiner rechten Hand krallten sich förmlich in das Schreibgerät. Eigentlich ritzte er die Muster fast in den Block. Nur mit größter Anstrengung löste er die Finger vom Stift, legte ihn beiseite, nahm die Brille ab und rieb sich die müden Augen. Jetzt nur nicht hysterisch werden!

Es waren fast zwanzig Personen im Raum. Offiziell eine beeindruckende, neue Taskforce. Im Auftrag der Kanzlerin. Wow, echt Klasse! Tatsächlich ging nichts voran. Überhaupt nichts! Und dabei war das bereits ihr drittes Meeting innerhalb der letzten sechs Monate. Aber immer noch fast ausschließlich Diskussionen über Formalitäten und Verantwortlichkeiten. Und wenn inhaltliche Dinge auf den Tisch kamen, wurden sie sofort hitzig diskutiert und dann schnell wieder vertagt. Oder komplett von der Agenda genommen. Es ist zum aus der Haut fahren.

Am Kopf des Tisches saß Hans Weidner. Er hatte offiziell erst einmal die Leitung der Taskforce übernommen und gab sich sichtlich Mühe. Aber leider nur mit mäßigem Erfolg. Sehr mäßigem! Das neben dem Deutschen liegende Smartphone vibrierte gerade. Stirnrunzelnd sah er auf das Display und unterbrach dann mit einer kurzen Handbewegung die Sitzung. Leise sprach er ein paar Worte in das Gerät, erhob sich und verließ den Raum. Endlich eine Unterbrechung! Die meisten der anderen Teilnehmer nutzten die Chance erleichtert, um sich die Füße zu vertreten oder einen weiteren Kaffee zu holen. Alles besser als dieses Meeting!Keine hat wirklich Spaß, dachte Eric zerknirscht, als er in die müden Gesichter der anderen Teilnehmer sah und sich ebenfalls erhob. Aber keiner war so frustriert wie er, da war er sich ziemlich sicher.