Elektrisiert - Teil III - Michael Valentine-Urbschat - E-Book

Elektrisiert - Teil III E-Book

Michael Valentine-Urbschat

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Beschreibung

Der Kampf um die letzten, noch unerschlossenen Ölreserven hat begonnen. In aller Härte. Ohne Rücksicht auf Mensch und Natur. Eric Brinneau, Experte der International Energy Agency für die Reduzierung der CO2- Emissionen im Straßenverkehr, erhält einen heiklen Auftrag von seinem Chef. Er soll ein Geheimtreffen mit der deutschen Kanzlerin vorbereiten. Unwetter in Deutschland und eine schleppende Energiewende zwingen sie zum Handeln. Der Klimawandel muss aufgehalten werden. Eric und sein Team sollen eine Lösung entwickeln. Eine Aufgabe, die nicht nur sein Leben verändern wird. Da kristallisiert sich überraschend ein Ausweg heraus. Doch mächtige Gegner aus Industrie und Politik schrecken vor nichts zurück. Zu hoch sind die Einsätze. TEIL III: Der Frust sitzt extrem tief. Absoluter Stillstand. Sowohl in Paris, als auch in Berlin. Die deutsche Kanzlerin kocht; was soll sie auf der kommenden Klimakonferenz präsentieren? Da erhält Eric eine mysteriöse Nachricht. Nach kurzem Zögern stimmt er einem geheimen Treffen zu. Was konnte er schon noch verlieren? >>So spannend hat noch niemand über die Energiewende geschrieben. Michael Valentine-Urbschat schreibt, wie nur ein Insider es kann.<< >>Fiktion oder Insider-Bericht? Wahrscheinlich beides. Das macht das Buch zu einem einmaligen Leseerlebnis.<<

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Seitenzahl: 218

Veröffentlichungsjahr: 2016

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ELEKTRISIERT - TEIL III -

Michael und Nancy Valentine-Urbschat

Für Katharina und Nicholas – als Zeichen dafür,dass die Generation ihrer Eltern nicht tatenlos zusieht,obwohl sie es besser weiß.

Vorbemerkung

Die Brennstoffe – vornehmlich Öl, Kohle und Gas – stellen keine nachhaltige Energieversorgung dar, auch wenn bis heute unser weltweiter, wirtschaftlicher Erfolg in großen Teilen darauf basiert. Das wissen wir alle. Seit Jahren.

Allein diese fehlende Nachhaltigkeit zwingt uns dazu, erneuerbare Energiequellen als attraktive Alternativen auf den Weg zu bringen. Ohne besonderen Zeitdruck, nachdem die Rohstoffkonzerne bisher eine ausreichende Versorgung mit fossilen Brennstoffen sicherstellen. Auch wenn unklar ist, wie lange unsere Öl-, Gas- und Kohlereserven tatsächlich noch reichen.

Wir wissen aber auch – und das nicht erst seit dem diesjährigen, fünften Bericht des Weltklimarates –, dass die dadurch verursachten CO2-Emissionen maßgeblich zur Klimaveränderung beitragen. Experten gehen von einer Erwärmung der Erdoberfläche von mindestens 3-4 Grad Celsius im Laufe dieses Jahrhunderts aus, wenn wir es nicht schaffen, in wenigen Jahren unsere Abhängigkeit von diesen fossilen Brennstoffen massiv zu reduzieren.

Die Folgen dieser einsetzenden Klimaveränderung sind heute bereits spürbar und werden aller Voraussicht nach besonders für die nachfolgenden Generationen zu einem gigantischen Problem werden.

Diese unumkehrbaren Langzeitfolgen erhöhen den Zeitdruck massiv. Zwingen uns, jetzt die Alternativen auf den Weg zu bringen. Hier können und wollen wir nicht tatenlos zusehen. Nicht nur, weil wir selber zwei Kinder haben.

Dabei stellt die umfassende Abkehr von Verbrennungskraftmaschinen im weltweit wachsenden Straßenverkehr eine besondere Herausforderung dar. Bisher haben wir keinen Weg gefunden, diese Technologiewende in der notwendigen Breite und Geschwindigkeit auf den Weg zu bringen. Der Verkehrssektor ist weltweit der einzige Verbrauchersektor, der immer noch ein ungebrochenes Wachstum bei den CO2-Emissionen aufweist.

Mit dem vorliegenden Roman hoffen wir, zur Diskussion und Lösung dieses Themas beitragen zu können, indem wir einer breiteren Leserschaft die prekäre Ausgangssituation, die sehr unterschiedlichen Sichtweisen und Zwänge der beteiligten Spieler, aber auch mögliche Lösungsansätze vor Augen führe.

Das alles haben wir versucht, in eine möglichst spannende Geschichte zu packen – wir wollen Sie als interessierten Leser ja auf keinen Fall verlieren, auf diesem etwas umfangreicheren Exkurs.

Die Geschichte selbst ist völlig frei erfunden, genauso wie auch alle handelnden Personen frei erfunden sind.

Dennoch spielt der Roman mitten in unserer heutigen Welt und baut auf vielen, aktuellen Fakten auf, die von uns nach bestem Wissen und Gewissen recherchiert wurden. Ein Verzeichnis der wichtigsten Quellen findet sich im Anhang, in dem wir auch einige Hintergründe und Details erläutert haben.

Die öffentlichen Ämter, Organisationen, Firmen und Produkte, die den meisten bekannt sein dürften, sind rein zufällig gewählt und dienen nur dazu, den Bezug zur realen Welt noch mal zu verdeutlichen. Die konkreten Aktivitäten dieser Einrichtungen und ihrer handelnden Personen sind aber natürlich ebenfalls frei erfunden.

Dagegen existieren die beschriebenen Technologien zum größten Teil heute schon oder stehen kurz vor der Fertigentwicklung – und können damit tatsächlich einen nennenswerten Beitrag zur Lösung unseres Verkehrsproblems liefern.

Jetzt aber genug der Vorrede – wir wünschen Ihnen eine spannende Unterhaltung. Und anschließend natürlich möglichst intensive Diskussionen. Denn nur so kommen wir in diesem so essentiellen Thema für die Menschheit endlich voran. Hoffentlich.

München, im Oktober 2014

Michael und Nancy Valentine-Urbschat

Teil III

Vier Monate später – Baku, Aserbaidschan, am Kaspischen Meer, Anfang März

Die hochmoderne Fähre mit ihren zwei langen, Katamaran-artigen Rümpfen und dem flachen Aufbau hatte die Heckklappe komplett heruntergefahren, um Autos und Passagiere aufzunehmen. Doch nur wenige Fahrzeuge mit Sonderausweisen wurden an der Zufahrt zum Kai von den Polizisten durchgelassen. Das Gelände vor der Fähre war hermetisch abgeriegelt.

Jeff Simson stand mit Petrov, seinem langjährigen Mittelsmann an der Reling, hoch über dem Heck des Schiffes, und konnte das Einfahren der Fahrzeuge gut überblicken. Die Sonne stand an diesem Frühlingstag im Hafen von Baku bereits ziemlich tief. Der Westwind blies ihnen kalt ins Gesicht. Jeff schlug den Kragen seines Mantels hoch und sah auf die Uhr. Die wenigen geladenen Gäste sollten eigentlich alle innerhalb der nächsten dreißig Minuten ankommen. Er war gespannt, ob sie ihr ungewöhnliches Treffen zum gewünschten Abschluss bringen konnten. Petrov hatte den Plan mit ihm gemeinsam ausgearbeitet und alles akribisch vorbereitet. Mehr konnten sie jetzt nicht mehr tun.

Seit mehreren Jahren war ein Team aus der Abteilung seiner Chefin in Baku, der Hauptstadt Aserbaidschans, tätig. Nach erfolgreichen Probebohrungen im Kaspischen Meer setzte Anfang des 21. Jahrhunderts der zweite Frühling für die aserbaidschanische Ölförderung ein. Der hohe Ölpreis machte auch hier die aufwendigen und riskanten Bohrungen zu einem profitablen Geschäft, das sich keiner entgehen lassen konnte.

Doch das war einfacher gesagt als getan. Die Rahmenbedingungen für einen erfolgreichen Abschluss in diesem so geschichtsträchtigen Land am Kaukasus waren extrem komplex. Also war er wieder draußen. Jeff. Der Sonderbeauftragte seiner Chefin. Der Mann für die schwierigen Fälle. Der Mann, der es immer wieder schaffte, ein entscheidendes Ass aus dem Ärmel zu ziehen. Blöder Spruch! Jeff schüttelte den Kopf.

Ja, er hatte vor der Ankunft in Baku seine Hausaufgaben gemacht und sich alle anderen Informationen in Gesprächen mit ihrem Team vor Ort und mit Petrov besorgt, der das Land noch aus der Zeit der ehemaligen UDSSR kannte. Damals arbeitete er ja noch für den KGB, was sich auch diesmal wieder als sehr nützlich erwies.

Baku hatte zu Beginn des 19. Jahrhunderts die größten Erdölfelder der Welt und lieferte mehr als fünfzig Prozent des weltweiten Ölbedarfs. Der schon in der Frühzeit wichtige Handelsplatz entlang der alten Seidenstraße wurde in dieser Zeit zu einer der größten Städte der Welt. Und war heute immer noch die einzige Millionenmetropole am Kaspischen Meer. Das Nizza des Ostens, wie manche zu sagen pflegten. Nicht ganz unberechtigt, dachte Jeff, der die alten Prachtbauten der Stadt kannte, die heute zum Teil wieder von den im Ölgeschäft tätigen Familien bewohnt wurden.

Mit der Entdeckung der riesigen Quellen auf der arabischen Halbinsel nach dem Ende des 2. Weltkriegs nahm die Bedeutung Bakus als Ölproduzent aber deutlich ab. Am Ende des 20. Jahrhunderts waren die an Land gelegenen Ölfelder quasi erschöpft und bereiteten der gerade erst in die Unabhängigkeit entlassenen, ehemaligen Sowjetrepublik eine sehr schwierige Startphase mit massiven Budgetproblemen.

Doch dann kam der steigende Ölpreis und die Entdeckung neuer Ölfelder unter dem Meeresboden. Plötzlich wurde Baku wieder zu einem hochinteressanten Ort für die Ölkonzerne dieser Welt. Doch die aserbaidschanische Regierung war bei der schwierigen und teuren Erschließung zwingend auf ausländische Hilfe angewiesen. Das war eine Chance, die sich auch Jeff´s Chefin und ihr Konzern nicht entgehen lassen wollten. Im Wettbewerb mit zahlreicher Konkurrenz. Besonders die Engländer hatten hervorragende Beziehungen bis in die höchsten Kreise der Regierung und spielten das gesamte diplomatische Repertoire. Bis hin zum Einsatz der königlichen Familie, deren Mitglieder häufig in Baku anzutreffen waren.

Als das von seiner Chefin geschickte Team in den Verhandlungen ins Stocken geriet und keine Besserung in Sicht war, wurde es wieder einmal Zeit für einen Sondereinsatz von Jeff Simson. Seine Chefin übergab ihm die Leitung des Teams, völlige Handlungsfreiheit und drei Monate Zeit. Sie wollte Ergebnisse, keine weiteren Ausreden oder Erklärungen!

Nach drei Wochen Hintergrund-Recherche und einiger, langer Abende mit seinem Petrov, den er temporär mit viel Geld aus Afrika hinüber in den Kaukasus gelockt hatte, war ihnen eine Idee gekommen. Riskant, aber machbar, hatten die beiden beim Wodka in einem der heißesten Nachtclubs Bakus entschieden. Da kam ihm sehr gelegen, dass Peter Larson, sein neuer, persönlicher Schatten, der ja auf Anordnung seiner Chefin ab sofort für seinen Schutz zu sorgen hatte, beste Beziehungen zum US-Militär besaß.

Schon bei seinem ersten Landeanflug auf dem internationalen Flughafen von Baku war Jeff die Staffel an F-22 Raptors der US Air Force auf der anderen Seite der Landebahn aufgefallen. Die Präsenz des amerikanischen Militärs war in der Region seit der Unabhängigkeit der ehemaligen Sowjetrepubliken und dem Einmarsch alliierter Truppen in Afghanistan deutlich gestiegen. Mehr als allgemein bekannt war. Baku und sein großer Flughafen lagen für die Amerikaner ideal auf der Nachschublinie ihrer Truppen, beginnend in Zentraleuropa über die Türkei bis nach Nord-Afghanistan. Umgekehrt hatte Aserbaidschan seit Beginn des neuen Ölbooms ein hohes Eigeninteresse an der Anwesenheit des amerikanischen Militärs.

Peter Larson kam gerade auf die Brücke hinaus und sprach mit einem seiner Leute über Funk. Das kleine Gerät in seinem Ohr war kaum zu erkennen. „Der General und seine Leute fahren gerade vor“, sagte er kurz zu Jeff, ohne Petrov eines Blickes zu würdigen.

Er hatte Jeff mehrmals wissen lassen, dass er allein die Anwesenheit des Russen als zusätzliches Risiko für ihre Sicherheit betrachtete. Jeff konnte ihn nur schwer von seiner hohen Wertschätzung für den so erfahrenen Mittelsmann in seinem Geschäft überzeugen.

Ein kleiner Konvoi aus Suburban SUVs fuhr vor und wurde von den Polizisten durchgewunken. Damit war eine ihrer Trumpfkarten anwesend. Der oberste Repräsentant des US-Militärs in der Region. Sehr gut! Peter Larson hatte den Kontakt zu dem General über seine alten Verbindungen zu den US Special Forces hergestellt, die Baku ebenfalls als Zwischenstopp auf dem Weg zu ihren Einsätzen in Afghanistan nutzten.

Nach kurzer Diskussion war Jeff klar geworden, dass das US-Militär seine Einschätzung zur strategisch prekären Lage Aserbaidschans teilte. Seit Jahren herrschte ein offener Streit zwischen den nun fünf Anrainerstaaten am Kaspischen Meer über die Grenzziehung auf dem Wasser. Die drei von Russland in die Unabhängigkeit entlassenen Staaten Kasachstan, Turkmenistan und eben auch Aserbaidschan wollten unbedingt ihren Anteil an den neuen Ölvorkommen unter dem Kaspischen Meeresboden sichern. Ihre mit Abstand größte Einnahmequelle in den kommenden Jahren, gerade bei weiter steigenden Rohölpreisen!

Doch Russland und der Iran spielten mit harten Bandagen. Und hatten beide als einzige eine nennenswerte militärische Präsenz auf dem Binnenmeer. Der Iran hatte erst vor kurzem mit der Indienststellung einer hochmodernen Fregatte seine Schlagkraft noch mal deutlich erhöht. Das war ein klares Signal an Aserbaidschan und Turkmenistan, dass die neuen, massiven Ölfunde, geographisch nahezu in der Mitte des Kaspischen Meeres zwischen diesen beiden Staaten gelegen, auch vom Iran beansprucht wurden.

Eine Lösung auf diplomatischem Wege war nicht in Sicht. Die Regierung Aserbaidschans wollte aber um jeden Preis so schnell wie möglich mit den Ölförderungen beginnen und endlich Fakten schaffen. Doch ohne militärischen Schutz wollte kein Unternehmen das Risiko eingehen. Hier spielten die Amerikaner plötzliche eine Schlüsselrolle. Man vereinbarte ein gemeinsames Vorgehen zwischen Jeff´s Ölkonzern, der US-Regierung und seinen Militärs. Ein Trumpf, den die Engländer kaum überbieten konnten.

Doch sie hatten noch ein weiteres Thema, das es zu lösen galt. Sonst macht der ganze Erwerb einer Bohrkonzession nur halb soviel Spaß. Und er kannte seine Chefin, sie mochte keine halben Sachen.

Das Kaspische Meer hatte keinen Zugang zur offenen See. Das hieß, es gab keine Möglichkeit, Schiffe oder Bohrplattformen auf dem Seeweg aus anderen Regionen der Welt nach Baku zu schaffen. Alles musste vor Ort gebaut oder mühselig zerlegt und auf dem Landweg bis ans Kaspische Meer transportiert werden. Die Entdeckung der neuen Ölfelder erzeugte einen massiven Mangel an geeignetem Material. Besonders an Bohrplattformen! Wenn man Pech hatte, oder nicht die richtigen Beziehungen, konnte dieser Mangel die Erschließung eines Ölfeldes um Jahre verzögern. Auch hier wurde mit harten Bandagen gekämpft.

Petrov hatte einen alten Kontakt aufgewärmt und ihnen mehrere Treffen mit dem Eigentümer einer Werft in Baku verschafft, der solche Plattformen herstellte und gerade eine verfügbar hatte. Ganz zufällig gab es auch eine enge Verbindung zwischen dem Eigentümer und der aserbaidschanischen Präsidentenfamilie, die am Schluss über die Vergabe der Bohrkonzessionen an ausländische Ölkonzerne entschied. Ganz zufällig.

Petrov stieß Jeff kurz von der Seite an.

Ein noch längerer Konvoi als der des US-Generals fuhr gerade vor. Drei Mercedes Limousinen und zwei Range Rover, in denen ganz offensichtlich die persönliche Leibgarde des Unternehmers saß. Das laute Knarzen der Stahlrampen beim Einfahren sprach für ein besonders hohes Gewicht der fünf Fahrzeuge, dachte Jeff. Wahrscheinlich extra dicke Panzerungen und schusssicheres Glas.

„Jetzt fehlt uns nur noch der Minister“, sagte er zu Petrov, der kaum merklich nickte. Peter Larson war zwischenzeitlich wieder verschwunden. Begrüßt wahrscheinlich die US Militärs.

„Hier kommen unsere Damen“, sagte Petrov mit einem kleinen Lächeln. Hätte Jeff beinahe vergessen. Aber Petrov kannte die Schwächen ihrer Verhandlungspartner genau und wollte diesen Extratrumpf auf jeden Fall im Ärmel behalten.

Zwei Stretch-Limousinen hielten an der Absperrung. Die Polizisten schienen ihre Kontrollaufgaben hier etwas genauer wahrzunehmen. Eines der Wagenfenster wurde heruntergefahren. Zwei Polizisten beugten sich ziemlich lange ins Wageninnere. Jeff konnte bis hier oben das Lachen hören. Definitiv eine weitere Trumpfkarte. Schließlich wurden die beiden Fahrzeuge durchgewunken.

Als schließlich die Mercedes-Limousinen des Ministers vorfuhren, verließen die beiden Männer ihren Platz am Heck des Schiffes und gingen hinein. Alle waren gekommen. Das Spiel konnte beginnen.

Der Kapitän des Fährschiffes fuhr die riesige Heckklappe hoch. Dann ließ er die Motoren an und steuerte das neueste und modernste Schiff der aserbaidschanischen Fährflotte mit seiner besonderen Fracht aus dem Hafen von Baku hinaus. Jeff Simson hatte ihm erst vor zwei Stunden das Ziel ihrer kurzen Reise mitgeteilt. Teil ihrer umfangreichen Sicherheitsmaßnahmen. Der Kapitän forderte die volle Leistung der beiden riesigen Dieselmotoren an und beschleunigte die Fähre auf Höchstgeschwindigkeit. Er liebte sein neuestes Schiff und er genoss den Blick zur linken auf die beeindruckende Hafenpromenade des nun nächtlich erleuchteten Baku, seiner Heimatstadt.

Der große Saal im vorderen Teil des Hauptdecks war großzügig und festlich hergerichtet. Mit beeindruckendem Blick nach vorne über den Bug des Schiffes hinaus auf das im Mondschein funkelnde Meer.

Jeff hatte den Minister samt Entourage bereits begrüßt und führte die Gruppe nun hinüber zum General der US Air Force und seinen Leuten. Man kannte sich. Wie abgesprochen, erläuterte der US-General in knappen Worten das Angebot seiner Regierung zum Ausbau der aserbaidschanischen Seeüberwachung. Samt modernster Technik zur Verteidigung der beanspruchten Hoheitsrechte. Der Minister hatte einen hochrangigen Vertreter des aserbaidschanischen Militärs mitgebracht, der genau zuhörte und anerkennend nickte. Je länger der General sprach, desto breiter wurde das Grinsen auf dem Gesicht seines Kollegen. Die Amerikaner machten ein Angebot, das kaum auszuschlagen war. Ihre erste Trumpfkarte schien zu funktionieren.

Zu Jeff´s Überraschung zog einer der Begleiter des US-Generals einen speziellen Tablett-PC aus der Tasche, der ein regelmäßig wiederkehrendes Radarbild zeigte. Er deutete auf einen kleinen Punkt und erklärte: Ihre Fähre, die sich mit hoher Geschwindigkeit auf die offene See hinausbewegte. Wie ist das möglich? Der Minister sah den US-General und dann seinen Militärvertreter verwundert an.

„Wir haben vor einer Stunde eine unserer neuesten Drohnen von ihrem Flughafen aus in die Luft gebracht und überwachen nun in Realtime die Route des Schiffes“, erklärte der General stolz.

Jeff sah Peter Larson an, der grinste. Geschickter Schachzug! Eine Live-Demonstration der unvergleichlichen Fähigkeiten des US Militärs und gleichzeitig ein zusätzliches Element in ihrem Sicherheitskonzept für dieses geheime Treffen. Die Aserbaidschaner waren beeindruckt. Ja, das war genau, was sie brauchten. Der General deutete auch Luft-Boden-Raketen an, die zum Repertoire der Drohne gehörten. Für den Fall der Fälle. Der Minister grinste und dachte an sein heutiges Vorgespräch mit seinem Präsidenten. Der hatte ihm grünes Licht gegeben, sofern die Rahmenbedingungen stimmten. Ja, die stimmen! Nach kurzer Diskussion wurde der Deal mit dem US-Militär per Handschlag besiegelt.

Sehr gut! Auf kurzen Wink von Jeff brachte Petrov nun den aserbaidschanischen Werft-Unternehmer und seine Leute herüber. Jetzt ging es an den Kern ihres eigentlichen Geschäftes. Die Förderkonzession und die schnelle Verfügbarkeit des benötigten Materials als Gegenleistung für die militärische Unterstützung. Auch hier war offensichtlich, dass sich die Herren gut kannten. Das war nicht das erste gemeinsame, geschäftliche Unterfangen.

Der Minister sprach mit dem etwas grobschlächtig wirkenden Unternehmer und Petrov auf Russisch. Kurzzeitig wurde das Gespräch etwas heftiger. Petrov hatte von Jeff einen gewissen Spielraum auf der monetären Seite erhalten. Die schnelle Verfügbarkeit der benötigten Bohrplattform hatte ihren Preis. Wie sich herausstellte, einen verdammt hohen Preis! Aber man konnte sich natürlich immer auf das altbekannte Prinzip von Angebot und Nachfrage zurückziehen. So hatte es Jeff mit seiner Chefin in Texas besprochen. Falls jemand die Bücher irgendwann mal im Detail prüfen sollte.

Petrov deutete mit seinem Kopf zur Bar, wo zwei der bildhübschen, jungen Frauen in ihren kurzen, eng anliegenden Kleidern auf Barhockern saßen. Er machte eine kurze, scharfe Bemerkung. Der Unternehmer sah zur Bar hinüber, als gerade eine der Frauen den Saum ihres Kleides zurechtrückte. Er lachte laut und vulgär und schlug dann mit seiner riesigen Hand auf Petrov´s Rücken. Der Deal war perfekt. Auch der Minister hatte die attraktiven Damen nicht übersehen. Petrov hatte Recht. Der Minister nickte, wohlwissend, dass das Geschäft nicht zu seinem Nachteil sein würde.

„Dann freuen wir uns, Mr. Simson, Ihnen und Ihrer Firma die Förderrechte an dem neuen Ölfeld entsprechend unseren Vorverträgen zukommen zu lassen“, sagte der Minister nun mit offizieller Stimme und reichte Jeff die Hand. Die Engländer würden kochen! Bis vor kurzem sah es für sie noch wie ein sicheres Geschäft aus. Der gleiche Minister, der in London jede Vorzugsbehandlung der britischen Regierung genossen hatte, machte gerade eine 180-Grad-Kehrtwendung. Zu überzeugend waren die Argumente der Amerikaner.

Na, dann! Auf einen Wink von Jeff brachte das Bordpersonal Champagner für alle. Sie hatten es tatsächlich geschafft. Die monatelange, akribische Vorarbeit hatte sich ausgezahlt. Der Deal ging schneller über die Bühne, als es sich Jeff jemals erträumt hätte. Ohne jegliche Komplikationen. Kaum zu glauben. Jetzt musste er nur noch alle Unterschriften in den nächsten Tagen unter die Verträge bekommen, dann war der Deal auch für seinen Ölkonzern perfekt.

Als die hell erleuchtete Bohrplattform in Sicht kam, die ihnen der Unternehmer in den letzten Tagen angeboten und bereits in Position gebracht hatte, erhob Jeff erneut sein Champagnerglas und dankte den Anwesenden für ihr Kommen und die guten Entscheidungen. Breite Zustimmung und klingende Gläser unter seinen Gästen.

Er blickte zu Petrov hinüber. Der Russe nickte kurz und eröffnete das vorbereitete Buffet samt bestem Kaviar aus den heimischen Gewässern. Auf seinen Wink hin kamen nun die Damen von der Bar herüber und mischten sich unter die Aserbaidschaner. Die Stimmung im Raum wurde ausgelassener.

Kurze Zeit später kam Petrov mit einem kleinen Porzellanschälchen gefüllt mit Kaviar zu Jeff hinüber. Sie lehnten sich gemeinsam an die Reling vor der großen Fensterfront. Die Fähre machte gerade einen weiten Bogen um die riesige Bohrplattform. Das Ziel ihrer kurzen, nächtlichen Fahrt.

„Gut gemacht, mein alter Freund“, sagte der Russe leise und stieß mit dem Amerikaner an, „die Live-Demonstration der militärischen Kompetenz eurer Leute hat wohl den Ausschlag gegeben. Hut ab!“

Die beiden sahen zum General und seinen Leuten hinüber, denen die Anwesenheit der zahlreichen, nur spärlich bekleideten Damen etwas unangenehm war. Dagegen genossen die Aserbaidschaner das Aufgebot in vollen Zügen.

Der Unternehmer hatte bereits zwei der jungen Frauen in seinen Armen und wollte mit ihnen gerade den Raum verlassen. Er suchte wohl ein ruhigeres Plätzchen. Er lachte laut, während die beiden Frauen sich ihrer Sache nicht ganz sicher waren.

Jeff hasste diese Art von Geschäftsgebaren, aber Petrov hatte Recht, die Ausnutzung der menschlichen Schwächen gab oft den entscheidenden Ausschlag. Auch hier schien es zu funktionieren. Dennoch bereitete es Jeff immer wieder ein extrem schlechtes Gefühl in der Magengegend. Er drehte sich um und versuchte seine Gedanken hinaus auf´s Meer zu lenken, das im Mondlicht und zusammen mit der Bohrplattform ein fast surreales Bild abgab.

Während Petrov neben ihm den letzten Löffel seines Kaviars genoss. Er schien zufrieden. Der Deal war perfekt, egal wie, und sein nicht unerheblicher Anteil würde fließen. Die Förderung des Öls und der Abtransport bis in die USA war nun Aufgabe von Jeff und seinem Konzern.

Dass die Tiefseebohrungen und die notwendigen Pipelines am Meeresgrund eine gewaltige Gefährdung dieses weltgrößten Binnengewässers mit seinem einzigartigen Fischbestand bedeutete, wurden von ihm, so wie von den meisten anderen, komplett übersehen. Dass das auch das Aus für den Belugastör und seinen hervorragenden Kaviar bedeuten konnte, den Petrov gerade eben noch genossen hatte, wurde offensichtlich von allen verdrängt.

Jeff hatte den Bericht der Umweltschutzorganisation vor Wochen gelesen, um zumindest vorbereitet zu sein. Das Thema kam aber in keiner ihrer Verhandlungsrunden auf den Tisch. Mit keinem Wort! Auch wenn heute enorme Preise für ein Kilo dieses besten Kaviars bezahlt wurden, waren die Einnahmen Peanuts im Vergleich zum Öl- und Gasgeschäft, das sich gerade im Kaspischen Meer für die Anrainerstaaten eröffnete. Und natürlich auch für meinen Konzern! Jeff schüttelte fast unmerklich den Kopf.

Eine plötzliche, veränderte Tonlage im Raum ließ Jeff herumfahren. In der Gruppe um den US-General war eine gewisse Unruhe entstanden. Peter Larson blickte zusammen mit seinem US-Kollegen wie gebannt auf den vorher noch so wirkungsvoll eingesetzten Tablet-PC. Und immer wieder aufs Meer hinaus. Sie suchen etwas. Aber was? Peter sprach einen kurzen Befehl über Funk und kam dann mit schnellen Schritten hinüber zu Jeff.

Bevor er etwas sagen konnte, machte die Fähre eine spürbare und sehr enge Kurve, und nahm wieder Geschwindigkeit auf. Mehrere Gläser fielen vom Buffet. Jeff hielt sich an der Reling fest. Ein paar überraschte Aufschreie von den Damen. Der aserbaidschanische Unternehmer kam fast ins Straucheln und fluchte. Geschieht ihm Recht, dachte Jeff und sah dann Peter Larson fragend an, der jetzt neben ihm stand.

„Die Überwachungsdrohne hat ein unbekanntes Schiff ein paar Meilen südlich von uns ausgemacht, dass mit sehr hoher Geschwindigkeit näher kommt. Der US-General und seine Leute vermuten, dass es sich um die neue iranische Fregatte handelt. Keiner sonst kann eigentlich so viele Knoten machen.“

„Und was wollen die?“, fragte Jeff leicht verwirrt.

„Zumindest nichts Gutes“, antwortete Peter trocken, „ich habe dem Kapitän Befehl zum Abdrehen gegeben. Mit voller Kraft voraus. Ich befürchte nur, das wird nicht reichen. Das iranische Schiff ist verdammt schnell.“

„Und was heißt das?“, fragte Jeff, nun deutlich unruhiger. Petrov, der immer noch neben ihm stand, sagte nichts, auch wenn ihm die Vorstellung eines iranischen Kriegsschiffes überhaupt nicht behagte.

„Sind wir gerade noch am diskutieren“, antwortete Peter ausweichend und ging dann wieder zu den US-Militärs zurück.

Die Unruhe erfüllte nun den ganzen Raum. Petrov sprach mit den Aserbaidschanern und erklärte ihnen die Situation. Lautes Fluchen.

Währenddessen diskutierte Peter Larson etwas abseits stehend mit den Amerikanern. Die Mienen der Männer verfinsterten sich. Es gab eigentlich nur zwei Optionen, die iranische Fregatte aufzuhalten, wenn sie nicht von alleine abdrehte. Entweder die US-Drohne ging tiefer, zeigte sich und demonstrierte ihr Waffenarsenal. Oder der General gab den Startbefehl für die F-22 Raptors, die immer noch auf dem Flughafen von Baku stationiert waren.

Beides war kein wirklich freundlicher Akt. Und die Beziehung der USA zum Iran war auch so schon ausreichend belastet. Aber keiner der anwesenden Amerikaner hatte Lust auf eine persönliche Verwicklung mit dem Iran. Ganz besonders nicht an Bord einer Fähre mitten auf dem Kaspischen Meer, an einem Ort, wo sie eigentlich nichts zu suchen hatten. Nein, wir wollen auf jeden Fall wieder sicher an Land zurückkehren. Ohne Zwischenfall. Ohne Bekanntschaft mit iranischem Militär.

Nach kurzer Rücksprache mit dem aserbaidschanischen Minister gab der US-General den Befehl zum Start von zwei F-22 Raptors. Unfreundlicher Akt, hin oder her!

IEA Headquarter, Paris, zur selben Zeit

Es war derselbe, große Konferenzraum wie immer. Aber die Arbeitsatmosphäre hatte sich total verändert. Der Teamspirit war raus. Sie saßen zusammen mit ihrem neuen Chef zu siebt im Raum. Auch die Luft fühlte sich stickiger an, dachte Eric grimmig. Seit Wochen arbeiteten sie entsprechend seinen Anweisungen an einem Update für den jährlich erscheinenden „EV Outlook“ der IEA, der weltweit die laufenden Aktivitäten und Absatzerfolge bei Elektrofahrzeugen und Plug-in-Hybriden dokumentierte. Aber eben nur dokumentierte, fast ohne jeden intellektuellen Mehrwert durch die IEA-Truppe selber.

Wieder saßen sie über den Zahlen für die einzelnen Regionen und Kernmärkte, die Pierre in einer großen Tabelle an die Wand geworfen hatte. Lisa kümmerte sich wie gehabt um China, Steve, der extra aus LA herübergekommen war, um die USA. Zusätzlich hatten sie zwei Kollegen miteingebunden, die Detailkenntnisse zum japanischen Markt und dem Rest der Welt mitbrachten. Eric hielt die endlosen Diskussionen über Kleinigkeiten in ihrem Berichtsentwurf nicht mehr aus. Er stand auf, entschuldigte sich kurz, und verließ den Konferenzraum.

Lisa sah ihm traurig hinterher. Am liebsten wäre sie mit ihm hinausgegangen, wusste aber, dass das bei ihrem neuen Chef nicht gut ankommen würde. Sie hatte das Gefühl, dass sie unter ständiger Beobachtung standen.

Eric ging den Gang hinunter zu den Toiletten und stieß unbewusst einen kleinen Seufzer aus. Seit dem Weggang von Jean-Luc hatte sich ihre Abteilung innerhalb kürzester Zeit total verändert. Anfangs versuchte er noch, ihren neuen Chef von der Sinnhaftigkeit ihrer Aktivitäten in den beiden Taskforces zu überzeugen. Lisa und Steve hatten ihn mehrfach darum gebeten, richtiggehend bekniet. Doch der Japaner lächelte ihn in den Gesprächen immer nur an, machte freundliche Bemerkungen und fuhr am nächsten Tag ihre Aktivitäten eiskalt weiter zurück. Offiziell waren sie jetzt noch als Berater in München und LA tätig, aber nur noch mit extrem reduziertem Zeiteinsatz. Im Prinzip sind wir nicht mehr dabei!

Stattdessen belegte der Japaner sie mit lauter neuen, in Eric´s Augen völlig nebensächlichen Aufgaben. Wie diesem Update! Er hatte den Ärger beim kalifornischen Gouverneur und der Münchner Bürgermeisterin mehrfach am Telefon zu spüren bekommen. Sie konnten die Richtungsänderung bei der IEA nicht nachvollziehen und pochten massiv auf seine Unterstützung. Wieso war er nicht mehr vor Ort und half ihnen, dieses so wichtige Thema voran zu bringen? Konnte er ja auch nicht wirklich erklären, sondern immer wieder nur auf seinen neuen Chef verweisen. Jean-Luc war nicht mehr da, um ihm beizustehen. Er hatte ihn seit Wochen nicht mehr gesehen. Alles lief bei seinem ehemaligen Chef wohl auf einen vorzeitigen Ruhestand hinaus.

Das kann so nicht weitergehen! Am liebsten hätte er die Tür zur Herrentoilette eingetreten, so wütend war er. Er sah in den Spiegel, als er sich die Hände wusch. Was mache ich hier eigentlich noch? Doch was waren die Alternativen?

Er blieb einige Minuten vor dem Spiegel stehen, bevor er sich wieder auf den Weg zurück in den Konferenzraum machte. Sein neuer Chef sah ihn kritisch an, als er hereinkam. Eric lächelte nur zurück, so wie er es von ihm in den zahlreichen, so unbefriedigend verlaufenen Gesprächen gelernt hatte. Kann ich auch, du Depp, dachte er und setzte sich. Lisa sah etwas überrascht zu ihm hinüber.

„Schön, dass Sie uns auch wieder mit ihrer Anwesenheit beglücken, Herr Brinneau“, sagte der Japaner trocken, „wir hatten gerade eine kleine Unsicherheit zu den Absatzzahlen für dieses Jahr in Europa. Vielleicht können Sie uns da ja freundlicherweise behilflich sein.“

Eric sah auf die Tabelle an der Wand und dann in seine Unterlagen. Was macht es schon für einen Unterschied, ob die Zahl etwas höher oder niedriger ist. Das Gesamtbild ist entscheidend!