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Herzschmerz und mehr - eine turbulente, liebenswerte Liebeskomödie mit Tiefgang! Eigentlich hätte Tessa allen Grund zur Freude, denn in ihrer neuen Schule darf sie sogar im Unterricht Liebesgeschichten schreiben. Endlich kann sie die Heldin ihrer eigenen Geschichte sein. Etwas Besseres kann sie sich gar nicht vorstellen. Doch ausgerechnet jetzt fällt ihr nichts mehr ein. Zum Glück weiß ihre beste Freundin Caroline Rat: Tessa muss sich einfach selbst verlieben. Und entspricht der gut aussehende Nico nicht genau dem Helden aus ihren Geschichten? Ein 11-Punkte-Eroberungsplan muss her! Aber da ist auch noch Sam mit seinen köstlichen selbstgebackenen Muffins und seiner ruhigen Art … »11 Schritte bis zum Happy End ist genau die warmherzige romantische Komödie, von der ich schon immer geträumt habe. Ihr kommt aus dem Grinsen gar nicht mehr raus.« Becky Albertalli, Nur drei Worte Temporeiche Dialoge, feinfühlige Figuren, eine tolle Hauptfigur - das perfekte Buch für gemütliche Lesestunden!
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Eigentlich hätte Tessa allen Grund zur Freude, denn in ihrer neuen Schule darf sie sogar im Unterricht Liebesgeschichten schreiben und etwas Besseres kann sie sich gar nicht vorstellen. Doch ausgerechnet jetzt fällt ihr nichts mehr ein. Zum Glück weiß ihre beste Freundin Caroline Rat: Tessa muss sich einfach selbst verlieben. Und entspricht der gutaussende Nico nicht genau dem Helden aus ihren Geschichten? Ein 11-Punkte-Eroberungsplan muss her! Aber da ist auch noch Sam mit seinen köstlichen selbstgebackenen Muffins und seiner ruhigen Art …
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Viten
Für Bryan,
»(God Must Have Spent) A Little More Time on You«
Es klingelt an der Tür, und ich schreibe weiter.
Ich bin mitten in einer wichtigen Szene. Tallulah und Thomas haben Schutz vor dem Regen gefunden, denn rein zufällig gibt es eine verlassene Hütte in der Nähe, und jetzt stehen sie sich gegenüber, so nah, dass die Luft zwischen ihren Nasenspitzen elektrisch geladen ist. Und als er ihr eine Wimper von der Wange pflückt und sagt, sie solle sich etwas wünschen, verraten ihr drängendes Seufzen und der sehnsuchtsvolle Blick ihrer dunkelbraunen Augen, dass sie sich nur eines wünscht – ihn.
Es ist eine schwindelerregende Szene der Liebesgeständnisse, wie in diesen alten Schmachtfetzen, die sonntags auf TNT laufen. Aber meine Heldin ist nicht die übliche blasse Rothaarige. Sie hat braune Haut und trägt einen Afro, und sie kriegt jetzt ihr Happy End.
Oder auch nicht, denn der Türklingler lässt nicht locker.
In den paar Wochen, seit wir Richtung Süden nach Long Beach gezogen sind, sind hier erst drei Leute aufgetaucht: die griesgrämige Mrs Hutchinson von nebenan und zwei missionierende Mormonen mit dünnem Schlips zum gestärkten weißen Hemd.
Für keinen von denen werde ich meinen Gedankenfluss unterbrechen.
Aber da klingelt es schon wieder, gefolgt von einem schnellen Klopfen, das über den Lärm von Miles’ plärrendem Fernseher hinten im Haus kaum zu hören ist. Mein Bruder, der Verräter, guckt zum zweiten Mal hintereinander seine Dream-Zone-DVD, und das kann die Person vor der Tür vermutlich auch hören und daraus messerscharf schließen, dass jemand zu Hause ist.
Der Dokumentarfilm Enter the Dream Zone, der haarklein von den Wurzeln und dem wundersamen Aufstieg der mittlerweile mausetoten Boygroup erzählt, ist der einzige Grund dafür, dass wir immer noch diesen klobigen DVD-Player haben, obwohl unsere Mutter vor dem Umzug mit den restlichen DVDs die Marie Kondo gemacht hat. Der Film ist Miles’ größter Schatz. Er behandelt die DVD und das dazugehörige Booklet, als wären es heilige Schriften.
Noch einmal Klingeln, dann stehe ich auf. Wenn es etwas wirklich Wichtiges ist – wichtiger als Mrs Hutchinsons Sorge um den Palisanderbaum zwischen unseren Häusern oder, na ja, die Rettung unserer Seelen –, wird der oder die da draußen es noch wenigstens ein Mal probieren. Ich drücke mir selbst die Daumen und warte einen Moment. Dann noch einen. Aber bis auf den schmachtenden Gesang aus dem Nebenzimmer bleibt es still.
Die Luft ist rein.
Thomas pustet die Wimper weg, lässt die Lippen jedoch geöffnet, tastet nach den Worten, die Tallulah so ersehnt. Doch genau in dem Augenblick, als er ihr sein Herz öffnen will, unterbricht ihn … eine Sprechblase.
Eine weiße Sprechblase, die am Seitenrand meines Texts in Google Docs aufpoppt, gefolgt von mehreren weiteren.
Warum schreibst du denn jetzt an dieser Geschichte?
Hier wartet jemand auf das neue Colette-Kapitel.
TESSA JOHNSON, DU HAST ES VERSPROCHEN!
So ein Cliffhanger müsste verboten sein, pass auf, dass ich dich nicht anzeige.
Ich weiß, dass du online bist!!!!!!! Ich sehe deinen Cursor.
Jeder einzelne Kommentar von Caroline wird von ihrem Grinse-Avatar begleitet, der im krassen Kontrast zu den offensichtlichen Stalker-Vibes steht, und ein paar Sekunden später brummt mein Handy.
Irgendwie sind heute alle dagegen, dass ich schreibe … oder jedenfalls lassen sie mich nicht schreiben, was ich will.
»Hast du das Kapitel fertig?«, fragt sie, sobald ich drangehe, wie üblich ohne jede Begrüßung.
Ich kenne Caroline Tibayan schon, seit wir sechs sind. Damals gingen wir bei Ms Brentwood in die erste Klasse und wir waren die einzigen braunen Mädchen. Als Jesse Fitzgerald zu mir sagte, ich sei hässlich, weil ich kackfarbene Haut hätte, holte Caroline aus und gab ihm eins auf die Nase. Zu Hause versohlte ihre Großmutter Lola ihr dafür den Hintern mit einer Sandale, aber Caroline behauptet noch heute, das sei es wert gewesen. Seitdem sind wir beste Freundinnen.
»Du überwachst mich im Internet? Dein Ernst? Sind wir hier in einer Doku-Soap?« Ich lache. »Und außerdem: Hi. So fängt man normalerweise ein Gespräch an.«
»Okay, ja, hi. Aber kannst du’s mir verübeln? Du hörst mit so einem Cliffhanger auf und dann tagelang nichts? Du bist ein Monster!«
»Und du bist eine Drama-Queen.«
»Ich, eine Drama-Queen?« Ich sehe sie fast durchs Telefon, wie sie auf dem viel zu schmalen Bett in dem viel zu kleinen Zimmer liegt, die langen schwarzen Haare über die gestreifte Tagesdecke ausgebreitet. Als Lola bei Caroline und ihren Eltern eingezogen ist, hat sie das zweite Schlafzimmer bekommen, deshalb wurde die Speisekammer zu einem Zimmer für Caroline umgebaut. »Du hast doch das Kapitel damit enden lassen, dass Jasper vor Colettes Fenster steht und ihr seine ewige Liebe gesteht, seine lila Haare LEUCHTEND im schwachen Schein der Straßenlaterne! Nicht ahnend, dass Colette in ihrem Zimmer GENAU in dem Moment Jack angräbt! Komm schon! Ich muss wissen, wie es weitergeht!«
»Tut mir leid! Ich war beschäftigt.«
»Mit Tallulah?«
»Yep.« Tallulah ist die Heldin meines anderen Buchprojekts – eine romantische Geschichte über ein unscheinbares Schwarzes Mädchen mit einem fluffigen Afro und Thomas, den hipstermäßigen Songschreiber mit melancholischem Blick, dunklen Haaren und herrlich breiten Schultern, der neu in der Stadt ist und sie zu seiner Muse macht.
»Na, dann schick mir wenigstens das.« Sie seufzt, als wäre es ein Trostpreis. »Haben die sich jetzt endlich mal geküsst? So langsam reicht es mit den sehnsüchtigen Blicken. Ich brauche ein bisschen Action! Die sind mir zu lahm. Ich sag es, wie es ist, Colette ist einfach tausendmal spannender.«
Ich grinse und schüttele den Kopf. »Ich hab keinen Einfluss darauf, wohin die Inspiration mich führt, Colette.«
»Dein Publikum wartet, Tallulah.«
Mit meinem »Publikum« meint sie sich selbst. Sie ist mein größter Fan … und mein einziger. Aber ich beklage mich nicht, denn genau so will ich es haben. Ich schreibe nicht für andere. Ich schreibe für mich und Caroline.
Geschichten sind mir immer schon zugeflogen. Meine Mutter behauptet sogar, ich hätte schon in der ersten Klasse Geschichten geschrieben, aber ich wollte sie schon damals niemandem zeigen und hielt meine Hefte gut unter dem Kopfkissen versteckt. Als ich älter wurde, änderten sich die Themen, ich fragte mich nun, was wohl wäre, wenn Harry mit Hermine zusammengekommen wäre? Und noch später, wenn Harry mit mir zusammengekommen wäre? Ich schämte mich für diese Geschichten, aber sie gaben mir ein wohliges Gefühl. Es machte mich stark, eine Welt zu erschaffen, in der ich der Mittelpunkt war, der Hauptgewinn, die Begehrte.
Caroline überredete mich schließlich, ihr eins meiner Hefte zu zeigen. Ich rechnete damit, dass sie mich auslachte, aber sie fand, ich hätte ein geniales Talent für Liebesgeschichten, und bat mich, auch eine Geschichte über sie zu schreiben. (Sie stand immer auf Ron.) Und sie erklärte mir, was ich mache, sei Fan-Fiction. Da schämte ich mich nicht mehr so für meine Geschichten. Wenigstens war ich nicht verrückt. Andere Leute machten so was auch.
Schon bald stieg ich von Harry und Ron zu Edward und Jacob und dann zu den Mitgliedern unserer Lieblings-Boygroup Dream Zone auf. (Denn, okay, Miles findet Dream Zone gut, weil ich Dream Zone gut fand. Vor langer, LANGER Zeit. Aber diese peinliche Geschmacksverirrung versuche ich geheim zu halten.)
Ich dachte, aus den Geschichten würden wir eines Tages genauso herauswachsen wie aus Dream Zone, aber sie hielten sich. Nur dass sie irgendwann von Beziehungen mit Jungs handelten, die ich selbst erfunden hatte und nicht jemand anders. So was wie Fan-Fiction über unser eigenes Leben. Denn in der Buchhandlung fanden wir ja kaum Liebesgeschichten über Mädchen, die so aussahen wie wir.
Seit dem Umzug teile ich meine Geschichten mit Caroline via Google, anstatt ihr wie früher in der Mittagspause meinen ramponierten Laptop rüberzuschieben. Ich tue so, als wäre ich genervt, aber insgeheim bin ich froh, dass sie weiterhin danach fragt. Wenigstens das hat sich in unserer Freundschaft nicht verändert.
»Warte mal, was ist das für ein Gehämmer?«, fragt Caroline. »Ich glaub nicht, dass das bei mir ist.«
Ich halte das Handy vom Ohr weg und lausche. Erst denke ich, es ist der schnelle Trommelschlag von Love Like Whoa. Aber nein, da klopft jemand an die Tür. Laut. Gefolgt von einem schwachen, aber schrillen Ruf: »Ich weiß, dass ihr da seid!«
Der Türklingler ist wieder da oder war vielleicht nie weg. Ich hatte mir ja vorgenommen, beim dritten Versuch hinzugehen …
»Hey, Caroline, ich muss Schluss machen.«
»Okay, aber wehe, du schickst mir heute Abend nicht …« Da klingelt es zweimal kurz hintereinander an der Tür, und der Rest ihrer Drohung geht darin unter.
Was soll das?
Seufzend klappe ich den Laptop zu und sende ein Stoßgebet gen Himmel, damit mir der Anflug von Inspiration nicht entwischt und Tallulahs und Thomas’ erster Kuss auf mich wartet. Während ich mich um die Kisten herumschlängele, die immer noch den Raum zumüllen, der einmal das Wohnzimmer wird, schwappt von Miles’ Fernseher Baby, baby, baby herüber. Jetzt singt Miles mit, und er hat den Fernseher noch lauter gedreht – weit über die Grenze von Lautstärke 15, die unsere Mutter auf zwei Post-its neben dem Apparat notiert hat.
Wieder klingelt es, genau in dem Moment, als ich die Tür aufmache.
»Mann, ein bisschen Geduld bitte!«
Das kommt unfreundlicher heraus als beabsichtigt, und ich werde sofort rot, als ich Mrs Hutchinson sehe, die zu Tode erschrocken rückwärtstaumelt. Sie zieht ihren verfilzten jagdgrünen Mantel um den Körper, obwohl es draußen tausend Grad sind. »Entschuldigung«, sage ich, jetzt ruhiger. »Ich war … schon unterwegs.«
Normalerweise kann ich meinen Ton besser mäßigen. Das muss ich auch. Denn nur eine Nuance zu laut oder zu aggressiv, und ich bin für alle Zeit als das zornige Schwarze Mädchen abgestempelt. Ich sehe Mrs Hutchinson an, dass sie mich bereits in diese Schublade gesteckt hat. Doch meine Entschuldigung scheint sie immerhin so weit zu besänftigen, dass sie nicht mehr erschrocken guckt, sondern nur noch miesepetrig, wie sonst auch.
»Wenn du deine Adresse noch nicht im Kopf hast, musst du sie dir aufschreiben.« Ihre Stimme klingt, als würde sie am Gaumen entlangschaben, und sie zieht beim Sprechen die Wangen zusammen, als würde sie im Mund etwas von einer Seite auf die andere schieben. »Es geht ja nun wirklich nicht an, dass ich euch die hier rüberbringen muss.«
Sie will mir eine Pizzaschachtel in die Arme drücken, aber ich weiche einen Schritt zurück.
»Tut mir leid, Mrs Hutchinson, die ist nicht für uns.«
»O doch.« Sie sagt es so, als müsste sie mir erklären, dass der Himmel blau ist.
»Wir haben nichts bestellt«, beharre ich und schüttele den Kopf.
»O doch.« Sie kommt näher, sodass ich ihren schalen, minzigen Atem riechen kann. Sie steht mit ihren Pantoffeln genau auf der Türschwelle. »Ich hab bei Domino’s angerufen, weil der Pizzabote überhaupt nicht hilfreich war … der hat sie mir quasi entgegengeworfen! Die haben gesagt, die Bestellung kam von jemandem namens Johnson.«
Sie guckt mit ihren wässrig blauen Augen auf das Schild über unserer Haustür. Mein Vater hat es von der Frau in seinem Büro anfertigen lassen, die nebenbei einen Etsy-Shop betreibt. DIE JOHNSON’S. Er war so stolz darauf, dass ich es nicht übers Herz brachte, ihm zu sagen, dass der Apostroph falsch ist.
»Ich weiß nicht, was ich Ihnen sagen soll, Mrs Hutchinson. Außer meinem Bruder und mir ist niemand zu Hause, und keiner von uns …«
In dem Moment erhebt sich eine Lachsalve über den Refrain der bekanntesten Ballade von Dream Zone.
Miles’ Lache ist schwer zu beschreiben. Ein bisschen so wie ein schriller Akkord ganz rechts auf dem Klavier, wenn ein kleines Kind ohne jede Erfahrung, dafür aber mit umso größerer Begeisterung auf die Tasten hämmert. Sie hat außerdem etwas von den quietschenden Bremsen eines Autos, das knapp an einer Karambolage vorbeischrammt. Seine Lache ist ebenso mitreißend wie misstönend.
Jetzt gerade bringt sie Mrs Hutchinson dazu, den Hals zu recken und noch näher zu kommen, um herauszufinden, was hier los ist.
Ich weiß genau, was los ist.
Wir haben nur ein einziges Festnetztelefon im Haus, gut versteckt im Schlafzimmer unserer Eltern, und das habe ich heute Morgen ausgestöpselt, wie immer, wenn ich allein auf Miles aufpasse. Bleiben noch mein Handy und mein Laptop, mit dem man telefonieren kann, wenn er mit dem WLAN verbunden ist. Beides hätte er sich schnappen können, als ich vor einer Weile auf dem Klo war.
Mrs Hutchinsons ohnehin schon beeindruckende Stirnfalten vertiefen sich. »Was treibt ihr hier für Spielchen, mein Fräulein? Was soll das?«
»Äh, ich …« Miles’ schadenfrohes Lachen unterbricht mich wieder und Mrs Hutchinson wird puterrot.
»Soll das etwa lustig sein?!« Ihre Stimme war eben schon laut, jetzt ist sie ohrenbetäubend. Ich versuche zu schauen, ob jemand aus der Straße zu uns hersieht, doch sie versperrt mir den Bick. »Wollt ihr euch den Ruf einhandeln, dass ihr den Nachbarn Streiche spielt? Dann kann ich euch jetzt schon sagen, dass solche … Dummheiten in unserem Viertel gar nicht gern gesehen werden!«
Ein solcher Ruf ist tatsächlich das Letzte, was ich gebrauchen kann. Aber ich sehe schon vor mir, wie sie in der Nachbarschaft herumtratscht, dass wir Problemkinder sind – wenn es nicht sowieso in diesem Moment alle mitkriegen. Gerade mal zwei Wochen und schon ist unsere Chance, normal zu sein, dahin. Bei dem Gedanken schnürt sich mir die Brust zusammen und mein Atem geht schneller. Meine Eltern werden sich aufregen und natürlich bin ich dann wieder schuld. Ich soll schließlich auf Miles aufpassen, wie schon die meiste Zeit dieses Sommers, während meine Eltern sich in ihre neuen Jobs einarbeiten. Ich hab ja auch auf ihn aufgepasst. Aber anscheinend nicht gut genug.
»Entschuldigen Sie, Mrs Hutchinson.« Eine freundliche Stimme stoppt mein Gedankenkarussell. »Ist meine Pizza versehentlich bei Ihnen gelandet?«
Wie aus dem Nichts taucht ein Typ auf der Veranda auf. Er scheint in meinem Alter zu sein, hat strähnige goldene Haare, die nach einem Schnitt schreien, helle Haut ohne die typische südkalifornische Bräune und große grüne Augen. Das verwaschene rote Hawaiihemd könnte bei jemand anderem ein ironisches Statement sein – so ein Pseudo-Vintageteil, das es für eine Million Dollar bei Urban Outfitters zu kaufen gibt –, aber in Kombination mit den Cargoshorts ist es einfach nur … unglücklich.
Wer ist das denn?
Mrs Hutchinson scheint ihn zu kennen und sie schraubt ihre Stimme auf halbwegs normale Lautstärke runter. »Die ist nicht für dich.«
»Ähm, ehrlich gesagt, doch, ich glaube schon.« Hawaiihemd schaut kurz zu mir, dann probiert er es noch mal. »Das ist meine. Entschuldigen Sie die Verwechslung.«
Mrs Hutchinson sieht uns beide an und bewegt wieder das unsichtbare Etwas in ihrem Mund. Schließlich schnalzt sie mit den dünnen Lippen. »Na ja, für wen auch immer sie ist, derjenige schuldet mir noch Geld. Der junge Mann von Domino’s hat gesagt, wenn ich nicht zahle, meldet er mich seinem Chef. Das ist doch die Höhe! Als wäre ich eine Kriminelle.«
Ich will schon mein Portemonnaie aus dem Flur holen, doch Hawaiihemd kommt mir zuvor. Er drückt Mrs Hutchinson einen Zwanziger in die Hand und nimmt ihr die Pizzaschachtel aus den Armen. Sie funkelt mich noch einmal an, dann marschiert sie grummelnd über den Rasen zurück zu ihrem Haus. Hawaiihemd dagegen bleibt einfach auf unserer Veranda stehen.
»Danke«, sage ich schnell. »Ich geb dir das Geld zurück …«
»Schon gut«, sagt er und winkt ab. »Ich wollte nur, na ja, helfen? Ich hab von gegenüber gesehen, was los war. Und ich wusste, dass ihr neu hier seid, und Mrs Hutchinson … die ist nicht ohne. Da wohne ich übrigens. Gegenüber.«
Drinnen geht Miles’ wahnsinniges Gekicher wieder los (logisch) und Hawaiihemd zieht die Augenbrauen zusammen. »Ist das … dein Bruder?«
»Ja. Er war das mit der Pizza.« Ich nicke etwas zu heftig. Während mein Atem sich beruhigt, spüre ich, wie die Röte meinen Hals überzieht, das altbekannte Unbehagen. Ich möchte die Tür zumachen und diese Begegnung hinter mich bringen, aber ich kann nicht aufhören zu reden. »Bei Pizza Hut in Roseville – da haben wir vorher gewohnt – haben sie am Ende einfach aufgelegt, wenn sie unsere Nummer auf dem Display sahen, was echt blöd war, wenn wir mal wirklich Pizza bestellen wollten.« Ich versuche ein Lachen, aber es klingt hohl.
»Tja, du solltest ihm sagen, dass er sich nächstes Mal lieber ein anderes Opfer für seinen Streich aussuchen soll.« Hawaiihemd reibt sich die Wange und schaut zu Boden. »Oder, hm, vielleicht gar keine Streiche mehr?«
Er sagt es ohne Vorwurf, aber ich habe das Bedürfnis, es zu erklären. »Danke. Und so ist es nicht … nicht so, wie du denkst. Ich meine, schon, aber anders.«
»Aha«, sagt Hawaiihemd und legt verständnislos den Kopf schief. Ich kann es ihm nicht verdenken. Ich rede wirres Zeug.
»Es ist so, dass … mein Bruder. Miles. Er hat eine Behinderung.« Die Worte sind mir so vertraut wie Atmen oder Blinzeln: Ich habe sie schon so oft gesagt. »Das ist so ein Tick von ihm … er ruft irgendwo an, wo er nicht anrufen soll. Ich bin nur froh, dass er nicht wieder zum Spaß die Polizei gerufen hat.«
Beim Gedanken daran schaudert es mich, vor allem hier in dieser neuen Stadt, wo die Nachbarn uns und Miles noch nicht kennen.
»Aha«, sagt Hawaiihemd wieder, und diesmal nickt er. Er beugt sich vor, so nah, dass ich den salzigen geschmolzenen Käse auf der Pizza riechen kann, und ruft: »Hallo, Miles!«
Miles antwortet nicht. Aber der schmachtende Gesang verstummt, und ich höre, wie Miles im Zimmer rumläuft – wahrscheinlich legt er die Fernbedienung an ihren Platz und die DVD-Hülle ins Regal, wo sie hingehört. Er kommt, um zu sehen, was er angerichtet hat.
»Na, jedenfalls danke. Noch mal. Und es wird nicht wieder vorkommen. Versprochen. Tut mir echt sehr leid.« Ich rede schnell, damit der Typ verschwindet. Bevor Miles es zur Tür schafft. Nicht, dass ich mich für meinen Bruder schäme. Echt nicht. Aber ich bin jetzt nicht bereit für die ganze Geschichte, zumal mein Herz immer noch von der Begegnung mit Mrs Hutchinson rast.
Ich schenke ihm mein schönstes entschuldigendes Lächeln und versuche die Tür zu schließen, aber er hält die Pizzaschachtel dagegen. »Ich bin übrigens Sam.«
»Hm, okay.« Ich schaue ihn ausdruckslos an, und er streckt mir die pizzafreie Hand hin. Ach so, ich bin dran. »Tessa.«
»Schön, dich kennenzulernen, Tessa«, sagt Hawaiihemd Sam und tritt von einem Fuß auf den anderen. Anscheinend will er noch mehr sagen, aber dann soll er sich jetzt mal beeilen, denn ich muss zurück ins Haus.
»Hm … ich hab mich vor ein paar Tagen mit deiner Mutter unterhalten.«
Na klar. Meine Mutter redet mit allen und jedem und plaudert immer zu viel aus. Die Kassiererin unseres Supermarkts in Roseville wusste, dass ich mit zwei eine Notfall-Mandel-OP hatte, dass mein Vater ein angespanntes Verhältnis zu Grandma Edith hat und dass meine Mutter von einem Airstream-Wohnwagen träumt. Was sie wohl Hawaiihemd Sam erzählt hat? Offenbar nicht, wie ich heiße. »Ja?«
»Ja, sie hat sich mit meiner Mutter unterhalten und erzählt, dass du auf die Chrysalis Academy gehst. Dass du, hm, schreibst? Ich wechsele auch auf die Chrysalis. Also … das ist ziemlich cool.« Er lächelt, wobei er nur den rechten Mundwinkel hebt und sich ein tiefes Grübchen auf seiner Wange bildet. Seine Augen sind wie Halbmonde unter den dichten blonden Brauen, mit vielen Lachfältchen drum herum. Es ist ein nettes Lächeln. Darüber könnte ich fast die Cargoshorts vergessen.
Und okay, jetzt will ich mehr über ihn wissen, zum Beispiel, welches Profilfach er hat und ob er weiß, was an unserem ersten Tag an der Chrysalis morgen auf uns zukommt. Die Gedanken an die Schule haben mich den ganzen Sommer beschäftigt – plus die Tatsache, dass ich dort jeden Tag werde schreiben können und von anderen umgeben bin, die das Gleiche machen wie ich, nur besser. Das Ganze ist eine große Unbekannte für mich, spannend und furchterregend, und es wäre schön, sich mit jemandem darüber austauschen zu können. Aber jetzt höre ich Miles, wie er sich mit schlurfenden Schritten der Tür nähert. Und meine Chaos-Toleranzgrenze ist für heute längst überschritten.
»Ja, cool. Dann sehen wir uns in der Schule. Tut mir leid wegen der Pizza. Tschüs!«, sage ich schnell und zu laut und schließe die Tür vor Hawaiishirt Sams verdutztem Gesicht. Sie knallt lauter zu als beabsichtigt, und genau in dem Moment taucht Miles hinter mir auf, unverkennbar durch sein fiepsendes Hörgerät.
Mein Bruder ist drei Jahre älter als ich, aber das würde niemand denken. Er sieht auf alle Fälle jünger aus. Erstens ist er kleiner als ich, aber es liegt wohl vor allem an seinem Gesichtsausdruck. Der Blick seiner großen dunkelbraunen Augen huscht ständig hin und her. Und seine vollen Lippen sind immer leicht geöffnet und zu einem Grinsen verzogen, jederzeit bereit, etwas zu sagen, das eine Reaktion provoziert. Heute hat er sein Lieblings-Dream-Zone-T-Shirt an, doch es ist ganz zerknittert. Und seine kurzen, widerspenstigen Haare müssten dringend gekämmt werden. Ich hätte mir heute Morgen, als ich ihn angezogen habe, mehr Mühe geben müssen.
»Der war gut, oder, Tessie?« Miles lacht, und ich verkneife mir ein Lächeln, denn das würde ihn nur bestärken.
»Nein.« Ein kleines Prusten entfährt mir trotzdem, als die Anspannung von mir weicht, und er kichert vergnügt los. »Das war überhaupt nicht witzig«, sage ich jetzt strenger. »Wir hatten uns doch geeinigt, dass du so was ab sofort sein lässt. Neue Stadt, neuer Anfang?«
Er zuckt mit den Schultern. »Mir war langweilig. Hast du ein Video von ihnen gemacht?«
»Warum hätte ich das tun sollen?«
»Weil der gut war«, sagt er und lässt den Kopf kreisen, wie immer, wenn er sich freut. Es sieht aus, als würde er Yoga machen und seinen steifen Nacken dehnen. Ich schüttele bloß den Kopf.
»Warte.« Er fasst mich am Arm, auf einmal ernst. »Wo ist die Pizza?«
»Die hat er mitgenommen.« Ich verdrehe die Augen. »Schließlich hat er sie bezahlt, Kumpel!«
»Aber ich hab Hunger. Die war mit extra Peperoniiiiii.« Die letzte Silbe dehnt sich zu einem Jaulen, und ich spüre, dass seine Stimmung gleich kippt, so wie die Luft sich kurz vor einem Regenguss verändert.
»Dann machen wir dir mal was zu essen«, sage ich, lege ihm einen Arm um die bebenden Schultern und gehe mit ihm in die Küche. »Und vielleicht ist es besser, wenn wir den Pizza-Vorfall einfach für uns behalten.«
»Na komm schon, Tessie, gib’s zu, der war echt gut.«
Mein Bruder hat eine Behinderung.
Früher haben wir immer gesagt, er hätte besondere Bedürfnisse, bis eine Lehrerin gesagt hat, seine Bedürfnisse seien nicht besonders, sondern einfach nur seine.
»Mein Bruder hat eine Behinderung« ist die Standardantwort, die ich immer parat habe, wenn jemand ihn zum ersten Mal sieht oder wenn mein Bruder etwas tut, was er nicht sollte (wie zum Beispiel Pizza für die Nachbarn bestellen), oder wenn ich erklären muss, warum er nicht zur Uni geht und mit neunzehn immer noch zu Hause wohnt. Ich sage es klipp und klar, so muss ich nicht lange drum herumreden.
Ich erzähle nicht gern, dass sich bei seiner Geburt die Nabelschnur um seinen Hals geschlungen hat und er zu lange ohne Sauerstoff war und blau statt braun zur Welt kam.
Und ich hasse es, seine ganzen Befunde aufzulisten. Ich denke immer, ich könnte etwas Falsches sagen, weil nicht auf den ersten Blick klar ist, was mit ihm ist, oder man etwas anderes von mir erwartet. Athetotische Zerebralparese – das ist die genaue Bezeichnung, aber die spreche ich nur selten aus. Soweit ich es verstehe, ist sie die Ursache von allem. Deshalb sind seine Beine steif und unkoordiniert, deshalb bewegt er sich unkontrolliert, wenn er sich richtig freut oder richtig ärgert, deshalb wankt und schaukelt er manchmal, als stünde er auf einem Schiff auf hoher See.
Außerdem ist er kognitiv beeinträchtigt – mit diesem Ausdruck erklärt man wohl, dass mein großer Bruder sich eher so benimmt wie mein kleiner Bruder; deshalb muss ich ihm bei den einfachsten Rechenaufgaben helfen und seine Wutanfälle ertragen, wenn etwas nicht nach seinen Erwartungen läuft. Dazu kommt eine Zwangsstörung – aber die hat vielleicht gar nichts damit zu tun. Und seine Seh- und Hörschwäche – sie erklärt die dicken Brillengläser und das teure Hörgerät, das er irgendwie alle paar Monate verliert. Wenn ich dann am Ende der Liste angekommen bin, fühle ich mich selbst ein bisschen verloren und sage hilflos »Und … na ja.« Und meistens zieht das weitere Fragen nach sich, oder jemand fühlt sich bemüßigt, mir von seiner Cousine zu erzählen, die Mukoviszidose hat, was nicht mal entfernt etwas damit zu tun hat. Und auf diese Weise wird etwas, was ich schnell hinter mich bringen will, ellenlang.
Deshalb sage ich einfach nur noch, dass mein Bruder eine Behinderung hat, und fertig.
Dann mache ich mich auf die unvermeidlichen Reaktionen gefasst, die jedes Mal kommen. Sie sind mir so vertraut, dass ich sie runterbeten kann wie den Fahneneid.
Was immer kommt, ist: »Oh, was für ein Geschenk für eure Familie!«, oder: »Bestimmt habt ihr viel von ihm gelernt.« Als wäre mein Bruder eine Art Tool für unsere persönliche Entwicklung. Ja, es ist eine Herausforderung, mit ihm aufzuwachsen. Aber es ist nicht seine Lebensaufgabe, uns etwas beizubringen. Er ist ein Mensch, und es ist sein Leben, das genau jetzt stattfindet.
Na ja, so was sagen sie sowieso nur, wenn mein Bruder ganz ruhig dasitzt, den Kopf kreisen lässt und eins seiner Lieblingslieder von Dream Zone vor sich hin singt. Wenn mein Bruder brüllend durch den Supermarkt läuft, weil es seine bevorzugte Marke Schokomilch nicht gibt, oder wenn er den Autos am Ende unserer Sackgasse den Stinkefinger zeigt, weil seine Lieblingssendung nicht läuft, haben sie nicht so einen Kalenderspruch auf Lager. Nein, dann gucken sie schön weg oder, noch schlimmer, schütteln den Kopf und sehen meine Mutter missbilligend an. Das ist die zweite Möglichkeit.
Noch schlimmer als die Sieh-es-mal-positiv-Sprüche aber ist ein bedauerndes »Das tut mir so leid«, ohne dass die Leute einen Schimmer hätten, wovon sie reden. Als hätten wir einen furchtbaren Verlust erlitten. Als wäre jemand gestorben. Ich hasse diesen Satz, denn so schwierig der Alltag mit Miles auch sein kann, er ist nicht tot. Er ist sogar quicklebendig. Und ich kann es nicht leiden, wenn jemand so tut, als würde das Leben meines Bruders in gewisser Hinsicht nicht genügen und als sollte ich den fröhlichen, komischen und, ja, ziemlich nervigen Bruder, den ich habe, betrauern. Wir wollen ihn und keinen anderen.
Ich habe heute also mal wieder meine übliche Erklärung aufgesagt und eine der üblichen Reaktionen erwartet.
Doch Hawaiihemd Sam hat mich überrascht. Er hat einfach »Hallo« gesagt.
Später setzen wir uns zum Familienabendessen an den Tisch.
Wir essen nicht jeden Abend alle zusammen, deshalb nennen wir es Familienabendessen und nicht einfach nur, na ja, Abendessen.
Abends sind wir alle immer sehr beschäftigt. Mein Vater arbeitet mehrmals in der Woche lange in der Spedition, deren Geschäftsführer er ist, deshalb holt er sich manchmal auf dem Heimweg etwas beim Drive-in. Und Miles hat immer so viele Termine – Ergotherapie, HNO, Verhaltenstherapie, Psychiater und was weiß ich, wo er diese Woche noch alles hinmuss –, dass meine Mutter und er oft einen Snack im Wartezimmer essen oder hinterher zu Hause eine Tiefkühlpizza in den Ofen schieben. In Roseville war ich abends meist mir selbst überlassen, deshalb landete ich in der Regel bei Caroline, wo Lola mir einen Teller Reis mit Fleisch nach dem anderen auffüllte und dabei betonte, ich sei viel zu dünn.
Durch den Umzug hat sich nicht so viel geändert. Alle sind immer noch sehr beschäftigt. Ich esse jetzt nur deutlich mehr Cornflakes.
»Ihr hättet sein Gesicht sehen sollen.« Miles schiebt sich eine Gabel Spaghetti in den Mund. Mein Vater schneidet ihm die Nudeln, damit er sie besser essen kann. »Er war stinksauer. Er hat die Pizza rumgeschleudert und laut geschimpft, weil er sie bezahlen musste. Schade, dass Tessie es nicht gefilmt hat, sonst könnten wir es auf YouTube stellen.«
Meine Eltern waren kaum zur Tür rein, da packte Miles schon seine Geschichte aus. Das macht er immer, wenn er ein schlechtes Gewissen hat. Aber wie üblich schlug seine Zerknirschung schon bald in Stolz um, und obwohl es mittlerweile Stunden her ist, redet er immer noch über seinen gelungenen Streich.
»Du hast sein Gesicht doch gar nicht gesehen!«, sage ich.
»Hab ich wohl. Ich war die ganze Zeit dabei. Er war soooo sauer! Fast so sauer wie die alte Dame!« Er lässt den Kopf kreisen, und seine Arme fahren nach hinten aus, wie bei einem Vogel kurz vor dem Abflug. Ich finde es schön, dass er seine Gefühle mit dem ganzen Körper zeigt, da braucht man nichts zu interpretieren oder zu hinterfragen.
»Aha«, sage ich und sehe ihn schräg von der Seite an, worauf er losprustet.
»Ob ich mich auch noch mal bei Audrey melden sollte? Um sicherzugehen, dass sie nicht böse auf uns ist? Letzte Woche hab ich mich noch so nett mit ihr darüber unterhalten, dass du und ihr Sohn beide auf die Chrysalis geht, und jetzt so was«, sagt meine Mutter. Sie hat die dünnen Augenbrauen zusammengezogen und schaut an uns vorbei zu Hawaiihemd Sams Haus, als könnte sie mittels Telepathie eine Entschuldigung rüberschicken. »Bei Mrs Hutchinson hab ich mich schon tausendmal entschuldigt, aber bis alles wieder im Lot ist, kann es dauern. Erst die Geschichte mit dem Baum und jetzt das.« Meine Mutter legt eine Hand an die Stirn und schließt die Augen. »Mensch … du hättest wirklich besser auf ihn aufpassen können, Tessa.«
Immer dasselbe.
»Es war keine große Sache, Mom. Ich hab das geregelt.« Konzentriert wickele ich die Spaghetti auf die Gabel, damit meine Mutter nicht sieht, wie genervt ich bin.
»Ich weiß.« Auf einmal ist ihre Stimme ganz weich, als wäre ein Schalter umgelegt worden. Sie fasst über den Tisch hinweg meine Hand. »Du tust so viel für uns. Tut mir leid, wenn ich dir das nicht oft genug sage.«
Meine Mutter und ich sehen uns überhaupt nicht ähnlich. Sie ist scharfkantig, mit blasser Haut, Sommersprossen und blonden Haaren, die ihr schon frühmorgens in perfekten Wellen auf die Schultern fallen. Ich habe Hüften und Oberschenkel, mit denen ich mich manchmal am liebsten verstecken würde. Und meine dichten Locken sehen am Ende immer gut aus, aber sie sind praktisch ein Teilzeitjob. Meine Mutter quatscht mit Gott und der Welt und scheint von diesen Gesprächen zu zehren, während mich sozialer Umgang meistens erschöpft. Ich bin total zufrieden damit, einfach nur still dazusitzen.
Eins haben wir jedoch gemeinsam: Wir steigern uns in alles rein, was wir gesagt haben, und analysieren haarklein, wie unsere Worte bei anderen angekommen sein könnten. Ich möchte gar nicht wissen, wie anstrengend das für sie ist. Bei mir führt es dazu, dass ich Gespräche mit anderen einfach vermeide. Ich sehe es auch jetzt an ihrem betrübten Blick, als sie meine Hand noch mal drückt und mich entschuldigend anlächelt.
»Vielleicht sollten wir das Festnetztelefon abschaffen«, sagt sie. »Dann hätten wir eine Sorge weniger.«
Mein Vater, der die ganze Zeit E-Mails auf seinem Handy gelesen hat, blickt auf. »Das geht nicht. Was ist, wenn es mal einen Notfall gibt?«
»Ich hab nicht das Festnetztelefon benutzt«, kichert Miles. »Ich hab mir Tessies Handy geschnappt, als sie auf dem Klo war! Sie hat so lange gebraucht! Vielleicht musst du deine Kacke mal besser in den Griff kriegen, Tessie.«
Ich haue ihm auf den Arm, und er schreit mitten im Kichern auf und versucht mich zurückzuhauen.
»Hey, hey«, sagt mein Vater warnend, aber mit einem Grinsen im Gesicht. Das Display seines Handys ist jetzt schwarz.
Ich springe auf und laufe um den Tisch, Miles kommt hinterher, aber ich bin schneller und hole ihn ein und reibe ihm mit den Knöcheln über die Kopfhaut, dann nehme ich ihn in den Arm. Sein Lachen schüttelt uns beide. Unsere goldbraune Haut ist anders als Moms helle Haut und als Dads dunkelbraune, doch wir beide sind gleich.
Manchmal ist die Behinderung meines Bruders alles, aber manchmal ist sie auch nichts. Unser Verhältnis ist nicht außergewöhnlich oder inspirierend, wie alle erwarten. Er ist einfach mein Bruder und ich bin seine Schwester. Und meine schönsten Erinnerungen – wie wir uns mit den Klamotten unserer Eltern verkleidet und gespielt haben, wir wären die neuen Nachbarn, und dann losgezogen sind, um uns ein Eis zu kaufen – haben gar nichts mit dem zu tun, was alle anderen immer in den Mittelpunkt stellen.
»Und, hast du dich mit Sam über die Chrysalis unterhalten?«, fragt meine Mutter, als wir uns beruhigt haben.
»Nicht so richtig.«
»Er macht einen wirklich netten Eindruck«, fährt sie fort. »Und ihr kommt beide in die Elf! Ihr könnt Freunde werden! Das wär doch toll, oder?«
»Hm, ja, weiß nicht.« Es stimmt schon, Sam macht einen netten Eindruck, echt. Wie er das mit der Pizza geregelt hat und mit Miles umgegangen ist, das war anders, als ich es kenne, und … wohltuend. Aber ich weiß nicht recht, ob er der Typ ist, mit dem ich am ersten Tag zusammen auftreten möchte. Nicht, dass ich ihn für seinen Modegeschmack verurteilen würde, aber die anderen an der Chrysalis werden das garantiert tun. Und nachdem er mich vorhin als ziemliches Nervenbündel erlebt hat, ist er wahrscheinlich auch nicht so scharf darauf, mit mir abzuhängen.
»Wie wär’s mit ein bisschen mehr Begeisterung? Oder bist du etwa immer noch sauer auf mich wegen der Mappe?«, fragt sie.
»Meinst du, als du Tessies Tagebuch gemopst hast?«, mischt sich Miles ein.
»Ach, bitte nicht das schon wieder.« Mein Vater stöhnt mit müdem Blick.
»Das war doch nicht ihr Tagebuch!«, sagt meine Mutter hilflos.
»Hätte es aber gut sein können.« Ich hatte wirklich gedacht, ich wäre drüber weg, und mir vorgenommen, nicht mehr davon anzufangen, aber als ich jetzt an ihren Verrat erinnert werde, fühlt sich die Wunde wieder ganz frisch an.
Schon lange bevor meine Eltern damit herausrückten, dass wir von Roseville, wo wir unser Leben lang gewohnt hatten, sechs Autostunden weiter südlich nach Long Beach ziehen würden, damit mein Vater in seiner Firma aufsteigen konnte, hatte ich von der Chrysalis Academy gehört. Die renommierte Schule hat einen Disney-Channel-Star hervorgebracht, ein Geigen-Wunderkind, das beim großen amerikanischen Talentwettbewerb Zweite wurde, und sogar einen Dichter, der es auf die Longlist für den National Book Award geschafft hat.
Als ich erfuhr, wo wir hinziehen, habe ich also ein bisschen von der Chrysalis herumgesponnen, vielleicht auch um mit dieser Riesenveränderung fertigzuwerden. Ich stellte mir vor, wie es wäre, zu den besonders begabten Schülerinnen der Chrysalis zu gehören. Andere kennenzulernen, die meine Leidenschaft teilen. Und ich machte den Fehler, es einmal beim Familienabendessen zu erwähnen. Ein einziges Mal! Aber ich habe mich nicht beworben. Ich meine, mir war schon klar, dass meine Liebesgeschichten keine nobelpreisverdächtige Literatur sind, auf die sie es an der Chrysalis abgesehen haben.
Als ich dann die Zusage in der Post fand, hielt ich es für einen Scherz. Oder einen Irrtum.
Ich zeigte meiner Mutter den Brief und lachte darüber, und da lächelte sie mich wissend an und ließ die Katze aus dem Sack. Sie hätte doch gemerkt, wie gern ich auf diese Schule gehen wollte, deshalb hätte sie die Bewerbung für mich ausgefüllt und einige meiner Geschichten (meiner privaten Geschichten!) als Textproben ausgedruckt. Sie wollte es mir erst erzählen, wenn ich eine Zusage bekäme, damit ich nicht durchdrehe – einer der Euphemismen für die Angstzustände, die ich seit der Grundschule manchmal bekomme.
»Ich weiß, dass das nicht ganz richtig war. Aber wenn ich es nicht gemacht hätte, wärst du nicht an der Chrysalis aufgenommen worden. Du hättest dich mit Selbstzweifeln zermürbt, anstatt es einfach zu wagen, und ich will nicht, dass du dich von deinen Bedenken bestimmen lässt.« Meine Mutter rechtfertigt sich mit genau denselben Worten wie damals. Derselbe Rat, den sie mir schon seit Jahren gibt. »Du schreibst so wundervoll, Tessa. Stell dein Licht nicht unter den Scheffel. Und es hat ja auch alles geklappt, oder?«
Ja, ich sollte mich darüber freuen, dass ich angenommen wurde, und das tue ich auch. Irgendwie. Aber ich zeige meine Geschichten niemandem außer Caroline. Mir wird ganz schlecht, wenn ich mir vorstelle, welche meiner romantischen, albernen Geschichten meine Mutter wohl eingesandt hat. Sie konnte sich nicht mehr erinnern, welche sie ausgedruckt hat, und ich kann ja kaum ins Sekretariat gehen und so etwas Peinliches fragen. Es gibt eine besonders grottige Geschichte, die ich vor ein paar Jahren geschrieben habe und die in einem Feriencamp spielt; die braunhäutige, schwarz gelockte Heldin musste sich zwischen mehreren heißen Jungs entscheiden, die natürlich wundersamerweise allesamt in sie verliebt waren. Aber damit wäre ich unmöglich an der Chrysalis angenommen worden.
»Oder?«, wiederholt meine Mutter und sieht mich hoffnungsvoll an. Ich zucke nur die Achseln.
»Was meinst du, wann wir morgen losmüssen?«, frage ich, um das Thema zu wechseln, aber ehe sie antworten kann, unterbricht uns Miles, der so ruckartig aufsteht, dass sein Stuhl umfällt.
»Wie spät ist es?«, fragt er. Er blinzelt hektisch und seine Arme zucken nach hinten.
Mein Vater schaut auf sein Handy. »Viertel nach sechs.«
»Es hat schon angefangen! Ich hab es verpasst!« Er fängt an zu weinen, ein hohes Jaulen, und rennt aus dem Zimmer zum Fernseher. »Mist! So ein Mist!« Meine Mutter steht auf. »Ein Mitglied von Dream Zone – ich glaube, Jonny – tritt heute in Access Hollywood auf. Ich hätte dran denken sollen.« Sie schüttelt den Kopf, wütend auf sich selbst. Als wäre es ihre Schuld. Manchmal denke ich, es ist leichter für sie, irgendjemandem die Schuld zu geben – sich selbst, mir oder Dad –, damit sie nicht wütend auf das Universum wird.
»Ich versuche mal, ihn zu beruhigen«, sagt sie und geht ihm nach. Vergessen ist meine Frage nach morgen. Früher war ich in solchen Situationen immer sauer auf sie – wenn sie meinen Bruder vorzog und alles stehen und liegen ließ, um ihm zu helfen –, aber ich habe gelernt, damit zu leben. Sie gibt ihr Bestes, wie wir alle.
Ich stelle Miles’ umgekippten Stuhl wieder hin, dann helfe ich meinem Vater beim Tischabräumen.
Ich stehe vor meinem Wandschrank und überlege, was ich morgen anziehen soll, als Caroline schon wieder anruft.
»Du hast mir immer noch nichts geschickt!«
»Ja, ich hatte echt keine Zeit.« Ich erzähle ihr, was heute Nachmittag los war, und sie kichert. »Ah, ich vermisse diese Pizzen! Der Junge müsste eine Reality Show kriegen.«
»Sag ihm das bloß nicht«, schnaube ich.
»Und jetzt überlegst du dir gerade dein Outfit.« Keine Frage, sondern eine Feststellung, denn wir kennen einander in- und auswendig.
»Mm-hmm.« Ich setze mich in meinem Wandschrank auf den Boden und betrachte die Auswahl. In der South High haben wir Schuluniform getragen, deshalb freue ich mich über die Aussicht, mir die Klamotten selbst aussuchen zu dürfen, wahrscheinlich genauso wie auf die Schreibkurse.
»Na, du weißt ja wohl, was du anziehen musst.«
Und ich weiß genau, was sie meint. Das Regenbogenkleid.
Es hat einen V-Ausschnitt – nicht zu tief, genau richtig –, einen Tellerrock und Längsstreifen in zarten Regenbogenfarben. Wir haben es im Fountains Shopping Center gefunden, und ich war erst unschlüssig, ob ich es kaufen sollte, aber Caroline hat mich überzeugt. Was auch nicht sehr schwer war – es saß wie angegossen, fiel weich über die Hüften und betonte meine Taille. Aber es ist völlig ausgeschlossen, dass ich das morgen anziehe.
Denn: »Das ist voll übertrieben!« Sie stöhnt genervt. »Ist es wirklich! Und das weißt du auch, Caroline!«
Meinen Geschmack könnte man so beschreiben: Hauptsache, nicht auffallen. Das heißt, falls mich zufällig jemand bemerkt, soll er oder sie nicken und denken, »Was für eine raffinierte Art, die Muster zu kombinieren« oder »Die kleine Stickerei auf dem Bubikragen ist ja ein niedliches Understatement«. Aber auffallen will ich nicht. Und ein Regenbogenkleid fällt auf. Ich weiß, dass ich mir ziemlich viele Gedanken über etwas mache, was im Grunde nur dafür da ist, meine Haut vor Wind und Wetter und fremden Blicken zu schützen. Ich weiß! Aber ich glaube, das richtige Outfit ist wichtig. Es zeigt, was man sich für diesen Tag wünscht. Und ich wünsche mir, dass der Tag morgen GENAU RICHTIG läuft.
Plötzlich ist es in meinem Schrank heißer als eben noch. Und aus irgendeinem Grund habe ich die Fäuste geballt. Ich versuche tief durchzuatmen, aber ich bekomme nicht genug Luft.
»Hey, Tessa …«, sagt Caroline. »Wie geht’s dir mit morgen?«
Ich atme aus und versuche mich zu entspannen. Natürlich geht es hier nicht nur um mein Outfit. Sie weiß genau, wie ich ticke.
»Okay, ich bin schon nervös.« Als wäre das nicht völlig offensichtlich. Ich seufze. »Die Chrysalis ist echt eine große Nummer. Und ich hab Schiss, dass ich da nicht reinpasse. Ich fand’s schon an der South High schwer genug, und da waren alle … na ja, so durchschnittliche Normalos. Bei diesen coolen, superbegabten intellektuellen Künstlertypen hab ich doch keine Chance.« Diese Adjektive treffen auf Hawaiihemd Sam zwar nicht gerade zu, aber der wird bestimmt auch eher ein Außenseiter sein.
»Ich weiß ja nicht, ob die bescheidene Meinung eines Normalos wie mir zählt, aber ich glaube, du kommst schon klar.« Sie tut ein bisschen beleidigt, aber ich höre das Lächeln in ihrer Stimme.
»Du bist das absolute Gegenteil von einem Normalo. Du bist ein glitzerndes fliegendes Einhorn und ein Geschenk des Himmels, das mir mehr bedeutet als alles andere. Aber, na ja … du weißt schon, was ich meine.«
»Klar. South High, das sind blendend weiße Footballspieler und Cheerleader, die aussehen wie fünfundzwanzig und sich benehmen wie Arschlöcher. Dort auf der Beliebtheitsskala nicht ganz oben zu stehen, war zu verkraften. Denn wer will schon mit denen abhängen? Aber wenn du an der Chrysalis nicht akzeptiert wirst, wo du die Leute echt bewunderst, bist du wirklich ein Loser.«
»Ha! Vielen Dank auch!«
»Wieso? Ich spreche doch nur aus, was du denkst.«
Ich seufze. Weil es stimmt.
»Aber jetzt komme ich«, fährt sie fort, »und sage dir, dass du reinpassen wirst. Du gehörst genauso dorthin wie die anderen, denn du wurdest genauso angenommen wie sie. Weil du Geschichten schreiben kannst, die bezaubernd und herzzerreißend und einzigartig sind. Daran darfst du niemals zweifeln, Tess.«
»Danke.« Ihre aufmunternden Worte bauen mich tatsächlich auf, aber gleichzeitig spüre ich einen Stich in der Brust, als mir klar wird, dass ich einen ersten Schultag ohne Caroline durchstehen muss. Ich erinnere mich an den ersten Tag in der Vierten, als Caroline mich vor einer Panikattacke bewahrt hat, nachdem ich erfuhr, dass ich Mrs Schneider (alias Schreckschraube Schneider) als Klassenlehrerin bekomme. Und an den ersten Tag in der Siebten, als Caroline ihre Ferienaufgabe in Englisch nicht gemacht hatte, weil Lola mit ihrem Herzfehler immer wieder ins Krankenhaus musste, und ich ihr in der Mittagspause in Rekordzeit eine Analyse von Die Outsider geschrieben habe. Wir waren immer füreinander da, und das war die solide Basis, auf der wir alles durchstehen konnten.
»Und wenn du erst mal kapiert hast, wie gut du bist, lässt du vielleicht auch mal andere als mich deine Texte lesen.«
»Ja … klar.« Obwohl wir beide wissen, dass ich das nicht wirklich meine.
Auf Carolines Drängen hin habe ich einmal versuchsweise zwei Geschichten auf Wattpad veröffentlicht, aber die eine bekam drei fiese Kommentare und die andere gar keinen, was ich noch viel schlimmer fand. Ein einziges Mal also habe ich den großen Zeh ins Haifischbecken getaucht, um dann völlig zu verstummen. Ich finde es unglaublich, dass ich auf der Chrysalis so viel Zeit zum Schreiben haben werde. Ich kann meiner Mutter sogar fast verzeihen, dass sie meine Texte eingeschickt hat, weil ich nur so reingekommen bin, und auch wenn ich es ihr gegenüber nie zugeben würde, hat sie natürlich recht damit, dass ich den Sprung selbst nicht gewagt hätte. Aber auf keinen Fall werde ich meinen Klassenkameradinnen meine Texte zeigen. Schon bei der bloßen Vorstellung schaudert es mich.
»Ich meine, irgendwem musst du sie ja zeigen, oder?«, drängt Caroline. »Zumindest deinen Lehrern. Wahrscheinlich auch den anderen in deinem Kurs. Vielleicht bringt dich das ja auch weiter … die können dir bestimmt viel besser helfen als ich.«
Die letzte Bemerkung versetzt mir einen Stich. »Du meinst, ich brauche Hilfe bei meinen Geschichten?«
»Nein, nein! Natürlich nicht, Tessa! Du bist eine geniale, kreative Göttin und deine Worte bereichern mein Leben unendlich …«
»Im Ernst jetzt.«
»Erstens«, sagt sie geduldig, »ist das mein voller Ernst. Und zweitens … will ich nur sagen, Feedback tut jedem gut. Und Schriftstellerinnen zeigen ihre Texte, oder? Das ist der Sinn des Schreibens, stimmt’s?«
»Ja …«, sage ich, während meine Gedanken hinterherhecheln.
Geht es beim Schreiben wirklich nur darum, dass andere lesen, was man schreibt? So habe ich das noch nie betrachtet, denn ich schreibe vor allem zu meinem eigenen Vergnügen. Aber es hat wohl eine gewisse Logik. Warum gibt es sonst Bücher? Wenn es nicht darum ginge, würden Autoren ihre Texte einfach auf dem Computer aufbewahren, nur für ihre eigenen Augen bestimmt. Und ja, ich habe mir schon mal vorgestellt, ein Buch mit meinem Namen auf dem Umschlag in der Hand zu halten, aber ich muss mir beschämt eingestehen, dass ich in meiner Fantasie von Ich zeige meine Geschichten nur Caroline direkt zu Ich bin eine berühmte Autorin, die mit ihren Lesern nicht das Geringste zu tun hat gesprungen bin, was … na ja, was wohl ziemlich dumm ist.
Ich weiß nicht. Heißt das jetzt, dass ich keine richtige Schriftstellerin bin? Vielleicht schreibe ich eben einfach zum Spaß alberne Texte. Zum ersten Mal denke ich darüber nach, wie die Schreibkurse ablaufen könnten – bis jetzt habe ich nämlich nur voller Vorfreude an die langen, ungestörten Stunden gedacht, die ich zum Schreiben haben werde. Ob wir unsere Texte einander zeigen müssen? Ob die anderen in meinem Kurs sich darauf freuen? Meine Gedanken fangen an zu rasen und ich kriege einen Knoten im Bauch.
»Können wir … lieber wieder darüber reden, was ich anziehen soll?« Eben noch dachte ich, ich packe das nicht, aber es ist auf jeden Fall besser als das hier.
»Klar.«
Und dann gehen Caroline und ich eine Stunde lang jede mögliche Kombination in meinem Kleiderschrank durch, bis wir uns schließlich auf ein passendes Outfit für den ersten Tag einigen. Dabei beruhigen sich meine Gedanken zum Glück wieder. Das ist etwas Bekanntes und Einfaches.
»Also echt, was täte ich ohne dich?«
»Twin-Sets in gediegenen Tönen tragen? Jeans mit aufgestickten Schmetterlingen auf den Gesäßtaschen? Wer weiß?« Sie prustet los. »Ich erweise der Gesellschaft hier echt einen Dienst. Meinst du, ich kann das in meiner Bewerbung für die Uni erwähnen?«
»Auf jeden Fall. Und hey, wie geht’s dir denn mit deinem ersten Tag morgen?«, frage ich und schäme mich ein bisschen dafür, dass ich nicht vorher nachgefragt habe, weil ich zu sehr in meiner Angst vor der großen Veränderung gefangen war.
»Keine Ahnung, ganz okay?«, sagt sie. »Es ist ein Tag wie jeder andere. Ich werde unsere langweilige South-High-Schuluniform tragen und wie üblich dagegen ankämpfen, dass mir die Augen zufallen.«
»Ja, aber es ist unser erster Schultag ohneeinander seit, na ja, seit immer! Zu wem setzt du dich beim Mittagessen?« Diese Frage quält mich schon länger. Der bloße Gedanke an die morgige Mittagspause lässt den dumpfen Trennungsschmerz aufflammen wie eine frische Wunde.
Sie lacht. »Ich werd schon irgendwen finden.« Und das versetzt mir ein komisches Gefühl. Erstens, weil ich es nicht witzig gemeint habe, und zweitens, weil ich es definitiv nicht so lässig nehme. Aber wir sind schon immer unterschiedlich mit Herausforderungen umgegangen. Vielleicht braucht Caroline mich nicht so wie ich sie.
Nachdem ich ihr mehrmals versprochen habe, sie morgen gleich nach der Schule anzurufen (und ihr außerdem das nächste Kapitel zu schicken), verabschieden wir uns. Dann ziehe ich meinen Laptop auf den Schoß und tauche wieder in Tallulahs und Thomas’ Welt aus Sehnsucht und Romantik ein. Colette muss warten.
Ich versuche, nicht daran zu denken, wie andere die Geschichte betrachten würden. Diese Worte gehören mir allein.
Um genau Viertel nach sieben schlüpfte Tallulah zum Open Mic ins Café. Thomas hatte ihr gesagt, dass er um diese Zeit und keine Minute vorher seinen Auftritt haben würde. Seit ihr erster Kuss von dem Besitzer der ganz offensichtlich nicht verlassenen Hütte unterbrochen worden war, hatte Tallulah Angst davor gehabt, wieder mit Thomas allein zu sein. Wenn sie sich nun das, was zwischen ihnen war, alles nur einbildete? Tallulah wollte sich diese wundervolle Erinnerung auf keinen Fall trüben lassen. Sie wollte sich das köstliche Was-wäre-wenn für immer bewahren.
Also kam sie pünktlich auf die Minute, um Thomas keine Gelegenheit zu bieten, sie den anderen aus seiner Band als »Kumpel« vorzustellen oder, schlimmer noch, ihr einen Mokka bei der scharfen, mondänen blonden Barista zu bestellen, die vermutlich, höchstwahrscheinlich sogar, auch in ihn verliebt war.
Tallulah suchte sich einen Platz weiter hinten in dem Café, nur für den Fall, dass sie vor lauter Peinlichkeit flüchten müsste, während Thomas ganz vorne stand. Die glitzernden Lichter verliehen seinen zerzausten schwarzen Haaren einen himmlischen Glanz. Tallulah sah zu, wie er seine Gitarre stimmte, gekonnt bewegte er die schlanken Finger, und sie stellte sich vor, wie es sich wohl anfühlte, wenn diese Finger auf ihrem Rücken lägen oder ihre Wange streichelten. Bei dem Gedanken wurde ihr Gesicht heiß und ihr Herz schlug schneller. Thomas sah so aus, als wollte er loslegen, doch dann hielt er inne und schaute sich mit zusammengekniffenen Augen im Raum um. Ängstlich fragte sich Tallulah, nach wem er Ausschau hielt – nach der blonden Barista? Doch er ließ sie nicht lange im Unklaren, denn als sein Blick sie fand, breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus. »Für dich«, formte er lautlos mit den Lippen.
Während er den ersten Song spielte, ließ er sie nicht aus den Augen, und auch beim zweiten und dritten nicht. Obwohl der Raum voller Leute war, hatte Tallulah das Gefühl, als wären sie miteinander allein. Ihre Sorgen waren ganz überflüssig gewesen, denn seine Worte, seine Blicke und die Musik sagten unmissverständlich, dass der Moment im Regen echt gewesen war. Dieser wunderschöne Junge sah sie, und er wollte sie genauso, wie sie ihn wollte.
Nach dem letzten Song ignorierte Thomas den Applaus und alle, die mit ihm sprechen wollten. Er kam geradewegs auf Tallulah zu und nahm sie in die Arme. Sie fasste seine Hand und führte ihn hinaus in die Nacht, die vom Vollmond erleuchtet war.
»Ich war mir nicht sicher … ob du so empfindest.« Tallulah seufzte. »Das neulich … ich dachte schon, das hätte ich mir vielleicht nur eingebildet.«
»Verstehst du denn nicht?«, sagte Thomas und schlang wieder die Arme um sie. »Schon seit ich hergezogen bin … gab es immer nur dich. Es wird immer nur dich geben, Tallulah.«
Dann legte er seine weichen Lippen auf ihre.
Um fünf Uhr morgens wache ich auf. Mit Absicht.
Nicht, weil ich ein Morgenmensch wäre. Bin ich nicht. Und es hat auch nichts mit Aufregung oder Lampenfieber vor dem ersten Schultag zu tun.
Ich stehe um fünf Uhr auf, weil ich mir die Haare machen muss.
Seit sechzehn Jahren arbeite ich daran, die beste Frisur für meine Haare zu finden. Da ich eine weiße Mutter habe, war es nun wirklich kein Selbstläufer, aber sie hat es besser hingekriegt als die meisten Mütter. Sie hat mich nie einfach mit krausen Wuschelhaaren losgeschickt, worüber die alten Schwarzen Damen im Supermarkt abfällig den Kopf geschüttelt hätten. Nein, wenn wir zu Besuch in Georgia waren, schaute sie sich bei meinen Tanten und meiner Granny alles ganz genau ab, sie stellte ihnen Fragen und machte sich Notizen wie für eine Examensarbeit. Und so lernte sie, mir perfekte Afro Puffs zu machen und Zöpfe zu flechten, die dicht und ebenmäßig am Kopf lagen.
