Zwölf Tage und immer - Elise Bryant - E-Book

Zwölf Tage und immer E-Book

Elise Bryant

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Beschreibung

Witzig, charmant und mitten ins Herz- eine unwiderstehliche Sommerlektüre über die erste große Liebe Lenore kann so schnell nichts umhauen: Sie hat eine tolle Clique und weiß, was sie will. Doch als sie zum Studium nach New York ziehen soll, kommen ihr plötzlich Zweifel an der perfekt geplanten Zukunft. Kann sie als Schwarze es sich leisten, Dinge einfach auf sich zukommen zu lassen? Das geht gegen alles, was ihre Eltern ihr vermittelt haben. Und dann trifft sie im Urlaub noch Alex, der super aussieht, unerträglich gut organisiert und gleichzeitig ein hoffnungsloser Romantiker ist. Lenore will es sich nicht eingestehen, aber vielleicht hat sie genau danach gesucht – nach der ersten großen Liebe.   Eine mitreißende Romantic Comedy, die außerdem zum Nachdenken über alltäglichen Rassismus anregt! Beeindruckend!  »Eine wunderschöne, spritzige Liebesgeschichte.« LizzyNet über »Elf Tage bis zum Happy End« »›Zwölf Tage und immer‹ ist romantisch, witzig, charmant – und voller Tiefgang.« Nicola Yoon, New-York-Times-Beststeller-Autorin »Ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen! Einfach toll!« Leser*innenstimme

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Elise Bryant – Zwölf Tage und immer

Aus dem Englischen von Sylke Hachmeister

Lenore kann so schnell nichts umhauen: Sie hat eine tolle Clique und weiß, was sie will. Doch als sie nach dem Schulabschluss zum Studium nach New York ziehen soll, kommen ihr plötzlich Zweifel an ihrer perfekt geplanten Zukunft. Aber kann sie es sich leisten, Dinge einfach so auf sich zukommen zu lassen? Das widerspricht allem, was ihre Eltern ihr vermittelt haben.

Und dann trifft sie im Urlaub auch noch Alex, der super aussieht, unerträglich gut organisiert und gleichzeitig ein hoffnungsloser Romantiker ist. Lenore will es sich nicht eingestehen, aber vielleicht hat sie statt nach einem perfekten Plan genau danach gesucht – nach der ersten großen Liebe.

Wohin soll es gehen?

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  Viten

 

Für Mom und Dad –

danke für die Mühen, die ihr auf euch genommen habt, um mir den Weg zu ebnen. Und für eure bedingungslose Liebe, als ich einen Umweg genommen habe.

Liebe Leserinnen und Leser,

es war wirklich schwer, mit diesem Buch zu beginnen.

Kaum hatte meine Lektorin mir Lenore als Hauptfigur vorgeschlagen, wusste ich, dass ich ihre Geschichte erzählen musste. Doch ich hatte schon so viel von mir selbst in Elf Schritte bis zum Happy End gelegt. Ich hatte Angst, dass ich nichts mehr zu geben hätte. Und gerade als ich allmählich Lenores Stimme fand und eine Ahnung von ihrer Geschichte hatte, kam Covid-19.

Meine Kinder durften auf unbestimmte Zeit nicht zur Schule gehen. Angesichts dieses Virus, das die ganze Welt lahmlegte, war ich von Angst und Unsicherheit erfüllt. Wie sollte ich eine locker-flockige, lustige Liebesgeschichte schreiben, während ich so traurig und ängstlich war?

Die Antwort lautete: langsam. Nachdem ich einen Monat lang versucht hatte, mich in der neuen Realität zurechtzufinden, stand ich eines Morgens um fünf Uhr auf, als es im Haus noch still war. Und obwohl ich müde war, obwohl ich lieber geschlafen oder geweint oder alles andere gemacht hätte, schrieb ich tausend Wörter am Stück. Und so machte ich weiter, Tag für Tag.

Und schon bald wurde das, was erst eine Pflichtübung war, zu einer willkommenen Atempause. Das Schreiben in den frühen Morgenstunden wurde zum Lichtblick des Tages in einer Zeit mit wenigen Lichtblicken, zu meiner Freude, wo es so viel Kummer gab. Ich fühlte mich wieder wie als Teenager, als ich nur für mich Hefte mit Geschichten vollschrieb.

Diese Flucht in eine andere Welt wurde nach den entsetzlichen, traumatischen Ereignissen vom Mai/Juni 2020, der Ermordung von George Floyd, umso notweniger – auch wenn diese Verzweiflung und Wut natürlich nicht im Juni anfingen oder aufhörten, das war nur der tragische Höhepunkt. Ich habe dadurch begriffen, wie wichtig die Geschichte war, an der ich arbeitete, und dass Freude ein Akt des Widerstands ist. Zwölf Tage und immer handelt von zwei Schwarzen Jugendlichen, Lenore und Alex, die etwas Schönes erleben: Sie reisen an wunderschöne Orte, verlieben sich, machen Pupswitze und sind sorglos – jedenfalls geht es bei ihren Sorgen nicht um Leben und Tod. Lenore bekommt als Schwarzes Mädchen den Raum, unvollkommen zu sein, ihren Weg zu finden und sich Zeit zu lassen – ein Privileg, das Schwarzen Mädchen nicht oft zugestanden wird. Und ihr Bruder Wally, ein Schwarzer Mann Anfang zwanzig, lernt, sich um seine seelische Gesundheit zu kümmern, und erfährt auf diesem Weg Liebe und Unterstützung. Ich habe eine Wirklichkeit beschrieben, in der ich gern leben würde.

Zwölf Tage und immer ist ein Liebesbrief an Schwarze Jugendliche, es hat mich durch das Jahr 2020 getragen und trägt mich jetzt durch 2021. Es hat mich zum Lachen und zum Lächeln gebracht und mir eine Zuflucht geboten, als ich sie dringend brauchte. Ich hoffe, es kann euch dasselbe geben.

Alles Liebe

Elise

Erstes Kapitel

Mein Leben ist kein Liebesroman.

Das versuche ich meiner besten Freundin Tessa zu erklären, als sie über meine Ferienpläne in Verzückung gerät und mich mit Herzchenaugen ansieht. Aber sie lässt das nicht gelten.

»Lenore, du verstehst das nicht.« Sie wirft sich auf ihr Bett, als wäre es eine Chaiselongue. »Um so was hab ich meine Eltern jahrelang angebettelt. Jahrelang! Jedenfalls war es mindestens unter den Top Fünf.«

Ich gucke sie mit hochgezogenen Brauen im Spiegel an, während ich noch eine Schicht Wimperntusche auftrage. Ich will so dicke Spinnenwimpern haben wie Diana Ross in den Siebzigern. »Top Fünf? Das klingt so offiziell. Gibt’s das irgendwo schriftlich?«

»Ja, gibt es, aber ich weiß es noch auswendig.« Sie nickt ernst und richtet sich auf. Sie merkt gar nicht, dass ich mich über sie lustig mache. »Platz eins« – sie reckt den rosa lackierten Daumen – »war ein Ferienlager, das praktischerweise auch bei Mitgliedern einer Boygroup beliebt ist, die ein ganz normales Leben führen wollen. Platz zwei eine kleine Stadt, in der aus unerfindlichen Gründen monatelang Weihnachten gefeiert wird.«

Ich hebe die Hände. »Okay, hab’s kapiert, Sis. Du brauchst nicht weiter …«

»Platz drei«, fällt sie mir ins Wort und kneift die großen braunen Augen zusammen. »Ferien in Europa. Und dann auch noch auf einem Kreuzfahrtschiff! Übers Mittelmeer! Im Sommer nach dem Schulabschluss! Das ist ja wohl der Hauptgewinn! Nur dass aus dem Spielautomaten statt Münzen lauter Herzchen und Jungs und Sonnenschein und gelato und traumhafte historische Gebäude und, ich weiß nicht, vielleicht sogar Kondome rauskullern.«

Sie grinst mich frech an, und ich denke an die Tessa, die ich letztes Jahr kennengelernt habe – schüchtern und verzagt, und wenn jemand das Wort »Kondom« nur aussprach, bekam sie schon einen hysterischen Anfall. Sie hat sich auf jeden Fall gemacht, klar, aber manchmal geht sie mir ganz schön auf die Nerven.

Ich schaue sie an und verdrehe die Augen. »Du hast vergessen, meine Eltern, meine Schwester und meinen Bruder zu erwähnen, mit dem ich mir, ach ja, eine winzige Kabine teile. Für mich gibt’s diesen Sommer garantiert keine Kondome.«

»Mit der Einstellung bestimmt nicht.« Sie schnaubt. Sie streckt die Arme weit aus und bekommt einen glasigen Blick, genau wie meine Oma Lenore (ja, wir haben denselben Namen), wenn sie erzählt, was sie alles bei T.J. Maxx gekauft hat. »Ich sehe es genau vor mir. Du trägst einen gestreiften Strohhut und diesen königsblauen Bikini mit der hohen Taille, den du dir letzte Woche bei Target gekauft hast …«

»Wieso weißt du das noch? Du warst nicht mal dabei …«

»Du liegst wie hingegossen auf dem Pooldeck, deine Haut schimmert in der Sonne. Und ein gut aussehender Fremder mit einem, sagen wir mal, Tenpack kommt vorbei und ist von deiner Schönheit verzaubert, und da sieht er, dass du mit der Sonnencreme nicht an deinen Rücken drankommst … Na ja, vielleicht keine Sonnencreme, die benutzen wir ja gar nicht …«

»Moment mal.« Ich reiße sie aus ihrem Herzchentraum. »Wie meinst du das, die benutzen wir nicht?«

»Ich meine, wir brauchen doch keine Sonnencreme. Du weißt schon …« Sie macht eine unbestimmte Handbewegung. »Von wegen Melanin.«

Ich starre sie an, aber das War-nur-ein-Witz-Grinsen bleibt aus. Es ist ihr voller Ernst. »Natürlich müssen wir uns eincremen! Tessa, läufst du wirklich ohne Sonnenschutz rum?«

Sie zuckt die Achseln und geht zu ihrem Bücherregal. »Egal, das ist doch jetzt nicht wichtig.«

»Äh, Hautkrebs ist schon wichtig.«

»Das hier ist ein Notfall in Sachen Liebe, Lenore! Liebe ist wichtig! Du musst das ernst nehmen.« Sie schnaubt, und jetzt frage ich mich doch, ob sie mich vielleicht veralbern will. Notfall in Sachen Liebe? Himmel, ich fahre mit meiner Familie in Urlaub.

»Wir müssen wirklich nicht gerade jetzt darüber reden«, sage ich, aber sie ignoriert mich einfach und stellt sich mit in die Seiten gestemmten Händen vor ihr riesiges Bücherregal, in dem die Buchrücken perfekt nach den Farben des Regenbogens angeordnet sind. »Recherchieren«, murmelt sie vor sich hin und tippt sich aufs Kinn. »Du musst recherchieren.«

Ich schüttele den Kopf und wende mich wieder meinem Spiegelbild zu. Ich trage korallfarbenen Lippenstift auf, der zu meiner Haut schön knallig aussieht. Meine Mutter hat mir die Locken heute zu einer komplizierten Hochsteckfrisur geflochten, und ich stecke ein paar Strähnen fest, die sich gelöst haben.

So ist Tessa eben. Wobei das jetzt selbst für ihre Verhältnisse ein bisschen drüber ist. Vielleicht ist sie nur aufgeregt wegen heute Abend. Das bin ich natürlich auch, und wie. Jay hat sich immer noch nicht gemeldet. Vielleicht sollte ich noch mal nachschauen. Tessa ist so beschäftigt, dass sie es nicht mitkriegen wird und mich nicht daran hindern kann …

Doch ein lauter Knall hält mich davon ab, mein Handy rauszuholen, auf das ich ganz sicher nicht noch mal schauen sollte. Ein Haufen Bücher ist aus dem Regal gepurzelt, wie es aussieht, hat Tessa sich auf irgendetwas draufgestellt, um ein Buch vom obersten Regalbrett zu holen. Das wäre normalerweise nicht so schwierig, in einem voluminösen zartrosa Tüllkleid aber schon. Denn, genau, das hatte ich noch gar nicht erwähnt: Wir fahren gleich zum Abschlussball. Und das heißt, dass wir wirklich, wirklich nicht gerade jetzt darüber reden müssen.

»Alles okay?« Ich springe auf, raffe den Rock meines petrolfarbenen Mermaid-Spitzenkleides zusammen und laufe zu ihr. Sie liegt flach auf dem Rücken und verschwindet fast in ihrem Tüllkleid. Der einzige Körperteil, den ich finden kann, ist eine ausgestreckte Hand in der Luft, darin ein Taschenbuch.

»Alles gut!«, sagt sie und schlägt den Tüll zurück, sodass ich ihr Gesicht sehen kann. »Sehr gut sogar! Genau das hab ich gesucht!«

Langsam lächelt sie und zeigt mir dann das Buch, das sie sorgsam in den Händen hält, als wäre es eine Heilige Schrift. Herzklopfen auf Französisch. Es ist schreiend pink mit einem Herz und dem Eiffelturm darauf, gehört also zu der Sorte, die ich nicht mal für Geld lesen würde. Na ja, okay, für Geld vielleicht schon. Aber es müsste dann schon für ein Pyer-Moss-Kleid direkt vom Laufsteg reichen, und das steht hier nicht in Aussicht.

»Das musst du vor der Reise unbedingt lesen, und dann« – sie kichert mit einem wissenden Grinsen – »na ja, wirst schon sehen.«

Ich schüttele den Kopf. »Hör auf mit dem Quatsch. Du weißt genau, dass ich für so was keine Zeit habe. Die Prüfungen stehen an, die Party mit allen Eltern und die Abschlussfeier. Plus diese nicht ganz unwichtige Veranstaltung, die in, äh« – ich schaue auf dem Handy nach, wie spät es ist, und auch, ob Jay geschrieben hat (hat er nicht) – »zwei Stunden losgeht! Warte, ich bringe deine Haare in Ordnung. Die sind hinten ganz platt.« Ich lege das Buch, das ich um nichts in der Welt lesen werde, unauffällig auf ihren Nachttisch und nehme einen Afrokamm, um ihre Locken aufzufrischen. Doch sie hat die Arme verschränkt, und ich spüre förmlich, wie es in ihrem Kopf rattert. »Außerdem«, sage ich in der Hoffnung, dass sie dann von dem Thema ablässt, »fahre ich ja gar nicht nach Paris.«

Sie stürzt zu ihrem Schreibtisch, wobei ich ihr fast eine Handvoll Locken ausreiße, und nimmt einen Zettel. »Ach ja, stimmt. Hier steht Marseille. Aber das liegt auch in Frankreich, so anders kann es also nicht sein, oder?«

»Ist das etwa …?« Ich gucke, was sie in der Hand hält. Tatsächlich. Die Reiseroute unserer Kreuzfahrt. Ich kann mich nicht erinnern, sie ihr gegeben zu haben, aber was soll’s.

»Die steht im Internet«, sagt sie, als hätte sie meine Gedanken gelesen. »Allgemein zugänglich. Jeder kann sie sich ansehen. Das ist nicht so merkwürdig. Warte mal, ich schicke dir was … Aber ich muss erst kurz suchen.«

Mit konzentrierter Miene tippt und scrollt sie auf ihrem Handy, und ich nutze die Pause von diesem Blödsinn, um mein Outfit zu vervollständigen: goldene Strahlenkranz-Ohrringe, metallische Pumps mit verzierten Blockabsätzen, eine mit Perlen bestickte Handtasche, die ich letzte Woche bei einer Haushaltsauflösung geschossen habe, und meine Lederjacke, die ich mir über den Arm hänge für den Fall, dass es später am Abend frisch wird. Ich betrachte mich in Tessas Spiegel, um mir zu bestätigen, was ich schon weiß: Dieser Look ist guu-hut. Gut mit zwei Silben. Ich hoffe, er passt zu Jays Outfit. Wir haben uns nicht abgesprochen, denn so ist das nicht zwischen uns. Und zwar ganz und gar nicht. Aber es wär trotzdem cool, wenn es passen würde.

Mein Handy plingt, und sofort habe ich dieses lästige Flattern in der Brust. Ist er das endlich? Aber Tessa verscheucht diesen albernen Gedanken.

»Okay, ich will vorwegschicken, dass der Film alt und ziemlich schnulzig ist, aber wenn du keine Zeit hast, ein Buch zu lesen …« Ihr Blick verrät nur zu deutlich, was sie von dieser Ausrede hält. »Dann ist er das Zweitbeste. Ehrlich gesagt war er sogar das Erste, was mir einfiel.«

Ich öffne ihre Nachricht und sehe einen YouTube-Link. Der Trailer zeigt ein Filmplakat, auf dem ein blondes Mädchen mit einem Koffer völlig grundlos auf Zehenspitzen steht.

»Was ist das für ein Film? Ist der vor deiner Geburt rausgekommen?«

»Ja, aber er ist immer noch gut. Das Mädchen fährt auf Klassenfahrt nach Rom – und Rom liegt auf eurer Route –, und eine berühmte Popsängerin ist verschwunden, der sie zum Verwechseln ähnlich sieht …«

»Ermordet?«

»Nein, so ein Film ist das nicht. Und dann lernt sie einen Jungen namens Paolo kennen …«

»Hat er sie umgebracht?«

»Nein … Aber jetzt fällt mir ein, dass sie am Ende gar nicht mit dem Italiener zusammenkommt, weil er ein fieser Kerl ist. Warte mal, ich schicke dir was anderes.«

Ein paar Sekunden später plingt mein Handy wieder, und ich bekomme noch einen Link zu so einem alten Schinken. Ein schlecht gefotoshopptes Bild von zwei weiteren Blondinen, die vor der italienischen Flagge posieren.

»Das ist doch was für weiße Mädchen«, sage ich, ehe sie mir die alberne Handlung erzählen kann. Ich hole tief Luft und werfe mein Handy aufs Bett. »Wenn ich mit meiner Familie auf dieser öden Reise bin, wird sich kein Mensch für mich interessieren. Kein europäischer Junge macht oh, là, là und holt mit mir auf dem Moped Baguette und gelato. Nicht jeder bekommt ein Happy End mit rosa Schleife. Das ist was für deine Filme und Bücher, aber nichts fürs wahre Leben, Tessa. Jedenfalls was mich betrifft.«

Für mich gibt es bloß heimliche Treffen auf dem Abschlussball und unbeantwortete Nachrichten, füge ich im Stillen hinzu und schlucke etwas herunter, das sich eng und bitter in meinem Hals anfühlt.

Tessa schlängelt sich um den Bücherstapel herum, ihr Kleid raschelt. Sie nimmt meine Hände in ihre. »Das ist nicht wahr. Jeder hat ein Happy End verdient. Und du ganz besonders, Lenore. Du bist der liebste, coolste Mensch, den ich kenne, und davon wird der Richtige irgendwann magnetisch angezogen.«

So ein Schnulzfilm-Sprech ist typisch Tessa. Und sie meint das wirklich ernst. So ernst wie Taylor Swift, bevor das mit den Schlangen losging. Zwei Uhr nachts, Küsse im Regen und so weiter. Aber Tessa glaubt wirklich an das, was sie sagt, deshalb kann man ihr nicht böse sein. Und immerhin macht sie etwas Gutes daraus: diese wundervollen Liebesgeschichten mit Schwarzen Heldinnen, mit denen sie sich schon eine ziemlich große Fangemeinde im Netz aufgebaut hat – ach ja, und sie haben ihr die Aufnahme in das Programm für Kreatives Schreiben der University of California, Irvine, für diesen Herbst beschert.

»Hey, was ist denn hier los?« Theo taucht in der Tür auf und schaut mit besorgter Miene auf das Chaos um uns herum. Lässig-elegant steht er da, die schwarzen Haare zurückgegelt, Nadelstreifenanzug, babyblaues Hemd und geblümte Fliege. »Bist du jetzt komplett durchgedreht, Tessa?«

»Nein, wir überlegen gerade, wie Lenore diesen Sommer zu einer traumhaften Liebesaffäre mit einem Italiener kommt, der einen sexy Namen hat, Enzo zum Beispiel«, sagt sie nüchtern.

Theo betrachtet mich von oben bis unten und kann sich ein Grinsen kaum verkneifen. »Das würde mich echt für dich freuen.«

»Siehst du?«, sagt Tessa mit ihrem typischen Hab-ich’s-dir-doch-gesagt-Blick. »Kannst du jetzt mal aufhören rumzuzicken und einfach sagen, dass du dir die Filme anschaust? Wir müssen gleich los!«

Als hätte ich die ganze Zeit getrödelt. Wenn ich sie nicht so gernhätte, könnte ich sie glatt ohrfeigen.

Ich schüttele den Kopf. »Okay, von mir aus.«

Wenn das Leben doch so wäre, wie Tessa es sieht. Das wäre wirklich herrlich. Ich möchte einen epischen Kuss, während der Abspann läuft, das ultimative Happy End. Und wenn es dann noch in Italien, Griechenland, Frankreich oder Spanien wäre – das sind die Stationen auf unserer Reise –, wäre das echt magisch. So abgestumpft bin ich nun auch wieder nicht, dass ich mir nicht vorstellen könnte, wie ich mit einem hübschen Jungen in einem Café sitze und Espresso schlürfe. Oder wie wir lange Spaziergänge durch ein Labyrinth blendend weißer Häuser unternehmen, während die Sonne über dem azurblauen Meer versinkt. Ich meine, hey, völlig vertrocknet ist mein Herz noch nicht.

Andererseits, wenn ich das alles vielleicht gar nicht brauche? Wenn ich meine Liebesgeschichte vielleicht schon gefunden habe und es nur nicht so ein schwülstiger Schmalz ist wie in Tessas Geschichten? Deshalb muss es ja nicht gleich verkehrt sein.

Das kann ich ihr natürlich nicht sagen. Ich sehe die Reaktionen der beiden schon vor mir, wie immer, wenn ich von Jay anfange. Tessa kritischer Blick, als Sorge getarnt, und Theo, wie er den Mund verzieht, als hätte er etwas Muffiges gerochen. Darauf habe ich jetzt keine Lust. Außerdem ist Theo schon von meinem Herzeleid zu seinem eigenen übergegangen.

»… und ich wusste nicht, ob ich sie besorgen sollte, weil es nicht klar geregelt ist. Wer besorgt die Anstecksträußchen? Wenn jeder eins kauft, passen sie womöglich nicht zusammen. Das könnte natürlich auch interessant sein … Aber was ist, wenn er lieber ein Blumenarmband hätte?«

Es ist seltsam, ihn so zu erleben. Sonst redet er immer wie eine Kreuzung aus einem Roboter und dem Butler aus so einer Fernsehserie, übertrieben korrekt. Jetzt ist er rot im Gesicht und ganz hibbelig. Es ist echt süß, aber wenn ich das laut sage, würde er die Augen verdrehen.

»Warum hast du ihn nicht gefragt, was er möchte?« Tessa richtet ihren Laserblick auf ihn. Das ist genau ihr Thema, und ich bin Theo ganz dankbar dafür, dass er mich aus der Schusslinie nimmt.

»Weil ich nicht wollte, dass er sich deswegen Stress macht.« Theo richtet zum zehnten Mal seine Fliege. »Wo … es doch schon mit seinen Eltern so anstrengend ist. Er soll einfach nur einen schönen Abend haben. Eine glückliche Erinnerung für später.«

Mir zieht sich das Herz zusammen, als ich Theos traurige Miene sehe. Theo hat seinen Eltern schon in der siebten Klasse gesagt, dass er schwul ist, und sie finden das total cool. So cool, dass sie in Regenbogen-Tutus in der Pride Parade mitlaufen. Sein Freund Lavon hat es seinen Eltern erst dieses Jahr erzählt, und es ist überhaupt nicht gut gelaufen. Im Grunde tun sie so, als hätte das Gespräch nie stattgefunden. Und als er ihnen erzählt hat, dass er mit seinem Freund, mit dem er schon richtig lange zusammen ist, zum Abschlussball geht, haben sie gesagt, er könne tun und lassen, was er wolle, aber sie wollten davon nichts mehr hören.

»Die hat er auf jeden Fall, Theo«, sage ich und nehme ihn fest in die Arme. »Weil er mit dir zusammen da ist.«

»Theodore«, grummelt er, aber er lässt es über sich ergehen.

»Die Schule ist fast vorbei«, sage ich sanft und tätschele ihm den Kopf. »So langsam könntest du den Spitznamen mal akzeptieren, Süßer.«

»Niemals.«

Die Tür knarrt, und als ich aufblicke, steht Tessas Bruder Miles da, ein schiefes Lächeln im Gesicht.

»Gruppenumarmung!«, ruft er und stürzt sich auf uns, wobei sein ansteckendes Lachen ihn schüttelt.

»Ja, Gruppenumarmung.« Ich höre Tessa schniefen. »Ich hab euch alle so lieb.«

»Die Tränen schluckst du lieber wieder runter!« Ich ziehe sie fest an mich. »Wir müssen doch noch Fotos machen.«

»Ja, und zwar jetzt!« Miles löst sich aus der Umarmung. »Mom hat mich hochgeschickt, damit ich euch hole, weil alle da sind. Tessa, du musst deine Haare in Ordnung bringen, die sind ganz platt, und du willst ja nicht mit plattem Kopf auf allen Fotos drauf sein, sonst lässt Sam dich sitzen. Er ist draußen, und er hat sowieso gesagt, er sucht sich eine neue Freundin!«

»Das ist eine berechtigte Sorge, Miles«, sage ich schnaubend. »Genau dasselbe hab ich ihr auch gerade gesagt.«

»Ihr seid so fies!« Tessa entwindet sich der Umarmung und haut Miles auf die Schulter. Laut kichernd läuft er aus dem Zimmer, sie flitzt hinterher, bleibt jedoch vor dem Spiegel stehen, um ihren Afro wieder aufzubauschen.

Bevor sie aus dem Zimmer laufen kann, stößt sie mit Sam zusammen, ihrer persönlichen Sahneschnitte. Sam hat die blonden Haare frisch frisiert und trägt zum schwarzen Anzug eine Krawatte im selben Ton wie Tessas zartrosa Kleid – eine echte Abwechslung zu seinen sonst üblichen Hawaiihemden.

Zärtlich legt er ihr eine Hand an die Wange, umfasst mit der anderen ihre Taille und zieht sie nah an sich. Er schaut sie so ehrfürchtig an, als wäre sie etwas sehr Kostbares.

»Du siehst … wunderschön aus«, flüstert er. »Ich meine. Wow. Einfach nur … wow.«

Ihre Augen funkeln, und ein Lächeln breitet sich auf ihrem Gesicht aus, als sie sich zu einem innigen Kuss vorbeugt.

Klar, dass sie so einen romantischen Blick auf die Welt hat. Vielleicht könnte ich auch an den ganzen Quatsch mit der einen großen Liebe glauben, wenn jemand mich so ansehen würde.

Was Jay jedenfalls nicht tut. Aber vielleicht kommt das noch? Vielleicht heute Abend.

»Hey, nehmt euch ein Zimmer.« Das kommt ein bisschen harscher heraus als beabsichtigt.

»Hier nimmt sich keiner ein Zimmer!«, ruft Tessas Vater dröhnend, der plötzlich wie aus dem Nichts aufgetaucht ist. Sams Wangen werden flammend rot, und er macht zwei riesengroße Schritte rückwärts. »Kommt alle mit«, fährt Tessas Vater fort. »Wenn Carol nicht bald ein paar Fotos für ihre Facebook-Seite bekommt, flippt sie aus. Ich warne euch, sie hat sich schon Posen überlegt.«

Als wir rauskommen, stehen schon alle Familien wie die Paparazzi in einer Reihe da. Miles, Mr und Mrs Johnson (ich nenne sie nie Carol und James, da können sie noch so locker tun) und Mr und Mrs Lim (die auch so angeredet werden möchten, wie normale Eltern). Und dann Mom, Dad und meine kleine Schwester Etta, die unsere Eltern angebettelt hat, mitkommen zu dürfen, und jetzt mit der Nase in einem Lehrbuch dasitzt, weil sie nämlich ein durchgeknalltes Wunderkind ist.

»Super, jetzt rückt mal enger zusammen«, ruft Mrs Johnson und geht aus irgendeinem Grund in die Hocke, damit unsere Nasenlöcher auf den Fotos so richtig schön zur Geltung kommen. »Kennt ihr Drei Engel für Charlie? Das wär doch vielleicht witzig!«

Das alles rauscht an mir vorbei, und ich begreife kaum, dass ich hier und jetzt tatsächlich Teil dieser großen Highschool-Tradition bin. Dieses Gefühl hatte ich in letzter Zeit häufig, bei all den ersten und letzten Malen, die, je näher der Schulabschluss rückt, in immer kürzeren Abständen auftauchen. Man hat sich so lange auf all diese Momente gefreut, hat davon geträumt, und plötzlich, wow, jetzt ist es so weit und wir sind hier, und dann, zack, ist es auch schon vorbei und wird nie wieder so sein. Zu Ende.

Ich möchte so gern mit ganzem Herzen dabei sein, die Augenblicke ganz fest halten und für später bewahren. Später, wenn wir in alle Richtungen zu unterschiedlichen Colleges ausgeschwärmt sind und das, was ich kenne und liebe, nie wieder so sein wird wie in diesem Moment.

Als ich klein war, habe ich etwa ein Jahr lang eine riesige rosa Polaroid-Kamera mit mir herumgeschleppt, und immer, wenn ich etwas Interessantes sah – eine Ameisenfamilie, eine vergessene Frühstücksdose auf dem Schulhof, einen Himmel wie ein Aquarell –, verschwand ich dahinter und knipste ein Foto. Ich tapezierte mein ganzes Zimmer mit den Bildern und verbrauchte so viele Filme, dass meine Mutter mir schließlich ein wöchentliches Limit setzte. Als wäre ich ein alter Mann, der das Rauchen nicht lassen kann.

»Warum machst du so viele Fotos?«, fragte mein großer Bruder Wally einmal. »Die sind nicht mal gut.«

»Zur Erinnerung«, sagte ich, und er verdrehte die Augen. Aber ich glaube, das beschreibt wirklich am besten, was ich da gemacht habe. Wie sonst soll man all die kleinen Augenblicke vor dem Vergessen bewahren?

Ich weiß nicht, was mit der rosa Polaroid passiert ist, und jetzt habe ich keine Kamera mehr. Nur mein Handy, und damit kann ich alldem hier unmöglich gerecht werden.

Also sammele ich die Erinnerungen in meinem Gedächtnis. Ich präge mir ganz fest ein, wie Theo mich in die Arme nimmt und so doll drückt, wie er es in den vier Jahren, seit ich ihn kenne, noch nie getan hat. Wie meine Mutter fürsorglich Lavons Fliege zurechtrückt, so wie sie es auch bei meinem Bruder getan hat, als er zum ersten Mal mit seinem Freund tanzen gegangen ist. Ich präge mir ein, wie Sam Miles mit auf das Foto von sich und Tessa zieht, genau in die Mitte, als wäre es die normalste Sache der Welt. Und Dads funkelnd weißes Lächeln, so breit, dass man das rosa Zahnfleisch sieht.

Wenn ich doch sicher sein könnte, dass das alles für immer in meinem Gedächtnis bleibt. Wenn ich doch dafür sorgen könnte, dass die gute Zeit nicht hier endet, dass nach diesem Sommer ebenso viel Gutes an der New York University auf mich wartet.

Und wenn ich doch … wenn ich doch Jay bei mir hätte. Endlich gestehe ich es mir ein. Natürlich nur still für mich, denn wozu die überdrehte Hochstimmung in der extra für heute Abend gemieteten Limo mit meinem Drama trüben. Ja, ich ärgere mich darüber, dass er mir nicht zurückschreibt, aber das ändert nichts an dem Flattern in meiner Brust, wenn er nachts am Telefon »Hey, Lady« flüstert, oder an dem Ziehen in meinem Bauch, wenn wir uns im Musikunterricht ins Treppenhaus des dritten Stocks davonstehlen.

Wenn er doch hier wäre und meine Hand hielte und ich meinen Kopf auf seine Schulter legen könnte, wie meine Freunde es in diesem Moment mit ihren Liebsten machen.

Aber das geht natürlich nicht.

Zweites Kapitel

Seit Oktober haben Jay Parikh und ich miteinander zu tun. Und damit meine ich nicht nur, dass wir uns im Treppenhaus der Chrysalis Academy grüßen, der Schule mit künstlerischem Schwerpunkt, auf die wir alle gehen. Ich meine, dass wir uns treffen. Und nicht nur das, wir treffen uns ohne die anderen. Aber ganz locker.

Wir sind ausdrücklich nicht zusammen. Denn wie er mir erklärt hat, nachdem wir auf der Halloween-Party von Brett Kwan das erste Mal geknutscht haben (Jay ging als Walter aus Wo ist Walter?, ich war Eartha Kitt als Catwoman), hat er grundsätzlich keine Beziehung. Nicht, weil er nicht möchte. Sondern wegen seiner Eltern. Sie verlangen, dass er sich auf die Schule konzentriert und sich von Mädchen nicht ablenken lässt, bis er heiraten will oder so. Deshalb die Heimlichkeiten. Deshalb knutschen wir im Mini-Van meiner Mutter auf dem Parkplatz der Bibliothek und stehlen uns auf Partys und Verabredungen mit Freunden davon, anstatt uns richtig zu verabreden. Ich glaube, wir hatten noch nie ein echtes Date. So eins wie im Film, wenn der Schüler, der aussieht wie achtundzwanzig, seine Freundin zu einem richtigen Italiener ausführt statt zu Pizza Hut und ihr die Tür aufhält und den Stuhl zurechtrückt und aus unerfindlichen Gründen einen brandneuen Audi fährt. Aber wer hat im wahren Leben schon solche Dates? Und ja, die Heimlichtuerei nervt schon etwas. Manchmal dauert es Stunden, bis er auf meine Nachrichten antwortet (wenn überhaupt), und einmal musste ich mich eine geschlagene Stunde lang im Wandschrank verstecken, als seine Mutter vor ihrem Termin bei der Fußpflege überraschend für eine Tasse Tee nach Hause kam. Aber ich spiele mit, weil ich Jay will.

Ich wusste vom ersten Moment an, dass ich ihn wollte.

Es war in einem Malkurs für Fortgeschrittene am ersten Donnerstag dieses Schuljahrs. All die Jahre auf der Chrysalis habe ich zwischen den Profilfächern hin und her gewechselt – aber nicht, weil ich nicht bei einer Sache bleiben kann, wie die Beratungslehrerin Ms Ramiro mal angedeutet hat. Nein, ich bin einfach auf so vielen Gebieten richtig krass gut. Aber jetzt, im Abschlussjahr, hat Ms Ramiro gesagt, könne ich nur in meinem aktuellen Profilfach Kurse besuchen, also in Bildender Kunst. Und so bin ich mit meiner Staffelei neben dem tollsten Jungen gelandet, den ich je gesehen habe.

Braune Haut mit lässiger schwarzer Mähne. Aber keine künstlich gestylte Mähne, sondern eine, die einfach richtig cool ist. Low-End-Theory-Shirt, abgerissene schwarze Jeans und retromäßige Chicago Jordans. Er hat echt Stil. Halbes Grinsen und wacher, abschätzender Blick aus dunkelbraunen Augen. Und seine Ausstrahlung. Normalerweise mache ich mir nichts daraus, was andere über mich denken, aber bei Jay wollte ich sofort und unbedingt, dass er mich gut findet. Am liebsten hätte ich einen kleinen Tanz vollführt, um ihm aufzufallen. Mich vor seine Staffelei geworfen und verlangt, dass er mich malt wie eine seiner weißen Naturschönheiten.

Und dann hat er mich angesprochen.

»Hey, Lady.«

Ja, ich weiß, das klingt jetzt furchtbar abgedroschen. Und bei jedem anderen hätte ich wahrscheinlich gelacht und sofort die Flucht ergriffen. Aber aus irgendeinem Grund wirbelten die Worte in meinem Kopf herum, fuhren schmetterlingsflatterige Achten um mein Herz, sausten wie der Blitz in meinen Bauch und zuckten mir bis in die Zehen. Total bescheuert.

Es war der Wahnsinn.

Ich will Jay. Und im Moment kann ich ihn eben nur so haben, zusammen und doch nicht zusammen und alles ganz heimlich. Also spiele ich mit. Habe ich eine Wahl?

Der Abschlussball findet im Aquarium am Pazifik in Long Beach statt, und ich dachte, ich würde mir vorkommen wie beim Klassenausflug in der Fünften, aber da lag ich voll daneben. Die Aquarien, die vom Boden bis zur Decke ragen, tauchen den Hauptraum in romantisches blaues Licht, die Fische werfen sanfte Schatten auf die Tanzenden. Blinkende Lichter hängen von der Decke herab und verleihen allem einen überirdischen Glanz. Einzig der uralte Bruno-Mars-Song, der aus den Boxen dröhnt, stört die Magie, denn der klingt so, als hätten irgendwelche Eltern die Playlist übernommen, aber das wird sich bald ändern.

»O mein Gott!«, stößt Tessa hervor, als wir unter dem lebensgroßen Modell eines riesigen Blauwals hindurchgehen, der im Foyer hängt. Ich kann beinahe hören, wie sich die Worte in ihrem Kopf zusammenfügen, wie es ihr in den Fingern juckt, das alles niederzuschreiben. »Wie kann das so himmlisch sein?«

»Freust du dich?«, fragt Sam. Er umfasst ihre Hüften und legt das Kinn auf ihre Schulter.

»Ja«, sagt sie, ganz lieb und still. »Ich liebe dich.«

»Ich liebe dich auch.« Und dann küssen sie sich, und jetzt muss ich mal langsam weggucken, denn das ist ein intimer Moment, und mein Starren ist voll creepy.

»Wohin wollt ihr als Erstes?«, frage ich und wende mich zu Theo und Lavon. »Meint ihr, das Aquarium mit den Ohrenquallen, die man anfassen kann, ist geöffnet?«

Lavon lacht, aber Theo ist mit seinen Gedanken woanders. Ich folge seinem Blick zu dem Fotoautomaten. Grayson und Poppy, mit denen Tessa in ihrem ersten Jahr abgehangen hat, bevor sie zu Verstand kam, sind ineinander verschlungen, schmeißen sich stilvoll in Pose und machen einen Kussmund. Aber na ja. Sie sind nicht Gigi Hadid.

»Hast du Lust auf ein paar Starfotos?« Ich stoße Theo mit dem Ellbogen an.

»Wär vielleicht ganz witzig, was?« Er zuckt die Schultern und sieht nicht ganz so gelassen aus, wie ich ihn kenne. »Aber na ja, nur als Spaß natürlich.«

Tessa lacht, aus ihrer Sam-Verzückung gerissen. »O ja! Unbedingt! Wir können so posieren!« Sie stellt sich hinter Sam und schlingt die Arme um seinen Bauch. Dann legt sie den Kopf in einem unnatürlichen Winkel schief und setzt ein Zahnpastalächeln auf.

»Super!«, rufe ich, springe hinter sie und mache mit. »Wenn schon kitschig, dann auch richtig!«

Theo stößt ein leises Lachen aus. »Ja, ein bisschen albern ist es schon …«

Lavon rückt näher an ihn heran und legt ihm eine Hand auf den unteren Rücken. »Wenn es dich glücklich macht, ist es nicht albern, Babe.« Jetzt lächelt Theo richtig, und sie geben sich einen süßen kleinen Kuss.

»Okay, auf zum Fotoautomaten1«, rufe ich und springe hinter Tessa und Sam hervor, die sich jetzt auch schon wieder mit Sternchenaugen anschauen. »Aber lasst uns erst einen Tisch suchen, bevor die guten alle weg sind. Ein paar ganz Schnelle haben sich schon die Tische bei den Nemo-und-Dorie-Fischen geschnappt, aber wenn wir uns beeilen, kriegen wir vielleicht noch einen bei den Rochen. Die haben so niedliche kleine Gesichter.«

Was rede ich da überhaupt? Ich habe keine Ahnung, aber ich bahne mir einen Weg durch die Menge, und die beiden glücklichen Pärchen folgen mir.

Die nächste Stunde rauscht an mir vorbei. Die Musik wechselt von der Eltern-Playlist zum großen Bruder, der nur ein kleines bisschen neben der Spur ist, da sind definitiv ein paar Hits dabei. Ich kann sogar Tessa mit auf die Tanzfläche schleifen, und sie tanzt nie. Wirklich nie. Ich zücke wieder meine innere Kamera und versuche diese flüchtigen Augenblicke festzuhalten: wie Tessa und ich zu Beyoncé mitgrölen. Wie Sam mit unerschütterlichem Selbstvertrauen die übelsten Boy-Band-Moves vollführt, sodass alle hingucken. Theos megabreites Grinsen, als er und Lavon synchron tanzen. Als ein paar jaulende, langsame Balladen laufen und meine Freunde sich wie magnetisch angezogen finden und ich außen vor bleibe, das fünfte Rad am Wagen, verschwinde ich einfach aufs Klo. Diese Erinnerung brauche ich nicht festzuhalten.

Die ganze Zeit schaue ich mich um in der Hoffnung, Jay zu entdecken. Nur ganz verstohlen, denn ich habe keine Lust, mir heute Abend von Tessa und Theo Vorhaltungen machen zu lassen.

Er hat immer noch nicht auf meine Nachrichten geantwortet. Hoffentlich haben seine Eltern ihm nicht ganz verboten, zum Ball zu gehen. Das wäre wirklich Mist, aber vielleicht könnte ich noch zu ihm fahren, nachdem die Limo uns zu Hause abgesetzt hat? Oder ich könnte mich sogar jetzt schon wegschleichen und ein Taxi nehmen … Die glücklichen Pärchen würden mich bestimmt nicht wahnsinnig vermissen. Jays Zimmer liegt im Erdgeschoss, und das Fliegengitter lässt sich ziemlich leicht öffnen. Das haben wir schon mal gemacht. Wenn er nur endlich auf meine Nachrichten antworten würde …

»Du hältst nach ihm Ausschau, stimmt’s?«, fragt Tessa, als wir etwas später am Tisch sitzen und eine Verschnaufpause einlegen.

Dann war ich wohl doch nicht so unauffällig, wie ich dachte. Ich antworte nicht, aber meine schuldbewusste Miene verrät mich bestimmt.

»Ich dachte, du wärst mit ihm fertig«, sagt sie so scharf, dass Sam, Theo und Lavon ihr Gespräch über Nasendoktorfische unterbrechen und uns anschauen.

»Ich hab nicht gesagt, dass ich mit ihm fertig bin, nur, dass ich auf Abstand gehe.« Ich merke selbst, wie hohl das klingt. Ich bin nicht auf Abstand zu Jay gegangen, ich habe nur aufgehört, mit meinen Freunden über ihn zu reden. »Hey, er ist nicht so mies, wie ihr denkt. Wenn wir zu zweit sind, ist er echt lieb.«

»Lenore, er hat sich geweigert, dich seinen Eltern vorzustellen«, sagt Theo entschieden.

»Ich hab euch doch gesagt, wie streng die sind. Da kann er ja nichts dafür, er hätte es auch gern anders. Nur noch ein paar Monate, dann zieht er aus, und …«

»Nicht mal als Schulfreundin wollte er dich vorstellen«, fällt Theo mir ins Wort. »Die Entschuldigungen, die du für ihn erfindest, sind an den Haaren herbeigezogen, das weißt du selber, Lenore.«

»Und!«, fügt Tessa hinzu. »Und wieso ist er dann mit Rachel Chan zur Wintergala gekommen, hm? Das sah verdammt nach einem Date aus, und seine Eltern haben die beiden auf jeden Fall gesehen!«

Es ärgert mich, dass sie wieder davon anfängt, obwohl wir schon bis zum Erbrechen darüber geredet haben und sie weiß, wie ich darüber denke.

»Das war kein Date«, wiederhole ich. Mein Körper ist gespannt wie die Leinwand auf einem Rahmen. »Es war rein freundschaftlich.«

Tessa und Theo ziehen gleichzeitig die Augenbrauen hoch. Sam schaut weg.

»Es ist kompliziert. Mit Rachel Chan ist es eben einfacher. Seine Eltern kennen ihre Eltern. Sie mögen sie.«

»Und was könnte man an dir nicht mögen?«, fragt Tessa ruhig. Sie nimmt meine Hände und drückt sie. Sie kennt die Antwort auf diese Frage, und ich sehe, wie ihr Gesichtsausdruck hart wird.

Jay hat es nie ausgesprochen, aber ich weiß, warum er mich seinen Eltern nicht vorstellt, nicht mal als Schulfreundin. Wenn ich die Mädchen anschaue, die er zu sich einlädt – Rachel Chan, Nupur Patel, Aesha Seth –, dann sehe ich den wahren Grund, den hässlichen Grund. Ich weiß, dass sie alle schon zum Lernen bei ihm waren und sogar, um einfach nur abzuhängen. Sie durften sogar zum Abendessen bleiben.

Im Gegensatz zu mir sind diese Mädchen nicht Schwarz.

Aber er kann ja nichts für seine Eltern. Und mit diesen Mädchen hat er nicht das, was wir miteinander haben. Sie sind nur Schulfreundinnen. Ich bin viel mehr für ihn. Das weiß ich.

»Bis er ausgezogen ist, sind wir nur locker zusammen«, sage ich. Damit tröste ich mich, wenn ich in seinen Instagram-Storys sehe, dass er andere Mädchen zu sich nach Hause einlädt, und wenn er mir auf der Wintergala mit Rachel über den Weg läuft, sein Arm auf ihrem Rücken. »Jetzt, wo er sowieso bald auszieht, muss man doch kein großes Drama mehr daraus machen. Ende des Monats wird er achtzehn, und bis dahin nutzen seine Eltern es noch voll aus, dass sie ihm Hausarrest verpassen können.«

»Wenn er dich wirklich gernhätte, würde er um dich kämpfen«, sagt Tessa, als wäre das so einfach.

Ich ziehe meine Hände weg. »So funktioniert das Leben nicht«, sage ich.

»Tja, sollte es aber.«

»Kannst du jetzt mal damit aufhören?« Das kommt schärfer heraus als beabsichtigt, aber ich kann es nicht ändern. Sie tut immer so, als hätte das Leben einen vorgezeichneten Handlungsbogen. Als würde auf jeden von uns ein Happy End warten, aber so ist es nun mal nicht.

Ich wische mit dem Finger unter dem Auge entlang, bevor eine verräterische Träne herausfließen kann. Aber ich war wohl nicht schnell genug, denn Tessa springt auf, schlingt die Arme um mich und zieht mich so fest an sich, dass ich ihre Rosenduft-Stylingcreme in die Nase kriege.

»Entschuldige. Ich halte jetzt die Klappe. Ich … ich hab dich einfach lieb.«

»Ich hab dich auch lieb«, sage ich und lehne meinen Kopf an ihren.

»Wir sollten hier abhauen«, sagt sie aus tiefstem Herzen. »Einfach abhauen und uns bei In-N-Out Burger holen und zum Strand fahren. Ich hab das Gefühl, wir haben den Abschlussball jetzt gesehen, oder was meint ihr?«

»Nach den Fotos«, erinnert Lavon uns, und Theo strahlt.

»Nach den Fotos«, stimmt Tessa zu. »Aber dann gehen wir. Das wird witzig, ein letztes Hurra auf uns fünf.«

Ich durchschaue, was sie da macht. Sie will, dass ich mich zugehörig fühle, indem sie mich hier rausholt, wo so schmerzlich offenbar wird, dass ich das fünfte Rad am Wagen bin, der ewige Sidekick. Aber leider bin ich auch der einzige Grund dafür, dass wir überhaupt ein letztes Hurra brauchen. Sie alle bleiben nach dem Sommer hier. Theo und Lavon gehen ans California Institute of the Arts, Tessa an die UCI, und Sam geht auf eine angesehene Schule für Gastronomie in L. A. und macht parallel dazu ein Praktikum bei Food Networks. Nur ich werde fehlen, wenn es zu später Stunde Riesenburger gibt und eine Runde Milchshakes mit allem von der Geheimkarte. Alle bleiben hier, nur ich bin dann Millionen Meilen weit weg an der NYU.

Wieder wische ich mir mit den Fingern unter den Augen entlang, entschlossener diesmal. Ich muss mich zusammenreißen. Ich kann mich nicht so hängen lassen, sonst verderbe ich den anderen diesen letzten Abend.

»Und dafür haben wir uns so aufgebrezelt? Das wär ja Verschwendung!« Ich zeige die coole Lenore-Fassade, die alle von mir erwarten. »Quatsch, Sis, wir bleiben hier, bis sie uns rausschmeißen. Außerdem passt die Limo doch gar nicht in den Drive-in!«

»In-N-Out ist nie Verschwendung«, sagt Tessa und drückt mich. »Aber ich mache alles mit, was du willst … oh.«

Ich sehe Jay in ihren Gesichtern, bevor ich ihn selbst sehe. Ganz still und mit großen Augen sitzen sie da, erst peinlich berührt, dann stocksauer.

Schließlich stößt Lavon ein lautes, lang gezogenes »Fuuuuuck« aus.

Ich folge ihren Blicken und sehe Jay vor einem Aquarium mit schwebenden, leuchtenden Quallen.

Als Erstes bemerke ich, wie gut er aussieht. Marinefarbener Smoking mit schwarz glänzendem Revers, darunter ein schwarzer Rollkragenpulli mit Streifen an den Seiten, dazu blendend weiße Sneaker. Die Haare hat er weltmännisch zurückgegelt, und er strahlt dieses unglaubliche Selbstvertrauen aus, das ich so an ihm liebe. Wie gesagt, er hat einfach Stil.

Aber als Zweites bemerke ich Rachel Chan. Nah an seiner Seite. Richtig nah, näher als alle Schulfreundinnen, mit denen ich ihn bisher gesehen habe. Und dann lehnt sie sich an ihn. Seine Hand, die, wie mir jetzt auffällt, an ihrer Taille lag, gleitet hinab zu ihrem Hintern, und dann schlingt sie ihm die Arme um den Hals, und ihre Lippen scheinen von seinen magnetisch angezogen zu werden. Das sieht nicht nach einem ersten Kuss aus. Das sieht aus, als hätten sie es schon öfter gemacht. Sie haben Übung.

»Lenore, warte«, sagt Tessa, denn natürlich stehe ich auf. Natürlich gehe ich zu den beiden hin, die so vertraut miteinander sind, dass sie sich in aller Öffentlichkeit küssen.

Als ich bei ihnen bin, sage ich kein Wort. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Das übernimmt Tessa, die direkt hinter mir steht.

»Was. Soll. Der. Scheiß. Was soll der Scheiß?!« So laut habe ich sie noch nie gehört. Jay und Rachel springen auseinander.

Ich erwarte, dass er sich entschuldigt und alles erklärt. Es muss ja eine Erklärung geben, oder? Nicht, dass ich sie einfach akzeptieren würde, aber ich würde sie mir anhören. Ich überlege schon, was er alles tun muss, um das wiedergutzumachen. Das wird auf jeden Fall ein langer Weg, aber vielleicht können wir es schaffen?

Doch es kommt keine Entschuldigung. Keine Erklärung. Er wirkt noch nicht mal beschämt. Ich kann seine Miene überhaupt nicht deuten. Aber Rachels Miene kann ich deuten. Das ist nicht schwer. Rachel ist stinksauer.

»Äh, hi?«, sagt sie. »Ist irgendwas?«

»Jay?« Wie klein und schwach das herauskommt. Schrecklich.

»Hey, Tessa.« Er nickt ihr zu. »Hey, Lenore.«

Lenore. Er nennt mich nie Lenore. Hey, Lady. Seit dem ersten Tag in dem Malkurs für Fortgeschrittene ist das unser Ding. So hat er mich genannt, wenn wir auf dem Parkplatz der Bibliothek geknutscht haben oder im dritten Stock des Treppenhauses. Und in jener Nacht, als ich ihn in mein Zimmer geschmuggelt habe und um kurz vor fünf Uhr am Morgen wieder hinaus, obwohl mein Vater uns ermordet hätte, wenn er es mitbekommen hätte. Niemals nur Lenore.

Was ist hier los? Ist er … mit Rachel hier? Betrügt er mich mit Rachel?

»Ich, äh …« Ich kann keinen klaren Gedanken fassen und merke, dass mein Mund offen steht, während mein Gehirn versucht, das, was ich sehe, zu verarbeiten und alles zu einer logischen Erklärung zusammenzufügen.

Langsam schaut Rachel zwischen uns hin und her, dann wendet sie sich zu Jay. »Was geht hier ab, Babe?«

Und in dem Moment wird mir alles klar. Jay betrügt mich nicht mit Rachel. Er betrügt Rachel mit mir.

»Jay!«, sage ich wieder, jetzt schon lauter. »Wovon redet sie?«

Er windet sich, die Situation ist ihm peinlich. Und zu meinem Entsetzen merke ich, dass ich ihm peinlich bin. Als wäre ich hier diejenige, die sich danebenbenimmt. Er streckt eine Hand aus, als wollte er mich auf Abstand halten. »Lenore, das ist … Du weißt doch, dass ich mit Rachel zusammen bin. Wir wollen doch nicht, dass das hier komisch wird.«

»Komisch? Komisch?« Ich werde auf ein einziges Wort reduziert. »KOMISCH?«

Inhalt

Cover

Elise Bryant – Zwölf Tage und immer

Wohin soll es gehen?

Widmung

Liebe Leserinnen und Leser,

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebtes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Elftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Fünfzehntes Kapitel

Sechzehntes Kapitel

Siebzehntes Kapitel

Achtzehntes Kapitel

Neunzehntes Kapitel

Zwanzigstes Kapitel

Einundzwanzigstes Kapitel

Elise Bryant

Sylke Hachmeister

Impressum